Guten morgen Du verrückte Welt -  - E-Book

Guten morgen Du verrückte Welt E-Book

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Beschreibung

Nun, es gibt wirklich etwas Attraktives an der Apokalypse, sonst hätten sich Schriftsteller und Dichter seit Jahrhunderten nicht immer wieder diesem Thema zugewandt und es in ihren Werken gespiegelt! Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie auch dieses Gefühl von Angst und Freude, das kommt, wenn man am Rande eines Abgrunds steht? Ja, ja, Ängste haben eine unerklärliche Anziehungskraft. Sonst hätten Horrorfilme keinen so großen Erfolg. Und wenn es so ist, dann ist der Wahnsinn dieser Welt nicht mehr aufzuhalten.

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Seitenzahl: 244

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Was wir brauchen, sind ein paar verrückte Leute; seht euch an, wohin uns die Normalen gebracht haben. (Georg Bernard Shaw)

Ich glaube wir werden von Wahnsinnigen gelenkt, zu einem wahnsinnigen Ende, und ich glaube ich werde als Wahnsinniger eingesperrt, weil ich das sage. Das ist das Wahnsinnige daran. (John Lennon)

INHALT

Vorwort von Diana Wiedra

Elmar Mayer Baldasseroni

Sophia Benedict

Ilse Victoria Bösze

Hans Dama

Cornelia Divoky

Elmara Faustov

Bernhard Heinrich

Sonja Henisch

Ernst Karner

Ingrid Karner

Elfriede Klima

Rudolf Krieger

Margit Margreiter

Eva Meloun

Elisabeth Schawerda

Ingrid Schramm

Bernd Sibitz

Petra Sela

Michael Stradal

Horst Weber

Wolfgang Weigel

Peter Paul Wiplinger

VERRÜCKT UND FASZINIEREND

von Diana Wiedra

Ich habe im Netz nachgeschaut, ich war neugierig, was unsere Zeitgenossen über unsere verrückte Welt schreiben. Es stellte sich heraus, dass sie nicht viel darüber schreiben, das heißt, sie schreiben überhaupt nichts, aber sie singen viel. Es scheint, dass nur der faulste Künstler heute nicht darüber singt, dass wir in einer verrückten, ja, verstörten Welt leben und in der verrücktesten aller Zeiten. Mögen Songwriter und ihre Interpreten diese Welt? Oh ja, sie ist wie eine Droge für sie, sie genießen ihren Wahnsinn. Nun, es gibt wirklich etwas Attraktives an der Apokalypse, sonst hätten sich Schriftsteller und Dichter seit Jahrhunderten nicht immer wieder diesem Thema zugewandt und es in ihren Werken gespiegelt! Liebe Leserin, lieber Leser, kennen Sie auch dieses Gefühl von Angst und Freude, das kommt, wenn man am Rande eines Abgrunds steht? Ja, ja, Ängste haben eine unerklärliche Anziehungskraft. Sonst hätten Horrorfilme keinen so großen Erfolg. Und wenn es so ist, dann ist der Wahnsinn dieser Welt nicht mehr aufzuhalten.

Was nennen wir eigentlich Wahnsinn? Ist es verrückt, psychisch gestört, rücksichtslos, unlogisch, unvorsichtig, unvernünftig zu sein? Wahrscheinlich ist es alles zusammen. Denken Sie auch manchmal, dass unsere Zeit wirklich verrückt geworden ist, da es so wenig Vorsicht und Vernunft in unserer Welt gibt?

Nie zuvor ist die Zeit so schnell vergangen, nie zuvor haben sich Wissenschaft und Technologie in einem so albtraumhaften Tempo entwickelt, und nie zuvor waren neue Entdeckungen und Errungenschaften so beängstigend, nie standen sie der Moral und dem gesunden Menschenverstand im Wege. Es schien, dass erst gestern die Atombombe erfunden wurde und die Welt vor Entsetzen erschauderte, aber jetzt nutzt der Mensch sogar den Weltraum für militärische Zwecke. Heute werden Kinder aus einem Reagenzglas geboren, und sogar – ich habe es irgendwo gelesen, – dass bereits ein Hybrid aus Mensch und Affe geschaffen wurde. Ja, das Leben war noch nie so bequem, komfortabel wie heute (ich meine natürlich nicht die ganze Erde, sondern nur die nördliche Halbkugel), und es gab noch nie so eine völlige Ungewissheit über unseren morgigen Tag. Um Goethe zu paraphrasieren, sagen wir es so: Wo der Wahnsinn zum Vorbild genommen wird, wird die Vernunft zum Wahnsinn. Wo die Schamlosigkeit als normal betrachtet wird, wie die Bescheidenheit zum Schwachsinn. Wir fragen uns immer noch, sowie die ersten Menschen auf unserem Planeten, was wir sind, was unsere Aufgabe ist auf dieser Erde und wohin wir so schnell eilen?

