Zwei halbe Apfelsinen - Anka Tarina - E-Book

Zwei halbe Apfelsinen E-Book

Anka Tarina

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Beschreibung

"Aber mein ganzes Leben ist in Köln!" Bei Marie läuft es gerade gar nicht gut und es fällt ihr schwer, die richtigen Entscheidungen für sich und ihren Sohn Leon zu treffen. "Aber dein ganzes Leben dort ist im Großen und Ganzen nicht so berauschend, wenn ich das richtig in Erinnerung habe. Dein aktueller Lover ist Autist und du wohnst mit Leuten in einem Haus, die man maximal von einer Reality-Soap aus dem Fernsehen kennen sollte. Du arbeitest in einem Unternehmen für Plastikhotels und deine Vorgesetzten sind zwei minderbemittelte Türklinkenputzer mit übersteigertem Selbstwertgefühl. Und dein Sohn wird im Kindergarten von einem Kind schikaniert, das zwei Väter hat, deren Meinung nach, Mütter völlig überbewertet werden." Es klingt so einfach, wenn ihre Freundin Hanna ihr Leben in einer Generalabrechnung zusammenfasst! Dabei hat Hanna genug eigene Probleme. In einer Nacht und Nebelaktion hat sie Spanien verlassen, um nicht von der Guardia Civil ins Kreuzverhör genommen zu werden. Die einzige der drei Freundinnen, die immer alles richtig zu machen scheint, ist Lis. Also flüchten Hanna und Marie zu ihr nach Bayern. Doch auch dort werden sie ziemlich schnell von ihren Problemen eingeholt…

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Seitenzahl: 273

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Media Naranjas

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Zwei Halbe Apfelsinen

Anka Tarina ist in der rheinland-pfälzischen Provinz aufgewachsen und hatte ziemlich bald von dem Leben dort genug. Bei der erstbesten Gelegenheit zog sie aus und wanderte dann später sogar aus Deutschland aus.

Mit dem Wunsch nach einer eigenen Familie wurde sie irgendwann in Köln sesshaft und lebt heute dort mit ihrem Mann und ihrem Sohn.

Inspiriert von den zahlreichen, unterschiedlichen Begegnungen im Laufe der Jahre, fing sie vor einiger Zeit an, eine fiktive Geschichte aufzuschreiben, woraus dieses Buch entstand.

Für U.

1

Hanna

Hanna lief um das Taxi herum und stieg durch die Hintertür ein, während der Taxifahrer seine Mühe hatte, alle ihre Koffer und Taschen im Kofferraum zu verstauen.

„Coño!“ Der Kofferraum ließ sich nur unter einer Flut spanischer Schimpfwörter schließen. „Joder!“ Dann war er endlich zu.

Nachdenklich und traurig schaute Hanna aus dem Fenster und bemerkte gar nicht, dass der Taxifahrer sich hinter das Steuer setzte, ein weiteres ärgerliches „Joder“ murmelte und auf eine Anweisung von ihr wartete. Er drehte sich zu ihr um, schaute sie erwartungsvoll an und sie schaute genauso zurück, indem sie noch frech ihre perfekt geschwungenen Augenbrauen hochzog.

„Al Aeropuerto?“, fragte er schließlich genervt. Wohin sollte man auch sonst mit so viel Gepäck um vier Uhr morgens auf einer Insel?

„Äh, si. Por favor“, antwortete sie, ohne zu lächeln, schaute wieder aus dem Fenster und vergrub sich noch ein bisschen tiefer in den Sitz, so dass man sie von außen gar nicht wahrnahm.

Während der ganzen einstündigen Fahrt zum Flughafen weinte sie still und leise vor sich hin und war heilfroh, dass der Fahrer sie in kein Gespräch verwickelte. Stattdessen stellte er das Radio mit dem Latinosender einfach lauter. Und als bei Marcela Morelos Song Corazon Salvaje die rote Morgensonne aus dem Atlantik auftauchte, liefen Hannas Tränen unaufhaltsam über ihr Gesicht. Es war wirklich ein traumhaft schöner Sonnenaufgang. „Ausgerechnet heute muss er so schön sein,“ dachte sie trotzig, „wenigstens hab‘ ich wasserfeste Wimperntusche.“

Am Flughafen angekommen, schnappte sie sich einen Kofferwagen und der Taxifahrer war so freundlich, ihr ganzes Gepäck so geschickt darauf zu stapeln, dass alles draufpasste und nichts runterfallen konnte. Eine Kunst für sich, wie Hanna fand und sie bedankte sich mit einem großzügigen Trinkgeld bei ihm.

„Gracia y mucha suerte!“, verabschiedete sich der Canario, als ob er ahnte, dass sie gerade ganz besonders viel Glück nötig hatte. Offenbar stand ihr das Unglück ins Gesicht geschrieben. Ohne sich noch einmal umzudrehen, verschwand sie hinter den großen Schiebetüren und steuerte direkt den Ticketschalter an, wo man ein One-Way-Ticket nach Deutschland für sie hinterlegt hatte. Sie setzte sich die Sonnenbrille auf die Nase, um ihre verheulten Augen zu verbergen und hoffte inständig, dass heute niemand Dienst hatte, den sie kannte. Doch das Glück ließ sie auch hier im Stich. „Wenigstens ist es Claudia, die redet sowieso nicht mit mir, weil sie sich immer noch einbildet, ich hätte ihr den Andy weggeschnappt“, dachte sie noch und zog energisch ihre die Nase hoch und machte einen Schmollmund dazu, der ihr Selbstbewusstsein verstärken sollte. In Kombination mit der überdimensionalen Sonnenbrille klappte das auch meistens und ihr Gegenüber war mehr oder weniger beeindruckt.

