Haftnotizen -  - E-Book

Haftnotizen E-Book

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Beschreibung

Die Texte jugendlicher Strafgefangener überraschen. In verschiedenen Textgattungen, nach unterschiedlichen Vorgaben und zu diversen Themen versuchten sich die Autoren. Für die meisten unter ihnen waren dies die ersten literarischen Versuche. Dabei offenbaren die Autoren ein teilweise beeindruckendes Niveau an Ausdrucksfähigkeit und differenzierter Auseinandersetzung in ihren fiktiven Geschichten wie in persönlichen Betrachtungen. Von Erinnerungen an die Kindheit bis zum Nachdenken über das Altern, von Naturbeobachtungen bis zur Auseinandersetzung mit politischem Widerstand, von Haiku, Kurzgedichten nach japanischem Vorbild, bis zur historischen Erzählung reichen die Texte und Gedanken aus dem Jugendknast.

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Seitenzahl: 216

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhaltsverzeichnis

Schreiben im Knast

Haftnotizen I

Plötzensee

Herbst – Advent – Weihnachten

Jailbirds reloaded

Gute Seele

Versuche in Haiku und Senryū

Dave, Betty, Juri

Meine Zukunft

Ein Brief an mich selbst

Haftnotizen II

Mayonnaise

Das Haus meiner Kindheit

Uroma

Im Warteraum des Bürgeramts

Alte Leute

Dank

Schreiben im Knast

Schreibprojekte in Gefängnissen sind nicht so selten, wie der Außenstehende vielleicht vermuten könnte. Wenig Abwechslung im Haftalltag und das Bedürfnis, sich auszudrücken, sind der Hintergrund, vor dem mancher Gefangene auf die Idee kommt, etwas zu Papier zu bringen. So gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Büchern, in denen Gefangene oder Haftentlassene über ihr Leben schreiben, Angehörige verschiedener Berufe wie Seelsorger, Lehrer oder Trainer ihre Erfahrungen verarbeiten. Diverse Gefangenenzeitungen präsentieren Texte Gefangener, in denen häufig Alltagsprobleme des Lebens in Gefangenschaft erörtert werden.

Wenn dieses Buch also kein Novum darstellt, so dürfte es dennoch sowohl für den, der bereits Erfahrungen mit Knastliteratur hat, besonders aber für den, der bisher wenig Berührungspunkte mit Inhaftierten hatte, manches Lesenswerte und Überraschende bereithalten.

Nachdem der Herausgeber im Jahr 2014 unter dem Titel „Jailbirds – Blicke zum Himmel über dem Knast“ eine Textsammlung veröffentlichte, in der einige Arbeiten jugendlicher Gefangener enthalten waren, begann er im Dezember 2015 in der Jugendstrafanstalt Berlin ein Schreibprojekt, dessen Ergebnisse hier präsentiert werden. Bis zum Frühjahr 2018 versuchten sich die Teilnehmer an verschiedenen Textgattungen und Themen. Fiktive Geschichten und persönliche Betrachtungen entstanden nach thematischen Anregungen oder konkreten Vorgaben.

Nicht jeder Text war gleich literaturpreisverdächtig, doch gab es ausreichend Material, das für die die Veröffentlichung geeignet erschien. Dabei offenbarten die Autoren ein teilweise beeindruckendes Niveau an Ausdrucksfähigkeit und differenzierter Auseinandersetzung.

Einige Texte wurden während der Laufzeit des Projekts vorab präsentiert, etwa im Rahmen eines Wettbewerbs des Fördervereins für die Jugendstrafanstalt Berlin e.V. oder bei einer gemeinsamen Veranstaltung des Ökumenischen Gedenkzentrums am Heckerdamm mit der Seelsorge an der JVA Plötzensee. Die Wirkung der Arbeiten auf das Publikum stellte eine zusätzliche Ermutigung zur Veröffentlichung in Buchform dar.

Für die Teilnahme am Projekt bewarben sich die Autoren mit einem Text zu einem frei gewählten Thema und in frei gewählter Form. Einige dieser Texte und andere, aus eigenem Antrieb geschriebene, finden sich in den Kapiteln „Haftnotizen“.

Die Autoren der Texte werden mit teilanonymisierter Namensform oder Pseudonym benannt. Einleitende und mit dem Kürzel Rin gezeichnete Texte stammen vom Herausgeber. In diesen hat er versucht, die Rechtschreibung der deutschen Kultusministerkonferenz nach Kräften zu ignorieren. Die anderen Texte wurden in der den Autoren vertrauten Rechtschreibung korrigiert.

