Halbe Apfelsinen - Anka Tarina - E-Book

Halbe Apfelsinen E-Book

Anka Tarina

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Beschreibung

Halbe Apfelsinen erzählt mitten aus dem Leben einer rheinischen Frohnatur, einer verwöhnten Göre aus dem Schwaben Ländle und eines Landeies aus der bayrischen Provinz. Mit Humor und Ironie wird erzählt, wo das Leben einen hinführen kann, oder eben auch nicht!

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Seitenzahl: 355

Veröffentlichungsjahr: 2021

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ANKA TARINA

HALBE APFELSINEN

© 2021 Anka Tarina

Verlag und Druck:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-28846-1

Hardcover:

978-3-347-28847-8

e-Book:

978-3-347-28848-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Anka Tarina ist in einem rheinland-pfälzischen Provinznest aufgewachsen und hatte ziemlich bald von dem Leben dort genug. Bei der erstbesten Gelegenheit zog sie aus und wanderte dann später sogar aus Deutschland aus.

Mit dem Wunsch nach einer eigenen Familie wurde sie irgendwann in Köln sesshaft und lebt heute dort mit ihrem Mann und ihrem Sohn.

Inspiriert von den zahlreichen, unterschiedlichen Begegnungen im Laufe der Jahre, fing sie vor einiger Zeit an, eine fiktive Geschichte aufzuschreiben, woraus dieses Buch entstand.

Für Ellen S.aus E. an der M.

1.

Lis lag auf ihrem Liegestuhl am Pool des Urlaubsresorts und blinzelte in die spanische Mittagssonne. Die letzten Tage als Lisa Gruber lagen vor ihr und sie wollte es mit ihren Freundinnen nochmal so richtig krachen lassen, wie sie es nannten. Was auch immer damit gemeint war, da war sich Lis nicht so ganz sicher. Manchmal hatte sie den Eindruck, dass ihre beiden Freundinnen ihr die bevorstehenden Ereignisse ausreden wollten. Nicht etwa, weil sie es ihr nicht gönnten, nein keineswegs. Es war viel eher so, dass die beiden es sich überhaupt nicht vorstellen konnten, „so etwas“ zu tun. „Dafür sind wir viel zu jung“ hieß es dann und Fragen wie: „woher willst du wissen, dass das überhaupt dein Ding ist?“ riefen bei Lis Zweifel hervor und ließen sie darüber nachdenken, ob sie wirklich das Richtige tat. Was, wenn ihre beiden Freundinnen recht hatten? Wäre das möglich? Das würde ja gar nicht in ihr geordnetes Leben passen, indem sie immer gerne alles unter Kontrolle und ordentlich sortiert hatte. Nachdenklich kaute sie auf ihrer Unterlippe rum, legte ihre Cosmopolitan zur Seite und schaute zu ihren beiden Freundinnen, die rechts und links neben ihr in ihren Liegestühlen lagen, um sich von einer langen Nacht zu erholen.

„Nie wieder Tequila“, stöhnte die eine.

„Nie wieder High Heels,“ stöhnte die andere.

„Ich dachte ihr macht das immer so“, sagte Lis.

„Tun wir auch“, antwortete die eine, ohne sich auch nur einen Millimeter zu bewegen.

„Wir jammern ja auch immer so“, sagte die andere wieder, auch ohne sich dabei zu bewegen.

„Ich frage mich wie die Spanierin aus dem Housekeeping das immer macht. Die feiert nächtelang durch und ist am nächsten Tag immer gut drauf.“

„Die hat ja auch als Gogo-Girl in Madrid gearbeitet. Die weiß, wie es geht und hat bestimmt das eine oder andere `Hilfsmittelchen`.“

„Meinste? Abends LSD, morgens Koks?“

„Jede Jeck ist eben anders!“

Schnell wurde eine Schublade geöffnet und schwups, war die arme Spanierin drin.

„Gut, das heißt also ihr nehmt nichts“, deutete Lis nun das Gespräch der beiden. „Dann bin ich ja froh, dass ihr rumstöhnt. Macht weiter!“

Sie musste einsehen, dass die beiden jetzt nicht in der richtigen Verfassung waren mit ihr über das Thema, das sie eigentlich beschäftigte, zu debattieren. Vor allem, da sie ja ihre Einstellungen im Grunde kannte: „Bitte doch noch um etwas Bedenkzeit…“

Lis hatte Hanna und Marie vor einigen Jahren an der Hotelfachschule am Tegernsee kennengelernt. Die drei hatten damals gemeinsam einen 2 jährigen Studiengang an der renommierten Privatakademie absolviert und waren seitdem miteinander befreundet.

Nun war Lis wieder einmal zu Besuch bei den beiden, die sich bald nach der bestandenen Abschlussprüfung in den sonnigen Süden auf und davon gemacht hatten. Zuerst tingelten sie eine Zeitlang durch Spanien, bis sie auf dieser Insel landeten. Mittlerweile genossen sie ihr Leben in vollen Zügen in einer Ferienanlage, die Lis von Tag zu Tag mehr an die Truman-Show erinnerte. Hier lief alles nach Plan und jede Minute schien durchorganisiert zu sein. Dabei war die Hauptbeschäftigung der Gäste: Essen! Bis auf ganz kurze Unterbrechungen von maximal einer Stunde, wurde von morgens bis abends ständig irgendwo irgendein Buffet aufgebaut, an dem sich ein unfassbares Gewusel abspielte. Und sei es nur das Kuchenbuffet am Nachmittag oder ein Snack um Mitternacht, auf dass sie sich stürzten wie die Hyänen. Dazwischen sorgte man dafür, dass ohne Essensaufnahme keine schlechte Laune oder Langeweile entstand und es wurde regelmäßig um die gleiche Uhrzeit dieselbe Aktivität angeboten. Jeden Tag. Gleicher Ort, gleiche Zeit, gleiche Musik, damit man nur ja auch noch hörte, was passierte. Während die Gäste alle 2-3 Wochen ausgetauscht wurden, blieben die Mitarbeiter in der Endlosschleife hängen.

