5,99 €
Als ehemaliger Fallschirmjäger der USAF ist Jeremy O'Brien es gewohnt, Befehle zu befolgen, ohne Fragen zu stellen. Als Micah, sein Chef bei Hamilton Security, ihn bittet, einen besonderen Fall zu übernehmen, sagt er bereitwillig zu. Micahs Anweisungen sind einfach: Finde den Mann auf dem Bild und bring ihn zurück nach Chicago. Vor sieben Jahren verließ Zane Wilkinson entgegen der ärztlichen Anweisung das Krankenhaus, nur um einen letzten, verheerenden Schlag zu erleiden, der ihm keine andere Wahl ließ, als den einzigen Ort zu verlassen, den er sein Zuhause nannte. Mit gebrochenem Herzen zog Zane von Stadt zu Stadt und versuchte zu überleben, ohne jemanden zu nahe an sich heranzulassen. Bei einer zufälligen Begegnung kreuzt Jeremy den Weg eines Mannes, auf den Zanes Beschreibung passt. Sein Instinkt sagt ihm, dass er an etwas dran ist, aber Micah warnt ihn, dass er sich absolut sicher sein muss. Jeremy setzt einen Plan in Gang, der es ihm ermöglicht, dem Mann näher zu kommen, den er für Zane hält. Doch je näher er ihm kommt, desto mehr mag er den Mann und beginnt sich zu fragen, warum er geschickt wurde, um ihn zu finden. Wird Jeremy in der Lage sein, seinen Auftrag zu erfüllen, ohne sich zu sehr zu binden? Oder wird er erkennen, dass er auf seiner Suche nach Zane viel mehr gefunden hat, als er erwartet hat?
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2022
Annabella Michaels
Aus dem Englischen von Simone Richter
© dead soft verlag, Mettingen 2022
http://www.deadsoft.de
© the author
Titel der Originalausgabe: Found, Hamilton’s Heroes 1
Übersetzung: Simone Richter
Cover: Irene Repp
http://www.daylinart.webnode.com
Bildrechte:
© Tony Marturano – shutterstock.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-532-9
ISBN 978-3-96089-533-6 (epub)
Als ehemaliger Fallschirmjäger der USAF ist Jeremy O'Brien es gewohnt, Befehle zu befolgen, ohne Fragen zu stellen. Als Micah, sein Chef bei Hamilton Security, ihn bittet, einen besonderen Fall zu übernehmen, sagt er bereitwillig zu. Micahs Anweisungen sind einfach: Finde den Mann auf dem Bild und bring ihn zurück nach Chicago.
Vor sieben Jahren verließ Zane Wilkinson entgegen der ärztlichen Anweisung das Krankenhaus, nur um einen letzten, verheerenden Schlag zu erleiden, der ihm keine andere Wahl ließ, als den einzigen Ort zu verlassen, den er sein Zuhause nannte. Mit gebrochenem Herzen zog Zane von Stadt zu Stadt und versuchte zu überleben, ohne jemanden zu nahe an sich heranzulassen.
Bei einer zufälligen Begegnung kreuzt Jeremy den Weg eines Mannes, auf den Zanes Beschreibung passt. Sein Instinkt sagt ihm, dass er an etwas dran ist, aber Micah warnt ihn, dass er sich absolut sicher sein muss. Jeremy setzt einen Plan in Gang, der es ihm ermöglicht, dem Mann näher zu kommen, den er für Zane hält. Doch je näher er ihm kommt, desto mehr mag er den Mann und beginnt sich zu fragen, warum er geschickt wurde, um ihn zu finden.
Für Lori, die originale „Southern Mama“. Danke für deine unerschütterliche Freundschaft, Unterstützung und Ermutigung. Du bist eine unglaubliche Frau und ich bin so glücklich, dich in meinem Leben zu haben.
ZANE – Sieben Jahre zuvor
Als ich vom Bett aufstand, wankte ich ein bisschen und mein Magen drehte sich, als ich mich herunterbeugte, um mein T-Shirt vom Boden aufzuheben. Ich presste meine Lippen zwischen meine Zähne und atmete durch die Nase, während ich darauf wartete, dass der Schwindel nachließ.
„Bist du dir sicher, dass du es dir nicht lieber anders überlegen willst? Bleib wenigstens, bis du sicherer auf den Beinen bist“, bat mich Stacey. Ohne darüber nachzudenken, streifte ich mir viel zu schnell das T-Shirt über. Der Stoff kratzte über die heilenden Wunden in meinem Gesicht und ich sog zischend Luft durch meine Zähne ein.
Dr. Gregory hatte mir an dem Morgen erst meine Verbände abgenommen und mir einen Spiegel hingehalten. Dabei hatte er mir nochmals erklärt, welche Operationen sie durchgeführt hatten bei dem Versuch, mein Gesicht zu retten. Ich wollte ihm wirklich zuhören, aber nach einem Blick auf meine geschwollene Haut und die hervorstechenden roten Narben konzentrierte ich mich lieber darauf, diese eine Nacht zu verdrängen, die mich hier hergebracht hatte. Es war ein Wunder, dass ich noch lebte.
Er hatte mir versichert, dass mein Gesicht viel besser aussehen würde, wenn die Schwellung zurückgegangen wäre und die Narben verheilten. Doch er sagte mir auch, dass ich vermutlich anders aussehen würde als vorher. Mein Körper bräuchte Ruhe, um sich von dem Trauma zu erholen, hatte er mir nahegelegt. Das Problem dabei war nur, dass ich bereits seit einem Monat hier war und ich langsam wahnsinnig wurde von dem Drang zu verschwinden.
Dr. Gregory stand auf und streckte seine Hand aus, als wollte er sie mir auf die Schulter legen. Er ließ sie wieder fallen, als er sah, wie ich zusammenzuckte. Die Angestellten hatten früh mitbekommen, dass ich es nicht mochte, angefasst zu werden, und sind respektvoll mit mir umgegangen; sie hatten mich nur berührt, wenn es unbedingt sein musste.
Ich hatte ihnen kaum etwas über mich erzählt. Die Polizei und der Krankenhauspsychologe waren zwar gekommen und hatten versucht, zu erfahren, was mir zugestoßen war, doch ich war still geblieben. Es war viel zu gefährlich, irgendjemandem davon zu erzählen.
