Halbnah - Anna Maria Stadler - E-Book

Halbnah E-Book

Anna Maria Stadler

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Beschreibung

Drei Frauen gehen aus unterschiedlichen Gründen nicht nach Hause, jede streift für sich durch die Stadt, bevor der Tag vorbei ist. Für Kata ist sie voller Erinnerungen, die sie vermeidet. Als Kind, wenn die Mutter wohnungslos war, hat sie viel Zeit draußen verbracht. Jetzt, im Gehen, fällt ihr auf, dass der öffentliche Raum manche Menschen ausschließt. Katas Kindheit war anders als die von Mira, ihrer Pflegeschwester, bei der sie auch heute noch unterkommt, wenn sie zu Besuch hier ist. Mira verbringt immer weniger Zeit in ihrer Wohnung, sie ist ihr nicht durchlässig genug. Auf ihrem Streifzug denkt sie über Formen der Gemeinschaftlichkeit nach, in Nischen der Stadt, bevor sie selbst in eine solche stolpert. Sarah wiederum bewegt sich an den Rändern, aus der Stadt und ihrem Leben hinaus. Sie hat gerade ihre Sachen in einen stillgelegten Trakt eines Krankenhauses übersiedelt. Anders als Elias, mit dem sie nur noch die gemeinsame Wohnung verbindet, weiß sie, dass dies auch ein Abschied ist. Dieses Buch lotet einen Raum aus, in dem sich Begegnung und Ausweichen, Fragilität und Widerständigkeit, Begehren und Verweigern verdichten. Es ist aufregend behutsam, zugleich tastend und sicher, erzählt. 

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Seitenzahl: 158

Veröffentlichungsjahr: 2024

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HALBNAH

© 2024 Jung und Jung, Salzburg

Alle Rechte, einschließlich der Vervielfältigung, Veröffentlichung,

Bearbeitung und Übersetzung, bleiben vorbehalten

Umschlagbild: Voices of flowers © Yoshinori Mizutani

Umschlaggestaltung: BoutiqueBrutal.com

ISBN 978-3-99027-310-4

ANNA MARIA STADLER

Halbnah

Roman

1002.

Ein Erdhaufen, oben hell gefärbt, dahinter die Fläche des Teiches, auf der die Vögel stillhalten. Am Rand, wo sich das Wasser grün färbt, beginnt ein Vogel zu sinken. Es stört ihn nicht, in seinem Schlaf.

1003.

Die Wohnung erscheint Kata verändert, als sie diese ohne Mira betritt. Sie zieht die Tür hinter sich zu. Mira hat ihr den Schlüssel an derselben Stelle hinterlegt, an der sie ihn immer hinterlegt, oder an der er vielleicht ohnehin die ganze Zeit über liegt. Über den Fenstern ein Schleier, als hätte Mira diese seit ihrem Einzug noch nicht geputzt. Ein Geruch nach Verbranntem zieht durchs offene Fenster herein. Es schließt nicht mehr ganz, es lässt sich nur zudrücken, aber auch sonst wäre der Geruch nicht draußen zu halten. Vor dem Fenster setzt das Vordach aus Blech an. Davor ein Baum mit wattigen Kugeln. Die Äste des Baumes bewegen sich und setzen wiederum den Wind in Bewegung. So hat Kata es sich als Kind erklärt. Nichts hat sie seither anderes annehmen lassen.

1004.

Sie haben einander länger nicht gesehen, das heißt, seltener in letzter Zeit. Obwohl Mira Sarah schon länger kennt als die meisten, hat sich zwischen ihnen niemals dieselbe Nähe wie mit anderen eingestellt, außer dann, wenn eine von ihnen oder sie beide betrunken waren. Obwohl Sarah und sie die gleichen Texte gelesen haben, die in ihnen ähnliche Vorstellungen von der Welt und dem Zusammenleben darin zurückließen, obwohl sie gemeinsame Bekannte haben und Erinnerungen teilen, obwohl sie gerne in dieselben Lokale gehen, an dieselben Orte reisen und sich ähnlich anziehen, liegt einiges zwischen ihnen.

