Toxic Man - Frédéric Schwilden - E-Book
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Toxic Man E-Book

Frédéric Schwilden

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Beschreibung

Von einem, der auszog, ein Mann zu sein Sein Vater stirbt, er heiratet. In Köln eröffnet seine bisher größte Fotoausstellung. Der Erzähler steht vor seinem künstlerischen Durchbruch. Mit seiner Frau bekommt er das erste Kind und wird depressiv. Sein Cousin trinkt sich zum Organversagen, sein bester Freund verschwindet im Meer. Er selbst schlägt seinen Kopf gegen die Wand, bis er ohnmächtig wird. Und dann? »Toxic Man« erzählt autofiktional davon, dem Terror der Mittelschicht zu entkommen. Sich zu erfinden, zu präsentieren und fast zu vernichten. Die umwerfende Geschichte eines jungen Mannes, der bewundert und geliebt werden will.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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© Piper Verlag GmbH, München 2023

Covergestaltung: Pablo Lütkenhaus

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Zitate

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

Danksagung

Zitatnachweis

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Ich weiß, du willst abhauen

Ich weiß, du schämst dich

Wir sind Helden – Kaputt

Flames so hot that they turn blue

Palms reflecting in your eyes, like an endless summer

That’s the way I feel for you

Lana Del Rey – Freak

1.

Ich sitze auf der Terrasse vor dem Haus meiner zukünftigen Schwiegereltern in den Weinbergen. Es ist Anfang August, und ich denke, dass ein Gewitter kommen wird. Riccarda schläft, und ihre Eltern sind ins Tal gefahren, um einzukaufen. Vor mir ist der Garten, der am Hang liegt. In der Mitte ist die Terrasse. Früher stand auf dem Beton-Fundament ein Pool. Danach wurden dort Spanferkel auf den Firmenfeiern von Riccardas Vater gegrillt. Ihm gehörte eine Aluminium-Firma, die Hälfte seiner 50 Mitarbeiter kam aus Frankreich. Die Firma hat er verkauft. Er ist noch stiller Teilhaber. In der unteren Garage stehen zwei Porsche 911, davor ein Tesla und in der oberen ein alter Porsche-Traktor in Rot.

Die Zigarette jedenfalls schmeckt nicht. Nach drei Zügen mache ich sie aus. Vielleicht ist es zu warm, denke ich. Vielleicht brauche ich etwas zu trinken. Ich hole mir ein kleines Bier. Kleine Biere bleiben im Verhältnis zu ihrem Volumen länger kalt, und die Kohlensäure geht nicht so schnell raus. Aber das kleine Bier schmeckt nicht.

Direkt beim ersten Schluck fühle ich mich dick. Ich spüre einen Druck um meinen Kopf. So, als ob ein Gürtel darum geschnallt wäre. Ich überlege, ob der Druck schon länger da ist und ich ihn erst jetzt bemerke oder ob dieser Druck gerade angefangen hat. Ich überlege, ob ich das Bier wegschütten soll. Ich stelle die Flasche mit dem Kronkorken darauf wieder in den Kühlschrank in der Küche und setze mich in den Liegestuhl. Ich denke darüber nach, ob das in Ordnung war, den Kronkorken wieder auf das Bier zu tun, oder einfach nur peinlich kleinbürgerlich.

Ich habe noch einen letzten Auftrag vor der Hochzeit angenommen. Die Plattenfirma hatte mich gefragt, ob ich eine Sängerin in London fotografieren wollte. Die Sängerin ist 16, ich hatte ihren Namen noch nie gehört. Sie singt von Depressionen, sagte man mir. Was ich natürlich dumm fand. Jeder vernünftige Mensch mit 16 ist doch depressiv. Sie schickten mir ein paar Videos von ihr. Und in den Augen dieses Fastnochkindes sah ich wirklich die Tragik und Schönheit des ganzen letzten Jahrhunderts der westlichen Welt. Deswegen sagte ich Ja. Das mit den Augen werde ich noch erklären.

Für die Fotos hat die Plattenfirma ein Studio in North Kensington gemietet. Bis heute glaube ich, dass man in Studios keine guten Fotos machen kann. Und erst recht nicht, wenn das Management, zwei Typen von der Plattenfirma, ein Stylist, eine Make-up-Frau und drei Praktikanten da rumstehen. Und meine Fotos entstehen eben nicht in Studios, sondern im Wald, oder auf Supermarktparkplätzen, eben dort, wo man sie eigentlich nicht macht.

Und jetzt denke ich, dass das vielleicht keine gute Idee war, den Auftrag anzunehmen. Ich renne durchs Haus, weil ich meine Kamera nicht finde. Hilf mir, ruf ich. Hilf mir doch. In letzter Zeit fühlte ich mich oft hilflos. Ich schreie Riccarda an. Ich weiß nicht mehr genau warum, aber es ist wohl, weil mir das alles zu viel ist. Ich schlage meinen Kopf gegen den Kühlschrank, und für einen Moment werde ich ohnmächtig. Als ich die Augen wieder öffne, sehe ich die Kamera. Sie liegt auf dem Küchentisch direkt vor mir.

Riccarda geht nach draußen, und ich sitze noch einige Zeit auf dem Boden. Auf der Couch schlafe ich ein. Am frühen Morgen kommt das Taxi.

Der Flug ist pünktlich. Vom Flughafen fahre ich mit dem Expresszug zur Paddington Station. Es ist 7 Uhr Londoner Zeit. Je näher ich dem Zentrum komme, desto mehr Jungen und Mädchen in Schuluniformen steigen ein. In London sehen Kinder wie kleine Banker aus.

Sie tragen Kopfhörer. Meist große, teure Over-Ears mit Noise Cancelling-Funktion. Ich glaube, daran liegt das größte Problem der westlichen Welt. Es gibt keine Welt mehr, auf der alle sind. Jeder will in seiner eigenen leben, in der es nur so klingt, so aussieht, so riecht, wie man es selbst will, in der nur die politischen Gegebenheiten gelten, die das jeweilige Ich akzeptiert.

Schopenhauers wichtigster Satz ist: Die Welt ist meine Vorstellung. Aber heute gilt für die meisten: Meine Vorstellung ist die Welt. Egal ob Influencer, Dschihadist oder Grünen-Wählerin, wirklich alle denken so.