Nicht so die zierliche Blondine um die vierzig auf der anderen Seite des Ticketcounters. Sie würdigte sie keines Blickes und meinte nur zickig mit einem ganz kurzen Blick auf Hannas Gepäck: „Übergepäckstempel?“ Sie wusste wohl blind, was zu tun war und erledigte widerwillig ihren Job.

„Ja, bitte“, sagte Hanna so beiläufig wie möglich, um der Zicke mit den strähnigen Haaren genauso wenig Beachtung zu schenken. Doch die waltete bereits ihres Amtes.

„Peng!“, wurde der Stempel mit dem Aufdruck „+50 kg“ auf Hannas Ticket geknallt.

Und „Flatsch“ klatschte sie ihr das Ticket auf den Tresen des Ticketschalters.

Hanna schaute in das ebenso braun gebrannte wie faltige Gesicht, der in die Jahre gekommenen Surferbraut und meinte nicht weniger zickig: „Tschüss!“, drehte sich um und schritt mit größtmöglicher Grandezza davon. „Die ist von innen genauso verschrumpelt wie von außen!“

Nachdem Hanna in der glücklicherweise noch verhältnismäßig kleinen Warteschlange für den ersten Flug des Tages Richtung Deutschland eingecheckt hatte, ging sie schnurstracks über die Rolltreppe zur Passkontrolle. Das war der schwierigste Teil ihrer Ausreise. Es war zwar erst fünf Uhr früh und sie hoffte, dass die Guardia Civil sie erst aufsuchen würde, wenn sie nicht wie bestellt zur Wache kam, aber man konnte ja nie wissen.

Hocherhobenen Hauptes, mit Sonnenbrille und Schmollmund stolzierte sie selbstbewusst, wenn auch mit vor Aufregung feuchten Händen und Herzklopfen bis zum Hals, an den spanischen Beamten vorbei und hielt ihnen ihr Ticket und ihren Ausweis unter die Nase.

Dann ging sie zügig und zielstrebig mit ihrem Handgepäck zum Gate für das Boarding.

„Puh, geschafft!“ Erleichtert trat sie durch die Tür unter der Anzeigetafel: Colonia/Koeln Bonn auf die Flughafenterrasse hinaus und zündete sich, mit immer noch leicht zittrigen Händen, eine Zigarette an. Das Boarding begann in knapp zwanzig Minuten, dann war sie weg. Bei dem Gedanken daran hätte sie schon wieder losheulen können. So hatte sie sich ihren Abgang hier wirklich nicht vorgestellt. Genau genommen hatte sie sich einen Weggang von ihrer geliebten Insel überhaupt noch nie so richtig vorgestellt. Während sie sich ihre langen braunen Haare zu einem Zopf zusammenband, dachte Hanna noch einmal über alles nach und überlegte, wann das ganze Übel seinen Lauf genommen hatte. Sie versuchte die Ursache herauszufinden, sozusagen den Anfang vom Ende …

… es begann vermutlich damit, dass ihre Freundin Lis ja unbedingt vor ihrem dreißigsten Lebensjahr heiraten wollte. Sie hatte ihren Traumprinzen recht schnell gefunden und ihn offenbar sofort als solchen erkannt, was Hanna bis heute nicht so richtig nachvollziehen konnte. Lis war ein bodenständiges bayrisches Mädel, das jeder auf Anhieb mochte. Sie hatte, im Gegensatz zu der eher aufbrausenden Hanna, ein sanftes und liebenswürdiges Gemüt und mit ihren himmelblauen Augen und den lockigen blonden Haaren, strahlte sie auch genau das aus. Hanna und Lis hatten sich während ihrer Ausbildung an der Hotelfachschule am Tegernsee kennengelernt und zwei Jahre lang zusammen im Internat gewohnt. Gleich während des ersten Jahres hatte Lis ihren Toni kennengelernt, den Hotelierssohn des Hauses, in dem sie ihr Praktikum absolviert hatte.

Mindestens fünfzehn Jahre musste das nun her sein. Hanna kam es gar nicht so lange vor. Eigentlich war der Plan damals, sich gleich nach der Hotelfachschule zusammen mit Marie, die ebenfalls in ihrem Jahrgang die Hotelfachschule besucht hatte, in Spanien abzusetzen. Hanna und Marie taten das auch, aber Lis war so unsterblich in ihren Toni verliebt, dass sie reumütig mit dem Reisebus von Llorett de Mar wieder nach München zurückfuhr und seitdem für Toni und seine Familie in deren Hotel Klosterhof arbeitete.

