Gutland - Uve Kirsch - E-Book

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Uve Kirsch

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Beschreibung

Bahlenbrede ist ein Dorf zwischen Ost und West. Man lebt hier gut und ruhig abseits des Weltgeschehens und hat überschaubare Träume. Eine Gruppe von lokalen Investoren schmiedet große Pläne und will ein "Horse & Rider Wellness & Beauty Center" errichten. Gerade ist alles unter Dach und Fach, da muss der Ort Flüchtlinge aufnehmen und die Träume vom großen Geld zerplatzen wie Seifenblasen. "Besorgte Bürger" und die engagierte Willkommensinitiative prallen aufeinander und der Ort gleitet in das Chaos.

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Uve Kirsch

Gutland

Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber..

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Dorfarzt

2. Mut zum Flug

3. Deutsches Haus

4. Bromberger

5. Denkmalrambo

6. Klettermaxe

7. Macht kaputt was euch kaputt macht

8. Aufs Kreuz gelegt

9. Feuneland

10. Der juckende Heinrich

11. Bürgermeisterflirt

12. Dorfarztnöte

13. Luftgeld

14. Dorfchronist

15. Traveblick

16. Seetraum

17. Alpenglühn

18. Elfmeter für Bromberger

19. Hängen geht noch

20. Tabula rasa

21. Brüder im Geiste

22. Bentleyfantasie

23. Bauglück

24. Pleitegeier

25. Aufstieg

26. Vernehmung

27. Der Plan

28. Nestbeschmutzung

29. Titti Twister

30. Am Ende

31. Einkaufen

32. Rente

33. Jedem Anfang ...

34. Eilige drei Könige

35. Der läppische Gaul

36. Unverträglichkeiten

37. Exit

38. Strandkorbglück

39. Bromberger schwingt

40. Sie kommen

41. Geschmackreich

42. 627 v. Chr. Mecklenburg

43. Fallobst

44. Routine

45. Internetseite

46. Unblond

47. Mutiger kleiner Bürgermeister

48. "Sechs! Setzen!"

49. Erste Gurke

50. Moselmkricher

51. Berufsehre

52. Gegrillte Tomate mit Koriander-Taboulé

53. Konrads Idee

54. Stehend K.O.

55. Restmensch-Recycling

56. Opfergrube

57. Das Willkommenskomitee

58. Bürgerwache

59. Bier verbindet

60. Summertime sadness

61. Besorgte Bürger

62. Zentral weit weg

63. Camel Trophy

64. Platt

65. Gutmenschen-Sport

66. Returnmobbing

67. Ein stolzer Preis

68. Stabiles Strichmännchenniveau

69. Bettenbasar

70. Banküberfall

71. Russe weg

72. Kulturscheune

73. Nigger-Knigge

74. Spannender Schlaf

75. NetzNaziJäger

76. Konrad

77. Augenzeugen

78. Secret Beauties-Kalender

79. Flambierte Dusche

80. Bromberger TV

81. Araberdressur

82. Turbulenzen

83. Alles togal

Impressum neobooks

1. Dorfarzt

Gutland

Wir haben nichts gegen Flüchtlinge, aber...

Den Ort Bahlenbrede gibt es ebenso wenig auf der Landkarte Deutschlands wie die Tablette Valuron in den Apotheken. Leider. Alles Andere in diesem Roman könnte ebenfalls frei erfunden sein.

Gutland

Uve Kirsch

Erster Teil

Im Wartezimmer war es still. Es war Montag und kurz vor 12 Uhr, Zeit für einen kleinen Mittagstisch im Deutschen Haus. Renate, die Sprechstundenhilfe, lugte kurz in das Behandlungszimmer. "Vorne habe ich schon abgeschlossen und im Wartezimmer sitzt nur noch die alte Frau Eulend. Kann ich dann schon mal gehen?" Dr. Hofkrampe nickte. Die Tür fiel hinter ihr zu und Dr. Hofkrampe hörte das Geklacker harter Absätze im Flur und im Treppenhaus. Ausgerechnet Frau Eulend. Gab es heute keine angenehmeren Patienten?

Dr. Ralph Hofkrampe hasste Montage. An Montagen fiel das Arbeiten besonders schwer, da kamen sie alle. Die, die keine Lust hatten und die, denen das Wochenende auf den Magen oder die Psyche geschlagen war. Ein paar davon kamen am Dienstag und natürlich die Schüler, die einer Klassenarbeit aus dem Weg gehen wollten. Mittwochs kamen die, die Rücken hatten oder einen Infekt. Oder einen akuten Anfall von Heuschnupfen. Donnerstags kamen die ernsthaft Kranken. Die, die er weiter verweisen musste an spezialisierte Fachärzte oder sogar in die Kliniken der Landeshauptstadt. Freitags würden die Montagsblaumacher kommen, aber freitags hatte die Praxis geschlossen. Die Blaumacher kamen deshalb alle am Montagmorgen, schon am Donnerstag zu kommen trauten sie sich nicht.

In den kalten Monaten war das Wartezimmer überfüllt mit überbesorgten Müttern, die ihre verrotzten Kleinkinder auf dem Arm trugen und ihn mit besorgten Mienen anstarrten. Die Mütter litten mit, ihnen ging es psychisch oft schlechter als den Kindern und sie hatten keinerlei Hemmungen, dies offen zu zeigen. Aber jetzt war Sommer, das Dorf lag träge in der Hitze, die dynamischen Neubürger, die Zugezogenen mit ihren Traumjobs im IT- oder Managementbereich, waren samt ihrer Musterfamilien in den Urlaub entschwunden.

Nur die Alten oder Daheimgebliebenen, die weniger Vermögenden und die Vergessenen hielten hier die Stellung in ihren Datschen und Gärten, am Grill und in der Hollywoodschaukel. Jeder, der einen Wagen besaß und nicht arbeiten musste, war jetzt an der Ostsee, auf dem Priwall oder an der Küste bei Barendorf. Die Moped- oder Radfahrer rollten bis an die Badestelle am See und blieben dort im sicheren Schatten, mit den Füßen im Wasser, die Kiste Bier einen halben Meter tief auf dem Grund des Gewässers, bis es erträglicher wurde. 34° Grad sollte es heute werden und windstill. Unerträglich.

Wer heute kam, war ernsthaft krank oder hatte ein anderes wichtiges Anliegen. Ralph Hofkrampe war seit einem Jahrzehnt Dorfarzt. Bei ihm landeten alle Geschichten, Dramen und Triumphe. Alle Sorgen, Nöte und Neidereien, die im Dorf im Umlauf waren, fanden früher oder später ihren Weg zu ihm. Meistens früher.

Er kannte die Ehegeschichten der meisten Bewohner besser als deren Nachbarn. Gerade die Neuen suchten nach Kontakt und gaben ihm mehr preis als manch Alteingesessener. "Vielleicht ein Versuch, die Isolation zu durchbrechen", dachte er.

