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Ein radikaler Liebesroman der GenY für Leser:innen jeden Alters Die letzten Wochen des Jahres: Jennifer ist erfolgreiche Juristin und will sich selbst verwirklichen. Jan ist engagierter Gymnasiallehrer und träumt von der Weltrettung. Ihre Beziehung gerät in die Krise. Als Jan vor Weihnachten zu seiner kranken Großmutter fährt, zieht Jennifer heimlich aus. Sie erfindet sich neu, während er die sinnstiftende Kraft der Nächstenliebe findet. Seitdem herrscht Funkstille. Werden sie sich weiterentwickeln und wiederfinden? Warum sprechen sie nicht miteinander? Ist das schon Ghosting oder ganz richtig? »Frédéric Schwilden behandelt große Dramen mit leichter Hand und einem meist liebevollen Witz. Am Ende zeigt uns die Geschichte, was das Leben wirklich lebenswert machen kann. Nämlich allein die Bereitschaft, sich mit anderen zu verbinden.« Juli Zeh »Schwilden hat einen klugen, einen amüsanten, soziologischen Blick.« Denis Scheck, SWR lesenswert
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Veröffentlichungsjahr: 2025
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((immer))
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Cover & Impressum
Isabelle
Podcast-Gespräch
Dagmar
Slack-Channel: »The Brogrammers + Tobby« (privat)
Annika
Livestream
Dagmar
Slack-Channel
Annika
Twitter, X
Isabelle
Talkshow
Dagmar
Talkshow
Isabelle
Annika
Twitter, X
Dagmar
Twitter, X
Isabelle
Annika
Twitter, X
Dagmar
Annika
Isabelle
Annika
Mitteilung auf der Webseite des Bürgeramtes in Weimar
Dagmar
Radio
Annika
Livestream
Dagmar
E-Mail-Posteingang
Annika
Isabelle
Dagmar
Chat in der Schul-App
Isabelle
Syndicate Benachrichtigung
Annika
Isabelle
Annika
Talkshow
Isabelle
Zettel im Hausflur
Annika
Dagmar
Livestream
Isabelle
Livestream
Dagmar
Livestream
Annika
Schul-App
Isabelle
Podcast
Annika
Dagmar
Isabelle
Annika
Dagmar
Isabelle
Isabelle
Dagmar
Google Suchverlauf
Isabelle
Annika
Isabelle
Talkshow
Dagmar
Isabelle
Dagmar
Benachrichtigungen zum Bearbeitungsverlaufs eines Word-Dokuments
Benachrichtigungen zum Bearbeitungsverlauf eines Word-Dokuments
Isabelle
Talkshow
Gamonica interne E-Mail
Annika
Podcast
Dagmar
Beiträge im Klassenchat in der Schul-App
Annika
Podcast
Isabelle
Talkshow
Podcast
Website Post
Twitter, X
Dank
Inhaltsübersicht
Cover
Textanfang
Impressum
Als sie über den Lehrerparkplatz läuft, kommt sich Isabelle wie eine schwänzende Schülerin vor. Normalerweise hat sie mit ihrer halben Stelle vormittags keine Freistunden und verlässt deswegen eigentlich nie vor der zweiten Pause das Schulgelände. Ihr Blick huscht zum Haupteingang. Die Luft ist rein. Und eine Mutter mit Schlaganfall ist ja wohl auch eine gute Entschuldigung. Es ist schon jetzt zu heiß. Für den Nachmittag sind über dreißig Grad angekündigt. Im Mai.
Sie läuft nicht, wie die Schülerinnen und Schüler, an der Hauswand entlang über den ausgetretenen Pfad durchs Blumenbeet, sondern folgt dem Weg bis zum Ende, dann Richtung Parkplatz. Neben den vollen Fahrradständern steht das E-Motorrad ihres Kollegen Andreas, Sport und Mathe. Den Besitzer kennt die ganze Schule, weil er es nach dem Kauf der ganzen Schule vorgeführt hat. Der Parkplatz dagegen ist fast leer. Bei dem Wetter sind die meisten mit dem Rad gekommen.
Als Lehrer kann man auf drei Arten einen schlechten Job machen. In den Augen der Lernenden, denen der Eltern und vor dem Kollegium. Soweit sie weiß, hat Isabelle bei den Schülerinnen und Schülern keinen Spitznamen. Sie ist »die Seeberger«, und das ist ein gutes Zeichen. Mit Eltern hat sie nicht mehr zu schaffen als andere auch. Es sind immer die Kolleginnen, die Selbstzweifel in ihr auslösen. Sie wirft ihren Rucksack auf den Beifahrersitz und knallt die Tür zu, um ihre Gedanken zu verscheuchen. Sie lässt den Motor an und konzentriert sich darauf, nicht linksherum nach Hause, sondern rechtsherum Richtung Vorstadt zu fahren.