Mit Marie hatte Hanna die perfekte Weggefährtin und jede Menge Spaß. Über Umwege waren sie schließlich auf den Kanaren gelandet und hatten beide eine super Zeit in einem der besten Ferienresorts der Insel. Marie liebte ihre Arbeit und Hanna liebte den Spaß, den man vor, nach und manchmal sogar während dieser Arbeit hatte. Marie blühte in diesem Ferienclub zur Hochform auf, wirkte nach ihrem Dienst an der Rezeption hingebungsvoll in den Abendvorstellungen mit und war glücklich, auf der kleinen Showbühne ihrer eigentlichen Leidenschaft, dem Tanzen nachgehen zu können. Sie lieferte in allem, was sie tat einen erstklassigen Job und kletterte ohne sich groß anzustrengen, rasch die Karriereleiter nach oben. Währenddessen genoss Hanna das Leben in vollen Zügen und stürzte sich von einem Abenteuer ins nächste. Keine Party ließ sie aus und auf jeder war sie die letzte, aber von keiner ging sie alleine nach Hause, geschweige denn nüchtern. Im Nachhinein betrachtet, erkannte sie nun selbst, dass sie damals ein Leben führte, als gäbe es kein Morgen mehr. Hanna hatte sich sehr schnell dem spanischen Lebensstil und dem Motto: „Arbeiten um zu leben, nicht leben um zu arbeiten“ angepasst. Sie mochte ihre Arbeit und liebte das Clubleben, das in dieser Form nicht unbeschwerter hätte sein können und für Ihre Begriffe genau die richtige Ausgewogenheit hatte. Sie dachte damals weder über ihren Lebenswandel noch über ihre Zukunft nach und lebte sorgenfrei in den Tag hinein.

Und zwar genau bis zu dem Moment, als ausgerechnet Marie, die im Grunde immer genau so ausgelassen und lebenslustig war, sie darauf aufmerksam machte, dass man nicht ewig wie ein Teenager durch die Gegend tingeln könne und sich auch mal Gedanken um „Später“ machen müsse. Hanna hatte damals eine Zeitlang gebraucht, um zu verstehen, dass Marie mit „Später“ ein Leben nach dem Dolce Vita als richtig erwachsener Mensch meinte, der womöglich sogar eigene Kinder und noch dazu einen spießigen Job hatte. Marie hatte zu diesem Zeitpunkt die Aussicht auf eine Art Superjob auf der Insel, den sie leider nicht antreten konnte. Als sie bemerkte, dass sie schwanger war, wollte sie nur noch nach Deutschland zurück und ein „normales Leben“, wie sie es nannte, als ganz normale alleinerziehende Mutter führen. Auch so ein Ding, das Hanna bis heute nicht so richtig nachvollziehen konnte. So kam Hanna, dank Maries ungewollter Schwangerschaft, ebenso ungewollt an einen Superjob, der sie immer mehr von ihrem geliebten Clubleben entfernte. Und genau hier lag Hannas Meinung nach, der Ursprung allen Übels.

2

Mit bis dahin nicht gekannter Unsicherheit trat sie also vor einigen Jahren die Stelle als Assistentin des Regionalleiters der spanischen Hotelkette an, in dessen Resort sie bereits einige Jahre als Rezeptionistin gearbeitet hatte. Marie hatte ihr die Annehmlichkeiten dieses Jobs sehr gut verkauft: eigenes Appartement, Dienstwagen, gutes Gehalt und regelmäßige Arbeitszeiten, natürlich mit einer schönen, ausgedehnten täglichen Siesta. Und die Einrichtungen des Ferienclubs konnte sie auch weiterhin nutzen, da sie ja nach wie vor für das Unternehmen tätig war. Das hörte sich zwar auch für Hanna erstmal nicht so schlecht an, doch die Tatsache, jeden Morgen um neun Uhr früh an ihrem Schreibtisch zu sitzen, bereitete ihr ein wenig Kopfschmerzen. Und zwar wortwörtlich und auch schon gleich am ersten Arbeitstag, der ausgerechnet am 16. Juli war! Das hätte sie eigentlich gleich als schlechtes Omen werten müssen, wo sie doch ein Faible für so was hatte und immer sehr intuitiv handelte. Vermutlich war das schon ihr erster Schritt in die falsche Richtung gewesen. Bisher war sie ein großer Verfechter des Spätdienstes und hatte immer gerne Kollegen, auf die man sich verlassen konnte. Als Assistentin des Regionalleiters würde sie wahrscheinlich eher ein Einzelkämpfer sein und davor hatte sie ziemlichen Respekt. Aber sie war auch neugierig genug und stellte sich gespannt ihrer neuen Herausforderung.

Der 16. Juli war jedenfalls ein katholischer Feiertag auf der Insel, dem eine großartige Fiesta vorausging. Die Insulaner feiern dann in den Hafenstädten die Schutzpatronin der Fischer und Seeleute, die „Fiesta del Carmen“ mit einer denkwürdigen und festlichen Bootsprozession. Auf bunt geschmückten Fischerbooten wird dann die Virgen del Carmen über das Meer gefahren und von vielen anderen Schiffen begleitet. Der kirchliche Charakter wird allerdings irgendwann ganz außen vorgelassen und auf den größeren Booten wird ausgelassen gefeiert, getrunken und getanzt. Es ist eine Ehre, wenn man einmal an Bord eines solchen Schiffes und Teil dieser traditionellen Prozession auf dem Meer sein durfte. Im Jahr zuvor hatte Hanna diese Ehre gehabt, dank ihrer Freundin Puri, einer Einheimischen, die sie mit auf eines der Ausflugsschiffe nahm. Dort hatte sie auch Pedro kennengelernt, einen leidenschaftlichen Spanier, der aber kurze Zeit später keine große Rolle mehr für sie spielte.