Dr. Hofkrampe atmete einmal tief durch und betätigte dann die Taste der Rufanlage. "Frau Eulend, bitte in das Sprechzimmer eins." Aus dem Wartezimmer hörte er das Knarren von Stuhlbeinen auf den nackten Holzdielen. Er stellte sich an das Fenster, ließ seinen Blick über den langgestreckten See schweifen, im Osten der neue Sportplatz mit den Wiesen davor, das westliche Ufer mit seinen gewaltigen Trauerweiden, die Seewiesen nahe am Ort, an deren Rand der breite Schilfgürtel im leichten Wind wogte. Die tiefen Wälder, die sich nach Norden am Horizont in Richtung Ostsee verloren gaben dem Land diese Weite, für die er es liebte.

"Es ist schön hier", dachte er, "ein gutes Land". Der alte Wasserturm am östlichen Ufer strahlte etwas Verwunschenes aus, besonders, wenn die Nebel über dem Wald hingen, aus den er um viele Meter herausragte. Über dem Schilfgürtel kam ein Reiher im Sinkflug nieder und verschwand im Halmdickicht am Ufer. Er sah bunte Schlauchboote nahe der Badestelle am Ende der Seewiese treiben, Schwimmer und dazwischen ein Surfbrett. Pferde standen auf der Koppel und grasten und über ihnen kreiste träge ein Habicht auf seiner Suche nach einer unvorsichtigen Feldmaus. Am alten Schulgebäude stand ein schwarzer Kombi, aus dem ein Pärchen stieg. Die Tür des Sprechzimmers öffnete sich und die ältliche Bäuerin schlurfte gebückt durch die Tür.

Die alte Frau war dicklich, klein und geschwätzig. Sie kam häufig, immer nur montags, und sorgte jedes Mal dafür, dass sie die letzte im Sprechzimmer war. Ihre Wehwehchen waren meist nur Bagatellbeschwerden, wenn sie nicht sogar komplett erfunden waren. Für ihre siebzig Jahre war sie überraschend gut in Schuss. Nein, daran lag es nicht. Sie war gefährlich, denn wenn sie kam, gab es meist etwas zu berichten. Selten etwas Positives. Sie wusste alles und heute machte sie wieder Meldung. Wahrscheinlich ging es einem der neuen Zuzügler an den Kragen. Totsicher hatte sie Informationen, mit denen sie einen von ihnen an den Dorfpranger stellen konnte.

"Sie ist eine Runkunkel", dachte er, "eine alte Bäuerin, die nicht mehr auf dem Feld arbeiten kann, am Spinnrad sitzt und Wolle spinnt. Grobe Wolle und dunkle Geschichten. Und sie strotzt nur so vor lauter Boshaftigkeit gegenüber ihren Mitmenschen. Mal sehen, was sie heute für mich hat." Also nur noch diese eine Patientin, dann war endlich Pause.

Ralph Hofkrampe musste sich eingestehen, er hatte Angst vor ihr. Denn auch er hatte etwas zu verbergen. Das Geheimnis seiner Hausbesuche. Als neue Bürgerin dieses Ortes wohnte man weit ab vom Schuss, soweit ab, dass man irgendwann genervt und gelangweilt in der Fertighausvilla hockte, im Internet surfte und beschäftigungslos auf den Mann wartete. Oder man bekam schlimme Kopfschmerzen und Migräneanfälle und ging in seine Sprechstunde. Ralph Hofkrampe war ein attraktiver Mann. Er mochte Frauen, er wollte keine festen Beziehungen. Er merkte, dass die Frauen ihn mochten. Er nahm seine Hausbesuche wieder auf, wenn man wirklich nach ihm verlangte. Auch als Mann. Die Bäuerin setzte sich.

"Was haben wir denn heute?"

"Ich hab so ein Kratzen im Hals. Morgens muss ich immer Husten, dann kommt sogar Schleim!"

Routine. In den Rachen gucken, Brustkorb abhorchen. Keine verdächtigen Geräusche. Er untersuchte die Frau.

"Zum Kratzen kann ich nichts erkennen. Aber vielleicht sitzt das auch ein bisschen tiefer. Ich gebe Ihnen etwas zum Gurgeln. Und die Bronchien rasseln ein wenig. Waren Sie nicht im Frühjahr noch erkältet? Bronchitis?"

Sie nickte. "Aber geraucht haben Sie nie?"

"Igitt!" Sie schüttelte den Kopf.

"Es kann sein, dass davon noch immer etwas übrig ist und deshalb ab und zu Schleim ausgeworfen wird. Das hört sich aber nicht gefährlich an. Ich gebe Ihnen etwas zum Inhalieren. Sie können sich anziehen."

Frau Eulend zog sich umständlich ihre viel zu weite Bluse über und knöpfte sie mühsam zu. Dr. Ralph Hofkrampe kritzelte etwas auf seinen Rezeptblock.

"Und dann hab' ich noch so ein Ziehen im Rücken und zwischen den Schultern." Sie vollführte eine groteske Bewegung, um ihm die Stellen zu zeigen. "Etwa hier und hier."

"Aha. Aber laufen können Sie noch?"

"Ja. Aber wenn ich lange sitze, dann zieht es da." Sie zeigte auf eine Stelle im unteren Lendenwirbelbereich.

"Aha." Dr. Hofkrampe reichte ihr das Rezept.

"Ach übrigens, haben Sie schon gehört, mein Bruder will die Seewiesen verkaufen? Er hat das Grundstück teilen lassen. Ein Stück neben der Schule ist wohl schon verkauft."

"Ach nee, wirklich?" Das war wirklich eine Neuigkeit, denn bislang galt dieses Filetgrundstück direkt am See als unverkäuflich.

"Doch." Sie war sichtlich stolz darauf, ihre Neuigkeiten als Erste präsentieren zu können. Sie reckte ihr Kinn wichtigtuerisch empor. "Wahrscheinlich wird da jetzt doch noch gebaut", legte sie nach.

"Das glaube ich nicht. Im Bebauungsplan steht doch da ganz eindeutig: Weideflächen und Naturreservat."

"Ach was, Bebauungsplan! Geld bestimmt die Welt!", stieß sie hervor. "Wenn die verkauft werden, wird da auch gebaut. Der wird ganz schnell geändert. Sie werden sehen, so wird es kommen."

"Abwarten." Ralph Hofkrampe war skeptisch.

Sie schüttelte den Kopf und warf dann einen Blick auf das Rezept. "Und für meinen Rücken haben Sie mir nichts aufgeschrieben?" Ihre Enttäuschung schwang mit und Dr. Hofkrampe duckte sich unwillkürlich.

"Nein, das ist nicht nötig." Ihre Penetranz ging ihm auf die Nerven. "Ich kann Ihnen aber was raten."