Ausgerechnet Karin Mossbacher hat sie an diesem Morgen beim Zeitunglesen ertappt. Isabelle hatte der 8 b zwanzig Minuten Zeit für Stillarbeit gegeben. Um Diskussionen zu vermeiden, ließ sie dabei immer eine Stoppuhr laufen. Anfangs nutzte sie dazu ihr Telefon, aber nach einer Auseinandersetzung mit einer rechtschaffenen Vierzehnjährigen hat sie einsehen müssen, dass ein handyfreies Klassenzimmer auch von ihrem eigenen Handy frei sein muss.
Erst als alle Schülerinnen über ihren Antworten brüteten, erlaubte sie sich, die Zeitung aufzuschlagen. Sie gibt sich immer Mühe, mit Papierausgaben gesehen zu werden, und zwar sowohl mit Mitte-links- als auch Mitte-rechts-Blättern. Einen Roman, noch dazu von einer deutschsprachigen Autorin, hat sie zugegebenermaßen seit Jahren nicht zu Ende gelesen. Aber das beschäftigt sie nicht. Als Deutschlehrerin in Weimar muss sie sowieso Goethe und Schiller bis zum Erbrechen durchexerzieren. Am Goethe-Gymnasium mehr Schiller, man will schließlich unparteiisch wirken. Dem Hörensagen nach ist es am Schiller-Gymnasium genau umgekehrt.
Als es an der Tür des Klassenzimmers klopfte, las sie gerade eine Rezension über einen Erzählband zur Nachwendezeit. Aus dem Beitrag war nicht sofort ersichtlich, ob die Rezensentin selbst aus dem Osten oder aus dem Westen stammte. Dann eindeutig Wessi, hörte Isabelle die Stimme ihrer Mutter.
Sie sah auf und blickte in Karin Mossbachers strenges Gesicht. Der Countdown der Stoppuhr zeigte 12:03 Minuten. Karin hatte nicht auf ein Herein gewartet, sondern war mit energischen Sportlehrerinnenschritten direkt vor die Klasse getreten und sprach zu den Schülerinnen und Schülern, nicht zu Isabelle: »Entschuldigt die Störung, Frau Seeberger muss sich um eine wichtige Angelegenheit kümmern. Ich werde den Rest der Stunde übernehmen.«
Mit wenigen Worten hatte sie Isabelle zu einem weiteren Mitglied der 8 b gemacht, Isabelle packte also ihren Rucksack und folgte Karin vor die Tür. Auf dem Flur überreichte Karin Mossbacher ihr ein Post-it:
Verdacht auf Schlaganfall
Klinikum
3. Etage
»Sie haben noch sieben Minuten. Charlotte soll vortragen. Weißhaupt, nicht Müller-Dietrich«, sagte Isabelle, aber Karin hatte ihren Auftritt gar nicht als Übergabe zwischen Kolleginnen begriffen, stattdessen legte sie mit traurigem Lächeln den Kopf zur Seite und berührte Isabelle am Arm. Isabelle war sich sicher, dass sie diese Geste im Sportunterricht auch für ihre menstruierenden Schülerinnen nutzte.
»Geh«, sagte Karin und schlüpfte ins Klassenzimmer. Von drinnen hörte Isabelle: »So! Zeit ist um. Wer möchte vorlesen?«
Auf der Uhr in ihrer Hand standen noch sechs Minuten und fünf Sekunden.
*
Auf dem Klinikparkplatz angekommen, ruft sie Alexander an, er müsste gerade Pause haben. Sein Notfalltelefon, das er zur Einschulung bekommen hat, ist wie immer aus. Handyfreies Klassenzimmer, denkt Isabelle.
Sie schickt ihm eine Sprachnachricht, lässt ihn wissen, dass er heute Nachmittag mit zu Matteo gehen wird. Dessen Mama wisse bereits Bescheid.
Was genau genommen noch nicht stimmt, aber gleich stimmen wird.
Matteos Mutter, Mareike, ist nicht berufstätig und hilft erfahrungsgemäß immer gerne aus. Und Isabelle fühlt sich nahezu immer schlecht deswegen.
Zum Abschied rutscht ihr ein »Mäuschen« heraus, obwohl er längst kein Baby mehr ist. Mehr noch als die Angst davor, was sie im Krankenhaus erwarten wird, schmerzt sie der Gedanke, dass auch ihr Sohn in den nächsten Tagen eine wichtige Erfahrung des Erwachsenwerdens machen wird. Sie steigt aus dem Wagen und geht Richtung Eingang.
