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Ob Bürgerplattformen oder Gemeinwesenarbeit: Im Rahmen des Handbuchs beleuchten verschiedene Autorinnen und Autoren Theorie und Geschichte des Community Organizing. Sie erklären Formen der Prozessgestaltung und werfen einen Blick auf die bunte Praxis des Community Organizing in Deutschland. Kurze Interviews mit szenekundigen Akteur/innen runden das umfangreiche Handbuch ab. Das Handbuch Community Organizing erscheint in Kooperation mit dem Deutschen Institut für Community Organizing (DICO).
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 445
Veröffentlichungsjahr: 2016
Forum Community Organizing e. V. (FOCO)Stiftung Mitarbeit (Hrsg.)
Handbuch Community Organizing
Theorie und Praxis in Deutschland
in Kooperation mit
DICO – Deutsches Institut für Community Organizing
Herausgeber
Stiftung Mitarbeit
Ellerstraße 67
53119 Bonn
Telefon (0228) 6 04 24 - 0
Telefax (0228) 6 04 24 - 22
www.mitarbeit.de
www.buergergesellschaft.de
www.netzwerk-buergerbeteiligung.de
Forum Community Organizing e. V. (FOCO)
c/o Hester Butterfield
Postfach 13 26
82155 Gräfelfing
www.fo-co.info
in Kooperation mit
DICO – Deutsches Institut für Community Organizing
Prof. Dr. Leo J. Penta
Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin
Köpenicker Allee 39 - 57
10318 Berlin
www.dico-berlin.org
Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen Nr. 46
Redaktion: Carsten Müller, Hille Richers, Hanns-Jörg Sippel
Layout: Stiftung Mitarbeit
Umschlagfotos: GWA Büro Düren, Menderes Singin (re. oben), Ute Fischer (re. mitte), Andreas Haage (re. unten)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016
Verlag Stiftung Mitarbeit
ISBN 978-3-941143-15-9 (Printversion)
ISBN 978-3-941143-21-0 (E-Pub)
ISBN 978-3-941143-25-8 (Mobipocket)
Bonn 2014
»Demokratie ist eine Lebensweise und nicht eine Formel, die wie Marmelade eingekocht und haltbar gemacht werden kann«.[1] Diese witzig-provokante Aussage stammt von Saul David Alinsky, dem Begründer des Community Organizing. Alinsky bringt damit sein Demokratieverständnis auf den Punkt.
Demokratie als dynamischer Prozess
Demokratie ist mehr als eine Regierungsform. Sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, die in ständiger Auseinandersetzung um die Verwirklichung von Wahrheit, Gerechtigkeit und Menschenwürde, in Bewegung gehalten werden muss. Demokratie ist in sich dynamisch.[2]
Für eine lebendige Demokratie reichen etablierte Verfahren politischer Repräsentation nicht aus. Darauf deuten in Deutschland nicht nur die sinkende Wahlbeteiligung und die abnehmende Bereitschaft, sich z. B. in Parteien zu engagieren, hin. Vor dem Hintergrund zunehmender sozialer Ungleichheit scheint das Vertrauen in die Demokratie insgesamt zu schwinden.[3] Die Politik gerät gegenüber ökonomischer Macht und Lobbyismus zunehmend ins Hintertreffen. Colin Crouch hat für diesen Zusammenhang den Begriff »Postdemokratie«[4] geprägt.
Vor diesem Hintergrund rücken Formen der Beteiligung in den Blick, welche die konkreten Interessen der Menschen in ihren jeweiligen Lebensbezügen ernst nehmen und aufgreifen. Alinsky[5] macht deutlich, dass das Versprechen einer demokratischen Lebensweise nicht nur im Großen, etwa in Verfassungen, festgeschrieben gehört. Die Demokratie muss vielmehr im Kleinen und vor Ort erfahrbar werden.
Menschen müssen sich organisieren, um ihren Interessen, Hoffnungen, Gefühlen und Träumen im demokratischen Prozess Aus- und Nachdruck verleihen zu können. Die »Macht des Volkes« bedarf der Übersetzung durch Organisationen, um Demokratie vorwärts zu bewegen.[6] Die Organisationen sind, wie Alinsky dies formuliert, Organisationen von, durch und für das Volk.[7] Es geht um Selbstermächtigung. Menschen in benachteiligten und marginalisierten Lebenslagen werden durch das Community Organizing in die Lage versetzt, ihre Stimme zu erheben und eigene Organisationen aufzubauen, um Veränderungen zu bewirken.
Community Organizing in Deutschland
Die Methode des CO stammt ursprünglich aus den USA. Auch wenn sich das politisch-soziale System der USA vom deutschen System unterscheidet, was z. B. den Wohlfahrtsstaat betrifft, so können wir dennoch voneinander lernen. Zumal mittlerweile auch im »alten Europa« Bestrebungen unübersehbar sind, die staatliche Daseinsfürsorge zu deregulieren und zu privatisieren. Der Erfolg von CO in den USA erklärt sich auch daraus, dass die Menschen dort gewohnt sind, sich für ihre Belange zusammenzuschließen. Dass dies auch in Deutschland möglich ist und dass das amerikanische Konzept an die deutsche Situation angepasst werden kann, zeigt die vielfältige Praxis des CO in Deutschland.
In den letzten 20 Jahren hat sich eine »bunte Praxis« des CO entwickelt. An vielen Orten wird mit CO gearbeitet und experimentiert. Das Spektrum reicht von Projekten in der Gemeinwesen- und Stadtteilarbeit, über Bürgerforen und Bürgerplattformen bis hin zu Projekten der Gewerkschaften und sozialer Bewegungen.
Zum Aufbau des Buches
Der erste Teil führt in die »Theorie und Geschichte des Community Organizing« ein. Dabei wird besonders auf die Geschichte von CO in Deutschland eingegangen. Der zweite Teil stellt Organizing als vielfältigen Prozess dar. Hier werden u. a. die verschiedenen Erscheinungsformen des Organizing, etwa in Bürgerplattformen, in der Sozialen Arbeit oder in der Gewerkschaftsarbeit reflektiert. Ergänzend werden Verbindungen zwischen Selbstorganisation und »Fundraising« aufgezeigt und ein knapper Überblick über Inhalte von CO-Trainings gegeben.
Unter dem Titel »Bunte Praxis des Community Organizing« wird im dritten Teil ein breites Spektrum verschiedener Projekte, Kampagnen und Initiativen präsentiert. Hier bekommen die Leser/innen einen Einblick in die vielfältige Praxis des Organizing in Deutschland und darüber hinaus.
Ein besonderes Bonmot ist der vierte Teil: Im Laufe der Herausgeberarbeit hat sich herausgestellt, dass es spannend ist, Erfahrungen derjenigen Menschen, die in Deutschland von CO gelernt haben und dies umsetzen, aufzuschreiben und weiterzugeben. Dazu wurden die hier abgedruckten Interviews geführt. Zudem finden sich über das Buch verteilt »Statements« weiterer Aktiver. Ein »Ausblick« auf die Zukunft des CO in Deutschland beschließt mit Teil fünf das vorliegende Handbuch.
Editorische Notizen
Die »bunte Praxis« des CO verbietet es, die unterschiedlichen Ansätze zu vereinheitlichen. Dies spiegelt sich auch im Sprachgebrauch. Folglich haben die Herausgeber entschieden, die unterschiedlichen Bezeichnungen, die als Übersetzung für »Community Organizing« – und andere amerikanische Begriffe – genutzt werden, beizubehalten. Je nach Ansatz ist deshalb teils von Bürgerorganisation, Bürgerforum oder Bürgerplattform, von Stadtteilvertretung oder ganz allgemein von Organisationen der Zivilgesellschaft die Rede.
Darüber hinaus erweckt der Begriff »Bürger/in« den Anschein, als handele es sich nur um Staatsbürger/innen mit entsprechenden Rechten. In der Praxis richtet sich das CO jedoch bewusst an alle Einwohner/innen – unabhängig von ihrem Status. Ein hierfür treffender Begriff muss erst noch gefunden werden.
Danksagung
Seit über 20 Jahren hat sich das »Forum Community Organizing e. V.« (FOCO) zur Aufgabe gemacht, ein Forum für Menschen und Organisationen aus Praxis, Lehre und Wissenschaft zu bieten, um CO in Deutschland zu verbreiten. Die Stiftung Mitarbeit legt in ihrer Arbeit einen besonderes Augenmerk darauf, alle Bevölkerungsgruppen in Beteiligungsprozesse einzubeziehen. In einer Gesellschaft vielfältiger Ausgrenzung bedarf es besonderer Anstrengungen, um eine gleichberechtigte politische Teilhabe sicherzustellen. Deshalb unterstützt die Stiftung die nachhaltige Förderung inklusiver Formen der Beteiligung.
