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Zahlreiche Überlebende und Angehörige der Opfer der Mordanschläge von Halle am 9. Oktober 2019 wollen sich mit diesem Buch Gehör verschaffen. Während des Prozesses haben sich viele Betroffene und ihre Anwälte zu Wort gemeldet und in bewegenden, außergewöhnlichen Texten und Reden ihrem Schmerz und ihrem Zorn Ausdruck verliehen; und sie fragen nach Solidarität und Zusammenhalt in einer vielfältigen Gesellschaft. Eine Auswahl dieser und weiterer Texte hat Esther Dischereit in Zusammenarbeit mit den Autorinnen und Autoren zusammengestellt. Daraus entsteht eine beeindruckende Dokumentation des Anschlags mit besonderem Augenmerk auf die juristische und öffentliche Verarbeitung sowie das Erleben der Betroffenen.
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Seitenzahl: 337
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Esther Dischereit (Hg.)
Hab keine Angst, erzähl alles!
Esther Dischereit (Hg.)
Hab keine Angst, erzähl alles!
Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden
Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2021
Alle Rechte vorbehalten
www.herder.de
Satz: Röser MEDIA GmbH & Co. KG, Karlsruhe
Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rohrdorf
Umschlagmotiv: © sensationaldesign/GettyImages/iStock
Herstellung: Röser MEDIA GmbH & Co. KG, Karlsruhe
ISBN E-Book (E-PUB): 978-3-451-82573-6
ISBN E-Book (E-Pdf): 978-3-451-82560-6
ISBN Print: 978-3-451-39133-0
In memoriam
Esther Dischereit
Vorwort
Stimmen der Überlebenden
Max Privorozki im Gespräch mit Caro Keller und Heike Kleffner
Eine Welle von Solidarität und unsere Trauer um die beiden Ermordeten Jana und Kevin – wir werden sie immer vermissen
Gemeinsame Erklärung von Nebenklägerinnen und -klägern im Prozess gegen den Attentäter von Halle
Sabrina Slipchenko im Gespräch mit Leftvision
Ein strukturelles Problem von Rassismus und Antisemitismus
Rabbinerin Rebecca Blady und Rabbiner Jeremy Borovitz
Gegen „sündhaftes Verhalten“ protestieren, wo immer es möglich ist
İsmet Tekin
Wieso stört euch unser Glaube?Wieso hasst ihr uns so sehr?
Aus Zeugenaussage von Mollie Sharfman
Mit den falschen Leuten angelegt
Aus Zeugenaussage von Rabbiner Jeremy Borovitz
Ich glaube auch weiterhin an jüdisches Leben in diesem Land
Agata Maliszewska im Gespräch mit Esther Dischereit
Heute bin ich eine stärkere Persönlichkeit
Agata Maliszewska
The Resilience Song
Aus Zeugenaussage von Rabbinerin Rebecca Blady
Großmutter Olga – „sie kam 1944 in Auschwitz an“
Bernd Herrmann
... dass die Menschenrechte für alle gelten
Ezra Waxman
Weitermachen im Gebet
Aus Zeugenaussage von İsmet Tekin
Ich mag dieses „Ausländer“wort nicht
Aus Zeugenaussage von Sabrina Slipchenko
Weil wir nicht Juden in erster Linie sind, sondern Menschen, die auch Juden sind
Dagmar Mönkemeyer und Jens Zinecker im Gespräch mit Arndt Ginzel
Vergessene Opfer, vergessenes Dorf
Gruppe der Unterstützerinnen und Unterstützer
Plakat: Wut, Trauer, Widerstand
Valentin Velvel Lutset im Gespräch mit Esther Dischereit
Ich bin ein jüdischer Künstler aus Berlin-Charlottenburg
Rabbiner Jeremy Borovitz
Jeden Tag müssen wir unsere Stimme erheben
Überlebende aus der Synagoge
Yizkor: Man wird erinnern
Anastassia Pletoukhina
Ich entscheide mich jeden Tag, jüdisch zu sein
Max Privorozki
Wir glauben an Gott, der diese Welt hell und fröhlich erschaffen hat
Conrad Rößler
Du hast das Recht zu leben. Nur nicht mehr mit uns.
İsmet Tekin im Gespräch mit Koray Yılmaz-Günay, Migrationsrat Berlin
Wir sind zusammen in Solidarität
I. Berger
Dieser sogenannte Alltagsrassismus hat sich durch alle Gesellschaftsgruppen gezogen
Plädoyers der Nebenklage vertreterinnen und -vertreter
Erkan Görgülü
Onur Özata
Mark Lupschitz
Kati Lang
Gerrit Onken
Antonia von der Behrens
Sebastian Scharmer
David Herrmann
Doreen Blasig-Vonderlin
Sachverständige
Karolin Schwarz
(K)einer von ihnen: Digitale Communitys und der Anschlag von Halle
Benjamin Steinitz
Stellungnahme des Bundesverbands RIAS
Matthias Quent
Der Anschlag von Halle im Kontext des zeitgenössischen globalen Rechtsterrorismus
Dank an
Über die Herausgeberin
Kevin
Mit besonderem Dank an den Vater,Karsten Lissau, der das Fotoseines Sohnes Kevin übersandte.
„Hab keine Angst, erzähl alles“, ist der Satz der über neunzigjährigen Großmutter von Rabbinerin Rebecca Blady. Rebecca Blady hat den Anschlag des Attentäters von Halle auf die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher in der Synagoge am 9. Oktober 2019 überlebt und mit ihr 51 weitere Menschen. Bevor sie vor Gericht aussagte, sprach sie mit ihrer Großmutter in New York.
In der Synagoge hatten sich Rebecca Blady, ihr Mann, Rabbiner Jeremy Borovitz, und weitere Menschen aus der jüdischen Gemeinde Halle und von der Base Group Berlin zu Jom Kippur versammelt, dem höchsten jüdischen Feiertag. Base Group Berlin ist eine Gruppe von Hillel, einer jüdischen Organisation, die sich weltweit an junge Erwachsene richtet, um sie in ihrem jüdischen Selbstverständnis zu stärken und sie dazu zu ermutigen, innerhalb der Community Verantwortung zu übernehmen. In diesem Sinne wollten die beiden Rabbiner in Deutschland jüdisches Leben unterstützen, als sie knapp zwei Jahre zuvor aus den USA nach Berlin übersiedelten. Sie selbst praktizieren Modern Orthodox Judaism. Base Group Berlin entwickelte sich zu einem Netzwerk, das zu einem Fixpunkt insbesondere von zugereisten jungen jüdischen Menschen wurde. Hier kam auch die Idee auf, eine kleinere jüdische Gemeinde wie eben Halle an Jom Kippur zu unterstützen, in der viele eher zur älteren Generation gehören. Der Schofar-Bläser Valentin Velvel Lutset aus Berlin sagt: „Ja, ich habe das vorgeschlagen.“ Die Gemeinde in Halle hatte die Gäste willkommen geheißen. Die meisten waren schon am Vortag angereist, an jenem Morgen waren alle da, außer Mollie Sharfman, die an die Luft gegangen war, und auch Rebecca Bladys und Jeremy Borovitz’ Kind hatte zusammen mit einer Babysitterin das Gelände verlassen. Als die Gottesdienstbesucherinnen und -besucher verstanden, dass sie mit dem Tode bedroht wurden und es unklar blieb, ob es sich um einen oder mehrere Attentäter handelte, verbarrikadierten sie sich im Inneren und mussten bis zum Eintreffen der Polizei ausharren.