Ein moosiges Kanu im Gebüsch, dahinter Bambus, hoch wuchernd. Eine Brache, inmitten der Stadt. Ziegen, Rinder und Enten laufen durcheinander. Eine Landschaft in blassen Farben: helles Grün, Blau, Grau. Hinter dem Zaun zwei Gänse, schwarzgefleckt, mit dicken Bäuchen, ziehen sie die Würmer aus der Erde. Von ihren Bewegungen aufgescheucht, beginnen die Gänse sich Mira und Sarah zu nähern. Zuerst zwei, dann taucht ein ganzer Schwarm aus dem Gebüsch auf, der an den Zaun heranrückt. Sie strecken ihre Schnäbel in den Himmel, rufen ihnen entgegen. Als die erste mit einem Flattern andeutet, den Zaun überwinden zu wollen, weichen die beiden zurück und gehen an der Weide mit den Rindern entlang, die sich aneinander wärmen. Glänzendes Fell. Ob sich Sarah an den Abend erinnert, als Mira zu spät in das Lokal kam, wo sie schon mit anderen saß? Es gab etwas zu feiern. Was, weiß Mira nicht mehr, vielleicht Sarahs Geburtstag. Mira gab sich Mühe aufzuholen, was die anderen ihr schon voraushatten. Am meisten hatte Sarah getrunken. Sie war ausgelassen wie selten, als Mira sie umarmte. Wie froh sie über ihre Freundschaft sei, sagte Sarah dabei. Elias stand neben Sarah, mit dem Arm um ihre Schulter, und war über die ungewohnte Rührseligkeit in Sarahs Stimme nicht weniger erstaunt.

Als Mira sie heute in ihrer Wohnung abholte, musste Sarah ihre Sachen erst zusammensuchen. Mira saß am Küchentisch, während Sarah und Elias um sie herumräumten. Sie war in die Eigengesetzlichkeit einer Beziehung eingedrungen, die sich im gemeinsamen Wohnraum verstärkt. Ob sie sie kurz allein lassen können? Mira nickte artig und blätterte in dem Theatermagazin, das auf der Anrichte lag, während sie so tat, als fühle sie sich wie zu Hause. Die beiden verschwanden im Arbeitszimmer und zogen die Tür zu. Mira hörte sie auf eine Art miteinander sprechen, mit Stimmen, die anders klangen als jene, die sie gerade vor ihr in der Küche gebraucht hatten. Beim Verlassen der Wohnung zog Sarah eine Schwimmbrille aus einer Lade. Weil sie nachher noch schwimmen gehen wolle, sagte sie zu Mira. Ich wusste nicht, dass du schwimmst.

1005.

Sarah hat das Längenschwimmen für sich entdeckt. Nicht des Schwimmens wegen, das sie nicht interessiert. Sie bekommt davon Rückenschmerzen und merkt die Ungeduld der anderen, wenn sie deren Bahnen mit ihren gemächlichen Bewegungen kreuzt. Aber des Abendlichts wegen, das auf den orange gestrichenen Umkleidekabinen liegt, und wegen der Lichtspiele im Chlorwasser, durch das die Schwimmenden mit ihren gutsitzenden Badeanzügen und den enganliegenden Hauben, mit den Brillen, die sie wie übergroße Insekten aussehen lassen, pflügen.

Sie sieht den Kindern am Sprungbrett zu und weicht ihren Sprüngen aus. Sie hängt am Beckenrand, mit den Ellenbogen auf den warmen Fliesen, überblickt dabei die Wasseroberfläche. Sie mag die aufgeheizten Liegeflächen aus rauem Stein. Die alten Duschkabinen mit den kleinen Kacheln. Sie hat es sich zur Gewohnheit gemacht, immer wieder eine gewisse Zeit im Wasser zu verbringen. Manchmal imitiert sie die anderen im Becken und schwimmt ein paar Längen, manchmal treibt sie bloß im Wasser. Sie löst sich dann so lange aus den Zusammenhängen.

1006.