Das vorliegende Handbuch ist durch die engagierte Mitarbeit vieler Beteiligter entstanden. Ihnen allen gilt unser Dank. Hervorzuheben ist die Kooperation mit dem »Deutschen Institut für Community Organizing« (DICO). Wir danken Prof. Dr. Leo J. Penta und seinen Mitstreiter/innen. Sie haben wichtige Teile zu diesem Buch beigesteuert und durch kritische Auseinandersetzungen zum Entstehen beigetragen.
Community Organizing kann einen wichtigen Beitrag zur Stärkung der Demokratie in Deutschland leisten. Davon sind wir überzeugt. Wir hoffen, dass das Handbuch die Auseinandersetzung um das Community Organizing in Deutschland befördern wird.
Das Herausgeber- und Redaktionsteam
Hille Richers (FOCO)
Carsten Müller (FOCO; Hochschule Emden-Leer)
Hanns-Jörg Sippel (Stiftung Mitarbeit)
»Warum Community Organizing?« Tagung des Forum Community Organizing (FOCO e.V.) in München (v.l.n.r.): Susanne Kim (IG Metall), Katrin Muckenfuss (Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit e. V. DGSA), Prof. Dr. Leo J. Penta (Deutsches Institut für Community Organizing DICO), Grit Schneider (REGSAM – Regionale Netzwerke für Soziale Arbeit in München), Prof. Dr. Andreas Schwarz (Kath. Stiftungsfachhochschule München), Prof. Dr. Carsten Müller (Hochschule Emden/Leer), Hanns-Jörg Sippel (Stiftung Mitarbeit), Dr. Peter Szynka (Diakonisches Werk Niedersachsen e. V.)
Mittlerweile gibt es Community Organizing (CO) mehr als 20 Jahre in Deutschland. Im Folgenden wird beschrieben, was CO ist und in welchen Kontexten CO steht. Schließlich werden geschichtliche Perspektiven auf CO in Deutschland eröffnet. Denn als ursprünglich US-amerikanische Methode wurde CO in Deutschland spezifisch reflektiert, verändert und modifiziert. Dieser Prozess ist noch nicht abgeschlossen …
Peter Szynka
Dr., Referent für Wohnungslosenhilf
beim Diakonischen Werk in Niedersachsen e.V.
E-Mail: [email protected]
Peter Szynka
Wurzeln des Community Organizing bei Saul D. Alinsky
Um etwas über die Wurzeln des Community Organizing zu erfahren, wird immer wieder auf »Let the People Decide – Neighborhood Organizing in America« von Robert Fisher (1994) zurückgegriffen.[8] Fisher beschreibt die Entwicklung des CO seit den 1880er Jahren, vom »Social Welfare Organizing« über das »Radical Neighborhood Organizing« der 1930er und 1940er Jahre bis heute.
Werden Zeitzeugen befragt, so stößt man bis heute auf den Chicagoer Soziologen Saul David Alinsky (1909–1972), der als eigentlicher Begründer dieses Handlungsfeldes bezeichnet werden muss. Wer war Alinsky?
Alinsky wurde durch seine Projekte in den Stadtteilen von Chicago Back of the Yards und Woodlawn berühmt, in denen er Bürgerforen aufbaute, damit die Infrastruktur verbesserte und die später im ganzen Land berühmt wurden. Er schrieb zwei Bestseller »Reveille for Radicals« (1946) und »Rules for Radicals« (1970), die sein Vermächtnis der politischen Erwachsenenbildung darstellen. »Radikal sein«, meint, »die Dinge bei der Wurzel fassen«. Die Wurzel des Menschen aber ist der Mensch. Es sollte also bei dem Menschen Alinsky begonnen werden, um zu verstehen, wie alles anfing.
»Wo keiner wie ein Mann ist, sei da ein Mann!«[9]
Alinsky wächst in einer jüdischen Familie auf, in einem Ghetto im Ghetto. Seine Eltern, Einwanderer aus Weißrussland, versuchen zunächst, ihn traditionell zu erziehen. Der junge Alinsky liefert sich aber Straßenschlachten mit den anderen Gangs im Ghetto. Schließlich wissen sich die Eltern nicht mehr zu helfen und schleppen den jungen Alinsky vor den Rabbiner. Alinsky verteidigt sich für seine Missetaten mit einem Wort aus der Bibel: »Auge um Auge, Zahn um Zahn« und deutet diese Haltung als den »American Way of Life«. Dem Rabbiner gefällt der intelligente Junge und er erwidert mit einem Ausspruch von Rabbi Hillel aus dem Talmud: »Wo keiner wie ein Mann ist, sei da ein Mann!« Dieses Statement wird zu einem wichtigen Motto im Leben Alinskys.[10]
»Das Ghetto ist eine Geisteshaltung«
Später lernt Alinsky den aus Deutschland emigrierten jüdischen Sozialarbeiter und Soziologen Louis Wirth kennen. In dessen Untersuchung über das amerikanische Ghetto geht er der Frage nach, warum die (jüdischen) Einwanderer in der Neuen Welt freiwillig Ghettos bilden, also eine Lebensweise reproduzieren, zu der sie in der Alten Welt gezwungen waren. Er kommt auf ökonomische Gründe, die Notwendigkeit nachbarschaftlicher Hilfe in einer Einwanderungsgesellschaft, aber auch darauf, dass das Ghetto eine Geisteshaltung sei, welche die Menschen daher beengen und beschränken kann, die aber auch zu überwinden ist. [11] Jahre später wird Alinsky schreiben: Die Einwanderergemeinschaften sind »buchstäblich Inseln europäischer Kultur, nach Amerika transportiert und den Städten aufgepfropft«.[12] Gemeinschaft funktioniert, so Alinsky, wie ein Kokon: »Nachdem die Immigranten und ihre Kinder sich eine Zeit lang in diesen kulturellen Kokons entwickelt haben, in ihren Köpfen amerikanische Informationen und Einstellungen aufgenommen haben und in ihren Taschen amerikanisches Geld, kommen sie hervor, breiten ihre Flügel aus und machen sich auf den Weg in die amerikanische Gesellschaft.«[13]
»Die Soziologie bringt die Leute dazu, sich um Kopf und Kragen zu reden«
Alinskys Weg in die offene Gesellschaft führt durch die damals renommierte Soziologenschule von Chicago. Er studiert Soziologie und Kriminologie. Kennzeichnend für die frühe »Chicago School of Sociology« ist die Anwendung ethnosoziologischer Forschungsmethoden, wie offene Interviews, teilnehmende Beobachtungen und kleinräumige Untersuchungen. Alinsky arbeitet mit kriminellen Jugendbanden und entwickelt Interviewmethoden.[14] Er stellt fest, dass er mithilfe detaillierter Kenntnisse der Stadtteile, aus dem seine Probanden stammen, und über gemeinsame Bekannte so viel Vertrauen erhält, dass ihm die Jugendlichen auch Dinge erzählen, die man einem Mitarbeiter des Gefängnisses – Alinsky arbeitete zeitweise als Soziologe in einem Gefängnis – vielleicht besser nicht erzählen sollte.
Alinsky denkt nicht daran, dass in ihn gesetzte Vertrauen zu missbrauchen. Er kategorisiert vertrauliche Informationen als solche ein, die zwar für die Rehabilitation von Wert sind, aber nicht für die Strafverfolgung geeignet. Er erkennt die Rolle von Bezugsgruppen (peer-groups) bei der Entstehung von Kriminalität, stellt aber auch immer wieder fest, dass die »charakterbildenden Maßnahmen« der traditionellen Sozialarbeit nicht ausreichen, um auf die beengten Wohnverhältnisse im Viertel oder die ökonomische Lage der Eltern zu reagieren. Er will im wörtlichen Sinne radikal sein und die Probleme bei der Wurzel fassen. Er beginnt daher, die Eltern zu organisieren.
»Soziologen mit der Lösung sozialer Probleme zu betrauen ist so, als würde man versuchen, Durchfall mit einem Einlauf zu kurieren«
Dabei kommt es zum Bruch mit den Soziologen seiner Fakultät und zum Ende seiner Universitätskarriere.[15] Anstatt die Ursachen sozialer Phänomene zu erforschen und einen Beitrag zur Lösung der Probleme zu liefern, so Alinsky, ginge es dem Wissenschaftsbetrieb immer mehr nur darum, für bekannte Probleme neue Forschungsmittel zu akquirieren. Damit blieben die Soziologen an der Oberfläche und würden dieselben Phänomene immer nur neu interpretieren, anstatt sie zu verändern. Man wisse nun genug und müsse endlich etwas tun. Immerfort neue Projekttitel zu erfinden, helfe zwar den Forschern, nicht aber den Menschen, denen die Wissenschaft zu dienen hätte. Dies verhindere eine Systemanalyse, es gäbe keine gemeinsame Definition der Situation und kein anerkanntes Verständnis über Ursachen und Zusammenhänge.