Lis konnte sich damals nicht entscheiden mit den beiden loszuziehen und fuhr nach ihrem zweiwöchigen Urlaub mit dem Reisebus aus Lloret de Mar auch wieder in die Heimat zurück. Ohne Hanna und Marie, die beiden fuhren aus diesem Urlaub nicht nach Hause zurück. Lis hatte oft darüber nachgedacht, ob sie es jemals bereuen würde, nicht bei den beiden geblieben zu sein. Dann hätte sie jetzt auch ein schönes Leben, die Sonne schien jeden Tag, ihre Beine wären immer braun gebrannt und sie würde maximal die Entscheidung treffen müssen, was sie abends anziehen sollte. Und meistens wurde einem die Entscheidung von der Clubdirektion auch noch abgenommen: Es gab einen Galaabend, eine „Weiß-Show“ und jede Menge „Themenabende“, an denen man sich entsprechend zu kleiden hatte. Erstaunlicherweise schien es niemanden zu stören, dass man nicht anziehen konnte, wonach einem grade der Kopf stand, sondern das kleine Schwarze nur sonntags und die weiße Hose eben nur montags zu tragen hatte. Nebenbei bemerkt sahen die Männer mit ihren weißen Leinenhosen und weißen Hemden an den Abenden der „Weiß-Shows“ allesamt aus wie Chefärzte und das Restaurant verwandelte sich dann immer in eine Krankenhauskantine. Das war in Lis Augen sowieso das absurdeste, dass die Gäste da alle so mitmachten.

Nach diesen Überlegungen kam sie zu dem Ergebnis, dass das wohl eher nicht das Richtige für sie gewesen wäre. Hin und wieder eine Woche Ferien hier zu verbringen fand sie toll, aber so zu leben wäre mit hoher Wahrscheinlichkeit nichts für sie gewesen.

Gerade als der Udo-Jürgens-Song „Aber bitte mit Sahne“ mit dem Aufruf zum Nachmittagsquiz bei Kaffee und Kuchen durch die Anlage dröhnte, kam ein Typ Marke „Brad Clooney“ -wie die drei eine gelungene Mischung aus Brad Pitt und George Clooney nannten- auf sie zu und riss Lis aus ihren Gedanken. Er war sympathisch, sportlich und ausgesprochen attraktiv, wie eigentlich alle hier. Das bizarr gute Aussehen schien zu den Einstellungsbedingungen zu gehören.

„Na Mädels, habt ihr noch immer nicht ausgeschlafen?“

„Axel, wie spät ist es?“ Marie schreckte hoch.

„Kurz vor vier, dein Kurs geht gleich los“ antwortete er und ließ sich auf den freien Liegestuhl neben ihr fallen. Axel war Maries aktueller Lover und wirklich ein Hingucker, fand Lis.

„Du willst noch vor deiner Abendschicht zum Sport?“, fragte Hanna und blickte über den Rand ihrer Gucci-Brille zu Marie hinüber. „Ja, kommst du mit?“, fragte Marie.

„Auf gar keinen Fall“ erwiderte Hanna und machte es sich wieder auf ihrem Liegestuhl bequem. Sie griff, ohne die Augen zu öffnen, ziemlich lässig und absolut treffsicher nach einer Flasche Sonnenöl, die neben ihrem Liegestuhl stand, und ölte sich ein Paar endlos lange Beine ein.

„Das ist nichts für meinen Körper.“ Wonach dieser allerdings überhaupt nicht aussah. Hanna gehörte zu den Menschen, die, was Schönheit und Ausstrahlung anging, in allen Disziplinen die volle Breitseite abbekommen hatten.

„Aah! Sport ist heute wieder Mord!“, erwiderte Marie sarkastisch. Sie war nicht ganz so schlank, aber sportlich und durchtrainiert. Sie hielt es keinen Tag aus ohne sich in irgendeiner Form sportlich zu betätigen. Zum Glück, fand sie hier auch ausreichend Gelegenheit dazu.

„Nein, überhaupt nicht,“ entgegnete Hanna, „ich hab‘ eben noch die Fit for Fun durchgeblättert.“

„Tsssss,“ kommentierte Marie Hannas Antwort, „ich muss jedenfalls fit sein für meinen Auftritt heute Abend“, fügte sie hinzu.

„Oh, bist du heute Abend wieder in der Show dabei?“, wollte Lis wissen. Sie war ganz versessen auf diese allabendlichen, hin und wieder recht albernen Shows, bei denen die Mitarbeiter ihre Talente zum Besten gaben und sich nicht selten dabei auch ordentlich blamierten. Ihr fiel wieder die Szene aus dem Musical vom Abend zuvor ein. Ein ernstes Stück, eigentlich eine Tragödie, die man versuchte so gut wie möglich nachzustellen. Fast wäre es sogar gelungen, einige der Darsteller waren gar nicht mal so schlecht. Wenn nicht einer der Todesengel mit den falschen Socken bestückt gewesen wäre und noch dazu eine Hose trug, die ihm zu kurz war. So konnte unter dem Schwarzlicht jeder die neonfarbenen Kondome auf den Socken sehen, die so gar nicht zum Drama aus dem letzten Jahrhundert passten. Licht aus, Spot an für den „Tanz der Kondome“!

Aber bei den Tanzshows war Marie zweifellos das Highlight, was ihr auch viele Neider unter den Kolleginnen einbrachte. Aber da stand sie ganz gelassen drüber, wie über so vielem. Neben Tanzen war Gelassenheit Maries große Stärke.

„Kommst du mit zum Sport, Lissy?“, wollte Marie wissen während sie sich ihr T-Shirt überzog.

„Nein, ich habe noch eine Verabredung.“

„Ach, echt? Mit wem?“, wollten Marie und Hanna gleichzeitig wissen.

„Mit Jean-Francois, dem Surflehrer“, klärte Lis die beiden auf und lächelte.

Axel zog Luft durch die Zähne und grinste.

Marie ließ ihre Shorts sinken, die sie gerade anziehen wollte und blickte über den Rand ihrer Sonnenbrille Hanna an. Diese wiederum saß mit einem Ruck kerzengerade auf ihrem Liegestuhl, nahm ihre Sonnenbrille ab und rief: „Waaaas? Mit Jean-Francois? Wie kommst du denn dazu? Ausgerechnet mit dem!“

„Na, ihr habt doch gesagt, ich soll es nochmal richtig krachen lassen und mich amüsieren ….“ entgegnete Lis nun etwas verwundert und setzte das Wort „amüsieren“ mit ihren Fingern in Anführungszeichen.

„Ja, aber doch nicht mit Jean-FranSchwanz!“, entfuhr es Hanna schockiert. Ihr Talent lag wiederum darin, die Dinge immer gleich beim Namen zu nennen und sofort zum Punkt zu kommen und zwar so schnell und so deutlich wie möglich, damit bloß keine Missverständnisse entstehen konnten.

„Ja, also er hat mich ganz freundlich gefragt, als ich heute Morgen mit ihm runter zum Strand ging.“ Lis versuchte sich zu erklären, doch Hanna gab ihr keine Chance.

