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Qualitätsentwicklung im Gottesdienst ist ein relativ junges Arbeitsfeld. Es ist angesiedelt zwischen Praktischer Theologie, Aus- und Fortbildung von Gottesdienstverantwortlichen und der alltäglichen und sonntäglichen Aufgabe, Gottesdienste zu gestalten. Neben bewährte Verfahren und Instrumente wie die Visitation und das Gottesdienstnachgespräch treten neuartige Modelle und Werkzeuge, die vom Qualitätsmanagement beeinflusst sind und durch ihre Übertragung auf den Gottesdienst überraschend neue Perspektiven ermöglichen. Das Handbuch Gottesdienstqualität bündelt die Erkenntnisse und die Ergebnisse aus Modellprojekten des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst, das – als Reformprojekt vom Rat der EKD angestoßen – von 2009 bis 2017 am Michaeliskloster in Hildesheim angesiedelt war. Es dokumentiert darüber hinaus Qualitätsinitiativen aus dem Bereich der ganzen EKD. Neben grundlegenden Klärungen zur Begrifflichkeit und historischen und theologischen Einordnung der Qualitätssemantik beschreibt das Buch Qualitätsmodelle und Qualitätsinstrumente und wertet die Ergebnisse lokaler und regionaler Projekte zur gottesdienstlichen Qualitätsentwicklung aus. Mit Beiträgen von Jochen Arnold, Ulrike Beichert, Christian Binder, Christhard Ebert, Martin Evang, Renate Fallbrüg, Folkert Fendler, Lutz Friedrichs, Hilmar Gattwinkel, Claudia Gerke, Monika Hautzinger, Hans-Jürgen Kutzner, Kathrin Oxen, David Plüss, Hans-Hermann Pompe, Dirk Schliephake, Ilsabe Seibt, Christine Tergau-Harms, Catharina Uhlmann, Karl-Friedrich Ulrichs und Margit Zahn. [Handbook Quality of Church Service] Quality development regarding worship is a relatively new field of work. It finds its place between practical theology, formation and training of worship leaders and the everyday and dominical challenge to lead and structure church services. There exist already good practices and proven instruments like visitations and discussions following-up worship. These are complemented now by new models and tools which are influenced by quality management and in view to church service open up surprisingly new perspectives. The Handbook Quality of Church Service brings together the insights and results of model projects of the Centre for Quality Development in Church Service which was initiated as a reform project by the EKD Council and was located from 2009 to 2017 at the Michaeliskloster in Hildesheim. The volume documents furthermore quality initiatives from the whole area of the Evangelical Church in Germany (EKD).
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Seitenzahl: 473
Veröffentlichungsjahr: 2017
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KIRCHE IM AUFBRUCH
Reformprozess der EKD
Herausgegeben vom Kirchenamt der EKD Band 22
Im Auftrag des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst
herausgegeben von
Folkert Fendler, Christian Binder und Hilmar Gattwinkel
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der
Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten
sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
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Gesamtgestaltung: Kai-Michael Gustmann, Leipzig
Coverbild: © bht2000 – Fotolia.com
ISBN 978-3-374-05086-4
www.eva-leipzig.de
Qualitätsentwicklung im Gottesdienst ist ein relativ junges Arbeitsfeld der Kirche. Es ist angesiedelt zwischen Praktischer Theologie, Aus- und Fortbildung von Gottesdienstverantwortlichen und der alltäglichen und sonntäglichen Aufgabe, Gottesdienste zu gestalten. Das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst (ZQG), das von 2009 bis 2017 am Michaeliskloster in Hildesheim angesiedelt war, eines der Reformzentren, die vom Rat der EKD in Folge des Impulspapiers »Kirche der Freiheit« angestoßen worden waren, hat sich der Aufgabe gestellt, dieses Arbeitsfeld erstmals systematisch zu erschließen. In wissenschaftlicher Arbeit, in Modellprojekten mit Kirchenkreisen und Gemeinden, in Beratungsprozessen, in interdisziplinären Arbeitsgruppen und im ständigen Austausch mit den unterschiedlichen Protagonisten gottesdienstlicher Aus-, Fort- und Weiterbildung hat die Arbeit des Zentrums Gestalt angenommen.
Das Handbuch Gottesdienstqualität versteht sich als Bündelung und Dokumentation der Erkenntnisse und Ergebnisse dieser Arbeit. Zwar kam es im Verlauf dieser acht Jahre zu zahlreichen Einzelveröffentlichungen, auf die in den Texten des Handbuches auch verwiesen wird, ihre konzentrierte Darstellung ermöglicht aber nun einen umfassenden Überblick über und eine Einordnung der verschiedenen Modelle und Zugänge in das Ganze der Qualitätsarbeit. Das Handbuch stellt über diese Zusammenfassung der Arbeit des ZQG hinaus auch Qualitätsinitiativen, Modelle und Projekte anderer Player vor, ohne hier allerdings Vollständigkeit erreichen zu können.
Im Kapitel A (Grundlegendes) wird zunächst dargestellt, was unter Qualitätsentwicklung im Gottesdienst zu verstehen ist. Was unterscheidet diesen Zugang von bisheriger Arbeit am Gottesdienst, welche Impulse gehen davon aus (Fendler)? Der Qualitätsbegriff wird definiert, aber auch der Versuch gemacht, die Geschichte seines Aufkommens in der Kirche (Fallbrüg) nachzuzeichnen. Da Qualitätsarbeit am Gottesdienst regelmäßig auf Widerstände stößt, ist ihrer theologischen Verortung ein eigener Artikel gewidmet (Binder). Ein dieses Kapitel abschließendes Essay zur »Theologie der Qualität – Qualität der Theologie« ordnet die im Handbuch verhandelte Fragestellung fundamentaltheologisch ein (Arnold).
Kapitel B (Qualitätsmodelle) ist in gewisser Weise das Herzstück des Buches. Es beschäftigt sich mit Modellen der Qualitätsbetrachtung und Qualitätsanalyse. Neben einen schon vorher auch in der Theologie begegnenden Zugang der Qualitätsdimensionen nach Donabedian, der allerdings vom ZQG erheblich modifiziert und für die Praxis erschlossen wurde (Binder), treten zwei Modelle, die in Auseinandersetzung und kritischer Aufnahme mit dem Qualitätsmanagement entstanden sind. Der Zugang nach Kano unterscheidet drei Erwartungsebenen und hat sich als verblüffend einfacher und zugleich ertragreicher Weg erwiesen, über Gottesdienstqualität auch mit Nichttheologen ins Gespräch zu kommen (Kaiser). Das Modell der Wirkfelder des Gottesdienstes entdeckt vier Wirkpotentiale des Gottesdienstes, die in der Lage sind, auch gegensätzlichen Erwartungen an den Gottesdienst und ihm immanenten Spannungsfeldern gerecht zu werden (Fendler). Ein ausschließlich durch Sichtung theologischer Gottesdiensttheorien gewonnener Qualitätszugang ist der der sogenannten »Gottesdienste in 3G«, der Qualitätsarbeit am Gottesdienst über drei als zentral erkannte »Wesensqualitäten« des Gottesdienstes, Gewissheit, Gemeinschaft und Geheimnis (die drei »G«), ermöglicht (Gattwinkel). Alle Modelle verstehen sich als Analyse-, Gestaltungs- und Reflexionshilfen.
Qualität lässt sich je nach Themengebiet des Gottesdienstes spezifisch modifizieren. In der Arbeit des Qualitätszentrums sind mögliche Qualitätsfelder (Kapitel C) bislang noch nicht systematisch erschlossen worden, lag der Schwerpunkt doch vor allem auf der Grundlagenarbeit, der Entwicklung von Modellen und der Übertragung und Erprobung von Instrumenten. Ansätze zur qualitätsorientierten Durchdringung von zentralen Feldern des Gottesdienstes bilden gleichwohl die in diesem Kapitel zusammengestellten Artikel. Der Artikel zur Musik (Kaiser) ist dabei der einzige, der die im Zentrum entwickelten Modelle auf seinen Gegenstand anwendet und damit deren generelle Anwendbarkeit zeigt. Der Musik ist noch ein zweiter Artikel gewidmet (Fendler), der zwar durch das Modell der Wirkfelder inspiriert ist, aber als eigenständiger Zugang zur differenzierten Wahrnehmung gottesdienstlicher Musik gewertet werden muss. Der Artikel zur Predigt (Oxen) nutzt das klassische »homiletische Dreieck«, um Qualitätsdimensionen und -kriterien einer guten Predigt herauszuarbeiten, während die Ausführungen zur Öffentlichkeitsarbeit (Gattwinkel) bei der qualitätsspezifischen Zielorientierung ansetzen. Das Kapitel wird abgeschlossen durch ein Essay zu Baustil und Raumästhetik (Kutzner), das Kenntnisse über Raumgeschichte, -theorie und -wirkung vermittelt mit dem Ziel, zu einer Achtsamkeit gegenüber der Sprache des Raumes zu einer Passung von Raum und Gottesdienst zu verhelfen.
