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Es gibt Streit um die Homöopathie. Das ist schon lange so, hat aber in den letzten Jahren stark zugenommen. Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung führt insbesondere das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) seit 2016 einen Feldzug gegen die „sich hartnäckig haltende Glaubenslehre, die weder als Naturheilkunde noch als Medizin anzusehen“ sei. /// Patienten und Patientinnen berichten jedoch von positiven Erfahrungen, Studien zeigen die Wirksamkeit. Es geht also noch um mehr. Die Homöopathie, begründet 1797 von Samuel Hahnemann, arbeitet zur Gewinnung von Arzneimitteln mit der Verdünnung von Lösungen meist pflanzlicher Substanzen. Spätestens bei Potenzen ab D 24 ist statistisch kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden. Das irritiert und stört den auf kausale und materielle Wirksamkeit reduzierten Wissenschaftsbegriff. Eine Anerkennung der Homöopathie würde bedeuten, auch diesen Wissenschaftsbegriff zu erweitern. Ähnliches gilt für die Anthroposophische Medizin. /// Betroffen von dem Kampf gegen die Homöopathie sind vor allem Patientinnen und Patienten, die sich selbst ein Urteil bilden wollen. An sie richtet sich dieser Band in erster Linie. Wir möchten aufklären, was Homöopathie ist, wie die Studienlage aussieht und wie die Wirksamkeit erklärt werden könnte. Wir reflektieren den reduktionistischen Wissenschaftsbegriff und die Hintergründe derjenigen, die gegen Homöopathie vorgehen. Denn es gibt gute Gründe für Homöopathie. /// Mit Beiträgen von Jens Heisterkamp, Renée Herrnkind, Michael Keusgen, Harald Matthes, Frank Meyer, Ronald Richter, Stefan Schmidt-Troschke, Georg Soldner, Harald Walach und Anna-Katharina Dehmelt.
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Seitenzahl: 90
Veröffentlichungsjahr: 2024
Gute Gründe für Homöopathie Anna-Katharina Dehmelt (Hg.)
ISBN E-Book 978-3-95779-212-9ISBN gedruckte Version 978-3-95779-211-2Diesem E-Book liegt die erste Auflage 2024 der gedruckten Ausgabe zugrunde.E-Book-Erstellung: CPI books GmbH, Leck
Erste Auflage 2024
© Info3 Verlagsgesellschaft Brüll & Heisterkamp KG Frankfurt am Main, 2024
Lektorat: Jens Heisterkamp, Frankfurt am Main Korrektorat: Katharina de Roos, Bonn Satz: Ulrich Schmid, de∙te∙pe, Aalen
Es gibt Streit um die Homöopathie. Das ist schon lange so, hat aber in den letzten Jahren stark zugenommen. Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung führt insbesondere das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) seit 2016 einen Feldzug gegen die „sich hartnäckig haltende Glaubenslehre, die weder als Naturheilkunde noch als Medizin anzusehen" sei.
Patienten und Patientinnen berichten jedoch von positiven Erfahrungen, Studien zeigen die Wirksamkeit. Es geht also noch um mehr. Die Homöopathie, begründet 1797 von Samuel Hahnemann, arbeitet zur Gewinnung von Arzneimitteln mit der Verdünnung von Lösungen meist pflanzlicher Substanzen. Spätestens bei Potenzen ab D 24 ist statistisch kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden. Das irritiert und stört den auf kausale und materielle Wirksamkeit reduzierten Wissenschaftsbegriff. Eine Anerkennung der Homöopathie würde bedeuten, auch diesen Wissenschaftsbegriff zu erweitern. Ähnliches gilt für die Anthroposophische Medizin.
Betroffen von dem Kampf gegen die Homöopathie sind vor allem Patientinnen und Patienten, die sich selbst ein Urteil bilden wollen. An sie richtet sich dieser Band in erster Linie. Wir möchten aufklären, was Homöopathie ist, wie die Studienlage aussieht und wie die Wirksamkeit erklärt werden könnte. Wir reflektieren den reduktionistischen Wissenschaftsbegriff und die Hintergründe derjenigen, die gegen Homöopathie vorgehen. Denn es gibt gute Gründe für Homöopathie.
