Haha Heartbreak - Olivia Kuderewski - E-Book

Haha Heartbreak E-Book

Olivia Kuderewski

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Beschreibung

Trennungen sind scheiße. Die Liebe des Lebens verwandelt sich plötzlich in ein Monster, man heult schon zum Frühstück, trinkt täglich, blockiert und entblockiert, gibt Socken zurück, macht Umwege, um die Zigaretten woanders zu kaufen, shapet seinen Body und hört plötzlich doch auf die Ratschläge der Mutter. Man panzert sich, legt sich eine solide Schicht Gefühlskälte zu, Teflon quasi, aber irgendwann kriegt die Risse! Also, schon wieder verliebt, wie ein Goldfisch, nichts gelernt, dann das bisschen schöne, neue Zeit, bis man sich gegenseitig wieder auf den Sack geht und merkt, dass man auch diesmal (!) von Anfang an nicht zusammengepasst hat, und dann, schon wieder, gleiches Problem. So ein Zirkus. Da muss es doch irgendeine Alternative geben.

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Seitenzahl: 186

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Olivia Kuderewski, 1989 geboren, hat vergleichende Literaturwissenschaft in Augsburg und Sevilla und literarisches Schreiben in Hildesheim studiert. Sie lebt in Berlin und arbeitet unter anderem als freie Sachbuch-Lektorin. Ihr Debütroman »Lux« wurde 2021 mit dem Klaus-Michael-Kühne-Preis ausgezeichnet.

© Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2022

Lektorat: Helge Pfannenschmidt, Dresden

Korrektorat: Kristina Wengorz, Berlin

Umschlaggestaltung: HawaiiF3, Leipzig

Satz: Fred Uhde, Leipzig

Druck und Bindung: BALTO print, Vilnius, Litauen

ISBN 978-3-86391-343-4

eISBN 978-3-86391-354-0

www.voland-quist.de

Inhalt

1 Blockiert

2 Verzweifelt

3 Abgelenkt

4 Verwirrt

5 Reaktiviert

6 Frustriert

7 Erleichtert

8 Geübt

9 Gestört

10 Verunsichert

11 Verkümmert

12 Konzentriert

13 Befruchtet

14 Eingerenkt

15 Bewertet

16 Verliebt

17 Verrückt

18 Entwöhnt

19 Arrangiert

1 Blockiert

Der Moment, in dem ich mich in dich verliebt habe, war richtig dämlich. Ich habe dir das nie erzählt, weil ich mich im Nachhinein dafür geschämt habe, dass ich so billig zu haben war: Es lief ein Song mit dem Refrain My heart boom boom boom boom boom, und plötzlich hatte ich Gefühle. Ich konnte fast hören, wie der Panzer, den ich mir immer zwischen meinen Beziehungen anlege, aufknackte, und ich hatte mich vorher monatelang erfolgreich gewehrt, aber dann bin ich bei sowas schwach geworden. Das kann man wirklich niemandem erzählen.

Ein paar Wochen vorher hatte meine Freundin mich gegen meinen Willen zu dieser Bar geschleppt. Es war fast Sommer, ich war schlecht drauf, und die Leute standen mit ihren Drinks lässig vor dem Eingang herum. Sie fing an, ihre Bekanntschaften zu begrüßen, aber ich musste erstmal wie ein Idiot mit meinem verrosteten Fahrradschloss kämpfen, weil ich den Schlüssel zwar rein-, aber nicht mehr rausgekriegt habe. Jeden Frühling nehme ich mir vor, das Schloss zu entrosten, aber vergesse es immer wieder oder finde es dann doch nicht mehr so nötig, bis mir eben sowas passiert, bis ich vor einem Haufen lässiger Leute minutenlang an diesem Ding herumzerren muss und mein Kopf dabei immer röter wird. Zwischendrin habe ich aufgeschaut, ob mich jemand dabei beobachtet, weil, je länger sowas dauert, desto peinlicher wird es, und zwar nicht nur, weil man so unsouverän mit dem eigenen Equipment umgeht, sondern auch, weil dieses hartnäckige Fahrradabschließen irgendwie bedürftig wirkt, jedenfalls habe ich angefangen, stark zu schwitzen, ich war schon kurz davor, einfach wieder nach Hause zu fahren, weil ich dachte, wenn ich nicht mal das hinkriege, wie soll ich dann den ganzen Abend über mit Fremden reden, aber dann habe ich aufgesehen und bin deinem Blick begegnet.