Als Qualitätsinstrumente werden Verfahren, Methoden, aber auch Standards bezeichnet, die dazu geeignet sind, die Qualitätsarbeit am Gottesdienst zu fördern. Ihnen ist das Kapitel D gewidmet. Eine zentrale Rolle spielen hier Instrumente des Feedback (Binder). Die Förderung der Gesprächskultur war denn auch eines der Hauptziele des ZQG. Mit dem ältesten kirchlichen Feedbackinstrument wurden Erfahrungen gesammelt (Gattwinkel), neuere Instrumente wie Gottesdienstcoaching (Tergau-Harms) und Predigtcoaching (Oxen) aufgegriffen, analysiert und zum Teil standardisiert (Artikel »Rahmenordnung«). Aber es wurden auch neue Instrumente, insbesondere aus der Begegnung mit dem QM entdeckt und für den Gottesdienst adaptiert. So versteht sich die Studie zum Kundenhabitus im Gottesdienst (Fendler) in erster Linie als ein Wahrnehmungsinstrument bezüglich Logiken des Kirchgangs. Im weiteren Sinne versprechen Instrumente aus dem Kundenbeziehungsmanagement Fortschritte im Bemühen, das Gespräch über den Gottesdienst und eine Rückmeldekultur zu professionalisieren (Fendler). Im Bereich der Predigerseminare entwickelte sich mit dem Erstellen einer Kompetenzmatrix (Ulrichs) ebenso ein eigenes Qualitätsinstrument wie im Kindergottesdienst mit der »Kigo-Card« (Schliephake). Schon länger in Gebrauch und nicht unumstritten ist die Rolle von Predigtpreisen oder Gottesdienstwettbewerben als Instrumente zur Entwicklung von Predigt- und Gottesdienstqualität (Oxen). – Viele der genannten Instrumente lassen sich mit den im Kapitel B vorgestellten Modellen verknüpfen, alle funktionieren aber auch unabhängig von ihnen.
Kapitel E verschafft einen Überblick über lokale, regionale, überregionale und landeskirchliche Initiativen und Projekte, die dezidiert unter dem Label »Gottesdienstqualität« durchgeführt bzw. angestoßen wurden. Die lokalen und regionalen Projekte (Ebert, Fendler, Zahn) beschäftigen sich mit Initiativen zur Fortbildung (Düsseldorf), Standardisierung von Gottesdiensten (Aachen) und zur Förderung des Gemeindefeedbacks (Salzgitter Bad, Goslar). Die Projekte in Köthen, Essen und Hanau waren demgegenüber in unterschiedlicher Weise mit dem Thema eines gottesdienstlichen Regionalkonzepts befasst. Aufgrund der zunehmenden Bedeutung dieses Themas für die gottesdienstliche Qualitätsentwicklung sind diesem Abschnitt von Kapitel E zwei Artikel mit grundlegenden projektunabhängigen Überlegungen zur Planung (Alpermann) und Durchführung (Fendler) von gottesdienstlichen Regionalisierungsprozessen angefügt. – Im Abschnitt »überregionale Projekte« werden die zwei vom ZQG durchgeführten Zählprojekte in Oldenburg und Herford dokumentiert, die unter anderem die EKD-Hochrechnungen zur Bestimmung der jährlichen Gottesdienstteilnehmerzahlen im Bereich der EKD erheblich in Frage stellen (Fendler/Kaiser). Darüber hinaus wird das vom Zentrum für Mission in der Region aus England in den deutschen Kontext übertragene Projekt »Back-to-Church-Sunday« vorgestellt (Pompe) und mit dem Artikel »Qualität von Radwegekirchen« exemplarisch ein Übertrag des für den Gottesdienst entwickelten Qualitätsansatzes auf ein anderes kirchliches Arbeitsfeld versucht (Fendler). – Um eine landeskirchliche Initiative handelt es sich beim Projekt in Schaumburg-Lippe zum Jahr und Tag des Gottesdienstes (Binder/Herde). Qualitätsentwicklung im Gottesdienst wurde in Landeskirchen zum Teil aber auch institutionell aufgenommen. So haben die rheinische (Schwab/Evang) und die hannoversche Landeskirche (Gerke) bereits vor Gründung des ZQG Qualitätsinitiativen projektiert. In der badischen (Beichert/Hautzinger), abermals der hannoverschen (Uhlmann) Landeskirche und – mit sehr eigener Handschrift – in der Schweiz (Kompetenzzentrum Liturgik, Walti) wurden sogar eigene Projektstellen eingerichtet.
Das ZQG versteht sich von Anfang an als forschende und lernende Organisation. Deshalb haben sich Einsichten und Erkenntnisse im Lauf der acht Jahre seines Bestehens bis 2017 auch weiterentwickelt und verändert. So haben etwa die Bezeichnungen der Wirkfelder im Zuge ihrer Anwendung Modifikationen erfahren. Es liegt in der Natur der Qualitätsarbeit, dass die Arbeit an Qualitätsentwicklung im Gottesdienst nicht abgeschlossen werden kann, sondern herausfordernd offen und ein dauerhafter Prozess bleibt.
Die Mitarbeitenden des Zentrums1 danken an dieser Stelle allen Personen und Institutionen, mit denen sie diesen Lernweg beschreiten durften. Hier sind zuerst Rat und Synode der EKD zu nennen, die dieses Projekt allererst ermöglicht haben. Konstruktiv-kritisch begleitet wurde die Arbeit durch einen Beirat unter Vorsitz von Petra Bosse-Huber (später Achim Zobel), das Reformbüro unter Leitung von Thorsten Latzel und Konrad Merzyn und das Referat Gottesdienst der EKD (Stephan Goldschmidt).
Angesiedelt war das ZQG von 2009 bis 2017 am Michaeliskloster in Hildesheim. Dies war ein Glücksfall. Eingebettet in ein Team von Menschen unter dem Direktorat von Jochen Arnold, das seit Jahren an der Qualität von Gottesdienst und Kirchenmusik arbeitete, haben wir hier viel Unterstützung gefunden und einen kreativen Ort kollegialer Zusammenarbeit und gastfreundlichen Lernens erlebt. – Entscheidend für das Gelingen der Arbeit waren aber auch die Begegnungen gewissermaßen mit der »Basis« der Qualitätsarbeit am Gottesdienst, den Gottesdienstverantwortlichen, mit denen wir auf Konventen, in Seminaren und Workshops arbeiten konnten oder sogar längere Prozesse in Kirchenkreismodellprojekten durchführen konnten. Ohne ihre kritischen Anfragen, aber auch ihre ermutigenden Erfahrungen mit den Modellen und Instrumenten der Qualitätsentwicklung im Gottesdienst wäre unsere Arbeit bloße Theorie geblieben.
Großer Dank sei schließlich allen Autorinnen und Autoren dieses Buches ausgesprochen sowie Frau Annette Weidhas (stellvertretend für alle Mitarbeitenden der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig) für die geduldige Unterstützung nicht nur dieser, sondern auch der vorhergehenden Veröffentlichungen des Zentrums für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst.
Die Herausgeber
(Folkert Fendler, Christian Binder, Hilmar Gattwinkel)
1 Folkert Fendler war Leiter des Zentrums von 2009 bis 2016. Die Referentenstelle übernahm von 2010 bis 2015 Christian Binder, in den Jahren 2016 und 2017 Hilmar Gattwinkel (das zweite Jahr zugleich als kommissarischer Leiter). Unterstützung erfuhr das Zentrum durch von der hannoverschen Landeskirche finanzierte Projektstellen, die mit Andrea Wauer-Höflich (2010–2013), Hans-Jürgen Kutzner (2010–2016) und Catharina Uhlmann (seit 2015) besetzt waren bzw. sind. Die Genannten sind alle Theologinnen und Theologen. Im Jahr 2017 war der Kirchenmusiker Jochen Kaiser als freier Mitarbeiter im ZQG tätig.
Der Qualitätsgedanke begegnet den christlichen Kirchen bereits in den 1990er Jahren, nachdem sich diakonische Einrichtungen und Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft mit neu aufgekommenen gesetzlichen Regelungen zu verbindlichem Qualitätsmanagement konfrontiert sahen. Auch im Bereich der Seelsorge und Religionspädagogik beginnt in diesem Zeitraum die Auseinandersetzung mit dem Qualitätsgedanken.1 Gesamtgesellschaftlich finden sich Qualitätsmanagement- und damit einhergehende Zertifizierungsprozesse schon seit den 1960er Jahren. Für zahlreiche Produkte bzw. Produktionsprozesse und Dienstleistungen werden sie verbindlich.2 Ziele des Qualitätsmanagements sind die Steigerung von Effizienz und Effektivität, die Verbesserung von Kommunikations- und Organisationsstrukturen, die Erhöhung der Kundenzufriedenheit und natürlich die Minimierung von Fehlern im Produktions- oder Dienstleistungsprozess.
Anfang der 2000er Jahre taucht der Qualitätsbegriff auch mit Bezug zu inhaltlichen Arbeitsfeldern der Kirche auf. Insbesondere die Impulsschrift der EKD »Kirche der Freiheit« verwendet sehr betont Begriffe wie Qualitätsanalyse, Qualitätsanforderungen und Qualitätssteigerung in Bezug auf die kirchliche Arbeit und deren Personal.3 Damit werden unter der Überschrift »Lernen von wirtschaftlichem Denken«4 zentrale kirchliche Handlungsfelder in die Nähe des klassischen Qualitätsmanagements gerückt und dezidiert auch auf die »geistlichen und seelsorgerlichen Kernvollzüge« (Leuchtfeuer 1) angewandt. Darunter fallen natürlich auch die Gottesdienste. Insbesondere die kirchlichen Amtshandlungen sollen, so die Autoren von »Kirche der Freiheit«, einer Diskussion unter Qualitätsgesichtspunkten unterzogen werden.5
In der Folge kommt es zur Durchführung eines EKD-Workshops zum Thema »Von anderen lernen – Qualitätsentwicklung von Gottesdiensten« (2008)6 und zu vereinzelten Aufsätzen über das Thema »Gottesdienstqualität«.7 Mit dem »Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst« (ZQG, seit 2009) als einem der bereits in der Impulsschrift sogenannten »Kompetenzzentren« der EKD wird eine Einrichtung geschaffen, die sich ausschließlich mit dem Thema Gottesdienstqualität beschäftigt.