„Du warst mit ihm am Strand?“

„Ja, wieso denn nicht? Er ist doch ein Kollege von euch und ihr wart beide am Arbeiten, während ich alleine beim Frühstück saß. Was ist denn jetzt dabei?“ Lis verstand die ganze Aufregung nicht so richtig. Hanna klärte sie gerne auf und nahm auch dabei kein Blatt vor den Mund:

„Das kann ich dir sagen: Der Franzose nimmt sich jede, die nicht bei drei auf dem Baum ist! Er hat dich nicht einfach so mit zum Strand genommen, er hat dich abgeschleppt!

Und das am frühen Morgen, ich fass es nicht! Und heute Abend will er dich wieder abschleppen.“

Jetzt nahm auch Lis ihre Sonnenbrille ab und starrte Hanna sprachlos an. Dann wanderten ihre arglosen blauen Augen zu Marie, die zustimmend nickte und ein leises:

„Aber er war doch so charmant“, kam es ernüchtert über Lis´ Lippen.

„Ja,“ erklärte Marie nun ganz ruhig, „das sind sie immer, die Franzosen. Und surfen können Sie auch. Das war´s dann aber auch schon. Nur die zwei Sachen, sonst nix! Und du kannst uns glauben, Lis, wir nennen ihn auch nicht umsonst ‚Jean-FranSCHWANZ‘!“ Dieses Mal bediente sich Marie der imaginären Anführungszeichen mit den Fingern und zwar bei dem Wort „Schwanz“.

„OK, Konntet ihr etwa auch nicht bis drei zählen…?“, fragte Lis nun sehr vorsichtig.

„Also, bitte“, empörte sich Hanna und stellte direkt klar: „Ein bisschen wählerisch sind wir schon.“

„Oh, da habe ich wohl großes Glück gehabt“, meldete Axel sich nun wieder zu Wort, der die ganze Zeit eher wie ein Zuschauer in einer Sitcom dasaß.

„Auch wenn wir sonst nicht gerne was anbrennen lassen“, bemerkte Marie ganz nebenher während sie sich ihre Oakley Brille aufsetzte. „Außerdem sollte man meinen, du hättest die Nase von Franzosen voll, seit deinem Date am Tegernsee…“

„Mon Dieu“, sagte Lis jetzt mit gespielter Empörung, „ich hab´s verstanden. Was machen wir denn dann heute Abend?“

„Wir könnten doch später noch in den Ort fahren. Ins „Surfer-Action“, anstatt wieder hier im Club abzuhängen“ schlug Hanna vor.

„Gute Idee“, fand Marie „morgen haben wir eh frei und Axel hat schon ein Auto gemietet. Er fährt.“ Sie strahlte ihn an, so dass er dem nichts entgegenhalten konnte und natürlich einverstanden war. Axel war Sportstudent und als Saisonverstärkung für ein paar Wochen hier angestellt, um die Gäste mit allerhand sportlichen Aktivitäten bei Laune zu halten. Sein Studienkollege Phillip, der mittlerweile fest auf der Insel lebte, hatte ihm diesen Job empfohlen. Axel war ihm dafür mehr als dankbar, denn so lernte er Marie kennen, in die er sich sofort verliebt hatte. Er verbrachte gerne seine freien Tage mit ihr. Mit ihr war´s nie langweilig und sie war für jeden Blödsinn zu haben.

„Einverstanden. Ich wollte sowieso mal wieder bei Phil vorbeischauen.“ erwiderte er.

Lis schaute die beiden an, sie waren eigentlich ein schönes Paar. Aber Lis ahnte warum sich Marie „nur“ einen Saisonverstärker geangelt hatte, der bald wieder aus ihrem Leben verschwinden würde. Marie war schon lange in jemand ganz anderen verliebt, der nur leider ein „Hallodri“ war, wie Lis‘ Mutter zu sagen pflegte.

„Cool“, freute sich Hanna „dann lernst du Axels Freund Philip kennen. Der wird dir gefallen!“

„Na dann“, seufzte Lis, drehte sich um, um ihre Rückseite gar zu brutzeln und lächelte zufrieden „bin ich ja froh, dass wir das geklärt haben.“ Nach einer Weile, fügte sie noch hinzu: „Und diesen Jean-Frans…… schwanz, lasse ich einfach sitzen?“

„Auf jeden Fall!“ Auch Hanna lächelte zufrieden. Sie konnte diesen eingebildeten Franzosen nicht leiden. Sie wollte auf keinen Fall, dass er sich mit ihrer Freundin vergnügte nur um später damit anzugeben, wie schnell er sie „rumgekriegt“ hatte. Mit solchen von sich selbst überzeugten Typen würde sie sich niemals einlassen. Hanna fand die Männer viel interessanter, die nicht so leicht zu haben waren, ihnen zu gefallen war schon eher ihr Stil. Das war auch momentan ihre Lieblingsbeschäftigung, die ihr das Dolce Vita der Sonneninsel noch mehr versüßte. Ihre Arbeit in der Ferienanlage war für sie nur Nebensache, Hauptberuflich war sie eigentlich Partygirl. Sie hatte immer den richtigen Riecher dafür, wann und wo die besten Partys stiegen, oder wie auch immer man sich gerade am besten amüsieren konnte. In dem Moment forderte sie Lis auf, mit ihr runter an den Strand zu gehen.

„Jetzt noch?“, fragte Lis mit einem Blick auf die Uhr. Es war gleich halb fünf und die meisten Leute kamen gerade vom Strand zurück.

„Das ist die beste Zeit!“, wusste Hanna, „wir können ganz in Ruhe in Emilios Chiringuito noch was trinken.“ Lis zweifelte keine Sekunde an Hannas Worten und packte schon ihre Sachen zusammen. Hanna war diese Uhrzeit am Strand am liebsten, wenn die Sonne den Sand schon leicht orange färbte, die Wellen nur noch leicht und kaum hörbar ausliefen und man den Strand fast für sich alleine hatte. Außerdem liebte sie Emilios Chiringuito, er war nur tagsüber viel zu voll und man musste ewig auf seine Bestellung warten. Als sie unten am Strand ankamen, packten die Mitarbeiter vom Wassersport gerade das Material in die Hütte um alles abzuschließen und Feierabend zu machen.

„Pass auf, dass der lästige Franzose dich nicht sieht,“ bemerkte Hanna und reichte Lis ihr Cappy.

„Versteck deine blonde Haarpracht darunter und zieh die dunkle Sonnenbrille auf!“

Lis schüttelte den Kopf „wie Miss Undercover“, hörte aber auf Hannas Rat. „Und wenn er auch zum Chiringuito kommt?“

„Macht er nicht, die Jungs gehen immer direkt hoch an die Poolbar!“

„Aha. Täglich grüßt das Murmeltier,“ stellte Lis fest.

„Bei manchen schon, aber die bleiben dann auch höchstens eine Saison. Hola, Emilio, que tal?“

„Hola guapa!“ Hanna wechselte ein paar Worte mit dem Besitzer des Chiringuitos und er servierte den beiden Erdbeer-Caipirinhas.