Nachdem es dem Täter nicht gelang, in die Synagoge einzudringen, ermordete er die Passantin Jana L., bedrohte weitere Menschen in Mordabsicht, zog weiter und nahm schließlich Aufstellung vor dem Kiez-Döner, heute Tekiez. Hier brachte er den jungen Mann Kevin S. um, der ihm wie ein „Nahöstler“ erschienen war. İsmet Tekin, der zusammen mit seinem Bruder Rıfat Tekin den Imbiss führte, fand sich den Kugeln des Täters ausgesetzt, als er zu Hilfe kommen wollte, ebenso die Besatzung der angerückten Polizei. Bei seiner sich anschließenden Flucht bedrohte der Täter weitere Menschen mit dem Wagen und verletzte den aus einer Straßenbahn ausgestiegenen Aftax I., der aus Somalia geflüchtet und als Schwarzer Mensch deutlich zu erkennen war. Die mörderische Spur setzte sich fort bis zu dem Paar Dagmar Mönkemeyer und Jens Zinecker in Wiedersdorf, von dem er die Autoschlüssel verlangte und die seitdem lebenslang gezeichnet bleiben von den schweren Verletzungen, die er ihnen zufügte; es war ein Wunder, dass sie überlebten. Dem Versagen seines selbst gebauten Waffenarsenals, der Robustheit der Eingangstür zur Synagoge, der Beherztheit eines Taxifahrers, dem umsichtigen Handeln der im Gotteshaus Eingeschlossenen und anderen Umständen ist es zu verdanken, dass 66 Menschen das Töten überlebten. Die Überlebenden schließen die ermordeten Jana L. und Kevin S. in ihre Gebete, in ihre Erinnerung mit ein, die Jüdische Gemeinde zu Halle widmete ein Denkmal dem Andenken, die Stadt Halle ließ an den Orten des Geschehens Gedenktafeln mit ihren Namen anbringen. Die Betreiber des Kiez-Imbiss, die Brüder Tekin, führten ihren Laden mehr als ein Jahr lang bei laufendem Betrieb gleichzeitig als Ort des Gedenkens weiter, der ihnen und den Bürgerinnen und Bürgern den Raum gab, ihre Anteilnahme auszudrücken. Die gesamte Wandfläche gegenüber dem Eingang war mit dem Bild eines Fußballfeldes bedeckt. Denn für den 20 Jahre alten Kevin S., der sich gerade erstmalig mit Erfolg außerhalb der Familie ein selbständiges Leben aufbaute, war der Fanclub des Halleschen Fußballclubs HFC neben der Familie und dem Betrieb der wichtigste soziale Ort geworden. Ein HFC-Trikot und -Schal waren hier gewidmet, Statuen kleiner Engel, ein Gedicht, das Schreiben des World Jewish Congress, eine Zeile aus dem Koran. Auch ein Scheck war hier zu sehen: die Spendensammlung der Jüdischen Studierendenunion zur Unterstützung der Brüder Tekin, die durch den Anschlag wirtschaftlich in Not geraten waren und die durch die Stadt und die Bundesregierung keine Hilfe zu erwarten hatten.
Die jüdischen Überlebenden betonten vor Gericht und in Interviews, wie sehr sie sich den Brüdern Tekin als muslimisch Betroffene und Einwanderer und den anderen rassistisch verfolgten Menschen verbunden fühlen. Es war ihnen sehr wichtig, dass das Tatmotiv Rassismus und Antisemitismus deutlich wurde.
Eindringlich hatte Naomi Henkel-Gümbel, die selbst Überlebende aus der Synagoge ist, dazu aufgerufen, in der Berichterstattung auf die Nennung des Täternamens zu verzichten. Spätestens seit dem Anschlag in Christchurch auf Besucherinnen und Besucher von Moscheen, bei dem ein Täter 51 Menschen getötet und weitere 50 verletzt hatte, musste die Weltöffentlichkeit verstehen, dass die Nennung von Täternamen nicht zu deren Ächtung beitrug, sondern sich als zielführend für die Täter erweisen sollte, damit sie unter Gleichgesinnten mörderischen Ruhm erlangten und Nachahmungstaten befeuerten.
In Halle hatte sich der Täter nach diesem Muster per Livestream mit einer Community verbunden, die per Darknet das Gesicht des Rechtsterrorismus weltweit prägt: mörderisch, einem „arischen“ Rassegedanken verpflichtet; eine Gefolgschaft, vereint in „White Supremacy“ und mit dem erklärten Tötungswillen gegenüber allen Menschen, die ihnen diese Position zu gefährden scheinen: die „Feinde“ der White-Supremacy-„Fighter“ sind die Nicht-Männlichen, die Queer- und Nicht-heterosexuell-Orientierten, Muslime, Schwarze und geflüchtete Menschen; ein Weltbild, das sich auf das Repertoire der nationalsozialistischen Ideologie und dessen rassistischen Reinheits- und völkischen Vorstellungen bezieht und sich fortschreibt als Kampfansage an die politische Bewegung der Diversität. Der jüdische Mensch gilt ihnen als Inkarnation nicht nur des Bösen schlechthin, sondern auch als Drahtzieher einer Weltverschwörung, die dem „arisch“ Reinen und Gesunden Verderbnis bescheren würde und eben auch das Einbringen des „Fremden“ oder „Anderen“ in den „Volkskörper“ verantworte. Vom Greis bis zum Kind, hatte der Angeklagte erklärt, müsse er jüdische Menschen töten.
Am 20. Dezember 2020 verurteilte das Oberlandesgericht Naumburg, das seit 21. Juli 2020 in Magdeburg tagte, den Täter zu lebenslanger Haft und erkannte eine besondere Schwere der Schuld, sodass nach Verbüßung der Strafe Sicherungsverwahrung vorzusehen ist. Das Gericht sah die „antisemitische, rassistische, fremden- und frauenfeindliche Tatmotivation sowie seine grenzenlose Menschenverachtung“ als konstitutiv für die Tat an. Viele Betroffene äußerten sich erleichtert nach dem Urteil; allerdings wurde die Wertung des Gerichts, den Anschlag auf İsmet Tekin und Aftax I. nicht als Mordversuch anzusehen, von vielen Nebenklägerinnen und Nebenklagevertretern nicht geteilt. Die Betroffenen legten Revision ein.