Ich weiß nicht, wie lange du mich da schon beobachtet hast. Du hast riesige, runde Augen, und ich konnte deswegen nicht vermeiden, dir da reinzugucken. Meine Augen wurden quasi von deinen verschluckt, und das war vielleicht ein Schock, aber keine Liebe.

Du hattest ein schwarzes T-Shirt, eine kurze Hose und Stiefel an. Ich habe mich gewundert, warum Stiefel zur kurzen Hose, das machen die sonst nur in der Klamottenwerbung, ich dachte: Das ist nicht real, für was machst du denn bitte Werbung? Und deine Haare waren mit einem dünnen, schwarzen Metallreifen nach hinten geschoben, aus so geringeltem Metall, wie das, was die Schreibblöcke zusammenhält. Du hattest damals kürzere und dichtere Haare, die sind dir später immer mehr ausgegangen, von der Liebe, sagtest du, von dem Ärger mit der Liebe, aber eigentlich meintest du: von dem Ärger mit mir. Ich habe damals auch gesehen, dass einzelne Haare an deinem T-Shirt klebten, dunkle Haare auf einem schwarzen T-Shirt, eigentlich konnte man das gar nicht sehen, und mir fiel auch auf, dass ein paar dieser Haare Spliss hatten und bei bestimmtem Lichteinfall minimal lila schimmerten.

Die Schnürsenkel deiner Stiefel hattest du um die Knöchel gebunden und den überstehenden Schuhkragen darübergeschlagen. Ein bisschen wie Flügel an den Hacken sah das aus, und damals dachte ich: Aha, ein Bote, Schicksal. Oder vielleicht dachte ich das erst später, als meine Mutter meinte: Schütze! Unternehmungslustig!, und das stimmt, aber vor allem wurde ich von Anfang an von dir beschossen. Und ich kann mich auch daran erinnern, dass mich deine Zähne beeindruckt haben, weil sie so wahnsinnig gerade sind. Das hab ich dir gleich als Erstes gesagt: Wow, deine Zähne sind so wahnsinnig gerade und es sind so viele, aber vielleicht hatte ich diesen Eindruck nur wegen deinem breiten Mund, deinem großen Mund, deinem riesigen Mund, deinem Drecksmaul, so viele Zähne, dass ich in unserer letzten Nacht davon geträumt habe, von zwei Wölfen gefressen zu werden.

Du hast ein Gesicht zum Niederknien, so sagt man das doch, das ist mir schon anfangs aufgefallen. Und ich hätte mich bis vor Kurzem definitiv vor dein Gesicht gekniet, und vor allem darüber, du konntest nämlich lecken wie sonst keiner, das muss ich zugeben, auch wenn ich dir jetzt die Zunge rausreißen möchte. Und wenn ich an diesem ersten Abend gewusst hätte, wie das mit uns ausgeht, dann hätte ich damals schon angefangen zu trainieren, 20 Liegestütze schaffe ich jetzt, und was für eine Dreckslüge, das mit der Liebe.

In dieser ersten Nacht hab ich dir gesagt: Deine Augen kommen mir so schockierend vertraut vor. Ich bin ganz esoterisch geworden, als wir uns auf meiner Matratze gegenüberlagen. Später war dein Gesicht so oft vor Wut verzerrt, ich musste an die Medusa denken, wenn deine Haare dabei offen waren, so viel Hass in den Augen, dass sie dir fast aus dem Schädel gequollen sind.

Am ersten Abend in der Bar habe ich dich auf der anderen Seite des Tisches beobachtet. Und als der Typ neben mir endlich nach Hause gegangen ist, habe ich dich hergewunken, auf seinen Platz. Du bist sofort aufgestanden, obwohl du mitten in einem Gespräch warst, du bist einfach aufgestanden und hast dich neben mich gesetzt.

