Hallington Palace - Maja Lorim - E-Book

Hallington Palace E-Book

Maja Lorim

0,0
4,99 €

oder
-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Auszug aus dem Verhaltenskodex von Hallington Palace:

Immer vor dem König eintreffen.
Seine Majestät nicht berühren.
Erst essen, wenn der König isst.
Aufstehen, wenn der König aufsteht.



Hallington Palace verfügt über 670 Räume, darunter 64 Schlaf- und Gästezimmer und 72 Bäder. Es gibt goldbestickte Wandbehänge, unzählige Gemälde, rote Teppiche in den Gängen und keinen Staub.
Wohnhaft sind dort unter anderem ein chronisch überarbeiteter König, ein mürrischer Kronprinz, eine strenge Haushälterin und ein freundlicher Butler.
Und außerdem ist da noch May.
May mit dem großen Herzen, dem unwiderstehlichsten Lächeln und den schönsten braunen Augen, die ich je gesehen habe.
Allerdings fürchtet sie die Öffentlichkeit.
Und ich bin neuerdings der berühmteste Mann im ganzen Land.



New Adult / Royal Romance
Kein Cliffhanger
In sich abgeschlossen

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2024

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Inhalt

Impressum

Content Note

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Epilog

Danksagung

Potenzielle Trigger

 

Impressum

 

 

 

 

© 2024 Rinoa Verlag

c/o Emilia Cole

Kolpingstraße 31

47608 Geldern

 

ISBN 978-3-910653-45-0

© Covergestaltung: Emilia Cole

 

rinoaverlag.de

 

Alle Personen und Handlungen in diesem Roman sind frei erfunden. Jedwede Ähnlichkeit zu lebenden Personen ist rein zufällig.

 

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Content Note

Liebe Leserin, lieber Leser,

 

dieses Buch enthält Inhalte, die potenziell triggernd auf dich wirken können, wenn du schon einmal in ähnlichen Situationen warst. Deshalb findest du am Ende des Buchs eine Content Note, die allerdings auch Spoiler für das Buch in sich birgt.

Bitte pass auf dich auf.

 

Wir wünschen dir das bestmögliche Leseerlebnis

Maja und der Rinoa-Verlag

 

 

 

 

 

 

Bredina,

ein kleiner, friedliebender und fiktiver Staat im Westen Europas, der noch von einer Monarchie regiert wird.

Kapitel 1

 

 

»Hey, hast du etwa hier übernachtet?«

Die Stimme klingt vertraut. Ich zwinge meine Augen auf und brauche einen Moment, um mich zu orientieren. Bänke, Tischtennisplatten, ein paar Bäume, Jugendliche in Grüppchen oder allein …

Der Schulhof.

Bin ich eingeschlafen? Eben war keine Menschenseele hier, wo kommen all die Leute her?

Hastig richte ich mich auf. Zum Glück hat mich in der Nische neben dem Geräteschuppen niemand entdeckt. Nur Flo natürlich. Den regenbogenfarbenen Strickschal locker um den Hals geschlungen und den Rucksack geschultert, sieht sie auf mich herab.

Müde reibe ich mir über das Gesicht und schüttele den Kopf, um die Schläfrigkeit zu vertreiben. »Wie spät ist es?«

Sie schiebt den Jackenärmel hoch und sieht auf die von ihrer Oma geerbte Armbanduhr an ihrem Handgelenk. Eigentlich ist meine Frage überflüssig, denn wenn Flo hier ist, muss es schon sehr spät sein.

»Fünf vor acht.«

»Scheiße«, fluche ich. Eindeutig zu spät, um die Duschen der Sporthalle zu nutzen, bevor der Betrieb losgeht.

»Nimm doch mal die kack Sonnenbrille ab«, mault Flo und lenkt meine Aufmerksamkeit auf sich.

»Wozu?«

»Ist es das, was ich vermute?« Ohne meine Antwort abzuwarten, zieht sie mir das Billigteil von der Nase und pfeift durch die Zähne. Ihre grauen Augen werden kugelrund. »Wow. Wo hast du dir das denn zugezogen?«

Ich nehme ihr das hässliche Ding ab, um mein verschandeltes Gesicht dahinter zu verstecken. Da ich schon länger keinem Spiegel mehr begegnet bin, habe ich keine Ahnung, wie ich aussehe. Flos Reaktion nach zu urteilen, nicht gerade besonders.

Sie legt die Stirn in Falten und klopft mit der Hand auf meinen Arm, woraufhin eine kleine Staubwolke aufsteigt.

»Hast du mit deiner Jacke den Boden im Baumarkt geputzt?«

Grimmig ziehe ich den Arm zurück. »Nein. Besten Dank für dein Vertrauen in meinen Verstand.« Ich klinge genervt, obwohl ich weiß, dass sie es nur gut meint. Zum Glück kennt Flo mich ganz genau und nimmt es mir gewiss nicht übel.

Aus meinem Rucksack hole ich die fast leere Wasserflasche, spüle mir kurz den Mund aus und trinke den Rest, in der Hoffnung, dass die kalte Flüssigkeit mich wach macht.

Es klappt nicht.

»Du hast mal wieder draußen gepennt, oder? Warum hast du dich nicht bei mir gemeldet?«

»Akku leer.«

»Du hättest auch einfach vorbeikommen und klingeln können.«

Wenn es so einfach wäre, hätte ich das sicherlich getan. Ich verstaue die leere Flasche im Rucksack, schultere ihn und mache mich auf den Weg zum Haupteingang. Flo läuft neben mir her.

»Mein Dad ist heute zuhause, aber vielleicht kann ich ihn später kurz rauslocken. Also für den Fall, dass du duschen willst.«

Ich werfe meiner pragmatischen besten Freundin einen schnellen Blick zu. Durch die Billigbrille sieht sie ein bisschen grünlich aus und alles ist dunkler.

Flos Vater ist nicht sonderlich gut auf mich zu sprechen, weswegen ich ihre Dusche nur benutzen kann, wenn er nicht da ist. Auf keinen Fall möchte ich, dass sie meinetwegen Ärger mit ihm bekommt. Genau das ist auch der Grund, warum ich eben nicht einfach bei ihr vorbeispaziere und an der Tür klingele. »Danke, aber nachher schaffe ich es hoffentlich rechtzeitig in die Umkleide der Sporthalle.«

»Hast du denn Wechselklamotten dabei?«, fragt sie.

»Ne, ich wollte einen Kittel aus Chemie mitgehen lassen.«

Einen winzigen Moment stutzt sie, dann brechen wir beide in Gelächter aus, was bei mir in einem leichten Hustenanfall endet.

Besorgt sieht Flo mich an. »Wo hast du denn nun geschlafen?«

»Greg hat mich in der Halle übernachten lassen.« Allerdings nur von Samstag auf Sonntag, aber das muss sie ja nicht wissen. Am Wochenende habe ich in seinem Baumarkt geschuftet und sogar noch eine Extraschicht eingelegt. Die körperliche Betätigung hat mir gutgetan und mich von dem Mist zuhause abgelenkt.

Gerade sind Flo und ich an der breiten Außentreppe angekommen, die zum Hauptgebäude führt, als mich jemand von hinten kräftig an der Schulter anrempelt. Ich stolpere.

»Hey, Penner! Na, kommst du heute direkt aus dem Müllcontainer?«

Bei dieser Stimme stehen die Haare in meinem Nacken direkt stramm. Zum Glück kann ich mich rechtzeitig fangen, bevor ich wie ein Trottel vor aller Augen die Stufen hochgefallen wäre. Als ich aufsehe, erwartet mich das Kaugummigrinsen meines Erzfeindes.

Rückwärts geht er die Stufen hinauf. Total lässig. Sein bester Freund Tig klopft ihm für die blöde Bemerkung anerkennend auf die Schulter.

»Halt die Klappe, Chandler«, schnauzt Flo, immer bereit, mich zu verteidigen. Ich habe es irgendwann aufgegeben, den Idioten in seine Schranken zu weisen. Er rafft es ja doch nicht. Jetzt lacht er nur, dreht sich selbstzufrieden um und raunt seinem Freund etwas zu, woraufhin beide albern kichern.

»Achte nicht auf den Scheißkerl«, zischt Flo. »Wahrscheinlich hatte er mal wieder Zoff mit seinem Alten.« Flos Vater kennt Chandlers Dad. Angeblich hat er ziemlich hohe Erwartungen an seinen Sprössling und setzt ihn massiv unter Druck. Das erklärt vielleicht, warum er andere fertigmacht, frei nach dem Motto Dad macht mich runter, also suche ich mir auch jemanden zum Draufhauen. Es rechtfertigt sein Verhalten aber nicht.

Vor allem, wenn man das Opfer ist.

»Tue ich doch nie.« So ganz stimmt das nicht, aber ich grinse schief, weshalb Flo das Thema Chandler fallen lässt.

»Warum gehst du nicht nach Hause und ruhst dich aus?«, fragt sie stattdessen. »Du siehst echt fertig aus.«

»Wegen Mathe.« Heute schreiben wir die letzte Arbeit vor den Abschlussprüfungen. Dementsprechend wichtig ist der Test. Auf keinen Fall lasse ich mir das entgehen. Außerdem kann ich nicht nach Hause, weil ich rausgeflogen bin. Mal wieder.

Mittlerweile haben wir das Ende der Treppe erreicht und betreten die weitläufige Plattform vor dem Eingang.

Auf Flos Stirn bilden sich erneut Falten. »Bist du denn okay? Kannst du dich konzentrieren? Hast du etwas gegessen?«

Hat sie schon immer so viele Fragen gestellt?