Roman R., Vorbeter in der Synagoge in Halle, sagte vor Gericht: „Niemand in der Synagoge hat ihm etwas getan. Der einzige Grund, warum wir angegriffen wurden, ist, weil wir Juden waren.“ Als russischer Einwanderer hatte er 1999 bei seiner Ankunft in Deutschland auf Hebräisch nur den Satz gekannt: „Hitler ist tot.“ Er sagt, dass seine Welt durch den Anschlag erschüttert wurde, dass er das Land verteidigt habe, dass er die Kultur verteidigt habe, dass er als deutscher Staatsbürger stolz gewesen sei und dann gedacht habe, es nützt alles nichts, „du bezahlst Steuern, du machst alles, wie es sein soll. Und trotzdem hilft es nichts ... Sofort war mein Gedanke, ich verlasse dieses Land, ich ziehe nach Israel ... meine ganze Welt war zerrüttet“. Der Historiker Michael Brenner schrieb wenige Tage nach dem Anschlag: „Die sprichwörtlichen Koffer, schon lange ausgepackt und ausgeleert, stehen bei vielen Juden in Deutschland noch auf dem Dachboden. Wir sollten sie herunterholen. Es ist an der Zeit zu überlegen, was wir einpacken. Noch können wir sie stehen lassen, aber sie sollten bereit sein, denn der Tag, an dem wir sie brauchen, mag nicht mehr weit sein.“ Das Attentat von Hanau hatte noch nicht stattgefunden. Neun Menschen starben am 19. Februar 2020, weil sie den Communitys der Eingewanderten angehörten, Sinti und Roma oder „andere“ Deutsche waren. Mordmotiv: Rassismus. Daniel Strauß, Vorsitzender des Verbands der Sinti und Roma Baden-Württembergs, wiederholt sich, als er nach diesem Anschlag erneut mit der Möglichkeit rechnet, seine Familie in Sicherheit bringen zu müssen. Das erste Mal sprach er während der Pogrome gegen vietnamesische Vertragsarbeiterinnen und -arbeiter und Roma-Familien in Rostock-Lichtenhagen und Hoyerswerda in den 1990er Jahren davon. In den Communitys der jüdischen Menschen und der Sinti und Roma werden Erinnerungen wachgerufen, die aus Familienerzählungen stammen: von Großeltern, Onkeln und Tanten, die die Shoa nicht überlebten.
Jetzt war es die dritte Generation danach, die betroffen war und die der Anschlag zurückführte in das, wovor ihre überlebenden Großeltern sorgsam ihre Kinder und Enkelkinder hatten behüten wollen. Als Rabbinerin Rebecca Blady zum Tatgeschehen aussagt, beginnt sie davon zu berichten, was ihrer Großmutter während der Shoa geschehen ist. Durch den Mund der Enkelin, ausdrücklich autorisiert nach einem Telefongespräch mit ihrer Großmutter in New York, berichtet sie davon, wie der KZ-Arzt Josef Mengele Mutter und Tochter an der Rampe des KZ Auschwitz brutal trennt, die Mutter wird niedergeschlagen, die Tochter daran gehindert, ihr zu helfen. Die Tochter, Rebecca Bladys Großmutter, überlebt. Bilder des Vergangenen, die nie vergangen sind. Nie hat sie vor einem deutschen oder internationalen Gericht davon sprechen können, was ihrer Familie, was ihr in der Shoa geschah. Es ist die Enkelin, die diese Aufgabe für sie übernimmt. Sie spricht in diesem Augenblick für sie, und es ist gleichzeitig ein kollektives Schicksal, das durch sie gegenwärtig wird. Andere sprachen Gebete und Ezra Waxman sang in jiddischer Sprache die Strophe eines Liedes, auch dies eine Würdigung der Großmutter und ihres Überlebens und eine politische Demonstration. In einem Gerichtssaal in Deutschland ist Hebräisch und Jiddisch zu hören und niemand wird die, die das tun, daran hindern. So haben viele Zeuginnen und Zeugen in ihren Aussagen nicht nur darüber gesprochen, was geschah; darüber, wie sie sich durch die Behandlung durch die Polizei noch einmal in einer für sie bedrohlich empfundenen Situation wiederfanden, sondern sie haben in diesem Gerichtssaal ihr Jüdischsein bekannt, deutlich und gut zu verstehen. Und nicht nur das Jüdischsein, Frausein, Queersein, Linkesein, sagt Sabrina Slipchenko die darauf aufmerksam macht, dass sie eine Exotisierung als Jüdin ablehnt. Das Bekennen als solches bekam den Charakter einer politischen Ansage gegenüber der rechtsextremen White-Supremacy-Ideologie. Rabbiner Jeremy Borovitz sagte, dass er seit den Tagen des Anschlags auf der Straße Kippa trägt. Die Situation der Überlebenden bleibt fragil, sie werden heimgesucht von dem Albtraum jenes Tages, viele benötigen Beistand, um die posttraumatische Wiederkehr der Ereignisse zu verarbeiten. In dieser Hinsicht erfüllte der Prozess eine Aufgabe, die in zahlreichen Verfahren, in denen es um Gewalttaten aus rechter, rassistischer und antisemitischer Gesinnung geht, nicht oder kaum wahrgenommen wird: den Betroffenen die Möglichkeit zu geben, darüber, was ihnen geschah, zu sprechen und alles auszusprechen, was sie sagen möchten. So war es für Ezra Waxman, der überlebte, wichtig, dem Täter gegenüberzutreten und ihn selbst zu befragen. Die Antworten waren rassistisch, menschenfeindlich, antisemitisch und hatten volksverhetzenden Charakter. Für Mollie Sharfman wird das Auftreten vor Gericht ein Akt der selbstbewussten Vergewisserung, wenn sie sagt, dass das Judentum stärker ist als das, was dieser Täter wollte, und dass er sich mit der falschen Familie angelegt habe, mit den falschen Leuten und ihr Leiden hier und jetzt ein Ende gefunden habe.
Es ist nicht die Grausamkeit der Tötungsabsicht, wie sie sich bei den Anschlägen anderer Rechtsterroristen in Oslo und Otœya, in El Paso, in Christchurch und in Pittsburgh zeigte, die diesen Anschlag von anderen unterschied. Es ist die Tatsache, dass er in einem Land geschieht, in dem das Eingesperrtsein jüdischer Menschen in einer Synagoge ein historisches Gedächtnis wachruft, das solche Taten als das Handeln deutscher Einsatzgruppen, als Legitimität und Bestandteil eines planmäßigen industriell betriebenen Massenmords während der nationalsozialistischen Diktatur bewahrt. Es ist dieses Ziel der vollständigen Auslöschung der als Feind bestimmten Gruppe, die die Netzwerke eines solchen Täters verfolgen. Sie sprechen von jüdischen und anderen als „anders“ markierten Menschen als nicht „human“, ein bewusstes Anknüpfen an NS- und rassistische Ideologien wie sie zum Beispiel auch durch den Ku-Klux-Klan verfolgt werden.