Mira hat sich an der Brücke von Sarah verabschiedet und ihr zugesehen, wie sie in Richtung Schwimmbad davongegangen und hinter dem Hügel verschwunden ist, der ihr jetzt die Sicht verstellt. Der Hügel, von dem es einem entgegenbröckelt, wenn man versucht, das abgeflachte Plateau oben zu erreichen. Mira stellt sich Sarah in der Mitte des Beckens vor, zu allen Seiten hin Wasser, so wie der Hügel einmal zu allen Seiten hin von Sumpf umgeben war. Es sind noch die Rückstände zu sehen, ein seichter Teich zwischen dem Geäst, von Gebüsch umsäumt. Sie stellt sich einen Sumpf wie diesen vor, der sich um die Stadt herum ausdehnt. Ein Sumpf, in dem die Pferde stecken blieben und wo man bei schlechtem Wetter bis zur Hüfte einsank. Mira hat gehört, dass Wege durch den Sumpf angelegt wurden, indem man Äste im Moorboden ineinander verkeilte, sodass ein verdichteter Pfad auf dem losen Untergrund entstand, der an trockenen Tagen Einzelne trug.

Mira geht am Kanal entlang, das Wasser fließt in einer betonierten Form. Wasser, das aus den Mooren in die Stadt gepumpt wurde, kam früher gelb aus den Leitungen. Es sei ein ständiges Ärgernis gewesen, ist ihr gesagt worden, dass in einer Stadt mit einer derart feuchten Umgebung kein sauberes Trinkwasser in die Häuser zu bekommen war. Selbst die Stadthügel gaben kaum Wasser ab, ihr Gestein ist durchlässig. Mira sieht ein dünnes Rinnsal am Felsen herunterrinnen. Felsen aus Plastilin, von großen Fäusten eingedrückt.

Früher reichte der Sumpf vom Inneren der Stadt bis zum Berg. Er schloss die niedrigen Hügel ein, die an verschiedenen Stellen aus ihm aufragten. Wege wie diese, auf denen Mira unterwegs ist, verliefen an den Hügeln entlang, wo der Boden durch die herabfallenden Steine befestigt war, sodass man andererseits der Gefahr von Steinschlag ausgesetzt war. Und dann gab es hier auch andere Steine, Rückstände einer römischen Befestigung, die in dem weichen Boden gefunden wurden. In dem Sumpffeld wird eine frühere Römerstadt vermutet, außerhalb der Grenzen der heutigen Stadt.

Mira räumt lose Steine aus der Felswand in ihren Rucksack, sie wählt die kleineren, die Moos ansetzen. Daneben liegen vereinzelt größere Brocken. Felsstürze, wie sie in dieser Stadt manchmal vorkommen, die Gebäude eindrücken oder in der Größe eines Hauses in Gärten liegen bleiben und wie kleinere Steine aussehen, aus dem Verhältnis geraten.

1007.

Kata sieht eine Fläche im gegenüberliegenden Gebäude, hellblau. Ein Vorhang vielleicht. Schatten, die vorbeiziehen. Menschen vielleicht. Dampf, der aufsteigt. Rauch vielleicht. Das Wohnviertel, in dem Miras Wohnung liegt, grenzt an ein Industriegebiet. Vom Fenster aus sieht sie aufgeschichtete Betonringe. Davor verbogene Stahlgitter und ein fast rechteckiges Feld aus hohen Gräsern, eine Stadtbrache, die verlassen daliegt. Ähnlich dem Gelände, auf dem Mira und sie als Kinder gespielt haben. Sperrmüll, Steinhaufen und Erde türmten sich dort, geschichtetes Holz. Eine Lagerfläche, auf der sie abends manchmal spielten, wenn der Betrieb daneben schon geschlossen hatte. Sie überformten das Abgelagerte mit ihren Geschichten, indem es in ihrer Vorstellung zu Balkonen, Schiffen oder Behausungen wurde. Dazwischen zwei rostige Nägel, die aus einem der herumliegenden Bretter ragten. Kata erinnert sich, wie Mira auf das Brett stieg und das Brett an ihr hängen blieb, wie sie mit dem Brett am Fuß zu ihren Eltern lief, die ihr die rostigen Nägel wieder herauszogen.

1008.