Menschen leben aus Bequemlichkeit in ihrer eigenen Welt. Sie hören die gleiche Musik oder Musik, die so ähnlich klingt wie ihre Musik und die ihnen deswegen von einem Algorithmus empfohlen wird. Menschen entdecken nichts Neues mehr. Und darum geht es doch eigentlich. Das Neue. Das Unbekannte. Das nie zuvor Gesehene. Mir ist es immer darum gegangen.

In unserer Gegenwart verschwimmen Schopenhauers Meine Vorstellung ist die Welt mit Warhols In the future, everyone will be world-famous for 15 minutes und Beuys’ Jeder Mensch ist ein Künstler. Daraus entsteht das, was ich den Gott-Komplex nenne. Der Übergang der Zehner- in die Zwanzigerjahre des 21. Jahrhunderts wird rückblickend die Zeit gewesen sein, in der die Wohlstandskinder dieser Erde kollektiv glaubten (sie sprachen es natürlich nicht aus, dazu waren sie zu unreflektiert), Götter zu werden.

Das fängt damit an, dass Krankenschwestern aus Jena und Tourismuskaufmänner aus Braunschweig Fotos von Avocado-Toasts mit englischen Texten versehen auf Instagram stellen. Dort haben sie 75 Follower, die aus einem Umkreis von 25 Kilometern kommen. Meine Schwester ist Pathologin und lebt in Düsseldorf. Sie ist 33, fleißig, aber nicht überdurchschnittlich intelligent, und nach der Geburt ihres Sohnes postete sie ein Foto, wie sie seine Füße in der Hand hält, sein Kopf ist unscharf im Hintergrund, das Baby gähnt, und darunter hat sie geschrieben:

#firstmothersday

#babyboy

#endlesslove

Ich weiß wirklich, dass meine Schwester mit niemandem befreundet ist, der Deutsch nicht als Muttersprache spricht. Aber ich glaube, dass in diesem Post alles drinsteckt; die Hoffnung oder die Sehnsucht einer durchschnittlichen Person, ein Star zu sein, von dem es interessant ist, zu wissen, wie das gähnende Baby aussieht. Und gleichzeitig eine Art göttliche Omnipräsenz, die eben nicht metaphysisch spirituell, sondern digital ist.

Ich fahre die letzte Strecke von der Paddington Station zum Studio mit einem Taxi. London hat die besten Taxis. Sogar mit einem Rollstuhl kann man einfach einsteigen, oder mit einem Kinderwagen. Alle Taxen haben eine große Tür und einen Platz für so was. Ich schaue durch das Fenster auf die Gehwege vor den Hochhäusern. Die Menschen in London gehen viel schneller als in Berlin oder München, schneller als in jeder deutschen Stadt. London ist eine Stadt, in der die Menschen Geld verdienen müssen. In Berlin braucht keiner Geld. In München ist es einfach da.

Das Studio liegt in einem Wendehammer eines Industriegebiets. Ich steige aus dem Taxi und erkenne das Haus sofort. Es ist das alte Studio von Juergen Teller. Ein sinnlicher Betonkasten in einer Straße am Ende der Zivilisation. Zwischen kaputten Häusern und überwucherten Zäunen. Ich hatte das mal in einem Magazin am Flughafen gesehen. Ich drücke die Klingel. Irgendjemand öffnet die Tür und führt mich an dem schon aufgebauten Studiolicht und der Leinwand vorbei.

Sie hat hellblondblau gefärbte Haare, ihr dunkelbrauner Ansatz kommt oben schon wieder durch. Sie steht in einem viel zu großen blau-weiß-roten Marc-Jacobs-Trainingsanzug der nächsten Kollektion vor dem aufgebauten Catering und hat schlechte Laune.

How the fuck should I eat this? I am fucking glutenfree. Don’t you get it?

Ich finde das absurd, aber auch schön. Ich meine, kein vernünftiger Mensch sagt mit 16, I’m glutenfree, und macht eine Szene, weil da ein Berg Sandwiches liegt. Und schon gar nicht, wenn eine Plattenfirma einem einen Millionenvorschuss gezahlt hat. Wer sich mit 16 nicht über Sandwiches freut, muss kaputt sein.

Aber dann wiederum, denke ich, gibt es natürlich nichts Richtigeres als das zu tun, wenn man ein Star ist, sein oder werden will. Beim Starsein geht es darum, in Erinnerung zu bleiben. Der Galerist Johann König hat einmal gesagt, er sei lieber der, der auf der Party auf den Teppich gekotzt hat, als der, der heimlich gegangen ist. Weil man sich an Letzteren niemals erinnern würde.

Ich sage also Hi, aber sie beachtet mich nicht. Sie stürmt an mir vorbei durch die offene Glastür und setzt sich im Innenhof auf eine Bank bei einer Wassertonne, in der Goldfische schwimmen. Daneben steht ein großer Baum. Ich stelle meine Tasche mit der Kamera auf einen Tisch und gehe hinaus. Ich zünde mir eine Zigarette an.

Hi, sage ich noch mal.

And you are the photographer? You don’t have a camera with you, sagt sie.

Und ich sage: And I didn’t know that the future of music would be glutenfree.

Sie sagt: I’m Billie, but you know that.

Berühmte Leute erwarten, dass man sie kennt. Sie erwarten, dass man eine Meinung zu ihnen hat. Sie sind es gewohnt, permanent Dinge gefragt zu werden. Und ihre Antworten sollen dann Platten, Filme, Kleidung oder Magazine verkaufen. Und so ist es eigentlich unmöglich, mit ihnen zu reden. Weil das, was sie sagen, keine Antworten sind, sondern Content, der irgendwas vermarkten soll. Deswegen erzähle ich, wenn ich Menschen fotografiere, immer das, was gerade in meinem Leben passiert. Nichtberühmte Menschen suchen häufig jemanden, der ihnen zuhört, aber Celebrities brauchen jemanden, der ihnen etwas erzählt. Sie können dann abschalten, müssen nicht mehr performen oder verkaufen. Menschen, deren Arbeit es ist, zu unterhalten, wollen auch mal unterhalten werden.