„Erholen Sie sich“, sagte er in einem beruhigenden Ton, doch ich konnte die Besorgnis in seinem Gesicht sehen. Seitdem ich ihm erklärt hatte, dass ich das Krankenhaus verlassen würde, ließ er mich kaum aus den Augen. „Es ist zu früh“, hatte er versucht, mir beizubringen, doch die Zeit lief mir davon und ich musste verschwinden, bevor es zu spät war. Wenn ich den Moment nicht sowieso schon verpasst hatte.
Als ich mich weigerte nachzugeben, blieb ihm keine andere Wahl. Er runzelte die Stirn, als er meine Entlassungspapiere unterschrieb und signalisierte somit jedem, dass er mich eigentlich nicht gehen lassen wollte. Dann hatte er mir seine Visitenkarte gegeben und mir eindringlich gesagt, dass ich ihn jederzeit anrufen könne. Tag und Nacht. Sein Blick hatte mir verraten, dass das Angebot nicht nur auf körperliche Probleme begrenzt war. Er war ein gutmütiger Mann, der sich offensichtlich darum sorgte, was mir zustoßen würde, sobald ich das Krankenhaus verließ. Ich schluckte einmal schwer, bevor ich nach der Karte griff.
Ich nickte, wusste aber, dass niemand mich davor, was nun geschehen würde, bewahren konnte. Der Einzige, der mich retten konnte, war ich selbst, aber es gab jemanden, den ich vorher finden musste. Jemand, dessen Sicherheit wichtiger war als meine eigene. Jemand, der der Grund war, wieso ich unbedingt hier rausmusste. Ich hatte schon genug Zeit vergeudet.
„Ich bin sicher“, murmelte ich und drehte mich zu Stacey um.
„Okay“, antwortete sie. Ihre Schultern sanken und in ihrem Gesichtsausdruck konnte ich erkennen, dass sie sich geschlagen gab. Seit der Nacht, in der ich eingeliefert worden war, war sie meine Pflegerin gewesen. Stacey war liebevoll, nett und fürsorglich und ich hatte wirklich Glück, sie an meiner Seite gehabt zu haben.
„Nimm das wenigstens mit. Da sind ein paar Medikamente, Verbände und Salben drin. Du musst dich unbedingt um deine Narben kümmern, bis sie besser verheilt sind“. Ich nickte und nahm ihr die kleine Tüte ab, die sie mir entgegenhielt, und versuchte, dabei die Traurigkeit in ihren Augen zu ignorieren.
Ich ging auf die Tür zu, als Staceys Stimme mich aufhielt. „Äh, wir haben alle zusammengelegt und für dich gesammelt. Das ist auch in der Tüte.“
„Danke“, antwortete ich steif. Die ganze Belegschaft im Krankenhaus war so nett zu mir gewesen, doch ich wusste nicht so recht, wie ich damit umgehen sollte.
Die kleinen Henkel der Tüte hielt ich fest umklammert, als ich den langen weißen Korridor entlanglief, um zur Eingangstür zu gelangen. Dieselbe Tür, an der sie mich einen Monat zuvor bewusstlos und blutend gefunden hatten. Niemand hatte gewusst, wie ich dort hingekommen war. Trotzdem hatten sie mich sofort reingeholt und bestmöglich wieder zusammengeflickt. Mein Inneres war jedoch nicht mehr zu flicken. Die Schnitte, die ich dort spürte und der Schaden, der mir zugefügt worden war, konnte nicht einmal vom talentiertesten Chirurgen der Welt geheilt werden.
Als die automatischen Türen sich öffneten, machte ich einen Schritt nach draußen. Die Sonne schien zu hell für meine Augen und die Geräusche um mich herum schienen zu laut, als ich mich auf einmal in der Realität wiederfand. In dem Moment wurde mir bewusst, dass sich sonst nichts verändert hatte, obwohl meine eigene Welt auf den Kopf gestellt war. Menschen eilten immer noch jeden Morgen mit einem Kaffeebecher in der Hand zur Arbeit. Rechnungen hatten immer noch ein Zahlungsziel und alle waren immer noch damit beschäftigt, ihr Leben zu planen.
Mir wurde bewusst, dass das schon immer das Problem gewesen war. Die Erde würde sich immer weiterdrehen und Menschen würden immer weiter ihrem Alltag nachgehen, unabhängig davon, was hinter den geschlossenen Türen ihrer Nachbarn geschah.
Schnell versuchte ich, die deprimierenden Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen, und holte den Umschlag aus der Tüte. Meine Augen weiteten sich, als ich das Geld darin sah. Es war nicht viel, aber es war genug, um uns an einen anderen Ort zu bringen. Voller Dank an die Ärzte und Pfleger richtete ich mich auf, straffte entschlossen die Schultern und machte mich auf den Weg in Richtung unseres Hauses.
JEREMY – Sieben Jahre später
Mit einem frustrierten Seufzer blinkte ich und warf einen kurzen Blick in den Rückspiegel, bevor ich auf die linke Spur wechselte. Mein Auto wurde immer langsamer, bevor ich schließlich die Ausfahrt nahm. Ich hatte gehofft, es bis nach Columbus zu schaffen, bevor es dunkel würde, aber meine Augen fingen langsam an zu brennen und mein Magen hatte schon vor fünfzig Kilometern gegrummelt. Also war es Zeit für einen Snack und einen Liter Kaffee, hatte ich beschlossen. Danach würde ich mich fühlen wie neu.
Ich bog an der Ausfahrt rechts ab und warf einen Blick auf die Anzeige mit den verschiedenen Restaurants, die in der Nähe waren. Leider schien es hier nur ein paar Fast Food Läden und eine Raststätte zu geben. Mal abgesehen von dem Sex Shop, der schon seit ein paar Kilometern mächtig beworben wurde.
Fast Food konnte ich nicht leiden, also stoppte ich mein Auto vor der Autobahnraststätte. Nachdem ich schon seit sechs Monaten unterwegs war, hatte ich mittlerweile mitbekommen, dass die meisten Raststätten sich zum Positiven verändert hatten. Statt vor Fett triefenden Gerichten, die einem mit Sicherheit Sodbrennen bescherten, gab es jetzt gesündere Optionen. Echte Hausmannskost für die ganzen LKW-Fahrer, die die meiste Zeit unterwegs und fernab von ihrer Familie verbrachten.