Außerdem nehme die Evaluation von Interventionen und Programmen immer öfter die Form eines Taschenspielertricks an: »Kopf verliert und Zahl gewinnt«. Argumentiert werde nach folgendem Muster: Wenn die Zahl der Probleme zurückgeht, wird behauptet, das sei auf die Interventionen zurückzuführen. Wenn die Zahl der Probleme gleich bleibt, wird behauptet, sie wäre gestiegen, wenn die Intervention nicht durchgeführt worden wäre. Und wenn sie steigt, kann sogar behauptet werden, dass dies ohne Intervention in noch viel höherem Ausmaß der Fall gewesen wäre.[16] Es scheint also Gründe dafür zu geben, die es vorteilhaft erscheinen lassen, Probleme nicht zu lösen, sondern zu perpetuieren. Nicht so für Alinsky.
»Wie die Gewerkschaften Dachverbände organisieren, so möchte ich Stadtteile organisieren«
Parallel zu einem von der Universität initiierten Projekt für kriminalitätsgefährdete Jugendliche im Stadtteil Back of the Yards beginnt Alinsky, die Erwachsenen zu organisieren. Ihnen drohen die ökonomischen Probleme über den Kopf zu wachsen, sie verlieren den Einfluss auf ihre heranwachsenden Kinder.
Der Stadtteil hinter den Schlachthöfen ist damals in Chicago das Viertel mit dem ganz besonderen Entwicklungsbedarf. Hier befindet sich der größte Schlachthof der Vereinigten Staaten. Die Wohn- und Arbeitsbedingungen stinken wortwörtlich zum Himmel. Die großen Firmen der Fleischverpackungsindustrie teilen sich die Macht. Eine Vielzahl von Einwanderergruppen bevölkert den Stadtteil. Es gibt ethnische, religiöse und politische Konflikte zwischen den Gruppen.
Hier lernt Alinsky Gewerkschafter kennen, darunter John Llellewyn Louis, der damals erfolgreich den Kampf der amerikanischen Arbeiter anführte und die zerstrittenen Einzelgewerkschaften zu einem mächtigen Gewerkschaftsbund zusammenführte. Bei Louis lernt Alinsky das Prinzip der Organisation von Organisationen kennen und den Gewinn, den ein geeinter Verband für die Verhandlungsführung in den industriellen Produktionsbeziehungen bedeutet.
Alinsky befand, dass eine parallele Organisation der Bürger im Reproduktionsbereich nötig wäre. Er beschloss deshalb Community Organizer zu werden und den Stadtteil zu organisieren. Es entsteht das »Back of the Yards Neighborhood Council«, ein Zusammenschluss von 127 Vereinen und Organisationen. Für den von den Gewerkschaften geplanten Streik gegen die Fleischverpackungsindustrie organisiert diese Community Organization die Unterstützung der im Stadtteil sehr wichtigen katholischen Kirche. Der Schulterschluss von Kirche und Gewerkschaft führt zum Einlenken der Fleischverpackungsindustrie und damit zum ersten großen Sieg des Bürgerforums.[17]
»Welfare is hellfare — zum Teufel mit den Wohlfahrtsorganisationen«
In dieser Phase kritisiert Alinsky das Verhalten herkömmlicher Wohlfahrtsorganisationen. Er wirft ihnen vor, »sie erklären den Menschen, dass sie in der Hölle leben und bringen sie dann auch noch dazu, sich dort wohlzufühlen«. Ihr Standesdünkel und ihre Besserwisserei wirkten der Motivation und Fähigkeit der Menschen entgegen, ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände zu nehmen. Die Menschen würden auf diese Weise dazu gebracht, sich wie Schafe in ein nur vermeintlich gut geordnetes Schicksal einzufügen.[18]
»Eine integrierte Nachbarschaft gibt es nur in der Zeit zwischen dem Zuzug der ersten schwarzen Familie und dem Auszug der letzten weißen Familie aus diesem Stadtteil«
Der Kampf gegen diesen Untertanengeist und die darin beschlossene Sklavenmentalität, wird zu einem wichtigen Thema in Alinskys nächstem Projekt. Im Chicagoer Stadtteil Woodlawn organisiert Alinsky vornehmlich schwarze Bürger/innen. Er hilft ihnen, sich selbst zu organisieren, Sprecher und Führungspersönlichkeiten auszubilden. Er wird so schließlich zu einem Wegbereiter der Bürgerrechtsbewegung in Chicago. Aus der »Woodlawn Organization« entstehen Projekte des sozialen Wohnungsbaus. Hundert Jahre nach dem offiziellen Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten durch Präsidenten Abraham Lincoln fordert Alinsky eine zweite amerikanische Revolution – er fordert eine moralische Revolution: die Überwindung der Sklavenmoral.[19]
»Rub raw the resentments – Deckt die Ressentiments auf«
Auch in Alinskys drittem Projekt in der Stadt Rochester geht es um die Probleme schwarzer Bürger/innen. Dabei wird ihm vorgeworfen, die Ressentiments und Feindseligkeiten der schwarzen Bevölkerung zu schüren. Seinen Kritikern hält er entgegen, dass es Feindseligkeiten, schwere Rassenunruhen und Schießereien in Rochester gegeben hätte, schon lange bevor er nach Rochester kam. Alinsky beschließt, die Ressentiments, die dem deutschen Philosophen Nietzsche zufolge Kennzeichen von Herdenmentalität, Sklavenmoral und Untertanengeist sind, freizulegen, bevor sie das Handeln der beteiligten Personen auf Dauer vergiften.[20]
Alinsky bringt die Wut, die Demütigungen und Traumata der Menschen zur Sprache. Er erkennt, dass diese Gefühle eine wichtige Antriebskraft sein können, Ungerechtigkeiten zu überwinden. Dies geschieht, wenn es gelingt, die zunächst als persönlich empfundenen Gefühle in eine gemeinsame Sache zu verwandeln, in eine öffentliche Angelegenheit, die politisch zu lösen ist. Alinsky fordert den größten Arbeitgeber in Rochester, den Filmhersteller Kodak, auf, an der Befriedung der eskalierten Rassenunruhen mitzuwirken und eine große Zahl von schwarzen, langzeitarbeitslosen Jugendlichen einzustellen. »Das einzige, was Kodak bisher zur Rassenintegration beigetragen hat«, so Alinsky spöttisch, »ist die Erfindung des Farbfilms.« Das aber sei nicht genug.
»Die gegenseitige Solidarität von Mittelschicht und Unterschicht ist nötig«
Alinskys Kampf mit dem Filmhersteller Kodak ist langwierig. Eine von der Firmenleitung zunächst gegebene Zusage wird nur wenige Stunden später annulliert. Die Stimmung in der Bevölkerung ist erneut explosiv. Alinsky entwickelt eine neue Strategie. Er skandalisiert das Verhalten von Kodak in den gesamten Vereinigten Staaten und lässt sich landauf und landab die Stimmrechte von Aktieninhabern übertragen. Die Bürgerorganisation von Rochester konfrontiert damit die Aktionärsversammlung, der Firma Kodak droht ein großer Imageschaden. Schließlich siegt die Bürgerorganisation – deren Name »F.I.G.H.T.« für die Worte Freedom, Independence, God, Honor und Today stand – und ein umfangreiches Beschäftigungsprogramm für langzeitarbeitslose, schwarze Jugendliche wird eingerichtet.
Alinskys folgert aus dieser Auseinandersetzung, dass es der Unterschicht, den »have-nots«, nicht ohne weiteres gelingt, aus sich heraus ihre gesellschaftliche Lage zu verbessern. Die »have-nots« sind auf die Unterstützung der Mittelklasse, der sogenannten »have-a-little-and-want-mores«, angewiesen. Im Gegenzug ist wiederum auch die Mittelklasse, so Alinskys Analyse, deren Mitglieder ständig vom sozialen Abstieg bedroht sind, auf die Unterstützung der Unterschicht angewiesen. Es sei deshalb folgerichtig, wenn Kleinaktionäre, die sich Kodak-Aktien zur Altersvorsorge beschafft hätten, ihre Stimmrechte für eine verantwortliche Geschäftspolitik einsetzten, die keinen Keil zwischen die Armen und die bürgerliche Mittelklasse treibt.[21]
Alinskys Cheforganizer in Rochester, Edward T. Chambers, übernahm nach Alinskys Tod im Jahre 1972 die Leitung der Industrial Areas Foundation (IAF), dem von Alinsky gegründeten Ausbildungsinstitut für Community Organizer in Chicago. Der Anfang war gemacht.
Literatur
Alinsky, Saul David (1934): A Sociological Technique in Clinical Criminology. Proceedings of the Sixtyfourth Annual Congress of the American Prison Association. New York, S. 167-178.
Alinsky, Saul David (1940): A Departure in Community Organization. Proceedings of the National Conference of Juvenile Agencies. January 1940.