So war das eigentlich immer bei ihr: sich zu verlieben war ihr anscheinend einfach nicht beschert. Für sie war der Zustand des Verliebtseins eigenen Angaben zufolge nur eine vorübergehende Sinnestäuschung. Da bei ihr diese Sinnestäuschungen offenbar schneller vorübergingen als bei anderen, betrachtete sie die Tatsache als Vorteil, nie enttäuscht werden zu können. Das heißt, einmal wäre es fast doch passiert. Ihr Arbeitskollege Andy verliebte sich in sie und zog sogar vorübergehend bei ihr ein, weil sein Appartement renoviert wurde. Um ein Haar hätte sie es sogar noch ziemlich cool gefunden. Doch aus irgendeinem, ihr unbekannten Grund hatte sie es irgendwie vermasselt und die Geschichte war wieder vorbei, bevor sie es richtig gemerkt hatte. Der Typ verließ sie und zog es vor, lieber wieder alleine zu wohnen. Das war das erste Mal, dass nicht sie einen Mann abserviert hatte, sondern umgekehrt. Sie empfand damals mehr gekränkte Eitelkeit als Liebeskummer und war recht schnell über ihn hinweg.

Diese Geschichte und die Geschichte mit Pedro von der Fiesta bestätigten ihren Lebensstil ein weiteres Mal und sie war froh, „a-la-carte zu leben“, wie sie es gerne in der Hotelfachsprache ausdrückte.

Jedenfalls erinnerte sie sich gerne an Pedro und die jährliche Fiesta del Carmen mit all ihren Bräuchen und Traditionen, auf die sie sich nun schon seit Wochen freute. Vor allem auf die Party in der Nacht vor diesem Feiertag. Dass die ausgerechnet vor ihrem ersten Arbeitstag in einem neuen und verantwortungsvollen Job stattfand, war ihr zwar lästig, aber noch lange kein Grund, die Party sausen zu lassen.

Auch in diesem Jahr war sie wieder mit ihrer Freundin Puri verabredet, mit der sie lange Zeit an der Rezeption des Ferienclubs gearbeitet hatte und mit der sie seither befreundet war. Sie trafen sich auf der Plaza Mayor des Fischerdorfes. Um zweiundzwanzig Uhr sollten die Feierlichkeiten mit einem Konzert der Band Jarabe de Palo beginnen, die mit ihrem Song „La Flaca“ internationalen Ruhm erlangt hatte. Es war schon ein Highlight, dass sie in einem so kleinen Ort auftraten. Bis dahin vergnügte man sich mit traditionellen Latinobands, Streetfood und spanischem Bier, das die Laune steigen ließ. Als das ersehnte Konzert dann endlich mit ein paar spanischen Minuten (es waren neunzig!) Verspätung losging, war die Stimmung mehr als ausgelassen und die Plaza tobte. Hanna hatte sich von Anfang an mit der spanischen Kultur identifiziert und die Sprache erstaunlich schnell gelernt. Mittlerweile fühlte sie sich selbst wie eine Einheimische und unterschied sich, dank der Gene ihrer jüdischen Großmutter väterlicherseits, auch äußerlich nicht sonderlich von ihnen.

Irgendwann sah Hanna, dass Puri durch das Menschengewimmel nach vorne preschte und jemanden mit inseltypischen Küssen begrüßte.

Als Puri in ihre Richtung deutete, drehte sich derjenige um und Hanna erkannte Louis, der bis vor ein paar Tagen noch ihr Vorgesetzter im Ferienclub war. Er lächelte ihr zu und Hanna lächelte etwas überrascht zurück. Er war noch gar nicht so lange auf der Insel und sie wunderte sich, ihn auf einer Fiesta zu sehen, wo die Clubmitarbeiter doch sonst kaum aus ihrer kleinen Welt herauskamen. Sie gingen höchstens einmal zum Abendessen in ein Restaurant im Ort und auf einen Drink in die Surfer Action Bar, aber dann wieder ganz schnell in ihr Resort zurück. „Zurück nach Alcatraz“, hatte Hanna das immer genannt. Sie brauchte Abwechslung und musste hin und wieder dort raus. Dass es Louis offenbar genauso ging, machte ihn noch sympathischer als er ohnehin schon war.

Puri tänzelte gut gelaunt zu Hanna zurück und es entging ihr nicht, dass Hanna Louis interessiert begutachtete.

„Isse deine Type?“, fragte sie in ihrem charmanten Deutsch mit dem unverwechselbaren spanischen Akzent.

Hanna zog den Mund zu einer Schnute und überlegte. „Weiß nicht“, lautete ihre ehrliche Antwort. Bis jetzt hatte sie noch nicht darüber nachgedacht, aber jetzt, wo sie nicht mehr im Club, sondern nur noch für den Club arbeitete…

„Isse nich so locker en la cadera.“* Puri schnalzte mit der Zunge, schloss ganz kurz die Augen und schüttelte kaum merklich den Kopf.

„Was? Puri!“, Hanna betrachtete sich Louis´ Hintern etwas genauer und kam zu dem Entschluss: „Also für einen Österreicher ist der sogar ziemlich locker.“

Aber eine echte Latina sah das offenbar anders und sie lachte: „Si, que te gusta!“ **

Hanna zuckte nur mit den Schultern und neigte den Kopf schräg zur Seite.

„So schlecht war dieser Louis doch wirklich nicht“, fand sie und erinnerte sich, dass er diesen besonderen österreichischen Charme hatte, dem bestimmt schon einige Chicas zum Opfer gefallen waren. Am meisten mochte Hanna aber an ihm, dass er nicht so extrovertiert war, wie das bei vielen in diesem Metier der Fall war. Louis wirkte auf Hanna sogar ausgesprochen authentisch und wenn er jemandem einen guten Tag wünschte oder ihn fragte, wie es ihm gehe, hatte man tatsächlich das Gefühl, dass er das auch genau so meinte und es ihn wirklich interessierte.