Und ich sage: I’m going to be a father soon.

Do you want that, fragt sie.

Ich meine: There’s this song by the White Stripes. We’re going to be friends. That’s what I’m going to play to my son on my guitar.

Und sie fragt: You wanna be friends with your son?

Und ich sage: I am going to be his father.

Und sie sagt: So you’ll start with a lie?

Ich schaue auf den Baum in der Mitte des quadratischen Lichthofs. Außen ist nur Beton und Glas. Der Baum überragt die Beton-Stockwerke. Er sieht aus wie ein Tier in einem viel zu kleinen Käfig. Seine Blätter sind rot und gelb.

Ich denke daran, wie meine Schwester durch den Lichtschacht aus dem Keller meinen damaligen Spitznamen rief. Ich stand oben vor der Haustür mit Frau Faller, meiner Kinderfrau, die ein Alkoholproblem hatte. Was auffiel, weil der Cognac-Dekanter zunächst leerer und dann wieder voller und der Cognac dünner wurde. Schluppi, rief meine Schwester aus dem Kellerfenster nach oben. Wegen Schlupp vom Grünen Stern. Und ich stand da und wusste, dass sie da unten war. Ich ging mit Frau Faller hinein. Ich hatte mir die Schuhe ausgezogen und die Wachsjacke. Und im Wohnzimmer hing diese von Picasso in wenigen Strichen gezeichnete Eule. Das war natürlich eine billige Lithografie. Aber so stellten sich meine Eltern Kunst vor: Ein Mann in einem gestreiften Pullover zeichnete was, und im Abonnenten-Shop der Zeit kann man das dann für 150 Mark kaufen.

Jedenfalls hatte meine Schwester der Nachbarin Frau Ulbricht, einer sehr netten, Kette rauchenden Putzfrau, die Zunge herausgestreckt, als die morgens um halb sieben an der Haustür klingelte und nach einem Fünf-Mark-Stück für den Zigarettenautomaten gefragt hatte. Und mein Vater fand, dass sie deswegen die Woche im Keller eingesperrt werden musste. Sie war zwölf damals. Und ich muss fünf gewesen sein. Zum Frühstück durfte sie raus. Dann musste sie in die Schule gehen und nach dem Mittagessen wieder in den Keller. Unsere Kinderfrau wusste auch Bescheid.

Es täte ihr wirklich leid, hat sie damals gesagt. Wie meine Mutter stand sie daneben und hat zugelassen, dass meine Schwester unter Tränen und Schreien jedes Mal erneut in den Keller gezwungen wurde und dort übernachten musste. Ein Klo gab es nicht. Sie bekam einen Nachttopf. Da unten. Im Dunkeln. Im Feuchten. Im Kalten. Das war 1994 in einem Vorort vor Bonn, ein Jahr bevor mein Vater einen eigenen Lehrstuhl bekam.

Ich habe nie mit meiner Schwester über all das gesprochen. Mit meiner Mutter auch nicht. Ich weiß das nur, weil sie das im Streit meinem Vater mal vorgeworfen hat.

Ich muss etwas komisch geschaut haben, in der Sekunde, in der ich an das alles gedacht habe. Denn Billie sagt: You should try Zoloft.

Und ich frage: What’s that?

Sie sagt: It’s my wife and my life.

Zoloft ist ein Antidepressivum.

Die Managerin, eine schwarze und sehr dünne und sehr große Frau mit einer Stoppelfrisur, kommt in den Innenhof. Sie hat ein rot-weißes Wollkleid von Gucci an.

Wie modern, denke ich, als ich sie anschaue. Aber auch, wie banal. Weil Gucci durch Alessandro Michele wieder zu einer ernst zu nehmenden Modefirma geworden ist und es deswegen toll ist, Gucci zu tragen, aber auch einfallslos. Jetzt Gucci zu tragen, ist so eine Politiker-Entscheidung, wenn man alles richtig machen möchte. Und dann liegt man damit trotzdem falsch.

Wobei Politiker natürlich niemals Gucci tragen. Zumindest in Deutschland. Weil sie es sich zwar leisten können, aber nicht trauen, es zu kaufen, weil dann irgendjemand auf Twitter ihren Rücktritt fordert. Und sich dann alles so hochschaukelt, dass sie wirklich zurücktreten müssen. Die Managerin schaut streng auf meine Zigarette. Und dann meint sie, she’s the popstar, you’re the photographer, let’s get to work.

Wir machen fünf Stunden im viel zu warmen Studio Fotos. Ich trinke so viel Cola, dass meine Zähne stumpf werden. Billie ist das alles egal. Sie starrt durch mich und durch die Kamera hindurch. Ihre Managerin sagt irgendwas von energy und glamour. Aber irgendwann hören wir beide das nicht mehr. Billie steht einfach da mit ihrem Allesegal-Blick. In dieser Leere steckt ein Widerstand, etwas Revolutionäres. Das habe ich so noch nie gesehen. Sich als Konsumkatalysator allem zu verweigern und damit trotzdem Dinge verkaufen, das ist das Wunder des neuen Menschen.

Die Managerin will die Fotos gleich auf einem großen Bildschirm anschauen. Ich finde das furchtbar. Ich hasste es schon in der Schule, wenn Lehrer sich während Klassenarbeiten neben meinen Platz stellten und auf mein Blatt schauten, um zu lesen, was ich gerade geschrieben hatte. Auch deswegen bin ich Künstler geworden, weil ich keinen mehr haben wollte, der neben mir stand und während des Prozesses auf meine Arbeit schaute. Ich wollte niemanden mehr haben, der über mir war. Damals wusste ich noch nichts von Galeristen und Managern und davon, dass wenn man Künstler ist, permanent alle neben einem stehen und auf die Arbeit schauen.

Während die Managerin die Fotos anschaut, sagt sie je nach Pose immer so was wie belly oder chin. Billie weiß, was das bedeutet. Auf den neuen Aufnahmen verrenkt sie sich dann so, dass die natürlichen Proportionen ihres Körpers dünner wirken.