Der Lauf hat zwei Eigenschaften: Wir können irgendwohin oder zu einem bestimmten Ziel hinlaufen, oder wir können von jemandem oder vor etwas wegflüchten. Also frage ich, wohin oder wovor unsere verrückte Zeit läuft? Wohin und warum laufen wir? Zeit ist eine erstaunliche Sache, sie ist immer knapp, und selbst wenn wir in Erwartung schmachten und das Gefühl haben, dass sie kriecht, sickert sie tatsächlich durch unsere Finger, sie ist unaufhaltsam. Verrückte Welt! Verrückte Zeit!

ELMAR BALDASSERONI

geboren 1977 in Mürzzuschlag. Promotion in Genetik und Moraltheologie in Wien. Romandebut: "die hinrichtung", 2013. Bildender Künstler sowie Mitglied der Grazer Autorinnen- und Autorenversammlung, diverse Stipendien, internationaler ,writer in residence‘, Aufenthalte sowie laufende Publikationen von Prosa und Lyrik in Literaturzeitschriften.

IL DECADIMENTO E LA SCICCHERIA

Markus hatte Lilly tags zuvor beim Einkaufen im Tesco nahe der Rialtobrücke kennengelernt, ihr Parfum hatte ihn an The Merchant of Venice erinnert und er hatte sie danach auf Englisch angesprochen, ihre dunklen Augen leuchteten über der Maske hervor und sie erwiderte, daß es Louis Vuitton gewesen war und nicht The Merchant of Venice, sie war klein und kompakt und der Duft war wie ein dichter Nebel um sie herum gewesen, er erwähnte, daß er als Künstler aus Österreich hergekommen sei, um zu schreiben und zu malen, sie fragte, ob Österreich in Europa läge und erzählte davon, daß sie aus New York kommen würde, sie lebe ein halbes Jahr in den USA und das restliche halbe Jahr hier in Venedig, sie sei Modefotografin, sie überreichte ihm gleich ihre Visitenkarte, sie hieß Lilly, sie meinte, sie könne eine Vernissage hier für ihn organisieren und sie würde ihn gerne zum Kaffee treffen und er solle sich bei ihr melden, sie zwinkerte ihm noch zwischen Parmaschinken und Proseccoflaschen verheißungsvoll zu. Er schrieb ihr schon am nächsten Abend eine Mail und sie antwortete nach nicht einmal einer halben Stunde, es sei ihr eine Freude gewesen, ihn kennenzulernen, sie werde seine Website besuchen, sie sei ihm so dankbar, sie freue sich so sehr darauf, ihn zu treffen, er antwortete ihr am nächsten Morgen und schickte ein paar Fotos seiner Ölbilder dazu, sie schrieb am frühen Nachmittag, daß sie sich für die späte Antwort entschuldigen wolle, sie sei eine „late night person“, sie schlafe erst um fünf Uhr früh ein und wache um zwei Uhr nachmittags auf, sie funktioniere nicht am Morgen, außerdem wäre es am venezianischen Nachmittag in New York gerade Morgen, weshalb sie nun ihre Geschäftskontakte dort pflegen könne, dann würde sie in den Beauty Salon gehen und ins Gym, also ins Fitnessstudio. Sie schlug einen Kaffee im Hadrian für Donnerstag Abend vor. Sie liebe seine künstlerischen Arbeiten, „you are so talented.“ Details würde sie besprechen, wenn sie einander treffen würden. Er antwortete, daß das Hadrian wohl das traditionsreichste Kaffeehaus der Welt sei und Donnerstag um halb sieben für ihn fein wäre. Sie mailte, daß er gerne irgendein Lokal aussuchen könne, das ihm gefalle, sie liebe auch Charly´s Bar, nur sei diese zu teuer, er schrieb, daß sogar Hemingway dort gewesen war, und daß sie zuerst ins Hadrian und dann in Charly´s Bar gehen könnten. Sie sandten einander noch das eine oder andere Mail über das schöne Wetter und das feine Essen, bevor es Donnerstag wurde. Markus spazierte an diesem Donnerstag noch nach Santa Croce, wo er ein Lokal suchte, in dem er damals vor zwei Jahren die wunderbarsten Spaghetti al nero di seppia gegessen hatte, das Ristorante ai Bari, das Tiramisu war zart wie kaum anderswo, und der Caffè corretto hatte ihn damals überrascht und fast aus der Bahn geworfen, hatte er ihn doch mit einem Caffè ristretto verwechselt gehabt, der Schuß Grappa war ihm erst am Ende aufgefallen. Als er vor dem verschlossenen Ristorante ai Bari gestanden war, sprach ihn plötzlich von der Seite Laila, seine marokkanische