"Was denn?"

Der Doktor überlegte kurz. "Bewegen Sie sich. Gehen Sie wandern."

"Wie bitte?"

Dr. Hofkrampe erhob sich. "Ja, gehen Sie wandern. Beim Wandern läuft man sich den Alltagskummer weg und man wird entspannter. Man entdeckt Neues und nimmt seine Umwelt bewusster wahr. Man wird ausgeglichener und regt sich nicht so schnell auf. Wandern ist gut für unser physisches und psychisches Wohlbefinden und man nimmt dabei auch noch spielend ab."

Er klopfte ihr dabei leicht auf ihr ausladendes Hüftgold, während er sie sanft aber bestimmt in Richtung Ausgang schob. Frau Eulend schüttelte verständnislos ihren Kopf und sie schüttelte ihn immer noch, als sie den Flur hinunter ging. Er musste vorsichtig sein, sonst würde er zum Ziel ihrer Rache.

Er schloss die Tür hinter der dicken Frau und sperrte ab. Auf dem Balkon seines Arbeitszimmers gönnte er sich eine Zigarette. Das Beste an seiner Praxis war dieser Balkon.

Sie lag im Obergeschoss des höchsten Gebäudes Bahlenbredes. Von hier aus hatte man alles im Blick, den ganzen Dorfanger bis hinunter zum alten Schulgebäude und dem See. Wenn er nach Praxisschluss das Licht anließ, dachte man im Dorf, er würde bis spät abends arbeiten. Der Trick mit der Zeitschaltuhr hatte ihm schnell einen Ruf als fleißiger Arzt eingebracht. Die zwölf Euro waren eine lohnende Investition.

Das Wetter war schön, es war der wärmste Sommer seit langem. Eigentlich war er ganz zufrieden. Er stellte sich an die Balustrade und zog den Rauch ein. Er entspannte sich. Alles war gut. Die Entscheidung war richtig gewesen, obwohl er hier keine Reichtümer anhäufen würde. Hamburg lag hinter ihm, das Krankenhaus und die Scheidung auch. Das hier war eine kleine, schöne Welt. Karriere war nicht alles.

Bahlenbrede, so hieß das Dorf. Eigentlich war es gar kein richtiges Dorf mehr. Als kurz nach der Wende der alte Landarzt in Pension gegangen war, hatte er nicht lange gezögert und seine Stelle als Assistenzarzt im Hamburger Albertinenkrankenhaus aufgegeben. Er war das Wagnis eingegangen, hatte gekündigt, einen Kredit für die Praxis und die Patientenkartei aufgenommen und zog hierher. Damals waren es kaum mehr als zweitausend Menschen, die an diesem Flecken wohnten. Es gab einen kleinen Konsum, zwei Dorfkneipen, die sich gegenseitig den Rang streitig machten, bis schließlich eine auf der Strecke blieb, einen kleinen Bäcker, der nur morgens für zwei Stunden geöffnet hatte, einen Ponyhof, die freiwillige Feuerwehr und einen Landarzt. Und das war jetzt er selbst, Ralph Hofkrampe.

Das Dorf war auf die doppelte Größe gewachsen, hatte Speck angesetzt, an den Rändern. Es hatte Nebenarme und Tentakeln gebildet. Die Neubausiedlung auf dem Hypothekenhügel war binnen weniger Jahre gewachsen und bescherte dem Dorf einen beachtlichen Bevölkerungszuwachs und sprudelnde Einnahmen aus der Einkommenssteuer. Jetzt gab es ein kleines Einkaufzentrum auf der anderen Seite, einen provisorischen Anbau an die kleine Grundschule, eine Tankstelle und ein echtes Restaurant. Der Sportverein bot neuerdings sogar Beachvolleyball und Kijutsu an. Von einer Leichtathletik-Abteilung hatte er auch gehört. Die Gruppen waren zwar noch klein, aber sie wuchsen, immerhin. "Das Dorf macht sich langsam", dachte Ralph Hofkrampe und schnippte seine Zigarette über die Balkonbrüstung. Eigentlich war alles in Ordnung - bis auf das Geld. Am Ende des Angers kletterte jemand unbeholfen über die geschlossene Pforte der alten Schule.

2. Mut zum Flug

Wulf Lindaus Leben war übersichtlich. Nicht langweilig oder ereignisarm, nein, darüber konnte er sich nicht beklagen. Übersichtlich war es dennoch. Normalerweise. Er arbeitete immerzu, ständig, rund um die Uhr. An den Wochenenden und an den meisten niedrigen Feiertagen. Er kam oft spät nach Hause, nur um zu essen, zu duschen, seine Sachen zu wechseln und zu schlafen. Meist allein, aber wenn er seiner Frau Katharina begegnete, dann gelegentlich auch mit ihr. Anschließend ging er wieder arbeiten. Er war überall zu Hause, in Deutschland, in Europa. Er hatte eine kleine Messebaufirma und war als Inhaber hauptverantwortlich für alle wichtigen Projekte. Er war berufsbedingt polyglott, hielt sich für sattelfest und souverän und behauptete von sich, angstfrei durchs Leben zu gehen.

Aber darin irrte er sich gewaltig, wie er gerade feststellen musste. Denn er balancierte auf der Spitze eines verrosteten schmiedeeisernen Zaunes, kämpfte mit seiner aufkommenden Panik und hielt sich angsterfüllt an einem alten Pfosten fest. Der Zaun unter ihm zitterte und wackelte bei jeder Bewegung. Wenn er den linken Fuß löste, würde sein gesamtes, nicht unerhebliches Gewicht nur auf dem rechten Fuß lasten und der Zaun drohte einseitig einzuknicken. "Scheiße", dachte er, "ich mache mich so was von lächerlich."

"Mach dich nicht lächerlich!", tönte es von der anderen Seite des Zauns. " Na, spring schon, du Feigling!" Seine Frau stand im hüfthohen Gras und machte sich über ihn lustig. Im Gegensatz zu ihm hatte sie keinerlei Probleme bei der Überwindung des Zaunes, im Gegenteil. Er war überrascht, wie geschmeidig sie förmlich über das Hindernis geflogen war. Davon war er meilenweit entfernt. Es bildeten sich Schweißperlen auf seiner Stirn und zwei Fliegen umschwirrten seinen Kopf. "Ach, scheiß drauf", sagte er zu sich selbst, nahm seinen letzten Mut zusammen und schwang sein linkes Bein über die Zaunkante. Er stieß sich ab und landete stolpernd im niedrigen Gestrüpp.

"Alle Achtung!", sagte Katharina lachend, während er sich das Hemd abklopfte und dabei versuchte, möglichst unberührt zu gucken. Aber in seinem Inneren kochte es. "Es war ihre Idee", stellte er fest, "ganz allein ihre Idee." Sie hatte ihn hier her gelockt, in seiner wertvollen Freizeit.