Schnell schnappte ich mir meine Ledertasche vom Beifahrersitz, sperrte den Jeep zu und betrat das Lokal. Erstmal suchte ich die Örtlichkeiten auf. Nachdem ich fertig war und meine Hände gewaschen hatte, spritzte ich mir ein bisschen kaltes Wasser ins Gesicht in der Hoffnung, dass es mich aufwecken würde. Ich griff nach einem Papierhandtuch und stutzte, als ich mich im Spiegel sah.
Meine Augen waren blutunterlaufen und darunter hatten sich tiefe Augenringe gebildet. Ich klammerte mich an die Seiten des Waschbeckens, als ich auf einmal anfing zu schwanken. Vielleicht sollte ich es für heute gut sein lassen, mir eine Schlafgelegenheit suchen und morgen weiterziehen. Wenn ich mich jetzt wieder hinters Steuer setzte, würde ich noch einen Unfall bauen oder im Krankenhaus landen und wäre niemandem mehr eine Hilfe.
Entschlossen warf ich das Tuch weg und betrat das Lokal wieder. Ein paar Minuten später führte eine Kellnerin mich zu einem Tisch und drückte mir eine Speisekarte in die Hand. Ich machte es mir bequem und studierte die Karte, bis die Frau mit einem Wasser zurückkam.
„Was kann ich dir bringen, Süßer?“, fragte sie, während sie einen Block und einen Stift aus der Tasche ihrer Schürze herauszog.
„Hallo, Ma’am. Ich hätte gerne das gegrillte Schweinekotelett mit Gemüse und Apfelmus, bitte.“ Als sie nach meiner Karte griff, hielt ich sie nochmal auf, bevor sie gehen konnte. „Eine Frage hätte ich noch, Ma’am. Gibt es hier in der Nähe ein Hotel?“ Sie sah mich an und ihre Augen weiteten sich, bevor sie ihren Blick langsam über mich schweifen ließ. Schließlich fuhr sie sich mit der Zunge einladend über die Unterlippe.
„Es gibt eins genau auf der anderen Seite der Autobahnabfahrt. Ich habe in einer Stunde Feierabend und könnte dir zeigen, wo es ist“, säuselte sie.
„Das ist sehr freundlich von Ihnen, Ma’am, aber ich denke, ich werde es finden. Ich brauche nur einen Ort, an dem ich mich kurz hinlegen kann, bevor ich weiterfahre“, erklärte ich ihr.
„Okay, aber wenn du es dir anders überlegst, mein Name ist Kim.“ Sie zwinkerte mir nochmal zu, drehte sich um und entfernte sich mit der Hüfte schwingend von meinem Tisch, bevor ich ihr sagen konnte, dass das nie passieren würde. Es war nicht das erste Mal, dass eine Frau mich angemacht hatte, aber mit Frauen konnte ich nichts anfangen. Ich bevorzugte meine Bettpartner ein bisschen maskuliner, am besten mit Drei-Tage-Bart, der gegen meinen eigenen kratzte.
Um von den Gedanken loszukommen, widmete ich meine Aufmerksamkeit meiner Tasche, aus der ich einen Manila-Umschlag zog. Während ich auf mein Abendessen wartete, wollte ich unbedingt noch einmal die Unterlagen durchgehen. Es war zwar nicht nötig, denn ich hatte die Papiere in den letzten Monaten so oft durchgelesen, dass ich sogar die kleinsten Details auswendig wusste. Es stand sowieso nicht viel drin. Irgendwas an dem Foto auf der ersten Seite ließ mich aber immer wieder zurückkehren.
Der Junge mit einem freundlichen Lächeln und dunkelblondem Haar auf dem Bild war vermutlich um die sechzehn Jahre alt, aber seine hellen, blauen Augen hatten den Blick von jemandem, der doppelt so alt war. Seine Augen schienen tief und wissend, als hätte er schon viel durchgemacht. Immer wieder sah ich mir das Bild an und fragte mich, was dieser Junge erlebt hatte, um diesen Gesichtsausdruck zu bekommen.
Langsam blätterte ich durch die restlichen Seiten, den Krankenhausbericht mit Operationsdetails und andere Informationen, die Micah mir gegeben hatte.
Zane Andrew Wilkinson: 25 Jahre alt – 1,77m (mit 18 Jahren) – blaue Augen, dunkelblonde Haare
Der Junge war mit achtzehn vor den Türen der Notaufnahme des Northwest Memorial Krankenhauses in Illinois gefunden worden. Kaum bei Bewusstsein und ganz offensichtlich das Opfer einer Gewaltattacke. Niemand hatte gesehen, wer ihn dort einfach abgelegt und sich selbst überlassen hatte.
Sie hatten ihn so schnell wie möglich operiert, um die Schwellung im Gehirn zu behandeln. Dann brachten sie ihn in die rekonstruktive Chirurgie, um die zersplitterten Knochen in seiner Wange und Nase wieder herzustellen. Eine dentale Operation war notwendig, um die Zähne auszutauschen, die er bei der Attacke verloren hatte. Die Röntgenbilder seines Körpers zeigten Hinweise auf verschiedene, längst verheilte Rippenbrüche, was die Ärzte als Zeichen langfristiger Misshandlung gedeutet hatten.
Zane hatte niemandem seinen wahren Namen verraten und sich einen Monat später selbst aus dem Krankenhaus entlassen, obwohl ihm davon abgeraten worden war.
Ich war von Anfang an von der Geschichte des jungen Mannes fasziniert gewesen und hatte den Fall sofort angenommen, als Micah mich gefragt hatte. Die Aufgabe war klar: Ich sollte Zane aufspüren und zurück nach Chicago bringen. Seine einzige Anforderung: keine Gewalt.