Für 20 Uhr hat die Plattenfirma ein Abendessen im Soho House geplant. Sie haben mir auch ein Zimmer dort gebucht. Das Soho House ist ein Members Club in der Londoner Dean Street, direkt in der Nähe von Frith Street Tattoo, wo ich mir betrunken ein Hakenkreuz stechen ließ, das von einem Peace-Zeichen überdeckt wurde. Ich fand das konsequent, als ich damals mit einer Flasche Ruinart dort hinging.

Das Soho House gibt es auch in Berlin. Aber man muss mittlerweile nicht mehr Mitglied sein, um dort zu schlafen oder zu essen. Ich habe das nie verstanden, aber jetzt noch weniger. Da läuft immer viel zu laute Musik. Und da stehen so Start-up- oder Kunst-Betrüger in Gucci-Loafern in der Lobby, die am selben Abend noch versuchen, jemanden zu vergewaltigen. Wobei die Vergewaltigung inzwischen so aussieht, dass die Opfer den völlig zugekoksten Vergewaltiger mit einem riesigen Strap-On ficken sollen. Und die Leute, die da arbeiten, sagen nichts, weil sie hoffen, ein Trinkgeld zu bekommen, wenn sie wegschauen.

Ansonsten wissen die nicht, was sie tun. Weil sie anders als das Personal in richtigen Hotels nie eine Ausbildung gemacht haben. Die sind zwischen 17 und 22 und wollen einfach nur laute Musik hören und nach der Arbeit mit den Vergewaltigern Kokain schnupfen. Sie sind nicht daran interessiert, wie man einen Tisch deckt, eine Hollandaise macht oder einen Mint Julep mixt.

Das Bett in meiner Suite ist ein historistisches Möbel mit vier gedrechselten Holzpfählen an den Ecken. Und darauf liegt ein Umschlag, auf dem mein Name steht. Der Boden ist aus Holz. Ich hasse Teppichböden, weil ich mir immer vorstelle, dass da Spuren von Urin, Sperma oder Kot drin sind.

Es ist 19 Uhr, und ich habe auf einmal Angst. Ich weiß nicht, warum. Es gibt keinen Grund. Aber ich spüre eine Riesenangst. Mein Herz geht unregelmäßig und sehr schnell, ich fange an zu schwitzen. Ich kenne dieses Gefühl von einer Überdosis Ecstasy, aber ich bin komplett nüchtern.

Ich ziehe mich bis auf die Shorts aus und setze mich auf das Bett. Dann ans Fenster. Ich zünde mir eine Zigarette an. Durch meinen Kopf rasen unzählige Gedanken und Bilder. Ich sehe Riccarda, ihre Eltern, mein Kinderzimmer bei Bonn, ich sehe das Sol-Calero-Bild mit der großen Ananas darauf, das wir gerade gekauft haben. Ich sehe den Künstler Julian Charrière eine Taube in Venedig fangen, die SPD-Politikerin Sawsan Chebli aus einem Maybach steigen. Ich sehe alle Fotos gleichzeitig, die ich jemals gemacht habe:

Den Bundespräsidenten Joachim Gauck in seinem Büro vor einem Nagel-Bild von Günther Uecker, den Künstler und albanischen Premierminister Edi Rama in Basketball-Shorts in seiner Sommer-Residenz, die Designerin Angela Missoni, die fünf Minuten vor ihrer Show auf der Mailänder Fashion Week in einen fränkischen Apfel beißt, die hundert überfahrenen Vögel, die ich in ganz Deutschland fotografiert habe.

Ich habe einen Riesendurst und trinke zwei Dosen Bier aus der Minibar. Ich renne ins Bad, weil ich aufs Klo muss. Ich stehe da und sehe mir im Spiegel zu. Ich sehe teigig aus. Ich muss husten, dann würgen. Es fühlt sich so an, aber ich kann nicht brechen. Ich huste so lange, bis mir schwindlig wird. Ich schütte mir Wasser ins Gesicht. Im Spiegel sehe ich meine Augen und die geplatzten Äderchen darin. Ich stelle mich unter die Dusche. Ich ziehe die Vorhänge vor die Fenster und mache das Licht aus. Ich lege mich halb nass auf die Überdecke des Bettes und schaue Youtube-Videos, um mich zu beruhigen.

Mein derzeitiger Lieblingskanal ist Men With The Pot. Das sind Videos, in denen Männer im Wald kochen. Man hört nur die Vögel, das Kratzen des Wiegemessers auf dem Holzbrett und irgendwann das Zischen und Brutzeln der Gerichte. Einen Mann oder Männer sieht man nie. Nur die Hände einer unbekannten Person und manchmal einen Hund im Hintergrund. Und das Moos. Und die Bäume. Und die Blätter.

Ich liege seitlich auf dem Bett. Der Laptop ist zu einem rechten Winkel aufgeklappt, und auch auf die Seite gelegt und mit einem Kissen dahinter fixiert. Als Riccarda und ich uns kennenlernten, schliefen wir beide häufig so ein. Sie lebte damals in München und ich in Berlin. Und wenn wir schon nicht wirklich nebeneinander einschlafen konnten, taten wir es virtuell. Jeder legte den Laptop seitlich neben sich, und dann machten wir Skype an. Wir sahen uns in die Augen, wenn wir einschliefen. Und nachts, wenn ich manchmal wach wurde, hörte ich ihren leisen Atem. So als ob sie direkt neben mir läge. Und morgens sahen wir uns gegenseitig aufstehen. Ihre Münchner Wohnung in der Franziskanerstraße am Rosenheimer Platz, das war der erste Ort auf dieser Welt, an dem ich mich sicher fühlte. Es war der erste Ort, an dem ich nicht das Gefühl hatte, jemand anders sein zu müssen.

Mein Freund Safi ruft an. Er hatte vor ein paar Monaten das Model-Casting für eine Agentur in London übernommen. Safi ist Schweizer, seine Eltern kommen aber aus Kamerun. Er ist ein kluger junger Mann, früher war er Model. Er trägt meistens Prada. Das ist als Fashion verkauftes Plastik, und das fand ich am Anfang wirklich genial. Auf der Homepage von Prada wird dieses Plastik Hightech-Gewebe genannt. Dabei ist das ja nichts anderes als Polyester.