"Hoffen wir, dass es sich lohnt", dachte er und bog einen niedrigen Busch zur Seite, um einen besseren Blick auf das Haus zu bekommen.

Sie standen vor einem großen alten Gebäude in rotem Backstein, eingerahmt von zwei stattlichen alten Magnolienbäumen. Der verrostete Zaun mit seiner breiten schmiedeeisernen Pforte erzählte von vergangener Herrlichkeit. Drei breite Granitstufen führten zu einem großzügigen Vorbau, in dessen Innerem eine zweiflügelige massive Eichentür Wind und Wetter trotzte. Über dem Vordach stand ein Schriftzug. "Volksschule Bahlenbrede 1898". Das Gebäude war sicher länger als achtzehn oder zwanzig Meter. Sechs alte Sprossenfenster zeigten zur Straße. Im Schleppdach saßen vier kleine Gauben. Selbst als halbe Ruine besaß das Gebäude noch einen historischen Charme.

"Scheiße", sagte Wulf Lindau und wollte die Eingangstür aufdrücken. Eine verrostete Kette fesselte die beiden Türflügel aneinander. Er schaute nach links und nach rechts, das Dorf schien zu schlafen, niemand war zu sehen. Nur am Ende des Angers in dem hohen Gründerzeithaus stand eine Balkontür offen. Er gab der Tür einen deftigen Tritt, aber die Kette hielt stand.

"Egal", dachte er und schaute an seinem Anzug hinunter. Katharina hatte ihn hier her gelotst. Nun gut, jetzt war er hier, der Anzug ließ sich ersetzen. Das, was einmal ein Vorgarten gewesen war, ging ihm bis zur Hüfte. Es summte und raschelte. An seinen Hosenbeinen klebten Kletten. Er kämpfte sich durch die Macchia der Ginsterbüsche und wilden Brombeersträucher bis er Katharina eingeholt hatte. Sie standen in einem Hof, der hinten an ein offenes Feld grenzte. Der Pausenhof, in dessen Mitte ein mit Efeu überwachsender gemauerter Brunnen stand. Am Ende kauerten niedrige Eichengehölze, zwischen denen das Blau des Sees schimmerte. Ein länglicher Anbau aus roten Ziegeln schob sich weit nach hinten. Oben eine Reihe von Gauben, unten breite Sprossenfenster mit eingeschlagenen Scheiben, die leeren Fensterflügel hingen lose in den Angeln. Blauregen rankte sich die Außenmauern hoch. "Geil!", sagte er zu Katharina und kämpfte sich durch das niedrige Brombeergestrüpp bis zu den offenen Fensterflügeln des Anbaus. Wulf Lindau hörte ein Reißen und er wusste, sein Anzug war Geschichte. Unter seinen Füßen knirschte Glas. Von außen öffnete er einen Fensterriegel und drückte den verzogenen Fensterflügel nach innen. Er zog sich ächzend hoch und rollte sich über den Rahmen in den Innenraum. Das war schmerzhaft, aber er war drinnen. Er beugte sich aus dem Fenster und gab Katharina mit einer Hand Hilfe.

Sie standen in einem alten Klassenzimmer und schreckten eine Taube auf, die sich gurrend verzog und durch ein kaputtes Fenster nach draußen entschwand. Umgestürzte, kaputte Stühle und Bänke lagen wie von wirrer Hand verstreut herum. An den Wänden hatte jemand ausgiebigen Gebrauch von einer Spraydose gemacht und ein Graffiti zum Thema Geschlechtsverkehr dort hinterlassen, wo einmal die Tafel hing. Deren zertrümmerte Reste fanden sich verteilt über den Boden. Es roch feucht, modrig, nach Schimmel. Sie gingen über knirschende Glasscherben in das Haupthaus und ihre Schritte hallten nach in den verlassenen Räumen. Im Haupttrakt gab es noch ein paar unzerstörte Toiletten, in denen die Plastikarmaturen aus den Waschbecken gerissen waren. Es stank. Das Klobecken in der Jungentoilette hatte einen breiten Riss und in der Klopfanne stand ein gelblicher Rand kristalliner Ablagerungen.

Wulf Lindau stellte sich mit gespreizten Beinen in das Handballtor, die Hände erhoben, bereit, die scharfen Würfe des Gegners abzuwehren. Katharina machte ihm den Gefallen. Sie schritt zum imaginären Sieben-Meter-Punkt, tat so, als hielte sie einen Ball und warf. Wulf Lindau wehrte den Wurf mit einem Reflex ab.

Er grinste. Die Bude war ein Hammer, auch in diesem halbruinösen Zustand.

"Was kostet der Schuppen?", fragte er seine Frau.

"Einhundertzwanzigtausend." Sie drehte sich, ging die Treppe runter und ließ die Zahl einfach so im Raum stehen, wo sie von den Wänden reflektiert wurde und als Nachhall in seinen Ohren hängen blieb. Sie hatte dabei nach unten geblickt, aber er glaubte, beim Rausgehen ein Lächeln in ihren Mundwinkeln entdeckt zu haben.

3. Deutsches Haus

Ralph Hofkrampe saß auf seinem Stammplatz, am Ende des Anbaus mit dem herrlichen Blick in den Biergarten mit seiner mächtigen Linde, der etwas erhöht am Endes des Dorfangers lag. Er war der einzige Gast im Schankraum. Der Garten war um die Mittagszeit gut besucht. Er starrte aus dem Fenster, auf dem ein dünner Schleier von getrocknetem Blütenstaub klebte, den der letzte Gewitterschauer nicht runterspülen konnte. Eine Fliege summte entlang der Scheibe, prallte geräuschvoll gegen das Glas. Sie blieb auf dem Rücken und mit den Beinen strampelnd auf dem Fensterbrett liegen. Hinter der vergilbten Gardine lagen schon drei andere vertrocknete Fliegen.

Er mochte diesen Platz. Draußen fühlte er sich wie auf dem Präsentierteller, die Leute erkannten ihn, grüßten freundlich, mit einem Kopfnicken oder einer Handbewegung, aber früher oder später legte einer seine Scheu ab, sprach ihn an und fragte ihn aus nach Krankheitsbildern, nach Therapien, nach Fachärzten. Nie interessierte sich jemand für ihn als Person, für seine Vergangenheit und seine Qualifikationen oder für seine Gründe in dieses abgelegene Nest zu ziehen. Aber das war ihm recht, denn er wollte nur seine Ruhe. Obwohl sie ihn oft ansprachen, war er keiner von ihnen - und würde es auch bleiben.