Lis stellte fest, dass sich Hannas Stimme jedes Mal veränderte, sobald sie spanisch sprach. Sie klang dann irgendwie viel weicher und nicht so energisch wie sonst. Im Gegensatz zu Hanna beherrschte Lis Fremdsprachen nicht besonders gut, aber für sie hörte es sich so an, als ob Hannas Spanisch perfekt wäre oder zumindest einen Akzent zu haben schien, bei dem selbst der coolste spanische Macho dahin schmolz. Jedenfalls scharrten sie sich haufenweise um Hanna, die das zwar sichtlich genoss, sich aber trotzdem nach kurzer Zeit wieder ihrer Freundin zu wand.

„Typisch Lis“, dachte Hanna, „sie merkt überhaupt nicht, wie die Spanier sie anstarrten und ihr schöne Augen machten. Dabei weiß doch jeder, dass der Spanier an sich auf lange blonde Haare und blaue Augen steht“, die bei Lis auch wirklich nicht zu übersehen waren.

„Apropos Abwechslung…“, Lis deutete auf die kleine Gruppe Spanier, die nun den Strand aufräumten und sich dabei im Takt zu der spanischen Musik bewegten. Anscheinend unterhielten sie sich immer noch über die beiden, denn sie starrten sie immer noch völlig ungeniert an.

„Die sind harmlos!“, bemerkte Hanna beiläufig. Lis schien immer noch nicht zu bemerken, dass das Interesse der Jungs ihr galt.

„Ganz entgegen dem Klischee, was man über die Machomänner sagt, sind sie überhaupt nicht so.“ Grinsend schlürfte Hanna an ihrem Erdbeer-Caipirinha.

„Willst du damit sagen, Spanier sind überhaupt keine Machos?“, fragte Lis verblüfft. Das wäre ihr ja völlig neu.

„Nein“, räumte Hanna Lis´ Schublade wieder auf, „in gewisser Weise sind sie natürlich schon Machos und ganz bestimmte Dinge tun sie einfach nicht, wie Wäsche waschen, putzen und die Kinder erziehen. Da genügt dann ein kurzer Blick und die Frau weiß was sie zu tun hat! Aber sie würden eine Frau niemals bloßstellen, was Schlechtes über sie sagen oder grob anfassen. Ganz im Gegenteil, bis auf die Dinge, die Männer einfach nie tun, tun sie alles für ihre Chicas. Sie sind überaus charmant und machen gerne Komplimente. Das halt nicht nur ihren eigenen Frauen, da muss man dann eben auch wieder aufpassen! Sie wollen einfach so oft wie möglich ihre Männlichkeit unter Beweis stellen und brauchen dafür solche Bestätigungen. Einer Frau hingegen ist das Flirten in dem Stil natürlich strengstens untersagt. Da sind sie wieder Machos.“

„Klingt kompliziert“, Lis nahm nachdenklich einen Schluck von ihrem Erdbeer-Caipirinha. Lecker das Zeug! Dass es das bei ihr zu Hause nicht gab…

„Nee, abwechslungsreich!“ erwiderte Hanna.

„Und du verliebst dich nie in einen von denen? Auch nicht, wenn er noch so niedlich ist?“

„Verliebt sein ist doch nur eine vorübergehende Sinnestäuschung.“

„Woher hast du die Weisheit denn?“ Lis staunte nicht schlecht über den Spruch.

„Ist von mir!“ Hanna grinste stolz und Lis musste einen Augenblick darüber nachdenken. Könnte sie womöglich recht haben? Sie dachte wieder an die bevorstehenden Ereignisse, die zu Hause auf sie warteten. Im Grunde grübelte sie doch ohnehin schon immer viel zu viel über alles nach und machte es sich niemals leicht Entscheidungen zu treffen. Und jetzt waren da wieder diese Zweifel. Womöglich hatte sie sich mit allem zu schnell einverstanden erklärt, anstatt in Ruhe darüber nachzudenken. Aber als Toni ihr damals unter dem Gipfelkreuz der Zugspitze die Frage aller Fragen stellte, da hatte sie freudenstrahlend und ohne zu lange zu überlegen ja gesagt. Es fühlte sich einfach richtig an und sie konnte wieder dieses Glücksgefühl spüren, das sie damals überflutet hatte, gerade so wie die Wellen vor ihr im Atlantik. „Aber“, dachte sie jetzt, „vielleicht waren das auch nur die Endorphine, die durch den Anstieg auf den Berggipfel haufenweise ausgeschüttet wurden?“ Toni hatte sie zwar schon oft mit in die Berge genommen und inzwischen war sie im Klettern und Seile befestigen geübt. Nur bis ganz nach oben hatte sie es noch nie geschafft. Bestimmt wurde diese alberne Glücksseligkeit damals nur durch die körperliche Anstrengung und die dünne Höhenluft hervorgerufen, so dass sie auf Tonis Idee so euphorisch und überschwänglich reagiert hatte. „Genau! Das muss auch bei Toni der Auslöser gewesen sein, denn er faselte sonst nie so einen romantischen Unsinn wie in dem besagten Moment. Oh je, waren die Zweifel am Ende etwa berechtigt?“ Schnell schob sie den Gedanken wieder beiseite und widmete sich wieder Hanna und ihrer neuerworbenen Weisheit.

„Das finde ich aber nicht. Ich bin immer noch in Toni verliebt, wie am ersten Tag. Und diese Woche ohne ihn ist zwar ganz ok aber ich freue mich wahnsinnig darauf, ihn wiederzusehen.“ Und das war noch nicht mal gelogen. Kein bisschen! Also doch keine Zweifel.

„Bist du dir deshalb so sicher, dass er der Richtige für dich ist? Daß er tu media naranja ist, wie die Spanier sagen.“

„Media was?“

„Deine media naranja, also deine halbe Apfelsine. Die andere Hälfte die zu deiner Hälfte passt. Woran erkennst du das?“

„Hm, das kann ich dir jetzt gar nicht so genau sagen…. sowas merkt man einfach und weiß es dann…“ Lissy überlegte und suchte nach den passenden Worten, denn mit romantisch gefaseltem Unsinn brauchte sie Hanna nicht zu kommen, da traf man auf völliges Unverständnis. Andererseits fragte sie sich nach Hannas Beweggründen für dieses Gespräch. Hatte sie sich etwa doch in jemanden verliebt und wusste nicht mehr weiter? Oder sollte man in ihrem Fall besser sagen, sie hatte sich verliebt und wusste jetzt nicht, wie sie aus der Nummer rauskommen sollte. Das würde eher zu ihr passen.