»Ja, Ma’am«, gebe ich gespielt gereizt zurück. »Essen zu organisieren ist deutlich einfacher als Duschen oder Betten zu finden.«

»Ach, Mist«, flucht sie und drückt die Tür des Haupteingangs auf. »Du hättest zu mir kommen sollen. Irgendwie hätten wir das schon hingekriegt.«

Der erste Gong ertönt. Ich packe Flo an der Schulter und ziehe sie an den Rand, heraus aus dem Hauptstrom an Schülern. Auch sie schreibt heute eine wichtige Klausur, auf die sie sich konzentrieren muss. Allerdings habe ich Angst, dass ihr das nicht gelingt, wenn sie permanent meine Probleme hin und her wälzt.

»Hey, mir geht es gut. Hör auf, dir Sorgen um mich zu machen, okay? Ich bin älter als du. Wenn sich hier jemand kümmern muss, dann ich.« Ich spreche betont ernst, zwinkere ihr bei den letzten Worten aber zu. Doppelt blöd. Einmal, weil sie es hinter der Brille nicht sehen kann, und zum zweiten, weil es zwickt.

Flo legt den Kopf schief. »Hast du gerade gezwinkert oder gezuckt?«, fragt sie prompt und bringt mich damit zum Lachen.

»So eine Mischung aus beidem.«

»Du Spinner! Mit einem Veilchen zwinkert man nicht.« Freundschaftlich boxt sie mich gegen den Oberarm. »Wir sehen uns nach der Klausur und dann erzählst du mir, was los war, ohne dass ich dir alles aus der Nase ziehen muss, klar?«

Ich kapituliere. »Aye, Captain.«

»Und jetzt rock die Matheklausur!« Sie macht eine Ghettofaust und ich erwidere sie.

»Hau rein in Chemie!«

 

 

Pünktlich zum Klingeln eile ich in den Klassenraum. Mr Fletcher ist schon da und hat mit dem Verteilen der Klausuren begonnen. Ich begrüße ihn höflich und steuere meinen Platz in der hintersten Reihe direkt am Fenster an.

»Puh, findet ihr auch, dass es hier plötzlich nach Fäkalien riecht?«, überlegt Chandler gerade so laut, dass unser Lehrer ihn nicht hört, man ihn in den hinteren Reihen jedoch problemlos verstehen kann.

»Ich wusste gar nicht, dass dieser Ausdruck zu deinem aktiven Wortschatz gehört«, gibt Jo, eine Schülerin aus dem Mathekurs, an ihn zurück. »Vielleicht bist du in Hundekacke getreten?« Offenbar hat sie es sich zum Ziel gesetzt, Chandlers Mobbing-Attacken zu konterkarieren, und ist noch nicht so desillusioniert wie ich. Während sie die Stifte aus ihrem Mäppchen vor sich auf dem Tisch sortiert, wirft sie ihm einen vernichtenden Blick zu. »So hoch wie du deine Nase trägst, kannst du unmöglich sehen, was vor dir auf der Straße liegt.«

Nicht schlecht, denke ich, und danke ihr im Stillen.

»Vielleicht bin ich über einen stinkenden Penner gestolpert«, kontert Chandler und bringt Tig damit wieder einmal zum Lachen. Jo will ihm antworten, doch unser Lehrer bittet unmissverständlich um Ruhe.

Ach, verdammt. Trotz guten Willens war Jos Bemerkung eine Steilvorlage für Chandler.

Ich tue so, als würde ich den Idioten und seine Beleidigungen nicht beachten, was natürlich Schwachsinn ist. Jeder hier im Kurs weiß, von wem er redet. Chandlers blöde Kommentare höre ich mir jetzt seit der siebten oder achten Klasse an, als meine Klamotten zwangsläufig billiger und zerschlissener wurden. Dadurch hat sich ihm endlich eine Angriffsfläche geboten. Dass meine Jacke verdreckt ist, gießt ihm Öl ins Feuer.

Aus dem Rucksack hole ich mein zerfleddertes Mäppchen hervor und suche nach dem Taschenrechner. Mit der Hand taste ich an den Büchern und ausgefransten Heften entlang. Wo ist er denn hin gerutscht?

Als ich ihn nicht finden kann, hole ich ein paar Bücher heraus. Dann die Hefte, während Mr Fletcher den Verlauf der Klausur unter Abschlussbedingungen verkündet. Ich versuche, so leise wie möglich zu sein, um ihn nicht zu stören, aber seinen aufmerksamen Augen entgeht nichts. Er lässt es sich nicht anmerken, sondern spricht weiter.

Sobald er fertig ist, beugen sich die anderen Schüler über die verteilten Klausurzettel und beginnen mit dem Einlesen. Resigniert packe ich den Inhalt des Rucksacks zurück.

Der Taschenrechner liegt bestimmt zuhause auf meinem Schreibtisch. Am Freitag ging alles so schnell. Da blieb mir keine Zeit, gründlich zu packen. Ich habe mir nur den Rucksack geschnappt, weil er neben der Wohnungstür stand, und das Weite gesucht.

Mist, ohne Taschenrechner werde ich viel langsamer sein und einen Teil der Aufgaben nicht ausreichend bearbeiten können.

»Eli, würden Sie während der Klausur bitte die Brille abnehmen?«, fordert Mr Fletcher mich auf.

Nur widerwillig beuge ich mich und drehe das Gesicht weiter zum Fenster, sodass meine malträtierte Seite nicht so gut zu sehen ist.

»Haben Sie Ihren Taschenrechner vergessen?«, hakt er auch noch nach.

Ich spüre, wie mir das Blut in die Wangen schießt. Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Verlegen nicke ich.

Sofort packt Mr Fletcher seine Tasche, hievt sie auf das Pult und sucht im Seitenfach nach seinem Rechner. Groteskerweise wirkt es wie eine Wiederholung meiner Suche, denn nach einer Weile zieht er ein genauso enttäuschtes Gesicht wie ich. »Oh, nein. Ausgerechnet heute habe ich ihn im Lehrerzimmer liegen lassen.«

»Ich habe noch einen Ersatzrechner dabei.«

Das kam von links. Überflüssig, dass ich dorthin sehe, denn diese leicht heisere und trotzdem unglaublich weiche Stimme würde ich unter Hunderten erkennen. Natürlich drehe ich mich trotzdem um und vergesse dabei sogar, dass ich mein Veilchen verstecken wollte.

May-Lin Nicholson kramt in ihrem Rucksack und hält mit einem aufmunternden Lächeln ein etwas zerkratztes Modell in die Höhe.

»Wunderbar«, sagt Mr Fletcher freudig.

»Wenn du dem da deinen Rechner gibst, solltest du nachher die Tastatur desinfizieren«, murmelt Chandler nach hinten.

Ich beiße mir auf die Lippe, um nicht laut zu knurren vor Ärger. Chandler kann mich nicht leiden, weil er immer nur im Mittelfeld landet, während ich Bestnoten in Mathe erziele. Sein Vater ist der Star-Architekt der Stadt und geht davon aus, dass Junior irgendwann in seine Fußstapfen tritt.

Aber Chandler und Mathe harmonieren nicht.

Seit ich vor ein paar Jahren einen Preis bei einem Forschungsprojekt ergattert habe, scheint Chandlers Dad mich als leuchtendes Vorbild zu sehen. Das weiß ich von Flo. Damit hat mir Chandler Senior allerdings keinen Gefallen getan, denn nun landen die Attacken seines Sohnes regelmäßig unterhalb der Gürtellinie.

Inzwischen ist May bei mir angekommen. Ich Idiot habe es verpasst, aufzustehen und zu ihr zu gehen. Ob ihr die Löcher in meinen Klamotten auffallen? Unsicher hebe ich den Blick. Ihr Lächeln verrutscht ein wenig, als sie mein geschwollenes Auge entdeckt. Doch sie fängt sich schnell und reicht mir den Rechner. Ihr blumiger Duft umfängt mich und ihre warmen Finger streifen meine, als sie mir das Gerät reicht.

»Danke«, bringe ich heiser hervor.

Das freundliche Funkeln in ihren schokoladenfarbenen Augen lässt mein Herz ein paar Gänge schneller schlagen.

»Viel Erfolg«, flüstert sie, dreht sich um und kehrt zu ihrem Platz zurück.

Ich will ihre Worte erwidern, habe aber nur Augen für ihren schwingenden, roten Pferdeschwanz und das weiße Etuikleid mit den überdimensionalen grünen Punkten. Es umschmeichelt ihre Figur und betont ihre langen Beine. Als ich mich wieder konzentrieren kann und ihr rein theoretisch auch viel Glück wünschen könnte, hat sie bereits einen Stift gezückt und zu schreiben begonnen.

Hm, ja. Das sollte ich auch tun.

Zielbewusst mache ich mich an die Arbeit. Ein paarmal muss ich die Augen fest schließen, um Mays Gesicht aus meinem Kopf zu verdrängen, was gar nicht so einfach ist und mir ziemlich widerstrebt. Doch die Zahlen sind heute wichtiger und außerdem zukunftsträchtiger. Denn mal im Ernst: Bei einem Mädchen wie May werde ich nie eine Chance haben.

Es dauert nicht lang und ich bin in die Mathematik abgetaucht. Das ist genau mein Ding. Zahlen, Funktionen, Graphen, Aufgaben, die es zu knacken gilt. Vergessen sind die Probleme zuhause und der Streit mit Ed.

Zumindest fast, denn leider machen mir die Nachwirkungen zu schaffen.