»Name der Patientin?«
»Seeberger.«
»Und Ihr Name?«
»Auch.«
»Sind Sie die Tochter?«
»Ja. Eine von zweien.«
»Es gibt Neues aus der Welt der Tech-Milliardäre. Und heute ist Markus zu Gast, er verfolgt das ganze Projekt nun schon seit einiger Zeit. – Hallo, Markus, schön, dass du da bist. Erzähl uns und unseren Hörer*innen doch mal: Syndicate, was ist das? Eine neue App? Ein Bauprojekt? Eine Sekte?«
»Ja, hallo. Es ist alles und nichts. Bisher ist Syndicate – oder The Syndicate – nur die Vision eines Mannes namens Zobeir Zeenavand – für Freunde und Follower auch einfach Double Z. Der Gute ist von Haus aus Tech-Milliardär. Natürlich aus den USA, und er plant – ich will mal sagen – sein eigenes Utopia. Konkreter wird er bislang nicht. Aber Beobachter vermuten so was wie eine Privatstadt. Und zwar nicht nur im Sinne einer Smart-City, so mit Solaranlagen und selbst fahrenden Autos, sondern es soll wohl auch um neue Arten der Organisation und Verwaltung gehen.«
»Was genau ist da geplant?«
»Genau noch gar nichts. Aber was den Reiz für seine Anhänger bisher ausmacht, ist: Er hat viele gute Ideen. Dazu hat er seine eigene Mediathek online gestellt. ›Library of Ideas‹ nennt er die. Darauf interviewt er Experten und Aktivisten.«
»Und um was für Themen geht es da?«
»Hauptsächlich zeigt er gesellschaftliche Missstände auf – fast wie ihr hier im Podcast –, aber er liefert – über seine Gäste – auch gleich Ideen für Verbesserungen.«
»Was kritisiert Double Z denn?«
»Alles. Sogar sich selbst. Das könnte den Klimaaktivisten gefallen, was er da anprangert. Aber er sagt auch viel zum Thema globale Ungerechtigkeit. Oder etwa zu der unzulänglichen Repräsentanz der Bevölkerung durch die Politiker.«
»Und warum erregt dieses Projekt jetzt so großes Aufsehen?«
»Es gibt Gerüchte, ein Leak aus engen Kreisen, wie es neudeutsch so schön heißt, dass er derzeit auf Standortsuche für dieses Utopia ist.«
»Wo will er denn hin? Auf eine Insel? Zum Mars?«
»Das weiß man eben noch nicht, aber es wird viel spekuliert.«
»Darf ich noch kurz nachhaken, Stichwort Neuorganisation und Repräsentanz, wie dürfen wir uns das vorstellen? Will er, Double Z, dort gewissermaßen selbst regieren?«
»Lustigerweise ist Double Z unter anderem als Entwickler von Onlinespielen reich geworden. In einem dieser Spiele kann man als Königin oder König über sein eigenes Völkchen herrschen. Böse Stimmen sagen, er habe das selber etwas zu viel gespielt und es sei ihm zu Kopf gestiegen.
»Aber inwiefern er selbst sich aktiv beteiligen will, ist bislang noch unklar?«
»Offiziell gibt es dazu von ihm keine Aussage, genau.«
»Danke dir, Markus, für das Update.«
»Gerne.«
Eine knappe Stunde nachdem sie vom Schlaganfall ihrer Schwester erfahren hat, geht Dagmar einkaufen. Sie erledigt ihren Wocheneinkauf immer dienstagmorgens und sieht keinen Grund, ihn heute zu verschieben. Routinen helfen ihr durch den Tag. Durch die Woche. Und dann durch die nächste. Dagmar weiß, man sagt heute nicht mehr Neurose, sondern Neurodiversität. Sie weiß auch: Das Pflegen dieser Neurosen ermöglicht ihr seit siebenundfünfzig Jahren ein stabiles Leben. Sie löst einen Einkaufswagen und schiebt ihn zum Obst und Gemüse, vergleicht zwei Kilo Äpfel mit Apfelsinen und legt das günstigere Netz in den Wagen.
Als am Vormittag der Name ihrer Nichte auf dem Display aufleuchtete, war sie über den unangekündigten Anruf erschrocken. Nachdem Isabelle gesprochen hatte, entstand eine lange Pause. Keine von ihnen konnte sich ins Mitgefühl für die andere flüchten, als Schwester und Tochter standen sie Gabi gleich nah. Isabelle füllte die Stille in der Leitung schließlich mit Details zu ihrem Treffen im Krankenhaus. Sie klang, als würden sie sich zum Brunchen verabreden.
Unwillkürlich sah Dagmar ihre Schwester vor sich. Auf einer Trage im Rettungswagen. Obwohl sie in ihrem Leben unzählige US-Arztserien angesehen hatte, lief Gabi kein Blut aus Ohren oder Nase. Nur ihre Augen waren geschlossen, als schliefe sie gerade mit ihrem Enkel im Arm auf dem Sofa ein. Ob Alexander sich später einmal an seine Oma erinnern würde?
»Du willst sie sicher auch noch mal sehen«, sagte Isabelle.
Wozu, dachte Dagmar, und nach einer kurzen Pause antwortete sie: »Ja, natürlich.«
Das Verhältnis zu ihrer Schwester war seit jeher weder gut noch schlecht. Seit wann eigentlich genau, überlegt Dagmar. Für Menschen ihres Alters ist beim Blick auf die eigene Jugend das erste Gebot immer die Frage nach dem Verhältnis zum sogenannten System. Das Verhältnis zu sich selbst bleibt meist unergründet. Unterschiedlich waren Gabi und sie immer gewesen, so viel konnte sie mit Sicherheit sagen. Auch später als Erwachsene hatten sie wenig Gemeinsamkeiten, Dagmar lebte alleinstehend im akademischen Elfenbeinturm, Gabi dagegen mit den Herausforderungen und Problemen einer Kleinfamilie. Zu dieser Zeit war Dagmar gern zu Gast im Leben ihrer Schwester gewesen. Zurück im eigenen Schneckenhaus war sie trotzdem immer froh, all diese Konflikte selbst nicht ausstehen zu müssen.