Alinsky, Saul David (1941): Community Organization and Analysis. In: American Journal of Sociology, S. 797-808.
Alinsky, Saul David (1946): Reveille for Radicals. Chicago.
Alinsky, Saul David (1946a): Heads I Win and Tails You Lose. In: National Probation Association (Yearbook). New York, S. 40-49.
Alinsky, Saul David (1960): The Urban Immigrant. In: Mc Avoy, S. 142-155.
Alinsky, Saul David (1971): Rules for Radicals – a Pragmatic Primer for Realistic Radicals. New York.
Alinsky, Saul David (1999): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften. Göttingen.
Fisher, Robert (1994): Let the People Decide: Neighborhood Organizing in America. New York etc.
Norden, Eric (1972): Saul Alinsky. A Candid Conversation with a Feisty Radical Organizer. The American Playboy. March, S. 70-78, S. 150 und S. 169-178.
Szynka, Peter (2005): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky (1909-1972). Eine Rekonstruktion. Bremen.
Szynka, Peter (2011): Community Organizing: Ein Weg zu mehr Beteiligung. Berlin.
Wirth, Louis (1928/1956): The Ghetto. Chicago.
Carsten Müller
Dipl. Sozialpädagoge, Dr. paed., Professor für sozial- und gesellschaftspolitische Aspekte Sozialer Arbeit, Hochschule Emden/Leer
E-Mail: [email protected]
Peter Szynka
Dr., Referent für Wohnungslosenhilfe beim
Diakonischen Werk in Niedersachsen e.V.
E-Mail: [email protected]
Carsten Müller · Peter Szynka
Community Organizing – Was ist das?
In Deutschland wirken Sprache, Denken und Handeln im Community Organizing möglicherweise etwas fremd.[22] Deshalb werden im Folgenden zentrale Grundbegriffe, die im CO von Bedeutung sind, erklärt. Auch wird der methodische Ablauf eines CO-Prozesses nachgezeichnet.
Zu den Grundbegriffen von CO gehören: Macht, öffentliche Beziehungen, Organisation, Strategie und Taktik. Zudem findet CO immer in einem ethischen und demokratischen Rahmen statt.
Macht (power)
Im Unterschied zu einem verbreiteten alltäglichen Vorverständnis ist der Begriff Macht im CO nicht negativ besetzt. Im Gegenteil gilt, dass Organisationen Macht brauchen und aufbauen müssen, wollen Bürger/innen Veränderung herbeiführen. Hinzu kommt, dass sprachlich zwischen Macht und Gewalt unterschieden werden kann, weshalb dem Wort Macht als politisch-öffentlicher Kategorie weniger ethische Bedenken anhaften. Der amerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King formulierte das so: »Macht, richtig verstanden, ist die Möglichkeit etwas zu erreichen. Es ist die Stärke, die man braucht, um soziale, politische oder wirtschaftliche Veränderungen herbeizuführen. In diesem Sinne ist Macht nicht nur erwünscht, sondern auch notwendig, um die Forderungen von Liebe und Gerechtigkeit zu erfüllen. Eines der größten Probleme der Geschichte ist es, daß die Begriffe Liebe und Macht gewöhnlich als polare Gegensätze gegenübergestellt werden.«[23] Macht wird nicht als Gegenteil von Liebe oder Gerechtigkeit verstanden, sondern vielmehr als deren notwendige und pragmatische Ergänzung.
Im CO werden zwei Formen von Macht unterschieden: die Macht des Geldes und die Macht des Volkes. Die Macht von Geld und Kapital zeigt sich u. a. am Einfluss von Finanz-Eliten auf politische Entscheidungsprozesse. Da die gesellschaftlich ausgeschlossenen Gruppen meist nicht über Geld und Einfluss verfügen, müssen sie sich eine andere Quelle der Macht erschließen: die Macht des Volkes. Mittel und Ziel im CO ist es, möglichst viele Menschen und Organisationen (organize the organizations) zusammenzubringen, um gemeinsam stärker zu werden.
Öffentliche Beziehungen (community) und Organisation (organization)
CO lebt von öffentlichen Beziehungen zwischen Menschen. In einem ersten Schritt werden diese Beziehungen z. B. in einem Stadtteil untersucht und dort, wo sie wenig entwickelt oder eingeschlafen sind, neu belebt und aufgebaut. Eine wichtige Rolle spielen dabei die in Communities verwurzelten Schlüsselpersonen (leaders). Diese gilt es für die Community Organization zu gewinnen. Schließlich muss die Organisation selbst in der Nachbarschaft, dem Stadtteil, der Betroffenengruppe wurzeln.
Nachbarschaften, Stadtteile und Betroffenengruppen besitzen eigene Traditionen und Geschichten. Deshalb ist es im CO wichtig, die Erfahrungen, Bräuche, Wertvorstellungen eines Stadtteils und seiner Bewohner/innen zu kennen. Denn der Aufbau einer Community Organization fängt realistischerweise mit dem an, was an Traditionen einer Community vorgefunden wird.
Bei einer derartigen Organisation handelt es sich nicht um eine Bürgerinitiative. Im Unterschied zu Initiativen, welche nur auf Zeit und zu einem bestimmten Zweck gebildet werden, baut CO dauerhafte Organisationsstrukturen auf, die es möglich machen, die Arbeit zu verstetigen und immer wieder neu aufzunehmen. Wichtig sind die Fragen der Finanzierung. In der Regel werden die Kosten durch Fundraising getragen, wobei Mitgliedsbeiträge und Spenden eine besondere Rolle spielen.
Konflikt (conflict)
Auch wenn Community Organizing im Grundsatz auf Kooperation angelegt ist, sind Konflikte geradezu das Lebenselixier des CO. Ohne Auseinandersetzungen z. B. mit einer Stadtverwaltung oder einer Wohnungsbaugesellschaft wird es kaum Veränderung geben.
CO ist eine konfliktorientierte Methode, was jedoch nicht mit einem aggressiven oder gar destruktiven Vorgehen gleichgesetzt werden darf, wie dies oft kritisch gegenüber CO eingewendet wird.
Strategie (strategy) und Taktik (tactic)
Eine gute Strategie zeichnet sich dadurch aus, dass sie mit den zur Verfügung stehenden Mitteln das Bestmögliche für die Community herausholt. Eine gute strategische Planung schätzt die zur Verfügung stehenden Mittel und die Macht der Organisation realistisch ein. Im Abgleich der vorhandenen Macht mit der Gegenmacht ist zu prüfen, ob die Ziele der Community Organization erreichbar sind.
Neben einer guten Strategieplanung spielen im CO Konflikttaktiken eine wichtige Rolle. Alinsky hat hierzu einen Kanon von Regeln aufgestellt:
•Macht ist nicht nur das, was man hat, sondern auch das, von dem der Gegner glaubt, dass man es hat.
•Verlasse niemals den Erfahrungsbereich der eigenen Mitstreiter, aber möglichst den der Gegner.
•Zwinge den Gegner, nach seinen eigenen Gesetzen zu leben.
•Spott ist die mächtigste Waffe des Menschen. Denn er verführt die Gegner zu falschem Verhalten und deckt ihre Schwächen auf.
•Die eigentliche Aktion besteht in der Reaktion der Gegenpartei. Eine sorgfältig gereizte Gegenpartei wird durch ihre zornige Reaktion die Bürgerbewegung nachhaltig stärken.
•Eine Taktik ist nur dann gut, wenn sie den Mitgliedern der Gruppe Spaß bereitet. Solange man lachen und sich freuen kann, wird der Wille zur Aktion nicht nachlassen. Ständige Aktionen sind unabdingbar, denn:
•Der Druck darf nicht nachlassen. Ständiger Druck bewirkt Fehlreaktionen des Gegners und unterstützt die eigene Aktion.
•Die Drohung hat oft eine abschreckendere Wirkung als die Aktion selbst. Wenn man dem Gegner geschickt Informationen über die eigenen Planungen zuspielt, erspart dies oft die eigene Aktion. Der Gegner bekommt es schon vorher mit der Angst zu tun und gibt nach.
•Suche dir eine Zielscheibe, personalisiere sie und schieße dich auf sie ein. Es hat keinen Sinn, anonyme Verwaltungen, Konzerne oder komplette Systeme anzugreifen, denn ein gezielter Angriff zerschellt zu leicht an den bürokratisch organisierten Vorgängen großer Einheiten. Um einen Konflikt zu befeuern, hilft es oft, wenn man sich eine Person herausnimmt und sie von allen Seiten mit gezielten Argumenten, mit politischen Aktionen oder mit langfristigen Strategien, mit Spott und Ironie angreift.[24]
Ethischer und demokratischer Rahmen
Kritiker werfen CO vor, als Methode ethisch fragwürdig zu sein. CO ist jedoch an feste ethische Prinzipien gebunden, wie das oben genannte Zitat von King deutlich macht. Nicht Macht an sich ist das Problem, sondern die ungleiche Verteilung der Macht. Die Demokratie lebt vom Konflikt und von der Auseinandersetzung. Nur durch Auseinandersetzungen können sich Demokratien verbessern. Damit eine Auseinandersetzung fruchtbar ist, braucht es allerdings gleichwertige Partner. Demokratie in diesem Sinne ist ein fortwährender Prozess des Aushandelns von unterschiedlichen Interessen zum Wohle aller.
