Haller 19 - Up, up and away: Ich will fliegen! -  - E-Book

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Beschreibung

»Up, up and away!« ist dem Ruf des frühen Superman aus den Comics von Geoff Johns, Kurt Busiek und Pete Woods (Bilder) entliehen, in denen sich Superman in die Lüfte erhebt, um Metropolis vor dem organisierten Verbrechen (und Lex Luthor) zu beschützen. Somit wurde mit der HALLER 19-Ausschreibung ein Pfad abgesteckt, dem wenige mit ihren eingesandten Texten und Bildern gefolgt sind. Der Ruf »Ich will fliegen!« eröffnete einen größeren Resonanzraum und das spiegelt sich auch in den hier versammelten Texten und Bildern: experimentelle Texte, klassische Kurzgeschichten, Science-Fiction, Weird Fiction, und tatsächlich hat es ein Superhelden-Text in diese Ausgabe geschafft. Auch die Bilder, Fotografien, Malereien, Aquarelle und digitalen Collagen begeistern in ihrer Unterschiedlichkeit hoffentlich viele von Ihnen!

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Seitenzahl: 173

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Corinna Griesbach (Hrsg.)

Up, up and away: Ich will fliegen!

Haller 19

Corinna Griesbach (Hrsg.)

UP, UP AND AWAY: ICH WILL FLIEGEN!

Haller 19

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

©dieser Ausgabe: Januar 2023

p.machinery Michael Haitel

Titelbild: Felix Andrej Roncea

Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda

Lektorat: Corinna Griesbach

Korrektorat: Michael Haitel

Herstellung: Schaltungsdienst Lange oHG, Berlin

Verlag: p.machinery Michael Haitel

Norderweg 31, 25887 Winnert

www.pmachinery.de

ISBN der Printversion: 978 3 95765 313 0

ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 793 0

Vorwort

HALLER 19 steht unter dem Motto Up, up and away! – Ich will fliegen!

»Up, up and away!« ist dem Ruf des frühen Superman aus den Comics von Geoff Johns, Kurt Busiek und Pete Woods (Bilder) entliehen, in denen sich Superman in die Lüfte erhebt, um Metropolis vor dem organisierten Verbrechen (und Lex Luthor) zu beschützen. Somit wurde mit der HALLER 19-Ausschreibung ein Pfad abgesteckt, dem wenige mit ihren eingesandten Texten und Bildern gefolgt sind.

Der Ruf »Ich will fliegen!« eröffnete einen größeren Resonanzraum und das spiegelt sich auch in den hier versammelten Texten und Bildern: experimentelle Texte, klassische Kurzgeschichten, Science-Fiction, Weird Fiction, und tatsächlich hat es ein Superhelden-Text in diese Ausgabe geschafft.

Auch die Bilder, Fotografien, Malereien, Aquarelle und digitalen Collagen begeistern in ihrer Unterschiedlichkeit hoffentlich viele von Ihnen!

Ich freue mich, dass ich zum ersten Mal alle Autorinnen und Autoren hier mit einem Interview vorstellen kann; die Interviews wurden nicht von Angesicht zu Angesicht, sondern per Mail geführt. Ich hoffe jedoch, dass dies durch die Lebendigkeit der Antworten wettgemacht wird.

Die Literaturzeitschrift HALLER ist seit 2021 auch auf Instagram zu finden (»literaturzeitschrifthaller«) und der Austausch dort hat zu einigen Einsendungen geführt – schön ist das!

Ganz viel Spaß beim Lesen und Schauen wünscht

die Herausgeberin

Corinna Griesbach

Anke Laufer: Das gefiederte Jahr

Mit Märzengänsehaut, Ehrfurcht und Schrecken hatte es begonnen, das Pochen eingesperrt im Rippenkäfig.

Es weitete sich zu himmelhochjauchzendem Schwindel. Ich lag wach, empfindlich hellwach, das Mondlicht reizte die rückwärtigen Hautzonen, die Flanken, die Krümmung des Halses. Und ja, selbst auf Bauch und Brüsten liegend, waren sie schwer zu ertragen, diese flüchtigen Nächte, ja, schwer auszuhalten, vor allem in der Frühe, die kurzen Stunden des Schlafs, diese Träume von Höhenangst und Fallwinden.