Als die Rockband ihren Auftritt beendet hatte und wieder die traditionellen Canarios auftraten, kam Louis zu Hanna und Puri hinüber und lud sie zu einem Bier ein.

„Du hast dich ja gar nicht richtig verabschiedet, als du neulich deinen letzten Arbeitstag hattest,“ sprach er und sah Hanna dabei direkt in die Augen, was sie irgendwie komisch fand.

„Na ja, ich bin ja nicht so richtig ausgeschieden. Ich hab´ ja quasi nur die Position gewechselt und komm euch bestimmt bald mal im Club besuchen, wenn ich darf.“ Hanna lächelte eines ihrer bezaubernden Lächeln inklusive Augenaufschlag.

„Klar,“ entgegnete er und grinste Hanna an, „ich würde mich freuen.“

„Aus der Nähe betrachtet, ist er sogar ein ziemlich cooler Typ“, dachte Hanna, begutachtete ihn unverhohlen von der Seite und überlegte wie alt er wohl sein mochte. „Als Hoteldirektor sicher Mitte dreißig, obwohl er irgendwie jünger wirkt,“ schätzte sie.

Als das Konzert zu Ende war, setzten sich die beiden auf eine Parkbank am Rande der Plaza und beobachteten, wie sich der Platz ganz langsam leerte. Puri diskutierte mit ihren Freunden, die offensichtlich nicht alle einer Meinung waren, ob man nach Hause gehen solle, oder nicht.

„Gehst du nicht nach Hause?“, fragte Louis Hanna.

„Nee, ich geh immer erst, wenn die Party vorbei ist,“ klärte sie ihn auf.

Er sah auf seine Uhr. Mittlerweile war es schon fünf Uhr früh und es wurde hell. Er sah sich um, hier und da standen zwar noch einige Grüppchen, vereinzelte Leute, die einfach kein Ende fanden und partout nicht nach Hause wollten. Aber eine Party war das beim besten Willen nicht mehr.

„Ich glaube, die Party ist jetzt vorbei,“ sagte er schließlich wieder an Hanna gewandt.

„Nein, nein, das geht gleich wieder weiter!“, entgegnete Hanna voller Überzeugung.

Louis runzelte ungläubig die Stirn und sah sie besorgt an. „Kann doch nicht ihr Ernst sein, so betrunken ist die doch gar nicht,“ dachte er.

„Hanna, schau dich doch mal um. Hier ist fast kein Mensch mehr. Es ist schon nach fünf!“

„Ich weiß, aber die kommen ja gleich wieder.“

Louis kniff die Augen zusammen und sah Hanna eindringlich an. „Ob die sich was eingeworfen hat?“

„Was ist?“, fragte Hanna frech, als sie bemerkte, dass er sie komisch von der Seite ansah. Sie machte sich einen Spaß daraus, dass er keinen blassen Dunst hatte, wie es hier weiterging. Sie erinnerte sich, dass es bei ihr letztes Jahr so ähnlich war, als Puri nicht nach Hause wollte, während sie sich hundemüde nach ihrem Bett sehnte. Aber die Müdigkeit hatte sich rasch verflüchtigt und so würde es gleich auch wieder sein.

„Süße, ich bin mir sicher, dass hier heute nichts mehr geht. Komm, ich bring dich nach Hause.“ Louis erhob sich, stellte sich vor Hanna und startete einen neuen Versuch, Hanna zum Aufbruch zu bewegen, indem er ihr seine Hand reichte, doch Hanna rührte sich nicht.

„Das ist sicher deine erste Fiesta del Carmen, oder?“, fragte sie stattdessen.

„Ja, schon, aber…“

Sie unterbrach ihn: „Siehste! Dann kannst du das natürlich auch nicht wissen.“

„Die scheint mir ein bisschen verwirrt“, dachte er und überlegte, ob er sich ernsthafte Sorgen machen müsste. Dann sah er sich erneut um und hielt Ausschau nach einem Taxi. Dabei bemerkte er, dass sie Puri und ihre Truppe inzwischen auch aus den Augen verloren hatten. Seufzend setzte er sich wieder neben Hanna. Er fühlte sich ihr gegenüber irgendwie verantwortlich, oder zumindest hatte er kein gutes Gefühl, sie hier alleine zurückzulassen. Noch dazu in einem ganz offensichtlich etwas verwirrten Geisteszustand. Er sah sie noch einmal besorgt an, während sie ihn so bezaubernd anlächelte, dass er ihren Geisteszustand ganz kurz vergaß.

Nur einige Sekunden später hörten sie aus der Ferne Musik. Es klang irgendwie schräg. Und nach Blasmusik. Nach schräger Blasmusik, die immer näherkam.

„Da! Hörst du sie?“ Hanna schaute Louis mit großen, leuchtenden Augen an. Der traute seinen Ohren nicht und sah sich suchend um. Er entdeckte einen Musiker mit einer Posaune in einer der kleinen Seitenstraßen, von denen die Plaza ringsum umgeben war. Aus einer anderen Straße kam ein Trompeter und aus der gegenüberliegenden Seitenstraße sogar ein Schlagzeuger gefolgt von einer Klarinettistin.