Berlin im Mai 2018

Thomas Marin

katholischer Seelsorger an der

Jugendstrafanstalt Berlin

Haftnotizen I

Männerabend

Ich sitze im hinteren Bereich vom Bus und blicke aus dem Fenster. Es ist schon fast dunkel, so dass sich mein Spiegelbild mit den Umrissen der Außenwelt vermischt. Ich schwelge in Erinnerungen und mein Unterbewusstsein nimmt den dumpfen Glockenschlag wahr, welcher die nächste Haltestelle ankündigt. Noch zwei Stationen. Meine Armbanduhr verrät mir, dass ich fünfzehn Minuten zu spät komme. Halb so wild, die Jungs warten und einer ist eh immer noch unpünktlicher als ich. Nach kurzer Zeit laufe ich zur Tür und mache mich bereit zum Aussteigen. Die Tageszeit und meine alleinige Anwesenheit im Bus erlauben mir, meiner Frisur ungestört den letzten Schliff zu verleihen. Ich betrachte mein Äußeres und streife mit dem Zeigefinger über die Nähte der Platzwunde unter meinem rechten Auge. In Gedanken sehe ich die heransausende Metallstange, welche ungebremst mein Gesicht küsst. Ich verwerfe die Erinnerung und steige aus dem Bus aus.

An der Straßenecke sehe ich knapp ein Dutzend Gestalten, die sich gestikulierend unterhalten. Sie rufen meinen Namen und geben bescheuerte Laute von sich. Grinsend laufe ich auf meine Brüder von anderen Müttern zu und begrüße sie. Ein Handschlag, der im besten Fall mit einem lauten Klatschen einhergeht, und die darauf folgende Umarmung, die den einen oder anderen vor Freude durch die Luft wirbelt. Bei belanglosen Gesprächen über den vergangenen Tag zünde ich mir eine Zigarette an und atme in Richtung des hell leuchtenden Mondes aus. Die Windstille lässt den weißen Rauch über die Straße gleiten. Kurze Zeit später ist das Rudel komplett und wir gelangen über ein paar Nebenstraßen zur nächsten Einkaufsmöglichkeit. Zehn Minuten vor Ladenschluss betreten wir das Geschäft und begeben uns auf direktem Weg zur Spirituosenabteilung. Da ich mit der jetzigen Diskussion über die Auswahl der Getränke vertraut bin, verdrücke ich mich zwei Gänge weiter für meine Geheime Mission: Bärenmarke Schokomilch. Als sich alle mehr oder weniger einig geworden sind, bezahlen wir bei der hübschen Blondine an Kasse drei und verlassen anschließend das Geschäft.

Nach zwanzig Minuten Laufweg ist die erste Flasche auf zwölf Mägen verteilt und wir erreichen einen kleinen See, der von Bäumen und Sträuchern umringt wird. Mittlerweile ist es Nacht geworden, doch das Licht des Mondes spiegelt sich auf der seichten Wasseroberfläche wider, so dass ich die anderen Gesichter mühelos erkennen kann. Wir platzieren uns an zwei aneinandergereihte Bänke. Eine kleine Musikbox, die für ihre Größe einen relativ guten Klang hat, erfüllt die Umgebung mit Deutschrap. Mit jedem Schluck aus meinem weißen Pappbecher verfliegen die Probleme, welche soeben noch meine Gedanken plagten. Unsere Stimmung läuft konstant auf den Höhepunkt zu. Der eine oder andere erzählt amüsante bis verrückte Geschichten, die der allgemeinen Belustigung dienen. Die Musik verstummt, als die ersten beiden Joints angezündet werden. Jeder Zug ruft durch das Knistern der Knollen die Erinnerung an ein entspanntes Lagerfeuer ins Gedächtnis. Ein Geruch, der nur für Personen greifbar ist, die mal mit diesem Genussmittel in Kontakt gekommen sind, umhüllt unsere Gruppe.