Als sich Gabis Mann Dieter dann in den Westen absonderte, wohlgemerkt fünfzehn Jahre nach dem Mauerfall, fanden sich die beiden in derselben Position wieder: alleinstehende Frauen in ihren Vierzigern. Nur ließ Gabi es wie einen Schicksalsschlag aussehen. In diesen Jahren vertrug Dagmar ihre Nähe nur schlecht.
Die Biotomaten sind nicht mehr am gewohnten Fleck. Sie braucht einen Moment, um das neue Bio-Regal als Realität anzunehmen. In ihrer Tasche vibriert es. Es ist Ruth. Und Dagmar weiß, ihre Freundin wird so schnell nicht aufgeben.
Sie geht ans Telefon. »Hallo, Ruth«, sagt sie so leise, dass sie gerade noch zu hören ist.
»Was sagst du zu alldem? Ist das nicht unerhört?«
Aus irgendeinem Grund erreichen Aufregerthemen Ruth immer zuerst.
»Was denn?«, fragt Dagmar.
Ruth nennt die Dinge nie beim Namen. Sie sagt: »Du wirst es mir nicht glauben!«, »Wir leben in dunklen Zeiten!« oder »Dass es das im einundzwanzigsten Jahrhundert noch gibt!«. Dagmar kann aus ihren Worten nur selten auf die Ereignisse schließen und wartet in der Regel auf die Links mit Hintergrundinformationen, die ihr Ruth oft noch während des Telefonats schickt.
Doch heute ist Ruth schnell fertig. Sie wolle unbedingt ihren Sohn anrufen, entschuldigt sie sich und beendet das Gespräch, ohne dass Dagmar in die Verlegenheit kommt, ihr von Gabis Schlaganfall zu erzählen.
Wahrscheinlich, denkt Dagmar, erwartet man von ihr, dass sie sich heute Zeit nimmt, das Ganze zu verarbeiten. Solche Ratschläge kommen nur von Leuten, in deren Leben so viel los ist, dass sie sich selbst nicht denken hören. Genau genommen besteht Dagmars gesamtes Dasein aus Zeit und Verarbeiten. Sie hat schnell begriffen, dass die meisten Dinge, mit denen sie ihre Tage verbringt, weder »Erledigungen« noch »Erlebnisse« sind. Über die Jahre hat sie Strategien entwickelt, um ein für ihr Umfeld akzeptables Mindestmaß an Aktivitäten vorzutäuschen. Gegenüber Pia, aus der Uni-Bibliothek, dehnt sie einen morgendlichen Cafébesuch zu einem ausgiebigen Sonntagsbrunch aus. Aus dem Kauf eines gebrauchten Buchs macht sie einen ganzen Flohmarktbummel. Aus der Reinigung des Katzenklos gleich einen Frühjahrsputz. Wer nichts tut, macht sich verdächtig.
Sie wiegt Tomaten, freut sich, das Gewicht fast genau geschätzt zu haben, da spürt sie schon die Links von Ruth in der Tasche summen. Dagmar nimmt zwei eingeschweißte Biogurken. Vor dem Eisfach schafft sie etwas Platz in ihrem Wagen. Das Telefon vibriert erneut. Ruth ist gründlich. Dagmar wird ihre Nachrichten später anschauen. Nun stapelt sie Pizzen, Backofenpommes und Fertiggerichte.
Der Inhalt ihres Einkaufswagens passt nicht recht zu einer Soziologie-Doktorin, das weiß Dagmar. Sie ist jemand, der sich gerne in abstrakte und komplexe Gedankengebäude begibt. Ihren Alltag hält sie deshalb so unkompliziert wie möglich.
Wird sie es nach dem Krankenhausbesuch noch in die Mensa schaffen? Wäre es seltsam, dort aufzutauchen, wenn sie am Vormittag nicht an der Uni ist? Oder werden ihre Nichten mit ihr zu Mittag essen wollen? Anders als bei einer Beerdigung gibt es für das Verlöschen eines Lebens kaum Konventionen. Sie schämt sich für ihre Gedanken. Und ist hirntot nicht eigentlich schon tot?
Slack-Channel: »The Brogrammers + Tobby« (privat)
6 Mitglieder
Alex Powell: Good morning, Gentlemen! Wollen wir eigentlich noch zum Syndicate-Standort wetten? Bevor er bekannt gegeben wird?
Tobby Allen: Glaubst du den Gerüchten etwa?
Jordan Ndoye: Unser lieber Powell weiß sicher schon, welche Stadt es wird. Deshalb will er ja auch wetten!
Alex Powell: Ich schwöre hoch und heilig. Ich habe keine geheimen Infos.