Künstlerkollegin freundlich an, an ihrer Seite war Carine, deren französische Freundin um die Ende vierzig, groß, dunkle Ponyfrisur mit schlanker, femininer Figur und einem schicken engen Rock und einem weißen süßen Hund, Clandeste, Markus war freudig überrascht, Carine lachte laut und ihre Stimme drehte sich hoch, enchanté, er erzählte auf Italienisch von den Spaghetti al nero di seppia von damals, damals, vor der Pandemie, das Lokal müsse wohl geschlossen sein, vielleicht für immer, Laila erwiderte, daß sie ja ganz in der Nähe wohne und daß es heute Vormittag noch geöffnet gewesen sei, na gut, meinte Markus, der erwähnte, daß er etwas in Eile sei, da er heute Abend noch zum ersten und wohl einzigen Mal in seinem Leben ins Hadrian und in Charly´s Bar gehen wolle, aah, der feine Herr gehe ins Hadrian, feixte Carine, dorthin, wo die bessere Gesellschaft sich treffe, und sie zwinkerte mit einem Auge, Clandeste bellte und zog an der Leine, da er sich bewegen wollte, schließlich schlug Markus vor, man könne ja gemeinsam Richtung Rialto gehen, die beiden Frauen waren d`accord, man schlenderte die Straße entlang, Carine war eine Übersetzerin und Dichterin, sie lebte seit Jahren in Venedig. Markus erzählte von seinem großen Wunsch, ebenso einmal in der Stadt zu leben, wobei die Mieten horrend seien, Laila sagte, daß sie für nicht einmal vierzig Quadratmeter mehr als fünfhunderfünfzig Euro pro Monat bezahlte, was immer noch sehr günstig sei. Schließlich kehrten die drei Menschen und der Rüde in einem Lokal ein, ein Cappuccino für Markus, zwei Caffès für die Damen, Markus erzählte schließlich noch von seiner Idee, eine Getränkemarke zu etablieren, das Rezept und das Patent habe er schließlich schon, Carine sah ihn bewundernd an, ein Tausendsassa sei er, während Laila, ganz Realistin, von der Notwendigkeit eines Businessplans sprach, Markus hielt kurz inne, bejahte dies, fragte nach dem Sternzeichen von Carine, da er jenes von Laila bereits wußte, Widder, soso, Aszendent Krebs, er warf ihr einen tiefen Blick zu, den sie erwiderte, während sie sich kurz und beinahe unmerklich auf die Unterlippe biß, er war Krebs Aszendent Löwe meinte er knapp, trank seinen Cappuccino beinahe auf ex, schickte sich an, zu zahlen, wobei die Damen frohlockten, er sei eingeladen, er lehnte dankend ab: wir Künstler müssen schließlich alle darauf schauen, wie wir überleben, und zahlte seinen eigenen Kaffee, Carine sprang auf und tippte noch rasch ihre Telefonnummer samt E-Mail in sein Handy, das er gleich danach wie immer desinfizierte, sie wollte ihm die Hand reichen oder ihn gar umarmen, er berührte ihre ausgestreckte, feine Hand mit dem Faustgruß. Carine, ihr kokettes Wesen und ihr Körper zogen ihn an, doch er mußte weiter, weiter, mit langen stürmischen Schritten durch die engen Gassen von Santa Croce hindurch, vorbei an den Geschäften, vorbei an den Brückengeländern und quasselnden Touristenkarawanen, Lilly schrieb, sie hätte noch ein Fotoshooting, er schrieb, sieben Uhr sei auch in Ordnung, sie dankte, er rannte die Stufen zu seinem Appartement in San Polo hinauf, machte sich frisch, aß einen Happen, und eilte schnellen Schrittes mit regem Atem über die Rialtobrücke, durch die feine Salzluft und die Menschenmassen hindurch, weiter, weiter, Lilly schrieb, sie würde es bis sieben nicht schaffen, er antwortete, sieben Uhr fünfzehn sei auch fein, sein Navigationsprogramm am Handy zeigte ihm noch zehn Minuten Wegzeit an, endlich war er am Markusplatz angekommen und hatte das Hadrian ausfindig gemacht. Eine strahlende Schmuckschatulle direkt am Rande des großen Platzes, ein Kellner im Frack wie in einem Fünfsternehotel öffnete mit knarrenden Schritten, mit leichter Verbeugung und Glacéhandschuhen die schwere Glastüre, während Markus, der sich zuhause noch rasch umgezogen hatte, in seiner schweren kardinalroten Cordhose der mittlerweile leider aufgelassenen Kleidermanufaktur Glengarnock of Scotland, einem weißblau