In meinem Gesicht ist alles hart wie Gips. Alle sagen, das ist wie Entzug, schlimmste Sorte, weil, Hormone, es braucht Zeit, sich zu entlieben, hat mir ein Freund am Telefon gesagt. Er wollte mich damit beruhigen. Aber ich werde panisch, wenn ich das Wort »entlieben« denke, es fühlt sich so an, als würde etwas in meiner Brust gewrungen wie ein nasser Putzlappen, ich werde entwässert, alles ist trocken, schwarz und verdreht, wie im Schraubstock. Es ist, als würden Teile von mir fehlen, als hätte man mir etwas entfernt, demontiert, abgenommen oder abgerissen, als hätte man mir dich, während wir gerade noch Händchen hielten, mitsamt meinem Arm abgehackt.

Ich versuche, dich anzurufen. Deine Mailbox springt an.

Ich suche panisch unseren Chat.

Mir kommt das Wasser zu den Augen raus, weil, wo dein Gesicht war, ist jetzt ein Personen-Icon, der Chat ist leer, und ich bin noch lange nicht entwässert, ich bin nicht trockengelegt, dein Telefon ist jetzt geschützt vor mir, ich bin klein, blockiert und schwer verletzt, ich bin eine Telefonterroristin.

2 Verzweifelt

Bei der Selbstbeschreibung gerate ich ins Stocken. Vielleicht einfach Sex? Das wäre ehrlich, aber auch riskant, und nach mehreren Anläufen lösche ich alles und schreibe gar nichts hinein. Ich lade auch nur verschwommene Bilder von meinem Hinterkopf hoch, es gibt sowieso einen Männerüberschuss auf den Apps, ich lasse mich zusammenfantasieren, schließlich geht es um nichts.

Meine Freundin sagt: Lenk dich ab. Du kannst jetzt ficken, wen du willst.

Mir selbst gefallen auch nur diejenigen, deren Profile keine Informationen enthalten. Keine Selbstbeschreibung, keine Vorlieben, kein Alter, kein Name, keine Nation, keine Intention, keine Person. Solche Leute haben meist nur ein unidentifizierbares Irgendwas als Bild, zum Beispiel eine Landschaft, die aus einem Fahrzeug aufgenommen wurde. Vermutlich sind das auch fliehende Menschen, die sich gerade getrennt haben, es gibt nicht viele von diesen Geistern, aber ich wische sie alle nach rechts.

Beim Erstkontakt schreibe ich nichts Konkretes, ich winke bloß, mit diesem blöden Winkehand-Symbol. Darauf dürfte doch wirklich keiner reagieren, denke ich, auf so eine faule Kontaktaufnahme von einem so nichtssagenden Profil wie meinem, aber dann höre ich, wie es in meiner Hosentasche pingt, während ich auf dem Fahrrad sitze, der Männerüberschuss. Urplötzlich ekele ich mich vor diesem Geräusch. Es klingt nach fremden Händen, fremdem Speichel, fremdem Schweiß, fremdem, saurem Sperma, ich halte an und sehe nach, es ist bloß eine Winkehand zurückgekommen, mehr nicht, aber mein Herz rast, ich lösche die App, beruhige mich, werde traurig, weine, werde wütend, schnaube, installiere sie wieder, antworte mit einem GIF und fahre weiter.

Treffen sich zwei, die sich gerade getrennt haben.

Der Erste sagt nichts.

Der Zweite rennt weg.

Ich wische mit Furcht.

Aber der Appetit kommt beim Essen, so sagt man doch.

Rechts, links, links, rechts, links, links, links, rechts, links, links, links, links, links, re-links, links, links, links, links, links, links (!!!), links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, links, mir tut der Daumen weh, ich schiene meinen Daumen, ich wische unermüdlich Männerköpfe nach links, einen nach dem anderen, soll mir der Daumen ruhig abfallen, ich suche

Dein Gesicht war zum Niederknien.

Aber andere Mütter

Ein anderer Sohn schreibt mir: Hey, na, wie geht’s?