Jordan Ndoye: Klar haste. Über deine Gamonica-Connections. Wahrscheinlich schon seit Monaten.
Alex Powell: Ich schwöre auf das Grab meines gescheiterten Start-ups! (Gott hab es selig.)
Tarek Hazim: Und dein neues Ferienhaus, das war Zufall? Das hat doch bestimmt beste Syndicate-Lage. Wo war es noch gleich?
Alex Powell: Ich schwöre auf das Agile Manifesto und seine 17 Unterzeichner!!
Alex Powell: Mein Wochenendhaus ist bei der Familie meiner Verlobten in Portugal. Und meine Gamonica-Connection arbeitet mittlerweile bei Google.
Hugh Havercroft: Was sollen wir denn überhaupt wetten? Jeder sagt eine Stadt, und dann zieht Double Z mit seinem Syndicate-Projekt an den Nordpol. Wer gewinnt dann?
Jordan Ndoye: Vielleicht sage ich auch gleich Nordpol.
Alex Powell: Ist doch ganz einfach: Jeder sagt eine Stadt, und hinterher schauen wir, wer am nächsten dran ist.
Wang Yupeng: Per Luftlinie oder Flugstunde?
Alex Powell: Luftlinie.
Tarek Hazim: Ja, denke auch. Lass es nicht komplizierter machen, als es ist, Wang.
Wang Yupeng: Nur weil dein Verstand keine Komplexität erträgt, Tarek!
Alex Powell: Ok, aber erst noch:
Alex Powell: Abstimmung über die Höhe des Einsatzes
$ 100(1) $ 200(1) $ 500(0) $ 1000(4)
Tobby Allen: Klar, Powell sagt 1000, weil er es eben doch weiß.
Alex Powell: Ich schwöre auf meine Bitcoin-Festplatte!!!
Hugh Havercroft: Hey, 100 reichen vollkommen.
Tarek Hazim: Voll nicht, 1000! Dummheit soll schon ein bisschen wehtun.
Wang Yupeng: Ich sag auch 1000. Sind für den Gewinner zwei Flugtickets zu Syndicate. Wherever it may be.
Alex Powell: 1000 it is!
Alex Powell: Nennt mir eure Städte!
Jordan Ndoye: Dakar.
Wang Yupeng: Never! Double Z wird auf jeden Fall einen klimasicheren Ort aussuchen.
Alex Powell: Bleibst du trotzdem dabei, Jordan?
Jordan Ndoye: Ja klar, let a man dream!
Hugh Havercroft: Ich sag Amerika. Irgendeine Stadt zum Wiederaufbauen.
Hugh Havercroft: So was wie Detroit.
Hugh Havercroft: Ja, ich nehme Detroit.
Tobby Allen: Hobart, Tasmanien.
Tarek Hazim: Berlin, Baby!
Alex Powell: Ich wette auf eines dieser verlassenen Bauprojekte in China. Ich nehm das nördlich von Shenyang.
Alex Powell: Wang, ist deine bessere Hälfte nicht Deutsche?
Wang Yupeng: Deutschland wird es auf gar keinen Fall. Zu viele Altlasten bei der Infrastruktur. Bürokratie. Unternehmerfeindlich.
Wang Yupeng: Mein Tipp ist: Stockholm.
Annika hatte sich fest vorgenommen, sich auf der Anreise Sorgen um ihre Mutter zu machen. Doch dann musste sie Tickets buchen, packen, sich in aller Kürze von Wang verabschieden und zum Flughafen fahren. Noch am Gate und auf dem Flug hatte sie versucht, die Kundentermine und andere wichtige Meetings der nächsten Tage zu verschieben, danach arbeitete sie an der Quartalspräse, bis ihr mitten über dem Pazifik schließlich die Augen zufielen. Nun steigt sie nach einem schlechten Kaffee im Flugzeug und einem nahezu akzeptablen in Frankfurt in den Zug nach Weimar. Zum Sorgenmachen ist sie nicht gekommen.
Isabelle wollte aber am Telefon nicht mit der ganzen Wahrheit rausrücken. Diagnose Schlaganfall – viel mehr weiß sie nicht. Was bedeuten konnte, dass die Konsequenzen für ihre Mutter sehr kompliziert waren. Oder sehr einfach. Annika ist auf die komplizierten Folgen von sehr einfach vorbereitet.
Annika und Isabelle sind generell gut darin, nicht alle Wahrheiten auszusprechen. Schon seit sie Teenager waren, verwahren sie Geheimnisse füreinander. Jede von ihnen sitzt auf einem Sprengkopf, der schwere Verwüstung im Leben der anderen anrichten könnte. Annika ist sich sicher, dass die Stabilität der Situation nur daher rührt, dass sie beide die schwerwiegendere Wahrheit in der Gewalt der anderen glauben.