Methodischer Ablauf
CO folgt einem Organisationszirkel oder einer Organisationsspirale. Diese lässt sich grob in vier Phasen einteilen: (1) persönliche Gespräche, (2) Versammlung, Machtanalysen und Nachforschungen, (3) Aktionen und (4) Organisationsaufbau. Diese Phasen können frei oder im Kontext des Aufbaus einer Community Organization stattfinden.
Persönliche Gespräche (One-on-one)
Ein CO startet mit persönlichen Gesprächen, sogenannten Eins-zu-eins-Gesprächen. Überhaupt machen Gespräche und das aktive Zuhören einen Hauptteil der Arbeit aus.
Menschen werden zumeist aus zwei Gründen aktiv: aus Eigeninteressen (self interest) und aufgrund von Beziehungen (relationship). Deshalb sind Besuche und persönliche Gespräche durch Organizer oder ein CO-Team äußerst wichtig. Sie dienen dazu, Beziehungen zu knüpfen, Vertrauen aufzubauen und die Eigeninteressen, Talente und Wertvorstellungen der Menschen aufzuspüren.
Ein persönliches Gespräch dauert ca. 30 bis 60 Min. und läuft nach folgendem Muster ab: Einstieg, Kennenlernen, Erfragen von Besorgnissen und Wünschen, Ausklang. Nach Abschluss der Gespräche werden die Erfahrungen des Besuches schriftlich festgehalten und ausgewertet. Mithilfe der Dokumentation kann auf die Inhalte der Gespräche später zurückgegriffen werden.
Versammlung, Machtanalyse und Recherche (research)
Die persönlichen Einzelgespräche dienen u. a. dazu, eine Gruppe von Menschen mit gleichen Interessen zu identifizieren und schließlich zu einer Versammlung, einem »Meeting« zusammenzubringen. Wenn sich daraus eine Kerngruppe gebildet hat, kann die nächste Phase beginnen: die Phase der Machtanalyse. In dieser Phase geht es darum, die Zielperson oder Zielinstitution (target) zu identifizieren, die der Community Organization das geben kann, was sie haben will. Darüber hinaus sollte sich die Gruppe fragen, ob ihre Macht ausreicht, das Ziel in einem überschaubaren Zeitfenster zu erreichen. Auch sollte das Ziel so ausgewählt werden, dass es dazu beiträgt, die Mitglieder der Organisation weiter zu trainieren und neue Verbündete zu gewinnen. Grundsätzlich gilt: Nur ein Ziel, das von der Community Organization als Ganzes getragen wird, ist ein gutes Ziel.
In der folgenden Phase der Nachforschung werden vor allem drei Kernbereiche näher untersucht: der Sachverhalt, die Zielperson oder Zielinstitution und mögliche Verbündete. Bei der Untersuchung des Sachverhaltes kann zunächst an die Erfahrungen der Mitglieder der Gruppe angeknüpft werden. Die Organisation sollte sich fragen, wer sonst noch vom Problem betroffen ist, welche Ressourcen zur Verfügung stehen und was noch gebraucht wird. Dies kann z. B. zur Frage der Finanzierung führen: Welche Kosten entstehen und wie werden diese gedeckt?
Des Weiteren wird die Zielperson genauer untersucht: Es ist sinnvoll, genau die Strukturen, z. B. die Beziehungsstrukturen und Verantwortungsgeflechte, sowie den Hintergrund der Zielperson zu kennen. Besonders wichtig ist es, die Vorgeschichte des Problems zu verstehen, mit dem sich die Community Organization auseinandersetzt. Denn das Verständnis der Entstehungszusammenhänge kann erste Hinweise auf mögliche Lösungen geben. Hier kann es hilfreich sein, nach Beispielen für gute Lösungen in ähnlichen Sachverhalten zu suchen.
Ebenso wie sich die Community Organization fragen sollte, welche Verbündete sie für ihr Anliegen gewinnen kann, so sollte sie sich auch fragen, welche Verbündete die Gegenseite beibringen wird. Es ist gut, seinen Gegner zu kennen.
Aktion (action)
Ein zentrales Element von CO ist die Aktion. Zumeist finden Aktionen in Form eines öffentlichen Treffens zwischen den Mitgliedern der Community Organization und der oder den Zielpersonen statt. Ziel des Treffens ist es, die Zielperson zu Verhandlungen (negotiation) und im günstigsten Fall zu Zugeständnissen zu bewegen.
Da die Mitglieder einer Organisation anfangs in der Regel kaum Erfahrungen mit öffentlichen Treffen haben, sich aber die Zielpersonen wie z. B. Politiker auf der Bühne der Öffentlichkeit routiniert bewegen, kann es sinnvoll sein, das Treffen zuvor in Rollenspielen u. a. zu üben. Ziel ist es, dass sich die Organisation niemals das Heft des Handelns aus der Hand nehmen lässt.
Es kann sein, dass sich eine Zielperson nicht direkt auf ein öffentliches Treffen einlässt, zumal dann nicht, wenn diese die Community Organization nicht ernst genug nimmt. Dann ist es sinnvoll, Druck auf die Zielperson auszuüben und diesen Druck schrittweise zu erhöhen. Dabei gilt die Grundregel: Die Aktivist/innen sind jederzeit zur Kooperation bereit, wenn die Zielperson mit ihnen kooperieren will. Gelingt es, die Zielperson zu Zugeständnissen zu bewegen, wird die Community Organization als Gesprächs- und Verhandlungspartner ernst genommen. Das ist ein Erfolg.
Hinsichtlich guter Aktionen sind der Kreativität kaum Grenzen gesetzt. Je kreativer eine Aktion ist, umso mehr Aufmerksamkeit wird sie erzeugen und den Mitgliedern der Community Organization selbst Spaß bereiten. Schon Alinsky wusste, dass Spott eine mächtige Waffe ist. Dazu kann bspw. auf Erfahrungen aus dem Bereich des zivilen Ungehorsams, aus der Aktionskunst oder dem Theater zurückgegriffen werden.
Selbstredend sollte die Zielperson nicht verleumdet, beleidigt, diskriminiert oder gar verletzt werden. Auch hier gilt der ethische und demokratische Rahmen des CO. Der Gegner wird respektiert. Indes kann die Zielperson dazu provoziert werden, ihrerseits unüberlegt zu handeln. Hier gilt: Reaktion ist Aktion. An fraglichen Reaktionen der Zielperson wird ersichtlich, dass die Macht der Organisation wächst.
Reflexion und Organisationsaufbau
Gegen Ende werden Erfolge und Misserfolge des CO-Prozesses ausgewertet. Ziel ist es, aus den Erfolgen wie aus den Misserfolgen für die nächste Runde zu lernen.
Ist es gelungen, zumindest einen Teil der angestrebten Ziele durchzusetzen, stärkt dieser Erfolg die Organisation selbst. Vielleicht liegt hierin der wichtigste Effekt: CO kann dazu führen, dass zuvor resignierte Menschen wieder erfahren, dass sie als Bürger/innen etwas bewegen können. Insofern belebt CO die Demokratie und Zivilgesellschaft.
Literatur
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Häcker, Walter (2003): Power durch Community Organizing. In: Ley, Astrid/Weitz, Ludwig (Hrsg.): Praxis Bürgerbeteiligung. Bonn, S. 95-101.
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Müller, Carsten/Szynka, Peter (2010): Community Organizing. In: Enzyklopädie Erziehungswissenschaft Online (EEO). www.erzwissonline.de/fachgebiete/soziale_arbeit/beitraege/14100124.htm (letzter Aufruf 14.02.2013).
Szynka, Peter (2005): Theoretische und empirische Grundlagen des Community Organizing bei Saul D. Alinsky (1909-1972). Eine Rekonstruktion. Bremen.