Mittlerweile ist es kurz vor Mitternacht und wir beschließen, uns auf den Weg zur Bushaltestelle zu machen. Die enthemmende Wirkung des Konsums lässt uns lautstark durch die Wohngegend marschieren. Rücksichtnahme Fehlanzeige. Als wir auf die Hauptstraße gelangen, nähert sich schon das leuchtende Augenpaar des Busses. Der Großteil unserer Gruppe entscheidet sich für einen Sprint, um rechtzeitig die Haltestelle zu erreichen. Sie verabschieden sich hastig beim Rennen und lassen uns als Trio zurück.

Eine Weile laufen wir planlos durch die Straßen und beschließen, in der nächsten Kneipe einen Absacker zu trinken. An einer Straßenecke biegen wir in eine schmale Gasse ein. Das matte Licht der Laternen erhellt die rotbraunen Backsteine eines Wohnhauses am Rande des Bürgersteigs. Zwei Gestalten erscheinen etwa hundert Meter vor uns. Als wir uns näherkommen, erkenne ich, dass es sich um Jungs in unserem Alter handeln muss. Im Vorbeigehen mustern wir uns gegenseitig. Ihr bärtiges Gesicht und die schwarzen Haare verraten mir ihre südländische Herkunft. Der größere rempelt einen meiner Freunde an, was ausreicht, um die Situation eskalieren zu lassen. Beim Umdrehen verteilt Karim als Reaktion auf den Zusammenstoß einen Schlag mit der flachen Hand auf das Ohr seines Gegners. Durch die Wucht der Backpfeife macht er einen Schritt zur Seite und Verwirrung breitet sich in seinem Gesicht aus. Karim nutzt den Moment und holt zu einer Schlagkombination aus, wovon drei Schläge das Gesicht und zwei den Körper treffen. Sie befinden sich etwa fünf Meter vor uns, als der Junge zu Boden geht und sich mit den Händen abstützt. Rote Flüssigkeit rinnt sein Gesicht entlang und tropft auf den Asphalt. Karim schreit ihn an, wodurch er sich mehr und mehr in den Konflikt hineinsteigert. Als er beginnt, auf ihn einzutreten, bemerke ich aus dem Augenwinkel, wie der Freund des Jungen in seine Jackentasche greift und seinem Begleiter zu Hilfe eilt. Ich mache zwei Schritte nach vorne, drücke mich mit dem linken Fuß ab und lasse mein rechtes Bein angewinkelt nach vorn schnellen. Als er ausholt, um Karim mit seinem Messer einen Stich zu verpassen, trifft mein Knie ihn mit voller Wucht seitlich am Kiefer. Ein lautes Knacken, begleitet von dem dumpfen Aufschlag seines Kopfes auf Beton dringt in meine Ohren. Die Glieder vom Körper gestreckt, liegt er reglos am Boden. Eine mit jeder Sekunde größer werdende Blutlache breitet sich unter seinem Kopf aus. „Du kannst dich wohl nie zurückhalten, was?“ sagt Karim mit einem Lächeln. Ich blicke auf den Jungen herab und erkenne erst jetzt im schwachen Licht der Laterne sein Gesicht. Irgendwie kommt es mir bekannt vor, doch ehe ich mich näher mit dem Gedanken befassen kann, reißen mich heulende Sirenen in die Realität zurück. „Los, beeilen wir uns!“ brüllt Karim. Wir lassen die beiden liegen und verschwinden in die Dunkelheit.

Am nächsten Morgen wache ich zuhause auf. Meine Augen öffnen sich nur schwer und Kopfschmerzen plagen meine Schläfen, sodass sich die Lust zum Aufstehen minimiert. Ich taste unter der Bettdecke nach meinem Handy und blicke auf den Bildschirm. Zwölf Anrufe in Abwesenheit, alle von einem meiner Freunde, der gestern jedoch nicht mit uns unterwegs war. Wahrscheinlich will er nur wissen, wie der Abend gestern verlaufen ist und ob er etwas verpasst hat. Ich drücke die Wahlwiederholungstaste und lausche dem Rufzeichen. Als er nach einigen Sekunden rangeht, lässt er mich gar nicht erst zur Begrüßung kommen. Er schluchzt, und trotzdem verstehe ich seinen Satz klar und deutlich. „Mein kleiner Bruder ist gestern Nacht gestorben.“ Die Worte hallen durch meinen Kopf, die Augen weit aufgerissen. Als er fortfährt gleitet eine eiskalte Flut durch meinen Körper, während die Wände um mich herum zu verschwinden scheinen. Nach einer Schlägerei erlag er im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Merlin S.