Angesichts der Herkunft des Begriffs aus dem wirtschaftlichen Bereich und der Zielrichtung des herkömmlichen Qualitätsmanagements auf Verbesserung, Steigerung von Effektivität und Effizienz und Orientierung an Kundenerwartungen und vorher verabredeten Zielen wird der Qualitätsbegriff im Blick auf den Gottesdienst bis heute zum Teil kritisch aufgenommen oder als ungeeignet zurückgewiesen. Assoziationen an endlose und fruchtlose Dokumentationen oder technokratisches Vorgehen werden wach, eine Orientierung an Defiziten und an bloßer Steigerung von Gottesdienstbesucherzahlen wird befürchtet. Theologisch liegt die Argumentation nahe, dass Qualitätsbestrebungen durch ihre oft standardisierten Handlungsanweisungen eine Machbarkeit des gottesdienstlichen Geschehens suggerieren, die ihm gerade nicht entspricht. Denn im Gottesdienst handelt nach evangelischem Verständnis in erster Linie Gott selbst. Das Ziel des Gottesdienstes (wie immer man es bestimmen mag, zum Beispiel: Glauben stärken oder wecken) bleibt daher menschlichem »Herstellungswillen« entzogen.8
Qualitätsentwicklung im Gottesdienst muss nun nicht notwendigerweise mit einem standardisierten (und möglicherweise zu zertifizierenden) Qualitätsmanagement gleichgesetzt werden – trotz der Herkunft des Begriffs aus der Betriebswirtschaft und seiner faktischen Nutzung im kommerziellen und auch längst schon im nichtkommerziellen Bereich. Die Zugänge zur Qualitätsarbeit am Gottesdienst, wie sie das Zentrum für Qualitätsentwicklung im Gottesdienst gewählt und erarbeitet hat und die in diesem Buch dokumentiert werden, sind zwar oft durch Modelle des Qualitätsmanagements inspiriert, gehen aber keineswegs in ihnen auf. Sie werden in Freiheit übertragen und der Eigenart des Gottesdienstes angepasst. Gleichwohl sind diese Zugänge von der Überzeugung geleitet, dass die Grundlinien des Qualitätsmanagements: systematisches, planvolles und zielorientiertes Vorgehen auch einzelnen Phasen der Gottesdienstvorbereitung, -durchführung und -nachbereitung gut tun. Oft führen die Modelle dazu, dass Gottesdienstverantwortliche sich ihres Handelns und der ihm zugrunde liegenden Vorentscheidungen allererst bewusst werden – weiteres Kennzeichen von Qualitätsarbeit.
Wichtiger Ausgangspunkt von Qualitätsentwicklung im Gottesdienst ist die Klärung des Qualitätsbegriffs selbst, der zunächst einmal als Unbekannte in das Feld der Gottesdiensttheologie einbricht.9 Zahlreiche Begriffsbestimmungen sind im Laufe der Geschichte und in unterschiedlichen Wissenschaftsgebieten bereits unternommen worden. Aus ihnen lässt sich eine zwei- bis dreifache Grundunterscheidung ableiten, die zur Klärung beiträgt10:
1) Qualität als beschreibender Begriff
2a) Qualität als wertender Begriff: Umgangssprache
2b) Qualität als wertender Begriff: Qualitätsmanagement
Von seiner griechischen (poiotes) bzw. lateinischen (qualitas, qualis) Ursprungsbedeutung her bezeichnet der Begriff »Qualität« die Beschaffenheit von Dingen oder Sachverhalten. Hier handelt es sich um ein beschreibendes Verständnis, wie es seine Wurzeln in der philosophischen Tradition hat. Es geht um die Eigenschaften einer Sache, also etwa um Größe, Farbe, Geruch etc., oder aber um die Merkmale und zentralen Inhalte eines Sachverhalts. Auf den Gottesdienst übertragen geht es in dieser Bedeutungsnuance um das Wesen des Gottesdienstes, seine zentralen Merkmale. Ob der Wesensbegriff hier angemessen ist, ist seinerseits umstritten, da er auch ontologisch als unverrückbare Größe missverstanden werden kann. Gemeint ist eine beschreibende Definition des Gottesdienstes, in der gegebenenfalls auch sein Ziel benannt wird, die sich dabei aber jeder Wertung enthält. Dass auch hier theologisch keineswegs Einhelligkeit besteht, ja sogar umstritten ist, ob man von einem »Ziel« des Gottesdienstes sprechen kann, ist in diesem Zusammenhang kein gültiger Einspruch gegen diese Verständnisvariante des Qualitätsbegriffs. Denn schon in seiner philosophischen Verwendung wird solche Beschreibung nicht zwangsläufig als objektive Größe, sondern in Abhängigkeit vom erkennenden Subjekt gesehen. Da die Qualitätsbestimmung des Gottesdienstes auf dieser ersten Verständnisebene nur theologisch geschehen kann, wird sie in der vom Zentrum herausgegebenen Literatur oft nicht nur als philosophisches, sondern auch als theologisches Qualitätsverständnis bezeichnet: Der erste Schritt jeder Qualitätsarbeit am Gottesdienst ist die theologische Bestimmung seines Wesens.
Die zweite Bedeutungsnuance des Qualitätsbegriffs ist die wertende. Umgangssprachlich wird Qualität meist automatisch als wertender Begriff verstanden. Wenn etwas »Qualität hat«, dann liegt darin eine klare positive Wertung: Es ist gut, es gefällt. Qualität wird zum Synonym für »Güte«. Gelegentlich schwingt in der umgangssprachlichen Verwendung auch ein Anspruch von Perfektion mit (»da wird Qualität gefordert«) oder eine Aura von Exklusivität, obwohl letztere Nuance durch den inflationären Gebrauch, die der Qualitätsbegriff in der Werbung erfährt, zunehmend verblasst. Gerade das durch die Werbung transportierte wertende Qualitätsverständnis prägt die umgangssprachliche Verwendung des Begriffs stark.
Ebenfalls wertend tritt das Qualitätsverständnis im Qualitätsmanagement auf. Eine bekannte Definition von Qualität lautet hier: Qualität ist der »Grad, in dem ein Satz inhärenter Merkmale eines Objekts Anforderungen erfüllt« (DIN EN ISO 9000: 2015-11; 3.6.2.). Qualität wird in eine Messbarkeitsskala eingezeichnet. Sie richtet sich an Anforderungen aus, die vorher gesetzt wurden, und kann daran objektiv beurteilt werden: Sind die Anforderungen erfüllt, ist die Qualität gut, sind sie nicht erfüllt, ist sie schlecht. Das bedeutet nicht, dass die Qualität selbst hier mit objektivem Anspruch auftritt, vielmehr ist die Bestimmung der Anforderungen immer ein Aushandlungsprozess, eine Setzung, die je nach Zielrichtung und Anspruchsniveau unterschiedlich ausfallen kann. Im Gegensatz zur umgangssprachlich-wertenden Verwendung des Begriffs »Qualität«, die sich nicht notwendig Rechenschaft über die eigenen Kriterien der Beurteilung ablegt, ist die Wertung im Kontext des Qualitätsmanagements immer transparent. Die Anforderungen sind klar genannt und ggf. schriftlich festgehalten. Im umgangssprachlichen Gebrauch gibt es wahrscheinlich ebenfalls Anforderungen, an denen das Urteil gemessen wird. Meist bleiben diese aber unausgesprochen, vielleicht sogar dem Urteilenden selbst unbewusst und geschehen stärker »aus dem Bauch heraus«.
Die Qualitätsverständnisse stehen nicht unverbunden nebeneinander. Vielmehr gibt es naturgemäß eine starke Verbindung zwischen dem als wesenhaft Erkannten eines Produktes oder einer Leistung und den Anforderungen, die für seinen rechten Gebrauch zu stellen sind. Ein Stuhl dient dazu, darauf zu sitzen. Je nachdem, ob es ein Bürostuhl, ein Küchenstuhl, ein Stuhl im Kirchenraum oder im Restaurant ist, können unterschiedliche Anforderungen an ihn herangetragen werden. Gesundheitliche, reinigungspraktische und ästhetische Aspekte können ebenso in das Qualitätsideal einfließen wie der finanzielle Rahmen, der zur Verfügung steht, ihn zu beschaffen. An diesem Ideal, das subjektiv ausgehandelt und in eine Reihe von Merkmalen überführt wird, kann dann die Qualität gemessen und beurteilt werden. Das beschreibende Qualitätsverständnis, man könnte es vielleicht auch das A-priori-Qualitätsverständnis nennen, ist also im besten Fall der Maßstab für das wertende Qualitätsverständnis, das die Ausprägungen und Merkmale von Produkten und Dienstleistungen in den Blick nimmt.
Der Zusammenhang zwischen der Qualität als normativer Setzung, die sich beschreiben lässt, und der Bewertung von Qualitätsanforderungen, erweist sich nun als sehr fruchtbar auch für die Reflexion und Praxis des Gottesdienstes. Zunächst zwingt sie zu einer theologischen Reflexion des Gottesdienstes an sich, aber auch zu einer Klärung der Ausrichtung des je besonderen Gottesdienstes, um den es im Einzelfall geht. Denn diese wird unterschiedlich ausfallen je nach regionalen Traditionen, Tageszeit und Ort, an dem er stattfindet, ggf. nach der Zielgruppe, die angesprochen werden soll, und vielen Faktoren mehr. Aus dieser Klärung erwachsen dann infrastrukturelle, liturgische und homiletische Einzelentscheidungen, die der Ausrichtung des Gottesdienstes möglichst gut entsprechen sollen. Auch solche sich aus der Gesamtausrichtung ergebenden Anforderungen sind nicht in jedem Fall zwingend, sondern als ggf. ausführende Aushandlungsprozesse der Gottesdienstverantwortlichen vor Ort zu verstehen.