Carsten Müller
»Mit Community Organizing lässt sich Demokratie, zu der Ungehorsam und Widerstand gehören, leben. Denn Demokratie ist mehr als eine Herrschaftsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens. Des Weiteren ist für mich die Beziehung von CO und Sozialer Arbeit sehr wichtig: Denn mittels CO gewinnen Benachteiligte und Marginalisierte Macht! Zudem lässt sich so Soziale Arbeit – ohne CO auf Soziale Arbeit zu reduzieren – politisieren. Schließlich denke ich, dass CO selber stärker den Schulterschluss mit gesellschaftskritischen Bewegungen suchen sollte, um gemeinsam Alternativen zum neoliberalen Raubtierkapitalismus erfahrbar zu machen. Zunächst vor Ort und im Kleinen.«
Michael Rothschuh
Professor i. R. für Sozialpolitik und Gemeinwesenarbeit an der Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, seit 2002 aktiv im Verein Zukunft Elbinsel Wilhelmsburg in Hamburg
E-Mail: [email protected]
Michael Rothschuh
Community Organizing im Kontext Sozialer Bewegungen
Community Organizing wird in Deutschland assoziiert mit der Zivilgesellschaft, den Bürgerplattformen und -foren, Kirchen und Moscheen, Bürgerbeteiligung sowie der Gemeinwesenarbeit.
Der vorliegende Beitrag schlägt vor, CO sowohl in der Forschung als auch der Praxis im Kontext Sozialer Bewegungen zu verstehen. Denn im CO geht es darum, dass sich Menschen zu handlungsfähigen kollektiven Akteuren zusammenschließen, um tief greifende Verbesserungen der Lebenslagen zu erreichen und verfestigte Machtstrukturen zu verändern; dies ist auch der Kern Sozialer Bewegungen.
Soziale Bewegungen
Frauenbewegung, Arbeiterbewegung, Anti-Atom-Bewegung, Friedensbewegung, Umweltbewegung, Schwulen- und Lesbenbewegung, Bewegungen wie »Recht auf Stadt«, Occupy, Dissidentengruppen in der DDR – alles das sind Formen Sozialer Bewegungen, die sich nur schwer auf einen Nenner bringen lassen. Eine mögliche Definition ist: »Eine soziale Bewegung ist ein Netzwerk bestehend aus Organisationen und Individuen, das auf Basis einer geteilten kollektiven Identität mithilfe von überwiegend nicht-institutionalisierten Taktiken versucht, sozialen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Wandel herbeizuführen, sich ihm zu widersetzen oder ihn rückgängig zu machen.«[25]
Dass etwas eine Soziale Bewegung ist, ist allerdings nicht unbedingt von Beginn an zu merken. Oft wurde nach einer Welle von Unruhen in den Vorstädten eine neue Jugendbewegung ausgerufen, von der schon bald niemand mehr sprach. Eine Soziale Bewegung ist ein soziales Konstrukt. Die konkret erfassbare Realität sind auffällige Aktionen und harte Reaktionen, Plakate, Bilder, Texte und nicht zuletzt Personen, Gruppen und Organisationen, die sich öffentlich exponieren. Dass dieses als Bewegung verstanden wird und einen Namen erhält, ist eine Deutung von innen oder von außen. Ist allerdings eine Bewegung medial und politisch als solche anerkannt, so wirkt dies auch auf das Selbstverständnis und Auftreten sowie im Wechselverhältnis dazu auf die Fremdwahrnehmung und politischen Reaktionen ein.
Heidi Swarts, die CO als »Progressive Movements«[26] untersucht, unterscheidet zwei gewissermaßen Idealtypen von Sozialen Bewegungen zwischen denen reale Soziale Bewegungen changieren.[27] Zum Idealtypus A zählt Swarts bspw. moralische Reformbewegungen gegen Alkoholismus, anarchistische und neue, postmaterialistische Bewegungen, zum Idealtypus B die Gewerkschaftsbewegung und CO. Ihnen ordnet sie u. a. folgende Eigenschaften zu:
Ideal Type A
Ideal Type B
protest
organizing
expressive
instrumental
altruism
self-interest
purity
compromise
radical
moderate
like religion
like politics or economics
middle-class
working-class
countercultural
culturally mainstream
radical egalitarianism
hierarchical
episodic
ongoing
Tabelle: Idealtypen Sozialer Bewegungen[28]
Bewegungsforschung
In der nach dem Zweiten Weltkrieg beginnenden Forschung zu Sozialen Bewegungen wurden diese zunächst als eher gefährliches »Collective Behavior« angesehen. Seit den 1970er Jahren geht es seitens der Bewegungsforschung nicht nur um die Erklärung von Sozialen Bewegungen, sondern auch um die Erhöhung ihrer Handlungsfähigkeit und Wirksamkeit. Soziale Bewegungen werden nun nicht mehr nur als kollektive Eruption (eher Typ A) verstanden, sondern als zweckrational begründete und strategisch ausgerichtete Unternehmungen (eher Typ B).[29]
Konkurrierende Paradigmata lösten einander ab, können aber auch als Antworten auf unterschiedliche Fragen verstanden werden. Diese Fragen stellen sich auch dem CO, das als Antworten eine eigene Begrifflichkeit und eigene Instrumente entwickelt hat.
Frage
Forschungsansätze Sozialer Bewegungen
Elemente des Community Organizing1
Wie werden Menschen Aktionsbeteiligte?
Collective Behavior
Different Mobilizing Cultures2
Warum kommt es zu Sozialen Bewegungen?
Relative Deprivation
Welche Strukturen erhöhen die Erfolgs-chancen der Sozialen Bewegungen?
Political Opportunity Structure/Political Process
Power Analysis3 Power and Targets
Welche Ausstattung brauchen Soziale Bewegungen?
Ressource Mobilisation
Leadership
Tactics and Strategy
Welches Thema ist geeignet, wie wird es strukturiert?
Framing Agenda Setting
Cutting an Issue
Wie entsteht ein handlungsfähiges »Wir«?
Collective Identity
Private – Civic – Public Hope Is on the Ground One-to-One Interviews
1 Schutz/Sandy 2011, Inhaltsverzeichnis Part IV (Key Concepts) und V (Conclusion), mit Ausnahme der beiden nachfolgenden Anmerkungen.2 Vgl. Swarts 2008, S. 1.3 Vgl. Trapp 1976, S. 1 ff.
Tabelle: Ansätze der Bewegungsforschung und des Community Organizing
CO ist aber bisher kaum in das Blickfeld der Bewegungsforschung gelangt, weil diese auf nationale und internationale Bewegungen sieht, aber nicht auf die lokalen Aktivitäten im Grassroot-Organizing, die nach Swarts eine Infrastruktur für Kontinuität geschaffen haben, die von den Wellen der Bewegung relativ unabhängig ist.[30]
CO und Soziale Bewegungen in den USA
Der Terminus Community Organizer ist in den 1930er Jahren von Alinsky direkt vom Labor Organizer der Gewerkschaften übernommen worden.[31] Das Vorbild für CO war zunächst die Gewerkschaftsbewegung, in der es ebenso wie beim CO darum geht, der Macht des Geldes und etablierten Institutionen die Macht der Vielen entgegenzusetzen, um Verhandlungen auf Augenhöhe zu erreichen.
Alinskys Frustration gegenüber den gegenkulturellen studentischen Bewegungen der 1960er Jahre führte zu der im »Faith-based Community Organizing« (FBCO)[32] weit verbreiteten Abgrenzung gegenüber den Sozialen Bewegungen.[33] Ed Chambers, Alinskys Nachfolger in der Leitung der Industrial Areas Foundation (IAF), begründete diese Ablehnung mit zentralen Schwächen aller Bewegungen: Abhängigkeit von charismatischen Führungspersonen, keine Entwicklung von kollektiver Führung, fehlende Unabhängigkeit ohne eine solide Beitragsbasis, Tendenzen zu ungezielten und unverantwortlichen Aktionen und Entfremdung gegenüber Moderaten und Konservativen.[34] Offenbar sieht er in den Sozialen Bewegungen vor allem Swarts Idealtyp A.