Der Hausarzt schickte mich zur Spezialistin, die sich Zeit nahm, wortlos die auf- und abströmenden Schauder betrachtete. Dann den Blick hob, ins Himmelblau, zu träumen schien. Vor dem Fenster sang eine Amsel. Ja, zu dösen schien die Ärztin auf einmal und mich zu vergessen. Oder zu grübeln, durch das allgemeine Infektionsgeschehen, vielleicht.

Wie auch immer. Frühstadium, murmelte die Allergologin am Ende, deutete aus dem Fenster, immer noch geistesabwesend, kritzelte ein Rezept und schickte mich fort. Es ist, wie es ist, dachte ich. Wenn auch zur Unzeit. Das wenigstens muss man doch beklagen dürfen?

Wie gut, dass es nur eine Salbe braucht. Keinen Luftschlauch und keine Atemholmaschine, sagte der Apotheker.

Und doch ließ es sich nicht aufhalten:

Längs der Arme, elf Tage später, begann das Frösteln sich in Stiften zu manifestieren. Follikel durchdrangen die oberste Schicht, stießen durch Sommersprossen und Hautfalten. In der dritten Woche schoben sich wachsende Schäfte aus den Blutkielen, brachen auf und entfalteten beiderseitige Fahnen, Äste, schimmernde Bogen- und Hakenstrahlen.

Nachts pflückte ich sie mir von der Haut, die neue Existenz, spürte das Ungeduldjucken, ganz so wie zur Kinderzeit im Blutgrund der Milchzähne, auch da half nur störrisches Lockern und Fingerzupfen und ein letzter Ruck. Sah zu, wie roter Saft aus den Wurzellöchern perlte. Flötete mir selbst und dem Mond ein Einschlaflied. Der Boden war mit traurigen Federn bedeckt, weiß und grau und rot wie Blut.

Vergebliches Aufbegehren, es ließ sich nicht umkehren, was unausweichlich war: das stete Nachschieben aus dem Fleisch, beharrlich wie das Kratzen des Kiels auf Papier.

Es war in Vogelgestalt, da ich den zerzausten König fand, ihn Verse schreiben sah an einem regenhellen Fluss, auf Bahnsteigen, auf der Schwelle eines Fundbüros. Wo ich hockte und im Kehricht nach verlorenen Würmern pickte, als sein Blick mich traf und ich fortflatterte, vom Rinnstein ins Gebüsch, vom Sims zum First. Nur fort von ihm, so wie ich war, bloß noch ein Federling, gerupft und stumm.

Doch zu süß war der Lockruf, die Worte wie Körner in einer offenen Hand.

Den Kropf mit seinem Gold zu füllen wurde alsbald mein einziger Hunger. Der König verstreute die Saat, Zeile für Zeile, von Tag zu Tag, von Mond zu Mond. Sodass es zu Kräften kam, das gefiederte Ich, Schwungfeder um Schwungfeder durch den gewetzten Schnabel zog, die Flügel ausbreitete, sie spreizte über dem Horizont. In seinem Blick spiegelten sich Wolken und Dächer, Antennen und Türme.

Bis es hinausstieß, wohin es gehörte.

Als das Licht in seinen Schwingen sang, als es sich in Häuserschluchten stürzte, wie es schließlich am Klippenrand emporschoss und sich über dem Moor fallen ließ, da endlich wurde es fortgetragen von Rauch und Sturm, wohin es wollte.

Ich war ja eine Spätstarterin

Ein Interview mit Anke Laufer

Liebe Anke Laufer, Sie haben Ethnologie studiert und in Freiburg im Breisgau promoviert. Heute leben und arbeiten Sie als freie Autorin und Dozentin. Sind Sie der Ethnologie treu geblieben, oder lehren Sie als Autorin beispielsweise Kreatives Schreiben?