Wurde nicht immer schon auf diese Weise Gottesdienst bedacht, geplant und vorbereitet? Ja und Nein. Unbestritten wird an der Qualität von Gottesdiensten gearbeitet, seit es Gottesdienste gibt, spätestens aber seit Liturgik und Homiletik Bestandteile der Aus- und Fortbildung von Gottesdienstverantwortlichen sind. Lesetrainings, Übungen zur Rhetorik und zur liturgischen Präsenz gehören in diesen Bereich, um nur den Bereich der Auftrittsqualität zu nennen. Aber es war bisher nicht üblich, homiletische und liturgische Bildung und ihre Praxis mit dem Begriff der Qualität zu verbinden. Sein Aufkommen ist dabei nicht nur ein neues Wort für alte Sachverhalte, sondern hat das Potential, der liturgischen und homiletischen Bildung und Praxis neue Impulse zu geben. Einige davon seien hier genannt. Sie werden zum Teil in den weiteren Artikeln dieses Handbuchs entfaltet.
Der vielleicht wichtigste Impuls ergibt sich unmittelbar aus den vorgenommenen Begriffsbestimmungen und wurde oben schon angedeutet. Wenn Anforderungen an die Qualität von Gottesdiensten gestellt werden, müssen sie in Beziehung stehen zu theologischen Grundentscheidungen, die vorab getroffen wurden. Dies lässt sich am Beispiel des Strebens nach Stärkung der Gemeinschaft im Gottesdienst zeigen. So ist es seit einiger Zeit vielfach verbreitet, sich nach Abschluss des Abendmahlsempfangs an den Händen zu halten, während das Entlass-Wort gesprochen wird. Dies betont einen möglichen theologischen Aspekt des Abendmahls auf eine bestimmte Weise, die aber keineswegs zwingend ist. Wenn etwa das Moment der individuellen Sündenvergebung und Heilsvergewisserung ins Zentrum gerückt werden soll, kann das An-die-Hände-Nehmen vom ins Gebet vertieften Empfangenden auch als störend empfunden werden. So geht mit der Rückkopplung von Gestaltungsentscheidungen an theologische Vorentscheidungen auch ihre Relativierung einher. Nicht dass ewas immer schon so war oder das man etwas von Kindheit an kannte, ist ein Gütekriterium des Gottesdienstes, sondern dass man etwas der theologischen Grundausrichtung des je konkreten Gottesdienstes entspricht.
Eng mit dem ersten Impuls zusammen hängt die aus Qualitätsprozessen am Gottesdienst erwachsende Bewusstheit inhaltlicher oder gestalterischer Entscheidungen. Wovon wird der oder die Gottesdienstverantwortliche geleitet, wenn er den Abendmahlsempfang inszeniert oder eine Taufhandlung oder die Auswahl der Lieder? Vieles geschieht in Routine, weil es so vorgefunden wurde oder weil theologische Lehrerinnen und Lehrer einen in bestimmter Weise geprägt haben. Routine hat seine Zeit, gewiss, aber auch bewusstes Reflektieren des eigenen Handelns hat seine Zeit. Qualitätsmodelle und -methoden verführen dazu, sich über die eigenen Prägungen und unbewussten Vorentscheidungen klarer zu werden. Dadurch eröffnen sie ein neues Spektrum an Handlungsoptionen und neuer Sensibilität für die Angemessenheit von liturgischen Entscheidungen je nach Kontext und Profil des Gottesdienstes.
Der Bewusstheit über liturgische und homiletische Entscheidungen auf Seiten der Gottesdienstgestaltenden entspricht die Transparenz des Urteils über solche Entscheidungen auf Seiten von Gottesdienstteilnehmenden. Die Erfahrung zeigt, wie schnell Menschen Urteile über Gottesdienste fällen. Dem durchschnittlichen Gemeindeglied sei zugestanden, den Gottesdienst unter Nutzung des umgangssprachlichen Qualitätsverständnisses »schön« oder »langweilig« gefunden zu haben. Wer sich aber professionell mit dem Gottesdienst befasst und vielleicht sogar als Ausbilderin oder Prüfer in diesem Feld unterwegs ist, sollte wissen und benennen können, auf welchen Vorentscheidungen seine Urteile beruhen. Es ist noch nicht so lange her, dass Vikarsmentoren im apodiktischen Ton sagen konnten: Dies oder das geht gar nicht! Eine Herangehensweise unter Qualitätsgesichtspunkten fragt keck zurück: Warum nicht? Warum muss in jedem Gottesdienst das Glaubensbekenntnis gesprochen werden? Warum soll es das apostolische sein? Warum soll ich am Ausgang die Menschen verabschieden? – Gut, wenn es darauf plausible Antworten gibt.
Die Begegnung der praktischen Theologie mit der Bezugsgröße »Qualitätsmanagement« kann zur Übernahme neuer, bislang ungewohnter Sichtweisen auf den Gottesdienst führen und hat dies im Falle der Arbeit des ZQG getan. Beispiele für solche produktiven Übernahmen sind die Qualitätsdimensionen nach Donabedian11 und das Kano-Modell12. Des Weiteren wurde das Modell »Wirkfelder des Gottesdienstes« entwickelt, das die bislang nur unzureichend beachteten Wirkungen eines Gottesdienstes in den Blick nimmt.13 In jedem Fall führt die theologische Auseinandersetzung mit der Qualitätswissenschaft, wie es ein Kennzeichen interdisziplinärer Begegnung zu sein pflegt, zum Erproben neuer Perspektiven, zum Wahrnehmen eigentlich bekannter Phänomene in neuem Kontext und neuem Licht. Sie sind geeignet zur Reflexion des eigenen Standpunkts, aber auch hilfreich bei der Gestaltung des Gottesdienstes und beim Rückblick auf das dort Erlebte.
Nicht nur neue Betrachtungsweisen auf den Gottesdienst stellt das Qualitätsmanagement zur Verfügung, sondern auch (für den Gottesdienst) neuartige Instrumente. Während es bei den Modellen um theoretische Konstrukte geht, den Gottesdienst zu betrachten, handelt es sich bei den Instrumenten um konkrete Vorgehensweisen, um an der Qualität des Gottesdienstes zu arbeiten.14 So hat sich die sog. Kundenpfadanalyse oder Blueprintmethode für ein besseres Verstehen der Wünsche und Einstellungen von Kasualnachsuchenden bewährt. Das unkonventionelle Konzept des »Mystery Worshipper«, das – verkürzt gesagt – analog zum Konzept eines Hotel- oder Restaurant-Testers funktioniert, trägt insbesondere in England gute Früchte. Auch die Bedeutung eines professionellen Umgangs mit Beschwerden (Beschwerdemanagement) wird in kirchengemeindlicher Arbeit generell und im Besonderen auch in Bezug auf Gottesdienste und Kasualien noch weitgehend unterschätzt.
Was die Qualität eines Gottesdienstes ausmacht, wird oft allein am Resultat gemessen, also mit Blick auf das gottesdienstliche Geschehen beurteilt, wie es sich nach dem Segen als abgeschlossenes »Ergebnis« präsentiert. Was hat geklappt, wo ist etwas schief gegangen, was hat es bei den Menschen hervorgerufen, wo wurden sie berührt und wo nicht? Das ist gewiss nicht falsch, es ist sogar zentral – aber es ist noch nicht die ganze Wahrheit. Besonders die von Donabedian eingeführten Grundunterscheidungen von Qualitätsdimensionen weiten den Horizont auf Qualitätsaspekte, die durch das Ergebnis allein nicht notwendig abgebildet werden, es aber nachhaltig beeinflussen. Gemeint sind etwa die Dimensionen der Strukturqualität und der Prozessqualität. So wird die Qualität maßgeblich durch strukturelle Gegebenheiten geprägt: die vorhandenen Räumlichkeiten, der Ausbildungsstand der Protagonisten, der Finanzrahmen der Gemeinde und gesellschaftliche Megatrends wie den der Individualisierung – um nur wenige Beispiele zu nennen. Die Prozessqualität beschäftigt sich mit Vor- und Nachbereitungsprozessen und der Gestaltung des Miteinanders der Akteure vor, während und nach dem Gottesdienst. Durch solche Qualitätsbetrachtung des Gottesdienstes wird nicht nur die Komplexität dieses Geschehens sichtbar, sie führt auch zur Einsicht, dass Veränderungen nicht durch das Bedienen weniger Stellschrauben zu erreichen sind, ja manche Stellschrauben individuellen Veränderungsbemühungen sogar entzogen sind. Diese Einsicht hat schon vielfach zu großer Entlastung geführt.