Erst kriege ich extremes Stress-Herzklopfen, dann antworte ich:

Draußen scheint die Sonne, aber ehrlich gesagt will ich mein Bett nicht verlassen. Wenn ich in letzter Zeit aufwache, brauche ich immer ein paar Sekunden, bis mir einfällt, dass ich total allein bin, und dann kickt die Einsamkeit richtig rein und ich weine viel zum Frühstück. Ich hätte so gerne mehr von dieser Ahnungslosigkeit direkt nach dem Aufwachen, ich will dumm und vergesslich werden. Kennst du das?

Nein, haha, ich antworte: Super. Und selbst?

Ich muss den Panzer wieder anlegen, um es in fremde Betten zu schaffen. Er besteht aus Leichtigkeit, viel Lächeln, Augenzwinkern, Nachfragen, Zuhören, Halbprofil, guter Laune und Schlagfertigkeit, aus Intelligenz (je nachdem), Witz, Koketterie, Klamotten und Haarpflegeprodukten, aus enthaarten Beinen und Achselhöhlen, rasiertem Intimbereich und am besten auch Arschloch, Unterwäsche ohne Löcher, aus Schlankheit, S-Kurve, geshapetem Body, aus der unterdrückten Freisetzung von Körpergasen, leicht geöffneten Lippen, Gefügigkeit, Blowjobs, Missionarsstellung, Räkeln, Anfeuern, Wimmern, Stöhnen, aber eigentlich merke ich gerade, ich habe überhaupt keine Lust zu ficken.

Er: Was hast du am WE vor?

Heulen, im Bett trinken, rauchen und mit meiner Mutter telefonieren.

Ich: Nichts Besonderes, du so?

Und ich weiß, dass es albern ist, ans Schicksal zu glauben, das tut man nur, wenn man kurz davor ist zu heulen. Aber vielleicht sehe ich dich ja zufällig.

Er: Bock auf einen Rave?

Manchmal warte ich so sehr auf Nachricht von dir, dass am Rand meines Sichtfelds etwas aufleuchtet, ein Phantomfon, aber in Wirklichkeit hab ich das echte in der Hand, und mir haben nur fremde Männer geschrieben.

Und ich muss dauernd an dein Haar denken, wie dunkle Zuckerwatte kam es mir vor, wenn der Wind darin herumwehte, es klebt noch immer geisterhaft an mir, es weht mir andauernd um die Schultern.

Er: Bock auf ein Treffen?

Deine schmalen Schultern, der flache Oberkörper, du hast dich weiblich angefühlt, wenn man dich umarmte, irgendwie zart.

Er: Dickpic?

Wie absurd, sich so zu verlieren. Meine Nase war ständig in den ultraweichen Haaren deines Nackens vergraben, ohne jeglichen Abstand, dein Geruch kroch in mein Inneres, aber jetzt –

Wie soll ich das denn füllen?

Er: Willst du jetzt eins oder nicht?

Ich: Ja schick mal

Er: [Bild]

Ich: Sorry is mir zu klein

Ich wische ein Gesicht nach dem anderen aus dem Weg, ich strenge mich richtig an, nach einer halben Stunde tut mir alles weh, und ich fange an zu schwitzen, ich wische nicht nur mit meinem Daumen, sondern mit dem ganzen Körper, ich schleudere die Männer nur so zur Seite, ich wische und werfe und wrestle sie weg, aber dein Gesicht begegnet mir nicht, jetzt, wo ich es gebrauchen könnte, begegnet es mir nicht, dein Scheißgesicht.

Und ich hab dir noch gesagt: Wenn du Hilfe brauchst, kannst du dich melden, so macht man das doch. Ich hab gesagt: Wenn irgendwas ist, und damit meinte ich, wenn eine Katastrophe hereinbricht, und ich finde schon, dass sich das gerade katastrophal anfühlt, ich weiß ja nicht, wie es sich für dich anfühlt, ich hab gesagt: Melde dich im Katastrophenfall, aber stattdessen hast du mich blockiert.

Meine Mutter sagt: Denk an das Schlechte, dann vergeht dir das Heulen.