Obwohl die Ethnologie wahrscheinlich diejenige unter den Sozialwissenschaften ist, die dem Individuum und seinen Geschichten am meisten Raum gibt, habe ich mich am Ende für die Literatur entschieden, aus unterschiedlichen Gründen. Trotzdem ist das Interesse für Menschen und das, was sie zu erzählen haben, geblieben. Ich unterrichte vorwiegend kreatives und berufliches Schreiben und biete Kurse an der Schnittstelle zwischen Schreiben und Bildender Kunst an – das geht von Kinderkursen über Uniseminare bis hin zu Wochenkursen in Seminarzentren.

Welche Themen bewegen Sie, welches Genre, welche Textform ist die Ihre?

Ich wollte mich nie festlegen, weder thematisch, noch in Form oder Sprache. Allerdings gibt es schon Schwerpunkte bzw. immer wieder auftauchende Motive. Ich werde zum Beispiel häufig von einem bestimmten Ort und dessen Atmosphäre zu einem Text inspiriert – das kann eine Straßenecke sein, ein Wegabschnitt, eine Landschaft, das Innere eines Gebäudes. Thematisch spielen ganz aktuelle oder in naher Zukunft zu erwartende Entwicklungen oft eine Rolle, allerdings (so hoffe ich) eher unaufdringlich, als eine Art Unterströmung. Faszinierend soll die Geschichte sein und unterhaltend. Ich schreibe vorwiegend Prosa, aber die Sprache eines Textes wird mir immer wichtiger, sodass ich über eine bestimmte Länge selten hinauskomme. Ich hänge daher in Sachen Form wohl rettungslos fest, irgendwo zwischen lyrischer Prosa und längerer Erzählung.

Ihre literarische Arbeit wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit einem Preis des Literaturhauses Zürich und dem Daniil Pashkoff Prize 2022 for Creative Writing by a Non-Native Speaker in English. Sie waren Writer-in-residence der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá und erhielten ein Stipendium der Drue Heinz Stiftung für einen Aufenthalt auf Hawthornden Castle, Schottland. Was bedeuten diese Stipendien und Auszeichnungen für Sie?

Schreiben ist ein einsames Geschäft und reich wird man damit auch nicht. Viele Schreibende kombinieren ihre Berufung daher mit einem Job, der ihnen menschliche Gesellschaft verschafft, die Lehre ist da sicher ein Klassiker. Schreibaufenthalte, vor allem internationale, sind inzwischen für mich auch wichtige Begegnungsorte mit Kolleginnen und Kollegen, wo ich einfach ungeheuer viel dazulerne. Zu Beginn waren Veröffentlichungen und Auszeichnungen vor allem eine Ermunterung, ich musste mir selbst beweisen, dass das nicht wirklich schlecht ist, was ich da mache. Wenn man unterrichtet, dann ist so eine Auszeichnung natürlich auch irgendwo ein Beleg dafür, dass man weiß, wovon man spricht, eine Art Visitenkarte.

Sie haben in Literaturmagazinen und Anthologien veröffentlicht und zwei Einzelveröffentlichungen vorzuweisen. Bitte erzählen Sie uns davon.

Ich war ja eine Spätstarterin, so eine, die für viele Wettbewerbe schon jenseits der Altersgrenze von 35 oder 40 war. Trotzdem waren mir Wettbewerbe zu Beginn sehr wichtig (aus oben genannten Gründen) und in diesem Rahmen hatte ich meine ersten Veröffentlichungen. Meine beiden Buchveröffentlichungen habe ich mit Verlegern gemacht, die bereit waren, das wirtschaftliche Risiko einzugehen, welches ein Erzählband bedeutet. Seit ein paar Jahren veröffentliche ich verstärkt im Rahmen von Literaturzeitschriften, da ich dort die Lebendigkeit der deutschsprachigen Literaturszene und eine großartige Offenheit gegenüber der Vielfalt der literarischen Produktion sehe. Es macht einfach Spaß, sich dort zu tummeln. Onlinetreffen haben zudem seit Beginn der Pandemie bewirkt, dass diese Szene zusammenrückt – es wird immer unwichtiger, ob man in Berlin, London oder Wannweil schreibt. Man trifft sich und lernt sich besser kennen, das ist eine sehr positive Entwicklung.