gestreiften Brooks Brothers-Hemd, einem königsblauen V-Pullover und einem graukarierten Burberrysakko und der obligatorischen olivgrünen Barboursteppjacke samt Wachsgilet und den eigens für ihn in einer kleinen Weinviertler Werkstätte maßgefertigten stierblutroten Oxfordmaßschuhen mit den knallroten Schuhbändern den Raum betrat, die Baskenmütze, den beigekarierten Kaschmirschal und die feinen erdfarbenen Florentiner Handschuhe hatte er bereits abgelegt und die kreideweiße FFP2-Maske aufgesetzt. Er wirkte groß, jugendlich, milde, erfolgreich und nahm an einem sauberen, weiß-spiegelnden Marmortischchen in der Ecke Platz, von dem aus er den dunklen Markusplatz überblicken konnte, bordellplüschrote Sitzbänke wurden von blattvergoldeten Leisten umrahmt, darüber befanden sich edle Wandmalereien und Vertäfelungen aus dem achtzehnten Jahrhundert, man fühlte sich wie in einem Salon aus der Zeit Maria Theresias. Die goldumrahmten Porträts von Dogen, Fürsten, Patriarchen, Gesandten, weltlichen wie geistlichen Würdenträgern säumten die Wände. Der patinierte Parkettboden knarrte, wenn die Camerieri um einen herumscharwenzelten. Es roch nach Kaffeespezialitäten und nach dem Puder in den Perücken der alten Damen, nach den kostbaren Duftwässern der betuchten Touristinnen aus allen Erdteilen. Schnell noch ein sogenanntes Selfie, sich im ältesten Kaffeehaus der Welt zu befinden ging mit einer Prise Überlegenheitsgefühl und einem Anflug von touristischer Belustigung einher, auf den Spuren Casanovas, dessen DNA sich eventuell noch rudimentär in den roten Kissen, den purpurnen Pölstern befand, ein Schauspiel sondergleichen, wie Markus insgeheim befand. Ein Platz, der seinen Namen trug, er fühlte sich geschmeichelt. Niemand hätte diese Situation besser ersinnen können, der skorpionische November, das mystische, vergängliche Venedig, die Finsternis draußen am Platz, der nahe Vollmond, das Rendezvous. Anderswo, so konnte man das Gefühl gewinnen, wurde gewollt, doch nicht gekonnt, hier jedoch wurde gekonnt, ohne irgendwie überhaupt gewollt zu haben, eine quasifeudal vornehm anheimelnde Lässigkeit machte sich breit und flugs fühlte man sich ins Jahr 1720 zurückversetzt, das Gründungsjahr ebendieses altehrwürdigsten Kaffeehaustempels, in dem Kunstschaffende, also Geistesmenschen beziehungsweise sogenannte Intellektuelle zu allen guten wie auch schlechten Zeiten seit mehr als dreihundert Jahren zusammenkamen, Händler aus dem Osmanischen Reich hatten das gebrühte Heißgetränk Ende des siebzehnten Jahrhunderts in diese einzigartige Stadt gebracht, mit diesen Gedanken trug sich Markus, als endlich Lilly den Raum betrat. Sie hatte ihr dunkel gelocktes Haar mit goldenen Strähnen färben lassen, ihre Augen waren stark geschminkt wie asiatische Schmetterlingspuppen, struppig und glänzend und zeigten doch deutliche Falten sowie ausgeprägte Augenringe, ihre Augenbrauen waren wie mit dem Lineal gezogen. Sie trug eine Art schwarzes Kleid mit einer Stola, auf der in großen Lettern GUCCI prangte, sowie offene Schuhe ohne Strumpfhosen. An ihren Fingern funkelten einige feiste Ringe mit protzig anmutend glitzernden Steinen, an ihrem Handgelenk prangte eine Rolex Datejust in Roségold mit Brillantenlunette. Ihre blutrote Handtasche mit dem Prada-Schriftzug legte sie auf den Tisch, bevor sie ihren schwarzen Mantel und die dunkle Mundnasenschutzmaske ablegte, Markus voll Verve mit einer Umarmung begrüßte, sich für die Verspätung entschuldigte und sich schwungvoll zu ihm setzte. Sie platzierte ihr schwarzes I-Phone in der schwarzen Krokolederhülle samt Goldbeschlägen auf den Tisch und mußte auch gleich erzählen, daß sie gerade bei einem sogenannten Fotoshooting gewesen sei und deshalb zu spät gekommen war. Sie zeigte Markus auch gleich Fotos von sich und einer Luxusyacht am Canale Grande, da sie immer wieder gerne hinter aber auch vor der Kamera stehe. Auf ihrer I-Phonehülle befand sich außerdem ein riesiger goldener Leopardenkopf, in dessen Maul ein goldener Ring befestigt war, an dem eine Art dicker geflochtener Lederzopf mit vielen einzelnen Bändern baumelte. Sie habe bereits einen Termin mit dem CEO von Prada und wolle das Design als geschütztes Geschmacksmuster an die Prada S. p. A. verkaufen und damit sehr viel Geld verdienen, sprudelte es aus ihr heraus. Plötzlich surrte ihr Handy mit dem Klingelton von Frank Sinatras „New York“ und Lilly sagte: „Hey, Darling, ich rufe dich später zurück, my dear!