Sie sagt auch: Du musst dein Leben allein leben und sterben auch. Merk dir das.

Ich trinke, einen großen Schluck.

Ich habe es gehasst, dass du so ein Opfer von deinem Telefon warst. Wenn es einen Ton von sich gegeben hat, sahst du aus wie ein Hund, an dem eine Wurstfahne vorbeiweht.

Gut so, höre ich meine Mutter sagen. Was noch?

Ich habe deine Frühstückseier gehasst, jeden Morgen drei Stück. In deiner Wohnung stank es deswegen immer nach Eiern, überall hatte es sich festgesetzt, eine Eierwohnung, gegen Ende hatte ich sogar den Eindruck, dass es dir aus den Poren kam, du bist im Laufe unserer Beziehung immer mehr zu einem Eiermann geworden, wie ein Krokodil hast du jeden Morgen diese Eier runtergeschluckt, und ich schwöre, es gibt wirklich nichts Schlimmeres als Eierfürze aus Männerärschen.

Prost.

Generell dein Essverhalten. Ich meine, ich bin auch schnell und schmatze, aber du hast nicht gegessen, nicht gekaut und geschluckt, sondern inhaliert. Und wenn wir im Restaurant waren und du nach fünf Minuten fertig warst, bist du aufgestanden, hast dir die Hände gewaschen und bist rauchen gegangen, und ich saß dann allein da mit meinem vollen Teller und der romantischen Kerze. Irgendwann im Laufe unserer Beziehung habe ich angefangen, mit dem Personal zu flirten, nur um mich dafür zu rächen, einer hat mir mal seine Nummer zugesteckt, aber ich habe nie angerufen.

Warum nicht?

Ich habe es gehasst, dass du so schadenfroh warst. Bei »Verstehen Sie Spaß?« hast du dich fast übergeben vor Lachen, und dein Lieblingshobby war, Leute zu erschrecken, wie so ein Arschloch. Einmal hast du mir einen Ring geschenkt. Du wolltest bloß gucken, wie ich reagiere (mit heller Panik), und als ich gefragt habe: Das ist aber kein Verlobungsring?, hast du gesagt: Hm, wer weiß, warum eigentlich nicht?

Und diese Opfer-Sprüche, die du ins Internet geschissen hast, anstatt mit mir zu reden. Einmal wollten wir mit meinen Eltern einen Kurztrip machen, sie hatten schon das Hotelzimmer und die Reise für dich bezahlt, aber wegen irgendeiner Kleinigkeit, die mir beim besten Willen nicht mehr einfällt, haben wir uns am Abend vor der Abreise in die Haare gekriegt. Da hast du beschlossen, nicht mitzukommen, um mir eins reinzudrücken. Und gerade als ich mit dem Zug aus der Stadt raus war, ist auf deinem Profil ein Post mit einem blutenden Herzen und irgendeinem Spruch über Einsamkeit aufgetaucht. Dir hatten schon über hundertdreißig deiner »Freunde« ein Herz oder einen heulenden Smiley dafür gegeben, einer hatte das mit Bleib stark! kommentiert, und ich konnte einfach nicht anders als Willst du mich verarschen? unter deinen Post zu schreiben. Du hast alles ein paar Minuten später gelöscht und dich danach nie wieder getraut, meinen Eltern unter die Augen zu treten, vor allem meiner Mutter.

Und diese beiden Male, als uns das Kondom gerissen ist. Das erste Mal warst du so panisch, dass ich dich beruhigen musste, Rotz und Wasser hast du geheult. Und ich so: Pille danach is my best friend, und gelächelt und dir die Schulter getätschelt, damit du mal aufhörst zu heulen, das hat mich fast schon von meiner eigenen Panik abgelenkt, weil, wenn Männer heulen, zerreißt es allen das Herz.

Und als uns das zum zweiten Mal passiert ist, warst du noch panischer. Du bist sofort aufgesprungen, hast die Packung mit den restlichen Kondomen aus dem Fenster geworfen, als wär’s eine scharfe Handgranate, dann hast du Ich kann mich nicht um ein Kind kümmern! geschrien, hast dein T-Shirt falsch rum angezogen, bist zum Auto gerannt und wärst fast ohne mich zur Apotheke gefahren.