Mir unterlaufen ein paar nervige Fehler, ich passe nicht auf, vertippe mich am Taschenrechner und erhalte Ergebnisse, die mich die Nase rümpfen lassen. Ich mag es gar nicht, wenn ich meinen Fähigkeiten nicht trauen kann.

Also noch mal. Doppelte Kontrolle. Dadurch bin ich deutlich langsamer als sonst.

Da ich die letzten Nächte kaum ein Auge zu bekommen habe, bin ich hundemüde. Es war zu kalt und zu ungemütlich. Außerdem pocht es hinter meiner rechten Schläfe und die angeschwollene Haut an meinem Auge spannt unangenehm.

Am liebsten würde ich den Kopf auf dem Tisch ablegen und einen Powernap machen.

Aber damit würde ich riskieren, die komplette Klausur zu verschlafen.

Kapitel 2

 

 

Zum ersten Mal seit Jahren gebe ich als Letzter und sogar kurz nach dem Klingeln ab, was meinen Lehrer nervös macht.

»War die Arbeit zu schwer?«, fragt er mit sorgenvoll gerunzelter Stirn.

»Nein, alles okay«, will ich ihn beruhigen. »Ich war nicht ganz auf der Höhe.«

Mit einem Kopfnicken deutet er auf meine rechte Gesichtshälfte. »Das sieht übel aus. Haben Sie mal einen Arzt auf Ihr Auge schauen lassen?«

»Nein.«

»Das sollten Sie aber. Gehen Sie wenigstens zu Mrs Harlington. Sie kann sich das ansehen und Ihnen etwas zum Kühlen geben.«

»Ja, das ist eine gute Idee.«

Mit einem Lächeln verabschiede ich mich, während Mr Fletcher die Klausuren in seiner Tasche verstaut.

Natürlich werde ich nicht zu Mrs Harlington, unserer Schulkrankenschwester, gehen. Vermutlich würde sie lauter unangenehme Fragen stellen. Wo ich mir das Veilchen eingefangen habe, kann ich ihr aber nicht beichten. Sonst kommt sie noch auf die Idee, das Jugendamt einzuschalten, was nichts bringen würde, weil die nicht mehr für mich zuständig sind. Nächsten Monat werde ich neunzehn. Die paar Wochen bis zu meinem Abschluss muss ich einfach die Zähne zusammenbeißen.

Danach bin ich frei.

Bevor ich auf den Flur hinaustrete, setze ich meine schicke Plastikbrille auf.

»Hey, wie lief es bei dir?« May wartet ein Stück von der Tür entfernt, den Rücken an der Wand und ein Knie lässig angewinkelt. Ob ihr bewusst ist, wie hammermäßig ihre langen Beine durch dieses Kleid in Szene gesetzt werden?

Langsam gehe ich zu ihr und lehne mich mit ausreichend Abstand zwischen die Garderobenhaken. Ich zwinge mich, woanders hin zu starren als auf ihre Beine, und kratze mich nervös durch meine graue Baumwollmütze hindurch am Kopf. In Mays Anwesenheit werde ich immer nervös.

Und mir wird warm.

Am liebsten würde ich mir die Mütze vom Kopf reißen, doch sie muss mein strähniges Haar verbergen.

»Gut und bei dir?«

Aufmerksam mustert sie mich »Auch okay. Du warst nicht so schnell wie sonst.«

Ich räuspere mich. »Ja, ich … ähm … habe etwas mehr nachgedacht.« Unsicher drehe ich ihren Taschenrechner in den Händen. »Ich kann Mrs Harlington fragen, ob sie diese … ähm … du weißt schon … diese Desinfektionstücher zum Abwischen hat.«

Mays Augenbrauen schießen nach oben. »Sag mal, spinnst du jetzt?« Mit einem Lachen rupft sie mir das Gerät aus den Fingern und steckt es ins Seitenfach ihres Rucksacks. »Die Sonnenbrille brauchst du übrigens nicht. Es weiß sowieso jeder, dass du ein Veilchen hast.«

Verlegen grinse ich und nehme das hässliche Ding von der Nase. »Ist das so, ja?«

Anders als vorhin im Klassenraum sieht sie mich frontal an und schnappt erschrocken nach Luft, als sie den Zustand meines Gesichts in voller Pracht entdeckt. »Wie hast du dir das zugezogen?«

Da ich dem warmen Blick ihrer schönen braunen Augen nicht standhalte, senke ich die Lider. Dabei fallen mir ihre Schuhe auf, die natürlich zu ihrem Kleid passen. Nur, dass die Farben vertauscht sind. Grüne Stiefel mit weißen Punkten.

»Bin in eine blöde Schlägerei geraten«, murmele ich.

Für einen Moment sagt keiner von uns etwas. Erwartet sie etwa, dass ich ihr mehr Details erzähle?

Ganz sicher nicht.

Ich hebe den Kopf und stelle fest, dass sie nachdenklich auf ihrer Lippe kaut. Als sie meinen Blick bemerkt, lächelt sie. »Tja, also … gehst du essen?«

Will sie mich etwa fragen, ob wir zusammen essen gehen? »Äh … ich … du meinst … in der Kantine?«

»Ja klar, wo denn sonst?« Ihr Grinsen lässt ihre Augen leuchten. Mein verräterisches Herz hüpft höher, doch leider muss ich seiner Vorfreude einen Dämpfer verpassen.

Ich kann nicht mit May zusammen essen gehen.

Unmöglich.

Hier im Flur kann ich Abstand wahren. Ihr blumig-frischer Duft umfängt mich trotzdem und das macht mich noch nervöser. Wenn man wirklich riechen kann, dass ich länger nicht geduscht habe? Das wäre furchtbar. In der Kantine würden wir an einem Tisch sitzen. Gott! Das geht gar nicht! Ich hasse Chandler für seine blöden Bemerkungen, denn auch wenn ich mir sage, dass es pure Provokation ist, verunsichern sie mich.

»Also?«, hakt sie nach, weil ich nicht antworte.

»Ähm … ja … also ich … bin mit … ähm … Flo verabredet.«

Sie blinzelt und setzt ein breites, viel zu gekünsteltes Lächeln auf. »Ach so, klar. Ich … bin auch mit Jo verabredet. Flo … Jo … witzig, oder?« Hektisch wedelt sie mit der Hand, umklammert ihren Ordner und drückt ihn fest an die Brust.

Ein seltsames Schweigen entsteht.

»Na dann«, sie lächelt und zuckt mit den Schultern. »Bis später? Wir sehen uns in Geschichte.«

»Ja … bis später.«

Sie dreht sich um und eilt davon. Wehmütig sehe ich ihr nach. Geschichte haben wir in der letzten Stunde. Bis dahin muss ich unbedingt eine Gelegenheit finden, um mich herauszuputzen. Vielleicht kann ich Bio schwänzen?

»Lass mich raten, was du gesagt hast: Äh, ähm ja, ömpf, tja, …« Flo ist neben mir aufgetaucht und grinst von einem Ohr zum anderen. »Hast du sie vor lauter Ähs wenigstens mal um ein Date gebeten?«

»Du spinnst«, raune ich missmutig und mache mich mit ihr auf den Weg in die Kantine.

Leider ist das Thema für Flo nicht abgehakt. Kaum haben wir mit unseren Tabletts an einem freien Tisch in der Nähe des Gangs Platz genommen, nimmt sie es wieder auf.

»Mal im Ernst. Du magst sie doch. Warum versuchst du es nicht einfach?«

May und ihre Freundin Jo haben gerade ein paar Tische weiter angehalten. Es scheppert, als sie ihr Tablett abstellt. Irgendetwas scheint sie zu verärgern.

Als würde sie meinen Blick spüren, schaut sie auf. Peinlich berührt sehe ich weg. »May und ich sind so ziemlich das totale Gegenteil voneinander. In diesem Leben wird aus uns nichts werden.«

Nachdenklich lutscht Flo ihre Gabel ab, bevor sie eine weitere Pommes im Ketchup ertränkt. »Wieso findest du, dass ihr verschieden seid?«

»Sieh sie dir doch an! Sie ist super gepflegt.«

Flo hebt herausfordernd eine Braue. »Na, du hast für heute doch eh noch eine Dusche eingeplant.«

»Haha, sehr witzig. Sie ist bildhübsch.«

»Du siehst auch nicht schlecht aus, wenn dein Gesicht nicht gerade in den Farben des Regenbogens aufblüht.«

Gereizt stochere ich im Gemüse herum. »Sie hat Stil und ist klug und witzig.«

Flo rollt genervt mit den Augen. »Was soll das werden, Eli? Fishing for compliments? Dein Gammelparka entbehrt nicht unbedingt eines gewissen Stils. Zu dem Rest sage ich nichts. Oder doch, weil du es offenbar noch einmal hören musst. Du bist einer der Besten unseres Jahrgangs, obwohl du überhaupt nichts dafür tust. Das ist total ungerecht, wenn du mich fragst.« Nun zieht sie einen Schmollmund und ich muss grinsen. »Übrigens sieht sie die ganze Zeit zu uns rüber.«

Ich verschlucke mich an einer Pommes. »Ehrlich?« Gerade will ich einen diskreten Blick in Richtung von Mays Tisch werfen, als mich ein erneuter Rempler an der Schulter trifft und ich es so eben vermeiden kann, mit dem Gesicht in meinem Essen zu landen. Dafür werfe ich mein Glas um, sodass sich Cola über Pommes, Bratling und Gemüse verteilt.

»Ups, entschuldige Penner.« Jemand beugt sich zu mir herunter. »Ich habe gar nicht gesehen, dass du hier im Weg herumsitzt. Oh, das sieht aber unappetitlich aus. Na ja, wahrscheinlich bist du breiiges Essen aus den Mülltonnen gewöhnt.«

Gott! Chandler, du Idiot!