Diese Aussage allein hatte mir gezeigt, dass Zane nicht als gefährlich eingestuft wurde. Außerdem hatte mich das Gefühl beschlichen, dass dieser Fall ein persönliches Anliegen meines Chefs war. Meine Neugierde war definitiv geweckt, dennoch ging es mich nichts an, weshalb ich auch nicht nachfragte. Mein Job war es, Micahs Auftrag nachzugehen, auch wenn dieser langsam anfing, sich anzufühlen wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Ich hatte beim Krankenhaus angefangen. Die gesetzliche Schweigepflicht begrenzte leider deutlich, welche medizinischen Informationen ich von den Angestellten erhalten konnte. Eine Pflegerin, Stacey, hatte sich die Zeit genommen, mir zu sagen, was sie von Zane persönlich wusste. Sie war die Pflegerin, die sich am meisten um ihn gekümmert hatte und erzählte, dass er ein netter Junge war, aber traurig. Mit Tränen in den Augen meinte sie, er wäre auf mehr als nur einem Wege gebrochen gewesen.
Stacey hatte geschätzt, dass Zane im gleichen Alter wie ihr Bruder war. Daher wäre die sofortige Bindung zu ihm gekommen, glaubte sie. Sie hatte sich Sorgen gemacht, was mit Zane passieren würde, sobald er das Krankenhaus verließ, also hatten sie und ein paar andere Pflegefachkräfte Geld zusammengelegt und ihm genug gegeben, um weit wegzukommen.
Diese Informationen hatten mir weitergeholfen, meine Suche richtig zu starten. Während meiner Ausbildung bei der USAF hatte ich mich auf Rettungsfallschirmspringen spezialisiert. Dort hatte ich gelernt, dass häufig der einfachste Weg, jemanden zu finden, darin bestand, so zu denken wie diese Person.
Ich versetzte mich also gedanklich in einen verängstigten und verletzten Achtzehnjährigen mit wenig Geld und kam zu dem Schluss, dass er wohl am ehesten mit einem Bus die Stadt verlassen hatte. Das war die einfachste und billigste Möglichkeit, von hier wegzukommen, für die man keinen Ausweis brauchte.
An dem Busbahnhof erkannte niemand den Jungen auf dem Foto, das ich herumzeigte. Nicht dass ich erwartet hatte, dass sie es nach so vielen Jahren würden, aber die Befragungen hatten es mir ermöglicht, mich genauer umzusehen und auch die verschiedenen Zielorte auszukundschaften, für die man Fahrkarten kaufen konnte. Von dort aus besuchte ich jeden dieser Zielorte und befragte Passanten in den jeweiligen Hauptstraßen. Ein paar Leute meinten, der Junge käme ihnen bekannt vor. Einige von ihnen sagten sogar, er erinnere sie an einen Typen, der in ihrer Nähe gewohnt oder gearbeitet hatte, aber alle meine Gespräche endeten gleich: Er war weggezogen.
Es war ein langer und ermüdender Prozess. Kurz vor Weihnachten war ich mir sicher gewesen, auf der richtigen Spur zu sein. Leider entpuppte sich das Ganze doch als falsche Fährte und ich konnte Micahs Enttäuschung, als ich ihm davon berichtete, immer noch hören. Ich hatte mich schrecklich gefühlt.
Wie üblich verlor ich mich in den Informationen meiner Unterlagen und in den Augen, die mich von dem Foto aus anblickten. Ich wusste nicht, wie viel Zeit ich in dem Moment damit verbrachte, das Bild anzustarren, aber ich schaute erst auf, als ich Bewegung in meinem Augenwinkel wahrnahm. Kim hielt ein Tablett mit Essen knapp über ihrer Schulter und kam auf mich zu. Schnell packte ich die Unterlagen wieder ein und schob den Umschlag zurück in meine Tasche.
„Bitte schön, Süßer“, sagte sie, als sie das Essen vor mir abstellte. Beim Anblick des Gerichts lief mir das Wasser im Munde zusammen. „Kann ich noch etwas für dich tun?“
„Nein, Ma’am. Danke, das sieht großartig aus“, antwortete ich.
„Solch gute Manieren.“ Sie seufzte. Ihr Blick wanderte über mein Gesicht, doch dann drehte sie sich um und ging zurück in die Küche. Die Aufmerksamkeit war mir unangenehm und ich schüttelte den Kopf, als ich die Gabel in die Hand nahm und anfing zu essen. Während ich kaute, ging ich mental nochmal meine Pläne für die Reise nach Columbus durch.
Gerade hatte ich den letzten Bissen im Mund, als Kim vorbeischlenderte. „War alles in Ordnung?“, fragte sie in einem gut gelaunten Ton.
„Sehr gut, vielen Dank“, bejahte ich ehrlich.
„Ich hoffe, du hast noch Platz für ein Dessert. Vielleicht ein Stück unseres Schokoladenkuchens oder ein Stück Cherry-Pie?“
„Nein danke, Ma’am. Ich könnte keinen einzigen Bissen mehr runterkriegen“, sagte ich, lehnte mich zurück und tätschelte meinen Bauch.
„Bist Du dir sicher? Miss Patty macht den besten Pie in der ganzen County und es wäre schade, wenn Du ihn nicht probieren würdest, bevor Du abreist …“. Kim hörte nicht auf, zu quasseln, doch meine Aufmerksamkeit lag auf der Eingangstür, durch die gerade ein Mann hereingekommen war.
Er trug ein graues Tanktop und seine Jeans waren voller Grasflecken, als hätte er gerade im Garten gearbeitet. Seine dunkelblonden Haare waren an den Seiten kurz geschnitten, hingen aber in längeren Strähnen von dem oberen Teil seines Kopfes herunter, sodass ihm einige davon ins Gesicht fielen.
Ich folgte jeder seiner Bewegungen, als er zum Tresen ging und sich dort mit der Kellnerin unterhielt. Sie lächelte ihn an und ich sah dabei zu, wie sie ihm eine weiße Papiertüte mit Essen übergab. Er holte seinen Geldbeutel aus der Gesäßtasche seiner Jeans, legte ein paar Scheine auf den Tresen und winkte ab, als sie ihm Wechselgeld geben wollte.
Der Mann machte sich bereit zu gehen und als er sich umdrehte, trafen sich unsere Blicke. Es war nur ein kurzer Moment, doch das reichte, mir das Gefühl zu geben, als hätte mich jemand in die Magengrube geschlagen. „Was hattest du gesagt, wo du hinwillst?“ Kims Stimme drang langsam wieder zu mir durch, als der Mann durch die Eingangstür verschwand.