Von den meisten Autoren wird CO in eine Geschichte der Bewegungen eingeordnet, die mit der Amerikanischen Revolution oder gar mit dem biblischen Mose beginnt. Bei Schutz/Sandy reicht diese von der Arbeiterbewegung über die Settlement-Bewegung, Frauenbewegung, Civil-Right-Bewegung, das Black-Power-Movement, die Studenten/innenbewegung, Umweltbewegung, Friedensbewegung, Welfare-Rights-Bewegung bis zur Gay-Rights-Bewegung.[35]
Das Feld des CO hat sich im 21. Jahrhundert verändert:
a)Mit Obamas Wahlkampagne 2007/08 unter Einbeziehung von Methoden des CO wurde CO nicht nur in den USA zu einem politischen Thema – unabhängig davon, inwieweit die Organisationen sich selbst als politisch handelnd verstehen. Massive Angriffe des rechten politischen Lagers gegen CO-Organisationen und subtile Einflussnahme auf die finanzierenden Institutionen stehen nebeneinander.
b)Seit Obamas Regierungsantritt ist CO auch ein Instrument der Regierungstätigkeit.[36] In seiner zweiten Amtszeit versucht die von der demokratischen Partei formal unabhängige »Organizing for Action«[37] eine Bewegung zu schaffen, die Mehrheiten im Senat und Repräsentantenhaus für das Regierungsprogramm sichern soll. Mittel sind sowohl örtliche als auch internetgestützte Kampagnen z. B. zur Waffenkontrolle, zum Immigrationsrecht, zur Gesundheitsreform und für den Klimaschutz.
c)Die größte und zentral geführte Organisation »Association of Community Organizations for Reform Now« (ACORN) mit zuletzt 400.000 Beitrag zahlenden Mitgliedern, die mit ihrem politischen Einsatz zum Wahlsieg Obamas beigetragen hat, hat 2010 nach heftigen Angriffen des rechten politischen Lagers ihre Fördermittel verloren und ist aufgelöst worden.[38] Über die oft kämpferischen lokalen Nachfolgeorganisationen lässt sich noch kein klares Bild gewinnen.
d)FBCO ist von 1999 bis 2011 gewachsen, es gibt nun ca. 190 aktive Organisationen mit über 4.000 Mitgliedsorganisationen überwiegend aus dem religiösen Bereich. Bei der Finanzierung ist der Anteil der Mitgliedsbeiträge wie auch der religiösen Stiftungen erheblich zurückgegangen, der Beitrag von Unternehmen und säkularen Stiftungen hat zugenommen. Man arbeitet vor allem auf der nationalen Ebene mit anderen Organisationen zusammen und zunehmend auch mit politischen Mandatsträgern. Geprägt ist das FBCO stärker durch »soft power«, z. B. die Kultivierung von Beziehungen mit politischen Offiziellen, als durch »hard power« mit konfrontativen Aktionen.[39]
e) Beginnend mit den Kampagnen vieler CO-Gruppen zum Living Wage nähern sich CO und Union Organizing einander an. Insbesondere die »Service Employees International Union« (SEIU) hat sich dem CO zugewandt, mit Finanzierung von CO und bspw. mit der seit über 25 Jahren aktiven Kampagne zur Organisierung von Hausmeistern »Justice for Janitors«.[40]
Swarts[41] schließt aus den Entwicklungen des CO, dass man vier »heilige Kühe« verwerfen müsste:
•»All organizing is local«: CO beginnt lokal, aber die Lösungen für Probleme liegen oft auf der nationalen Ebene und müssen auch dort angegangen werden.
•»We don’t do electoral politics«: Faktisch mischen sich auch FBCO-Gruppen in die Mobilisierung von Wählern und Aufstellung von Kandidaten ein.
•»My organization vs. your organization«: Vor allem für Gesetzgebungsakte sind breite Koalitionen notwendig.
•»Organisation vs. Movement«: Swarts hält sogar ein nationales Organizing als nationale Bewegung für möglich.
Einfluss der Mobilisierungskultur auf die Ergebnisse des Community Organizing
In der Bewegungsforschung werden die lokalen Organisationen der Bewegungen kaum in den Fokus genommen. Swarts dagegen untersucht in ihrer empirischen Untersuchung zum CO die innere Entwicklung von jeweils zwei zum FBCO und zwei zu ACORN gehörenden örtlichen Organisationen. Sie unterscheidet zwischen zwei Ebenen, die in ihrer Interaktion die Ergebnisse bestimmen: die materiellen, personellen, strategischen und Vernetzungsressourcen der Organisation sowie die Mobilisierungskulturen und -kapazitäten, die sich aus den jeweiligen lokalen Bedingungen, der Gruppenzusammensetzung und den unterschiedlichen Traditionen ergeben.[42]
Abbildung: »Relationship of organizational features to outcomes«[43]
Die Mobilisierungskultur umfasst die Ideen und Praktiken über angemessene Mobilisierungsziele und -taktiken und zeigt auf, was zu den konkret handelnden Gruppen passt. Die Mobilisierungskapazität ist die Fähigkeit, Mitglieder und Führungskräfte zu mobilisieren und mit Vorbehalten gegenüber Aktionsformen umzugehen, die z. B. durch Traditionen geprägt sind.
Swarts findet bei grundsätzlich ähnlichen Zielen von ACORN und FBCO sehr unterschiedliche Mobilisierungskulturen, die jeweils durchaus erfolgreich sind: ACORN hebt die Lebensbedingungen der Leute in ärmeren Quartieren als selbstevidente Motivation hervor, generiert als kollektive Emotion Wut und Ärger und sieht sich als Aktionsorganisation. Es gibt weniger Aufmerksamkeit auf den Prozess der Bildung von Solidarität als auf die unmittelbaren Kampagnen und Erfolge.[44] Beim FBCO dagegen, das sehr unterschiedliche Gemeinden, Stadtteile und Organisationen zusammenführt, ist eine elaborierte Organisations- und Mobilisierungskultur notwendig. So werden Leader sorgfältig ausgesucht und ausgebildet; das Konzept von Macht, Selbstinteresse und Wertebezogenheit ist deutlich ausgearbeitet, ausgefeilte Eins-zu-eins-Gespräche tragen zur Entwicklung öffentlicher Beziehungen bei.[45] Rituale, die oft aus dem religiösen Bereich kommen, prägen Aktionen und Treffen. So wird es möglich, Brücken zu schlagen und Solidarität aufzubauen über Bruchlinien zwischen Klassen, »Races«, Religionen sowie konservativen versus progressiven Ideologien.[46]
Community Organizing und Soziale Bewegungen in Deutschland
In Deutschland wird CO vor allem in die Geschichte der Gemeinwesenarbeit eingeordnet oder dem Feld der Bürgerbeteiligung zugeschrieben. CO wird mit wenigen Ausnahmen weder von den Selbstdarstellungen noch der Forschung den Sozialen Bewegungen zugeordnet.[47] Im Gegensatz zu den USA erscheint CO in Deutschland als eigentümlich isoliert und geschichtslos. Gelingt es nicht, CO in Bezug zu setzen zu dem, was die engagierten Gruppen in Deutschland selbst zur Veränderungen ihrer Umwelt und der Machtverhältnisse tun, so bleibt CO eine »Amerikanische Idee in Deutschland«[48].
Vier Kontexte des CO in Deutschland lassen sich feststellen: (a) CO als Empowerment in der Gemeinwesenarbeit, (b) CO als Konzept zur Vitalisierung von Parteien, (c) CO als Organisierung der Zivilgesellschaft und (d) CO als Teil der Sozialen Bewegungen.
(a) CO als Empowerment in der Gemeinwesenarbeit
CO grenzt sich zwar kritisch von der Sozialen Arbeit ab, akademische Lehre zu CO sowie die Organizer sind aber überwiegend in der Sozialen Arbeit und Gemeinwesenarbeit verankert.[49] In der Gemeinwesenarbeit wurden auch schon seit den 1970er Jahren vereinzelt Methoden des CO angewendet. Seit der Gründung von FOCO (Forum Community Organizing) im Jahr 1993 geschieht dies systematischer.[50] CO wird häufiger als zusätzliche Methode verstanden, weniger als Instrument zum Aufbau von unabhängigen Bürgerorganisationen.[51]
Oliver Fehren untersucht in seiner Arbeit »Zivilgesellschaftliche Perspektiven sozialer Arbeit«[52], wieweit CO eine intermediäre Instanz sein kann – damit schlägt er den Bogen von der Sozialen Arbeit zu dem unter (c) aufgeführten Kontext.
(b) CO als Konzept zur Vitalisierung von Parteien
Der Wahlsieg von Obama, vermeintlich mit Methoden des CO, hat in vielen Ländern Parteien animiert, CO genauer in den Blick zu nehmen. In Deutschland interessieren sich insbesondere die Stiftungen der SPD[53], der Grünen[54], der Linken[55] und der CDU[56] für das Konzept. Geblickt wird dabei auf die Möglichkeiten und Grenzen von Organizing als Mobilisierung der eigenen Mitglieder wie auch die Mobilisierung von möglichen Wähler/innen.
(c) CO als Organisierung der Zivilgesellschaft
Das mit dem IAF eng verbundene »Deutsche Institut für Community Organizing« (DICO) der Katholischen Hochschule Berlin initiiert Bürgerplattformen in verschiedenen Städten.
CO wird, ausgehend von einem Drei-Säulen-Modell von Staat, Markt und Bürgergesellschaft[57], verstanden als Aufbau und Bündelung der örtlichen Zivilgesellschaft »von innen und von unten«[58]. Bürgerplattformen schaffen Beziehungen zwischen Organisationen der Zivilgesellschaft, zu denen Kirchen, Moscheen und Verbände gerechnet werden, und treten als Verhandlungspartner gegenüber Organisationen des Marktes und des Staates auf. CO in dieser Weise kann als eine spezifische Beteiligungsform angesehen werden, mit Stärkung der Governance durch Partizipation und Einbeziehung aller Betroffenen. Das Ziel ist eine ausbalancierte Gesellschaftsordnung zwischen Staat, Markt und Zivilgesellschaft.