Es sind nur wenige unterwegs, fällt Mira auf, und da es nur wenige sind, fällt jeder Einzelne mehr auf. Auf jedem Blick im Vorbeigehen lastet mehr Gewicht. Die Gesichter derjenigen, die ihr entgegenkommen, erzählen von Ungelegenheiten. Eine Verspätung, ein Fahrrad, das im Weg steht, eine unauffindbare Adresse. Kleine Unzufriedenheiten, eine leichte Gereiztheit eingeschrieben in die Stirnhaut. Die meisten, die jetzt noch unterwegs sind, scheinen ungeduldig an den Abend zu denken. Zufällige Gespräche werden kurzgehalten, Treffen auf unbestimmte Zeit verschoben. Es treten nur wenige aus den Türen der Häuser, aber einige verschwinden dahinter.

Die Müdigkeit, die heute Früh, als Mira am Fenster saß, so schwer gewogen hat, spürt sie jetzt fast nicht mehr. Sie schob einen geschmacklosen Fetzen Orange in ihrem Mund herum und schaute, in eine Decke gewickelt, auf die Menschen, die in Erledigungen verstrickt waren, die von einem Ort kamen oder auf einen zusteuerten, in Kleidung, die ein Sonntagsgewand gewesen wäre, würde es Sonntage noch geben.

Sie ist im Kopf alle Gesichter durchgegangen, von den Menschen, denen sie in den letzten Wochen begegnet ist, und von allen, denen sie häufig begegnet. Sie hat an die vielen Gelegenheiten gedacht, die sie in den letzten Wochen verpasst hat, eines dieser Gesichter weicher zu machen. Sie denkt an ihr eigenes Gesicht und die rauen Stellen darin.

Die Abende werden kürzer, es wird bald dunkel werden. Lampen stehen in den Fenstern und werden dort die ganze Nacht brennen, menschenleere Wohnungen erleuchten, sodass die auf den Straßen nicht auf den Gedanken kommen, dass sie allein hier sind. Und auch die Wenigen, die in diesen Straßen leben, verbergen sich voreinander in ihren Wohnungen, vermutet Mira, während sie vom Gehsteig zu den zugezogenen Vorhängen hinaufsieht. Hätten wir uns nicht hier draußen, in den Cafés und auf den Plätzen, hätten wir uns nicht hier am Fluss treffen sollen? Eine Zimmerpflanze drückt sich gegen ein Fenster, Mira sieht ihre Blätter an der Scheibe, auf der sich die Feuchtigkeit des Innenraums sammelt. Das blaue Licht des Fernsehers zuckt dahinter. Ihr fällt ein, wie sie als Kinder viele Stunden vor dem Fernseher gesessen sind, weil etwas Beruhigendes von diesem Apparat ausging. Wie sich ihnen die Welt darin laut anbot, während sich die Welt draußen leise zurückzog.

Dabei lässt sich nicht aussperren, was gleichzeitig geschieht. Auf den Fernsehbildschirmen in den Erdgeschosswohnungen sieht sie Bilder aus anderen Städten. Raketen, die einschlagen. Raketen, die abgewehrt werden. Autos, die ohne Passagiere in den Straßen stehen. Die Türen geöffnet, die Warnlichter blinkend. Menschenleere Straßen und Straßen, durch die Menschen zusammengedrängt rennen. Sie sieht Rauch aufsteigen. Fahnen schwenken. Uniformierte Menschen. Menschen mit Gewehren an den Seiten. Menschen, die auf Bahren gehoben werden. Körper, in Tücher gehüllt.

Mira fällt der Traum von letzter Nacht ein. Eine Frau hatte sich in ihrem Bad eingesperrt, Mira hörte ihr Schreien. Bis sie die Tür aufbekam, hatte die Frau sich beide Arme und Beine abgetrennt und im Waschbecken zusammengelegt, wo sie sich zu einem blutleeren Gebilde in Hauttönen verbanden.

1009.