„Ähm, habe ich nicht“ antwortete ich abwesend. „Kennen Sie den Typen, der gerade gegangen ist?“
Sie blickte kurz über ihre Schulter und wir beide sahen dem Mann dabei zu, wie er in einen alten blauen Ford Truck einstieg. „Wen? Oh, das ist Zach.“
Ich sah wieder zu ihr zurück und auf einmal hatte ich Gänsehaut im Nacken, bis mir die Haare dort zu Berge standen. „Ist er aus der Gegend?“
„Er ist vor ein paar Jahren hergezogen und arbeitet drüben am See“, erklärte sie mir.
„Welcher See ist das?“, fragte ich und war bereits dabei aufzustehen. Kim sah mich misstrauisch an, antwortete aber trotzdem.
„Bradbury Lake. Das ist ein kostenpflichtiger See direkt die Straße runter.“
„Danke“, sagte ich, schnappte mir meine Tasche und ließ mehr als genug Geld für das Essen und Trinkgeld auf dem Tisch liegen.
Ich eilte aus der Tür und speicherte schnell den Namen des Sees in mein Navigationssystem ein. Nur ein paar Sekunden später drehte ich auf dem Parkplatz um und gliederte mich in den fließenden Verkehr ein. Nach ein paar Kilometern wendete ich und blieb am Eingang eines aus Kieselsteinen geschaffenen Weges stehen. Ein blaues Schild, um dessen Text viele kleine Fische gemalt waren, hieß mich am Bradbury Lake willkommen.
Langsam fuhr ich den Weg entlang. Der Kies knirschte unter meinen Reifen und ich hinterließ eine Staubwolke. Nach etwas mehr als einer Viertelmeile näherte ich mit meinem Ziel und die Schönheit, die sich vor mir erstreckte, entlockte mir einen Pfiff.
Die untergehende Abendsonne schien über die Wasseroberfläche und kreierte wunderschöne pinke und orangene Wasserstreifen. Der See war von allen Seiten von Bäumen umringt und vermittelte damit den Eindruck, von der Welt abgeschottet zu sein. Obwohl er öffentlich zugänglich war, fühlte man sich allein und privat.
Neben einem kleinen Häuschen mit der Aufschrift „Angelshop“ blieb ich stehen und schaltete den Motor ab, während ich mich weiter umsah. Der Weg, auf dem ich bis hierhin gefahren war, teilte sich und ging auf beiden Seiten um den See herum.
Da ich in Boston, Massachusetts geboren und aufgewachsen war, war ich noch keinen Tag in meinem Leben angeln gewesen. Ich hatte den Drang dahinter noch nie verstanden und es kam mir irgendwie komisch vor, dass Leute Geld dafür bezahlten, um herumzusitzen und eine Angel anzustarren, doch hier war es offensichtlich ein sehr populäres Hobby. Mitten im Nirgendwo von Ohio. Um den ganzen See herum waren Zelte und Campingbusse aufgestellt und die Besitzer genossen die warme Frühlingsluft. Manche grillten auf offenen Feuerstellen und andere saßen in ihren Campingstühlen und lachten. Sie tranken Bier mit ihren Freunden, während sie ihre aufgestellten Angeln im Auge behielten.
Im Angelshop bewegte sich eine Frau hin und her und ich ging davon aus, dass sie dort arbeitete. Vielleicht konnte sie mir mehr über den Typen erzählen, den die Kellnerin Zach genannt hatte. Mit etwas Glück konnte ich sie vielleicht sogar so weit um den Finger wickeln, dass sie mir verriet, wo er wohnte. Ich stieg aus meinem Auto aus und ging um das kleine Häuschen herum, während ich weiterhin das Geschehen um den See beobachtete. Auf einmal hielt ich inne.
Auf der anderen Seite des Sees, gerade so am Eingang des Waldes, standen ein paar kleine Hütten. Sie sahen neu aus, soweit ich das von hier aus beurteilen konnte. Doch der Grund für meine Schockstarre war der alte blaue Ford, der neben der Hütte auf der rechten Seite geparkt war. Ein Mann saß auf der Heckklappe des Trucks. Der Kleidung nach zu urteilen, war es derselbe Typ, der vorhin auch in dem Diner war.
Ich sah ihm dabei zu, als er die weiße Papiertüte hinter sich hervorholte und dann aufstand, um sich einmal kräftig zu strecken. Seine Arme nahm er wieder runter, ließ aber sein Gesicht Richtung Himmel gestreckt. Er blieb so für ein paar Minuten stehen und ich konnte einfach nicht wegsehen. Als er endlich wieder im Hier und Jetzt angekommen war, drehte er sich um und ging zur Tür der Hütte. Es musste seine sein, denn er holte einen Schlüssel aus der Hosentasche und sperrte auf.
Ich konnte meinen Blick nicht abwenden, bis er in der Hütte verschwand, und erst dann betrat ich den Laden. Aus meinem Augenwinkel sah ich ein Schild im Schaufenster und sofort heckte ich einen Plan aus. Das Lächeln, das ich aufsetzte, als ich zum Tresen ging, musste ich nicht einmal erzwingen. Ich begrüßte die Frau und stellte mich vor.
Sechs Monate lang hatte ich nach der Nadel im Heuhaufen gesucht und absolut nichts gefunden. Es sah ganz danach aus, als hätte ich das Glück endlich auf meiner Seite. Wenn nämlich das, was mein Bauchgefühl mir sagte, stimmte, dann hatte ich gerade meine Nadel gefunden.
ZANE
Ich schreckte auf, als das Klingeln des Weckers ertönte, und beeilte mich, das laute Geräusch abzustellen. Gähnend setzte ich mich im Bett auf und meine Füße landeten sanft auf meinem Hartholzboden. Mit meinen Ellenbogen auf den Knien strich ich mir müde über das Gesicht.
Um mich zu zwingen, richtig wach zu werden, sah ich mich in meiner Hütte um, die die meisten Leute vermutlich als winzig bezeichnen würden. Es gab ein Badezimmer, eine kleine Küche, ein Wohnzimmer, das gerade einmal groß genug für eine Couch und einen Stuhl war, und nur ein Schlafzimmer. Doch das war mehr als genug Platz für mich. Außerdem waren die Küchengeräte relativ neu, die Hütte war sauber und vor allem gehörte sie mir, solange ich hier arbeitete.