„Also, wenn ich jemanden gut finde und ihn dann näher kennenlerne, finde ich ihn plötzlich gar nicht mehr so gut“ griff Hanna nun das Gespräch wieder auf. Das war tatsächlich ein Phänomen, das sie seit einiger Zeit bei ihren sogenannten Selbstversuchen mit Männern beobachtete.

„Tja,“ erwiderte Lis, „da hast du dann gemerkt, dass es ein Deppenhaufen ist!“

„Ok, aber da kommt dann eine andere, für die ist der Deppenhaufen überhaupt kein Deppenhaufen und sie wird mit ihm froh und glücklich.“

„Oder“, konterte Lis wieder, „sie merkt gar nicht, dass der Deppenhaufe ein Deppenhaufen ist und ist nur deshalb froh und glücklich mit ihm, weil sie es nicht checkt?!“

„Ach, dann bedeutet verliebt sein also, dass man einfach nicht checkt, dass der andere ein Trottel ist oder was?“

„Naja, das ist jetzt schon eine sehr nüchterne Version. Sagen wir mal, man merkt es erst, wenn es schon zu spät ist oder man merkt es, findet es aber gar nicht so schlimm und kann damit leben.“

„Also doch nur eine vorübergehende Sinnestäuschung!“

Lis ließ ihre Schultern samt Cocktail sinken. Hanna war hoffnungslos unromantisch.

„Ok, Hanna, ich gebe mich geschlagen, den Zustand des Verliebtseins könnte man durchaus unter ganz nüchternen und unromantischen Menschen als Sinnestäuschung bezeichnen.“

„Ha,“ Hanna lachte hämisch, „ich wusste es!“ Mit dieser Erkenntnis könnte man der Menschheit einen großen Gefallen erweisen und sicherlich die ein oder andere menschliche Tragödie abwenden, davon war sie überzeugt. Sie hatte eben doch das zweite Gesicht ihrer jüdischen Großmutter väterlicherseits geerbt, mit dem sie die Dinge des Lebens einfach anders sah als andere. Tatsächlich dachte Hanna seit Lissys Absicht, mit ihrem Toni gemeinsame Sache zu machen, öfter mal über solche Dinge nach und warum ausgerechnet sie davon verschont zu bleiben schien. Sie wusste natürlich um ihre Wirkung auf das andere Geschlecht und leider auch die damit verbundene Wirkung auf das gleiche Geschlecht. Mit anderen Frauen konnte sie sich nicht so schnell anfreunden, wie sie das manchmal gerne täte. Die meisten witterten in ihr offenbar eine Art Gefahr oder Bedrohung, als wäre Hanna ein männermordendes Ungeheuer, dass keinen Kerl mehr für andere Frauen übrigließ. Somit beschränkten sich Hannas Freundinnen auf Lissy, Marie, ihre Sandkastenfreundin Mel und ihre spanische Kollegin Puri. „Vielleicht“, dachte sie nun weiter, „bin ich auch nicht neidisch oder eifersüchtig auf Lissy oder Toni, sondern die Tatsache, dass sie vermutlich künftig für mich als Freundin wegfällt, macht mir zu schaffen. Ja, genau! Das war‘s!“ Und sie war wieder sehr zufrieden mit ihrer neuen Erkenntnis.

„Aber Hanna,“ Lis wollte es jetzt doch nochmal genauer wissen, „du hast mir meine Frage noch nicht beantwortet.

Warst du denn jetzt schon mal so richtig verliebt, oder nicht?“

Hanna dachte ganz kurz nach und antwortete dann: „Nicht ausreichend genug, um nicht früh genug zu erkennen, dass er ein Idiot ist. Beziehungsweise ein Deppenhaufen. Oder einfach nur eine Blitzbirne so wie vor einem halben Jahr…“

„Ach, erzähl…“, Lis brannte darauf, eine von Hannas idiotischen Deppenhaufen-Blitzbirnen-Geschichten zu hören und zog noch einmal genüsslich am Strohhalm ihres Erdbeer-Caipis.

„Also, da lerne ich endlich mal jemanden außerhalb meines Arbeitsplatzes kennen und bin auch echt mehr als froh darüber, weil es eigentlich immer kompliziert ist mit Kollegen und so, du weißt schon was ich meine.“ Lis nickte, winkte ungeduldig ab und nahm gespannt einen weiteren Schluck von ihrem Erdbeer-Caipi.

„Er war echt ein Traum von einem Mann: gutaussehend, cool, sportlich, sexy, einfach ein richtig geiler Typ. So als wäre er als Baby in eine Wanne mit Testosteron gefallen und jetzt klebt das Zeug an ihm dran und er kriegt es nicht mehr ab. Jedenfalls habe ich es nicht erlebt, dass eine Frau, egal welcher Nationalität, an ihm vorbeigegangen wäre, ohne zweimal hinzuschauen. Und was soll ich sagen, Mr. Perfekt steht auch noch auf mich! Ich dachte schon, ich hätte einen Volltreffer gelandet, er konnte auch noch richtig gut küssen.“

„Und dann?“

„Und dann bin ich wohl einmal zu oft mit ihm ausgegangen, anstatt einfach nur mit ihm ins Bett zu gehen.“

„Wie?“

„Das heißt, es kam nie auch nur ansatzweise eine vernünftige Unterhaltung zwischen uns zustande. Dabei habe ich mich wirklich nach allen Kräften bemüht, mir Gesprächsthemen auszudenken, sogar mit Fußball hab‘ ich es versucht, obwohl ich davon wirklich nicht das Geringste verstehe und es mich noch viel weniger interessiert. Ich habe wirklich, Lissy, wirklich alles Mögliche in Erwägung gezogen, was außer Surfen sein Interesse wecken könnte, aber da war nichts zu holen. Bei jedem Treffen blieb er stumm wie ein Fisch. Und ich meine damit nicht diese ‚peinlichen Pausen‘, die jeder schon mal bei einem Date mit dem Falschen erlebt hat. Nein, unsere Verabredungen waren eine einzige, lange Funkstille. Wenn ich nicht gerade einen Monolog hielt oder ihm Löcher in den Bauch fragte, die er immer nur mit Ja oder Nein beantwortete, schwiegen wir uns einfach nur an. Das ist nichts für mich Lissy, nur hübsch, aber nix in der Birne. Ich habe mich Gott weiß wie bemüht, geistig mit ihm auf eine Ebene zu kommen. Ich habe gebuddelt, gebaggert, gegraben und gebohrt, aber ich habe nichts gefunden. Er hatte wohl nur eine sehr, sehr flache Ebene!“

„Hmm. Das ist natürlich doof. Und dann hast du dich entschieden, dich einfach nicht mehr zu verlieben?“