Zumindest war das früher so. Dabei weiß Annika, dass ihre Schwester nur aus Loyalität so tut, als hätte ihre eigene Vergangenheit noch einen Gegenwert. Isabelles Abtreibung ist lange her. Und seitdem sie Alexander zur Welt gebracht hat, endgültig irrelevant. Überhaupt – heute wird in der Selbstbestimmung über die eigene Gebärbiografie ein feministischer Akt gesehen. Ihr selbst hingegen wird man nie glauben, dass sie genesen ist. Einmal Suchti, immer Suchti. Das gilt auch für Magersüchtige. Dass sie ihren eigenen Körper immer noch nicht lieben kann – ja, nicht einmal sympathisch findet –, macht sie nicht zum Opfer, sondern zu einer Komplizin der paternalistischen Konsumgesellschaft.
Und über Abtreibungen will auch niemand reden. Jedenfalls nicht in Anwesenheit der Betroffenen. Annika hingegen stand unter ständiger Beobachtung. Mindestens dreimal täglich wurde von ihr erwartet zu essen. Und ihre Familie nahm sich sehr wohl das Recht heraus, ihr Verhalten bei den gemeinsamen Mahlzeiten zu kommentieren. Ihre Mutter hätte niemals verstanden, dass das Intervallfasten Annika gegen ihre Migräne half.
Mutter …
Wenn sie nun aus ihren Leben verschwindet, vor wem bewahren sie dann eigentlich noch ihre Geheimnisse?
Als Annika den Koffer verstaut hat und mit einem Becher Kaffee auf ihrem Fensterplatz sitzt, greift ihre Hand aus Gewohnheit nach dem Telefon. Doch auf dem Display erscheint nichts weiter als der Countdown. Gerade springt die Anzeige auf 1:26 um. Erst in anderthalb Stunden wird ihr Telefon wieder aus der selbst verschuldeten Unbrauchbarkeit erwachen.
Die App war Wangs Idee. Appstinence hat er sie genannt. Und auf den Namen ist er besonders stolz. Als Entwickler von komplexer Unternehmenssoftware benötigte er für die Programmierung nicht mal einen Nachmittag.
Annika legt das Handy mit dem Display nach unten auf den Tisch und packt ihren Laptop aus. Auch wenn sie den Timer vor Abflug selbst gestellt hat, hasst sie Wang für jede dieser erzwungenen Offline-Phasen. Aber die App hilft.
Als nach ihrer Beförderung im Herbst vor zwei Jahren zu den Schlafstörungen und Migräneattacken auch noch Magenkrämpfe und Schweißausbrüche dazukamen, überredete Wang sie, ihre Bildschirmzeit zu regulieren. Sie war selbst schockiert damals: Neben den gut neun bis zehn Stunden am Laptop kam sie auf 7,32 Stunden täglicher Smartphone-Nutzung. 7,32 Stunden aktives Tippen, Wischen und Lesen. Mehr als doppelt so lang wie der nordamerikanische Durchschnitt.
Mit dreizehn ist Annika einmal nach zwei Stunden Leichtathletik in der Dusche zusammengeklappt. Sie hatte ein Kaugummi und 0,33 l Cola Light gefrühstückt. Ihr Sportlehrer trug sie in ein Handtuch gewickelt ins Krankenzimmer. Als Wang das Ausmaß ihrer Telefonsucht sah, hatte sie sich vor ihm entblößter gefühlt als damals mit ihrem untergewichtigen, nassen Körper unter den besorgten Augen ihres Lehrers. Trotzdem bleibt die Nutzung von Appstinence ein Kampf. Und noch immer überwiegt das Gefühl, es mehr aus Liebe zu Wang als für sich selbst zu tun.
Ihr Laptop zeigt die übliche Nachricht im Browserfenster: Kein Internet. Willkommen in der Deutschen Bahn.
Draußen vor dem Fenster lösen Felder den Mischwald ab. Arbeiten kann Annika auch ohne Internetverbindung, sie hat die wichtigsten Präsentationen auf den Laptop geladen. Über den Schlaganfall der Mutter hat sie ihren Vorgesetzten gar nicht erst informiert. Ihre Firma erlaubt das Arbeiten von überall. Die Krankenhaustermine wird sie so legen, dass sie nicht mit der Quartalspräsentation diese Woche überlappen. Was aufgrund der neun Stunden Differenz zwischen der pazifischen und mitteleuropäischen Zeit sowieso mehr oder weniger ausgeschlossen ist. Trotzdem wird sie Brianna darauf vorbereiten, den Termin im Notfall auch allein wahrzunehmen.
Für eine gute Stunde kommt Annika an diesem Morgen in den ungestörten Arbeitsflow. Als die Sonne durch die Wolken bricht und sich grell auf ihrem Bildschirm spiegelt, zieht sie den Sichtschutz herunter und trinkt den letzten Schluck Kaffee.
Vier wichtige Status-E-Mails hat sie bereits verfasst, die sie später im Hotel verschicken kann. Bis dahin muss sie die Quartalszahlen in die Präsentation einarbeiten. Ihr Blick wandert zu ihrem Telefon. Die Versuchung, es umzudrehen, ist groß. Auch wenn sie nicht weiß, was sie eigentlich vermisst. Updates von Wangs letztem Work-out? Babyfotos von Bekannten von Bekannten? Links von Arbeitskollegen zu Artikeln, die sie schon gelesen hat? Oder clevere Algorithmen, die sie an die Zeit erinnern, als sie nach jedem erfolgreich absolvierten Lauf mit Vorliebe Avocado-Quinoa-Salat aß? Aus der nüchternen Offline-Perspektive betrachtet, wirkt das Internet absurd.