Sie brauchten ihn und so nahmen sie ihn auf, wie jemanden, auf den man nicht verzichten kann. Es war der Respekt vor seinem Titel, der ihm Achtung einbrachte. Ohne seinen "Doktor" wäre er ein Fremder, obwohl er schon seit zehn Jahren hier lebte. Zehn Jahre sind gar nichts auf dem Lande. Bei den Freien Wählern fand er ein politisches Zuhause, allein weil er neu hier war, keiner der verdienten alten Sozialisten, die seit der Wende den Ort regierten. Er litt nicht unter seiner isolierten Stellung, denn eigentlich war es ganz bequem so. Er hatte alles richtig gemacht, fand er: Die Ex-Frau war in sicherer Entfernung und beschränkte sich auf gelegentliche postalische Sticheleien. Er zahlte seine Alimente pünktlich und so drehte sich die Kommunikation mit ihr meist nur um die Vereinbarung der Besuchstermine der Kinder, die nun langsam in ein Alter kamen, in dem man sich nicht sonderlich für die Belange seiner Erzeuger interessierte. Sie begannen, ihre eigenen Wege zu gehen und ließen sich immer seltener bei ihm blicken. Gut, etwas mehr Geld hätte es schon sein können, aber man kann nicht alles haben. Sein eigentliches Problem war auch nicht seine Vergangenheit und sein Einkommen.

Es waren die Frauen im Allgemeinen. Er mochte Frauen. Und sie mochten ihn. Soweit war das alles in Ordnung. Aber die finanziellen Folgen seiner Scheidung hatten ihn kurzzeitig an den Rand des Ruins getrieben und jetzt war er ein gebranntes Kind. Er scheute sich, eine ernste Beziehung einzugehen. Einige Bettgeschichten hatte es gegeben, aber sie waren oberflächlich und nur von kurzer Dauer. Die Damen mochten ihn, als Arzt, als Mensch, als Mann. Er konnte zuhören und so kamen sie gern zu ihm, die Zugezogenen, die Einsamen und Unausgelasteten. Die Neuen waren fremd hier und bildeten eine eigene kleine Gemeinschaft unter sich, die mit der einheimischen Dorfbevölkerung nur selten verkehrte. Ihnen ging es wie ihm selbst. So war er Helfer in der Stunde der Not, tröstete, beriet und leistete Beistand. Bislang fuhr er gut damit. Er musste nur darauf achten nicht, zu viele Hausbesuche zu machen.

4. Bromberger

Das hässliche Dorfwappen an der Wand stammte noch aus der Vorwendezeit. Es zeigte einen Baum mit einem ausladenden Ast und darunter einen abgesägten Baumstumpf. Trotz langer Grübelei hatte Bürgermeister Bromberger noch nicht herausfinden können, was es bedeutete. Am ehesten sah der Baumstumpf aus wie ein Hauklotz, aber seine Vermutung behielt er lieber für sich. Er wollte ein neues, modernes Wappen, aber das war gar nicht so einfach, selbst für einen Bürgermeister. Er war aus dem Westen zugereist und da es ihm an Ortsverbundenheit mangelte, musste er aufpassen, dass er seine Mitarbeiter mit seinen Änderungswünschen nicht zu sehr brüskierte. Sie arbeiteten im Amt schon zur DDR-Zeit, für sie war das Wappen ein Stück ihrer Tradition. Wie war es entstanden? Er hatte keine blasse Ahnung. Vielleicht sollte er einmal einen ortsansässigen Heimatkundler befragen. Doch wer kannte sich in Bahlenbredes Vergangenheit aus? Am ehesten kamen der Pfarrer oder einer der alten Schullehrer in Frage. Er würde sie kontaktieren.

Er hatte in seinen ersten Monaten im Amt versucht, das Wappenschild unauffällig zu entsorgen, aber er wurde von Frau Lehmann, eine der Damen aus dem Einwohnermelde- und Ordnungsamt dabei erwischt. Die Sache sprach sich rum und die Damen im Amt fühlten sich persönlich gekränkt. Abgefunden hatte er sich mit dem Dorfwappen aber noch lange nicht.

Bromberger plante Großes: eine Marketingoffensive für den Standort Bahlenbrede. Ein gutes Wappen war dafür Pflicht. Das alte machte wirklich nichts her. Es war einfach nicht marketingtauglich. Ein Baum, ein Ast, ein Baumstumpf. Hatten hier einmal Holzfäller gelebt? Die alten Gemeinderatsmitglieder dazu zu bringen sich des alten Wappens zu entledigen, würde nicht einfach sein. Was er brauchte, war ein gutes, stimmiges Konzept. Eines, worin sich jeder wiederfand, eines was begeisterte. Doch hatte er nicht einen Schimmer einer Idee. In seiner Not hatte er Kontakt zu seinem Neffen Konrad, der in Freiburg Grafik- und Kommunikationsdesign studierte, aufgenommen. Der sah das als Chance, um Praxiserfahrung zu sammeln und sagte eine Reihe Entwürfe zu. Nebenbei hatte er gefragt: "Habt Ihr eigentlich eine Web-Seite?" Bahlenbredes Internetseite bestand aus einem Foto des Dorfangers und einem Informationsblock über die Öffnungszeiten der verschiedenen Gemeindeeinrichtungen. Das war alles. "Internetsteinzeit" konstatierte Konrad: "Ich mache gleich mal einen Entwurf dazu und baue die Wappenentwürfe mit ein." Im Spätsommer sei er fertig, hatte sein Neffe zugesichert. Bromberger grübelte, wie er dem Gemeinderat seine Idee präsentieren konnte. Vielleicht sollte er einen Bürgerwettbewerb veranstalten: "Bahlenbrede - zwischen Tradition und Moderne. Ein Dorf sucht seine Identität." Ja, das wäre ein Ansatz. Oder sollte er die Schulen dafür einspannen: "Mach Dir Gedanken um unser Dorf in der Zukunft und male ein Bild zu Bahlenbrede!" Nein. Lieber nicht, die Ergebnisse würde man im Gemeindesaal ausstellen, um dann einen Arbeitskreis zu gründen, der vierteljährlich tagte und nach zwei Jahren zu dem Ergebnis kommen würde, dass im Grunde alles gar nicht so schlecht sei - mit Ausnahme der Stühle im Sitzungssaal, die mal aufgepolstert werden müssten. Nein, das brachte ihn nicht weiter. Er verjagte eine Fliege, stand auf und schloss die Jalousien vor seinem Bürofenster. Dann schaltete er den Computer an und ging auf die Bahlenbrede-Seite. Mit der war wirklich kein Staat zu machen, die war so veraltet wie das Gemeindeamt selbst, ohne Flash-Animationen und interaktives Bürgerboard. Er musste Schwung in diesen verstaubten Laden bringen. Er brauchte eine Vision.