„Das gibt´s doch nicht!“ Jetzt traute Louis auch seinen Augen nicht und schaute ungläubig zu Hanna, die bereits aufgesprungen war und ihn anlachte. „Oder auslachte,“ überlegte er.

Sie setzte sich mit einem Hüftschwung im Takt der Musik in Bewegung, die sich mittlerweile gar nicht mehr so schräg anhörte, sondern einen packenden Latinorhythmus draufhatte. Es kamen immer mehr Musiker, bis sich ein richtiger Fanfarenzug auf der Plaza gebildet hatte.

„Kommst du mit?“ Hanna hielt Louis ihre Hand hin. „Wohin denn?“ Er verstand zwar immer noch nicht so richtig, was los war, nahm aber gerne Hannas Hand und ließ sich von ihr mitreißen.

Als sich der Fanfarenzug in Bewegung setzte, hatten sich schon wieder so viele junge Menschen auf der Plaza eingefunden, dass Louis zurecht fragte: „Wo kommen die denn alle auf einmal her?“

Er sah auf seine Uhr, die kurz vor sechs Uhr anzeigte und schüttelte den Kopf. So ein Lärm um die Uhrzeit, mitten in der Woche!

„Sag ich doch, es geht noch weiter.“ Hanna reihte sich in die kleine Menschenmenge ein, die tanzend der Musikkapelle folgte und die Straße entlang marschierte. La Marcha nannten das die Latinos, zu denen sich die Canarios auch zählten.

„Woher wusstest du das denn?“, fragte Louis Hanna, die sich immer noch über Louis‘ Fassungslosigkeit zu amüsieren schien. Sie tat so, als wäre es das Normalste von der Welt, in aller Herrgottsfrühe mit einem Höllenlärm durch die Straßen zu ziehen.

„Die Fiesta del Carmen hat zwar gestern Abend begonnen, aber hiermit wird sozusagen der „Haupttag“ der Feierlichkeiten eröffnet. Wir gehen jetzt die Straße hoch, oben rum, die andere Straße hinten wieder runter, die am alten Fischerhafen endet.“, erklärte sie.

Als der Umzug auf einer der schmalen Geschäftsstraßen angekommen war, die von Häusern dicht umsäumt war, fingen die Leute an zu rufen: „Agua, aguita – la gente está sequita!“(Wasser, Wässerchen – die Leute sind zu trocken!) Auch Hanna stimmte in den Sprechchor mit ein und rief nach Wasser.

Gerade als Louis sie fragen wollte, was das zu bedeuten habe, wurde auch schon der erste Eimer Wasser von oben auf die Menschenmenge herabgegossen. Diese kreischte vor Vergnügen. Auch Hanna hatte sichtlich Spaß daran, die Menschen mit lauter Musik und Sprechchören wie auf einer Demonstration an ihre Fenster zu locken und sich mit Wasser übergießen zu lassen. Je weiter der traditionelle Straßenumzug marschierte und laut nach ihrem „Agua, aguita“ rief, desto mehr Menschen öffneten ihre Türen und Fenster in den oberen Stockwerken, um Eimerweise frisches Wasser auf die grölende Menschenmenge herabzuschütten.

„Es dreht sich irgendwie alles um Wasser und dass die Leute nicht trocken sein wollen,“ klärte Hanna ihren Mitläufer weiter auf. „So gegen zehn Uhr wird nach einer Messe die Madonnenstatue aus der Kirche auf ein ganz besonders schön geschmücktes Fischerboot gebracht und hinaus aufs Meer gefahren. In einer Prozession folgen die restlichen Fischerboote und geschmückten Schiffe dem Boot der Virgen. Dabei versuchen die Leute immer wieder, irgendwie die Schutzheilige in deren Boot zu berühren. Natürlich fällt der ein oder andere bei der Aktion ins Wasser und manche springen einfach aus Spaß hinterher! Ist jedenfalls `ne Riesengaudi.“

Nach einer gewissen Eingewöhnungszeit fand auch Louis Gefallen an dem feucht-fröhlichen Szenario und freute sich mit Hanna, die ihn mit ihrer ausgelassenen Laune angesteckt hatte. Eigentlich fand er es ziemlich erstaunlich, dass es ihr überhaupt nichts ausmachte, klatschnass und völlig derangiert durch die Gegend zu ziehen. Sie sah vielleicht nicht mehr ganz so hübsch aus wie sonst, hatte aber kein bisschen ihrer charismatischen Ausstrahlung verloren und irgendwie fand er sie auf einmal so faszinierend, dass er sie spontan küssen musste. Erleichtert, dass sie doch nicht geisteskrank oder auf einem schlechten Tripp war, zog Louis lachend mit Hanna, Hand in Hand, weiter die Straße hoch und wieder runter.

„Und, jetzt?“, fragte er, als sie an dem kleinen, idyllischen Fischerhafen angekommen waren.

„Gleich acht Uhr,“ stellte Hanna fest. „Ich muss in einer Stunde arbeiten.“

„Wie jetzt?“ Er sah sie von oben bis unten an, „So?“

„Naja, eine Stunde hab‘ ich ja noch ... bringst du mich nach Hause?“

Gesagt getan! Und natürlich kam´s wie´s kommen musste. Louis war in Hannas Bett eingeschlafen, während diese in Rekordgeschwindigkeit duschte und ihren ersten Arbeitstag als Assistentin des Regionalleiters antrat.