Mit einem hämischen Grinsen geht er weiter, bis er sich selbst mit seinen Füßen verheddert und ins Stolpern gerät. Im letzten Moment kann er sich fangen, wirft bei seinem Manöver aber das Glas Orangensaft auf seinem Tablett um, sodass sich die Flüssigkeit über sein Essen ergießt.

»Ups, entschuldige Chandler«, höre ich vom Nachbartisch. »Ich habe gar nicht gesehen, dass meine Füße dir im Weg waren. Aber habe ich das richtig verstanden, dass du gern mal breiiges Essen testen möchtest?«

Ich sollte Genugtuung empfinden oder zumindest so etwas wie Schadenfreude. Doch mein Magen zieht sich zusammen. Ich achte nicht länger auf Chandlers mürrische Miene, sondern sehe zur Seite und begegne Deans Blick. Vertrauensvoll nickt er mir zu. Wie immer weckt seine Anwesenheit ein Wirrwarr an furchtbaren Erinnerungen in mir, weshalb ich mich abwende und wieder auf den Matsch vor mir auf dem Tablett starre.

Dean wird nicht müde, mir seine Loyalität zu zeigen, und ich fühle mich jedes Mal noch mieser, wenn ich ihn erneut vor den Kopf stoße. Er möchte an das anknüpfen, was früher zwischen uns war.

Doch das ist unmöglich.

Unsere Freundschaft wurde zerstört an dem Tag vor acht Jahren, nach dem nichts mehr so sein sollte wie zuvor.

Kapitel 3

 

 

»Worüber habt ihr so lang gequatscht?«

Über die Schulter wirft Jo mir einen fragenden Blick zu, während sie sich mit ihrem Tablett durch die hungrigen Schülermassen schlängelt. Dass sie ihre langen, schwarzen Braids dabei fast durch mein Essen zieht, ist ihr völlig egal. Es hat ewig gedauert, bis sie mit der Zusammenstellung ihres Salats fertig war, weshalb kaum noch Plätze frei sind. »Hat Eli dich zu einem Date eingeladen?«

Ausgerechnet an einem Tisch, der nur ein paar Meter von dem entfernt ist, an dem Eli und Flo sitzen, bleibt sie stehen. Obwohl … eigentlich ist das gar nicht schlecht. Vielleicht tut ihm seine Abfuhr dann leid. Ich meine, was wäre denn so schlimm daran gewesen, wenn wir alle zusammen essen gegangen wären?

»Pfff, träum weiter«, schnaube ich und knalle mein Tablett fester auf den Tisch als beabsichtigt, sodass ich selbst zusammenzucke. »Das wird in diesem Leben nicht geschehen.«

»Wieso nicht? Der Typ steht ganz offensichtlich auf dich.« Jo stellt den Rucksack ab, zieht die Jacke aus und setzt sich auf die Bank mir gegenüber. Die Innenarchitekten unserer Schule waren sehr kreativ und haben die Kantine mit lauter kleinen Busbänken versehen. Als würden wir nicht schon genug Zeit in schmuddeligen Schulbussen verbringen. Wenigstens sind sie bequem.

»Nein, ganz offensichtlich tut er das nicht, sonst würde er langsam mal aus dem Quark kommen.« Elis Zurückweisung hat mir mehr zugesetzt, als ich zugeben möchte.

Während ich meinen Frust an den Pommes auslasse, gießt Jo sich Joghurtdressing über den Salat. Ich verstehe nicht, wie sie davon satt wird.

»Na, dann musst du eben die Initiative ergreifen. Selbst ist die Frau.«

Mittlerweile habe ich fünf Pommes aufgespießt. »Stell dir vor, das habe ich versucht. Aber er wollte nicht einmal mit mir zusammen in der Kantine zu Mittag essen.«

»Oh.« Jo hält kurz mit der Hand in der Luft inne und sieht mich aus großen grünen Augen an. Dann winkt sie ab und taucht die Gabel in den Salat. »Der Typ hat keine Ahnung, was ihm entgeht.«

Als sie sich vorbeugt, fallen mir zwei Mädchen aus unserer Stufe auf, die mich von Kopf bis Fuß mustern und tuschelnd die Köpfe zusammenstecken. Vermutlich finden sie die grünen Punkte auf meinem weißen Kleid zu auffällig.

Wisst ihr was, Mädels? Das soll genau – so - sein.

»Was würde ihm denn entgehen?«, frage ich resigniert. Die abschätzigen Blicke meiner Mitschülerinnen sind nicht gerade förderlich für meine Laune. »Ein Essen mit einem Freak?«

Ich fürchte, das bin ich für einige hier. Mein Stil ist nicht jedermanns Sache. Manche mögen mich für meine ausgefallenen Klamotten bewundern, für viele sind sie jedoch einfach nur schräg.

»Hey, hör auf damit. Du bist originell, aber kein Freak. Außerdem warst du eh mit mir verabredet.« Sie grinst breit und tätschelt mir den Arm. »Nimm’s nicht so schwer.«

Über die Schulter sieht Jo zu Elis Tisch und ich folge ihrem Blick. Natürlich schaut Eli genau in diesem Moment zu uns herüber, was mich vermutlich knallrot anlaufen lässt. Ich hasse meine helle Haut dafür, dass sie meine Gefühlsregungen so leicht verrät. Betreten konzentriere ich mich auf mein Essen.

»Vielleicht konnte er die Situation nicht richtig einordnen«, denkt Jo laut nach. »Du solltest ihn um ein richtiges Date bitten, wenn du ihn wirklich näher kennenlernen möchtest. Wenn du es nicht machst, könnte es nämlich sein, dass ich es tue.«

Skeptisch lege ich den Kopf schief. Ich weiß genau, dass meine beste Freundin mir niemals dazwischen grätschen würde, sollte ich ein Auge auf Eli werfen. Aber … »Woher stammt dein plötzliches Interesse an ihm?«

Jo schnalzt mit der Zunge. »Ich denke, wenn man ihn mal packen und den Dreck abschütteln würde, käme ein ganz passables Kerlchen zutage.« Sie spießt ein Salatblatt auf die Gabel und befördert es in ihren Mund, ohne mit dem Dressing zu kleckern. Ihr leicht verträumter Blick lässt mich stutzen.

»Moment mal. Das klingt so, als ob … Hast du … ich meine … woher …«

Sie grinst von einem Ohr zum anderen. »Du solltest dein Gesicht sehen. Es ist zum Schießen.«

»Raus mit der Sprache«, fordere ich ungeduldig.

Ihre grünen Augen funkeln, als sie sich über den Tisch beugt und verschwörerisch den Ton senkt. »Tja, also eventuell war ich am Wochenende mit meinem Vater im Baumarkt. Eventuell war es zufällig genau der Baumarkt, in dem Eli jobbt. Mein Vater kennt Greg, den Inhaber, schon ewig und handelt immer Sonderkonditionen aus. Dafür gehen wir dann in Gregs Büro hinten auf dem Hof. Erinnerst du dich, dass wir letzten Samstag richtig schönes, sonniges Wetter hatten? Fast schon warm? Jedenfalls habe ich Eli entdeckt, wie er irgendwelche Baustoffe umgeladen hat. Er hat wohl nicht damit gerechnet, dass Kunden auf den hinteren Teil des Hofs kommen würden, denn er hat nicht dieses typische Baumarkthemd getragen, mit dem alle Mitarbeiter dort herumlaufen.«

Jo legt eine Kunstpause ein und ich stehe kurz davor, sie zu erwürgen. »Sondern?«

Sie beugt sich noch weiter vor und flüstert. »Er hatte gar kein Hemd an. Das war …« Sie lehnt sich zurück und fächelt sich mit der Hand Luft zu. »Uhhh … verdammt heiß.«

Meine Ohren beginnen zu glühen, als ein Film vom Baumarkt vor meinem inneren Auge abläuft, in dem Eli ohne scheußliches Baumarkthemd einen Haufen Sand von der einen in die andere Ecke schaufelt. Ich stelle mir vor, wie er sich kurz aufrichtet, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen … wie er nach einer Flasche Wasser greift und sie leer trinkt, wobei ein wenig Kondensflüssigkeit des eiskalten Getränks auf sein Kinn tropft, über seinen Hals läuft und dann weiter … hinab …

Ich schlucke schwer, als ich einen kurzen Blick zu Elis Tisch hinüberwerfe. Der olivfarbene Parka ist definitiv ein Störfaktor. Allerdings steht ihm die graue Beanie, unter der die Spitzen seines kinnlangen blonden Haars hervorblitzen, ziemlich gut.

»Warum hast du mich nicht angerufen?«, nörgele ich und bringe Jo zum Lachen.

»Süße, was willst du denn in einem Baumarkt? Nähmaschinen gibt es da nicht.«

»Du Hexe«, maule ich. »Mein Papa findet immer etwas im Baumarkt und ich hätte ihn begleitet. Ich bin gerade total wütend auf dich, weil du …«

Mitten im Satz breche ich ab, weil ich mitbekomme, wie Chandler Eli anrempelt. »Das kann doch nicht wahr sein!«, entfährt es mir vor Entrüstung.

Chandler entwickelt sich für mich zu einem Grund, an irgendeinem Kampftraining teilzunehmen, nur damit ich ihm eine reinhauen kann. Elis enttäuschter Blick, als seine Cola sich über das Essen verteilt, geht mir durch und durch. Umso mehr packt mich die pure Genugtuung, als Chandler selbst ins Schwanken gerät und sich den Orangensaft über sein eigenes Essen schüttet.