5. Denkmalrambo

Die Butze war kaum mehr als ein Schweinestall und dazu noch winzig. Die niedrigen Decken drückten ihn runter. Mit seinem Gardemaß von mehr als einen Meter fünfundneunzig hatte er ständig das Gefühl, sich bücken zu müssen. Er ging in die Küche und stieß mit dem Kopf an die Unterkante des Türrahmens. Er rieb sich die schmerzende Stelle. In der Küche roch es muffig. Das Haus war kleiner als es aussah, nur knapp 70 qm Grundfläche, ein Dachgeschoß und ein winziger Keller. Kaum größer als die Mietwohnung, die sie noch in der Hansestadt bewohnten. Das Dachgeschoss war noch winziger als das Erdgeschoss, der niedrige Dachstuhl kostete Wohnfläche. Michael Beer fluchte. Das, was er sah, war weit weg von dem was er wollte.

Das Haus stand unter Denkmalschutz und der verhinderte einen Umbau des Dachstuhls. "Der ist wie eine Höhle für Hobbits!", fluchte Michael Beer. Die großzügige Freiterrasse hatte die Dame vom Bauamt auch gestrichen. "Nicht objekttypisch" hatte sie dazu gesagt. Den Pool im Keller auch. "Gefährdet die Bausubstanz." Michael Beer war frustriert. Er wollte Platz. Hier wollte er seine Kunden empfangen. Er war der führende Mercedes-Händler in Mecklenburg-Vorpommern, er musste repräsentieren. Das hier war nicht repräsentativ, in gar keinem Fall und würde es auch nie sein. Eine Butze, das war es. Michael Beer schüttelte sich feinen Sand aus seinen Haaren, der aus der rissigen Decke herunter rieselte.

Wieso eigentlich war er so blöd gewesen, dieses Haus zu kaufen? Michaela, seine Frau hatte ihn überredet, mit wochenlangen Tiraden hatte sie ihn bedrängt, übertölpelt, ja förmlich gezwungen. Die Pferdeweide grenzte an den Garten und ein eigener Parcours war schon immer ihr Herzenswunsch. Als Volltrottel wie er im Buche steht, hatte er den Kaufvertrag unterschrieben, obwohl das Haus damals schon nicht größer gewesen war als heute. Als er die Pläne einreichte, die einen großzügigen Umbau des alten Bauernhauses vorsahen, kam kurz danach der ablehnende Bescheid vom Denkmalamt. Als hätte er so etwas schon geahnt. Jetzt stand er hier in dieser Butze und musste mit dem klar kommen, was er vorfand. Und das war nicht viel.

Dabei war das Gebäude auf der Straßenseite gegenüber viel geeigneter. Ein altes Schulgebäude, zwar in einem ruinösen Zustand, ok, aber mit ein wenig Kleingeld ließ sich daraus etwas machen. Aber Michaela war dagegen gewesen. Keine Weide, kein Parcours. Als dann noch wochenlanger Sexentzug dazu kam, hatte er schließlich "Ja" gesagt. Obwohl er unter dem Sexentzug eigentlich nicht besonders litt, denn er war oft selbst ziemlich lustlos und es gab durchaus Alternativen. Außerdem stand die Schule damals noch nicht zum Verkauf, der Eigentümer hielt ihn wochenlang hin und reagierte nicht auf seine Anrufe.

Er sah durch das verdreckte Küchenfenster. Ein schwarzer alter BMW stand vor der Schule und ein untersetzter Anzugträger bemühte sich verzweifelt, über den Zaun zu klettern. Im verwilderten Garten stand eine Frau und schien zu lachen. Wahrscheinlich die ersten Kaufinteressenten, seitdem der alte Eulend das Seegrundstück geteilt hatte. Wenn er etwas eher gekommen wäre, vielleicht hätte er dem alten Landwirt das ganze Grundstück abschwatzen können. Aber da hatten sie diese Butze schon erworben. Er hasste es, sich das einzugestehen, aber für ein Grundstück von der Größe der ganzen Seewiesen reichten selbst seine finanziellen Mittel nicht. Jetzt hing er hier mit dieser Butze, aber wenigstens Michaela war glücklich und plante den Reitparcours und Stallungen. Wesentlich mehr Sex hatten sie gegenwärtig trotzdem nicht, zumindest nicht miteinander. Aber seit er eine neue Assistentin in seiner Finanzbuchhaltung begrüßen durfte, konnte er sich in dieser Hinsicht wirklich nicht beklagen. Die junge Dame stand auf den Geruch von Gummi und das Reifenlager lag in einer abgeschiedenen Lagerhalle, die nach 15 Uhr praktisch verwaist war.

Der Chef der polnischen Bauarbeiter, der nur in bar bezahlt werden wollte und dafür keine Quittung ausstellte, stand neben ihm und wartete. Michael Beer schaute auf die alte Fachwerkscheune, die Reihe von hässlichen Stallungen und Verschlägen, die scheinbar wahllos und windschief im hinteren Teil des Grundstücks standen. "Alles abreißen. Alles, bis auf die Scheune", sagte er zu dem Polen. Der zuckte mit den Achseln. "Die Scheune nicht?" "Nein, die nicht. Aus der mache ich später vielleicht ein Gästehaus." Der Pole schüttelte seine schütteren Locken. "Ist bloß noch Ruine." Der Autohändler starrte ihn an.

"Also gut, die Schuppen abreißen, aber mit bloßen Händen?", gab der Pole nach. Michael Beer überlegte. "Miete dir einen Radlader. Einen sehr großen. Für eine Woche oder so. Das Grundstück muss auch noch planiert werden. " Der Pole zog ab und Michael Beer dachte über eine riskante Idee nach, die sich vor seinem geistigen Auge abzeichnete.

6. Klettermaxe

Wulf Lindau war stolz auf seine Kletterkünste, denn den Rückweg über den schmiedeeisernen Zaun hatte er in nahezu perfekter Manier absolviert. Nicht schlecht für sein Alter, befand er und inspizierte zuerst sich und dann die Umgebung.

Der Anzug war verloren, aber er gab sein Leben für eine gute Sache. Das Haus war der Hammer. Ein Schmuckstück und eine Frage des Geldes. Beim Stichwort "Geld" stutzte er kurz und beschloss, das in Ruhe zu analysieren. Aber eine Perle war die Schule ohne jeden Zweifel. Die beiden Klassenzimmer, der Gymnastikraum, was für ein fantastisches Gebäude!

Die Finanzen waren ein Problem, aber eines, das sich lösen ließ. Außerdem hockten Katharinas Eltern seit Jahren auf einem dicken finanziellen Polster, für dessen Verwendungszweck sie gottlob noch keine Idee entwickelt hatten. Insgeheim hofften sie auf Nachwuchs, da war er sicher.

Vielleicht musste man ihnen nur ein lohnendes Ziel für eine sinnvolle Investition bieten? Was konnte es besseres geben als eine Immobilie? Darüber ging eigentlich nur eine Immobilie mit kleinen Kindern. Kindern? Er erschrak über das Wort "Kinder", das in seiner Welt bislang nicht vorkam.