Die cremefarbenen Wände waren immer noch genauso leer wie an dem Tag, an dem ich eingezogen war. Vermutlich hätte ich ein bisschen Dekoration kaufen können, um dem Ganzen eine heimischere Atmosphäre zu geben, aber darin habe ich nie einen Sinn gesehen. Ich fand, dass ein Zuhause die Menschen, die dort lebten, reflektieren sollte. Es gab keine Familienfotos oder Andenken an die Orte, an denen ich gewesen war, also wäre alles, was ich hier drin aufhängen könnte, etwas Neutrales, das nichts mit mir zu tun hatte.
Langsam stolperte ich ins Bad und benutzte die Toilette. Als ich meine Hände wusch, spritzte ich mir ein bisschen Wasser ins Gesicht. Wie immer vermied ich es, mich im Spiegel anzusehen, denn ich wusste genau, was mich dort erwarten würde: eine traurige, ausgelaugte und gealterte Version meines Selbst.
Hastig putzte ich mir die Zähne und schnappte mir ein Handtuch aus dem Schrank, bevor ich zurück ins Schlafzimmer ging. Dort holte ich eine Badehose aus der Kommode neben dem Bett. Ich streifte meine Boxershorts ab und warf sie in meinen sehr vollen Wäschekorb – es war wirklich nötig, mich an meinem nächsten freien Tag um die Wäsche zu kümmern – bevor ich die Badehose anzog.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass es bereits später war, als es für mich üblich war, also eilte ich in das Wohnzimmer, schlüpfte in ein paar Flip-Flops und verließ meine Hütte. Es war immer noch ziemlich dunkel draußen, aber ich machte das hier schon so lange, dass es kein Problem war, den Weg zu finden.
Sobald ich am Ufer des Sees angekommen war, zog ich mir die Schuhe aus, ließ mein Handtuch auf den Boden fallen und schloss die Augen. Alles, was ich hören konnte, waren Frösche, die quakten, und ein gelegentliches Platschen im Wasser, das hüpfende Fische verursachten. Deshalb waren Morgen meine liebste Zeit des Tages.
Diese Routine hatte ich vor zwei Jahren angefangen, kurz nachdem ich hier eingestellt worden war. Das war damals eine besonders harte Nacht gewesen, geprägt von Albträumen und Stimmen aus meiner Vergangenheit, die einfach nicht still sein wollten. Es war mir unmöglich gewesen, zu schlafen, also verließ ich meine Hütte und schlenderte zum See runter. Umhüllt von frischer Luft und den beruhigenden Geräuschen der Natur fand ich eine Ruhe, die ich nicht für möglich gehalten hätte.
Einige Menschen würden mich vielleicht für verrückt erklären, aber manchmal fragte sich ein Teil von mir, ob dieser Ort magisch war. Alles, was ich sicher wusste, war, dass ich dieses Gefühl noch nie zuvor gespürt hatte. Seitdem kam ich jeden Morgen hierher. Auch wenn es kalt war, dann wickelte ich mich eben in Decken ein und setzte mich ans Ufer. In jedem Fall saugte ich den Frieden, den ich hier verspürte, förmlich auf.
Decken brauchte ich momentan nicht. Es war schon Mitte Mai und ich konnte die Wärme des nahenden Sommers schon spüren. Ohne noch einmal darüber nachzudenken, machte ich einen Schritt nach vorne und in das Wasser hinein. Der Schlamm am Boden zwängte sich zwischen meine Zehen, als ich noch ein bisschen tiefer watete.
Scharf sog ich die Luft zwischen den Zähnen ein, als das kalte Wasser meinen Körper umhüllte, doch davon ließ ich mich nicht aufhalten. Als ich die Mitte des Sees erreicht hatte, fing mein Körper an, sich an die Temperatur zu gewöhnen, und ich begann, mich zu entspannen.
Ich lehnte mich zurück und ließ mich auf der Oberfläche treiben. Wasser füllte meine Ohren, bis alles, was ich noch hören konnte, mein eigener Herzschlag war. Noch konnte ich den Mond und ein paar Sterne am Himmel ausmachen. Doch bald würde die Sonne aufgehen und den Mond vertreiben. Bis dahin würde ich diesen friedlichen Moment noch genießen.
Langsam schloss ich meine Augen und atmete zum Rhythmus meines Herzens ein und aus. Das Wasser schwappte gegen meine Seiten und als ich mich dort treiben ließ, wanderten meine Gedanken zu ihm. Jahrelang hatte ich mir das nicht erlaubt. Es war alles zu neu gewesen, die Wunden zu frisch und der Schmerz zu groß, wenn ich darüber nachdachte, was ich verloren hatte. Der See half mir, diese beißenden Gefühle zu dämpfen, und ich fing an, mich an die einzige Person zu erinnern, die ich je geliebt hatte. Die einzige Person, die mich jemals geliebt hatte.
Für eine ganze Weile bewegte ich mich nicht. Erst als gelbe und orangene Lichtstreifen den Himmel erleuchteten, schwamm ich ein paar Bahnen, bevor ich mich wieder auf den Weg zu meinem Handtuch machte. Meine Muskeln waren warm und entspannt, als ich meine Schuhe wieder anzog. Ich warf mir das Handtuch über die Schulter und bemerkte ein paar Angler, die die Nacht in ihrem Wohnmobil verbracht hatten. Langsam fingen sie an aufzuwachen und ihre Angelruten für den Tag vorzubereiten.
Als ich wieder zur Hütte zurückkehrte, sprang ich schnell unter die Dusche, um das Seewasser wegzuwaschen, und zog mich an, bevor ich mir in der Küche eine Schüssel mit Müsli zubereitete. Ich aß an der Küchenzeile lehnend, spülte die Schüssel ab und räumte sie gleich weg. Ich verließ mein Zuhause wieder, setzte mich in meinen Truck und fuhr langsam in Richtung des Angelshops, wo ich neben dem neueren Chevy Truck meiner Chefin parkte.