„Anders als in Deutschland sind andere Kulturkreise sogar stolz darauf, eine eigene traditionelle Medizin zu haben. Homöopathie ist ganz klar eine deutsche und französische Tradition. Ich halte es für eine Errungenschaft dass wir einen therapeutischen Pluralismus festgeschrieben haben, und auch für ein Kulturgut."
Michael Keusgen
Foto Sebastian Knust
Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, ist Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten und seit Mai 2021 Redakteurin bei info3.
Anna-Katharina Dehmelt Warum dieses Buch?
TEIL IHomöopathie in der Praxis
Georg Soldner Homöopathie am WerkErfahrungen eines Kinderarztes
Frank MeyerDas Beste aus zwei WeltenHomöopathie und Anthroposophische Medizin
Jens HeisterkampRegistrierung und Zulassung von HomöopathikaEin Besuch bei Professor Michael Keusgen
TEIL IIDer Streit um Studien und Wirksamkeit
Harald Walach Keine Studien? Von wegen!Zur Studienlage in der Homöopathie und der konventionellen Medizin
Renée HerrnkindTiere kennen keinen Placebo-EffektErfahrungen mit der Tier-Homöopathie
Ronald Richter †„Der Mensch ist kein mechanischer Apparat!“Im Gespräch mit Harald Matthes
Anna-Katharina DehmeltUnd wie wirkt Homöopathie eigentlich?Ein Streifzug durch Experimente und Theorien
TEIL IIIStörfaktor für Wissenschaft und Gesundheitssystem
Jens Heisterkamp Wissenschaft! Welche Wissenschaft?!Differenzierung statt Kampfbegriffe
Anna-Katharina Dehmelt Was will die Skeptiker-Bewegung?Im Gespräch mit Harald Walach
Stefan Schmidt-TroschkeAktive Partnerschaft statt FremdbestimmungZur Demokratie im Gesundheitswesen
Die Autorinnen und Autoren
Es gibt Streit um die Homöopathie. Das ist schon lange so, hat aber in den letzten Jahren stark zugenommen. Unter dem Deckmäntelchen der Aufklärung führt das Informationsnetzwerk Homöopathie (INH) seit 2016 einen Feldzug gegen die „sich hartnäckig haltende Glaubenslehre, die weder als Naturheilkunde noch als Medizin anzusehen“ sei. Die „Akteure des wissenschaftlich begründeten Gesundheitswesens“ werden vom INH aufgefordert, „sich endlich von der Homöopathie und anderen pseudomedizinischen Verfahren abzuwenden“.
Die Homöopathie, begründet 1797 von Samuel Hahnemann, arbeitet zur Gewinnung von Arzneimitteln mit der Verdünnung von Lösungen meist pflanzlicher Substanzen. Sie werden im Verhältnis 1:10 (D-Potenzen) oder 1:100 (C-Potenzen) in einem flüssigen Medium verschüttelt, und zwar mehrfach hintereinander – bei D10 wurde also zehn Mal im Verhältnis 1:10 verdünnt. Spätestens bei Potenzen ab D24 ist statistisch kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr vorhanden. Das gibt dem INH, einem Ableger der deutschen Skeptiker-Gruppierung Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP), die Grundlage, gegen die Homöopathie vorzugehen, denn ohne nachweisbaren Wirkstoff könne es keine Wirkung geben. Wirksamkeit kann nur durch eine materielle Kausalbeziehung entstehen, so das Paradigma eines reduktionistischen Weltbildes.
Für dieses Weltbild ist die Homöopathie ein echter Störfaktor. Studien und zahlreiche individuelle Erfahrungen berichten von Wirksamkeit, wo doch eigentlich keine sein kann. Insofern irritiert die Homöopathie die Vertreter eines reduktionistischen Weltbildes, was bisher kaum zu Dialog, aber umso heftiger zum Kampf geführt hat. Das INH meinte diesen schon gewonnen zu haben, als Gesundheitsminister Karl Lauterbach im Januar 2024 die freiwillige Erstattung homöopathischer Arzneimittel als Satzungsleistung der Krankenkassen untersagen wollte. Dass der entsprechende Passus aus dem Gesetzentwurf einige Monate später wieder gestrichen wurde, muss ein herber Schlag für die Skeptiker-Aktivisten gewesen sein.