“, und sie begann, wie wild ins Telefon zu tippen, als Markus etwas genervt brummte, ob sie sich denn nicht eigentlich lieber mit ihm unterhalten würde, als mit dem Mobiltelefon, woraufhin ein Lächeln über ihr geschminktes Gesicht huschte und sie schließlich innehielt. Die beiden blickten mit klopfenden Augen auf die Getränkekarte und bestellten Spritz Hadrian also etwas Rotes, Alkoholisches mitsamt Prosecco und sogenanntem Acqua di Seltz um jeweils 14 Euro, der eilige Kellner servierte diese willfährig auf einem Tableau mit knusprigen Chips, fettglänzend gesalzenen Erdnüssen, prallen Oliven und Servietten im Logo des Kaffeehauses. Nachdem beide miteinander angestoßen hatten, begann Lilly wieder fahrig auf ihr Handy zu lugen, im Selfiemodus, und über ihre fahle Haut zu klagen, diese sei so unrein in letzter Zeit, es sei ein Jammer und sie schäme sich sosehr dafür, Markus beschwichtigte, wofür Lilly ihm dankte, wieder zeigte sie Fotos von ihrem Handy, von irgendwelchen Parties in New York, auch Bruce Willis sei angeblich unter den Gästen gewesen und der kanadische Staatspräsident und der Rapper 50 Cent und so weiter, und sie alle würden sie kennen, einmal sei sie bei einer Freundin in einem Penthouse aufgewacht und plötzlich seien alle in Smokings und Zigarren herumgestanden, und sie würde alle kennen, und so weiter, und sie sei von ihrem Ex-Mann, einem peruanischen Millionär, geschieden worden, der sie immerzu misshandelt hätte, ihr verstorbener Vater sei ein mexikanischer Psychiater gewesen, der gut verdient hätte, dennoch hätte sie sich diesem Millionär anvertraut, der sie unentwegt gequält hätte, sie zog ihr Kleid bis knapp über ihren Slip nach oben und zeigte auf eine Brandnarbe, die er ihr im Suff zugefügt hätte. Außerdem sei sie nun bereits 45 und sie habe ihre Menopause bereits mit 38 gehabt, sie hätte sich damals Eizellen entnehmen und einfrieren lassen, da sie später noch Kinder wolle, doch damals sei ihr Uterus perforiert worden, sie hätte Blutungen bekommen und seit damals sei sie unfruchtbar, doch sie habe die Klinik in den USA bereits mehrfach verklagt und mit dem Geld wolle sie sich eine Wohnung in Manhattan um eineinhalb Millionen Dollar kaufen. Markus räusperte sich kurz und meinte, das sei ihm ehrlich gesagt zu privat und er versuchte, das Thema auf moderne Kunst und die Abstrusität der mehr als astronomischen Preise der Exponate von Damien Hirst oder Jean-Michel Basquiat und aller anderen zu lenken. Sie bejahte kurz, um dann Markus´ reine Haut zu loben und ihre eigene zu bekritteln, sie habe noch sie so reine und schöne Haut bei einem Mann gesehen, und seine Augen hätten geleuchtet, als sie ihn im Supermarkt getroffen habe, sie sei ungeschminkt gewesen, Makeup sei ja wegen der Maske auch nicht nötig gewesen. Währenddessen nahm sie ihr Handy in die Hand, richtete sich die Haare und fotografierte sich andauernd selbst und wiederholte dabei immer wieder und wieder wie häßlich ihre Haut denn nicht sei. Auch an ihrer Figur würde sie arbeiten, denn sie gehe in der Woche zweimal ins Fitnessstudio und ließe sich ab und an von einem Kerl massieren, der wahrscheinlich Gott sei Dank schwul sei. Dann zeigte sie ein Foto ihres verstorbenen Vaters, der Psychiater war, und eines ihrer Mutter, mit der sie seit fünf Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hätte, diese sei ein ehemaliges Fotomodell aus Argentinien gewesen und eine Furie, die einen um dreißig Jahre jüngeren georgischen Bauarbeiter geheiratet hätte, der nur hinter ihrem Geld her sei. Die beiden tranken ihren Hadrian Spritz rasch aus und Lilly ließ es sich nicht nehmen, neben vielerlei Selfies mit den kleinen nackten schwarzen Marmorstatuen auch ein, zwei Fotos mit Markus und eines von ihm selbst zu machen. Markus wusch sich noch die Hände am barockisiert wirkenden Klosett, das sich im ersten Stock befand, wohin eine rote Samttreppe führte. Markus zahlte für beide, der Kellner verbeugte sich tief und sagte: „Grazie e alla prossima, Signora Lilly!