Von Qualitätsentwicklung im Gottesdienst können weiterhin Impulse für eine systematischere und kontinuierlichere Arbeit am Gottesdienst ausgehen. Qualitätsentwicklung ist kein punktuelles Geschehen, sondern ein Kreislauf, der immer wieder von vorn beginnt und auf ständige Rückkopplungsprozesse angewiesen ist. Dieser Kreislauf wird im Qualitätsmanagement als PDCA-Zirkel (von den englischen Begriffen: plan – do – check – act) oder als Demingzirkel (nach seinem Erfinder) bezeichnet. Er beschreibt die Phasen des sogenannten »kontinuierlichen Verbesserungsprozesses« (KVP). Der Planung folgt das Erproben, das darauf befragt wird, inwieweit es tatsächlich den geplanten Intentionen entsprach. Nach entsprechenden Veränderungen und Verbesserungsvorschlägen wird wiederum gehandelt (act). Da dem Handeln das erneute Planen folgt, ist der Kreislauf prinzipiell unabgeschlossen.
Der Schritt des »check« innerhalb des Demingzirkels ist ein heikler Punkt der derzeitigen Gottesdienstpraxis: Eine Rückkopplung an die Gottesdienstverantwortlichen oder sogar ein regelrechtes Feedback sind noch keineswegs selbstverständlich und verbreitet. Qualitätsentwicklung im Gottesdienst weist auf die Wichtigkeit einer solchen Kultur des Gesprächs über unsere Gottesdienste hin und bietet dafür zugleich zahlreiche Instrumente und Zugangsweisen an.15
1 Vgl. David Plüss, Was ist gute Praktische Theologie? Der Qualitätsbegriff aus praktisch-theologischer Perspektive, in: Christian Stäblein/Traugott Wrede, Lieder, Licht und Leidenschaft. Qualität im Kirchen-Raum (Loccumer Theologische Beiträge), Hannover 2012, 26–42, hier: 28 f.
2 Vgl. hierzu ausführlich den Artikel »Wie die Qualität in die Kirche kam« von Renate Fallbrüg in diesem Band.
3 Vgl. Kirchenamt der Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) (Hg.), Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, Hannover 2006, 27 f., 38, 40 u.ö.
4 A. a. O., 42.
5 A. a. O., 102 f.
6 Dokumentiert in der epd-Dokumentation 18/2008 »Von anderen lernen«. Dokumentation des Workshops »Qualitätsentwicklung von Gottesdiensten«.
7 Exemplarisch Helmut Schwier, Liturgische Praxis und Theorie vor der Qualitätsfrage, in: Michael Meyer-Blanck/Klaus Raschzok/ders. (Hg. i.A. der Liturgischen Konferenz), Gottesdienst feiern. Zur Zukunft der Agendenarbeit in den evangelischen Kirchen, Gütersloh 2009, 170–179; vgl. für weitere Literatur zur Gottesdienstqualität die Literaturliste am Ende dieses Bandes.
8 Vgl. zu diesem grundlegenden Einwand auch den Artikel »Qualitätsentwicklung zwischen Ökonomisierung und Heiligem Geist« von Christian Binder in diesem Band.
9 Vgl. hierzu auch die grundlegenden Überlegungen von Jochen Arnold in dem Artikel »Theologie der Qualität – Qualität der Theologie« in diesem Band.
10 Vgl. hierzu ausführlich Folkert Fendler, Von der »Qualitas« zur Messung – Theologisch verantwortet von Qualität reden, in: LuK 1–2011, 2–27.
11 Vgl. hierzu den Artikel »Die Qualitätsdimensionen nach Donabedian« von Christian Binder in diesem Band.
12 Vgl. hierzu den Artikel »Gottesdienste im Kano-Modell« von Jochen Kaiser in diesem Band.
13 Vgl. hierzu den Artikel »Die Wirkfelder des Gottesdienstes« von Folkert Fendler in diesem Band.
14 Vgl. ausführlich zu den folgenden Beispielen den Artikel »Instrumente des Kundenbeziehungsmanagements« von Folkert Fendler in diesem Band.
15 Vgl. dazu ausführlich den Artikel von Christian Binder »Feedback zum Gottesdienst – Grundlagen und Instrumente« in diesem Band.
Die historische Perspektive
Das Impulspapier des Rates der EKD1 als Ausgangspunkt zu markieren, wie das Thema Qualität in die Kirche kam, liegt nahe. Begriffe wie: Qualitätsniveau2, Qualitätsstandard3, Qualitätsmanagement4 und Qualitätskompetenz5 werden hier explizit benannt. Der Grundimpuls des im Jahr 2006 angestrebten Reformprozesses war es, das Thema Qualität ins Zentrum kirchlichen Bemühens zu stellen.6 Bei näherer Betrachtung zeigt sich jedoch, dass das Impulspapier – bildlich gesprochen – den starken Ausläufer eines bereits in den 90er Jahren in Bewegung geratenen, fließenden Stroms darstellt, der von unterschiedlichen Seitenarmen mit Impulsen, Fragen und Argumenten zur Frage nach Qualität gespeist wurde.
Einen dieser Zuflüsse bildet die Finanzkrise der Kirche, die mit Beginn der 90er Jahre die Frage nach Einsparmöglichkeiten, Finanzierungssystemen und Finanzierbarkeiten auf die Tagesordnung aller kirchlichen Gremien gesetzt hat.7 Die intensive Beschäftigung mit ökonomischen Fragen geht von der Annahme aus, dass das bisherige kirchliche Finanzierungssystem in die Krise geraten ist. Als Ursachen hierfür werden in Westdeutschland die Abhängigkeit des Kirchensteuersystems vom Arbeitsmarkt und der Konjunktur sowie zu erwartende demographische Umbrüche, gesellschaftliche Entwicklungen und die Spätfolgen zurückliegender Austrittswellen genannt.8 In Ostdeutschland sind dazu die Folgen der Kirche zur DDR-Zeit zu berücksichtigen. In dieser breit geführten Debatte zeigt sich, dass die Frage nach der Zukunft der Kirche in ihren Aufgaben, Arbeitsbereichen, personellen Ressourcen und Gebäuden an die Frage der Finanzierbarkeit gebunden ist.
Im Umgang mit der Finanzkrise finden die einzelnen Landeskirchen, Kirchenkreise und Gemeinden ein je eigenes Tempo und setzen dabei unterschiedliche Schwerpunkte. Gemeinsam ist ihnen jedoch die Orientierung an betriebswirtschaftlichen Modellen der Personalführung und Organisationsentwicklung, die aus kirchenleitender Perspektive danach fragt, wie bei sinkenden Einnahmen, die vorhandenen Ressourcen optimal eingesetzt werden können. Diese Methoden implizieren die Frage nach Qualität. Qualität verbindet sich dabei mit Erfolg, Marke9, Leistung, Effektivität und Effizienz und führt in dieser Zuspitzung ökonomischen Denkens zu der Frage, inwieweit betriebswirtschaftliches Denken mit kirchlichem Handeln verbindbar ist.10
Wer den Zufluss, den die kirchliche Finanzkrise darstellt, zurückverfolgt, wird entdecken, dass bereits in den 1960er bis 80er Jahren Krisenphänomene in der westdeutschen Kirche erkennbar waren. Gesellschaftlicher Wandel, Massenmedien und wissenschaftliche Entwicklungen führten in der Kirche zu einer Relevanz- oder Mitgliederkrise. Die entspannte Finanzlage in den westdeutschen Kirchen machte es jedoch möglich, sowohl in Quantität – Erschließung neuer Arbeitsfelder, räumliche Ausweitung, Aufstockung des Personals – als auch in Qualität zu investieren, um den Krisenphänomenen zu begegnen. So werden in der seelsorgerlichen Arbeit zusätzliche Qualifikationen und Zusatzausbildungen selbstverständlich.11 Auch pädagogische und liturgische Kompetenzen12 sowie Grundfertigkeiten im Umgang mit den Methoden der modernen Kommunikation in der Öffentlichkeitsarbeit werden bis in die Gegenwart immer weiter professionalisiert.
Eine Folge dieser Professionalisierung ist, dass die Frage, was genau Qualität in der kirchlichen Arbeit ist, unterschiedlich beantwortet wird. Es entstehen konkurrierende Pfarr- und Kirchenbilder, die auf die Frage, wie sich Qualität in der Kirche darstellt und mit welchen Methoden und Prozessen sie erreicht werden kann, unterschiedliche Antworten geben.13
So sehen die einen die Fehlentwicklung der Kirche darin, dass sie ihr spezifisches Profil verloren hat und sich sozusagen selbst säkularisiert, indem sie sich an gesellschaftliche Entwicklungen anpasst und dabei den missionarischen Auftrag vernachlässigt. Die Position, die dem entgegensteht heißt: Eine zu starke Binnenorientierung in Sprache und Angebot, sowie eine Milieuverengung haben dazu geführt, dass kirchliche Angebote nur noch für einen Teil der Gesellschaft interessant und verständlich ist. Zwischen diesen Polen lassen sich auch Zwischentöne ausmachen, die sich in der Kunst der Graduierung versuchen. So zeigt sich hier Qualitätssuche beispielsweise in dem Versuch zu beschreiben, an welcher Stelle ein Gottesdienst nicht mehr Gottesdienst ist, sondern zur Unterhaltung wird, oder eine feierliche Stimmung ins Museale kippt. Dazu ist es notwendig, Kriterien und Formen zu entwickeln, die es ermöglichen, graduelle Unterschiede benennen zu können.14
Ein weiterer Zufluss in den breiten Strom zur Frage der Qualität in der Kirche lässt sich in der Einführung des Gesundheitsreformgesetzes von 1989 erkennen, mit dem der Begriff der »Qualitätssicherung« Teil des bundesdeutschen Gesetzes wurde. Die Diakonie wurde dadurch mit der Anfrage nach Qualität, Qualitätssicherung und Qualitätsstandards konfrontiert. Über ihre diakonischen Trägerschaften war Kirche gezwungen, sich mit dem Thema Qualität auseinanderzusetzen. Die Diakonie wurde dadurch zur Vorreiterin kirchlicher Qualitätsentwicklung.15
Die bald 30-jährige Entwicklung der Qualitätssicherung in der Diakonie macht zugleich deutlich, dass die Frage nach Qualität kein allein kirchliches, sondern ein gesellschaftspolitisches Thema ist. Gefragt wird nicht allein nach der Qualität, sondern auch nach dem Wert von Arbeit in und für die Gesellschaft.