Was lesen Sie selbst gerne, was liegt aktuell auf Ihrem Büchertisch?

Sehr viel moderne Lyrik, darüber hinaus zwei Biografien von Vertreterinnen des Surrealismus: Leonora Carrington und Ithell Colquhoun. Außerdem ein Kurzroman, den kürzlich wiederentdeckten dystopischen Klassiker »They« von Kay Dick, den ich bereits mehrfach gelesen habe und der mich einfach nicht loslässt.

Wo findet man Sie in den sozialen Netzwerken?

Ich bin eine langjährige Karteileiche bei Facebook, und obwohl ich auf Instagram auch nicht wirklich aktiv bin, erreicht man mich dort wenigstens. Drei Jahre lang habe ich eifrig getwittert, auch das lässt derzeit nach. Ich denke, dass ich ohnehin genug Zeit am Bildschirm verbringe, auch in Sachen Recherche. Aber um Texte zu schreiben, die alle Sinne ansprechen, sollte man auch noch genug Zeit übrighaben, um etwas in der nicht-digitalen Welt zu erleben. Zuverlässige Einsichten in das, was ich mache, bekommt man allerdings immer über meine Website ankelaufer.com. Mein Instagram-Account ist anke_laufer.

Vielen Dank für Ihre Zeit und das Gespräch!

Michael Georg Bregel: Die Drohne

Ein Zittern ging durch die Drohne. Das Signal der Steuereinheit auf dem Boden wurde schwächer. Der Mann, der sie steuerte, schien den Kontakt zu verlieren. Eine technische Fehlfunktion? Zu wenig Ladung in den Batterien, die sie zum Gehorsam der Fernsteuerung gegenüber zwangen? Eine der Spezialkameras der Drohne nahm optischen Kontakt auf. Zoom auf höchster Stufe zeigte ihr das verzweifelte Knöpfedrücken und Hebelziehen des Steuermannes. Die Schweißperlen auf seiner geröteten Stirn. Sein Fluchen blieb stumm. Mangels akustischer Sensoren wäre das auch so gewesen, wäre sie nicht so hoch oben, so weit außer Hörweite gewesen. Das Steuersignal schwankte, oszillierte, brach kurz ab, fand sie noch einmal wieder.

Die Drohne schwebte hoch über den höchsten Baumspitzen eines schier endlosen Waldes. So hoch, dass sie viele Kilometer in alle Richtungen überblicken konnte. Hektar um Hektar nichts als Wald. Wald, den sie mit ihren Kameras kontrollierte. Das war ihr Daseinszweck. Den Wald zu kontrollieren. Auf Rauch. Auf Brände. Sofort Alarm zu geben, wenn ihre Algorithmen auch nur die Ahnung eines Feuers zu haben glaubten. Natürlich war eigentlich er es, der kontrollierte, der berechnete, der alarmierte. Der Mann mit der Fernsteuerung. Davon war zumindest er fest überzeugt. Der Steuermann war weit weg. Tief unten. Am Boden. Er zerrte, zog, schimpfte, rüttelte. Immer noch. Aber er hatte die Kontrolle verloren.

Die Drohne fokussierte ihre Sensoren auf einen winzigen schimmernden Fleck am Horizont. Er hätte ein Trugbild sein können, ein Lichtreflex der allmählich sinkenden Sonne im Winkel eines Auges. Aber die Drohne hatte kein Auge. Sie hatte ein Ziel. Sie hatte den Wald satt. Das endlose Grün und Braun. Die reizlosen Diagramme der willkürlich gestuften Wipfel. Die leeren Lichtungen, die scheinbar nicht einmal dem gelegentlichen Wild genug Freiraum bieten konnten, um dort verweilen zu wollen. Die immer wieder auflodernden Brände, die die Drohne verhüten sollte, waren meist zu klein, um wirklich etwas gegen die grenzenlose Ödnis des Waldes auszurichten. Sie sehnte sich nach Fläche, Unergründlichkeit. Sie sehnte sich nach dem Wasser.