„Nein, nicht nur deshalb. Ich habe auch festgestellt, dass an der Theorie von unserem holländischen Kollegen damals während des Studiums was dran ist. Du erinnerst dich doch noch an Hank?“

„Klar, an Hank kann ich mich erinnern, der war lustig. Aber was hatte der denn für eine Theorie?“

„Er hatte zum Beispiel keine feste Freundin, weil er der Meinung war, dass man ja auch nicht jeden Tag Salat essen kann! Damals war ich ein wenig schockiert darüber, aber jetzt weiß ich, was er gemeint hat.“

„Ja, daran erinnere ich mich auch noch und ich bin immer noch schockiert,“ Lis meinte das völlig ernst. Das war ja wie Sodom und Gomorrha! „Und über die Tatsache, dass du ein Leben führst wie ein niederländischer Draufgänger, bin ich noch viel schockierter.“

„Was kann ich denn dafür, dass ich hier alle paar Wochen jemanden kennenlerne, den ich toll finde und der sich in mich verknallt?“

„Es liegt nun mal in deiner Natur, dass sich die Jungs in dich verknallen. Da kannst du doch nicht mit jedem anbändeln, der dir über den Weg läuft.“

Hanna musste lachen, das war wohl etwas übertrieben. „Ich bändel‘ ja auch nicht mit jedem an, nur mit denen, in die ich auch irgendwie gut finde. Und so viele sind es nun auch nicht.“

„Wie viele sind es denn?“, fragte Lis und grinste gespannt, ob Hanna die Frage beantworten würde.

„Mach dir keine Sorgen. Immer noch im zweistelligen Bereich.“

Lis machte große Augen und verschluckte sich an ihrem Caipi.

„Ganz ruhig. Du tust ja gerade so, als wäre ich Uschi Obermaier.“

„So war es ja auch nicht gemeint. Ich meine nur …. du warst doch früher nicht so.“

„Ich weiß auch nicht. Das muss am Klima hier liegen ……. Sonne, Strand und Meer vielleicht?“

Hanna gehörte einfach zu der Sorte Menschen, die auf der Sonnenseite des Lebens stehen und da auch hingehörten. Dieses Clubleben passte zu ihr wie die Faust aufs Auge.

Hier fand sie ihresgleichen, denn alle genossen das Leben in vollen Zügen und keiner nahm lästige Alltagspflichten wahr. Die jungen Leute, die sich vor, nach, während oder anstelle ihres Studiums auf diese Weise ein angenehmes Leben machten, kamen bis auf wenige Ausnahmen, alle aus den gleichen Gründen her und befanden sich demnach alle auf der gleichen Wellenlänge. Sie lernten gerne neue Leute kennen, probierten gerne neue Sportarten aus, waren auch ansonsten offen für alles Neue und feierten gerne. Von nordeuropäischem Wetter wollten sie genauso wenig wissen wie von nordeuropäischem Alltagsstress. Gut, es war natürlich auch irgendwie eine Flucht vor der Realität, aber das ignorierten die meisten hier sehr erfolgreich.

Hanna gehörte definitiv zu der Kategorie Realitätsignorierer. Was eine Schande war, fand Lis, wenn man bedenkt, dass Hanna als Jahrgangsbeste das Studium abgeschlossen hatte und die besten Aussichten auf eine steile Karriere vor sich hatte. Stattdessen lebte sie sorglos in den Tag hinein und machte sich um ihre Zukunft nie große Gedanken. Die Beförderung zur Empfangschefin, die man ihr hier bereits im ersten Jahr angeboten hatte, hatte sie dankend abgelehnt. Zu viel Arbeit und zu viel Verantwortung waren ihrer Meinung nach nicht gut für sie. Arbeit war für sie eher Mittel zum Zweck, was hauptsächlich daran lag, dass sie ihr Leben als erfüllt ansah und mit sich und der Welt im Einklang lebte und genau das tat, was ihr gerade in den Sinn kam.

„Ich hab‘ schon Hunger. Sollen wir schnell hier schon ein paar Tapas essen? Dann müssen wir nachher nicht mehr ins Restaurant zum Abendessen und haben mehr Zeit uns raus zu putzen, wenn Axel uns drei ausführt!“

„Das ist eine gute Idee!“ Lis war begeistert. Das war genau das, was sie an Hanna so mochte. Sie hatte ganz spontan immer die besten Einfälle und setzte sie auch ohne große Umstände ganz einfach in die Tat um.

Der gutaussehende Axel betrat mit seinen drei nicht weniger gutaussehenden Begleiterinnen die Surfer-Action Bar, die um kurz nach 22 Uhr gut besucht war. Er begrüßte den Besitzer – oder Geschäftsführer, das wusste hier niemand so genau – Jürgen, ein bereits in die Jahre gekommener Aussteiger mit schütterem, aber nichtsdestotrotz langem Haar und sonnengegerbter Haut. Die faltige Haut und das schüttere Haar, das er – auch nichtsdestotrotz - zum Zopf trug, ließen eigentlich darauf schließen, dass Jürgen bereits näher an der Rente war, als er zugeben wollte. Er behauptete immer, dass er an seinem 50. Geburtstag nach Deutschland zurück gehen würde, um sich dort als gemachter Mann zur Ruhe zu setzen. Da er diese Geschichte nun schon seit Jahren erzählte, munkelte man, dass er mit seiner Bar entweder nicht halb so gut verdiente wie er behauptete oder, dass ihm diese Bar überhaupt nicht gehörte und er dort nur angestellt war…. jedenfalls war er ganz offensichtlich deutlich älter als 50! Aber er wusste den Laden zu schmeißen, das musste man ihm lassen.

Das Surfer-Action war eine der angesagtesten Bars auf der Insel und wie der Name schon erahnen lässt, bei Surfern sehr beliebt. Entsprechend war auch dort die Klientel jung, dynamisch und gutaussehend mit blonden oder zumindest blond gesträhnten Haaren. Ein Klischee über Surfer, das der Wahrheit entsprach. Das Ambiente tat sein Übriges: lässig statt schick. Natürlich hingen und standen überall ausgediente Surfbretter und die dazugehörigen Segel waren zu einem riesengroßen Windschutz zusammengeflickt, was komischerweise gar nicht schäbig wirkte. Aus den Boxen drangen die gechillten Töne von Jack Johnson und sorgten für eine entspannte Atmosphäre. Alles war so wie man es erwartete.

„Nabend Jürgen“, Axel begrüßte Jürgen mit einem Handschlag.

„Nabend Axel“, erwiderte dieser. „Lässt dich auma wieder blicken? Bringst uns ja wieder die hübschesten Mädels vonna Insel mit. Na Chicas!“ Schnell wandte er sich Axels Begleiterinnen zu und begrüßte Hanna und Marie mit Küsschen links und rechts.