Das Nachdenken über die Qualität in der Kirche zeigt sich damit als Teil eines gesamtgesellschaftlichen Stroms, in dem die Qualität von Arbeit der Fokus ist. Die gesellschaftliche Bedeutung lässt sich in einer gemeinsamen Initiative von Bund, Ländern, Sozialversicherungsträgern, Arbeitgebern, Gewerkschaften, Stiftungen und Unternehmen sichtbar machen, die sich zu einer Interessengemeinschaft16 zusammengeschlossen haben. Durch einen breiten Schulterschluss will die »Initiative Neue Qualität der Arbeit« vor allem die Qualität von Arbeit fördern. Die Förderung der Qualität von Arbeit durch Aus- und Weiterbildung, Gesundheitsschutz, mehr Flexibilität in der Arbeitsorganisation und durch die stärkere Berücksichtigung familiärer Interessen sehen alle Beteiligten als zukunftsweisende Aufgabe und gemeinsame Herausforderung in Deutschland an. Die Allianz so unterschiedlicher Initiatoren zeigt, dass der Strukturwandel in Wirtschaft und Gesellschaft, die Globalisierung der Märkte, der Demographische Wandel und die sich immer schneller entwickelnde Kommunikationstechnologie ein grundlegender Prozess ist, der vor den Kirchentüren nicht halt macht.17
Employability oder individuelle Arbeitsmarktfitness, so das angestrebte Ziel, zeigen sich in einer veränderten Haltung, die geprägt ist von Eigeninitiative, Eigenverantwortung, Veränderungsbereitschaft, Engagement und Lernbereitschaft. Diese Haltung soll die in Aus-, Fort- und Weiterbildung sowie durch Berufserfahrung erworbenen Qualifikationen ergänzen. Als weiterer Baustein zählen überfachliche Kompetenzen wie Team-, Konflikt-, Reflexions- und Kommunikationsfähigkeit sowie Empathie, unternehmerisches Denken und Handeln. Die Verantwortung für die Entwicklung dieser Kompetenzen und Haltungen liegt beim Individuum. Unterstützende Rahmenbedingungen zu schaffen, ist die Aufgabe von Führungskräften und Personalmanagement, die in einer sich verändernden Gesellschaft zunehmend auf wettbewerbsfähige Mitarbeitende angewiesen sind. Was entstehen soll, ist ein »unternehmerisches Selbst«.
Mit der Anrufung des Selbst soll ein Prozess in Gang gesetzt werden, der dazu führt, dass der oder die Einzelne, angetrieben von dem Wunsch, kommunikativ anschlussfähig zu bleiben, und getrieben von der Angst, ohne diese Anpassungsleistung aus der sich über Marktmechanismen assoziierenden gesellschaftlichen Ordnung herauszufallen, reagiert. Aus der Chance zu Bildung und individueller Entwicklung wird der Zwang zu Bildung und fortwährender Neu- und Weiterentwicklung.
Birgit Klostermeier kann in ihrer Diskursanalyse zum unternehmerischen Selbst in der Kirche18 sichtbar machen, wie diese gesellschaftlichen Phänomene »neoliberaler Rationalität«19 in der Kirche greifen. Grundlage ihrer Untersuchung sind u. a. Veröffentlichungen des Deutschen Pfarrerblattes aus den Jahren 1995–2005 sowie Internetpräsentationen aus den Jahren 2004– 2007.20
Jeder Flusslauf entspringt einer Quelle. Für die Frage, wie die Qualität in die Kirche kam, lässt sich der Weg zur Quelle bis zur Alten Kirche zurückverfolgen.21 Mit der Professionalisierung des religiösen Berufs besteht bereits hier die Notwendigkeit, verbindliche Formen des religiösen Handelns festzulegen. Formen und Aufgaben werden benannt, gelehrt und so geordnet, dass überall in der Kirche auf möglichst einheitliche Weise gehandelt wird. Bereits diese Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit impliziert die Frage nach Qualität. Aus reformatorischer Sicht lässt sich die Visitation als Quelle der Qualitätsprüfung nennen. In ihrer ekklesiologischen Bedeutung dient sie seit ihren Anfängen dazu, in der Vielfalt der Situationen und Formen gemeindlichen und kirchlichen Lebens den Zusammenhalt der Kirche durch eine reformatorische theologische Ausrichtung und durch eine allgemein verbindliche Handlungspraxis zu wahren.22 Die Visitation lässt sich als institutionalisiertes Reflexionsinstrument der Kirche beschreiben. Sie macht es der Kirche möglich, Korrekturen vorzunehmen, Ziele zu entwickeln und die Motivation der jeweiligen Organisation sowie der in ihr arbeitenden Personen zu stärken.
Von der Quelle bis zur Gegenwart lässt sich erkennen, dass sich ein Strom durch die Geschichte zieht: »Je brüchiger das Gefüge von Religion und Kirche erscheint, je fragwürdiger die Institution Kirche erlebt wird, desto größeres Gewicht kommt der glaubwürdigen Integrität der Repräsentanten der Kirche, den Pfarrern zu.«23 Das Impulspapier spricht von einem »Schlüsselberuf der evangelischen Kirche«, den es zu stärken und dessen »Schlüsselkompetenzen« es auszubilden gilt.24
Zusammengefasst lässt sich sagen, dass die Frage nach Qualität in der Kirche zu jeder Zeit Teil der Kirche war. In Zeiten von Krise und Relevanzverlust wird sie jedoch deutlicher zur Sprache gebracht. In den Antworten und Lösungsversuchen lassen sich die Fragen und Themen der jeweiligen Zeit erkennen, so dass Begriffe wie »kommunikative Kompetenz, Teamfähigkeit und Leistungsbereitschaft … lebenslanges Lernen und beständige Fortbildung« Ausdruck der Jahrtausendwende unserer Zeit sind.
Bereits heute zeigt sich, dass mit der fortschreitenden Digitalisierung neue Fragen beantwortet werden müssen.
1 Kirche der Freiheit. Perspektiven für die evangelische Kirche im 21. Jahrhundert. Ein Impulspapier des Rates der EKD, hg. Vom Kirchenamt der EKD, 2006. Im Folgenden zitiert als Impulspapier
2 »Ein vergleichbares Anspruchs- und Qualitätsniveau in allen geistlichen und seelsorgerlichen Kernvollzügen zeichnet die Erkennbarkeit und Beheimatungskraft der evangelischen Kirche aus.«Impulspapier, 49.
3 »Unter der Wahrung der individuellen und regionalen Gestaltungsfreiheit gilt es, stärker als bisher vergleichbare Qualitätsstandards in den Kernvollzügen der evangelischen Kirche sicherzustellen.«Impulspapier, 51.
4 Ebd.
5 »… gabenorientierte Motivations- und Qualitätskompetenz, die das Engagement der Ehrenamtlichen fördert und stärkt.« Impulspapier, 73.
6 Vgl. Folkert Fendler/Christian Binder, Gottes Güte und menschliche Gütesiegel. Qualitätsentwicklung im Gottesdienst (Kirche im Aufbruch. Reformprozess der EKD, Bd. 3, hg. vom Kirchenamt der EKD), Leipzig 2012, 5.
7 Birgit Klostermeier, Das unternehmerische Selbst der Kirche. Eine Diskursanalyse, Berlin 2011, 1 ff.
8Impulspapier, 21 f.
9 Dieser Diskussionsstrom ist nicht neu, bereits Ende der 1980er Jahre wurden die Begriffe »Marke«, »Produkt« und »Vermarktung« im Zusammenhang mit kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit kritisch angefragt. Marketing, ebenfalls ein Bereich der Betriebswirtschaftslehre, sollte hier stärker auf kirchliche Öffentlichkeitsarbeit bezogen werden. Die Diskussion verlief zwischen höchsten Professionalisierungsansprüchen und einer rigorosen Abwehr von betriebswirtschaftlicher Sprache und umzusetzender Form. Dazu: Holger Tremel (Hg.), Öffentlichkeitsarbeit der Kirche, Gemeinschaftswerk Evangelischer Publizistik, Frankfurt/Main 1995.
10 Jan Hermelink, Pfarrer als Manager? – Gewinn und Grenzen eine betriebswirtschaftlichen Perspektive im Pfarramt, ZThK 95 (1998), 536–563; Reiner Preul, Kirche als Unternehmen – Kirche auf dem Markt/ Geistliche Kommunikation und Management/Kirchlicher Auftrag und Marketing, in: Wilhelm Gräb/ Birgit Weyel, Handbuch Praktische Theologie, Gütersloh 2007, 555–565.
11 Michael Klessmann, Pastoraltheologie. Ein Lehrbuch, Neukirchen-Vluyn 2006, 104 ff.
12 Thomas Kabel, Handbuch Liturgische Präsenz. Zur praktischen Inszenierung des Gottesdienstes, Bd. 1, Gütersloh 2002.
13 Jens Beckmann, Wohin steuert die Kirche? – Die evangelischen Landeskirchen zwischen Ekklesiologie und Ökonomie, Stuttgart 2007; Uta Pohl-Patalong, Kirchliche Strukturen im Plural. Analysen, Visionen und Modelle aus der Praxis, Schenefeld 2004; Isolde Karle, Der Pfarrberuf als Profession. Eine Berufstheorie im Kontext der modernen Gesellschaft, Gütersloh 2001; Hans-Jürgen Abromeit/Kristin Butzer-Strothmann (Hg.), Spirituelles Gemeindemanagement. Chancen – Strategien – Beispiele, Göttingen 2002.