Ich lasse es klingeln. Seltsamerweise habe ich Angst vor Telefonen, die klingeln und überhaupt vor Klingeln. Als ich 16 war, stand einmal die Polizei mit einem Durchsuchungsbeschluss vor der Haustür. Ich hatte damals Adobe Photoshop runtergeladen, sie nahmen meinen Computer mit. Das Verfahren wurde wegen Geringfügigkeit eingestellt. Aber seitdem denke ich immer, wenn es klingelt, dass irgendetwas Schlimmes passieren wird.

Ich trinke das dritte Bier und rauche aus dem Fenster. Auf dem Sideboard davor stehen lauter Bücher vom Taschen-Verlag. Das ist ein Verlag, der Bücher über Schwänze, Titten, Ärsche oder Virgil Abloh herausbringt. Virgil Abloh ist der Designer von Louis Vuitton und Off White.

Virgil Abloh, das hatte mir meine Freundin Kerstin erzählt, die mal für ihn gearbeitet hat, schickt mehrmals im Jahr Assistenten auf kleine Fashion-Shows in Länder wie Haiti oder den Senegal, und die machen da ganz viele Fotos, und dann macht Abloh daraus seine Kollektionen. Wirklich, Kerstin konnte das auch beweisen, sie hatte mit jungen Designern gesprochen und eidesstattliche Erklärungen von denen. Aber keine Zeitung und kein Magazin der Welt hat sich bis heute getraut, das zu veröffentlichen. Weil die natürlich nicht auf die Anzeigen von Louis Vuitton verzichten wollen, weil Louis Vuitton einem der größten Luxus-Konzerne der Welt gehört. Und das wissen alle, das sind die Letzten, die noch Zeitungsanzeigen gegen Geld schalten. Weil das auch total egal ist für die, 80 000 Euro für eine halbe Seite in einer Mittelschichts-Zeitung zu schalten.

Aber dann ist da noch ein Buch. Das einzige, das kein Coffee-Table-Buch ist. Es ist seltsamerweise ein deutschsprachiges Buch. Eine Ausgabe von Virginia Woolfs Der Augenblick von 1998. Der Preis ist auch noch zu erkennen: 18 Mark und 90 Pfennig. Vorne drauf ist so eine Illustration im gleichen Pastell-Schema wie alle Bücher von Ildikó von Kürthy, die wahrscheinlich Frauen in der Midlife-Crisis anregen sollen, mal was Nachdenkliches zu lesen.

Bevor ich als Fotograf erfolgreich wurde, versuchte ich eine Zeit lang erfolglos Journalist zu sein. Nach dem Abitur zog ich nach Berlin. Ich interessierte mich für Popmusik. Ich schrieb für den Rolling Stone und interviewte Bands wie Franz Ferdinand oder The Strokes. Und irgendwann schrieb ich dann auch für die Berliner Morgenpost, so eine Zeitung für sterbende Menschen aus Berlin-Wilmersdorf, die sich die Mauer wieder wünschten, weil es zu Mauer-Zeiten bei Butter-Lindner besser schmeckte.

Und ganz am Anfang, das muss im Dezember 2011 gewesen sein, es lag Schnee, und es war das dritte Jahr, in dem ich nicht mehr mit meinen Eltern gesprochen hatte, interviewte ich Katja Riemann in einem Theater am Kurfürstendamm. Ich war 23, und mir ging es schlecht, aber ich fühlte mich dabei gut. Weil ich dachte, dass man das so macht in einer großen Stadt, wenn man jung ist.

Meine Freundin hatte sich von mir getrennt. Und ich hatte die 30 Bände Brockhaus, die ich von meinen Eltern zum 18. Geburtstag bekommen hatte, für Drogen verkauft. Ich hatte kein Drogenproblem. Ich hatte einfach zu wenig Geld, um mir Drogen leisten zu können. Der Brockhaus, das war die schlimmste Demütigung, die ich je erfahren hatte.

Wenn man 18 ist, will man alles haben, nur kein Lexikon, das keiner mehr liest, weil es seit sieben Jahren Wikipedia gibt. Meine Eltern gaben dafür 4000 Euro aus. Das wäre ein Auto gewesen. Oder eine USA-Reise. Und mein Problem war, dass zunächst niemand den Brockhaus kaufen wollte. Ich fand dann ein auf Lexika spezialisiertes Antiquariat in Leverkusen. Die zahlten mir 1500 Euro. Die 30 Bände zog ich verteilt auf sechs Kartons auf einem alten Schlitten in mehreren Fahrten zur Poststelle auf der Greifswalder Straße durch den Schnee.

Ich schwitzte stark dabei. Ich hatte am Vorabend getrunken und Kokain geschnupft. Ich schlief damals mit so vielen Menschen wie nie zuvor. Ich übernachtete jeden zweiten Tag bei jemand anderem. Manchmal klaute ich etwas zu essen aus den Kühlschränken, wenn ich mich morgens davonschlich. Ich hatte, wie gesagt, kein Geld. So war das 2008.

Das Interview mit Katja Riemann endete jedenfalls in einem Desaster. Sie schrie mich an. Wirklich, das war so. Nacheinander schrie sie: »Ficksau, Dummschwanz, Drecksloch, Blödarsch!« Und dann ging sie. Und der damalige Chefredakteur sagte mir danach, das mit dem Schreiben könne ich vergessen. Das war mein letzter Tag als Journalist. Der Anlass des Interviews war, dass Katja Riemann eine Rolle im Stück Wer hat Angst vor Virginia Woolf? von Edward Albee spielte. Deswegen erzähl ich das. Und deswegen konnte ich auch nie wieder etwas von Virginia Woolf lesen, weil ich bis heute panische Angst vor Katja Riemann habe.

Aber jetzt gerade, und das ist das Komische, glaube ich, dass ich, wenn ich dieses Buch von Virginia Woolf lese, die Sache mit Katja Riemann irgendwie überwinden, vielleicht sogar daran wachsen könnte.

Ich schaue ins Inhaltsverzeichnis. Aber alle Kapitel bis auf eines sind mit Edding durchgestrichen. Über das Kranksein ist die einzig lesbare Zeile. Ich blättere durch das Buch. Bis auf dieses eine Kapitel sind alle Seiten geschwärzt. Ich hole mir das vierte Bier aus der Minibar. Ich beginne zu lesen.