Es ist kurz nach zwölf. Ihrer Schätzung nach verbleiben weniger als zehn Minuten der Appstinence-Sperre. Sie hebt das Handy nur leicht an. Wie eine Spielerin, die sich nicht in die Karten schauen lassen will: noch elf Minuten.
Sofort lässt sie es auf den Tisch zurückgleiten, als könnte sie damit die Information noch löschen, bevor ihr Gehirn sie verarbeitet hat, und führt den leeren Kaffeebecher zum Mund. Kaum ein Tropfen erreicht ihre Lippen. Sie klappt ihren Laptop zu und verstaut ihn in der Reisetasche, steckt das schlafende Telefon in die Jackentasche und geht mit dem leeren Becher in Richtung Bordbistro.
»Liebe Leute, hier jetzt Bildungspodcast. Wer macht mal kurz Begriffserklärung?«
»Bildungslivestream.«
»Okay, ich mach diesmal. Ein Syndikat ist eine Gruppierung von Personen oder Unternehmen. Unter einem Rundfunksyndikat zum Beispiel versteht man einen organisatorischen Zusammenschluss mehrerer, wirtschaftlich meist unabhängiger Fernseh- oder Radiostationen. Das Mietshäuser Syndikat wurde in Freiburg im Breisgau von ehemaligen Hausbesetzern gegründet. Seit den 1960er-Jahren etwa ist Syndikat auch für kriminelle Vereinigungen schlechthin gebräuchlich. Diese Verwendung wurde durch einschlägige Filme, Romane und Sachbücher popularisiert.«
»Ist im Silicon Valley oft sowieso Ansichtssache. Die einen sagen Gewerkschaft, die anderen sagen kriminelle Vereinigung.«
»Und hier noch für die Sprachnerds: Das Wort Syndikat entstammt dem französischen syndicat – sorry für die Aussprache – beziehungsweise dem lateinischen Wort syndicus, welches seinerseits von griechisch syndikos, deutsch ›Verwalter einer Angelegenheit‹, abstammt.«
»Eine Angelegenheit. Ja, das ist die Demokratie wohl.«
»Deshalb kommt er nach Deutschland! Das Mekka der Verwalter*innen!«
»Er kommt schon auch her, weil er sicher aus Amerika weg will.«
»Ist das hier denn wirklich schon Konkurrenz zur Demokratie?«
»Das ist die Frage. Meint Double Z es als Ergänzung oder als Alternative?«
»Habt ihr in der letzten Stunde schon tiefer in die Begriffserklärung reingeklickt? Syndikalismus ist eine Weiterentwicklung des Gewerkschaftssozialismus. Der Syndikalismus propagiert die Aneignung von Produktionsmitteln durch die Gewerkschaften, die dann auch anstelle politischer Stellvertreter die Verwaltung organisieren.«
»Vielleicht sollten wir noch mal betonen, dass uns weder historische noch begriffstheoretische Recherche am Ende sagen kann, was in Double Zs Kopf vorgeht und was er unter syndicate versteht.«
»Wartet, hier steht noch: Der deutsche Begriff ›Gewerkschaft‹ gibt die Idee der Syndikate nur teilweise wieder, da die Syndikate im Syndikalismus nicht nur eine Interessenvertretung der Arbeiter, sondern Keimzelle des Aufbaus der gesamten Gesellschaft sein sollten.«
»Hört, hört.«
»Noch mal, das ist der Begriff ›Syndikat‹, den wir hier gerade googeln. Was für ein juristisches Gebilde The Syndicate überhaupt sein könnte, wissen wir derzeit doch überhaupt nicht.«
»Also ist eine Gewerkschaft auch ein Syndikat, nur in abgespeckter Form?«
»Syndikat ist Gewerkschaft plus.«
»Plus was?«
»Hallo, zusammen, Marion hier, nur mal so, kurzes Update, ihr macht das toll, es hören 1,6 Millionen Leute zu. Also: no pressure. Aber bitte weiter so.«
»Hey, ich weiß, was es juristisch sein könnte. Seid ihr bereit?«
»Jetzt kommt’s …«
»Eine Gesellschaft.«
»Da hat er wieder ein Wortspiel gefunden.«
»Nicht ich, Double Z! Ist das nicht herrlich? Das macht er doch nur, um uns zu piesacken.«
»Verschwörungstheorie!«
»Spricht Double Z überhaupt Deutsch?«
»Nein, aber der hat Übersetzer und alles, guck doch mal, wie vorbildlich die Untertitel in seiner Mediathek immer gegendert sind.«
»Finde wirklich nur ich das so lustig? Ein CEO begründet eine neue Art des Zusammenlebens. Revolutionär, nie da gewesen. Eine Parallelorganisation neben dem Staat. Nein, nein, nichts Politisches. Keine Partei. Mit verheißungsvollem Namen. The Syndicate. Und wo landen wir am Ende: bei einer Gesellschaft. Es ist so herrlich, Hut ab für diesen Eulenspiegelstreich.«
»Meinst, er gründet Weimar SE?«
»Ich frage mich auch, könnte es jemand verbieten?«
»Okay, selbst wenn alles, was er anbietet, derzeit rechtens ist, wird man doch nachbessern. Auch wenn er die erste Runde gewinnt, ist doch wohl der Wille da, dieser Aushebelung der Demokratie entgegenzuwirken.«
»Sicher?«
»Natürlich, wenn er damit durchkommt, dann nur wegen einer Schwachstelle im System.«
»Oder weil die Vierte Gewalt ihren Job zu schlecht macht.«
»Uhhh, burn!«
Im Treppenhaus steht die Hitze. Dagmar atmet schwer, als sie im vierten Stock ankommt. Ihre Schulter schmerzt von den Tragegurten der Ikea-Tasche mit ihren Einkäufen. Sie schmeckt Staub.