Die Überlebenden sprachen ausdrücklich davon, dass sie sich als jüdische Menschen als Teil der vielen verstanden, einer Gesellschaft, deren grundlegendes Selbstverständnis Diversität sein müsse und gegen jeden Rassismus. Die Frage der Richterin Ursula Mertens an sie, und nur an diese Überlebenden, ob sie beabsichtigten, Deutschland zu verlassen, illustrierte geradezu das mehrheitsdeutsche Selbstverständnis. „Bin ich eine Minderheit?“, fragt İsmet Tekin. „So gesehen ist jeder eine Minderheit und eigentlich kann es das doch nicht geben.“ Erst spät hatte das Gericht ihn als Nebenkläger überhaupt zugelassen.
I. Berger erklärte vor Gericht: „Ich komme einfach nicht darüber hinweg, dass zwei Menschen tot sind, weil ich es nicht bin.“ Sie sagt: „Mir wäre es persönlich lieber gewesen, wenn er stattdessen auf mich geschossen hätte.“ Nebenklageanwältin Kati Lang ließ es zu Protokoll nehmen, dass der Angeklagte darauf „mir auch“ gesagt hatte. Dessen Anwalt, der neben ihm saß, wollte das nicht gehört haben.
Diese Todesdrohung gegen Menschen, die als die „Anderen“ erklärt werden, kann seit 1945 nicht mehr offen, direkt und von Staats wegen formuliert werden. Die nationalsozialistische Vergangenheit ist „bewältigt“ oder „bearbeitet“, in Schulen, auf der politischen Ebene mit Ausnahme der Rechtspopulisten, aber im Alltäglichen, in den Familien, auf Schulhöfen bleiben antisemitische und rassistische Stereotypen präsent. Vor dem Hintergrund der deutschen Gesellschaft, in der das Morden an jenen zu „Anderen“ Erklärten sanktioniert, aktiv bejubelt und von Staats wegen vollzogen wurde, ist die Verweigerung der Teilhabe, der tatsächlichen Gleichstellung, ungeachtet des Geschlechts, der Hautfarbe, der Herkunft oder der Zugehörigkeit und Religion, eine fortgesetzte Botschaft – Benjamin Steinitz spricht von Botschaftstaten in seinem Gutachten – mörderischen Inhalts.
Die Tötungsabsicht wurde durch den Täter auch vor Gericht erneut formuliert und bestätigte die anhaltende Gefahr, die von ihm, der sich als Kombattant begreift, ausgeht. Die überlebende Dagmar Mönkemeyer und andere nannten ihn, den heimtückisch Mordenden, schlicht Feigling.
Hier einen Einzeltäter anzunehmen, wie es das Gericht, gestützt auf das Bundeskriminalamt, tat, ist eine Annahme, die nicht nur in diesem Fall rechtsextremen Terrors dazu führte, dass Ermittlungen nach einem Netzwerk, nach den Unterstützerinnen und Unterstützern im Darknet u. a. weitgehend unterlassen wurden, sondern auch dazu, dass eine Chance vertan wurde, die die gesellschaftliche weltweite Dimension des Rechtsextremismus verdeutlicht und seine strukturelle Affinität hervorgehoben hätte. Rechtsanwalt und Nebenklagevertreter Alexander Hoffmann hatte noch während der Verkündung seine Robe ausgezogen und den Gerichtssaal verlassen. Seine Kollegin Kristin Prietrzyk nannte das Urteil „mutlos und harmlos“ und Nebenklagevertreter Mark Lupschitz brachte sein Befremden darüber zum Ausdruck, dass Polizistinnen und Polizisten trotz Schutzkleidung und Bewaffnung nicht vorgegangen waren, um den Täter zu stoppen, stattdessen warteten sie. Worauf eigentlich? Und wurden abschließend vom Gericht noch besonders belobigt.
Nahezu alle Betroffenen hatten das Agieren der Polizei später ihnen gegenüber als schroff, wenn nicht feindselig beschrieben.
Sabrina Slipchenko und andere Betroffene wie auch Nebenklagevertreterinnen und -vertreter formulierten die Frage, wie es dazu kommen konnte, dass sich der Täter als Vollstrecker eines Gemeinwillens wähnen konnte. Wo war die Schwelle, an der rassistische und antisemitische Äußerungen überhört oder begünstigt wurden? Welchen Anteil hat das stillschweigende Billigen, antisemitisch und rassistisch gefärbte Mitmachen oder eben Nichtentgegentreten eines gesellschaftlichen Umfelds an der Tat? Was sagt die „gesellschaftliche Mitte“ und wie kommt es, dass rechtes Gedankengut in einer gewissen Normalität gesellschaftsfähig ist? Da ist nichts zu diskutieren, zu besprechen oder „einzufangen“. Nebenklagevertreter Alexander Hoffmann sagte: „Die Antisemiten müssen leiden.“ Conrad Rößler, der den Anschlag im Kiez-Döner überlebte, formulierte an die Adresse des Angeklagten: „Du hast das Recht zu leben. Nur nicht mehr mit uns.“
Die Überlebenden schöpften Kraft und Ermutigung, indem sie sich gegenseitig unterstützten. İsmet Tekin vom Kiez-Döner, heute Tekiez, spricht darüber: „Für die Gesellschaft ist die Solidarität etwas, das sie stark macht. Die Leute von der Opferberatung, die normalen Menschen, die rings um uns waren, und sie sind immer noch bei uns. Die sind die besten, das kann ich sagen. Wir sind zusammen in Solidarität.“ Der Prozess und die Prozessbegleitung durch zahlreiche zivilgesellschaftliche Aktivistinnen und Aktivisten aus Halle, Magdeburg, Berlin und anderen Orten haben dazu geführt, dass sich die Überlebenden aufgehoben fühlen konnten durch Anteilnahme der Gesellschaft; die drinnen im Gerichtssaal C 24 des Landgerichts Magdeburg waren mit denen draußen verbunden.
Unmittelbar nach der Tat, am 11. Oktober 2019, hatten sich 2000 Menschen in Halle vor die Synagoge gestellt; zum Schutz und um Solidarität zu zeigen. Für Max Privorozki, den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde, war dieses Erlebnis „etwas, das ich nie in meinem Leben erwartet hätte. Ich verstand“, sagt er, „dass die normalen Menschen hier in diesem Land in der absoluten Mehrheit sind und das macht mir wirklich Hoffnung. In diese Hoffnung mischt sich unsere Trauer um die Mordopfer, um Jana und Kevin – wir werden sie immer vermissen“. Wenig später nahm Max Privorozki an dem Gedenken für die Opfer des Anschlags von Hanau teil. Auch anderen Überlebenden ist das ein Bedürfnis gewesen.