Bedenkt man wie allgemein Krankheit ist, wie gewaltig die geistige Veränderung, die sie bringt, wie erstaunlich, wenn das Licht der Gesundheit schwindet, die unentdeckten Länder sind, die sich dann erschließen, welche Öden und Wüsten des Inneren ein leichter Grippeanfall vor Augen führt, welche Abgründe und mit leuchtenden Blumen bestreute Wiesen ein leichter Anstieg der Temperatur offenbart, welche uralten, unbeugsamen Eichen durch das Ereignis der Krankheit …

Bei unbeugsame Eichen bekomme ich eine Gänsehaut, so ekelhaft finde ich das.Ich kann das nicht lesen, sage ich laut. Menschen, die Sätze über eine ganze Seite schreiben, sind egoistische Arschlöcher. Wer einen Satz für so wichtig hält, dass er eine ganze Seite lang sein muss, ist krank. Der Text klingt wie ein völkisches Manifest. Ich überfliege Zeilen und Wörter.

The Opium Eater

zwei Leidenschaften wie Lust und Gier

Nichtsdestotrotz, das genaue Gegenteil trifft zu,

Und dann bleibe ich tatsächlich an einem Satz hängen.

Es gibt in der Krankheit, gestehen wir es doch (und Krankheit ist der große Beichtstuhl), einen kindischen Freimut; Dinge werden gesagt, Wahrheiten sprudeln heraus,

Als Kind war ich gerne krank. Weil für mich im Kranksein eine Freiheit lag. Ich konnte alleine zu Hause bleiben. Meine Schwester war zu ihrem leiblichen Vater, einem Arzt aus Leverkusen, zurückgezogen, als ich acht wurde. Das war zwei Jahre nachdem wir von Bonn in die Fränkische Schweiz gezogen waren, weil mein Vater einen Lehrstuhl in Erlangen bekommen hatte.

Dass ihr leiblicher Vater nicht mein Vater war, war eines der größten Probleme in unserem Familienleben. Wenn mein Vater ihr etwas sagte, dann meinte sie häufig, er sei ja nicht ihr Vater und deswegen würde ihm es nicht zustehen, sie zu erziehen. Mit der Zeit wurden die Konflikte größer. Sie schrien sich immer häufiger an. Türen knallten. Türrahmen gingen kaputt. Und so zog sie zu ihrem Vater zurück. Rückblickend war es dort auch nicht besser.

Meine Mutter hat sich von ihm getrennt, weil er sie geschlagen hat. Das hat sie mir erzählt. Mehrfach war das passiert. Meine Schwester war ein paar Wochen alt. Und er schlug meiner Mutter auch an diesem Tag wieder ins Gesicht. Ihre Brille zerbrach dabei. Der Grund war wohl, dass meine Schwester nicht zu den vorher festgelegten Stillzeiten trinken wollte. Die Schuld gab ihr Vater meiner Mutter. Nach dem Schlag fuhr er zur Arbeit in seine Praxis. Und in dem Moment, in dem die Tür ins Schloss fiel, entschied sich meine Mutter mit meiner Schwester auszuziehen. Sie packte ein paar Sachen, suchte sich im Telefonbuch einen Scheidungsanwalt. Mit meiner Schwester in einer Trage verließ sie ihren ersten Mann und kam nie wieder. Ich glaube, das war der mutigste Moment im Leben meiner Mutter. Und zu diesem Mann war meine Schwester dann also gezogen. Und ich war seitdem Einzelkind.

Wenn ich krank war, gingen meine Eltern arbeiten. Ich schaute den ganzen Tag RTL. Um 8:30 Uhr lief Notruf California, eine Serie über eine Feuerwache in Los Angeles. Mir gefielen die verchromten Feuerwehrautos, die in Amerika bis heute wie Spielzeug und nicht wie – allein das Wort! – Nutzfahrzeuge aussehen. Danach kam CHiPs, eine Sendung über kalifornische Motorrad-Polizisten. Die Hauptfigur hieß Ponch und war ein attraktiver Latino mit vulgär weißen Zähnen. Am Nachmittag kam Hans Meiser.

Je älter ich wurde, desto häufiger war ich krank. Ich hatte Bauchschmerzen, Pseudo-Krupp-Anfälle, bei denen ich fast erstickte. Wenn ich nicht krank war, tat ich so. Ich hielt das Fieberthermometer an die Heizung, um meine Eltern zu überzeugen, dass ich nicht in die Schule müsste. Ich blieb zu Hause. Und schlief. Und schaute fern. Und spielte Ego-Shooter und lud Musik, Kino- und Pornofilme und Skatevideos herunter. Das war dann schon in Pretzfeld, einem kleinen Ort in der Fränkischen Schweiz.

Es klopft an der Tür. They’re waiting for you, sagt eine Stimme. Ich ziehe mich an. Die blaue Moschino-Hose, die aussieht wie die Arbeitskleidung von jemandem, der bei einer Burger-Kette arbeitet, dazu das rote Cowboy-Hemd aus der Calvin-Klein-Couture-Linie 205W39NYC, als Raf Simons dort Kreativdirektor war.

An der Bar steht die übliche Mischung, wenn eine Plattenfirma und ein Fashion Label einladen: Influencer, Musik- und Modejournalisten. Great photos, ruft mir Billies Managerin zu. Sie zeigt mir den Instagram-Account von Billie auf ihrem Telefon.

Innerhalb von einer Stunde hat eines meiner Fotos auf ihrem Account 11,7 Millionen Likes. Und die zwei PR-Typen von Marc Jacobs sind auch begeistert. Die Teen Vogue, das sagen sie mir ungefragt, als ich mir ein Glas Champagner von einem Tablett nehme, hätte schon angerufen und den Trainingsanzug zum look of the week ausgerufen, die Überschrift zum Artikel lautet tracks-suit up!

Joerg Koch, der Chefredakteur des deutschen Modemagazins 032c, läuft in einem Soccer-Dad-Outfit vorbei. Dann David Fischer, dieser Typ von High Snobiety, diesem Modeblog für BWLer, die sich für die Ästhetik von Sneakern interessieren.

