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HALLER 20, das feiern wir … und »Ich feier das!« sagen Dieter Bohn, Maiken Brathe, Anne Buchmann, Emil Fadel, Olaf Lahayne, Nicole Hobusch, Sarah Lutter, Sofie Morin, Kip Sievers und Wilfriede Weise-Ney. Ihre Texte behandeln Feiern jeder Art, der Welt Ende genauso wie Jubiläum, Einschulung oder die Menses. Die Genres sind vielfältig, neben der klassischen Kurzgeschichte finden auch ein heiter-makabrer Hauch Apokalypse und Science-Fiction ihren Platz. Der Inhalt: Corinna Griesbach: Vorwort Kip Sievers: Familienfest Emil Fadel: Und hinter dem Vergnügungspark das Meer Nicole Hobusch: Weltuntergangsstimmung Olaf Lahayne: Fly me to the moon Anne Buchmann: same, same … Dieter Bohn: Party on! Maiken Brathe: Leberwurstküsse Sofie Morin: Ein Tag, der warm wird Sarah Lutter: Der 111. Geburtstag Wilfriede Weise-Ney: Geile Vernissage begleitet von Kurzinterviews der Autoren … Illustrationen von Michael Georg Bregel, Susanne Hartmann, June Is, Johann Seidl, Kip Sievers und Wilfriede Weise-Ney.
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2023
Haller 20
Corinna Griesbach (Hrsg.)
ICH FEIER DAS!
Haller 20
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: Januar 2024
Corinna Griesbach, die Autoren & Künstler &
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: June Is
Layout & Umschlaggestaltung:
Lektorat: Corinna Griesbach, Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda
HALLER @ p.machinery Michael Haitel
Norderweg 31, 25887 Winnert
www.haller.pmachinery.de
ISSN: 1869 4624
ISBN der Printausgabe: 978 3 95765 368 0
ISBN dieses E-Books: 978 3 95765 740 4
2009 erschien HALLER zum ersten Mal.
Damals noch nicht als Imprint der p.machinery.
Zur Erinnerung habe ich mir die Texte noch einmal aus den alten Dateien gekramt und möchte hier mit dem Vorwort zu »HALLER – Die Erste« beginnen:
Das hier vorliegende Heft ist gerade in der Schlussredaktion und ich bin damit beschäftigt, das Thema für Haller Nr. 2 auszuwählen. Dazu mehr in der Vorschau! Gleichzeitig lese ich die Kommentare zum Buchmessen-Skandal: Chinesische Kontrolleure geben Regeln vor, denen sich die Frankfurter Buchmesse fügt. Ist das nur peinlich? Oder merkt hier jemand, dass das westliche Demokratieverständnis in Gefahr ist? Diese Frage scheint in Frankfurt hinter der Realität der Buch-Wirtschaft zu verschwinden. Die Ware Buch und ihre Außenwirkung stehen im Vordergrund, nicht etwa der Inhalt.
Haller – Die Erste: Großartig, dass viele interessante Autorinnen und Autoren für die erste Ausgabe von Haller Kurzgeschichten und Erzählungen eingereicht haben. Ausgewählt wurden schließlich die hier vorliegenden Erzählungen.
Warum diese Geschichten ausgewählt wurden: Es gibt kein »Motto« für dieses Heft, aber die Geschichten sind ausgesucht worden, weil sie etwas Ungewöhnliches beschreiben. Diese kleine Sammlung ist natürlich weit entfernt von einer »Anthologie«, und Haller wird auch in Zukunft keine Textsammlungen anbieten, in der zum Thema »Mord« in jeder Erzählung ein Kugelhagel, zum Thema »Fantasy« jeweils mindestens ein Zauberer (oder gleich zwei: der Gute und der Böse!), zum Thema »Horror« ganze Fleischberge erwartet werden. Wer Interesse hat an der Reaktion von Menschen in extremen Situationen, wie sie Vorkommnisse schaffen, findet hier guten Lesestoff mit überraschendem Ende.
Die Haller-Autorinnen haben keine stromlinienförmigen Texte erschaffen, die es längst irgendwo gibt, und die nur nacherzählt werden wollen (?). Eingereicht und hier gedruckt wurden Texte, die die Autorinnen selber gerne lesen wollen und auch kaufen würden. Geschichten, die sich nicht auf ein ausgewähltes Publikum einlassen, sondern auf die sich Leserinnen und Leser einlassen müssen.
Corinna Griesbach
Auf 104 Seiten erschienen damals die Texte von Shanna Liebl, Andrea Bannert und Daniela Eckstein.
Ich habe nach Erscheinen mehrere E-Mails erhalten, in denen ich gefragt wurde, ob das eine Zeitschrift »nur« für Frauen sei. Zunächst habe ich mich über die Frage gewundert, dann begriffen, dass kein männlicher Autor vertreten war. Keine Absicht, nur der subjektive Blick auf die Texte.