Im vorliegenden Band sind ausgewählte Dokumente des Prozessgeschehens zusammengetragen: Statements, Interviews, Wortmeldungen der Betroffenen, ihrer Nebenklagevertreterinnen und -vertreter und Gutachten von Sachverständigen. Die Dokumente sind in zeitlicher Reihenfolge angeordnet und folgen den Daten, zu denen die Wortmeldungen erfolgten und die Anhörungen vor Gericht terminiert waren.
Dank an alle, die mich bei dieser Arbeit des Sammelns, Aufsammelns und Bewahrens unterstützten, und für die Gedanken, die ich dazu mit Irit Dekel und Mona Körte teilen durfte. Das Zeugnis darüber, was ist und was war, ist das Zeugnis darüber, dass die- oder derjenige, der zeugt, da ist, existiert oder existierte. In diesem Sinne ist das Zeugnislegen eine Verpflichtung und diese Arbeit ein Festhalten von Zuständen aus den Jahren 2019/2020/2021, in Halle und Magdeburg, am Ort, an dem das Gericht tagte, in Deutschland: die jüdischen Menschen, Einwandererinnen und Einwanderer, muslimische Menschen, Schwarze Menschen, geflüchtete Menschen, Passantinnen und Passanten und Imbissbesucher, Anwohnerinnen und weitere betreffend. Mit dem Foto, das der Vater des ermordeten Kevin S. schickte, und mit einer leeren Seite, die für die ermordete Jana L., die dem Wunsch der Familie folgend ohne Bild und unbeschrieben blieb, soll der Opfer gedacht werden. In den Zeugnissen von Nebenklägerinnen und -klägern, Nebenklagevertreterinnen und -vertretern und in den Gutachten der Sachverständigen werden der Anschlag, dessen Folgen und mutmaßliche Hintergründe dokumentiert.
Anmerkung:
Nicht alle Stimmen sind hier versammelt und nicht alle Dokumente konnten hier aufgenommen werden. Hierzu bieten der Blog der Nebenklage Prozess Report Halle, NSU Watch, Verband der Beratungsstellen für Betroffene rechter, rassistischer und antisemitischer Gewalt VBRG, democ., Belltower. News und andere weitere Informationen. Die Wortmeldungen von Christina Feist, Jessica Chaim, Talya Feldman und Naomi Henkel-Gümbel u. a. sind unter https://www.halle-prozess-report.de/ zu finden. Weitere Literatur u. a. hier:
https://heimatkunde.boell.de/de/2021/01/05/das-urteil-zum-yom-kippuranschlag-halle
https://www.derstandard.de/story/2000110043185/was-geschah-in-halle
Esther Dischereit, Yom Kippur, Tekiez Halle und der Freundeskreis Mölln: Bündnisse und Verbundenheit, in: Onur Suzan Nobrega/Matthias Quent/ Jonas Zipf (Hg.), Rassismus. Macht. Vergessen. Von München über den NSU bis Hanau: Symbolische und materielle Kämpfe entlang rechten Terrors, Bielefeld 2021.
„Das war für mich persönlich die wichtigste Schlussfolgerung nach dem Anschlag, obwohl das möglicherweise irritierend klingt. Aber meine allgemeine Einstellung zur Situation in unserem Land ist nach dem Anschlag optimistischer geworden als vorher. ... gerade diese unglaubliche Welle von Solidarität, von Anteilnahme von einfachen Menschen, ... ich meine jetzt nicht, dass Herr Steinmeier, Herr Seehofer am nächsten Tag oder Herr Dr. Haselhoff am gleichen Tag am Abend um 23:30 Uhr nach Halle gekommen sind ... darum geht es nicht, es geht um einfache Menschen, nicht nur aus Halle, nach den Adressen von überall … Menschen, die sich an uns gewandt haben, die E-Mails geschickt haben, Briefe, WhatsApp, Facebook, alle möglichen Medien, Nachrichten – da kann man die Geografie der Bundesrepublik danach lernen oder von Europa. Es gab Mails aus Australien, aus Singapur, aus den Vereinigten Staaten, selbstverständlich aus Israel, aus allen europäischen Ländern und aus Deutschland fast von überall. Es ist wirklich erstaunlich, wie viele Menschen das waren und welche Worte sie gefunden haben. Wir haben geplant, diese E-Mails und auch meine Antworten, … damit so etwas wie eine Ausstellung zu machen, die Briefe, die Geschenke, die wir bekommen haben. Ein Beispiel: Gleich nach Jom Kippur beginnt das Sukkotfest, das Laubhüttenfest, und aus Mannheim, aus der jüdischen Gemeinde – die haben verstanden, dass wir jetzt keine Zeit haben für unsere Kinder, um das Sukkotfest vorzubereiten. Sie haben uns sofort nach Jom Kippur ein Paket mit Geschenken zu Sukkot geschickt, damit wir unseren Kindern diese Geschenke geben können. Das kann man mit Worten nicht beschreiben. Noch ein Beispiel: Bei diesem Anschlag wurde das Einfahrtstor kaputt gemacht, die Antriebsanlage. Die Produzentin dieser Anlage, diese Firma sitzt irgendwo in Baden-Württemberg, hat im Fernsehen gesehen, dass sie kaputt ist, und sie hat uns einfach eine neue Anlage gespendet. Diese Anlage wurde schon eingebaut. Ich kann zwei, drei Stunden darüber weitererzählen, das ist unglaublich, wie viel Solidarität [es gab] ... Shabbat am 11. Oktober – das ist etwas, was ich nie in meinem Leben erwartet hätte und nie in meinem Leben gesehen habe. Circa 2000 Menschen, Hallenser – und Halle ist nicht New York ... – 2000 Menschen sind zur halleschen Synagoge gekommen, um die Synagoge von außen zu schützen und Solidarität zu zeigen. Die Straße war absolut voll mit Menschen, das ist wirklich unglaublich – ich verstand, dass die normalen Menschen hier in diesem Land in der absoluten Mehrheit sind, und das macht mir wirklich Hoffnung. In diese Hoffnung mischt sich unsere Trauer um die Mordopfer, um Jana und Kevin – wir werden sie immer vermissen.“
Max Privorozki ist Geschäftsführer und Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde zu Halle.
Podcast Folge #7: Vor Ort – gegen Rassismus, Antisemitismus und rechte Gewalt. Die Podcastserie von NSU Watch und VBRG. Ausschnitt aus einem Gespräch, das Heike Kleffner und Caro Keller führten. Das Interview wurde leicht bearbeitet.
https://verband-brg.de/folge-7-vor-ort-gegen-rassismus-antisemitismus-und-rechte-gewalt-die-podcastserie-von-nsu-watch-und-vbrg/
Am 21. Juli 2020 beginnt vor dem Oberlandesgericht Naumburg im Landgericht Magdeburg der Prozess gegen einen Rassisten und Anhänger der „White Supremacy“-Ideologie. Diesem Mann werden Doppelmord, mehrfacher versuchter Mord, Volksverhetzung und andere Delikte vorgeworfen.