Fischer ist gut darin, Mode und die Idee Mode zu verkaufen. Aber er versteht Mode nicht als Auseinandersetzung mit der Welt, sondern als Finanzstrategie. Ich sehe das natürlich anders. Für mich ist Mode bis heute eine Möglichkeit, die Person zu sein, die ich sein möchte. Aber andererseits, ich mache ja auch Fotos von Mode, damit rich kids vom Geld ihrer Eltern Zeitgeist kaufen.

Wie immer bin ich auf solchen Veranstaltungen komplett hilflos. Das wirkt nicht so. Weil ich immer ein Glas in der Hand habe und lache. Aber ohne einen Freund an so einem Ort fühle ich mich wie eine Flipperkugel.

Ich denke daran, wie ich in jedem Frankreich-Urlaub, während mein Vater in einer Bar Tabac einen Espresso trank, an einem dieser Automaten spielen durfte. Ich erinnere mich an eine Motorradsimulation, bei der man auf einem Motorrad sitzen konnte und damit die Spielfigur auf dem Bildschirm steuerte. Und an den Indiana-Jones-Flipper. Ich hatte noch keinen Indiana-Jones-Film gesehen, aber mir gefiel das Design mit den Schlangen, der Peitsche, dem Leder und den Lianen darauf. Ich erinnere mich daran, wie lange die Autofahrten im Urlaub dauerten. Und einmal musste ich dringend aufs Klo. Und ich rief, ich weiß nicht mehr warum, soll ich pissen oder weinen. Und mein Vater hielt an. Er ging einmal ums Auto, öffnete meine Tür. Er schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht und sagte, weinen. Dann fuhren wir weiter in unser Ferienhaus.

Dann sehe ich Safi. Wir umarmen uns und gehen auf die Toilette, und Safi legt zwei relativ große Linien Kokain auf den Spülkasten. Und er zeigt mir die neuen Fotos von Madonna in Gucci. Und er meint, dass Madonna mit 62 so gut und so jung wie noch nie aussieht. Ich finde das auch. Und als ich das Kokain einatme, verschwindet der Druck in meinem Kopf. Ich trinke und trinke, und es wird ein wirklich guter Abend, auch weil ich mit niemandem mehr sprechen muss außer Safi.

Safi ist durch die Black-Lives-Bewegung politisiert worden. Er redet seitdem von nichts anderem. Und er meint, auf den Ausstellungs-Eröffnungen in Berlin seien ja nur weiße Typen. Und ich mein, ja, das stimmt. Aber wo soll man denn die Schwarzen herbekommen. Ich meine, es gibt ja gar nicht so viele in Berlin, also im Verhältnis jetzt zu Arabern und Türken und Amerikanern, und dann müssten sich die wenigen, die es in Berlin gibt, auch noch für Kunst interessieren.

Safi erzählt von der Arbeit in der Agentur und wie bossy sie ihn behandeln würden, obwohl er ja der Casting-Director dort sei. Dass da auch nur lauter Weiße arbeiten würden. Und je mehr Kokain wir schnupfen, desto mehr reden wir über das Unrecht der Welt.

Das ist immer so. Am Anfang ist es lustig, und es geht um Celebrity Gossip oder darum, wer sich jetzt welche Hose gekauft hat. Dann übergebe ich mich meistens heimlich, weil ich mich immer ein bisschen übergeben muss, wenn ich Drogen nehme und Alkohol trinke. Und spätestens nach dem ersten Gramm und der ersten Flasche Champagner wird es ernst. Und wir reden stundenlang über Privilegien und das alles.

Um 4 Uhr sitze ich nackt und alleine auf dem Bett meiner Suite zwischen den gedrechselten Säulen. Ich versuche den Virginia-Woolf-Text zu Ende zu lesen.

Sie wußte es, ehe man ihr Bericht gab, und nie konnte Sir John Leslie, als er am Tage des Begräbnisses die Treppe hinabeilte, die Schönheit der großen Dame vergessen, wie sie dort stand und dem Leichenwagen nachsah, und auch nicht, wie er, als er zurückkam, den Vorhang, den schweren mittelviktorianischen, vielleicht aus Plüsch, ganz zerknittert fand, wo sie ihn in ihrer Qual zusammengepreßt hatte.

Und wieder klingelt mein Telefon. Und wieder kann ich nicht rangehen. Auf dem Display steht der Name meiner Mutter. Es klingelt bestimmt drei Minuten. Ich habe keine Mailbox, weil ich auch Mailboxnachrichten nicht abhören kann. Weil mir das auch Angst macht. Und dann steht da Neue Nachricht auf dem Display. Bin auf dem Weg ins Krankenhaus nach Brest. Dein Vater hatte einen Schlaganfall. Er ist im Hubschrauber.

2.

Das waren diese Wochen vor den Abiturprüfungen. Diese Zeit, in der die Zeit auf eine Art stillstand und gleichzeitig unendlich schnell verging. In der alles und nichts passierte. In der wir vergaßen, wo und vor allem wann wir waren. In der wir auf Badetüchern im Freibad lagen. Da auf den Rasenstücken vor den Mosaikwänden dieser stehen gebliebenen Sechzigerjahre-Nüchternheit der Freibadarchitektur im fränkischen Dorf Rothenbühl. Meistens lagen wir hinten unter dem großen Baum neben dem Volleyballfeld auf der Wiese. Alles war unbedeutend und bedeutsam – total egal und denkwürdig. Manchmal flogen Libellen über uns.

Kanus fuhren den Fluss entlang. An den Wochenenden hörten wir das Tuten der Museumsdampflok, die hundert Jahre alte Passagierwägen mit Touristen durch das Tal zog. Wir spürten die gegenseitigen Blicke auf unseren jungen Beinen, Pos, Brüsten und Oberkörpern, aber meistens waren wir zu schüchtern, um zu sagen, was wir damit sagen wollten. Vielleicht wollten wir auch gar nichts sagen, sondern einfach nur irgendwie heile irgendwo ankommen.