Das Gesundheitssystem ist also das zweite Gebiet, in dem Homöopathie als Störfaktor wirkt. Dahinter steht das Problem, von welcher Wissenschaft Politik sich leiten lassen sollte und welche Bedeutung der Patientenwille eigentlich hat. Die Bürger-Initiative Weil’s hilft hat eine Petition für die Erhaltung der Erstattung von Homöopathie aufgesetzt und es mit 200 000 Unterschriften zu einer Anhörung vor dem Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gebracht. Hier konnte einmal offen und dialogorientiert über Homöopathie gesprochen werden – es lohnt sich, diese Sternstunde auf der Website des Bundestages nachzuhören. Jedoch ist gerade wegen der Größe der mit der Homöopathie verbundenen Fragen mit der Fortführung des Kampfes gegen sie zu rechnen – dass das Thema uns weiterhin begleiten wird, ist das Hauptmotiv für dieses Buch.
Oft im gleichen Atemzug genannt mit der Homöopathie - und ebenso bekämpft – wird die Anthroposophische Medizin. Zwischen den beiden Medizinrichtungen gibt es insofern eine Schnittmenge, als auch in der Anthroposophischen Medizin potenzierte Arzneimittel verwendet werden. Darüber hinaus dürfte die Anthroposophie mit ihren ausgearbeiteten Begriffen von geistiger und seelischer Wirksamkeit und dem Zusammenhang zwischen Geist, Seele und Leib prädestiniert sein, an der bis heute nicht abschließend beantworteten Frage, wie und warum Homöopathie wirkt, mitzuarbeiten. Dies kommt in dem vorliegenden Buch immer wieder zum Tragen.
Betroffen von dem Kampf gegen die Homöopathie sind vor allem Patientinnen und Patienten, die sich selber ein Urteil bilden wollen. An sie richtet sich dieser Band in erster Linie. Wir möchten aufklären, was Homöopathie ist, wie die Studienlage aussieht und wie die Wirksamkeit erklärt werden könnte – auch wenn man hier die Grenzen eines reduktionistischen Wissenschaftsbegriffes überschreitet. Wir reflektieren diesen Wissenschaftsbegriff und die Hintergründe derjenigen, die gegen Homöopathie und Anthroposophische Medizin vorgehen. Damit möchten wir Sie, liebe Leser und Leserinnen, ausstatten mit Hintergrundwissen und guten Gründen für die Homöopathie und Sie auf dem Weg zu den Problemen angemessenen Sichtweisen begleiten und womöglich unterstützen.
Die Texte stammen aus der Zeitschrift Info3, sie sind dort im Dezember 2019, im November 2022 und im April 2024 erschienen und wurden für dieses Buch geringfügig bearbeitet; der Beitrag von Stefan Schmidt-Troschke ist speziell für diesen Band entstanden. Wir danken den Autoren für Ihre Mitarbeit und wünschen den Lesern und Leserinnen eine interessante, auftlärende Lektüre.
Anna-Katharina Dehmelt, im Sommer 2024
Welche Erfahrungen macht ein Arzt mit potenzierten Arzneimitteln? Unser Autor ist anthroposophischer Kinder- und Jugendarzt und gibt einen Einblick in seinen Umgang mit und sein Verständnis von homöopathischen Medikamenten.
Von Georg Soldner
Die kleine Maria weint auf dem Arm ihrer Mutter. Als Kinder- und Jugendarzt entdecke ich bei dem zweijährigen, verschnupften Mädchen mit dem Ohrenspiegel ein gerötetes, vorgewölbtes Trommelfell – Mittelohrentzündung! Wer das selbst einmal gehabt hat, weiß, wie weh das tun kann. Fiebersaft? Antibiotikum? Nein, diese Arzneimittel können Nebenwirkungen für Mensch und Umwelt haben und sollten für diejenigen Fälle aufgespart werden, wo sie wirklich gebraucht werden und nichts anderes hilft. Wir machen zunächst einen Zwiebelwickel. Der Zwiebelgeruch hat direkt mit der Wirkung zu tun, die von dem Schwefelwasserstoff in der Zwiebel ausgeht, einer Substanz, die hier dämpfend auf Entzündung und Schmerz wirkt. Und ich verordne Globuli der anthroposophischen Medizin. Sie enthalten gemeinsam potenzierte Substanzen aus der ganzen Biene und Liebstöckelwurzel. Diese werden anfangs alle 15 Minuten gegeben und haben sich in der Praxis als sehr zuverlässig abschwellend und schmerzstillend erwiesen.