Ich meine, ich hätte das auch katastrophal gefunden, aber es war absurd, in was für eine Panik du geraten bist, beim Gedanken an ein Kind mit mir. War schwer, das nicht persönlich zu nehmen, in dem Moment.

Und wo wir schon bei Handgranaten sind, dieses eine Mal an Silvester, als du unbedingt eine Rakete aus dem Hotelfenster schießen wolltest, und die ist dann, weil du schon zu betrunken warst, ins Zimmer reingekippt und direkt neben uns explodiert. Ich hatte kleine Brandlöcher in der Strumpfhose, und du bist sofort aufs Bett gesprungen und hast versucht, den Rauchmelder mit einer Decke zu ersticken, aber der Alarm ging trotzdem los, weil, das war richtig dicker Qualm, und du bist so panisch geworden, dass du mich aus der Tür geschoben und geschrien hast: Dir glauben sie eher!, und ich so: Ja, was denn? Die Fahrstühle waren da schon ausgefallen, und bis ich unten in der Lobby war, hatten die schon vier große Leiterwagen von der Feuerwehr da, drei Polizeiautos und alle Gäste auf den Gehsteig evakuiert, und ich meine, das Hotel hatte zwölf Stockwerke. Während du dann im Zimmer die übrigen Raketen versteckt hast, hab ich den Rezeptionisten vollgeheult und ihm erzählt, dass uns jemand eine ins Zimmer geschossen hat, von draußen durchs Fenster ins Zimmer hinein. Was für ein krasser Zufall, hab ich dem gesagt, oder vielleicht war das Absicht, in dieser Stadt gibt es zu viele Verrückte!, habe ich gerufen, und wir beide jetzt unter Schock, so knapp dem Tod von der Schippe. Also diese 4000 Euro Feuerwehreinsatz hätten wir uns wirklich nicht leisten können. Währenddessen ging die Polizei hoch und hat dich ausgefragt, aber ehrlich gesagt, und das hab ich dir nie erzählt, war ich zu faul, die acht Stockwerke ohne Fahrstuhl die Treppe wieder hochzusteigen, um nach dir zu schauen, außerdem war ich sauer auf dich, weil das alles deine Idee gewesen war, weil du als Kind immer Raketen wolltest, aber bloß Knallfrösche gekriegt hast, ich bin also da unten in der Lobby geblieben, mit dem Beruhigungstee, den mir der Rezeptionist gebracht hat, habe gewartet, bis der Aufzug wieder geht, und mir nur gedacht, sieh bloß zu, dass du die gleiche Geschichte erzählst, wir hatten uns ja nicht abgesprochen.

Als der Aufzug dann wieder ging und ich hochkam, sind mir die Polizisten entgegengelaufen. Die haben komisch geguckt, aber dann wollten die vom Hotel uns plötzlich ein neues Zimmer geben, wegen dem Qualm. Wir haben das Angebot großzügig abgelehnt, da war nämlich schon ordentlich durchgelüftet, und dann fiel die Tür zu, und es war plötzlich wieder Ruhe.

Wir hatten tatsächlich beide die gleiche Lüge erzählt. Ich weiß noch, unser Grinsen, als die uns das abgekauft haben.

Aber dann ging es ja noch weiter. Du dann nämlich so: Oho, wir haben das Gleiche erzählt, quasi Telepathie oder seelenverwandt, aber ich war immer noch so sauer, und was zum Teufel hätte man denn sonst erzählen sollen? Dann hast du mich gefragt, ob ich dich ohrfeigen will. Ich war betrunken und irritiert von dem Vorschlag, dann hast du gesagt: Los, schlag mich!, also hab ich’s gemacht, und das hat richtig gutgetan. Aber danach hast du mir die nicht verziehen, diese eingeladene Ohrfeige.

Vielleicht hätte ich dich wirklich nicht schlagen sollen. Liebe ist ja eine gewaltfreie Zone, angeblich.