Bienen

Bedeutende Nachricht aus der Tierwelt: Naturwissenschaftler haben beobachtet, dass sich in der Welt der Bienen grundlegende Veränderungen anbahnen. Demzufolge fordern die Bienen von der Bienenkönigin in Zukunft mehr Gehalt, Selbstbestimmungsrecht bei Wohnort und Berufswahl sowie transparente Wahlen. Nach eigenen Angaben hätten sie genug davon, sich volltags um die kleinen Bienen zu kümmern, während es sich die Königin auf Kosten der Arbeiterschicht gut gehen lässt und, der Vorwurf steht schon seit langer Zeit im Raum, sogar Wahlen verhindert. Diese Beobachtung erscheint plausibel, da die Königin, so die Wissenschaftler, schon seit Lebenszeit im Amt ist. Des weiteren beklagen sich die Bienen darüber, dass ihre Arbeitszeiten Urlaub oder Freizeitaktivitäten kaum zuließen. Unhaltbare Zustände...

Tristan

Gedankensplitter

Ich öffne die Augen und sehe immer wieder eine mir fremde Zimmerdecke. Noch schlaftrunken von der letzten Nacht wegen der Träume, die so zahlreich und verschieden waren, starte ich einen taumelnden Versuch, mich aus dem Bett zu schwingen. Ich wandle barfuß über den Boden und spüre die kalte, künstliche Seite der sich langsam nähernden Realität: dem Licht, das mich in dem kleinen Raum begrüßt, den wir Nasszelle und andere Badezimmer nennen.

Zivilisation ist ein Miststück,

das auf dem Zahnfleisch geht.

Regen! Ich begutachte ihn wie ein eifriger Kinobesucher seinen Film. Von meinem Fenster aus, das versucht, mir die Aussicht auf diesen frei fließenden Ausguss der Natur zu verwehren, lasse ich mich dennoch nicht unterkriegen. Wenn es regnet, weint die Welt, entweder vor Kummer oder vor Glück. Ich tue es ihr heute jedenfalls gleich, denn ich werde heute entlassen in die Freiheit. Bei mir sind es Tränen der Freude, die ich auf der Schwelle hinaus vergieße. Was wären sie bei euch?

Ich bin niemand. Sind Sie wer?

Kommen Sie auch von Nirgendwoher?

Oh, dieser von mir so verfluchte Alltag, der mir immer wieder seine widerliche Monotonie ins Gesicht reiben will. Es ist zum kotzen! Jeden Tag die gleichen Bilder: Mord, Krieg, Hunger und Gewalt. Es ist doch jeden Tag der gleiche Horror, der mir aus der Kiste entgegenwimmert. Schrill klingt dazu das kommerzielle Echo und das Schlimmste ist: Freundschaft ist heute virtuell.

Dennis K.

Sehr geehrter Papa

Du fragtest mich, warum ich so bin, warum ich all die Dinge in der Vergangenheit getan habe. Und ob ich wirklich dein Sohn bin oder bei der Geburt im Krankenhaus vertauscht wurde, ein Kuckuckskind bin.

Um all deine Bedenken zu beantworten: Ja, ich bin dein Sohn. Ich habe all deine Eigenschaften und Interessen, nur bin ich anders und gestalte mein Leben so, wie es mir gefällt und nicht nach deiner Vorstellung. Ich weiß, dass es manchmal nicht der richtige Weg ist, den ich gehe, aber mit den Fehlern lerne ich immer ein Stück mehr. Ich sage nicht, dass mir deine Meinung egal ist. Ich wünsche mir sogar, dass du mir deine Erfahrung und Weisheit mitgibst, aber bitte nicht als Befehl.

In Liebe, dein Sohn

Taleh B.