“ Gemeinsam flanierten die beiden über den Markusplatz hinüber zu Charly´s Bar, wo gleich neben den von den vielen Booten wogenden Schaumlachen der Lagune eine alte hölzerne Schwingtüre mit Bullaugen den Weg ins brütend dampfende Innere öffnete. Das Innere, das war eine hochklassige Edelspelunke, in der in den 1930er Jahren schon Ernest Hemingway seine Cocktails geschlürft hatte. Die Kellner im weißen Dinnerjacket samt Mundnasenschutzmasken verwiesen servil und zugleich sehr stolz auf zwei freie Plätze links an der Bar, ein Greenpass oder sonstiger Impfnachweis wurde entgegen der in Italien eigentlich längst gültigen Regeln weder hier noch anderswo, außer in den staatlichen Museen oder Zügen, verlangt. Der Odem großer Vergangenheit und längst vergangene Duft der Grandesse umwehte hier die kleine Schank sowie den kompakten Edelholztresen und neben einem älteren Pärchen mit raunzendem Wiener Akzent nahmen Markus und seine durchaus reizvolle Begleitung Platz und bestellten den hier vor Jahrzehnten ins Leben gerufenen und also hier westlich des Markusplatz geborenen aus weißem Prosecco, Champagner und püriertem Pfirsich bestehenden Grellini und vermeinten dabei den Hauch der großen Welt und die Aura des internationalen Jetset zu verspüren. Während in Wien eine provinzielle Gastroschickeria oftmals nur mit telefonischen Vorbestellungen einer Pseudoelite also unbedarften Emporkömmlingen Einlaß gewährte, konnte man hier direkt vom Kai einfach so hereinschlendern und sich als Gast in erlesenstem Ambiente willkommen wähnen und auch wohlfühlen. Wieder führte Lilly Markus ihre Social Media Accounts am Handy vor, während er am Tresen auf einem harten Barhocker sitzend gedankenversunken genußvoll seinen rosaorangefarbenen Grellini einsog, sie habe ja so viele Freunde, abermals bettelte sie um seine und um überhaupt jegliche Aufmerksamkeit, dann präsentierte sie ein Foto ihrer besten Freundin, eine Australierin, die vor einem halben Jahr eine Fehlgeburt erlitten habe, und so weiter. Lilly selbst sei seit einem halben Jahr von ihrem Exfreund getrennt gewesen, bla bla bla, angeblich ein Typ von der Westküste, der mit Immobilien schnelles Geld gemacht hätte und sie mit einem Embraer-Privatjet mit Ledersesseln, Tropenholzinterieur und Champagnerbar durch die Gegend geflogen hätte. Markus hörte amüsiert weg, aß die Thunfischbrötchen an der Theke, die beiden gingen über die karrenden Stiegen nach oben in den ersten, holzvertäfelten Stock, fotografierten einander gutgelaunt, und dann knipste Lilly Markus mit ihrem I-Phone, wobei sie frohlockte, Markus sei so gutaussehend, und ihn anschließend fragte, ob er schon einmal gemodelt habe, da sie selbst auch bereits früher in New York gemodelt habe. Er verneinte und die beiden verließen Charly´s Bar, Lilly hängte sich in Markus´ rechten Arm ein und schlug vor, nun ins Da Gigi zu gehen, das total angesagte Ristorante gleich ein paar Brücken weiter in der Calle Quattroporte, es sei George Clooney´s „hangout“ und all die „celebs“ gingen dorthin, sie sei regelmäßig dort und sie alle würden sie kennen. Gute Atmosphäre, coole Leute und gutes Essen gäbe es dort, der Besitzer und seine Freundin seien „close friends“. Markus´ Bauch knurrte, er war neugierig und zugleich angetan von der Idee und so zogen sie untergehakt dorthin, eine unauffällige Türe neben einem der Kanäle, wo einer der gigolohaften Gecken der Lokalität, ergrautes, dick zurückgegeltes Haar, bereits stand und affig wie ein dressierter Gigolo in die Hände klatschte: „Ah… Bellissima!