Am 9. Oktober 2019 versuchte der Angeklagte mit der Absicht, am heiligsten Tag des jüdischen Kalenders, dem Jom Kippur, alle Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde sowie deren Besucherinnen und Besucher – insgesamt 52 Personen – zu töten, die Synagoge in Halle zu betreten. Er war mit selbst gebauten Waffen und Sprengkörpern bewaffnet. Bei dem Versuch, in die Synagoge einzudringen, tötete er Jana L. auf der Straße, weil sie sich ihm näherte. Der Angeklagte fuhr daraufhin zu einem nahe gelegenen Döner-Restaurant und versuchte, die Angestellten und Gäste drinnen sowie die Flüchtenden zu ermorden. Dort tötete er einen jungen Mann, Kevin S. Im Verlauf des Angriffs bedrohte er mit Schüssen und seinem Fahrverhalten das Leben vieler weiterer Personen und verletzte mehrere bei seiner Flucht schwer.
Wir möchten den Hinterbliebenen von Jana L. und Kevin S. und allen, die von rechter Gewalt in Deutschland betroffen sind – sei es in Halle, Kassel, Hanau oder durch den NSU – unser tiefes Mitgefühl aussprechen.
Der Täter wählte seine Ziele auf der Grundlage einer weißen, rassistischen Ideologie, die Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Rassismus, Homophobie, Sexismus und Fremdenfeindlichkeit mit Verschwörungstheorien verschmilzt, aus. Seine Radikalisierung fand in Online-Communitys statt, die diese Überzeugungen stärkten und förderten. Dort wurde er durch andere Gewalttaten angestachelt, vor allem durch das Massaker von Christchurch im März 2019. Inspiriert von diesem Anschlag sowie von ähnlichen Hassverbrechen in El Paso, Poway und Oslo übertrug der Angeklagte seinen Angriff live im Internet. Er wollte ein öffentliches Spektakel veranstalten und anderen mit ähnlichen Ideologien beweisen, dass Taten wie die seine durchführbar sind, sie eigene Waffen mit geringem Aufwand herstellen und damit ähnliche Gewalttaten begehen können.
Wir haben uns der Anklage des Generalbundesanwalts als Nebenklägerinnen und -kläger angeschlossen, um sicherzustellen, dass die rassistische Ideologie des Angeklagten und seine Integration in militante rechte Strukturen nicht nur im Gerichtssaal, sondern auch von den Strafverfolgungsbehörden und der Öffentlichkeit wahrgenommen wird. Die diesen Ideologien innewohnende Menschenverachtung ist jetzt und über diesen Prozess hinaus Anlass zum Nachdenken. Täter wie der Angeklagte brauchen keine physischen Gemeinschaften mehr, um von Gleichgesinnten Ermutigung und Unterstützung zu erhalten. Es ist wichtig, dass dieser Prozess Politikern, Strafverfolgungsbehörden und der breiten Öffentlichkeit als Erinnerung an unser ständiges Bedürfnis dient, Rassismus, Sexismus, Islamophobie und Antisemitismus, die unsere Gesellschaft durchdringen, aktiv entgegenzutreten und alle rechten Ideologien zu bekämpfen. Wir fordern, dass dieser Prozess dazu dient, den Mythos des „isolierten Einzeltäters“ aufzudecken und eine verantwortungsvolle Politik zur Bekämpfung der zunehmenden Online-Radikalisierung zu entwickeln.
Wir stehen in Solidarität mit allen, die von rechter Gewalt betroffen sind. Allein in den letzten Jahren haben die Taten, die wir in Kassel, Halle und Hanau erlebt haben, gezeigt, dass rechte Ideologien tödlich sind und uns alle betreffen. Als Gesellschaft tragen wir die Verantwortung, alle Menschen zu schützen, unabhängig von ihrer Herkunft, Religion, ihrem Geschlecht oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Dazu müssen wir den Ideologien, die zu der Barbarei führen, die wir in Halle erlebt haben, und all denen, die solche Gewalt in Deutschland und im Ausland verherrlichen, furchtlos entgegentreten.
*Wir bitten die Medien, sich uns bei der Weigerung anzuschließen, den Namen des Angeklagten zu nennen. Dies verstärkt lediglich seinen Bekanntheitsgrad, stellt ihn fälschlicherweise als Einzeltäter heraus und trägt dazu bei, ein Narrativ, dem wir uns nicht anschließen, zu verbreiten.
13 Personen aus der Synagoge in Halle, unter ihnen Besucherinnen und Besucher und Mitglieder der Jüdischen Gemeinde zu Halle, zwei Personen, die der Angeklagte auf der Flucht versuchte zu töten, zwei Gäste des Kiez-Döner und dessen Betreiber, die Brüder İsmet Tekin und Rıfat Tekin, der Vater des ermordeten Kevin S.
Quelle: Blog der Nebenklage; www.halle-prozess-report.de/2020/07/20/20-07-2020-gemeinsame-erklaerung-der-nebenklaegerinnen-im-prozessgegen-den-attentaeter-von-halle/
Die Frage ist nicht, wie konnte Halle passieren? Oder: Wie konnten wir Halle geschehen lassen? Oder: Wie konnte die Polizei Halle geschehen lassen?
Es geht eher darum, was in der Gesellschaft hat ihn veranlasst zu denken, dass er für die Taten, die er begangen hat, anerkannt werden würde. Warum hat er geglaubt, dass er mit offenen Armen begrüßt werden würde.
Ich bin Sabrina. Ich lebe schon seit einigen Jahren in Berlin. Ich komme aus Philadelphia. Und ich arbeite für die jüdische Gemeinschaft in Berlin. Ich bin hier, weil ich bei dem Anschlag dabei war. Jom Kippur ist ein sehr wichtiger Tag im jüdischen Kalender. Es ist ein Tag der Buße. Ein Tag, an dem gefastet wird. Es sollte einer der heiligsten Tage im Jahr sein. Wir gingen nach Halle, um die dortige Gemeinde zu unterstützen. Wir aus Berlin waren etwa zehn oder fünfzehn Leute. Die Synagoge kann manchmal in bestimmter Hinsicht auch ein schwieriger Raum sein.
Wir haben versucht, diesen Raum für uns wiederzubesetzen. Meine Freundinnen, Freunde und ich wollten uns in die Gebete versenken, um das Schöne, das darin enthalten ist, zu entdecken. Und so singen wir sie, während wir getrennt nach Geschlechtern sitzen. Und dann, am Vormittag, gerade an jener Stelle des Gottesdienstes, während von einer Ziege als Opfergabe die Rede ist, hörten wir einen lauten Knall.