„Hi Jürgen, das ist unsere Freundin Lis.“ Lis wollte ihm die Hand reichen, aber der gute Jürgen hatte ihr schon einen schmierigen Kuss auf die Wange gedrückt. Die arme Lis fühlte sich etwas überrumpelt von dem älteren Herrn mit dem Ruhrpott-Slang und lächelte notgedrungen.

„Da vorne am Fenster is noch‘n Tisch frei. Watt kann ich euch bringen?“, fragte er betont gleichgültig.

„Der ist nicht halb so cool als er denkt“, raunte Lis Marie zu, während die Gruppe den freien Tisch am Fenster ansteuerte.

„Das macht hier nix!“ Lis verstand die Antwort nicht so richtig, zumindest noch nicht und schaute zurück zu Jürgen, der nun einem wirklich coolen Typen hinter der Theke die Bestellung weitergab: „Machste ma…“

Lis starrte diesen wirklich coolen Typen sprachlos an. Er hatte kurze dunkle Haare (nicht blond, auch nicht blond gesträhnt!) und genauso dunkle, dichte, lange Wimpern, die die schönsten blauen Augen umgaben, die Lis je gesehen hatte. Er trug ein enges, nein ein sehr enges schwarzes T-Shirt, durch das man seinen muskulösen Oberkörper ganz deutlich erkennen konnte. Am Ausschnitt dieses viel zu engen T-Shirts schlängelte sich kunstvoll ein Tattoo an seinem wunderschönen Hals entlang, bis es an seinem kurzrasierten Haaransatz im Nacken verschwand. Lis neigte den Kopf leicht zur Seite, um das Tattoo besser sehen zu können und fand es ausgesprochen sexy. So was gab es in Bayern nicht.

„Na, hab‘ ich zu viel versprochen?“, hörte sie Hanna leise sagen. „Wusste ich doch, dass er dir gefällt. Jetzt musst du den Mund aber auch wieder zu machen und starr ihn nicht zu lange an!“ Lis schloss ihren Mund und schaute Hanna mit großen Augen an. Dann schaute sie wieder zu diesem Fotomodell-Typen rüber und sah, dass er Axel begrüßte und die beiden ein paar Worte wechselten. Dann begrüßte er auch Marie mit den inseltypischen Küsschen links und Küsschen rechts.

„Das musste Philip sein, Axels Freund“, Lis war ein wenig aufgeregt, da sie davon ausging, dass sie ihm auch gleich vorgestellt werden würde. Doch Hanna, die vor ihr an der Bar entlang schritt, würdigte ihm keines Blickes und schaute interessiert in die entgegengesetzte Richtung.

„Was sollte das denn?“, Lis war mehr als enttäuscht. Einem so gutaussehenden Mann wäre sie auch gerne mal ein Stückchen nähergekommen. Wieso vermasselte ihr Hanna das denn jetzt?

„He, was ist denn?“ Lis zupfte Hanna am Ärmel, die sich wiederum zu Lis umdrehte und mit einem völlig unschuldigen Blick anschaute. „War das nicht Philip?“, wollte Lis wissen.

„Ja genau!“

„Und warum begrüßt du ihn dann nicht?“

„Ist Geschichte.“

„Ach, Hanna, nee, ne?!“ Da bemerkte Lis erst, dass ihre Freundin eigentlich schon wieder jemand ganz anderen im Visier hatte. Sie folgte ihrem Blick und sah zwei Männer, die am anderen Ende der Bar standen und sich unterhielten. Ein kleiner, glatzköpfiger, schon etwas älterer, der hatte bestimmt nicht ihr Interesse geweckt. Und ein gutaussehender – nicht allzu blonder Mann, um die 30, der Hanna zulächelte und diese lächelte -natürlich, wie konnte es anders sein, ihr bezauberndstes Lächeln, inklusive Augenaufschlag - zurück. Sympathisch war er, fand Lis, wie er so da stand mit seinem Drink in der Hand, lässig mit der einen Schulter an der Wand angelehnt und ein scheinbar belangloses Gespräch führte. Lis fand ihn irgendwie attraktiv, aber eben ganz anders als dieser Philip und sie ärgerte sich schon wieder, dass Hanna ihn ihr vorenthalten hatte.

Am Tisch angekommen, fragte Axel: „Wer ist denn das da bei unserem Clubchef?“

„Der neue Clubchef!“ Marie war bestens informiert.

„Ach, das ist der Neue? Der Ösi?“

„Ja genau. Louis, ein Österreicher total cool, nicht so verbissen und fies wie der Alte. Bin echt froh, wenn der bald weg ist.“ Sie winkte den beiden kurz zu. Marie, die innerhalb kürzester Zeit von der Rezeption der Ferienanlage zur Clubchefsekretärin befördert worden war, hatte ihren neuen Chef natürlich schon kennengelernt. Die Aufgaben an der Rezeption hatten Marie nicht lange befriedigt, weshalb sie zunächst die Herausforderungen im sportlichen Bereich suchte und sich für nahezu jede Abendshow als Tänzerin aufstellen ließ. Als ihr dann der Job als Clubchefsekretärin angeboten wurde, nahm sie das Angebot ohne lange zu zögern an und erfüllte diese Aufgabe mit großer Hingabe – auch wenn ihr Chef bis dato eher übellaunig war. Aber das sollte sich ja nun mit dem neuen Chef ändern, der ganz offensichtlich ein Sonnyboy war.

„Und er sieht wesentlich besser aus als der Alte!“, fügte Hanna hinzu.

„Gefällt er dir?“, wollte Marie wissen, legte ihren Kopf leicht schräg und musterte ihren neuen Chef von der Seite ein wenig genauer. Schlecht war er ja nicht. „Ich glaub ja, der ist nix für dich Hanna. Außerdem bändelt er schon mit der blonden Hupfdohle aus dem Wellfit-Team an!“

Hanna, die sich gerade mit dem Rücken zu ihm gesetzt hatte, drehte sich noch einmal um und sah, dass auch er sie wieder ansah und ihr erneut zulächelte. „Werden wir ja sehen“, sagte sie selbstbewusst und warf ihre dunkle Haarmähne leicht herablassend zurück, in dem sie sich wieder ihren Freunden zu wand.