Im Garten entdeckte er seine Frau, wie sie mit Kennermiene Kletterpflanzen und Stauden betrachtete, etwas, das er so gar nicht an ihr kannte. "Für sie ist die Entscheidung schon gefallen", dachte er. "Aber wieso will sie eigentlich aufs Land ziehen?" Bislang war sie doch ganz zufrieden in ihrer Altbauwohnung in einem überschaubaren Hamburger Vorortviertel. Er musste sich eingestehen, dass seine Entscheidung eigentlich auch schon gefallen war. Er würde nur der Form halber weiter Bedenken aufrecht erhalten, um seine Verhandlungsposition bei späteren Diskussionen günstiger zu gestalten.

Gegenüber stand ein gedrungenes altes Bauernhaus in einem verwilderten Garten. "Ein Hutzelhäuschen, nett, aber zu klein. Gut, dass wir das nicht gekauft haben", dachte er. "Zu klein, besonders, wenn man Kinder will." Er zuckte wieder bei dem magischen Wort zusammen.

Katharina blieb verschollen in den Tiefen des Gestrüpps. Auf dem Nachbargrundstück stand ein Bauschild. Ein braun geklinkertes Fertighaus mit vielen kleinen Erkern war darauf abgebildet. Darunter stand der Name des Bauunternehmens. Das Grundstück war ein Obstgarten mit knorrigen alten Apfelbäumen und einem riesigen Nussbaum in der Mitte. Am Rand standen ein paar hässliche, deplatzierte Tannen. Tannen in einem Obstgarten? Neonrote Holzpflöcke markierten die Gebäudegrenzen. Es würde ein großes Gebäude werden, aber stinklangweilig, wenn es so aussah wie auf dem Bauschild. Zwischen dem ausgepflockten Grundriss und der Schule standen mehrere Obstbäume. Mehr als ein Dutzend Schritte Abstand zwischen den Häusern, eine kleine Hecke würde Privatsphäre schaffen. Er ging zurück zum Schultor. Katharina inspizierte noch den zukünftigen Garten. Er betrachtete das Dorf und den eichenbestandenen Anger. Die kleine Kirche duckte sich unter das Blätterdach der knorrigen Bäume.

Eine enorme Linde markierte die Dorfkneipe und spendete Schatten für den Biergarten. Nett und noch ziemlich ursprünglich. Das Dorf war auf halber Strecke steckengeblieben zwischen Ostalgie und Bauhauscharme. Viel der historischen Bausubstanz war noch vorhanden, hatte abgestoßene Ecken und Patina angesetzt, aber der Charme des ursprünglichen Dorfes war überall noch spürbar. Es ging aufwärts, das sah man. Einige der historischen Bauernhäuser waren frisch renoviert und sonnten sich in ihrem neuen Glanz. Er erinnerte sich an die Fahrt durch das Dorf, an die Gebäude abseits vom Anger. Es gab Siedlungshäuser aus den Fünfzigern, klein, schmucklos und grau. Ein modernes Sportfeld am Rande des Sees mit einer großen überdachten Tribüne deutete auf die Erfolge des lokalen Sportvereins hin. Landesliga vielleicht, oder Regionalliga. Gab es die in Mecklenburg-Vorpommern überhaupt? Er nahm sich vor, den Kicker zu befragen. Eine neue große Siedlung mit Einfamilienvillen und Doppelhäusern aus dem Fertighauskatalog verschönerte den Hügel am Ortsrand. Etwas abseits ragten zwei fünfgeschossige Plattenbauten in WBS70-Bauweise aus dem umliegenden Kleingartengebiet hervor. Eine farbliche Neugestaltung war auf der Höhe des zweiten Obergeschosses abgebrochen worden. "Typisch Osten, " dachte er, "aber damit kann man leben." Gab es hier einen Supermarkt? Zumindest die Dorfkneipe hatte er entdeckt. Er schwitzte in seinem viel zu warmen, ramponierten Anzug. Er hatte großen Durst und besonders viel Hunger. Er drehte sich um, rief nach seiner Frau und klaubte einige Disteln von seinem Hosenbein, während er auf sie wartete.

7. Macht kaputt was euch kaputt macht

"Ein Lehmziegelhaus ist doch stabiler als man vermutet", dachte Michael Beer, nachdem er beidhändig und mit aller Wucht einen Vorschlaghammer gegen die tragende Mittelwand gedroschen hatte. Die Wand zeigte keine Reaktion. Im Gegensatz zu ihm, denn er schwitzte. Triefend vor Schweiß legte er den Hammer beiseite und schaute aus dem Fenster. Die Stallungen und Verschläge waren zu einem großen Trümmerhaufen eingedampft, der so hoch war wie die alte Scheune, die als einziges Gebäude übrig geblieben war. "Warum eigentlich?", dachte Michael Beer flüchtig und verlor sich in Phantasien an einen großen Swimmingpool, den er in Gedanken an die Stelle der Scheune platzierte.

Ein Radlader stand einsam vor dem Schutthaufen und sah so aus als schäme er sich seiner Taten, doch der Blick auf das Hinterland war nun frei. Er sah Holzpflöcke und kleine bunte Fähnchen, die irgendetwas markierten. Seine Frau führte einen Schimmel am Halfter über die Wiese. In Reitermontur sah sie immer noch hoch attraktiv aus.

Er dachte an die junge Assistentin der Finanzbuchhaltung, Janine hieß sie, die so oft Überstunden machen musste, dass es langsam Aufmerksamkeit bei der Personalleitung erregte. Ihre Brüste waren gigantisch. Sie zogen ihn an wie Honig die Fliegen. Das konnte man von Michaelas Brüsten nicht mehr guten Gewissens behaupten. Ihr Alter forderte seinen Preis.

"Gibt es ein Leben nach vierzig?", fragte er sich "und werden Janines Glocken dann immer noch prall aussehen?" Er fühlte sich schuldig, als er seine Frau anmutig über die Weide reiten sah. Was war es, das ihn an ihr störte? Er dachte nach. Wieder kam er nicht weg von dem Bild der hüpfenden prallen Dinger der Assistentin. Ganz klar, die Brüste seiner Frau brauchten eine Auffrischung. So einfach war die Sache. Das würde deutlich mehr Schwung in ihr Eheleben bringen, da war er sicher.

Wo konnte man so etwas machen lassen? Bestimmt nicht beim Hausarzt. Aber den konnte man zumindest fragen. Das war schon mal ein Anfang.