14 Eberhard Hauschildt, Praktische Theologie – neugierig, graduell und konstruktiv. Verabschiedungen, Trends und Optionen in: ders./Ulrich Schwab (Hg.), Praktische Theologie für des 21. Jahrhundert, 79– 100; Folkert Fendler/Christian Binder (Hg.), Gottes Güte und menschliche Gütesiegel. Qualitätsentwicklung im Gottesdienst, Leipzig 2012.
15 Paul Gerhard Hanselmann, Qualitätsentwicklung in der Diakonie. Leitbild, System und Qualitätskultur, Stuttgart 2007.
16 Die »Initiative Neue Qualität der Arbeit« ist dokumentiert unter: www.inqa.de; Abruf am 1. Februar 2017.
17Impulspapier, 7.
18 A. a. O.
19 A. a. O., 55.
20 A. a. O., 12.
21 Dietrich Rössler, Grundriß der Praktischen Theologie, Berlin 21994, 129 ff.
22 Vgl. dazu Mareile Lasogga/Udo Hahn (Hg.), Die Visitation. Eine Studie des Theologischen Ausschusses der VELKD, Hannover 2010.
23 Michael Klessmann, Pfarrerbilder im Wandel. Ein Beruf im Umbruch, Neukirchen-Vluyn 2001, 36; Jan Hermelink, Der Pastorale Zweifel und seine Darstellung, in: Jan Hermelink (Hg.), Kirche leiten in Person. Beiträge zu einer evangelischen Pastoraltheologie (Arbeiten zur Praktischen Theologie 54), Leipzig 2016, 187–204.
24Impulspapier, 71.
»Es wird auch gelehrt, dass allezeit eine heilige, christliche Kirche sein und bleiben muss, die die Versammlung aller Gläubigen ist, bei denen das Evangelium rein gepredigt und die heiligen Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.« (CA VII)
Es ist gar nicht so viel, was es braucht, damit eine Versammlung von Menschen als Kirche angesehen werden kann. Es braucht keine Pfarrer, keine Kirchengebäude, keine Orgel, keine Lieder, keine Kerzen, Altäre oder Kanzeln. Es braucht nur ein Qualitätsmanagement im Gottesdienst.
Denn die »heilige, christliche Kirche« ist überall dort zu finden, wo »das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden« (CA VII). Was hier zum Ausdruck kommt, ist eine qualitative Abgrenzung im Bereich von Verkündigung und Sakramentsverwaltung, die notwendigerweise Kriterien und eine an ihnen mögliche qualitative Unterscheidung mit sich führt. Damit Kirche Kirche bleibt, ist eine Unterscheidung und Feststellung von reiner Predigt des Evangeliums und evangeliumsgemäßer Sakramentsverwaltung konstitutiv notwendig, es muss feststellbar sein, dass die zentralen Lebensäußerungen von Kirche: Predigt und Sakrament, den vorgegebenen Kriterien qualitativ entsprechen. Die Überprüfung und Feststellung, dass Verkündigung und Sakramentsverwaltung die im Bekenntnis vorgegebenen Anforderungen erfüllen, also »die Gesamtheit von Merkmalen einer Einheit bezüglich ihrer Eignung, festgelegte und vorausgesetzte Erfordernisse zu erfüllen« (DIN EN ISO 8402), geschieht definitionsgemäß durch Qualitäts-management. Damit ist Qualitätsmanagement im Bereich Verkündigung und Sakramentsverwaltung konstitutives Kennzeichen wahrer Kirchlichkeit, ist Qualitätsmanagement im Gottesdienst hinreichendes und notwendiges und nach CA VII sogar einziges Kennzeichen von Kirche. Kirche kann nur dort sein, wo in einem Vollzug von Qualitätsmanagement die reine Predigt des Evangeliums und die evangeliumsgemäße Verwaltung der Sakramente festgestellt werden kann.
Angesichts dieser nachgerade heilsnotwendigen Bedeutung von Qualitätsentwicklung im Gottesdienst erstaunt die vehemente Kritik, die die Verwendung des Qualitätsparadigmas, der Begrifflichkeiten und Prozesse des Qualitätsmanagements im Hinblick auf kirchliche Vollzüge in Kirche und akademischer Theologie hervorgerufen hat. Besonders heftig trifft die Kritik die für Qualitätsmanagement notwendigen geregelten Rückmeldeprozesse, z. B. in Form von regelmäßigem und regelgerechtem Feedback auf gottesdienstliche Vollzüge.
Dabei schließt sich die theologische Kritik eng an soziologische Argumentationsmuster an.1 So wird soziologisch konstatiert, der Zweck von Feedback »liege in der Nötigung zur Selbstreflexion, die wiederum zu verbesserter Selbststeuerung führen soll«.2 Damit werde eine »unabschließbare Dynamik der Selbstoptimierung in Gang«3 gesetzt: »Das Gebot ›Erkenne dich selbst!‹ (im Blick der Anderen) wie auch die Nötigung, sich selbst zu optimieren (auf der Grundlage aggregierter Fremdwahrnehmungen)«,4 führten zu »strukturelle[r] Überforderung«, die den Einzelnen »in einem Zustand fortwährender Kritisierbarkeit« hält und eine »Daueranspannung« erzeugt, »die ihn niemals zur Ruhe kommen lässt«.5 Feedback sei damit ein Instrument einer gesamtgesellschaftlich wahrnehmbaren Subjektivierungsstrategie, die in Form des »unternehmerischen Selbst« auch zu einer »Ökonomisierung aller sozialen Beziehungen – einschließlich der zu sich selbst«6 – führe.
Die soziologische Analyse zeige, dass »die Theorien und Programme unternehmerischer (Selbst-) Mobilisierung in die unterschiedlichsten Bereiche des Sozialen diffundieren und über politische Fraktionierungen und soziale Milieus, über Disziplingrenzen und fachliche Zuständigkeiten hinweg fraglose Plausibilität beanspruchen«.7 Diese Grenzüberschreitung des ökonomischen »Subjektivierungsregime[s]«8 wird auch im Hinblick auf die Religion und hier insbesondere auf die evangelische Kirche festgestellt, die sich vor allem im Impulspapier »Kirche der Freiheit« und dort beispielhaft mit seiner Orientierung am Qualitätsbegriff, diesem »Primat der Ökonomie«9 ausgeliefert habe. Es werde dabei nicht reflektiert, dass »der Religion die Applikation der ökonomischer [sic!] Sprache und Logik nicht äußerlich bleibt, sondern sie immer mehr in den Bann des Ökonomiesystems und seiner Rationalität zieht«.10
Die dieser Kritik zugrunde liegende Analyse anhand der Luhmann’schen Systemtheorie, die die Eigengesetzlichkeit und Eigensprachlichkeit der jeweiligen Systeme behauptet, zwingt dazu anzunehmen, dass »eine theologische oder religiöse Sprache […] sich nicht in eine ökonomische Sprache übersetzen« lässt. »Beide Semantiken sind durch ganz unterschiedliche Formen der Rationalität geprägt und deshalb inkompatibel.«11 Diese Inkompatibilität führt in dieser Argumentation folgerichtig dazu, dass das ökonomische System im theologischen Diskurs in religiöser Sprache als eine Macht charakterisiert wird, die »in den Bann […] zieht«.12 Weil die Rationalitäten nicht kompatibel sind, wird das ökonomische System durch die Theologie dämonisiert. Dies führt letztlich sogar zu Argumentations- und Denkverboten im theologischen Diskurs: »Über den Nutzen religiöser Handlungen darf nicht reflektiert werden«.13 In diesem dualistischen Gegenüber können sich Kirche und Theologie zum ökonomischen System nur in Widerstand oder Ergebung verhalten, ein wissenschaftlich-erprobender oder auch nur phantasievoll-spielerischer Umgang mit dessen Sprach- und Denkfiguren liefert sie notwendig dessen »Bann« aus. Da scheinen die Kinder der Welt unter ihresgleichen immer noch klüger zu sein als die Kinder des Lichts, die noch immer nicht gelernt haben, mit dem ungerechten Mammon und seiner Eigenrationalität souverän umzugehen. Überraschend an diesen Denkfiguren ist, wie selbstverständlich sie davon ausgehen, dass »die Übernahme ökonomischer Sprache und Paradigmen« dazu führt, dass »religiöse Begriffe profanisiert und banalisiert werden«,14 eine Befürchtung, die z. B. den biblischen Gleichnissen fremd ist und wenig Vertrauen in die Macht der Eigengesetzlichkeit Gottes und seines Wortes zeigt. Könnte die Theologie nicht damit rechnen, zumindest aber darauf vertrauen, dass der, dem alles unter die Füße getan ist, auch auf der Grundlage ökonomischer Sprache und Rationalitäten standhaft bleibt und beständig seine Macht erweist? Woher kommt nur der Kleinglaube, das Gesetz Gottes müsste gegenüber dem Gesetz des Marktes notwendig den Kürzeren ziehen? Mag der Glaube die Kraft des Wortes Gottes nicht erkennen, nur weil er nicht über den Augenschein der soziologischen Analyse hinausblicken mag? Als gäbe es Bereiche unseres Lebens, in denen wir nicht Jesus Christus, sondern anderen Herren zu eigen wären (Barmen II).