Nachtschwärmer

Michael schwieg. Er presste die Lippen aneinander, als wollte er sich dagegen wehren, dass irgendetwas seinem Körper entweicht. Es brauchte seine Zeit, aber die kühle Abendluft schien ihm dabei zu helfen, sich der Realität bewusst zu werden. Er blieb an einer Kreuzung stehen und wartete, bis die nächste Grünphase einsetzte. Eine Person Mitte 20 kam ihm entgegen. „Ej du, hast du mal ne Zigarette?“, fragte Michael. Währenddessen fiel ihm auf, dass der Junge wahrscheinlich keine 18 Jahre alt war. Er zögerte, antwortete dann aber lässig: „Ja, klar, Moment.“ Er brachte seine Packung zum Vorschein und gab eine raus. Michael nickte. „Und Feuer?“ Der Junge schien es eilig zu haben. Erst beim dritten Versuch fing die Zigarette zu glühen an. Michael zog den Reißverschluss seiner Jacke zu, vergrub eine Hand in der Hosentasche und setzte seinen Weg fort. Der kalte Wind hatte fast eine lähmende Wirkung entwickelt. Plötzlich drehte er sich um. „Hey, bleib stehen!“ Er ging einige Schritte zurück und drückte dem Jungen etwas in die Hand. „Hier Kleiner, hör lieber mit dem Rauchen auf.“ Der Teenager schaute ihn verdutzt an und schüttelte mit dem Kopf. Ein kaum hörbares Murmeln verlor sich zwischen Autohupen.

Die Fußgängerampel war mittlerweile wieder auf Rot. Der Rauch, der Michaels Atemwege auf dem Weg zur Lunge passierte, tat ihm gut. Es erwachte jenes alte Gefühl der Selbstbestimmung in ihm zum Leben, welches er bestimmt vermisste, hätte er nicht in der ganzen Zeit vergessen, wie es sich überhaupt anfühlte. Die Kollegen grüßen, so tun, als ob es ihm nichts ausmachen würde, dass er Überstunden macht. Selbst im Arm seiner Frau zu liegen, als die Nachricht der zweiten Fehlgeburt um halb sechs Uhr morgens von einem neurotischen Assistenzarzt am Krankenhausbett übermittelt wurde, es sind alles nur Handlungen zum Gefallen der Mitmenschen und Wahrung der Anstandsformen. Lisa hatte sich den Kinderwunsch mit der Zeit auch abgeschrieben. Dafür war er unter Umständen schon mehrmals Vater geworden auf seinen Streifzügen durch das Nachtleben.

Die Nachtschwärmer, die die schlecht beleuchtete Straße bevölkerten, ließen ihn an die Vorteile der Anonymität der Großstadt erinnern. Die Zigarette war aufgeraucht. Er brauchte Nachschub. Vor einem Tankstellennachtschalter kramte er nach Kleingeld. Zwischen den Münzen befand sich noch einer der Nikotinkaugummis, von denen er dachte, er hätte dem Jungen den letzten gegeben. Der korpulenten Verkäuferin hinter der Glasscheibe schien es nichts auszumachen, zu warten. Sie stand einfach da und war bereit, seine Order entgegenzunehmen. Sie erinnerte ihn irgendwie an die Frau, die in der Werbung mal gefragt hatte, was die Kondome kosten. Einige Taxifahrer reihten sich hinter Michael ein, um ihre Tankkosten zu bezahlen. Währenddessen schob die Dicke das Päckchen Glimmstängel durch die Schublade. Es war die gleiche Marke, von der er auch eine Schachtel in seinem Hochzeitsanzug im Schrank versteckte. Das Nikotin ebnete den Weg, klar zu denken.

Die fünftausend Euro wurden mit 20 Prozent bezinst. Zahlungserinnerungen von Männern in Lederjacken waren im Service inbegriffen. Die Zeit bei der Polizei hat zwangsläufig dazu geführt, sich selbst unfehlbar und jeden Kriminellen als genetisch intelligenzgemindert anzusehen. Diese sture Wahrnehmung führt dazu, das Offensichtliche auszublenden. Offensichtliches wie seine Spielsucht. Immer wieder besänftigte er sich, indem er sich einredete, die Typen könnten schon nichts machen. Was auch? Ihn auf offener Straße abknallen? Verdammt, wir leben doch nicht in der Bronx, ratterte es in seinem Kopf.

Am Straßenrand saß ein Obdachloser. Er schmiss seine restlichen Münzen in den zerfledderten Becher am Bordstein.

Trotzdem wurde es langsam eng. Die Tipps, wann und wo eine Razzia stattfinden würde, reichten vielleicht aus, um sein Taschengeld aufzubessern, aber für viel mehr auch nicht. Die Lunge schmerzte. Oder war es das Herz? Auf jeden Fall tat es weh. Das Telefon vibrierte. Es war Lisa. Die Schmerzen wurden stärker. In Gedanken an den möglichen Grund ihres Anrufs schlossen sich seine Augen...