8. Aufs Kreuz gelegt

Wulf Lindau trank Kaffee in der Dorfschenke am Anger. Er saß bequem im Schatten der Linde, dicht an der Hauswand und betrachtete die staubbedeckten Fenster, die die Sicht in den Schankraum fast unmöglich machten. Seine Frau war vor einiger Zeit im Inneren hinter einer hellbraunen Holzimitat- Falttür aus Plastik verschwunden, die den Sanitärtrakt vom Schankraum abtrennte. Wulf Lindau schob die dünne Klarsichtmappe mit dem Exposé der Schule vor sich auf den Tisch, öffnete sie und studierte die Grundrisszeichnungen. In Gedanken fantasierte er über eine neue Aufteilung des Dachgeschosses, aber er war nicht recht bei der Sache.

Er schob die Mappe von sich weg und dachte nach. Hinter vergilbten Gardinen fristete ein Topfasparagus ein unbeachtetes Alibi-Dasein und die Fotos an der Wand zeigten Fußballmannschaften aus den sechziger und siebziger Jahren. Darüber hingen Wimpel. SC Schwerin stand auf dem einen, auf einem anderen Anker Wismar. Darunter war ein stilisierter Anker. Daneben hing eine verblichene Schwarzweiß-Fotografie des Gasthauses, zwei Linden rahmten das Gebäude. Im Eingang standen ein dicker Mann mit weißer Schürze und eine kleine dünne Frau in schwarzem Kittel, an deren Bein sich ein kleiner Junge schmiegte. Ein Familienbetrieb. Eine vergrößerte Ausgabe des kleinen Jungen brachte große Portionen Hering mit Bratkartoffeln. Er wünschte guten Appetit und verschwand in der Küche. Wolf Lindau aber fühlte sich aufs Kreuz gelegt und das lag nicht am Brathering.

Er ging bislang selbstverständlich davon aus, dass er es wäre, der die Entscheidungen über sein Leben traf. Das war eine grandiose Fehlannahme, wie er jetzt klar erkennen musste. Es waren andere, die sein Leben strukturierten. Ganz vorne stand dabei seine Frau. Sie hatte ihn glatt aufs Kreuz gelegt, einfach so, ansatzlos. Ihn, der so oft andere führte, dass er auf den Gedanken, selber von jemandem gelenkt zu werden, gar nicht kam. Er hatte es nicht kommen sehen, zu sicher hatte er sich gefühlt. Katharina war eigentlich eine Sanfte. Sie stritt sich nie, war kein bisschen hysterisch und glaubte unerschütterlich an den Sinn ihrer Ehe. Sie war der grundoptimistische Typ, der an das Gute im Leben glaubte und wenig Zukunftsängste hatte. Normalerweise zog sie nicht an Strippen im Verborgenen. Das kannte er nicht an ihr. Oder war er einfach blind gewesen?

Denn diesmal war er die Marionette und sie führte Regie. Wenn er unterwegs war, machte er sich nie Gedanken darüber, was seine Frau so trieb. Er arbeitete. Das war sein Universum. Irgendetwas würde sie schon tun, das war klar. Aber gleich ein Haus suchen? Eigentlich war sie gar nicht der Typ dafür. Aber so konnte man sich täuschen. Sie war Lektorin in einem bekannten evangelischen Verlag aus Hamburg und arbeitete häufig in ihrem Home Office. Sie hütete die gemeinsame geräumige Altbauwohnung mit dem großen Balkon und dem Kamin in der Bibliothek. Auch wenn sie sich so selten sahen, dass er das Bibliothekszimmer nur alle drei Monate benutzte und den Kamin noch seltener, glaubte er fest, sie seien zufrieden. Anscheinend traf das nur auf ihn zu. Ihre Hamburger Wohnung lag in Bahrenfeld. Eine ruhige Seitenstraße, in der alte Eichen standen und Erlen. Es gab Vorgärten, in denen Rhododendren und Robinien wuchsen. Ein Katzensprung bis Altona und bis zur Elbe. Was kann man mehr wollen? Höchstens eine eigene Immobilie mit Charakter. Eben, genau diese alte Schule. Sie hatte präzise ins Schwarze getroffen. Deshalb fühlte er sich aufs Kreuz gelegt.

Aber egal, das war nicht wichtig. Die Schule, mit der sie ihn en passant übertölpelt hatte, war eine verwelkte Sensation. Er war dankbar für so eine kluge und intelligente Frau. Gleichzeitig machte sie ihm ein bisschen Angst, musste er sich eingestehen, als er sie durch den Raum auf sich zugehen sah.

Der Wirt kam um zu kassieren, bückte sich, um die Teller abzuräumen. Sein Blick blieb an der Exposémappe hängen. "Das ist ja die alte Schule. Die habe ich als Kind besucht. Wollen Sie hierher ziehen?"

"Vielleicht", sagte Wulf Lindau vage, während seine Frau nachdrücklich nickte.

"Sie werden sehen, das ist ein guter Ort hier. Ruhig, lauter nette Menschen. Es wird Ihnen gefallen, Sie werden sehen! Wenn Sie wollen können sie gleich mit dem Bürgermeister sprechen. Da drüben sitzt er." Er zeigte auf einen kleineren untersetzten Mann in den mittleren Jahren, der einen gepflegten Kinnbart trug. Mit einem Glas Bier und einem Kalbsbraten vor sich machte er einen gemütlichen Eindruck.

"Ach wirklich?", sagte Katharina, "das ist der Bürgermeister?"

Der Wirt nickte und Wolf Lindau seufzte, als er sah, wie seine Frau auf den Tisch des Bürgermeisters zu steuerte.

9. Feuneland

Warme Gefühle durchfluteten Martin Feune. Er stand an der Grenze seines Grundstücks und betrachtete das Areal mit Stolz. Er war am Ziel seiner Träume. Nein, noch nicht ganz. Aber zumindest kam es in greifbare Nähe. Er war ein großer Mann und brauchte ein großes Haus. Eines, das seiner würdig sein sollte. Ein Haus, das Schutz bot, wie eine Burg mit ihm als Burgherr, genau so ein Haus wollte er.

Er las seinen Namen auf dem Bauschild. Bauherr: Martin Feune. Jetzt war hier noch eine wild wachsende Obstwiese, in der Äste lagen und Büsche wuchsen, wie sie wollten, die niemand schnitt und die wohl auch niemand je gepflegt hatte. Unnützes Gestrüpp, aber bald schon würde hier sein Haus stehen, ein Haus wie eine Burg, aus massiven Felsen, so sollte es erscheinen. Wenn man die neonroten Holzpflöcke, die im hohen Gras kaum sichtbar waren, zu einem Grundriss miteinander verband, konnte man die Konturen des Gebäudes erkennen. Im Geiste teilte er die Räume zu, das Schlafzimmer, das Wohnzimmer, die für die Gäste. Den Ruheraum, den man vollständig verdunkeln konnte, nur für ihn selbst, wenn er für sich sein wollte. Er hatte an alles gedacht. Auch an das Nähzimmer für seine zukünftige Frau, die er zwar noch nicht hatte, aber früher oder später würde jemand das Leben an seiner Seite mit ihm teilen, da war er sich sicher.