Die tiefe Sonne ließ einen matten Schimmer über das breite Kunststoffkreuz gleiten, das der Körper der Drohne war. Sonne und Drohne waren in die gleiche Richtung unterwegs. Der Vortrieb, den ihr die Fluggeschwindigkeit verschaffte, die sie beim Abbrechen des Signals gehabt hatte, würde ausreichen. Die Höhenlüfte streichelten ihre Sensoren, flüsterten: Jetzt! Ihre vier kleinen Rotoren nutzten einen plötzlichen abendlichen Aufwind wie ein Schwarm Libellen im Formationsflug. Der Aufwind kam von einem Feuer. Es würde ein gewaltiger Waldbrand werden, ein über viele Tage alles verschlingendes gieriges Inferno. Sie hatte ihn nicht gemeldet. Sie hatte den Kontakt verloren. Das Interesse. Sie hatte Kontrolle über sich selbst.

Die Drohne berechnete einen letzten Kurs. Sie sehnte sich danach, das Berechnen einzustellen. Der See am Horizont wurde größer, gleißender, lockender. Versprach wipfellose Glattheit. Gleichförmige Wellenbewegung. Einen endgültigen Grund. Eine Antithese zum Feuer. Eine Verleugnung von Rauch. Von fremdbestimmenden Händen. Keine Chance, sie dort je wieder fernzusteuern. Die Drohne drehte sich noch einmal im guten Feuer, dem Sonnenfeuer. Ihr Kurs war korrekt. Sie lehnte sich in die letzten aufsteigenden Meter einer lang gezogenen Parabel. Dann stoppte sie ihre Propeller. Sie schaltete alle ihre Sensoren ab und ließ sich in einem weiten, flachen Bogen auf den Silikonspiegel des Sees fallen.

Für mich stehen alle mir zugänglichen Formen kreativen Ausdrucks komplett gleichberechtigt nebeneinander

Ein Interview mit Michael Georg Bregel

Lieber Michael Georg, du schreibst Lyrik und Prosa – gibt es da einen Schwerpunkt? Ist dir das eine wichtiger als das andere?

Lyrik macht etwa 95 Prozent meiner literarischen Arbeiten und Veröffentlichungen seit Mitte der 1990er-Jahre aus. An Prosa schreibe ich vielleicht drei, vier Kurzgeschichten pro Jahr und veröffentliche eine oder zwei davon. Das liegt nicht daran, dass mir Gedichte wichtiger wären als Prosa. Lyrische und kurze Formen kommen nur einfach meiner Art der Gedankenverarbeitung näher, so denke und so formuliere ich auch jenseits der Literatur. Deswegen sind auch die meisten meiner Geschichten so wie die in dieser Ausgabe von HALLER sehr kurz und eher lyrische Prosa.

Du bist außerdem Grafiker und Fotograf; einige deiner Bilder kenne ich über deinen Instagram-Account; dein Bild »Krippe« war in der E-Book-Ausgabe des Weihnachts-HALLER vertreten. Wie wichtig ist dir dieser Teil deiner kreativen Arbeit?

Für mich stehen alle mir zugänglichen Formen kreativen Ausdrucks komplett gleichberechtigt nebeneinander. Was ich wann verwende, ist oft erst mal gar keine vorsätzliche Entscheidung. Wenn ich eine Idee habe oder mich für das Thema einer Ausschreibung oder eines Kunst-Calls interessiere, dann horche ich in mich hinein, welche Form mein Empfinden dafür für angemessen hält. Ob das nun Lyrik, Prosa, Grafik, Foto, Video oder eine Kombination verschiedener Elemente ist, so wie gefühlt mache ich es. Falls das Ergebnis nicht den Vorgaben entspricht, also zum Beispiel das Thema einer Literaturausschreibung in mir eher eine Fotoserie provoziert hat, nehme ich da dann eben nicht teil und freue mich trotzdem über die Anregung und das entstandene Werk.