Der Aussicht nach zu urteilen war es mittags. Ein Seitenblick ließ Michael wissen, er befand sich im Krankenhaus. Was war passiert? Er versuchte, aufzustehen, doch sein Kopf vermittelte ihm, es wäre besser, liegenzubleiben. Der penetrante Geruch von Erbrochenem ging seine Nase hoch. Im Nachthemd irrte er im Gang herum. Die Leute schienen nicht mehr darüber verwundert, als er es hatte angenommen. Eine zierliche Krankenschwester rannte auf ihn zu. „In Gottes Namen, legen Sie sich wieder hin!“, entfuhr es ihr. „Leck mich!“ „Wie bitte?“ „Ich setz‘ mich“, sagte er. Scherzkeks, dachte sie. Er nahm auf einem Sitz neben einem Kaffeeautomaten Platz. „Haben Sie mal nen Euro?“ Sie überging die Frage und fing an, von den Risiken des eigenmächtigen Aufstehens aus seinem Bett zu sinnieren. Bei dem Wort Herzinfarkt wurde er wieder hellhörig. „Wann?“ Gestern. „Wo?“ Auf der Straße. „Wieso?“ Belastung. „Schalten Sie einen Gang runter“, sagte sie. „Okay. Haben sie trotzdem nen Euro?“

Leon K.

Kindheitstraum

Er wird geboren in den Neunzigern. Gott war großzügig und schenkte der Mutter fünf Kinder.

Er war einer davon, nicht jung, nicht alt, doch was alt sein heißt, erfährt er bald.

Er war ein kleiner Rebell, tobte und kämpfte sich durchs Leben. Er wollte auch mal groß sein und Mutter vieles zurückgeben.

Er hat ein helles Köpfchen und vieles zu bieten, doch das große Geld schien ihn mehr zu interessieren.

So wie jeder Junge wollte er dicke Autos fahren und für Mamas schönes Haus Geld beiseite sparen.

Doch der Junge plante und das Schicksal klagte, aber wann er das erfährt ist eine Zeit der Frage.

Alles ging viel zu schnell, er war ein Jugendlicher, doch im nächsten Augenblick schon Einbrecher.

Und so bekam er zu sehen das erste große Geld. Er wollte mehr davon haben, am liebsten die ganze Welt.

Und so rutschte er von einer Straftat zur anderen. Jetzt hatte er schon ganz teuflische Gedanken.

Er wurde von Lehrern gewarnt, vom Vater ermahnt, doch keiner weiß, wieso er das nicht verstand.

Nun wollte er raus aus dem Teufelskreis und ein neues Leben beginnen. Doch es war zu spät, er war schon mittendrin.

Er weiß jetzt, so geht es nicht weiter, denn er wird immer älter und im Leben scheitern.

Dieser Junge bin ich und muss heute eine langjährige Strafe verbüßen, dieser Mist hat kein' Sinn und so verabschiede ich mich mit schönen Grüßen.

Salah D.

Shamil O.

Plötzensee

Im Sommer 2017 widmeten sich die Teilnehmer des Schreibprojekts der Geschichte des Ortes, an dem sich die Jugendstrafanstalt Berlin befindet. Das Gefängnis Plötzensee war seit seiner Inbetriebnahme in den 1870er Jahren auch Hinrichtungsstätte. Bis 1932 wurden mehr als 30 Verurteilte mit dem Handbeil hingerichtet.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten stiegen die Hinrichtungszahlen rapide an. 2891 Todesurteile wurden bis 1945 vollstreckt. Neben wenigen Urteilen wegen schwerster Verbrechen, für die auch zuvor die Todesstrafe verhängt worden war, wurden vor allem Menschen hingerichtet, die sich im Widerstand gegen das mörderische System engagiert, Verfolgte unterstützt oder sich schlicht ihre freie Meinung bewahrt hatten. Wo die zum Tod Verurteilten ihre letzten Lebensstunden verbrachten, befindet sich heute – in unmittelbarer Nachbarschaft zur Gedenkstätte Plötzensee – ein Gebäude mit Arbeitsbetrieben und ein Sportplatz.