Ich konnte mir ein Lächeln nicht verkneifen, als ich über die Frau nachdachte, die mich eingestellt hatte. Edith Bradbury war in ihren Fünfzigern und hatte über 25 Jahre lang als Disponentin für das örtliche Sheriffbüro gearbeitet. Sie und ihr Mann hatten immer davon gesprochen zu reisen, wenn sie beide das Rentenalter erreichen würden, doch ihr Mann war an einem Herzinfarkt gestorben, bevor es dazu gekommen war. Als Edith dann fünf Jahre später endlich in Rente ging, beschloss sie ihre gesamten Ersparnisse in diesen verlassenen Pay Lake zu stecken. Sie arbeitete sehr hart und hatte den See in ein paar Jahren in ein erfolgreiches Business verwandelt.
Sie war eine verdammt taffe Frau und erwartete viel von ihren Mitarbeitern, aber sie war genauso fair, nett und empathisch. Diese weichere Seite von ihr war am sichtbarsten, wenn sie von ihren Tieren umringt war. Über die Jahre hatte sie alle möglichen Arten von Streunern aufgenommen und in den zwei Jahren, die ich nun hier schon arbeitete, habe ich sie mit allen möglichen Tierarten, gesehen, von Katzen über Hunde zu Vögeln.
Ich stieg aus dem Truck aus und ging langsam auf den Laden zu. Automatisch summte ich das Lied vor mich hin, das ich gerade im Radio gehört hatte. Es war der neuste Hit von Carter‘s Creed und ich wusste, dass ich den restlichen Tag einen Ohrwurm davon haben würde.
Im Laden standen zwei Männer, die mich beide grüßten. Sie waren Stammgäste am See. Ich starrte auf den Boden und murmelte ein leises „Hallo“ vor mich hin, bevor ich mich schnell hinter den Tresen rettete.
Die ersten paar Jahre, nachdem ich mein Elternhaus verlassen hatte, hatte ich bitter und wütend verbracht und mein Bestes getan, Menschen zu meiden. Es war wichtig gewesen, alle auf Abstand zu halten, sowohl für meine Psyche als auch für meine Sicherheit. Nach einer Weile hatte ich mich aber daran gewöhnt. Auch nachdem ich an den See gezogen war, fand ich es einfacher, meine Distanz zu wahren.
Die einzige Person, die ich ein bisschen an mich herangelassen hatte, war Edith. Anfangs hatte ich das aus der Not heraus zugelassen, weil wir miteinander arbeiteten. Aber mit der Zeit wurde mir bewusst, wie ich ihr mehr und mehr vertraute. Sie war die Einzige, die ich als Freund bezeichnen würde, auch wenn sie nichts von meiner schmerzhaften Vergangenheit wusste.
Edith war schlank und hatte braune Haare, durch die sich immer mehr graue Strähnen zogen. Sie hatte braune Augen und Lachgrübchen, die jedes Mal auftauchten, wenn sie mich anlächelte, sobald ich meinen Kopf zur Tür hereinstreckte. Heute kniete sie im Hinterzimmer neben einem der großen Becken auf dem Boden und ich sah ihr dabei zu, wie sie mehrere kleine Fische in einen Plastikbehälter beförderte.
Insgesamt waren hier drei große Becken in den Boden eingelassen, jedes gefüllt mit über tausend Litern Wasser und Fischen, die als Köder für wesentlich größere Fische dienten. Jedes hatte einen eigenen Motor, der das Wasser filterte und den Sauerstoff erneute. Es war so gut wie unmöglich, jemanden sprechen zu hören, so laut waren die Maschinen. Ich beschloss also, im Ladenteil des Gebäudes auf sie zu warten, damit sie mir meine Aufgaben für den Tag geben konnte.
Der vordere Bereich erinnerte mich an den kleinen Erfrischungsstand, der in meiner High School bei Sportevents aufgebaut wurde. Es gab wie gewöhnlich Süßigkeiten, Kaugummis und Pfefferminzbonbons, doch die Angler konnten hier auch richtiges Essen kaufen, z. B. Brezen, Hot Dogs und Popcorn. Natürlich gab es auch Angelhaken und –schnüre und nagelneue Angeln, falls jemand sein Equipment verloren hatte. An den Wänden hingen Bilder von Besuchern, die stolz riesige Karpfen hochhielten. Unter jedem Bild waren Länge und Gewicht des Fangs notiert.
Ich verrührte gerade die Milch in meinem Kaffee, als ich Edith aus dem hinteren Teil kommen hörte. Sie ging zur Kasse und lächelte, als sie den beiden Anglern dabei zuhörte, wie sie eine Wette abschlossen, während Edith sich um ihren Einkauf kümmerte. Die Männer zahlten und verließen den Laden. Edith und ich lachten, als die beiden weiterhin versuchten, sich gegenseitig im Sinne der Wette zu beleidigen.
„Was hast du heute für mich?“, fragte ich, als sie anfing, den Tresen aufzuräumen.
„Also, der alte, kaputte Baum am Eingang müsste gefällt und auf den Kompost geschleppt werden. Der hintere Teil des Sees müsste von Unkraut befreit werden und dann wäre es mal wieder an der Zeit, die Anlegerstelle zu putzen.“ Ich nickte wissend, als sie weiterredete.
Als ich hier angefangen hatte, war ich zunächst ein bisschen überfordert gewesen, weil Edith jeden Tag so viele Aufgaben für mich hatte. Nach und nach hatte ich mich aber daran gewöhnt und mittlerweile sogar Spaß daran. Harte Arbeit hatte mich noch nie gestört und ich konnte mir auch gut die Hände schmutzig machen, außerdem mochte ich das Erfolgsgefühl, das mich nach einer abgeschlossenen Aufgabe überkam.
Das Beste an diesem Job war die körperliche Betätigung. Schon als Kind war ich immer begeistert gewesen von den verschiedensten Sportarten. Die Tatsache, dass ich auch gut darin war, machte mich stolz, vor allem nachdem es mein Ticket aus der Hölle gewesen war, in der ich gelebt hatte. Doch in nur einer Nacht waren mir meine Träume, meine Zukunft und die eine Person, die ich liebte, geraubt worden.
„… die Hütte auf Vordermann bringen“, endete Edith ihre Ausführungen.