Keine Minute vor neun rauschte Hanna mit Schwung durch die Eingangstür des Regionalbüros, in dem sich erst zwei Mitarbeiter befanden. Eine davon war Steffi, die sie bereits in der vergangenen Woche kennengelernt hatte, als sie ihren Arbeitsvertrag unterzeichnet hatte. Steffi brühte gerade frischen Kaffee auf, wie sich das morgens früh als erstes gehörte. Dabei unterhielt sie sich mit ihrem spanischen Kollegen, der es mit der Arbeit wohl auch gern langsam angehen ließ. Hanna stellte fest, dass Steffis spanisch mehr schlecht als recht war, doch das schien den Kollegen nicht im Geringsten zu stören.

„Als Sympathieträger verzeiht einem eben jeder alles,“ dachte Hanna, bevor sie die beiden mit einem freundlichen „Buenos Dias“ begrüßte. Sie mochte Steffi auf Anhieb und war froh, sie als erstes zu sehen. Steffi kümmerte sich sofort um die neue Assistentin, die von allen schon neugierig erwartet wurde. Die Tatsache, dass man sie zwar freudig, aber auch mit einer gewissen Erwartung begrüßte, machte Hanna plötzlich doch ein winziges bisschen nervös. Als Steffi ihr dann ihren neuen Arbeitsplatz zeigte, fühlte sie sich sogar ziemlich unbehaglich, so ganz alleine in ihrem eigenen, stillen Büro. Sie sehnte sich nach Kollegen, mit denen sie sich unterhalten konnte. Die Aufregung legte sich schnell wieder, als Steffi sie im Büro herumführte, um sie allen vorzustellen und sich dabei herausstellte, dass sie nicht die Einzige war, die von der Fiesta direkt zur Arbeit ging. Hanna erntete dafür reichlich Anerkennung und wurde sofort Steffis Vorbild.

„Heißt das, du hast überhaupt kein Auge zugemacht?“, wollte sie von Hanna wissen.

„Könnte man so sagen.“

„Und dann stehst du hier frisch und fröhlich und siehst auch noch aus wie das blühende Leben!“

Steffi war noch nicht lange auf der Insel und erzählte Hanna, dass sie durch irgendwelche Beziehungen von Deutschland aus an diesen Bürojob gekommen war. Außerhalb des Büros kannte sie kaum jemanden und sie freute sich, in Hanna eine Gleichgesinnte zu finden. Die beiden verstanden sich sofort und gingen in ihrer Freizeit gerne gemeinsamen Interessen nach. Diese bestanden hauptsächlich darin, die tägliche Siesta am Strand oder Pool zu verbringen und abends auf Partys zu gehen. Egal wann und wo, es wurde keine Gelegenheit ausgelassen. Außerdem zeigte Hanna Steffi die Ferienresorts auf der Insel, deren Einrichtungen sie jederzeit nutzen konnten und von denen es demnächst eine Neueröffnung geben sollte.

Louis traf sie währenddessen nie. Sie hatte ihn seit der legendären Fiesta gar nicht mehr gesehen. Als sie an ihrem ersten Arbeitstag in der Mittagspause in ihr Appartement kam, fand sie dort eine Nachricht:

Danke für die außergewöhnliche Nacht,

Louis

Und obwohl er ihr diese Nachricht mit ihrem schwarzen Kajal auf ein paar Blätter Klopapier gekritzelt hatte, hatte das doch irgendwie Stil, fand Hanna, und fand es inzwischen irgendwie schade, dass sie gar nichts mehr von ihm hörte.

Hanna hatte Steffi auch von den allabendlichen Vorstellungen im Theater des Clubs berichtet und dass einige der Mitarbeiter richtig Talent hatten, während sich andere dabei hin und wieder ordentlich blamierten. Steffi war der Meinung, dass das doch mal eine ganz amüsante Abwechslung sein könnte und wollte sich gerne davon überzeugen. Als sie sich an der Rezeption von Hannas altem Arbeitsplatz anmelden wollten, trafen sie auf Hannas ehemalige Kollegin Burgel. Burgel konnte Hanna schon während ihrer Zeit im Club nicht leiden, sie und Marie waren ihr immer ein Dorn im Auge gewesen. Im Gegensatz zu den beiden war Burgel schon immer ganz versessen darauf, Kariere zu machen und war dafür bereit, jedes Opfer zu bringen. Und trotzdem wurden diese beiden „albernen Gänse“, wie sie sie nannte, bevorzugt und erfreuten sich großer Beliebtheit. Das konnte Burgel gar nicht verschmerzen, sie war es gewohnt, gegen jeden zu intrigieren, der ihr im Weg stand. Einmal hatte sie eine neue Kollegin, so lange vor den anderen blamiert, indem sie ihr Fehler untergeschoben hatte, die sie in Wirklichkeit nie gemacht hatte, dass die Arme nach nur zwei Wochen wieder gekündigt hatte und abgereist war. Und das nur, weil sie Burgels Meinung nach viel zu gut aussah, um auch noch intelligent zu sein. Dabei trieb Burgel es mit ihrem Mobbing nie so weit, dass man ihr irgendetwas hätte nachweisen können, sie war wirklich überaus raffiniert und hinterlistig. Nur bei Hanna und Marie hatte es nie geklappt. Und dann hatte sie auch noch dabei zusehen müssen, wie Hanna diesen Superjob ergatterte, ohne sich dafür groß anzustrengen. Burgel gönnte Hanna die Assistenz bei Manolo nicht und hasste sie dafür. Zu allem Überfluss hatte sie sich vor einiger Zeit auch noch an den Clubdirektor rangemacht! Burgel hatte die beiden von ihrer Wohnung aus morgens in aller Herrgottsfrühe durch die Straßen ziehen sehen und seitdem überlegt, wie sie dieses Wissen gegen Hanna verwenden könnte. „Das wäre ja noch schöner, wenn sie sich den jetzt auch noch angelt. Was für ein Glück, dass ich im richtigen Moment hier vorbeikomme!“, dachte sie gehässig. „Na warte, Fräulein!“ Sie schaute von oben herab aus dem Fenster, als Hanna und Steffi an der Pforte klingelten und schob nur widerwillig das Fenster zur Seite, um die beiden so schnell wie möglich abzuwimmeln.