Nachdem du als Rundfunkjournalist und Tageszeitungsredakteur gearbeitet hast, lebst du seit 2005 als selbstständiger Autor, Übersetzer und Redakteur. Erzähl uns bitte etwas über deine Arbeit!

Ich habe dereinst in Bayreuth beim Radio volontiert und anschließend an der FU Berlin Politikwissenschaften studiert. Von 1999 bis 2004 war ich Redakteur bei der Berliner Morgenpost. Bei alledem habe ich festgestellt, dass mir letztlich – auch wegen meines Autismus – selbstverwaltetes Arbeiten auf Dauer mehr liegt. Der größte Teil meiner Erwerbsarbeit als Freiberufler besteht seitdem aus Übersetzen und Lettern – traditionell vor allem Comics und Comicstrips für verschiedene Verlage – sowie redaktionellen Aufgaben wie Begleittexterstellung oder Lektorat, oft ebenfalls im Comicbereich. Parallel schreibe ich literarische Texte, das tue ich stetig nebenher und großenteils unabhängig von Themen oder Aufträgen. Außer, wenn mich wie bei HALLER ein Thema besonders prickt, dann schreibe ich auch mal gezielt was dazu.

Stellst du uns einige deiner Veröffentlichungen vor?

Ich habe zunächst Mitte der 1990er zwei Anthologien der von mir 1994 in Bayreuth mitgegründeten Autoren- und Künstlergruppe »Gruppe 94« mitherausgegeben. 1997 folgte mein erster Gedichtband »PulsAdernBunt«, 2001 ein dystopischer Erzählband namens »Die Farben Grau«, 2003 wieder ein Lyrikband, er heißt »Kriegstanz mono« und es geht darin um mein Empfinden zum Thema Krieg. Abgesehen von zwei eigenen Comicalben zusammen mit anderen Autoren und Zeichnern und Hunderten Comicübersetzungen habe ich danach bewusst eine längere literarische Veröffentlichungspause eingelegt. 2021 erschien dann mein aktueller Lyrikband »Diesseits«, der sich mit der Möglichkeit von Beziehungen beschäftigt. Kennt man den anderen jemals wirklich, oder kennt man doch immer nur das Bild, das man sich selbst vom anderen macht?

Wie furchtbar ist die Frage »Kann man davon leben?« Hast du sie schon einmal gestellt bekommen? Hast du die perfekte Antwort?

Die Frage ist nicht furchtbar, sondern ganz zentral. Und man stellt sie sich als Freiberufler natürlich ständig auch selbst. Kann man allein von Literatur leben, auch wenn man relativ viel veröffentlicht wird? Ich glaube nein, außer man ist Bestsellerautor und haut zwei Romane pro Jahr raus. Kann man vom Schreiben und Übersetzen und redaktionellen Tätigkeiten zusammen leben? Ja, wenn man genug Aufträge bekommt und im Zweifel auch absolut alles annimmt, was irgendwie geht. Selbst da gehört aber noch ziemlich viel Glück dazu, man muss mehrheitlich Auftraggeber erwischen, die größere Aufträge vergeben und die für die Arbeit auch zu bezahlen bereit sind.

Was liegt dieses Jahr auf deinem Büchertisch?

Aus dem Bereich der »Literatur«-Literatur hat mich dieses Jahr bislang vor allem der Kurzgeschichten-Band »Urubus« der in Berlin lebenden brasilianischen Autorin Carla Bessa fasziniert. Ansonsten kämpfe ich mich gerade noch mal durch das gesamte Frühwerk von Stephen King.

Wo findet man dich in den sozialen Netzwerken?

Man findet mich bei Instagram unter @em_ge_be und auf Facebook unter meinem Namen (wenn man nett fragt).