“ Und dann meinte er theatralisch zu Markus: „Lei e tanto bella… Sie ist so schön!“, und dieser erwiderte trocken: „Lo so. Ich weiß“. Die beiden traten ein in das schummrigrote Licht und gingen zu einem Tisch hinten neben der kitschig und klischeehaft anmutenden Bar, wo sie der Oberkellner mit vor Pomade triefendem Haar bereits mit den Worten „Ciao, bellissima“, dabei Überschwänglichkeit vorgebend, grüßte, Markus wurde seine Steppjacke abgenommen, Lilly gab ihren peinlichen Pelzmantel ab, man nahm Platz, der Sessel wurde einem von hinten zurechtgerückt, italoschlagergeschwängerter Kerzenschein, dann ein klebriger Lakai zur Rechten, der auf einem goldenen Stiel eine Kreidetafel mit den Speisen ab 30 Euro aufwärts pro Gang präsentierte. Da kroch schon der Padrone des Ristorante daher, ein weißhaarig-schmalzlockiger Signore Typ Enzo Ferrari, um die siebzig im dunkelblauen Maßanzug mit Manschettenhemd und Krawatte, „Buonasera, principessa“ trällerte er herüber, sie warf ihm kokett eine Kußhand zu und rief augenzwinkernd: „When will you marry me?“, er erwiderte pathetisch: „Bevor ich auf dem Friedhof lande“, allgemeines, blechernes Gelächter. Lillys dunkle Wimpern klimperten mechanisch, sie probierte diesmal die Goldbrasse mit Reis und dazu einen Chianti, Markus, der ja toscana- und also chiantiberge-erfahren gewesen war, fragte nach dem genauen Ort, Castellina oder Radda, Greve oder Gaiole in Chianti, der einfältige Kellner zuckte nur mit den Achseln, ein Classico oder ein Riserva, fragte Markus forsch weiter, er glaube, ein Riserva, brachte es der Kellner gerade noch über seine Lippen und hielt Markus überheblich gelangweilt die Flasche vor die Nase, dieser nickte, der blasierte Kellner schenkte ein, Lilly nippte und meinte, er sei okay, und Markus probierte ein Gläschen des undekantierten, ungeatmeten, aber dennoch trinkbaren Gallo nero Sangiovese. Noch vor dem ersten Gang begann Lilly wieder von ihren Uterusgeschichten zu erzählen, sie wolle ihre eingefrorenen Eizellen endlich künstlich befruchten lassen, dazu brauche sie einen Samenspender, meinte der lebenserfahrene Markus, sicher, erwiderte Lilly, noch besser sei aber die natürliche Methode, meinte Markus schelmisch, ja, aber in Zeiten von COVID sei dies anders, meinte Lilly, außerdem müßte ein potentieller Spender sich vorher auf Hepatitis, Herpes und HIV untersuchen lassen, denn sie sei schließlich bereits zu alt, um irgendwelche Risiken einzugehen, aha, meinte Markus und verdrehte die Augen zum fischernetzverhangenen Plafond. Sie könne immer noch Eizellen produzieren, meinte Lilly, als sie an ihrem Bruschetto di Pomodoro kaute und gerade Adriano Celentanos „Azzuro“ aus den Lautsprechern gurgelte, trotz ihrer 45 Jahre seien ihre Eizellwerte so gut wie schon lange nicht mehr aufgrund der vielen Hormon- und Vitaminspritzen ihres Arztes hier in Venedig, noch vor einem Jahr seien die Werte unter 0,9 gelegen, vor zwei Wochen lagen sie erst bei 1,07, dann sogar bei 1,17; sie könne Markus sogar eine Tabelle mit den Meßwerten zeigen, Markus zuzelte stoisch am Weinglas und lehnte dankend etwas angewidert ab, während sie noch weiter ausholte und ungefragt Geheimnisse auskramte: zweimal hätte sie sogar abgetrieben in der Ehe mit ihrem ersten Mann, einem ruchlosen, rücksichtslosen Halunken, wie sie meinte, ein Malefizkerl im negativsten Sinne, einer, der mit seinen Schlägertrupps Feinde niederknüppeln ließ und sich danach vor Gericht freikaufte, so einer sei das gewesen, er habe sie auch in der Ehe immer wieder mit Gewalt gefügig gemacht, ihr verstorbener Vater hätte immer gemeint, sie seien als Middle Class-Familie nicht auf das Geld dieses Schnösels angewiesen gewesen, seine gut fünfzehntausend Dollar pro Monat als Facharzt hätten für ein gutes Leben für die Familie gereicht, doch sie hätte sich mit dem Unsagbaren eingelassen. Markus