Die Bilder zur Ausgabe stammten von Achim Willems:
Achim Franz Willems, 1961 geboren, lebt und arbeitet in Köln und Aachen. Studium der Sonderpädagogik und Kunsterziehung, Universität zu Köln. Seit 1994 Ausstellungen und Projekte. – Vertreten durch Cicognani Galerie, Köln. – Alle abgebildeten Arbeiten sind aus dem Jahr 2006, Größe je 30 x 40 cm, Technik Öl auf Chromolux-Papier; sie können über die Redaktionsadresse käuflich erworben werden.
lautete 2009 die Information zum Künstler.
Das Prinzip, Texte und Bilder, die sich lose um ein möglichst weit (vielleicht sogar vage) gefasstes Thema ranken, zu veröffentlichen, ist gleich geblieben, und von Anfang an haben wir Lesungen zu den einzelnen Ausgaben veranstaltet, oft mit Musik, oft mit einer Ausstellung der Bilder verbunden, die in HALLER gezeigt wurden.
Die Lesung zu HALLER 16 mit Musik und Ausstellung der Bilder von Kai Savelsberg nahm zwei wunderbare Tage in Anspruch und war unerwartet die letzte, denn dann brach Corona über uns herein.
Wie es manchmal so ist: Auch während ich dieses Vorwort schreibe, ist gerade eine Buchmesse in Frankfurt vorüber. Eine Buchmesse in schwierigen Zeiten ist wie ein Fieberthermometer der Kultur, damit gleichermaßen ein gesellschaftlicher Pulsmesser. Was bleibt von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse, das ist ein zwiegespaltener Eindruck.
Auf den ersten Blick – und das wird hoffentlich die Erinnerung an dieses Spektakel dominieren – war da die (längst überfällige) Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels an Salman Rushdie in der ehrwürdigen Frankfurter Paulskirche. Es war zutiefst befriedigend und erleichternd zu erleben, wie ein Schriftsteller nicht nur seinen Mut, sondern auch seinen verspielten Humor behält – und das angesichts eines ständig bedrohten Lebens.
Der Preisverleihung gelang es, die Disharmonien, die im Vorfeld und während der Buchmesse zu spüren waren, zu übertünchen, von ihnen abzulenken und ihr ein würdiges Image zu verleihen.
Ansonsten war da die Erkenntnis, dass Slowenien ein literarisches Land ist, das es zu entdecken gilt. Dass der deutsche Buchpreis mit seinen Long- und Shortlists immer stärker in den sozialen Medien, sei es BookTok, Instagram oder BookTube diskutiert wird. Dass die Menschen immer noch lesen, und zwar auch gedruckte und nicht nur digitale Bücher und diese nicht zuletzt auch kaufen.
Und wir sehen, dass Bücher nicht nur immer teurer, sondern oftmals auch immer schöner werden. So wird auf die Gestaltung schöner Einbände und farbiger Buchschnitte mehr Wert gelegt (manchmal mehr als auf den Inhalt) und das Buch entwickelt sich immer mehr zum teuren Luxusgut. Vorbei endgültig die Zeit der billigen Taschenbücher à la Rowohlts Rotationsromane …
Was man auch immer erfuhr in diesem Buchherbst, das zeigte doch sehr deutlich: Das Buch ist nicht tot, die Literatur lebt, auch wenn sie von einigen Jahr für Jahr totgesagt wird. Aber war das nicht schon immer so?
Dieses besonders ausführliche und mit Rückblicken gespickte Vorwort ist noch nicht vorüber … folgt denn noch erstens die Erwähnung, dass HALLER seit der 11. Ausgabe ein Imprint der p.machinery ist. Diese gute Zusammenarbeit und zumindest zwei persönliche Treffen (damals noch in Bayern) haben meine Arbeit bereichert und mich, nachdem ich nach HALLER 10 elegant das Handtuch werfen wollte, bei der Stange gehalten. Übrigens gab es auch zu jener Ausgabe eine tolle Lesung (die eigentlich auch als Abschiedsveranstaltung gedacht war).
Seit Corona haben sich unsere Lesungen ins Internet verlagert, genauer gesagt stellen wir regelmäßig Lesungen der Autorinnen und Autoren auf Instagram unter literaturzeitschrifthaller ein.
Zuletzt: Es geht um diese Ausgabe, HALLER 20, das feiern wir … und »Ich feier das!« sagen Dieter Bohn, Maiken Brathe, Anne Buchmann, Emil Fadel, Olaf Lahayne, Nicole Hobusch, Sarah Lutter, Sofie Morin, Kip Sievers und Wilfriede Weise-Ney. Ihre Texte behandeln Feiern jeder Art, der Welt Ende genauso wie Jubiläum, Einschulung oder die Menses. Die Genres sind vielfältig, neben der klassischen Kurzgeschichte finden auch ein heiter-makabrer Hauch Apokalypse und Science-Fiction ihren Platz.