Beginnend mit einem Film und einem Referat eines Gefangenen über das Attentat auf Adolf Hitler am 20. Juli 1944 setzten sich die Teilnehmer mit Einzelschicksalen ausgewählter Persönlichkeiten auseinander. Militärs und Zivilisten, Politiker und Künstler, aus dem Umfeld des 20. Juli wie der Roten Kapelle, Männer wie Frauen wurden in den Blick genommen. Nach eingehender Beschäftigung mit den Biographien und den Umständen der Verhaftung und Verurteilung entstanden die folgenden Texte, die im Rahmen der Plötzenseer Tage am 26. Januar 2018 bei einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung des Ökumenischen Gedenkzentrums am Berliner Heckerdamm und der katholischen und evangelischen Seelsorge an der JVA Plötzensee gelesen wurden, teils von den Autoren selbst.

Retrospektive

Als Häftling fällt es mir schwer, über die Anhänger des Stauffenberg-Attentats, von denen einige hier in Plötzensee inhaftiert waren, zu schreiben. Vor allem, wenn es um die Frage geht, welche Verbindungen zwischen ihnen und uns bestehen. Die Wahrheit ist, außer dem Ort und den Gittern vor den Fenstern gibt es so gut wie keine Gemeinsamkeiten, es erschiene anmaßend, sich mit ihnen zu vergleichen. Verglichen mit damals schwelgen die Insassen von heute im Luxus und verlassen nach recht kurzer Zeit wieder das Gefängnis, ohne sich bewusst gemacht zu haben, wer einmal diese Einrichtung mit ihnen teilte.

Wie ein altes Photo, das durch das Sonnenlicht bis zur Unkenntlichkeit verblasst, vergessen wir immer mehr die innere Kraft und den unumstößlichen Willen, den unsere Vorgänger an den Tag legten, als sie Hitler entgegentraten und schlussendlich dem Tod ins Auge sahen. Doch lassen wir uns nicht täuschen: Gedenken heißt nicht nur, zurückzuschauen, denn Stauffenberg und seine Anhänger kämpften nicht nur gegen den Nationalsozialismus – sie standen für das Ende der selbstverschuldeten Unmündigkeit und für die Demokratie. Sie wollten den Bürgern in Zeiten der Diktatur und der Unterdrückung ihre Stimme zurückgeben und Frieden schaffen, dies gilt damals wie heute. Wir leben in einer Zeit, in der die Menschen in der Türkei, in Russland oder Amerika Schutz vor der Komplexität der Globalisierung suchen, indem sie ihre Entscheidungskraft „starken Männern“ schenken, die ihnen die Einfachheit vergangener Zeiten versprechen, nur damit sie die Verantwortung, die politische Entschlüsse mit sich bringen, nicht tragen müssen.

Erinnern wir uns an die Verfechter des Attentats und an ihre Ideale, werfen wir unsere bürgerliche Macht nicht weg, nur weil die Welt komplexer geworden ist und es den Anschein hat, als könne man nichts ändern.

Gedenken heißt, dass wir erkennen, wohin uns das führen kann. Es heißt zu fühlen, wie nah die Verschwörer uns dadurch kommen. Vielleicht mir als Häftling auf besondere Art und Weise.

Es ist an uns, denn sie gaben ihr Leben,

zu gedenken,

uns klar zu machen, dass ihr Ringen

für Recht und Freiheit, Individualität und Vielfältigkeit

nicht der Geschichte angehört,

sondern uns als Vorbild dient.

Es ist an uns, mit Demut zu erkennen,

dass sie uns noch heute Verantwortung und Nächstenliebe lehren,

denn sie sind unvergessen.

Tristan

7. Juni 2017- Maria Terwiel

Es ist 3:22 Uhr. Draußen ist es stockfinster und der Windzug lässt meine Haftraumtür aus hartem Stahl gegen den Türrahmen knallen. Immer und immer wieder. In meiner linken Hand halte ich eine gedrehte Zigarette, die ich rauche, in der rechten einen Stift. Ich überlege…

Ich bin Inhaftierter der Jugendstrafanstalt Berlin, auch „Plötze“ oder „Plötzensee“ genannt. Die Anstalt wurde von französischen Häftlingen im 19. Jahrhundert erbaut. Sie ist die älteste Anstalt in Berlin.