Well done!

Während Chandler sich fluchend einen freien Tisch sucht, bekomme ich einen kurzen Blickwechsel zwischen Dean und Eli mit, der mich verwirrt.

»Was ist das eigentlich zwischen Dean und Eli?«, frage ich Jo. »Ihr Verhältnis ist irgendwie seltsam, findest du nicht? So angespannt.«

Sie zuckt mit den Schultern. »Ich glaube, sie waren früher sehr dicke. Die kennen sich schon seit der Grundschule. Sie sind ja auch im gleichen Jahrgang.«

Nun horche ich auf. »Wie meinst du das? Wir sind doch alle im gleichen Jahrgang.«

Jo kaut zu Ende. »Ne, die beiden sind ein Jahr älter. Wusstest du das nicht?«

Überrascht schüttele ich den Kopf. Ich bin erst seit der Oberstufe an unserer Schule, weil ich damals nach dem Umzug meiner Eltern wechseln musste.

»Eli hat ein Jahr wiederholt?«, frage ich ungläubig. Bei Dean kann ich mir das vorstellen, weil seine Noten leider immer knapp über dem Mindestmaß liegen. Aber Eli?

»Ja, er hat in der sechsten Klasse häufig gefehlt und dementsprechend abgebaut.«

»Ach ja? Wieso denn?«

Jo zuckt mit den Schultern und sieht nachdenklich zu Eli hinüber, der lustlos die in Cola getränkten Pommes betrachtet und dann dankbar Flos Angebot annimmt, als sie ihr Tablett in die Mitte schiebt. Wie hat sie es bloß geschafft, sein Vertrauen zu erlangen?

»Keine Ahnung. Ich habe nur mitbekommen, dass er plötzlich in unserer Stufe war. Er war extrem finster drauf, weshalb ich ihm lieber aus dem Weg gegangen bin.«

»Seltsam«, murmele ich. Ich will Jo fragen, was sie mit finster meint. Eli ist zwar zurückhaltend, aber in der Regel freundlich. Da fällt mir sein blaues Auge wieder ein, bei dessen Anblick ich mich ziemlich erschrocken habe. »Glaubst du eigentlich diese Gerüchte, dass er in kriminelle Bandenkämpfe verwickelt ist?«

Jo hebt einen Mundwinkel zu ihrem typisch schiefen Grinsen. »Neee. Das haben doch nur die Bitches aus dem Politikkurs erfunden, damit er interessanter für sie wird. Wenn er in Bandenkämpfe verwickelt wäre, hätte er Chandler bestimmt schon längst eine reingehauen, wenn der ihn wieder piesackt, denkst du nicht?«

Klingt logisch.

»Trotzdem ist irgendetwas bei ihm im Argen«, fährt Jo fort. »Die schmutzigen Klamotten, das ungepflegte Auftreten, der hat doch ein paar Nächte überall und nirgends verbracht, aber ganz sicher nicht zu Hause. Deswegen hatte er auch keinen Taschenrechner dabei. Ein schlauer Typ wie Eli würde nicht das Material zur Prüfung in seinem Lieblingsfach vergessen.«

Da hat sie recht.

Ach, verdammt.

Ich würde Eli so gern helfen. Wenn er doch nicht immer so verschlossen wäre! Er wollte mir nicht sagen, woher seine Verletzung stammt, und mit mir essen wollte er auch nicht. Außerdem war ihm meine Nähe unangenehm.

Außer von Flo scheint er von niemandem Hilfe annehmen zu wollen.

Kapitel 4

 

 

»Was war denn nun am Wochenende bei dir los?«, fragt Flo, während wir die Kantine verlassen und zu unseren Spinden gehen.

Hinter meiner Stirn melden sich Kopfschmerzen. Der Schlafmangel und die vierstündige Klausur heute Morgen machen sich bemerkbar. Müde reibe ich mir über die Schläfen. »Der übliche Scheiß halt, nur diesmal ist es richtig eskaliert.«

»Also mal wieder Streit mit Ed?«

»Klar. Es ist immer das Gleiche.«

»Geldprobleme?«

»Was sonst. Unsere Haushaltskasse war leer, was sie so früh im Monat noch nicht hätte sein dürfen. Mum stand völlig aufgelöst vor unserem leeren Kühlschrank. Also bin ich in mein Zimmer, um etwas von meinem Ersparten zu holen. Als ich mich umgedreht habe, stand Ed da.«

»Shit!« Flo schlägt sich erschrocken die Hand vor den Mund. Sie weiß von dem angespannten Verhältnis zu meinem Stiefvater, unserem chronischen Geldmangel und dass ich einen Teil des Geldes, das ich im Baumarkt verdiene, in die Haushaltskasse abgeben muss. Was okay ist. Den Rest lege ich allerdings akribisch für meine eigenen Pläne an die Seite, und zwar so gut versteckt, dass Ed es nicht findet.

»Als er mein Erspartes gesehen hat, hat er mir vorgeworfen, dass ich meinen Anteil nicht bezahle und zu viel für mich behalte. Daraufhin habe ich ihm an den Kopf geknallt, dass ich kein Geld verdiene, damit er sich bedienen und es versaufen könne. Damit habe ich ihn richtig wütend gemacht.«

»Scheiße, Eli«, murmelt Flo erschrocken.

Mittlerweile sind wir bei unseren Spinden angekommen. Ich seufze, während ich mein Mathebuch verstaue und stattdessen Bio und Geschichte heraushole.

Seitdem Ed vor fünf Jahren seine Stelle verloren hat, treibt er sich permanent in Kneipen herum und wirft mit Geld um sich, das wir nicht haben. Wir stecken bis zum Hals in Schulden, weil er einfach nicht die Kurve kriegt. Er sollte sich einen Job suchen und selbst wieder dazu beitragen, unsere Kasse zu füllen.

So wie er sich gehen lässt, würde ich ihm allerdings auch keine Arbeit anvertrauen.

»Mum wollte ihn besänftigen und mir helfen. Aber Ed hat ihr nicht zugehört. Wie immer. Er ist ausgerastet, weil es ihm natürlich nicht gefallen hat, dass ich ihn indirekt als Dieb bezeichnet habe. Dass Mum mich verteidigen wollte, hat ihn rotsehen lassen. Sie würde sich immer gegen ihn stellen und ich sei ein egoistischer Nichtsnutz. Sie sei schuld daran, dass er den Job verloren hätte, und könne mit dem Geld nicht haushalten. Wir hätten sein Leben ruiniert und ihn ausgesaugt, blablabla.«

Ich kann das gereizte Stöhnen nicht zurückhalten.

»Mir ist der Kragen geplatzt und ich habe ihm gesagt, er solle Mum gefälligst nicht die Schuld an seiner eigenen Scheiße geben. Daraufhin hat er mir alle möglichen Schimpfwörter an den Kopf geknallt und mich schließlich rausgeschmissen. Was mir schon fast entgegen kam. Ich hätte es keine Sekunde länger in seiner Gegenwart ausgehalten.«

Mitfühlend legt Flo mir die Hand auf den Arm.

Um taff zu wirken, zucke ich mit den Schultern. Ich bin nicht zum ersten Mal rausgeflogen und sollte allmählich eine gewisse Routine entwickeln. Manchmal suche ich sogar freiwillig das Weite und übernachte lieber unter freiem Himmel. Dumm ist nur, dass Chandler mich einmal beim Schlafen auf einer Parkbank überrascht hat, während er frisch und ausgeruht sein Lauftraining absolvierte.

Irgendwie habe ich mir den Spitznamen Penner also selbst zuzuschreiben.

»Ed ist so ätzend. Aber dein Auge? Das war er nicht, oder?«

Ich schüttele den Kopf. »Nein. Das waren so ein paar Pen-« Mitten im Satz breche ich ab, als ich kapiere, dass ich ausgerechnet das Wort verwende, mit dem Chandler mich immer so liebevoll betitelt. »…also so ein paar Idioten, denen meine Nase nicht gefallen hat. Sie meinten, der Bereich um den Kiosk in der U-Bahn-Station beim Hauptbahnhof sei ihr Revier. Ich hatte die geniale Idee, mir nicht alles gefallen lassen zu wollen, was … eher dumm war, denn … tadaa!« Ich gebe mich gelassen und zeige auf mein Gesicht.

Da es nicht meine erste Auseinandersetzung auf der Straße war, kann ich mich inzwischen recht gut verteidigen. Gegen drei Kerle von derartigem Kaliber gerate ich allerdings an meine Grenzen.

Ich bin es leid, herumgeschubst zu werden.

»Shit, das hört sich richtig mies an. Und was ist mit Ed und dem Geld?«

Ich muss schlucken.

Flo kennt meine Zukunftspläne. Um mich mache ich mir nicht so viele Sorgen, denn ich habe ein Stipendium erhalten und werde im nächsten Jahr im Studentenwohnheim unterkommen. Allerdings hoffe ich, dass Mum endlich den Absprung schafft, mit mir kommt und Ed verlässt. Wir könnten uns ein kleines Appartement suchen.

Aber dafür bräuchten wir Geld.

»Keine Ahnung«, krächze ich an dem Knoten in meinem Hals vorbei. Wenn Ed mein Geld behalten hat, sieht es für meine Pläne düster aus.

»Wie viel war es?«

»Über 3000 Euro.« Damit kann man zwar keine großen Sprünge machen, aber es war ein Nottropfen.