Ein verpasster Anruf von ihrer Tante, die Kata erst ein Mal gesehen hat. Schon der zweite heute. Sie ruft zurück, während sie die Schränke in Miras Küche öffnet. Ein halbleeres Glas Erdnussbutter, Reis, mehrere Dosen Erbsen. Sie hört die Stimme ihrer Tante, laut an ihrem Ohr. Die Tante spricht schnell. Ihre Mutter, die Kata gestern zu einem Busbahnhof begleitet hat und die ihre Tante heute von einem anderen Busbahnhof hätte abholen sollen, ist nicht aus dem Bus gestiegen. Also ist sie in dem Bus sitzen geblieben, fragt Kata irritiert nach. Nein, nein, sie ist gar nicht in dem Bus gewesen. Aber ich habe sie in den Bus steigen sehen, sagt Kata, hält in der Bewegung inne. Wenn ich es dir sage, sie ist nicht aus dem Bus gestiegen. Ich habe dort auf sie gewartet, habe allen Ankommenden ins Gesicht gesehen. Ihre Tante spricht so schnell, dass Kata sie kaum versteht. Sie muss mehrmals nachfragen, muss die Tante darum bitten, die Sätze zu wiederholen. Deine Mutter war nicht unter ihnen. Gut, gut, sagt Kata schließlich, ich rufe dich zurück, sobald ich, gut, danke dir.

Kata wählt die Nummer der Mutter, es piept ihr entgegen. Ruf mich an, sobald du das liest, tippt sie. Sie räumt ein paar Sachen aus ihrem Rucksack, kippt das Gewand auf Miras Schlafsofa aus, bevor sie die Wohnung verlässt.

Kann es sein, dass die Tante die Mutter nicht erkannt hat, und auch die Mutter die Tante nicht. Kann es sein, dass die Mutter wieder aus dem Bus gestiegen ist, bevor dieser losgefahren ist. Oder, das ist wahrscheinlicher, sie ist zu früh ausgestiegen. Sie stellt sich die Mutter an einem Feld vor, während der Bus davonfährt. Wie sie sich orientierungslos in alle Richtungen wendet. Die Mutter, die erst nach dem Aussteigen ihr Versehen bemerkt. Die nur weiß, dass sie mehrere Grenzen passiert hat, und sich nach einem Ortsschild umsieht. Aber es ist keines zu sehen, wie es an jeder Markierung fehlt, und die Mutter schaut sich um, richtungslos, versucht die Bilder von diesem Ort mit den Bildern in ihren Erinnerungen abzugleichen. Die Bewegung im unbekannten Gelände, ein langsames Vertrautmachen.

Die Orientierung in dieser Stadt, in der sie aufgewachsen ist, ist für Kata einfach. Sie geht einen Weg, den sie schon oft gegangen ist. Sie kennt die meisten Straßen und die kürzesten Wege, auch wenn sie in den letzten Jahren seltener hier war. Trotzdem trifft sie jedes Mal jemanden zufällig an einer Ampel und weiß nicht, ob schon so viel Zeit vergangen ist, dass ein Gruß reicht, oder ob sie stehenbleiben und ein paar Sätze wechseln soll.

Ihr fällt ein, dass sie nachschauen könnte, wann die Mutter zuletzt online war. Sie sucht in den verschiedenen Nachrichtendiensten nach einer Standortanzeige, die ihr zumindest die Gegend verraten könnte, in der die Mutter gerade unterwegs ist. Wenn die Mutter den Bus nach der Grenze zu ihrem Herkunftsland verlassen hat, ist sie jetzt in Gegenden, von denen Kata nur vermittelte Bilder kennt. Erst vor Kurzem hat sie die Mutter gefragt, warum sie nie mit ihr in ihre Heimat gefahren ist. Wie denn, sagte die Mutter. Ihre Familie habe lange nicht gewusst, dass es ein Kind gibt. Außerdem habe ich Angst gehabt, hier nicht mehr einreisen zu können. Erst seit ein paar Jahren fährt die Mutter manchmal nach Hause, sie fährt dann allein.

Nur einmal hat sie mit der Mutter das Land verlassen. Sie sind lange im Zug gefahren und in einem kleinen Ort ausgestiegen. Der Mutter haben die vielen Tiere in den Straßen gefallen. Tiere, ohne Behausung, sagte die Mutter und zeigte ihr einen Hund mit blutigem Ohr, dem ein Stück fehlte. Das Fell über der Wunde färbte sich grün. Nachts drückten sich die Tiere zum Schlafen in die Hauseingänge, als wären sie den Menschen, die darin lebten, zugehörig. Die Mutter strich einem der Streuner durch das Fell. Zog ihm die Kletten heraus und löste den Filz. Klopfte den Staub ab und sprach ein auf das Tier, mit zartem Tadel.

1010.