„Entschuldige, was?“, fragte ich verlegen, nachdem ich gemerkt hatte, dass ich mit meinen Gedanken komplett woanders gewesen war.
„Ich sagte, ich habe jemand Neues eingestellt. Er sieht aus, als wäre er ein guter Mitarbeiter“, sagte sie mit einem Schulterzucken. „Also müsste die leer stehende Hütte für ihn auf Vordermann gebracht werden. Er wird vermutlich in einer Stunde hier sein. Es wäre super, wenn du dann fertig bist, ich schicke ihn dir dann rüber.“
„Okay“, murmelte ich.
Es war super, dass Edith jemanden angeheuert hatte. Wir brauchten die Hilfe dringend, vor allem nachdem Memorial Day so gut wie vor der Tür stand. Der Gedanke daran, jemand Neues kennenzulernen und mich ihm vorstellen zu müssen, ließ meinen Herzschlag rasen und ich fühlte, wie meine Hände anfingen zu schwitzen. Edith sah mich wissend an, als ich meinen Kaffee, von dem ich kaum getrunken hatte, in das Waschbecken kippte. Meine Nerven ließen meinen Magen verrücktspielen und ich würde den Kaffee sowieso nicht runterkriegen.
„Er heißt Jeremy und er schien mir ein netter junger Mann zu sein … Ich bin für dich da, wenn du irgendwas brauchst,“ sagte sie mit beruhigender Stimme.
„Passt schon“, versicherte ich ihr. Ich klatschte ein Grinsen auf mein Gesicht, doch Ediths besorgter Blick verriet mir, dass ich sie nicht täuschen konnte.
Ohne ein weiteres Wort verließ ich den Laden und kletterte wieder in meinen Truck. Einige Angler waren schon bereit für den Tag und saßen mit ihren Kühlboxen am Wasser, in denen ihr Bier kaltgestellt war. Die meisten winkten mir zu, als ich langsam vorbeifuhr. Ich wusste, dass sie den ganzen Tag genau so sitzen bleiben würden, und fragte mich wieder einmal, wieso ihnen nicht langweilig wurde.
Als ich an der leeren Hütte ankam, stieg ich schnell aus und ging hinein. Ich befreite die Möbel von ihren Plastikbedeckungen, öffnete die Fenster, um ordentlich durchzulüften, und putzte mich dann durch die Zimmer.
Ich versuchte, mich auf die Aufgaben zu konzentrieren, die ich von Edith bekommen hatte, doch ich war wahnsinnig neugierig auf den Mann, den sie eingestellt hatte. Hoffentlich würde er mit den Herausforderungen des Jobs mithalten können. Es war wirklich nicht in meinem Interesse, jemanden mehrere Wochen anzulernen, nur damit er dann sofort wieder kündigte. Außerdem hoffte ich, dass er sich nicht zu viel unterhalten wollte. Es war mir lieber, in Stille zu arbeiten, und das Letzte, was ich im Leben brauchte, war jemand, der mir auf Schritt und Tritt folgte und versuchte, mein Freund zu sein.
JEREMY
Nachdem ich geduscht, Deodorant aufgetragen und meine Zähne geputzt hatte, zog ich mich endlich an. Ich griff nach meinem Handy, das auf dem Nachttisch lag, und mein Blick wanderte zur angezeigten Uhrzeit. Ein paar Minuten hatte ich noch, bevor ich mein Meeting hatte, also verstaute ich schnell meine Sachen wieder im Koffer.
Erst nachdem ich sicher war, dass ich an alles gedacht hatte, setzte ich mich auf das Bett und öffnete meinen Laptop. Es kam nicht oft vor, dass meine Arbeitskollegen und ich uns zur selben Zeit am selben Ort wiederfanden – nicht in unserem Job – aber es war uns wichtig, in Kontakt zu bleiben. Also hatte unser Chef wöchentliche Videokonferenzen eingerichtet.
Jede Woche freute ich mich aufs Neue darauf, alle zu sehen, wenn auch nur durch einen Bildschirm. Das lag nicht nur daran, dass ich die Menschen, mit denen ich arbeitete, als Familie sah, sondern auch daran, dass ich mich während des Videochats ein bisschen weniger einsam fühlte. Ich war bereits seit einer ganzen Weile allein unterwegs und normalerweise machte mir das nichts aus, manchmal nagte es aber doch an mir. Obwohl ich eigentlich glücklich war und mein Leben genoss, holte mich die Einsamkeit ab und zu dann doch ein. Meine Karriere war nicht wirklich beziehungsfreundlich. Doch darauf verzichtete ich gerne, um das tun zu können, was ich wirklich liebte.
Kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag hatte ich mich bei der Air Force beworben, war rasend schnell aufgestiegen und hatte spezielle Fähigkeiten erlernt, bis ich endlich mein Ziel erreichte und Rettungsfallschirmspringer wurde. Zehn von den zwölf Jahren, die ich beim Militär war, hatte ich als solcher gedient.
Eine ganze Weile wusste ich nicht, was ich tun sollte, nachdem ich mich aus der Armee zurückgezogen hatte, doch ich hatte ordentlich gespart, was mir erlaubte, mir bei der Entscheidung Zeit zu lassen. Lange musste ich auf eine neue Aufgabe nicht warten, denn knapp einen Monat später rief mich ein Mann namens Micah Hamilton an und fragte, ob ich mich mit ihm treffen wollte, um über einen möglichen Job in seiner Firma, Hamilton Security, zu sprechen.
Neugierig war ich gleich am Tag darauf in einen Flieger nach Chicago gestiegen. Micah hatte mich seinen Mitarbeitern vorgestellt, was zu dem Zeitpunkt fünf andere Typen waren, und seine Sekretärin Mary, die er liebevoll die Southern Mama nannte. Mary war schon etwas älter und hatte bereits graue Haare und leichte Falten, die ihr mokkafarbenes Gesicht zierten. In ihren Augen sah ich sofort eine gewisse Weisheit, die nur durch langjährige Lebenserfahrung erlangt werden konnte, und eine Güte, die man selten bei anderen fand. Ich hatte mich sofort in ihrer Gegenwart wohlgefühlt und das passierte mir nicht oft.