»Und jetzt? Was willst du tun?«

Resigniert starre ich den Spind an. »Weiterarbeiten?«

Flo drückt meinen Arm und nickt nachdenklich, bevor sie sich ihrem Spind zuwendet. »Sag mir Bescheid, wenn ich etwas für dich tun kann, Bro.«

Bei ihrem Gangsterjargon muss ich grinsen. »Du tust schon genug, indem du dir mein Lamentieren anhörst, Sis.«

Wir klappen unsere Schließfächer zu und verabschieden uns, weil unsere Kurse in entgegensetzten Richtungen liegen.

Allerdings mache ich mich nicht auf den Weg zum Bio-Raum, da ich mir fest vorgenommen habe, die folgende Stunde auszusetzen. Wenn ich die Gelegenheit auf eine Dusche wahrnehmen möchte, dann jetzt. Nachher findet das Training der Fuß- und Basketballmannschaften statt. Auf die blöden Kommentare von so Typen wie Chandler und seinen Kumpels bin ich nicht scharf.

Gerade als ich mich zum Nebeneingang hinausschleichen will, laufe ich ausgerechnet meinem Bio-Lehrer Mr Sutton in die Arme.

Es wäre zu schön gewesen, wenn mal etwas so funktioniert, wie ich es geplant habe.

»Eli? Wo wollen Sie denn hin? Zum Biologie-Raum geht es in die andere Richtung.«

»Ähm … ach ja, Mr Sutton. Ich dachte, ich hätte zuerst Geschichte.« Mit einem extrem höflichen Lächeln mache ich kehrt und folge ihm in die zweite Etage.

Eigentlich fand ich Bio immer spannend. Bis wir Mr Sutton bekamen. Seine Stimme ist einschläfernd, außerdem bringt er uns nicht wirklich etwas Neues bei. Deshalb klinke ich mich nach fünf Minuten aus.

Statt über Biologie denke ich über Mum nach.

Ich glaube, sie hat Ed nie geliebt. So seltsam es klingt, aber damals hat sie ihn meinetwegen geheiratet. Damit ich wieder einen Vater hatte und wir das Haus behalten konnten. Mum dachte, mit Eds Unterstützung wäre das möglich. Dabei wären wir ohne ihn besser dran gewesen. Er war nie eine Vaterfigur für mich.

Und er tut Mum nicht gut.

Es macht mich fertig, zusehen zu müssen, wie er sie zermürbt. Ich verstehe nicht, wieso sie seine Gemeinheiten stumm erträgt, und das seit Jahren. Ist es die Gewohnheit? Angst davor, allein zu sein? Merkt sie letztendlich gar nicht mehr, wie klein er sie hält?

Ed war nicht immer so. Als er meine Mum kennenlernte, hat er sie vergöttert. Allerdings konnte ich ihn noch nie leiden. Ich wollte ihn nicht akzeptieren. Niemand konnte Dad ersetzen. Damit habe ich es Mum schwer gemacht, weil sie immer zwischen uns stand.

Vermutlich trage ich also ebenfalls Schuld an der ganzen Situation zuhause.

Trotzdem ist Ed ein Arsch. Er hat uns Stück für Stück das Leben versaut. Als ich jünger war, habe ich es noch nicht verstanden. Er ist zu subtil vorgegangen, hat seine Kritik hinter hübschen Worten versteckt.

Erst nach und nach habe ich begriffen, was für ein manipulativer Mistkerl er ist. Er schafft es, dass Mum sich schuldig fühlt, wenn etwas nicht glatt läuft. Er hält sie auf Abstand, um sie zu bestrafen, und lässt sie nur an sich heran, wenn er etwas von ihr braucht. Er tut alles, um sich überlegen fühlen zu können. Eine Partnerschaft auf Augenhöhe sieht anders aus.

Ich versuche Mum zu stützen, wo ich nur kann. Ich verteidige sie, was leider in so hässlichen Szenen endet wie in der von letztem Freitag. Wohlwissend, dass Ed Widerworte nicht akzeptiert, versuche ich normalerweise, mich zusammenzureißen, um diese letzten paar Monate noch zu überstehen.

Aber ich ertrage ihn einfach nicht mehr und es wird von Tag zu Tag schlimmer.

Ich hole tief Luft und lasse sie langsam entweichen. Die düsteren Gedanken an zu Hause würde ich gern für einen Moment ausschalten, doch das ist nicht so einfach. Ich bräuchte etwas, das mich noch mehr beschäftigt, sodass sich das Karussell in meinem Kopf in die andere Richtung dreht, etwas Schönes, das meinem Hirn eine Wohlfühlpause gönnt.

Prompt lande ich bei May.

Dieses Mädchen geht mir unter die Haut, und das schon seit ihrem ersten Tag an unserer Schule vor knapp zwei Jahren.

Ich male mir aus, wie es gewesen wäre, wenn ich vorhin mit ihr in der Kantine gegessen hätte. In meiner Vorstellung ist das möglich, wenn auch leider nur dort.

Worüber hätten wir gesprochen? Hätte ich überhaupt einen zusammenhängenden Satz herausbekommen? Sie ist wahnsinnig hübsch und das haut mich immer wieder um. Wenn sie mich aus ihren Schokoaugen ansieht, fehlen mir die Worte.

Ich mag es, wie sie sich kleidet. So ganz anders als die anderen. Sie folgt keinem Trend, sondern zieht ihr eigenes Ding durch.

Verträumt lächle ich. Dieses Kleid mit den riesigen Punkten, dazu ihr rotes Haar …

»Elias Willoughby?«

Bei meinem Namen horche ich auf und staune nicht schlecht, als ich unseren Direktor Mr Pimberton in der geöffneten Tür zum Flur entdecke. Ich habe nicht mitbekommen, dass er geklopft hat.

»Ähm, ja?«

Sein Blick huscht über die Schülerinnen und Schüler, bis er mich entdeckt hat. »Würden Sie bitte mit mir kommen?«

Die ganze Klasse dreht sich zu mir um, was an sich schon unangenehm ist, aber noch von einem anderen Gefühl überschattet wird. Wenn der Direktor höchstpersönlich jemanden aus dem Unterricht holt, bedeutet das nichts Gutes. Entweder man hat etwas ausgefressen oder … Mum ist mein nächster Gedanke und mein Herz beginnt zu rasen. »Ist etwas passiert?«

»Das erkläre ich Ihnen gleich, Mr Willoughby. Kommen Sie jetzt bitte?«

Mit weichen Knien stehe ich auf und setze mich in Bewegung, werde jedoch sofort vom Direx unterbrochen. »Nehmen Sie auch Ihre Unterlagen mit. Sie werden nicht in den Unterricht zurückkehren.«

Für einen Moment starre ich ihn verständnislos an, folge dann wie in Trance der Aufforderung und packe meinen Block und die Stifte in den Rucksack. Während ich den Parka überziehe, ist es beängstigend still im Raum. Hier und da wird getuschelt. Bio ist ein Kurs, den ich ausnahmsweise nicht gemeinsam mit Chandler habe, sonst würde ich jetzt wohl die nächste blöde Bemerkung kassieren.

Zwei Dutzend Augenpaare folgen mir, während ich durch den Gang nach vorne gehe.

»Entschuldigen Sie die Störung, Mr Sutton«, verabschiedet sich der Direktor, bevor er die Tür hinter mir schließt. »Kommen Sie, Elias.«

»Worum geht es, Mr Pimberton? Ist etwas mit meiner Mutter?« Ich kann mich nicht länger zurückhalten.

»Keine Sorge.« Er winkt ab. »Es geht nicht um Ihre Mutter.« Dann stutzt er. »Oder vielleicht doch. Aber das werden Sie gleich selbst erfahren.«

Na super, beruhigt bin ich jetzt nicht.

Pimberton führt mich durch die leeren Gänge, bis wir die Aula erreichen. Es ist unser Präsentationsraum, in dem alle wichtigen Ereignisse wie Aufführungen, Konzerte oder Elternversammlungen stattfinden. Er öffnet die große Flügeltür und sofort schlägt mir der Geruch von gebohnertem Linoleum entgegen. Die senfgelben Vorhänge vor den deckenhohen Fenstern sind zugezogen, wie immer, wenn der Raum längere Zeit nicht genutzt wird. Deswegen betätigt der Direktor mehrere Schalter neben der Tür, damit es heller wird. Dann bittet er mich herein und schließt die Tür hinter uns.

»Diese Herrschaften wünschen Sie zu sprechen, Elias«, sagt er und deutet mit einer ausladenden Geste in die Aula.

Als ich mich umdrehe, entdecke ich einen Mann und eine Frau in einer dunkelblauen Uniform, die mir vage bekannt vorkommt. Etwas abseits steht ein Typ in einem schwarzen Anzug. An seinem Ohr blitzt der weiße Draht eines Funksprechgeräts auf. Er hat die Hände locker in die Hüften gestemmt, wodurch sein Jackett zurückgeschoben wird.

Was ich darunter erkenne, lässt mich erschaudern.

Der Mann ist bewaffnet.

 

 

 

 

 

»Ja, also … irgendwie sind auf einmal beide Frauen total in ihn vernarrt, Madame de Rênal und Mathilde, und eine ist eifersüchtiger als die andere, und dann wird Mathilde auch noch schwanger und -«

»Warum sagt er nie etwas?«, unterbreche ich Jos Redeschwall, dem ich sowieso nicht folgen kann. Meine Gedanken sind ganz woanders. Bei einem hübschen blonden Kerl mit lilagrünem Veilchen.