Bumm, bumm, bumm, bumm, bumm. Ich erinnere mich daran, dass ich nach rechts schaute, wo meine amerikanischen Freundinnen und Freunde saßen. Sie wussten sofort, was los war, weil wir in den USA derart viele Massenschießereien haben. Die anderen Leute wirkten ein wenig verwirrt. Sehr viele Informationen wurden weitergegeben: Es sind drei Täter, die schießen. Es ist einer, der schießt. Es sind nur Kinder, die mit Feuerwerkskörpern spielen und ihren Spaß haben. Es gab einen Moment, ab dem wir darauf warteten, dass jemand kommen würde, um uns zu retten. Wir dachten: okay? Dann haben wir gemerkt, dass niemand kommen würde, um uns zu retten. Da haben wir versucht, uns selbst zu organisieren, um uns irgendwie in Sicherheit zu bringen. Das hat bedeutet, dass die meisten Gemeindemitglieder in einem separaten Raum untergebracht werden mussten, die Türen mussten verbarrikadiert werden und dass wir nach oben gehen. Wir nahmen Decken und versuchten, daraus Stricke herzustellen, sodass wir im Notfall in der Lage wären, aus dem Fenster zu springen. Diese Art von Desinformation und Verwirrung hat lange angehalten oder zumindest fühlte es sich so an, als sei es eine lange Zeit gewesen. Tatsächlich waren es ungefähr zwanzig Minuten, bis die Polizei ankam. Die Medien haben die Sache so dargestellt, als wären wir Opfer geworden und hätten uns passiv verhalten. Ich erinnere mich daran, dass ich einen Artikel las – vom Lesen allein bekam ich schon ein Trauma – weil mir da dieser Opferstatus zugewiesen wurde. „Oh diese Juden! Ein weiterer antisemitischer Anschlag richtete sich gegen die Juden!“ Abgesehen von dieser Passivität oder dieser unmittelbaren Viktimisierung, die ja sofort stattfand, gab es auch eine Art und Weise, sich auf die jüdischen Menschen zu konzentrieren, die außer Acht lässt, dass der Anschlag in Halle nicht nur antisemitisch war, sondern auch antifeministisch und rassistisch. Die erste Person, die in die Schusslinie des Täters geriet, war eine Frau.
Er spricht über diese Frau in einer Art wie dieser: „Ich bedauere nicht, sie getötet zu haben. Denn wie kann sie es wagen, mir Widerworte zu geben. Das steht ihr nicht zu.“ Genauso im Döner-Bistro: Er sagte das, nicht wahr? „Sobald es klar war, dass ich nicht in die Synagoge konnte, habe ich begonnen, unter dem Gesichtspunkt der Hautfarbe zu schießen.“ Wenn man sich darauf fokussiert, dass der Anschlag von Halle ein antisemitischer Anschlag war, dann ist es einfach zu sagen: Gut, wir stellen mehr Polizeiautos gegenüber der Synagoge hin, wir machen eine Polizeipräsenz von 24 Stunden am Tag für die Synagoge. Die Jüdinnen und Juden sind sicher. Das Problem ist gelöst. Wir hätten von Anfang an da Polizei haben sollen. Denn natürlich ist zu erwarten, dass gegen die Juden ein Anschlag verübt werden würde.
Nimm ein Polizeiauto, das jedes jüdische Kind von der Kita bis nach Hause begleitet.
Das Problem wird auch dann nicht gelöst sein. Denn das Problem ist die rassistische Mentalität, die in der Gesellschaft tief verwurzelt ist. Der Prozess beginnt am 21. Juli 2020.
Er ist für einige Monate angesetzt. Ich bin in dem Prozess Nebenklägerin zusammen mit zehn bis fünfzehn anderen Leuten, inzwischen mehr. Wir konzentrieren uns in dem Prozess darauf, dass dies als ein größeres Problem angesehen wird, dass mit der Auffassung gebrochen wird, es handele sich um eine Einzeltäterideologie. Wir möchten aufzeigen, dass es sich um ein strukturelles Problem von Rassismus und Antisemitismus in der deutschen Gesellschaft handelt.
Es gibt ein Narrativ über Stephan und Leute wie ihn, das besagt, dass diese Leute im Internet radikalisiert wurden und dass sie allein in ihren Zimmern sitzen und den ganzen Tag mit diesen Internetlöchern zubringen. Diese Rede vom „einsamen Wolf“ oder „Einzeltäter“ macht es für die Gesellschaft erträglicher: „Okay – das Problem, das wir haben, hat nichts mit strukturellem Rassismus zu tun, sondern das ist einfach einer, der verrückt ist; der zu Hause Waffen herstellt.“
Er ist von anderen inspiriert, die zuvor bereits Massenschießereien veranstaltet haben wie in Christchurch, Pittsburgh oder Orlando. Auch der Mord an Walter Lübcke zum Beispiel hat ihn inspiriert. Auch die früheren Taten von Nazis haben ihn inspiriert. Und er ist auch durch Alltagsrassismus inspiriert. Er ist auch inspiriert durch die Flut von Rassismus in der Politik, was in Deutschland wie in der ganzen Welt normal geworden ist. In vielerlei Hinsicht fühlt sich der Prozess von Halle für mich wie ein Schauprozess an. Von Anfang an wissen wir, was geschehen wird. Er wird ins Gefängnis gehen, wahrscheinlich für lange Zeit, und trotzdem löst das nicht das Problem. Trotzdem wird es sich nicht so anfühlen, als würde es Gerechtigkeit gegeben haben. Denn der Mord an Oury Jalloh ist noch immer nicht aufgeklärt. Oder die Fragen rund um NSU 2.0 sind auch noch offen. Die Probleme mit Nazis und Rassisten in Militär und Polizei und innerhalb des Justizsystems sind ungelöst. Die Probleme, durch die Eingewanderte, Linke, Feministinnen, Jüdinnen und Juden in Gefahr sind, sind immer noch da, auch wenn dieser Mann ins Gefängnis geht.
Leicht bearbeitetes Interview, gehalten vor Prozessbeginn am 20. Juli 2020 in englischer Sprache. Dank für die Wiedergabegenehmigung durch Leftvision. [Übers. durch d. Hg.]
https://www.youtube.com/watch?v=AdqIecPj-LQ
Wer das Vermögen hat, wirksam das sündige Verhalten seiner Hausangehörigen zu wehren, und dies unterlässt, wird für die Sünden seiner Hausangehörigen festgesetzt und bestraft. Wenn er in der Lage ist, das sündige Verhalten der Menschen seiner Stadt zu wehren, und dies unterlässt, wird er für die Sünden der Menschen seiner Stadt festgesetzt. Wenn er in der Lage ist, das sündige Verhalten der ganzen Welt zu wehren, und dies unterlässt, wird er für die Sünden der ganzen Welt festgesetzt.