erwiderte daraufhin mit einer wegwischenden Handbewegung und mit deutlich lauter gewordener Stimme, daß sie endlich das Thema wechseln solle, weil ihn das wirklich nicht interessierte, da plapperte sie schon wieder weiter wie ein Berserker auf ihn ein: Übrigens seien ihre Ringe echt, meinte sie, ein Geschenk ihrer Mutter, mit der sie nun schon seit über vier Jahren keinen Kontakt mehr gehabt hatte, drei Brillantringe, Weißgold, Platin, Palladium, die Verlobungs- und Hochzeitsringe ihrer Eltern, die ihr Bruder hätte stibitzen wollen, sie sei aber schneller gewesen, so wie fast immer im Leben, sie grinste diebisch. Ihr Bruder sei ein wahrer Schuft voller Infamie und Niedertracht und hätte ihr alles genommen, das Penthouse, den Schmuck, die Ranch und die Corvette ihres Vaters, bestialisch und gierig sei er, milde sei sie, die sich nie gegen seine Habgier gewehrt hatte. Lauter ungefragte Unverschämtheiten dieser Too-much-Information-Hochglanzdiva, die ihr Markus aufgrund seiner Müdigkeit und des schlechten Chianti, der zunehmend seine Sinne bedröhnte, nachgesehen hatte. Die Emporkömmlinge verlangen stets den allergrößten Luxus, dachte sich Markus, egal ob in Venedig, Paris oder New York, wenn sie auftrumpften, mußten alle davon wissen, die Neureichen hauten auf die Pauke, sinnierte Markus, das Virus war ihnen einerlei, die Krise piepegal, alles konnten sie sich kaufen, außer Stil und Benehmen, die es in keiner Shoppingmeile dieser Erde oder an der Börse zu kaufen gab. Endlich kam der Fisch, eine Erlösung, sie gab Markus, der zuerst höflich abgelehnt hatte, ein Stückchen davon zu kosten, endlich für ein paar Augenblicke die Ruhe des Kauens und die Stille des Mahlens. Sie, ein einziges verzweifeltes Dasein einer entsetzlichen Existenz, blickte ihn für einen Moment an, er sei voller innerer Ruhe und Anmut, meinte sie schwärmerisch, ihn dabei fast ein wenig anhimmelnd oder gar anschmachtend oder dies zumindest vorgebend. Immer wieder erwähnte sie ihre furchtbare Verwandtschaft, ihre katastrophalen Ex-Beziehungen und ihren heruntergekommenen Gesundheitszustand, in New York interessiere sich kein interessanter Mann mehr für eine Übervierzigjährige mit einer Vergangenheit wie der ihren, die sich selbst „damaged“ nannte und dabei zerfloß sie in Selbstmitleid. Immer wieder nahm sie dabei ihr Goldhandy zur Hand und blickte sich narzisstisch-psychotisch in den Spiegel und machte dabei einen Kußmund, hob eine Augenbraue oder drehte ihr Köpfchen wie ein Gibraltaraffe auf Brautschau. Eine nicht unauffällige Lackaffigkeit umgab ihre Aura. Lilly war ein kosmopolitisches Produkt des Hedonismus und hätte genauso gut in einem noblen Restaurant auf der Wiener Kärntnerstraße sitzen können oder am Zürcher Limmatquai oder am Pariser Champs-Elysées, sie wäre nirgends aufgefallen und hätte überall hingepaßt und war doch auf die ihre eigene Weise einmalig peinlich und zugleich tieftraurig gewesen. Gespielt-gestelzte narzisstisch-depressive Quasieleganz. Markus blickte gegen dreiviertelelf Uhr bereits ungeduldig und etwas müde drein und rief nach dem Kellner, der aber nicht herbeikommen wollte. Als dieser schließlich nach einigen Minuten den Weg zum Tisch fand, raschelte Lilly mit zwei, drei Fünfzigeuroscheinen in ihren Händen, die sie dem Kellner aufdrängen wollte, während der alte Padrone ihr das Geld wieder theatralisch mit seinen feisten Pratzen zurück in ihre gut manikürten Hände mit den grellen Fingernägeln schob. Ein nicht ununterhaltsames Schauspiel, das sich dort etwa eine Minute lang abgespielt hatte, wenn Markus nur nicht bereits hätte gehen wollen. Der schwerfällig keuchende, adipöse Padrone, der wie selbstverständlich keine Maske trug und der freilich auch niemanden unter den Gästen mit einer Greenpass-Kontrolle belästigen wollte, ließ es sich nicht nehmen, vor Lilly mit Handyfotos aus den frühen Neunzehnhundertachziger Jahren zu prahlen, die ihn mit Bräunungscreme in Bodybuildermanier als