»Wer?«, fragt Jo sichtlich verwirrt. »Julien Sorel?«

»Wer ist das denn?«

»Mon Dieu! May! Ast du mir überaupt nischt zugeört? Isch bin schon fast am Endö von Le rouge et le noir und du passt gar nischt auf.«

Jo stemmt die Hände in die Hüften wie unsere Französischlehrerin Madame Jouvier es immer tut. Bei ihrem vorwurfsvollen Ton bekomme ich den Ansatz eines schlechten Gewissens, allerdings nur ganz kurz.

Wir haben uns an einen kleinen Tisch in einer Fensternische im Lichthof zurückgezogen, dem Aufenthaltsbereich für die Oberstufe. Vor uns haben wir Bücher, Hefte und unsere Tablets ausgebreitet. Eigentlich nutzen wir gemeinsame Freistunden zum Lernen.

Nur, dass es mir heute nicht gelingen will.

»Sorry. Tut mir leid. Es ist nur so, dass ich mir einfach nicht erklären kann, warum Eli sich nie wehrt, wenn Chandler ihn ärgert.«

Jo rollt mit den Augen. »Hätte ich mir eigentlich denken können. Es geht mal wieder um Elias Willoughby. In letzter Zeit redest du ganz schön oft von ihm.«

Energisch schlägt sie ihr Buch zu. Dem Blitzen in ihren Augen nach zu urteilen, hat sie trotz des Protests viel mehr Lust dazu, Theorien über Eli zu entwickeln, als verstaubte Romane zusammenzufassen. »Vielleicht weil er einfach über Chandlers Bemerkungen steht? Oder aber, weil er es könnte …«

»Hä?«

»Na ja, also weißt du, so wie er gebaut ist, müsste er sich gut verteidigen können.«

»Argh! Verdammt, jetzt fang nicht wieder mit dieser Baumarktsache an! Hatte er sein blaues Auge am Samstag schon?«

»Ehrlich gesagt habe ich darauf nicht geachtet.« Wieder ist da dieser verklärte Ausdruck in ihrem Gesicht und ich muss lachen.

»Schon klar. Dein Blick war auf andere Regionen gelenkt.«

Bedeutungsschwer wiegt Jo ihren Kopf hin und her und ich stupse sie amüsiert in die Seite. »Du bist mir echt keine Hilfe.«

Worauf achte ich bei Eli eigentlich als erstes, wenn er mir gegenübersteht? Sofort denke ich daran, wie er seine Sonnenbrille abgenommen und mich aus diesen tiefblauen Augen angeschaut hat. Er hat die interessantesten Augen, die ich je gesehen habe. Und seine Lippen … Ich würde sie zu gern mal anfassen.

»He, wo bist du jetzt schon wieder mit deinen Gedanken?«

Jo stößt mich gegen den Oberarm. Dabei hat sie diesen komisch wissenden Ausdruck im Gesicht, der mich fast schon quält. Wie in Mathe, wenn sie etwas kapiert, während ich auf dem Schlauch stehe. »Kann es sein, dass es dich erwischt hat?«

»Quatsch.« Schließlich kenne ich Eli kaum. Aber ich bin definitiv neugierig auf ihn, vermutlich, weil ich nicht an ihn herankomme.

Ungeduldig schaue ich auf die Uhr. In der Geschichtsstunde werde ich ihn wiedersehen. Vielleicht versuche ich es doch mal, mich mit ihm zu verabreden. Es muss ja kein Date sein, wir können auch Matheaufgaben zusammen lösen. Ich würde ihn gern näher kennenlernen, denn ich finde ihn mysteriös und interessant. Außer Flo hält er jedoch alle Menschen auf Abstand und ich möchte wissen, woran das liegt.

Wenn ich etwas herausfinden will, kann ich ziemlich hartnäckig sein und im Augenblick würde ich das Rätsel Elias Willoughby nur zu gern knacken.

Als ich kurz darauf voller Vorfreude in den Geschichtsraum eile, muss ich eine herbe Enttäuschung hinnehmen.

Eli ist nicht da.

Vielleicht wurde er in seinem vorherigen Kurs aufgehalten. Sie könnten eine Hausaufgabenüberprüfung geschrieben haben. Oder er diskutiert noch mit seinem Lehrer?

Irgendeinen banalen Grund wird es geben, denn Eli verpasst nie eine Geschichtsstunde. Es ist unser zweites gemeinsames Lieblingsfach neben Mathematik. Es muss doch etwas bedeuten, dass wir so viele Interessen teilen. Also immerhin schon mal zwei.

Unruhig recke ich den Hals und behalte die Tür im Auge. Ich würde es niemals zugeben, aber die Mathe- und Geschichtsstunden sind nicht nur wegen der Fächer meine Highlights.

Es klingelt zum zweiten Mal und unser Geschichtslehrer schließt die Tür zum Flur.

Als Eli auch fünf Minuten nach Beginn der Stunde noch nicht erschienen ist, beschleicht mich ein mulmiges Gefühl.

Kapitel 5

 

 

»Das soll er sein? Unmöglich. Hier muss eine Verwechslung vorliegen.«

Die Frau in der blauen Uniform schürzt die Lippen und macht eine wegwerfende Geste, als wolle sie uns direkt wieder fortschicken. Ihr mit grauen Strähnen durchzogenes, ursprünglich wohl braunes Haar hat sie in einem strengen Knoten zusammengefasst. Die rot geschminkten Lippen wirken in dem sonst blassen Gesicht ein bisschen gruselig.

Bei dem abschätzigen Blick, mit dem sie mich taxiert, könnte ich im Strahl kotzen. Es ist offensichtlich, was sie von mir hält.

Der Typ mit dem schwarzen Anzug lächelt mich freundlich an. Seine raspelkurzen dunklen Haare und der gebräunte Teint stehen in krassem Gegensatz zu seinen weißen Zähnen. Mittlerweile hat er sein Jackett wieder zugeknöpft, aber ich weiß, was ich darunter gesehen habe, und das macht mich nervös.

Der etwas ältere Herr, der ebenfalls die seltsame Uniform trägt, legt den Kopf schief und mustert mich durch seine Harry-Potter-Brille. »Nein, das ist keine Verwechslung. Sehen Sie nur mal genau hin, Margaret. Er ist Lady Lucinda wie aus dem Gesicht geschnitten.«

Lucinda? Bei dem Namen muss ich an unsere verstorbene Königin denken. Wer heißt auch sonst so?

Aber die ist schon seit Ewigkeiten tot, also ist es sehr unwahrscheinlich, dass sie von ihr sprechen.

»Nun ja, ich weiß nicht. Sind Sie sich wirklich sicher, dass Sie uns Elias Willoughby gebracht haben?«, fragt diese Margaret unseren Direktor und bringt mich damit um meine mühsam aufrecht erhaltene Fassung.

»Mit Verlaub, Ma’am, ich stehe genau vor Ihnen. Sie können mich also auch direkt ansprechen. Und ja, ich bin Elias Willoughby. Würden Sie mir jetzt bitte verraten, was dieser ganze Aufwand soll? Ich verpasse den Unterricht.«

Die blassblauen Augen der Frau werden groß, als hätte ich eine enorme Unverschämtheit vom Stapel gelassen. Der Mann hingegen räuspert sich, wippt ein wenig auf den Fußballen, was seine grauen Löckchen tanzen lässt, und richtet sich gerade auf.

»Entschuldigen Sie bitte vielmals unsere Unhöflichkeit, Mr Willoughby. Mein Name ist Alfred Watson, Butler in Hallington Palace, und das ist Mrs Margaret O’Ryan, unsere Haushälterin. Wir sind hier im Namen von Seiner Majestät König Reginald Alexander von Bredina, Ihrem leiblichen Vater, welcher wünscht, dass wir Sie nach Hause bringen, in den Palast.«

What?

Er zieht die Augenbrauen hoch, als würde er einen Applaus erwarten, doch ich kann ihn nur anstarren. Ehrlich gesagt weiß ich nicht, ob ich laut lachen oder mich einfach kommentarlos umdrehen und weggehen soll. Als ich einen Blick zu Mr Pimberton werfe, wird mir anhand seiner geweiteten Augen klar, dass er genauso überrascht ist wie ich.

Während das Schweigen im Raum bedrückend wird, studiere ich diesen Alfred genauer. Woher kenne ich bloß die Uniform? Seine Aussage über meinen angeblich leiblichen Vater fällt mir wieder ein.

»Das ist ein riesengroßer Witz, oder?«

Als hätte er nur auf eine erneute Aufforderung, zu sprechen, gewartet, fährt Alfred fort. »Keineswegs, königliche Hoheit. Sie sind der zweitgeborene Sohn von Lady Lucinda, Gott habe sie selig, und König Reginald.«

Nun kann ich mein Lachen nicht mehr zurückhalten. »Und wie soll das bitte funktionieren? Lady Lucinda ist schon ein paar Jahrzehnte tot.«

Wieder zieht er seine Augenbrauen hoch und wippt auf den Fußballen. »Um genau zu sein, werden es am 29. April neunzehn Jahre.« Bei diesem Datum muss ich schlucken. Das kann doch nur ein dämlicher Zufall sein, oder? »Wenn ich recht informiert bin, werden Sie, königliche Hoheit, an diesem Tag Ihren neunzehnten Geburtstag begehen.«

»Könnten Sie bitte aufhören, mich so zu nennen?«, ist alles, was mir dazu einfällt.

Hilfesuchend wende ich mich an Mr Pimberton, der entschuldigend die Achseln zuckt. Von ihm kann ich keine Unterstützung erwarten.

Mein Blick schweift zu dem Typen mit der Waffe. »Und was machen Sie hier? Wieso sind Sie bewaffnet?«

Irgendetwas an der Sache ist doch faul.