Die Autorinnen und Autoren werden in Interviews, die auf ihre Texte folgen, vorgestellt, die Vitae der Künstlerinnen und Künstler folgen am Ende der Ausgabe. Zur Feier des Tages seien sie auch hier genannt: Michael Georg Bregel, Susanne Hartmann, June Is, Johann Seidl, Kip Sievers, Wilfriede Weise-Ney.
Corinna Griesbach
Oktober 2023
Wenn man hier an der Bushaltestelle steht, sieht man kaum die Straße. Die Menschen kringeln sich um die Bordsteinkante, mäandern herum, mit Tüten und Kindern und Fahrrädern und Dingen in den Händen, die niemand mehr wirklich braucht, bis der Bus Nummer 505 kommt. Selten finde ich einen Platz im Bus, denn die Menschen rennen zu den Sitzen und quetschen allerlei Zeug in die Gänge. Zeug, das sie wie die Dinge in ihren Händen wahrscheinlich wirklich nicht mehr brauchen. Heute ist etwas anders. Heute bin ich auf dem Weg zu meiner Tochter. Und heute erspähe ich einen Platz hinter dem Gelenk, auf dem Rückgrat des Fahrzeugs. Ein Doppelsitz. Ich frage mich noch, wie kann das sein, wie kann dieser Sitz unbelegt sein, während sich die Fahrgäste händeringend an die Scheiben drücken oder missmutig neben Unbekannte und riesige Reisetaschen quetschen. Wie kann das sein. Trotzdem setze ich mich auf den Doppelsitz, nicht direkt ans Fenster, sondern auf den Platz zum Gang. Alles ist sauber, ich kontrolliere das, nichts scheint den Platz zu entwerten. Dann starre ich durch die Scheibe. Die Welt dieser Tage ist ein seltsamer Ort, alles ist laut, nichts ist leise. Alles ist zu viel, und das, was zu wenig ist, ist kaum mehr da. Zum Beispiel: Die einzigen Vögel, die ich noch an den Morgen vor meiner Tür höre, sind Krähen. Sonst ist da nichts mehr. Ich denke diese Gedanken, trübe und müde wie üblich, mit dem Blick über die Fülle der Personen streifend, aber immerhin sitze ich heute. Heute, auf dem Weg zu einem wichtigen Anlass, ein Familienfest.
Dort wird es laut sein, und ich möchte nichts Lautes. Eigentlich möchte ich nur Ruhe. Es herrscht ein Zwang ob solcher Dinge, finden Sie nicht? Fröhlich sein, laut sein. Ich schüttele mit dem Kopf. Dann höre ich ein Brummen. Es ist ein tiefes, volles, Bariton-situiertes Brummen, das sich plötzlich neben mir bemerkbar macht. Ich drehe mich in Richtung Fenstersitz, sehe erst nichts, doch dann, dort am Rand, beinahe am Fenster, surrt es, das Insekt, und ich erschrecke mich; nicht weil ich Angst vor Insekten habe, sondern ob seiner Größe. Es scheint mir riesig, als hätte es hundert Jahre ausgeharrt in irgendeiner dunklen, nach Urin riechenden Ecke der Stadt, ein Wesen der Schatten, herausgetreten ins Licht, weil es nun notwendig ist. Sie, denn es ist eine Fliege und ein wenig eine Wespe, und von Monster-Maxi-Größe, würde man sie in Supermarktproduktmaßstäben beschreiben. Mindestens die Höhe und Weite meiner ausgebreiteten Hand. Nun gut, werden Sie sagen, Sie haben die Hand einer kleinen, ältlichen Dame, und ja, da haben Sie recht. Trotzdem, so ein großes Fliegeninsekt mit so einem tiefen Brummen, überlegen Sie sich das, so etwas ist Ihnen sicher auch noch nie untergekommen. Ein weiteres Zeichen für den nahenden Weltuntergang: wenn sogar die Wesen der Schatten mit dem Bus aus der Stadt fahren. Und so finde ich mich ab mit meinem Schicksal, in gewisser Weise, und denke mir noch, dass das Einzige, was mir noch bleibt, ist, mich mit diesem Wesen zu unterhalten. Denn Aufstehen, nein, aufstehen möchte ich nicht. Da gibt es ja kaum Platz für meine Füße, im Gang. Ich schaue die Fliegenwespe also an, nicke ihr freundlich zu und überlege mir, was könnte man ihr erzählen. Was interessiert wohl ein solches Tier? Ist sie bereits weit gereist, zu diesem Zeitpunkt? War ihre Reise beschwerlich? Ist sie interessiert an weltlichen Freuden? Oder sind diese Wesen eher spirituell orientiert? Fragen, von denen ich selbst kaum etwas verstehe. Vor mir, im Gelenk, sehe ich einen jungen Herrn, schöne schwarze, lockige Haare, ansprechend. Er steht da mit einem wirklich schweren Rucksack auf dem Rücken. »Sehen Sie den Mann dort drüben?«, meine ich zum Tier. »Ich würde definitiv nicht Nein sagen, wenn Sie verstehen …«