(Übersetzung nach der englischen Talmud-Übersetzung)Babylonischer Talmud, Sabbat 54b
Der 21. Juli 2020 ist der Tag, an dem sich ein neuer Pfad zur Gerechtigkeit in Deutschland eröffnen sollte. Dieses Land stellt einen Verfechter der weißen Vorherrschaft vor Gericht, einen Mann, der eindeutig Antisemitismus, Rassismus und Misogynie offenbart hat, einen Mann, der versucht hat, Jüdinnen und Juden zu töten an ihrem heiligsten Tag, an Jom Kippur, der versucht hat, mich und meine Familie zu töten, der versucht hat, Mitglieder meiner Gemeinde und anderer Minderheiten zu töten. Es handelt sich um einen Mann, der aus reinem Hass gegen Minderheiten gezielt die Menschen in einer Synagoge und in einem Döner-Restaurant angegriffen hat – und der mit seiner Botschaftstat scheiterte, aber sein Ziel des Mordens erreichte und zwei Menschen, Jana L. und Kevin S., tötete. Dieses Geschehen ist eine Schande für das Land Sachsen-Anhalt, wo es sich zutrug, und es ist eine Schande für dieses Land.
Heute rufen wir unsere Freundinnen und Freunde, Nachbarinnen und Nachbarn, Mitbürgerinnen und Mitbürger in der deutschen Gesellschaft auf, eure Stimmen zu erheben. Der Talmud, unser rechtlicher und philosophischer jüdischer Grundlagentext, ruft jeden von uns auf, gegen „sündhaftes Verhalten“ zu protestieren, wo immer es uns möglich ist. Wenn wir die Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen, und diese Möglichkeit verspielen, sind auch wir für die Fortführung sündigen Verhaltens verantwortlich.
Es steht außer Frage, dass Antisemitismus, Rassismus und ähnliche Formen von Hass und Vorurteilen solch ein sündhaftes Verhalten darstellen; es steht außer Frage, dass der angeklagte Täter sich diese hasserfüllten Ideologien zu eigen gemacht hat und danach handelte. Wir als kollektive Gesellschaft haben noch so ungeheuer viel Arbeit zu leisten, um uns von diesen Ideologien zu befreien, um sie vollständig aus unserer Mitte zu verbannen, wo auch immer sie zu finden sind: in unseren Haushalten, in unseren Städten, in der Welt.
Mit dem Beginn des Prozesses gegen diesen Täter sind wir mit einem Moment konfrontiert, in dem sich uns eine gewaltige Gelegenheit bietet, vereint zusammenzustehen, auf der Grundlage der Prinzipien der Gerechtigkeit. Wir müssen diesem Täter gemeinsam entgegenstehen und die Geschichten seiner Opfer in den Vordergrund rücken. Wir müssen Zeugnis ablegen, wie tödlich hasserfüllte Ideologie ist. Und wir sollten unsere Politikerinnen und Politiker, Ministerinnen und Minister, Polizistinnen und Polizisten und alle, die dem Aufbau einer gerechten und gleichberechtigten Gesellschaft in Deutschland verpflichtet sind, inständig bitten, das Verfahren nicht als letzten Schritt in dieser Entwicklung zu betrachten.
Dieser Moment sollte uns daran erinnern, dass noch viel Arbeit vor uns liegt – und dass der Charakter dieser Arbeit über die symbolische Unterstützung für die jüdische Community und die Communitys von Minderheiten hinausgehen muss. Wir sollten uns für einen echten Wandel innerhalb unserer Verwaltungsstrukturen einsetzen. Wir sollten die Schaffung von Bildungsplattformen und Interessenvertretungen fördern, die sich gezielt an Menschen in Machtpositionen richten, damit diese ihrerseits eine gerechtere Gesellschaft schaffen können. Wir sollten uns bewusst sein, dass ein solcher Moment eine Gelegenheit für einen wirklichen systemischen Wandel ist; mit anderen Worten, eine Gelegenheit für wirksamen Protest. Lasst uns diese Chance nicht verspielen.
Gemeinsame Erklärung, gehalten vor dem Gerichtsgebäude in Magdeburg, siehe auch Blog der Nebenklage https://www.halle-prozess-report.de/2020/07/22/21-07-2020-erklaerung-der-nebenklaegerin-rebecca-blady-und-des-nebenklaegers-jeremy-borovitz-am/
Liebe Mitmenschen, liebe Unterstützer,
mein Name ist İsmet Tekin. Neben mir steht mein Bruder Rıfat.
Wir sind Überlebende des Anschlags vom 9. Oktober 2019 in Halle. Jana L. und Kevin S. haben diesen Tag nicht überlebt. Ich würde euch daher darum bitten, eine kurze Schweigeminute für die Opfer einzulegen.
Vielen Dank!
Heute vor euch zu sprechen, fällt mir nicht leicht, auch wenn ich mittlerweile geübter darin bin, Interviews zu geben. Es kostet mich viel Kraft, gemeinsam mit meinem Bruder hier zu stehen.
Wir stehen hier, atmen und unsere Herzen schlagen wie immer. Unsere Körper sind unversehrt, aber unsere Seelen sind es nicht. Seit dem Anschlag kämpfen wir mit den mentalen Folgen. Mein Bruder Rıfat war früher immer fröhlich und hat uns zum Lachen gebracht. Das ist nun anders. Seither haben wir keinen unbeschwerten Tag und keine ruhige Nacht mehr erleben können. Die Todesangst, die Sorge umeinander, die bangen Stunden der Ungewissheit und die große Trauer um den Verlust zweier unschuldiger Menschen begleiten uns jede Sekunde. Es gab ein Leben vor dem Anschlag und es gibt nun ein anderes Leben.
Auch unsere Arbeit im Kiez-Döner ist nicht dieselbe, die sie mal war. In unserem Laden wurde ein junges Leben ausgelöscht. Kevins Tod hat uns schwer erschüttert. Der Kiez-Döner ist damit auch eine Art Gedenkstätte geworden. Eine Gedenkstätte für die Opfer des feigen, rechtsextremistischen Anschlags vom 9. Oktober 2019. Mein Bruder und ich möchten diesen Laden erhalten, auch um Kevins Andenken zu bewahren. Wir möchten, dass dieser Laden im Herzen Halles bestehen bleibt und nicht dem Willen des Attentäters entsprechend verschwindet und „ausgelöscht“ wird. Wir möchten uns nicht vertreiben lassen.
Für den Bestand des Ladens werden wir mit all unserer Kraft kämpfen. Das verspreche ich. Ich weiß, dass viele Menschen in Halle das genauso sehen. Auch sie wollen nicht, dass der Kiez-Döner verschwindet. Und doch kommen nur noch wenige Gäste in unseren Laden. Die Politik hat uns Hilfe versprochen. Doch bekommen haben wir sie nicht. Wir haben auch bei der Stadt und dem Oberbürgermeister um Hilfe gebeten. Auch sie waren nicht solidarisch. Wir wurden einfach mit unseren Problemen alleingelassen.