»Ich arbeite als königlicher Leibwächter und habe die Aufgabe, Sie sicher zum Palast zu geleiten. Mein Name ist Zacharias Evans, königliche Hoheit.«

Nur mit Mühe unterdrücke ich ein Schnauben. Jetzt nennt der mich auch so.

Dann kommt mir eine Idee. »Chandler steckt dahinter, oder? Verdammt, wieso bin ich nicht gleich darauf gekommen. Heute sprüht er mal wieder vor Kreativität. Die Nummer mit der Mülltonne wurde allmählich langweilig. Okay, gut, haben Sie das gefilmt, damit Chandler seine Genugtuung bekommt und es überall posten kann?«

Ich drehe mich weg, um zur Tür zu gehen, wobei mein Blick Mr Pimberton streift, der schockiert den Kopf schüttelt.

»Wieso machen Sie da überhaupt mit?«, frage ich ihn entrüstet.

»Ich fürchte, das ist kein Scherz, Elias. Der Besuch der Herrschaften wurde uns telefonisch angekündigt und die Nummer hatte die Vorwahl des Palastes. Sonst hätte ich Sie gewiss nicht aus dem Unterricht gerissen.«

»Wenn es Sie beruhigt, königliche Hoheit, werden wir uns ausweisen.« Alfred macht sich an der Innentasche seines Jacketts zu schaffen.

»Sie sollen mich nicht so nennen.«

Vom Penner zur königlichen Hoheit an einem Tag?

Das verkrafte ich nicht.

Außerdem kann ich das Gefühl nicht abschütteln, dass ich so richtig auf den Arm genommen werde.

Alfred zuckt zusammen, holt aber unbeirrt ein schmales Lederetui hervor. Er schlägt es auf, hält es mir hin und präsentiert mir einen Ausweis mit seinem Namen und einem Foto. Auf dem zweiten Dokument prangt das Wappen des Königs von Bredina, ein stilisiertes Schloss, links darunter der Phönix und rechts daneben eine weiße Lilie, gehalten in den Farben unseres Landes, Blau, Grün und Weiß. Neben dem Wappen steht unter einem weiteren Foto, das einen Alfred mit sehr ernster Miene zeigt, seine Berufsbezeichnung: königlicher Butler.

Mir wird schlecht.

Jetzt weiß ich auch, woher ich die Uniform kenne. Alle Bediensteten des Palastes tragen sie, zumindest auf den Übertragungen im Fernsehen.

Auch Mrs O’Ryan zeigt mir ähnliche Kärtchen.

Auf die Ausweise des angeblichen Leibwächters verzichte ich, was vielleicht dumm ist, schließlich ist er der Typ mit der Waffe. Seltsamerweise finde ich ihn am vertrauenswürdigsten, er schaut als einziger nicht so überheblich aus der Wäsche.

Alfred sieht auf seine Armbanduhr. »Wenn ich mich nicht irre, wird es in zehn Minuten zur nächsten Stunde klingeln. Wir würden unnötigen Aufruhr gern vermeiden und so wenig Aufmerksamkeit erregen wie irgend möglich. Deshalb wäre es uns wichtig, dass wir jetzt schnell mit Ihnen das Schulgelände verlassen und uns direkt zum Palast begeben.«

»Nein, nein, nein«, wimmele ich ab. »Das ergibt alles keinen Sinn! Es war nie davon die Rede, dass König Reginald einen zweiten Sohn hat. Wie kommen Sie überhaupt darauf? Und wieso kreuzen Sie erst jetzt hier auf? Immerhin gibt es mich seit fast neunzehn Jahren.«

Irre ich mich oder überzieht eine leichte Röte die Wangen dieses so beherrschten Butlers?

»Wir sind nicht befugt, Ihnen diesbezüglich Auskunft zu erteilen. Seine Majestät König Reginald wünscht, Sie höchst persönlich zu sprechen und Sie über alle Fragen, Ihre Herkunft betreffend, aufzuklären.«

»Wird er seine Waffe benutzen, wenn ich mich weigere mitzukommen?«, frage ich und nicke in Zacharias’ Richtung, der erst die Stirn runzelt, dann ein Lächeln unterdrückt und sich schließlich verlegen auf die Lippe beißt.

»Mit Verlaub, köni … ähm, Sir … Mr Willoughby«, stammelt er, wobei ich ihm hoch anrechne, dass er sich diese affige Anrede der königlichen Hoheit verkniffen hat. »Ich bin hier, um Sie zu schützen. Meine Waffe zu verwenden, um Sie zu etwas zu zwingen, das Sie nicht möchten, ist so ziemlich das Gegenteil von meiner Aufgabe.«

Durch seine braunen Augen mustert er mich freundlich, weshalb ich sofort geneigt bin, ihm zu glauben. Aber vielleicht ist er nur ein genialer Schauspieler.

Andererseits … welcher Gangster hätte Interesse daran, ausgerechnet mich zu kidnappen? Mit mir kann man kein Geld verdienen und freiwillig lädt man mich mit meinen schäbigen Klamotten auch nicht in sein Auto ein.

Da kommt mir eine Idee.

»Im Palast gibt es sicherlich eine Dusche, die ich nutzen könnte, oder?«

Zacharias schmunzelt, Mrs O’Ryans Augen werden schon wieder riesengroß, nur Alfred bewahrt die Haltung und wippt zufrieden auf seinen Fußballen.

»Selbstverständlich, Mr Willoughby. Wir haben eine Suite eigens für Sie hergerichtet, in der Sie natürlich über ihr persönliches Bad verfügen. Mit Regendusche wohlbemerkt.« Hat er mir gerade zugezwinkert?

»Okay. Überzeugt.«

Was soll mir schon passieren, außer dass ich zum ersten Mal seit Tagen präsentabel werden könnte?

 

 

Wir verlassen die Schule durch den Hinterausgang der Aula, was schon wieder seltsam ist. Als ich die dort parkende, riesige dunkelblaue Limousine entdecke, bleibe ich überrascht stehen, sodass Zacharias in mich hineinläuft.

»Hoppla, königl … hmpf.«

Der Wagen misst mindestens sechs Meter, vielleicht sogar mehr. Auf der Motorhaube prangt eine beeindruckende Kühlerfigur, allerdings erkenne ich die Marke nicht, weil … na ja, für sowas habe ich mich eben nie interessiert. Rechts daneben, oberhalb des Kotflügels, wow …

»Da ist ja ein Fähnchen drauf wie im Fernsehen«, sage ich wenig geistreich.

»Das ist das Wappen des Hauses Huntington«, erklärt Zacharias mir leise. »Das Haus Ihres Vaters und somit auch Ihres.« Er legt seine Hand auf meine Schulter und schiebt mich sachte vorwärts.

Während ich den edlen Schlitten bestaune, hat er mir die Tür geöffnet. Als er mir den Rucksack abnehmen möchte, halte ich mich sicherheitshalber daran fest. Einerseits ist mir das schmuddelige Teil peinlich – wer weiß, ob der Leibwächter einen Blick in mein Chaos wirft – andererseits vertraue ich ihm nicht genug, um ihm meine persönlichen Gegenstände anzuvertrauen. Mein Handy zum Beispiel, meine einzige Verbindung zur Normalität, auch wenn der Akku noch immer leer ist.

Zum Glück insistiert er nicht, sondern bittet mich nur höflich einzusteigen.

Das alles ist total abgefahren.

Im hinteren Bereich verfügt die Limousine über vier Plätze. Alfred und Mrs O’Ryan steigen mit mir ein und nehmen mir gegenüber Platz. Zacharias wählt den Beifahrersitz. Der Chauffeur wird mir nicht vorgestellt.

Ich fühle mich ziemlich unwohl in dieser noblen Kutsche mit den hellen Ledersitzen. Hoffentlich mache ich nichts schmutzig.

Als der Wagen anfährt, drückt es unangenehm in meinem Magen. Was mache ich hier? Ich würde gern mein Handy herausholen und nach Informationen über die Königsfamilie suchen. Aber erstens fände ich es unhöflich Alfred und Mrs O’Ryan gegenüber und zweitens ist mein Handy ja eh im Tiefschlaf.

Also versuche ich, mir zumindest den aktuellen royalen Tratsch ins Gedächtnis zu rufen, von dem ich über Zeitungsartikel, Meldungen im Internet oder Social Media Notiz genommen habe.

Viel kommt nicht zutage. Die Royals und mich trennen Welten und ich hatte ehrlich gesagt bisher weder Zeit noch Muße, mich mit ihnen zu beschäftigen.

Kronprinz Ethan hatte vor wenigen Monaten einen tragischen Unfall und sitzt seither im Rollstuhl. Das ging durch alle Medien und kam sogar bei mir an. Mum hat förmlich am Bildschirm geklebt und alle Nachrichten verfolgt. Die ganze Nation hat mitgezittert, weil zunächst nicht sicher war, ob er überleben würde.

Hat er zum Glück.

Ob dieser ganze Zirkus etwas mit seinem Unfall zu tun hat? Ich kann mir keinen Reim darauf machen. Der König wird kaum durch Zufall ausgerechnet jetzt darauf gestoßen sein, dass er noch einen zweiten Sohn hat.

Ethan wäre mein Bruder.

»Wir sind da, Mr Willoughby«, holt Alfred mich aus den Gedanken.

Tatsächlich durchqueren wir das riesige schmiedeeiserne Tor zum Schlossgelände, das sich wie durch Magie für uns öffnet. Hinter den getönten Scheiben der Limousine ragt der majestätische, im klassizistischen Stil gehaltene Palast mit dem grauen Schieferdach vor mir auf.