Schon bei ihrem Einzug vor siebzehn Jahren war sie nicht sportlich, doch es ist schlimmer geworden. Sie muss sich mehr bewegen, das sagt auch Dr. Burbach. Noch dreimal meldet sich ihr Handy in der Tasche. Ruth scheint wieder einmal gründlich zu sein.
Als sie die Wohnungstür öffnet, erscheint Karl im Flur. Schnuppert, streckt sich und kommt gemächlich zur Tür. Der Flur vor der Wohnung ist längst zur erweiterten Wohnfläche geworden. Die Familie gegenüber hat eine Garderobe für Regenjacken aufgestellt und ein Regal für Schuhe. Drei Kinder. Wer sich das heute noch antut.
Dagmar schiebt ihre Schuhe in ihr kleines Regal. Karl mauzt einmal lautlos und beschmust eine Salatgurke. An einem der Henkel schleift Dagmar die Tasche in die Wohnung. Karl trippelt hinter ihr her, macht dann einen Satz über die Tasche und läuft in die Küche.
Hunger hat Dagmar nicht. Eher aus Gewohnheit schiebt sie eine Tiefkühllasagne in den Ofen. Sie schaut auf die Uhr. Um 13:28 Uhr wird die Lasagne fertig sein.
Schließlich gräbt sie in ihrer Tasche nach dem Telefon. Nicht nur Ruth hat ihr geschrieben, sie hat auch sechs Benachrichtigungen von Heike, der Institutssekretärin, und zwei von Pia. So viele bekommt Dagmar sonst in einem Monat nicht.
Ich weiß noch nicht, was ich von alldem halten soll, du?, schreibt Pia in ihrer gewohnt bedächtigen Art. Und in ihrer zweiten Nachricht: Du hast heute schon Nachrichten gelesen, oder?
Eigentlich hatte Dagmar damit gerechnet, dass Gabis Schlaganfall ihren Tag bestimmen würde. Aber plötzlich beschleicht sie eine Vorahnung, dass es anders kommen wird. Was, wenn Ruth mit ihrer Dramatik tatsächlich einmal recht gehabt haben sollte? Sie öffnet Heikes Nachrichten.
Anderthalb Stunden später zieht sie die verkohlte Lasagne aus dem Ofen, steckt das Handy ans Ladegerät und holt ihren Laptop aus dem Arbeitszimmer in die Küche.
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6 Mitglieder
Alex Powell: Na, dann also: Glückwunsch, Tarek!
Tarek Hazim: Na ja, ich krieg die 5000 $. Aber gewonnen hat ja wohl eindeutig Wang!
Schon als die Tür aufgleitet, schlägt ihr der Geruch von Bier und Curryketchup entgegen. Für zwei Männer im Anzug ist es bereits Mittagszeit. Annikas innere Uhr läuft noch nach amerikanischer Zeit. Sie überwindet ihren Ekel und bestellt einen schwarzen Kaffee.
»Erst Elon Musk in Brandenburg und jetzt der Typ … wird noch ein richtiger Technikstandort, der Osten«, sagt der eine, offenbar Schwabe.
»Für Produktion sicher ganz gut.« Der Kollege kaut noch auf seinen Pommes. »Aber wohnen will da doch keiner.«
Annika merkt, wie sie in der Jackentasche ihr Telefon umklammert. Selbst ohne Funktion beruhigt sie seine bloße Anwesenheit. Sie widersteht der Versuchung, den Timer noch einmal zu kontrollieren. Jede Minute, die sie nach der Reaktivierung abwartet, fühlt sich für sie wie ein kleiner Triumph über Wang an. Auch wenn er es gar nicht mitbekommt, verbucht sie diesen albernen, kleinen Sieg jedes Mal für sich.
Heute wird sie keinen neuen Rekord aufstellen. Als sie den Kaffeebecher entgegennimmt, fängt das Telefon bereits an zu vibrieren.