Potenzierte Arzneimittel? Da ist doch „nichts drin“? Nun, zunächst handelt es sich hier keineswegs um Hochpotenzen, sondern in diesem Fall wurden Bienensubstanz und der Liebstöckelextrakt drei- beziehungsweise viermal im Verhältnis 1:10 potenziert. Das bedeutet einen gezielt durchgeführten, intensiven Verschüttelungsprozess von Ausgangssubstanz und Lösungsmittel. Daraus ergibt sich dann die Potenz: einmal im Verhältnis 1:10 potenziert heißt D1, zweimal D2, zehnmal D10. Wird im Verhältnis 1:100 potenziert, steht vor der Zahl ein C. Die meisten anthroposophischen und homöopathischen Arzneimittel auf dem deutschen Arzneimittelmarkt entsprechen solchen niedrigen Potenzierungen, die durchaus noch messbare Spuren der Ausgangssubstanz enthalten, bei denen es aber dennoch auf diesen intensiven Verschüttelungsprozess ankommt, damit das Arzneimittel wirksam ist.
Der kleinen Maria geht es schon nach Stunden viel besser, sie hat keine Schmerzen mehr, die Entzündung klingt ab. 95 Prozent aller Kinder mit Mittelohrentzündung in meiner Praxis kommen ohne Schmerzmittel und Antibiotika aus, weil ich sie mit äußeren Anwendungen und potenzierten Arzneimitteln behandle, und so geht es auch ähnlich behandelnden Kollegen. Fakten, die unser derzeitiger Gesundheitsminister Karl Lauterbach, der zwar Medizin studiert hat, aber keine therapeutische Praxiserfahrung aufweisen kann, nicht zur Kenntnis nimmt. Dabei zeigten schon vor 20 Jahren mehrere Studien, dass bei Kindern mit akuten Entzündungskrankheiten wie Mittelohr- oder Mandelentzündung ein Großteil der üblicherweise verordneten Schmerzmittel und Antibiotika vermieden werden können, wenn die behandelnden Ärzte Homöopathika und anthroposophische Arzneimittel einsetzen.1
Der dreijährige Josef atmet schneller als sonst. Er hustet, hat Fieber, mag nichts essen, und mit meinem Stethoskop entdecke ich rasch, dass er auf der linken Brustseite eine Lungenentzündung entwickelt. Auch die Sauerstoffsättigung des Blutes ist etwas reduziert. Aus den Gesamtumständen ergibt sich zunächst, dass – wie bei zwei Drittel der Betroffenen seines Alters – ein Virus wahrscheinlich die Ursache der Lungenentzündung ist. Eine solche Lungenentzündung kann sich rasch verschlechtern, so dass man dem Kind Sauerstoff zuführen muss – die Frage nach Fiebersenkung und Antibiotika steht im Raum, obwohl das Fieber des Kindes die wirksamste Abwehr gegen das Virus darstellt. Ich greife zu einem potenzierten Arzneimittel der anthroposophischen Medizin, das es auch als Ampulle gibt, und spritze die Ampulle mit einer hauchdünnen Nadel unter die Haut. Schon nach zwei Stunden tritt eine deutliche Besserung ein. Jetzt wird ein Ingwer-Brustwickel angelegt, Globuli aus potenziertem Eisenhut und potenzierter Zaunrübe unterstützen die Abwehrreaktionen des kindlichen Organismus. Ein Vorgehen, wie es sich für die Behandlung der kindlichen Lungenentzündung bei vielen Kolleginnen und Kollegen bewährt hat. Nach wenigen Tagen ist Josef wieder ganz gesund. Eine Studie der Filderklinik Stuttgart konnte zeigen, dass mit potenzierten Arzneimitteln und Brustwickeln mit Ingwer oder Senfmehl bei einem erheblichen Teil von Kindern mit Lungenentzündung Antibiotika erfolgreich vermieden werden konnten.2