Stefan Huber[59] untersucht CO insbesondere in Form der Berliner Bürgerplattformen als möglichen Beitrag zur lokalen Demokratie. Robert Maruschke setzt sich auf der Basis von Eric Manns Ansatz zum Transformative Organizing[60] kritisch mit dem Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) auseinander.[61]
(d) CO als Teil der Sozialen Bewegungen
Community Organizations können sowohl als lokale Soziale Bewegungen verstanden werden als auch als Anstoß oder Kern überregionaler Bewegungen.
Wirksame Community Organizations gibt es in Deutschland schon lange. Der Satz: »Behind every successful social movement is a community, or a network of communities«[62], gilt in Deutschland für die Anti-Atom-Bewegung, Umwelt-, Schwulen- und Frauenbewegung, die städtischen Bewegungen im Westen sowie die Umwelt- und Friedensgruppen im Osten. Oft begannen lokale Gruppen mit einem Protest gegen Diskriminierung oder staatliche und kommerzielle Projekte, die ihre Lebenssituation verschlechtern würden, entwickelten dann aber immer mehr Alternativen in einem breiteren Themenspektrum, gingen Bündnisse ein und beeinflussten mit Aktionen öffentliches Bewusstsein, politische Entscheidungen und auch Gerichtsurteile.
Soziale Bewegungen in Deutschland haben sich häufig von Swarts Typ A zum Typ B entwickelt und mit einer höheren Professionalität, verbindlicherer Organisation, mehr Kontinuität sowie besserer Finanzausstattung mehr konkrete Erfolge erreicht. Vom Typ B zu daraus erwachsenden Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) gibt es fließende Übergänge; Beispiele dafür sind der Bund für Umwelt- und Naturschutz (B.U.N.D.), Greenpeace und ATTAC.
Seit den 1970er Jahren sind vielerorts aus Sozialen Bewegungen themenübergreifende Bündelungen entstanden, die sich in lokaler Kultur, einer Alternativpresse und auch Lokalradios manifestierten.[63] Z. B. in Bunten Listen und später in der Partei Bündnis 90/Die Grünen oder auch Die Linke erlangten führende Mitglieder der Sozialen Bewegungen politische Mandate in kommunalen Parlamenten, in Landesparlamenten, im Bundestag und in Regierungen.[64]
Diese Entwicklung (Soziale Bewegung Typ A → Soziale Bewegung Typ B → NGO/Partei) führt oft zu höherer medialer Anerkennung, zur Durchsetzung von konkreten Zielen sowie Einfluss im politischen und administrativen System. Zugleich können sich die Entscheidungen auf die Zentralen verlagern und sich zunehmend in Form und Inhalt an das diese umgebende System anpassen. Neu entstehende Soziale Bewegungen, die eher dem Typ A entsprechen und sich nicht vermeintlichen Sachzwängen beugen, wie z. B. autonome Bewegungen, werden dann ggf. auch von den Trägern der älteren Bewegungen als vermeintlich nicht verhandlungsfähig ausgegrenzt.
Perspektiven für Community Organizing im Kontext der Sozialen Bewegungen
Bei einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung im September 2011[65] haben sich Mitglieder des Hamburger Netzwerks »Recht auf Stadt« (RaS) vorgestellt. RaS ist im Dezember 2009 mit einer großen Parade von über 100 Initiativen und ca. 4.000 Menschen an die Öffentlichkeit getreten. RaS versteht sich als nicht-hierarchisches Netzwerk mit jetzt etwa 50 sehr unterschiedlichen Initiativen aus vielen Stadtteilen und als Anfang einer neuen städtischen Bewegung. »Dies ist der Anfang vom Ende der wachsenden Stadt. Seien wir weiter realistisch und fordern das Unmögliche. Wir bleiben unkalkulierbar – und unplanbar!«, heißt es auf der Website.[66] Konkrete Themen sind Abriss- und Neubauplanungen, Gentrifizierung, ökologische Eingriffe, der ausgrenzende Umgang von Verwaltungen mit Obdachlosen, aber auch Solidarisierung mit anderen städtischen Bewegungen, wie z. B. in Istanbul.
RaS wie die Bürgerplattformen sind vernetzende Organisationen von sehr unterschiedlichen Mitgliedsorganisationen, beide arbeiten themenübergreifend, in beiden geht es um die wechselseitige Unterstützung der Mitglieder bei der Verbesserung der Lebenslagen. Auch die konkreten Themen, wie z. B. schlechte Zustände in Wohnungen und Schulen oder Armut und Ausgrenzung, sind durchaus vergleichbar. Dennoch erscheinen sie von ihrer Mitgliedschaft, ihrer Arbeitsweise, ihrem Auftreten, ihrem Milieu und ihren formulierten Zielen als unüberbrückbar konträr.
Es zeigt sich: Der Dialog über CO in Deutschland muss im praktischen und wissenschaftlichen Kommunikationszusammenhang der Sozialen Bewegungen geführt werden. Denn CO gibt es, wo Menschen sich zusammenschließen, um die Lebensverhältnisse und Machtverhältnisse in ihrem Umfeld und ggf. darüber hinaus zu verändern. Und die engagierten Menschen müssen herausfinden, was dafür am besten geeignet ist. CO ist nicht eine amerikanische Idee, die neu in ein Niemandsland eingeflogen wird, sondern das Spektrum des CO erweitert sich durch das amerikanische CO um ergänzende, korrigierende und widersprechende Erfahrungen und Settings.
Der Dialog lohnt sich: Die Bewegungsforschung gewinnt durch die Einbeziehung von CO den mikro- und mesoskopischen Blick auf die Motive der Menschen sowie die lokalen Gruppen und Organisationen. Sie erweitert ihr Repertoire um die Untersuchung von jeweils unterschiedlichen und zugleich entwicklungsfähigen Mobilisierungskulturen, die nicht nur für den Aufbau, sondern auch die lebendige Weiterentwicklung von Handlungszusammenhängen der Menschen von entscheidender Bedeutung sind.
CO gewinnt durch einen wissenschaftlichen und praktischen Kontext zu den Sozialen Bewegungen an Selbstreflexion, Methodenvielfalt und Flexibilität sowie an Handlungsfähigkeit auf den überregionalen Ebenen, auf denen mehr und mehr über die Bedingungen von lokalen Entwicklungen entschieden wird.
Der spezifische Beitrag von CO zu einem »Change«, der von vielen Sozialen Bewegungen angestrebt wird, bleibt:
•CO verbindet die Mikro-Ebene der Menschen mit ihren scheinbar privaten Sorgen, ihren Emotionen und Lebensvorstellungen mit der Meso-Ebene der sozialen Beziehungen und der gemeinschaftlichen Themen sowie mit der Makro-Ebene der politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wirklichkeit.
•CO kann ein Weg sein, für das Sich-Einmischen von Menschen und Gruppen, die sonst kaum etwas zu sagen haben:
–auf der Grundlage der Eigeninteressen der Menschen- und Sozialrechte
–durch ein Netz von sozialen Beziehungen
–in der Erringung von konkreten, fühlbaren Erfolgen
–zu Themen, die die Menschen bewegen
–als ein Weg aus der empfundenen Ohnmacht.
Literatur
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Michael Rothschuh
»Community Organizing ist für mich nicht eine ›amerikanische Methode‹, sondern gelebte Praxis, in der ich mutige Menschen erlebe, die mit Ideen und Lust etwas bewegen. Ich mag es, wenn man streitbar und freundlich mit unterschiedlichen Meinungen umgeht, sich gemeinschaftlich auch bei kleinen Erfolgen freut und bei Niederlagen tröstet.«
Lothar Stock
Dr. phil., Professor für Sozialarbeitswissenschaft, Methoden der Sozialen Arbeit, Gemeinwesenarbeit, Sozialpolitik, Armut und Ausgrenzung an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
E-Mail: [email protected]
Entwicklungswege des Community Organizing in Deutschland
Im Folgenden wird die Geschichte des Community Organizing in Deutschland zweifach erzählt. Den Erzählungen liegen unterschiedliche Blickwinkel, Interpretationen und Erfahrungen über die Wege in der CO-Landschaft zugrunde. Lothar Stock schildert die Geschichte der Etablierung einer vielfältigen Rezeption in Praxis und Theorie besonders aus der Sicht des Forum Community Organizing e. V. (FOCO). Der Beitrag von Gisela Renner und Leo J. Penta geht besonders auf die Etablierung von Bürgerplattformen (Broad-based-Organizing) ein, so wie diese vom Deutschen Institut für Community Organizing (DICO) vertreten werden. Beide Artikel ergänzen sich und verdeutlichen, dass es auch für das CO in Deutschland nicht die Geschichte gibt. Geschichte selbst ist eine Form der Verständigung und Sinngebung.
Lothar Stock
