Hammer + Veilchen Nr. 9 -  - E-Book

Hammer + Veilchen Nr. 9 E-Book

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Beschreibung

Hammer + Veilchen. Flugschriften für neue Kurzprosa. Hrsg. von Günther Emig und Peter Engel. Erscheint 4mal im Jahr und am Ende eines Jahres als gedrucktes Jahrbuch mit sämtlichen Texten der einzelnen Ausgaben eines Jahres. Nr. 9 enthält Texte von Wolfgang Denkel · Christian Maintz · Klaus Johannes Thies · Nicole Makarewicz · Martin Maurach · Orla Wolf · Ronald Glomb · Bruno Teuni. Mehr unter www.Hammer-und-Veilchen.de

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 41

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhaltsverzeichnis
Hammer + Veilchen
Wolfgang Denkel
Durchstreichen
Christian Maintz
Afrikanische Anekdote
Ein Ausspruch Knolls
Klaus Johannes Thies
Die beste Zeit für Torhüter
Nicole Makarewicz
Geerdet
Nachbarschaftshilfe
Spätlese
Martin Maurach
Leben. Punkt
Tante P.
Orla Wolf
Blühen
In den Schränken
In einem 2. Klasse-Abteil leben
Ronald Glomb
Sieben Anekdoten
Bruno Teuni
Die Musik der Welt
Die Autoren
Impressum

Hammer + Veilchen

Flugschriften für neue Kurzprosa

Herausgegeben von Günther Emig und Peter Engel

Ausgabe 9 · 2016

Mit Beiträgen von Wolfgang Denkel · Christian Maintz · Klaus Johannes Thies · Nicole Makarewicz · Martin Maurach · Orla Wolf · Ronald Glomb · Bruno Teuni

Wolfgang Denkel

Durchstreichen

Eingeweihten galt er einst als der größte lebende Autor. Nicht nur seines Landes, sondern überhaupt. Dabei strich er beinah jeden Satz, den er schrieb, wieder durch. Wozu er manchmal nur einen Augenblick, mitunter aber auch Tage oder Wochen brauchte. Denn es war eine Ungeheuerlichkeit und eigentlich eine Sünde, das Wenige, was er in zähem Ringen und unter Entbehrungen schuf, wieder auszulöschen. Er fühlte es selbst.

Gab er eins seiner raren Interviews, fragte man ihn mitunter nach dem zuletzt gestrichenen Satz, und er versuchte dann, sich zu erinnern. Oder er teilte mit der Handkante die Luft und rief: »Ja, warum glauben Sie, hab ich ihn durchgestrichen!?«

Meist aber war Jakob Unich zutraulich und ein wenig verlegen, denn man wußte so viel über ihn; mehr als er selbst, und mehr, als ihm gut tat.

Wenn er unter Menschen war, dachte er oft, Gott sei Dank werde ich morgen wieder im Garten sitzen und Sätze durchstreichen.

Die Hoffnung, die Mit- und Nachwelt werde irgendwann eine Sammlung der gestrichenen Sätze in den Händen halten, zerschlug sich, als Unich in einer Rede zur Lage der Literatur nebenbei bekannte, daß er alles Durchstrichene zur Sicherheit und zusätzlich verbrenne. Die Asche fülle er in eine Urne, die stets neben seiner Hand auf dem Schreibtisch ruhe. Dies solle ihn abhalten, einmal Durchstrichenes ein zweites Mal zu schreiben, wozu eine gewisse Neigung bestehe. Auch Sätze kämpften um ihr Leben, besonders die lange und bis zu einiger Härte geschmiedeten.

Überhaupt ist jene Rede vom 16. Oktober erwähnenswert, enthält sie doch die Aufforderung an Verleger, Kollegen und Leser, die seit langem sieche Literatur endlich sterben zu lassen, damit sie irgendwann mit erneuter Kraft wieder auferstehen könne. »Ihr alle, die ihr Euch mit immer weniger zufrieden gebt, seid Totengräber«, schimpfte Unich mit rauher Stimme. »Hört einfach auf mit Eurem Treiben, schaut Filme, lauscht Musik, fahrt Skateboard, aber laßt die Literatur endlich in Ruhe, sie gehört unter die Erde, so wie sie stinkt vor Unernst und Banalität.«

Damals herrschte einige Aufregung im Saal. Vor allem, als Unich sich nach Ende seiner Rede, aber immer noch vor eingeschaltetem Mikrofon in einer Salve von Schimpfwörtern entlud, steigerte sich die bei derartigen Versammlungen gewöhnlich schläfrige Stimmung ins Hellwach-Aufgekratzte. Auch Unichs eigene Verlegerin, Veronika Ferner, zeigte sich – wie sie hernach formulierte – irritiert und erschüttert. Immerhin hatte der Autor sie angeschaut, während er mit vom Wahnsinn erhöhter, weithin klingender Stimme rief: »Ihr Totengräber, Ihr Verwesungstechniker, Ihr Finanzvögler. Ich werde Euch nicht mit dem Wort ›Banausen‹ loben.«

In einem Brief zum Jahresende schrieb Unich dann im weihnachtlich gestimmten Beschwichtigungston an seine Verlegerin, sie habe er am allerwenigsten gemeint.

Insgesamt aber war Unichs Konzilianz im Schwinden begriffen, und allmählich begann er schon zu fluchen, sobald sich ein Mikrofon ihm näherte.

»Es gibt kaum noch jemanden, der lesen kann«, schrie er einmal, als das Mikrofon noch mindestens vier Meter entfernt war, »wozu soll ich Satz für Satz durchstreichen, wenn ihr sowieso nicht versteht?!«

Befand er sich in solch einer Vergeblichkeitsstimmung, war er im Grunde nicht ansprechbar. Nur Anna Wokal, Freundin und mutigste Person seiner Umgebung, wagte es. Sie widerstand ihm, wo es not tat. Und das war gut so, denn Unich haßte es, ohne Widerpart zu sein. Seine Kräfte reichten, ihn zu Grunde zu richten, er mußte sie gegen etwas Starkes wenden können. »Ein kraftvoller Mensch in einer kraftlosen Zeit«, hatte Anna Wokal in einer Talkshow über ihn gesagt, und hinzugesetzt: »und ist das nicht auch zum Verrücktwerden?«

In den Monaten vor der Jahrtausendwende strich Unich mehr Sätze durch als je zuvor. Er scherzte, irgendwann werde er mehr durchstreichen als schreiben. Gern, fuhr er fort, würde er auch alles andere, nicht von ihm Geschriebene durchstreichen, denn was für ein bitterer Witz sei es doch, wenn seine Sätze verschwänden und das andere übrig blieb, dieses Gebirge des Wertlosen.

Seine Verachtung für die den modernen Lesegewohnheiten sich beugenden Kollegen wurde derart angriffslustig, daß man ihn zu Autorentreffen irgendwann nicht mehr einlud.