Wenn Mira zu viel Zeit drinnen verbringt, beginnt sie der Zustand des Badezimmers anzugehen. Sie merkt es daran, wie sie sich an den Spuren am Spiegel, an den staubigen Mustern am Badewannenrand, an dem verkalkten Wasserhahn und an den Staubgebilden auf den Fliesen stört. Sie versucht mit ein paar Handgriffen etwas gegen die Unordnung im Regal zu unternehmen. Wiederholungen, an denen sie nur wenig interessiert.

Der Gedanke an ihre Wohnung löst einen Unwillen in ihr aus, und sie entscheidet, dass es am besten wäre, noch nicht nach Hause zurückzukehren. Das Stiegenhaus ist ein Schluf, an manchen Tagen zu schmal für ihr Durchkommen. Sie fürchtet, einmal über lange Zeit dort festzuhängen. Oft trödelt sie im Stiegenhaus herum, bindet sich die Schuhe langsam zu, setzt sich auf die oberste Stufe, um ihre Nachrichten am Smartphone aufzurufen. Wenn sie über die Stiege hinuntergeht, tut sie es langsam und verlangsamt ihre Schritte noch mehr, je näher sie der Tür kommt. Wäre es bequemer in ihrer Wohnung, sie würde im Stiegenhaus kehrtmachen.

Dabei fühlt sich die Stadt an Abenden wie diesen weich an und ihr gewogen. Die Mauern geben unter ihren Händen nach, wenn sie mit den Fingern über den Verputz streicht. Die Wärme, die jetzt noch über dem Asphalt hängt, trägt weiter als tagsüber. Nach den Stürmen der letzten Tage versperren Äste manche Wege. Mira hat den Sturm gestern von ihrer Wohnung aus beobachtet, hat gesehen, wie es Stühle über die Straße getragen und ein offenes Fenster im Haus gegenüber aus den Angeln gerissen, wie es eine durch die Straße laufende Frau nur knapp verfehlt hat. Mira hat sich ebenso darüber erschrocken wie die Frau, die sich nach dem zerborstenen Fensterrahmen und den Glassplittern in der Straße umgedreht hat. Dann erst hat Mira den anderen Fensterflügel bemerkt, der noch schief im Rahmen hing, und zitterte, als würde er jeden Moment aus der Fassung rutschen. Sie rief der Frau, als diese es schon selbst bemerkt hatte. Auch die nächsten, die unter dem Fenster durchgingen, warnte Mira, was nur dazu führte, dass diese an der ungünstigsten Stelle stehen blieben. Sie schauten auf die Scherben und den zerbrochenen Holzrahmen zu ihren Füßen und versuchten sich ein Bild zu machen. Achtung, da hängt noch eins, schrie Mira dann und sah das Fenster in ihrer Vorstellung auf den Kopf eines Vorbeigehenden fallen, wollte hinuntergehen, als schon einer vom Restaurant gegenüber die Stelle unterhalb des Fensters mit Stühlen aus seinem Gastgarten umbaute.

1011.

Von ihrer Mutter keine Antwort. Kata scrollt durch den Nachrichtenverlauf. Die letzte Nachricht vor vier Tagen. Sie blute inzwischen seit einigen Wochen, in ihrem Bett seien morgens Flecken, hat ihr die Mutter geschrieben. Warst du irgendwo, hat sie die Mutter gefragt. Sie habe erst im November einen Termin bekommen. Geh lieber ins Krankenhaus, hat ihr Kata geantwortet, dass es auf ein paar Wochen mehr nicht ankommt, hat die Mutter geschrieben. Irgendwann wird es von allein aufhören.

Kata sieht sich um. Der Bahnhof, wo sie vor einer Stunde aus dem Zug gestiegen ist, liegt nur eine Straße entfernt. Die Menschen vor den Lokalen tragen als Lorbeerkränze in Neonfarben leuchtende Ringe in ihren Haaren.

Kata holt sich ein eingedrehtes Ding aus einer Bäckerei. Weicher Schokoladenschaum auf dicht gepresstem Kokos. Die Hauswände hier reflektieren nichts, nehmen alles Licht auf. Sie bemerkt es, während sie in das Gebäck beißt, kehrt mit einer Handbewegung die Brösel von ihrer Jacke. Fliegende Ameisen landen in ihrem Kragen.

1012.