„N‘abend!“

„Hallo Burgel, machst du uns auf?“, fragte Hanna so freundlich wie möglich, die Antipathie beruhte natürlich auf Gegenseitigkeit und Hanna konnte es nie gut verbergen, wenn sie jemanden nicht mochte.

„Bist du denn bei der Direktion angemeldet?“

„Nein.“

„Dann kann ich euch leider nicht reinlassen!“ Burgels ehrliche Schadenfreude übertraf das künstliche Mitleid um einiges.

„Was?“ Hanna traute ihren Ohren nicht. So was hat es doch noch nie gegeben.

„Tja, so ist die Regel. Weißt ja, wie das ist!“ Mit diesen Worten schob Burgel mit einem schadenfrohen Grinsen im Gesicht das Fenster wieder zu und wandte sich von den beiden Besucherinnen ab.

In dem Moment kam Puri aus dem Backoffice und erkannte Hanna durch das Seitenfenster. Sie fragte Burgel, was los sei und bekam ein schnippisches: „Ohne Anmeldung wird hier keiner mehr reingelassen“, zur Antwort.

„Seit wann isse so?“, fragte Puri verdutzt.

„Anweisung von oben!“

„Aber Anna isse eine Kollega!“

„Es gibt keine Ausnahmen!“, Burgel sagte das in einem Ton, der keinen Widerspruch duldete und Puri kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie sich besser auf keine Diskussion mit ihr einlassen sollte. Burgel dampfte ab und Puri gab Hanna zu verstehen, dass sie ihr das große Tor an der Seite öffnen würde, wo es niemand sehen konnte.

Steffi hatte dem kleinen Schauspiel sprachlos zugesehen und musterte die korpulente Wichtigtuerin von hinten, was nicht sehr schön aussah. Burgels sommersprossiges Gesicht mit den Pausbacken fand Steffi schon nicht sehr schön, aber ihre Breitseite mit den klobigen, unförmigen Beinen war fast noch schlimmer.

„Was ist das denn für eine?“ Entsetzt sah Steffi zu Hanna, die nur die Augen verdrehte und den Kopf schüttelte.

„Das war Burgel, die Club-Bratze!“, erklärte Hanna spöttisch.

„Bratze trifft´s gut,“ fand auch Steffi.

„Nicht zu glauben, dass Tom so eine Antipatica geheiratet hat,“ entgegnete Hanna.

„Das war Toms Frau? Unser Sales Manager Tom? Der ist doch eigentlich total nett.“

„Ist er auch. Weiß der Teufel, wie der arme Schmock an so ein Biest geraten ist!“ In dem Moment verstand Hanna Puris Handzeichen und zog Steffi mit sich zum Seiteneingang.

Nach der Show wartete Puri bereits mit einer Überraschung an der Bar.

„Hola, mi amor!“ Sie begrüßte ihre Freundin Hanna und wedelte auffällig mit ihrer linken Hand vor deren Nase herum.

„Que te passa?“, fragte Hanna, „Seit wann hast du im Sonntagabend-Spätdienst so gute Laune?“

„Mira!“ Puri zeigte ihr nun ganz deutlich ihren linken Ringfinger, an dem ein zierlicher Ring mit einem klitzekleinen Glitzersteinchen funkelte.

„La leche!“ Hanna stieß einen kurzen, aber lauten Freudenschrei aus, als sie Puris Verlobungsring sah. „Du bist verlobt!“

„Si!“, Puri platzte fast vor Stolz und Freude und fiel Hanna um den Hals.

„Und deine Eltern?“ Hanna wusste, dass Puris Eltern mit der Wahl ihres „Novio“, der seines Zeichens Kellner war und aus dem Baskenland stammte, nicht so richtig einverstanden waren. Man wusste nicht, was von beidem Puris kanarische Eltern schlimmer fanden, einen baskischen Jungen namens Iñaki oder die Tatsache, dass sie ihre Tochter ihr ganzes restliches Leben lang finanziell unterstützen mussten, weil sie „nur“ einen Kellner ehelichte.

„Todo bien!“ Puris kastanienbraune Augen glänzten vor Glück und Hanna umarmte sie erneut, so freute sie sich mit ihr.

Steffi beobachtete die beiden und war der Meinung, dass sie noch nie jemanden gesehen hatte, der sich für einen anderen so freuen konnte wie Hanna. Dann bemerkte sie, dass die beiden für allgemeine Aufmerksamkeit sorgten, weil sie die übliche spanische Lautstärke noch übertrafen. Das rief natürlich auch den Clubdirektor auf den Plan, der Hanna sofort neben Puri erkannte und sie freudenstrahlend begrüßte.

„Hallo Hanna, wie schön dich auch mal wieder zu sehen.“