Eingesperrt zwischen Backsteinen und rostigen Gitterstäben. Genau wie die „Staatsfeinde“ des 3. Reiches. Ja, genau, hier saßen „Staatsfeinde“. Zu ihnen gehörten Widerstandskämpfer, Gesetzesverächter und Juden. So mancher konnte sich darauf einstellen, nach dem Todesurteil hier hingerichtet zu werden. So wie einst Maria Terwiel. Eine junge, zierliche Frau, geboren in Boppard. Sie war eine katholische Widerstandskämpferin gegen den Nationalsozialismus und gehörte zum Kreis der Roten Kapelle. Ihr Vater war ein hoher Verwaltungsbeamter und später Lehrer. Ihre Mutter war Jüdin. Laut den Nürnberger Gesetzen galt Maria Terwiel deshalb als „Halbjüdin“ und konnte deswegen nach ihrem Studium keine Stelle im kalten Nazi-Deutschland als Referendarin bekommen. Damals lernte sie den „arischdeutschen“ Helmut Himpel kennen. Sie verlobten sich, doch konnten sie später laut Gesetz nicht mehr heiraten. Die gläubige Katholikin unterstützte gemeinsam mit ihrem Verlobten versteckte Juden, indem sie ihnen Ausweise und Lebensmittelkarten verschaffte. So entstanden Kontakte zur Widerstandsgruppe Rote Kapelle um Harro Schulze-Boysen. Sie fertigte illegale Flugblätter und brachte Klebezettel gegen die nationalsozialistische Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ an.

Am 17. September 1942 wurde sie verhaftet. Vier Monate später, am 26. Januar 1943, wurde sie vom Reichskriegsgericht zum Tod verurteilt. Weil sie barmherzig war und Juden half? Ja, leider Gottes. Nach Ablehnung eines Gnadengesuchs durch Adolf Hitler wurde sie am 4. August 1943 hier in Plötzensee durch ein Fallbeil hingerichtet. Hier, vor knapp 74 Jahren. Schon etwas unheimlich, wenn man sich nachts vorstellt, wie Hunderte, gar Tausende hier geköpft oder erhängt wurden. Heute hätten sie wahrscheinlich eine ehrenvolle Auszeichnung bekommen statt eines Todesurteils.

Ich werfe einen Blick aus dem Fenster. Ein dichter Nebel zieht über die fünf Meter hohen Betonmauern mit den NATO-Stacheldrähten. Man könnte meinen, es seien die Geister der Hingerichteten. Ich höre ein Geräusch hinter mir. Es ist sechs Uhr morgens, der Beamte macht die Lebendkontrolle.

Maria Terwiel wäre am heutigen Tag 107 Jahre alt geworden. Meiner Meinung nach hätte keiner in Berlin-Plötzensee sterben müssen, auch nicht Maria Terwiel. Ich findes es ihr gegenüber ungerecht, „nur“ vier Jahre Strafe bekommen zu haben. Ich möchte es mir gar nicht vorstellen, 75 Jahre vorher gelebt zu haben. Ich frage mich, ob ich auch hingerichtet worden wäre. Am liebsten hätte ich Maria Terwiel kennengelernt. Ich würde ihr so viele Fragen stellen. Wie sie auf die Idee kam, den Juden zu helfen, ob sie Angst hatte, als sie das Urteil bekam und so weiter. Dass sie Katholikin war, hat mir das Gefühl gegeben, dass ich eine gewisse Bindung zu ihr habe. Hätte ich das Gleiche gemacht?

Roy T.

Robert Dorsay

Mein Name ist Peter Schmidt. Ich bin Justizvollzugsbeamter im Gefängnis Berlin-Plötzensee. Meine Aufgabe ist es, zum Tod verurteilte Gefangene zu betreuen und hinzurichten. Ab und zu leite ich auch die Nachtschicht in der Anstalt, was mir, ehrlich gesagt, auch viel lieber ist.

Vor dem Krieg war ich öfter am Wochenende im Admiralspalast in Berlin-Mitte. Dort gab es einen guten Komiker, er hieß Robert Dorsay. Er traf immer meinen Geschmack von Humor. Doch als der Krieg ausbrach, war es vorbei mit dem Theater. Eines Tages wurde mir von einem Kollegen mitgeteilt, dass Dorsay in der Anstalt wäre. Ich informierte mich über ihn und machte mich auf den Weg zu seiner Zelle. Ich nahm heimlich Brot, Wurst, Käse und Kaffee für ihn mit. Als ich in seiner Zelle war, unterhielt er mich mit seinen Witzen. Fast jede Nacht war ich bei ihm, brachte ihm etwas zu essen mit und hörte mir sehr gern seine Witze an.