Wir tranken Greif Hell oder Hebendanz Export. Wir hörten die Strokes und die Arctic Monkeys und manchmal auch Punk-Bands wie Anti-Flag. Die kamen aus Pittsburgh und waren Veganer, Nichtraucher und Feministen. Und sie schrieben das englische Wort für Frauen womyn, also mit Y, weil sie der Meinung waren, dass da eben keine men, also keine Männer reingehörten. Und darüber redeten wir damals. Das war 15 Jahre bevor der ganze Wahnsinn mit dem richtigen Sprechen und Denken anfing.

 

Wir waren Bürgerkinder. Von außen betrachtet die Guten. Unsere Eltern waren Lehrer, Hoteliers, Sozialarbeiter und Professoren. Wir waren nicht übermäßig gut in der Schule, aber auch nicht übermäßig schlecht. Wir fielen durch unser Selbstbewusstsein auf, aber nicht dadurch, dass wir pathologisch kaputt waren.

Florian zum Beispiel rauchte in der ersten Reihe am Fenster oder warf unserer Erdkundelehrerin einen nassen Schwamm an den Kopf. Der war kaputt. Der machte das, weil sich seine Eltern getrennt hatten und sein Vater eine neue Freundin hatte, die drei Jahre älter war als Florian. Aber so waren wir nicht.

Oder Daniels Schwester, die immer bleicher und dünner wurde. Und dann lag sie an einem Nachmittag im April so halb in ihrem Kleiderschrank, als ihre Mutter nach ihr schaute. Daniels Schwester hatte sich mit einem Kartoffelmesser die Pulsadern aufgeschnitten. Neben ihr im Schrank lag ein Abschiedsbrief, der aus vier Namen bestand. Anna. Basti. Helena. Sabine. Die hatten ihr das Leben zu der Hölle gemacht, aus der sie an diesem Tag für immer ausgebrochen war.

Oder Naddi, die eigentlich Nadja hieß und Philipps große Schwester war. Ihr erster Freund hatte ihr LSD ins Getränk geschüttet. Seitdem war sie hängen geblieben. Sie lebte in einer anderen Welt. Und manchmal saß sie im Freibad bei uns. Sie rauchte viel und redete dummes Zeug. Nicht dümmer als wir. Aber anders dumm. Mehr nach innen gekehrt. Schön, sagte sie manchmal und streichelte ihre Arme. Sie war ein bisschen dick. Und aus ihrem Badeanzug quollen Schamhaare. Und ihre Oberschenkel waren voller Narben vom Ritzen.

 

Was ich damit sagen will, ist, dass obwohl es von außen gut aussah, dass innen eigentlich alles im Arsch war. Die Leute um uns herum, unsere Nachbarn, die Lehrer, ja alle eigentlich, sahen eine Oberfläche: Vater Professor, Mutter Apothekerin, am Wochenende spielten sie Golf, sie fuhren einen Kombi und einen Kleinwagen. Aber dass ich mich an diesem einen Wochenende mit dem Gartenschlauch im Gartenhäuschen aufhängen wollte, weil ich da wegwollte, das sahen sie natürlich nicht. Dass ich mir mit der Teflonpfanne so lange gegen den Kopf schlug, bis ich das Bewusstsein verlor, das sahen sie auch nicht.

Dass mir mein Vater an diesem einen Wochenende 200 Euro in die Hand drückte und sagte, ich solle im Hotel schlafen, weil er mich nicht mehr sehen wollte. Dass er meine Freunde nutzlos nannte. Dass er ein Cognac-Glas nach meiner Schwester schmiss.

Dass Sarahs Vater, der Sozialarbeiter, der anderen dabei half, ihr Leben wieder auf die Reihe zu kriegen, 35 000 Euro Spielschulden hatte, hatte auch keiner gemerkt.

Dass ich mit Flo und Frank in der Band Crystal schnupfte, wenn wir Songs schrieben und vor den Auftritten, das sah auch niemand.

Dass Tatjana, die Tochter der Englisch-Lehrerin, die mich entjungferte, von ihrem Vater an den Wochenenden so krass verprügelt wurde, dass sie am Montag danach nur noch mit drei Zentimeter dicker Make-up-Schicht in die Schule ging.

Das alles sahen die nicht.

 

Die Drogenbeauftragte der Schule verkündete auf einem Elternabend, dass wir eine drogenfreie Schule waren. Die Verbindungslehrer lobten den Schulpsychologen. Und die siebten Klassen hatten gerade höchst erfolgreich am Be Smart – Don’t Start-Nichtraucher-Projekt teilgenommen. Aber natürlich waren wir permanent high und gleichzeitig am Boden zerstört. Es ging uns materiell gesehen gut, aber wir fühlten uns nicht so.

 

In diesem Sommer hatte ich eine Affäre mit Maltes Freundin. Wenn man mit 18 eine Affäre hat, dann ist das nicht wirklich eine Affäre. Es ist vielmehr ein Erwachsen-sein-Spielen. Es gibt keinen Grund, mit 18 eine Affäre zu haben, außer dass man das aus Filmen kennt und dann nachspielt. So, wie wenn eine junge Frau jemandem ein Glas Weißwein ins Gesicht schüttet. Eigentlich ist das eine hohle Geste, mit der man die eigene Bedeutungs- und Hilflosigkeit überspielen will.

Malte und Laura waren zusammen. Und ich war mit beiden befreundet. Und wir saßen da zu sechst unter der Eisenbahn-Brücke am Fluss. Und wenn Malte ins Wasser ging zum Schwimmen, dann berührten Laura und ich uns mit den großen Zehen. Wir lagen etwas entfernt voneinander, so, dass sich unsere Zehen berühren konnten, ohne dass es einer der anderen merkte. Und wenn jemand zurückkam, Pia oder Sarah oder wer auch immer, dann mussten wir nur die Füße ein bisschen zur Seite schieben. Und alles war normal.

Wir rochen alle nach einer Mischung aus Axe- oder Vanille-Deo, roten Gauloises und ein ganz bisschen frischem Schweiß. Wenn man kaum volljährig ist und schwitzt, stinkt das nicht. Das riecht nach Möglichkeiten, nach Hoffnung, nach dem Wunsch, dass alles gut wird.

 

Im vergangenen Schuljahr war ich nicht zum Abitur zugelassen worden, weil ich die notwendige Punktzahl nicht erreicht hatte. Das war jetzt mein letzter Anlauf auf das bayerische Abitur.