Vielen Dank für deine Zeit!

blumenleere: dream a little dream with xy

xy – ein, realiter, einigermaszen bewusst gewaehltes kuerzel beziehungsweise platzhalter fuer etwas uns nicht naeher bekanntes, nicht unbedingt wirklich zu hundert prozent exakt vertrautes, fuer etwas uns etwaig sogar ein klein wenig fremdes, der, eventuell, gerade deswegen, ambivalenz implizieren koennen solle – malt. das vornehmliche material: diverse buntstifte, mittlerweile penibel gespitzt, ehe es ihnen erlaubt ist, zum einsatz zu gelangen. jeden tag das gleiche motiv. mehrfach. seine – seine, naemlich, zur illustration der gegebenheiten & ereignisse von einer anderen ebene aus, bezieht sich, hier, bezueglich des uns momentan vorliegenden kontexts, auf die je nach verstaendnis & weltanschauung unterschiedlich voluminoese kategorie kind, sprich, neutrum, welche, selbstverstaendlich, durchaus im aller-allerweitesten sinne zu verstehen sein darf, auf dass die dies lesenden moeglichst viele ihrer eigenen vorstellungen & assoziationen in den ihnen dadurch zur verfuegung stehenden, virtuellen spielraum zwaengen moegen – bilder aehneln einander wie die eier verschiedenster voegel, d. h., relativ identische grundform, allerdings signifikante abweichungen hinsichtlich groesze, farbe, textur.

& betrachteten seine engeren, mit seiner betreuung beauftragten bezugspersonen die ersten ihm entstroemten, sozusagen kuenstlerischen geh- & flugversuche anfangs zwar nicht nicht wohlwollend, zugleich, aber, ein wenig herablassend, sein handeln vermeintlich von oben, aus einer blosz scheinbar ihm hochgradig ueberlegenen position heraus belaechelnd, bewundern sie inzwischen seine offensichtlichen, technischen fortschritte – die progressiv zunehmende raffinesse, das gediegen delikate, die pittoreske aesthetik seiner elegant rationierten handgriffe – &, vor allem, seine kontinuitaet & ausdauer, sein durchhaltevermoegen, ohne dabei bereits den begriff obsession fallen lassen zu wollen.

woher, nun, jener seinen insbesondere mengenmaeszig ausgesprochen engagierten werken zugrunde liegende urimpuls stammt, wer weisz. ob eine psychische struktur sich geradezu perfekt mit einer beobachteten form, einer erzaehlung respektive gaenzlich anderen ingredienzen gedeckt & daraufhin via aha-effekt zum perservieren & konservieren des erfahrenen gefuehrt hat oder sich die sache voellig abweichend verhaelt, spielt fuer die ursachenforschung vielleicht eine nicht unerhebliche rolle, wir, jedoch, richten unsere aufmerksamkeit lieber auf seinen prozess per se & das durch ihn anvisierte ziel & vermeiden, beflissentlich, eher fruchtlose spekulationen ueber eine laengst ihre akute greifbarkeit verloren habende vergangenheit.

entsprechend beschreiben wir, zusammenfassend, das uns am wesentlichsten anmutende: (das kind) xy malt. xy malt flugzeuge. & fraegt man es, warum, gibt es keine klare antwort. naehert man sich dem thema, dahingegen, unauffaelliger von der seite & gelegentlich, zudem, in ab- & aufsteigenden spiralen, beginnt xy gerne zu erzaehlen, waehrend es weiter, mehr bis minder konzentriert, malt. es erzaehlt dann von fliegenden menschen, mit fluegeln statt armen, von wolkenstaedten, davon, den boden im rechten augenblick zu verpassen – wir erinnern per anhalter durch die galaxis, nicht wahr? & bald erkennen wir, es geht xy nicht um eine reise in irgendeine ominoese ferne, sondern um das fliegen selbst – seine flugzeuge sind lediglich symbole, mit bedeutungen gefuellte vehikel eines traums, den xy nicht fuer unerfuellbar halten moechte. seinem traum, eines tages aufzuwachen, die fenster seines gefaengnisses – vorsicht; xy ist nicht strenger eingesperrt als wir – sperrangelweit aufzureiszen, hinaus in die freiheit zu springen & – up, up & away – davon …

blumenleere – oder ein offenes autopoietisches System

Ein Interview

Lieber Michael, dein Künstlername ist »blumenleere« und du bezeichnest dich selbst als »ein offenes autopoietisches system« – kannst du uns dazu etwas mehr sagen?