In unserer ersten Nacht hab ich so gelacht, als du mich mit deiner Fake-Ohrfeige erschreckt hast. Ich fand das einen super Trick, so Hand am Gesicht vorbei, und dann klatscht man neben dem Ohr des Opfers in die andere und es knallt, aber nichts passiert. Das war schon witzig am Anfang. Nur, je öfter man das macht, desto mehr nervt es, und sowas traut man sich auch nur beim Partner, diese Dreistigkeit. Später hast du dich immer gewundert, warum ich was Witziges nicht mehr witzig finde, aber stell dir vor, es knallt dauernd neben deinem Ohr. Kurz vor Schluss kamen mir einmal die Tränen davon, und ich hab dich angekeift, dir den Scheiß endlich zu sparen. Anscheinend hat es dich so frustriert, dass der Trick nicht mehr funktionierte, dass du mit voller Kraft auf die Fensterscheibe gehauen hast, direkt neben meinem Gesicht.

Das ist etwa einen Monat her. Seitdem mache ich Liegestütze.

Ich werd nicht aggressiv. Ich habe das Gefühl, dass da irgendwas schiefgelaufen ist in meiner Erziehung, dabei regt sich meine Mutter ständig auf, wenn ihr was nicht passt. Wenn ihr ein Gerät ein halbes Jahr nach Ablauf der Garantie kaputtgeht, droht sie am Telefon so lange mit vernichtenden Kundenbewertungen, bis die Unternehmen Angst vor ihr bekommen und ihr die Sachen ersetzen.

Ich dachte immer, ich wär auf Harmonie programmiert, aber mittlerweile vermute ich, dass das bloß schlechtes Reaktionsvermögen ist.

Wenn ich jetzt an die Sache mit der Scheibe denke, dann verstehe ich nicht, warum ich mich danach für eine Stunde im fensterlosen Badezimmer eingeschlossen habe. Warum ich in der leeren Wanne herumgesessen habe, unter diesem kalten Halogenlicht, und nicht gewusst habe, was zu tun ist, während du dir nebenan eine Tüte gerollt hast. Ich war so blank und verwirrt, als wäre ich im toten Winkel für mich selbst, aber vermutlich ist das so ähnlich wie die Situation, wenn einem zum ersten Mal in der Öffentlichkeit an den Arsch gegrapscht wird. Man ist darauf nicht ausreichend vorbereitet. Es muss wiederholt geschehen, bis man angemessen darauf reagiert, Arsch – Hirn – Arm – Ohrfeige, so muss die Kettenreaktion irgendwann laufen, reflexartig. Man muss sich den wütenden Kurzschluss antrainieren. Und ich dachte, ich wäre alt genug, um in so einer Situation angemessen zu reagieren, stattdessen habe ich noch mehr Gewalt gebraucht, und warum verschwindet die Wut auch jetzt immer wieder, obwohl ich sie gern an mich reißen und in mich hineinbetonieren würde. Ich will die Aggression in mich reinpflastern, damit ich nicht, wie damals, immer wieder weich werde, wenn du anfängst zu heulen oder wenn ich dich rieche.

Ich schaue ein Erklärvideo über toxische Beziehungen im Internet und eine »Psychologin« sagt: Hinter der Wut versteckt sich oft der Wunsch nach Liebe. Ich will dieser Frau eine knallen.

Fahrräder hast du umgeschubst, wenn du eifersüchtig warst, einmal einen Roller. Gegen Mülleimer hast du getreten, mitten in der Nacht auf der Straße, dieser hohle Krach in der Dunkelheit, und ich hätte dir auch zugetraut, dass du Windschutzscheiben kaputt schlägst und das Glas frisst.

Du hast mir mal gesagt, dass du dir die Liebe vorstellst wie in »Romeo und Julia« und ich fand das süß, aber das war eine Drohung.

Ich habe alles in einen großen Müllsack gestopft, Fotos und Geschenke, Socken und Unterhosen, die du hier vergessen hast, in den Keller damit, beim Runtertragen habe ich geschwitzt wie ein Schwein, und jetzt leuchtet dieser Sack im Untergrund radioaktiv, wenn ich hier oben in der Wohnung vor mich hin schreie.