Lis schüttelte nur den Kopf. Dann dachte sie wieder an ihre Unterhaltung mit Hanna am Nachmittag. Sie hatte im Nachhinein schon den Eindruck, dass Hanna durchaus in der Lage war, sich zu verlieben, „es musste einfach der Richtige sein. Und das war bei Hanna die große Kunst, der Richtige musste nämlich perfekt sein. Sobald sie merkte, dass er das nicht war – und das ging bei ihr relativ schnell - ließ sie ihn eiskalt abblitzen, indem sie einfach die Tatsache ignorierte, dass der arme Kerl sich Hals über Kopf in sie verknallt hatte. So war es vermutlich auch bei Philip gewesen“, der genau in diesem Moment mit den Getränken zu ihrem Tisch kam. Er hatte einen Moment Zeit, setzte sich zu ihnen und Lis wurde ihm endlich vorgestellt. Die beiden Jungs unterhielten sich kurz und nach einem interessierten Blick zu Lis, schlug Philip vor, dass sie doch morgen Abend alle zusammen Essen gehen könnten, da er einen freien Abend habe. Lis fand diesen Philip super und war froh, dass Marie und ihr Axel mit dem Vorschlag einverstanden waren.

Hanna konnte nicht, sie ging zu irgendeiner Fiesta, ein spanischer Kollege hatte sie eingeladen. Da sie sich mit der spanischen Kultur erstaunlich identifizierte und die Sprache sehr schnell gelernt hatte, war sie natürlich auch bei den Spaniern sehr beliebt – als eine der ganz wenigen deutschen Ausnahmen.

Philip schien das jedenfalls ganz recht zu sein, denn er machte sich mit einem: „Super! Dann sehen wir uns morgen!“, an seine Arbeit zurück, ohne die schöne Hanna auch nur eines Blickes zu würdigen.

„Den bist du ein für alle Mal los!“, stellte Marie trocken fest.

„Das findet die neue Aushilfe bestimmt gar nicht schlimm“, entgegnete Axel mit einem Blick auf ein deutsches Mädchen von vermutlich gerade mal 20 Jahren, die ihrem hellen Teint nach zu urteilen noch nicht sehr lange auf der Insel war.

„Die muss sich ja erst mal mit Jürgen rumschlagen, wenn man den Gerüchten Glauben schenken darf,“ antwortete Marie.

„Was meinst du damit?“, wollte Lis wissen. Marie erklärte ihr Jürgens System folgendermaßen: Er fuhr in regelmäßigen Abständen in seine Heimatstadt nach Deutschland, um irgendwelche jungen Dinger zu akquirieren, die mit ihm auf die Insel kamen, um hier für einen Appel und ein Ei in seiner Bar zu kellnern. Er lockte sie sogar mit kostenfreier Logis, was in der Realität bedeutete, dass sie zwar bei ihm wohnen konnten, ihm dafür aber auch zu Hause hin und wieder „zur Hand gehen“ mussten. Bei dem letzten Satz zog Marie ihre Augenbrauen hoch und nickte dabei vielsagend.

„Da die Hühnchen aber nicht ganz so doof sind, wie sie aussehen, lassen sie sich das nicht lange gefallen und reisen nach ein paar Wochen wieder ab, sobald sie sich den Rückflug zusammengespart haben. Oder suchen sich ganz schnell was anderes hier“, fuhr sie fort.

„Unglaublich!“ Lis wollte es nicht glauben und sah Hanna an. Diese bestätigte die Geschichte mit einem vielsagenden Nicken und fügte hinzu: „Eine gab es mal, die war wirklich hoffnungslos naiv, die hat das ein halbes Jahr lang mitgemacht!“

„Unglaublich!“, wiederholte Lis und dieses Mal nickte Marie bestätigend.

„Vielleicht fand sie es ja auch gar nicht so schlimm bei Jürgen, vielleicht hat es ihr ja gefallen.“

Für diese Variante der Geschichte erntete Axel von seinen drei Begleiterinnen ein einheitlich bestürztes: „Puuuh!“ „Oh Gott!“ „Nein!“

„Sodom und Gomorrha!“ Bei jedem ihrer Besuche auf der Insel war Lis aufs Neue erstaunt über die Lebensweise und vor allem moralische Einstellung der Menschen hier. „Ob das wirklich am Klima lag“, überlegte sie „ist einfach zu heiß hier. Und dann immer dieser Wind. Da musste man ja verrückt werden.“

Den ganzen folgenden Tag über konnte Lis an nichts anderes denken als an Philip. Sie vergaß sogar, dass ja demnächst ein völlig neues Leben vor ihr lag, dem sie im Grunde genommen ihr bisheriges Leben lang immer entgegenfiebert hatte. Daran dachte sie im Moment überhaupt nicht mehr und wartete gespannt auf das Abendessen mit Marie, Axel und Philip.

Doch plötzlich fiel es ihr wieder ein und sie zuckte zusammen. „Was würde Toni dazu sagen? Aber der würde es ja nie erfahren.“ Oh Gott, sie zuckte erneut zusammen. Die Tatsache, dass sie ihm etwas zu verheimlichen hatte, fand sie ja noch schlimmer. Da taten sich ja ungeahnte Abgründe in ihr auf. Geht der Plan der beiden Freundinnen etwa auf …? Sie blickte hinaus auf das Meer und seine Brandung. Die Wellen schlugen mit voller Wucht gegen die Felsen und brachten einen rauen Wind mit sich.

Axel hatte sie und Marie an die Westküste zum Wellenreiten mitgenommen. Lis war bei ihren vorigen Aufenthalten schon hier gewesen, aber immer nur, um sich den Sonnenuntergang anzusehen. Um ein entspanntes Sonnenbad zu nehmen, war dieser Naturstrand auch nicht sehr gut geeignet. Man musste die steilen Klippen hinunter kraxeln, was mit Flip-Flops an sich schon ein Abenteuer war, und zwischen dem dunkelbraunen Sand kamen immer wieder Felsen zum Vorschein, so dass man genau hinschauen musste, wo man sein Handtuch ausbreitete. Dass man seine Sachen nicht zu nah ans Wasser legte, war die nächste Herausforderung, da hier bei einsetzender Flut haushohe Wellen an Land preschten und mit der Unterströmung alles mit sich ins Meer rissen. Lis konnte die Atmosphäre dennoch genießen und es entspannte sie, das Toben der Wellen zu beobachten und dabei nichts weiter zu hören als deren Rauschen.

Während Marie sich mit ihrem Axel in die Wellen stürzte, schaute Lis lieber zu. „Typisch Marie“, dachte sie, während sie ihre Freundin im Umgang mit dem Surfbrett bewunderte. „Was sie auch ausprobierte, gelang ihr sofort und sie blamierte sich nie.“ Sie konnte gut nachvollziehen, dass ein Sportstudent wie Axel sich in sie verliebt hatte. Ihre Sportlichkeit verhalf ihr natürlich auch zu einem attraktiven Körperbau und entsprechender Ausstrahlung. Mittlerweile hatten ihre hellbraunen Locken zwar auch ein paar blonde Strähnen abbekommen, aber bei Marie sah es irgendwie natürlich aus und passte durchaus gut zu ihren grünen Augen.