Sind also auch ein Qualitätsmanagement und die dafür notwendige Rückmeldekultur im kirchlichen Kontext eine Selbstauslieferung an das Subjektivierungsregime des ökonomischen Systems und seine Selbstoptimierungsspirale, die notwendig zur Überlastung des Einzelnen führt?
Tatsächlich lässt sich wohl auch der christliche Glaube als ein Subjektivierungsregime verstehen, das auf die Selbstoptimierung des Einzelnen zielt, die in den Forderungen nach Buße und Heiligung gefasst ist. Zugleich bekennt er die Wirklichkeit des Menschen als eines Sünders, der selbst das Gute, das er vollbringen mag, nicht aus eigener Kraft vollbringen kann. Diese Spannung von forderndem göttlichen Gesetz und sündhafter menschlicher Schwachheit, in der der Mensch notwendig den Tod finden muss, wird durch die Zusage der Rechtfertigung aus Gnaden allein so aufgelöst, dass daraus dem Menschen eine neue Lebensmöglichkeit eröffnet wird. Dieses neue Leben im Licht der Rechtfertigungsbotschaft, die Existenz als simul iustus et peccator, als Sünder und Gerechtfertigter zugleich, ist ein Leben, in dem die Tod bringende Spannung von Gesetz und Sünde durch die Leben bestimmende Spannung von Rechtfertigung und Heiligung abgelöst wird. Der gerechtfertigte Sünder weiß, dass er aus der Todesforderung des Gesetzes entlassen ist, zugleich spürt er voller Dankbarkeit die Kraft des Heiligen Geistes, die ihn zur Neuausrichtung seines Lebens befähigen will.
Die Forderungen des Gesetzes Gottes haben ihre Todeswirksamkeit verloren und haben eine neue Lebenswirksamkeit erlangt in seiner erneuerten Existenz als Gerechtfertigter, der er dankbar Raum gibt. Er muss kein anderer werden, um als geliebter Mensch vor Gott zu stehen, aus der Kraft der Liebe Gottes erwächst ihm zugleich die Freiheit, eine neue, liebevolle Existenz auf Gott und den Nächsten hin zu gestalten.
Der gerechtfertigte Sünder weiß um die notwendige Unvollkommenheit und Fehlerhaftigkeit seines Handelns, zugleich bemüht er sich voll Dankbarkeit gegenüber Gottes Güte um die Güte seiner eigenen Werke. Er bemüht sich in seinem Sein und Tun um stetige Umkehr zum Besseren, nicht aus Angst oder Ruhmsucht, nicht zur Verbesserung seiner Marktfähigkeit oder in der Hingabe an die unbarmherzige ökonomistische Eigengesetzlichkeit, sondern in Dankbarkeit und Freiheit in der Hingabe an seinen gnädigen Gott. An der Botschaft von der Rechtfertigung zerbricht so jede unheilvolle Dynamik der Selbstoptimierung, sie immunisiert gegen die scheinbare Eigengesetzlichkeit des unternehmerischen Selbst und befreit zu einer dankbaren Wahrnehmung und verantwortlichem Einsatz der eigenen Gaben und Charismen. In der durch die Rechtfertigung gestifteten Freiheit kann es auch gelingen, Wahrnehmungs- und Handlungsinstrumente aus den Vollzügen der Welt in den Dienst des Evangeliums zu nehmen und zur Ehre Gottes und zum Nutzen des Menschen zu gebrauchen.
In diesem Gebrauch durch den gerechtfertigten Sünder, gleichsam einem tertius usus weltlicher Instrumente, sind diese aus ihrer möglicherweise unheilvollen Einbindung in weltliche Zusammenhänge und Gesetzmäßigkeiten befreit und als Instrumente zur Verkündigung des befreienden Wortes Gottes und des Dienstes seiner Gemeinde nutzbar. Kriterium ihrer Nutzbarkeit ist nur noch die Nützlichkeit zum Aufbau der Gemeinde. Diese Nützlichkeit haben zahlreiche Instrumente des Qualitätsmanagements in ihrer Anwendung in erfolgreichen Projekten exemplarisch erwiesen, wie die Praxisberichte in diesem Band zeigen.
In aller evangelischen Freiheit sind sie von der Gemeinde der gerechtfertigten Sünder in den Dienst des Evangeliums genommen worden und haben in diesem tertius usus ihren Nutzen zum Aufbau der Gemeinde ebenso erwiesen wie ihre Widerständigkeit gegen einen behaupteten Supremat des ökonomistischen Geistes. Statt einer wohlfeilen Verteufelung eines vermeintlich allmächtigen Ökonomismus aus dem Geist von Soziologie und Sozialismus ist dazu nicht viel mehr notwendig als etwas unerschrockene evangelische Freiheit und ein gläubiges Vertrauen auf die Durchsetzungskraft des Heiligen Geistes.
1 Vgl. Ulrich Bröckling, Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt/M. 2007, und dann Birgit Klostermeier, Das unternehmerische Selbst der Kirche. Eine Diskursanalyse, Berlin 2011.
2 Bröckling, Das unternehmerische Selbst, a. a. O., 239.
3 A. a. O., 239.
4 A. a. O., 241 f.
5 A. a. O., 244.
6 A. a. O., 243.
7 A. a. O., 50.
8 A. a. O., 39.
9 A. a. O., 52.
10 Isolde Karle, Kirche im Reformstress, Gütersloh 2010, 109.
11 A. a. O., 116.
12 A. a. O., 109.
13 Jens Schlamelcher, Unternehmen Kirche?, Neoliberale Diskurse in den deutschen Großkirchen, in: Walter Ötsch/Claus Thomasberger (Hg.), Der neoliberale Markt-Diskurs, Marburg 2009, 213–256, 258, cit. bei Karle, Kirche (s. Anm. 10), 111.
14 Karle, Kirche (s. Anm. 10), 116.
Eine Theologie der Qualität reflektiert Begriff und Praxis der Qualität aus theologischer Perspektive. Sie setzt Gottes gütiges Sein und Handeln zu menschlichem Sein und Handeln in Verantwortung vor Gott in Beziehung.1
Innerhalb eines praktisch-theologischen Diskurses scheint es mir naheliegend, das Qualitätsparadigma analog zur kritisch verantworteten Aufnahme anderer Bezugswissenschaften wie Soziologie, Psychologie oder Kybernetik zu gebrauchen. Für einen systematisch-theologischen Diskurs ist es dagegen angemessen, über den anthropologischen, soziologischen und ökonomischen Fragehorizont hinaus, auch an philosophische und im engeren Sinne theologische Bestimmungen des Guten anzuknüpfen.2 Die theologische Grundannahme lässt sich dahingehend formulieren, dass »alle gute Gabe und alle vollkommene Gabe von Gott« komme (Jak 1,17).3
Die folgenden Thesen zur Theologie der Qualität nehmen zur Kenntnis, dass es durchaus divergierende Verständnisse von Qualität gibt. Zum einen wird Qualität (umgangssprachlich) mit Güte, Klasse oder Exklusivität konnotiert, nach den Maßstäben aus dem Qualitätsmanagement wird Qualität als kontinuierlicher Verbesserungsprozess betrachtet, der z. B. Struktur-, Prozessund Ergebnisqualität unterscheidet.4 Gehen wir dagegen von der Überlegung aus, dass der Begriff Qualität ursprünglich von qualitas (Wesen, Beschaffenheit) kommt, wird unser Blick in eine andere Richtung gelenkt. Im philosophisch-theologischen Zusammenhang ist sehr viel grundsätzlicher, nach dem schlechthinnig Guten und dem Wesen der Welt zu fragen. Ja, letztlich ist dann theologisch auch das Wesen Gottes im Fokus. Eine Theologie der Qualität wird folgenden Fragen nicht ausweichen können: Wie ist Gott und wie ist er erkennbar? Aber auch: Woran erkennen wir, dass Gott gut (gütig), gerecht, weise und barmherzig ist? Welche Konsequenzen hat das für die Anthropologie bzw. für die Beziehung von Gott und Mensch in der Welt der Dinge und der Natur?
Die Gott zugeschriebenen Eigenschaften sind in der christlichen Theologie klassischerweise: Güte, Liebe und Barmherzigkeit. Sie zielen auf eine Rede vom liebenden oder zugewandten Gott (vgl. Joh 3,16) bzw. einem Gott, der die Liebe ist (vgl. 2 Kor 13,11; 1 Joh 4,7).5 Daneben stehen Aussagen über Gottes Weisheit (vgl. Röm 11,33–36), Gerechtigkeit und Macht, ja sogar über seine Allwissenheit (vgl. Ps 139,2–4) und Allmacht. Wie werden sie erkennbar? Wie sind sie untereinander und im Verhältnis zur Rede von der unbedingten Liebe Gottes zu gewichten?6
Mittelalterliche Theologie (im Gefolge von Anselm und Thomas) hat – ausgehend vom Primat des Seins vor dem Handeln – Gott als das beschrieben, »worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann«.7 Ist Gott das, worüber hinaus Größeres nicht gedacht werden kann, dann muss er auch existieren. Denn etwas, was nicht existiert, wäre nicht das Größte (ontologisches Gottesargument). Noch bei Paul Tillich wird Gott essentialistisch als »Sein-Selbst« bezeichnet. Es ist für ihn der einzig angemessene (symbolische) Gottesname.
Damit deutet sich an: Gott ist so groß, dass er unser Denken und unsere Erfahrung prinzipiell übersteigt. Dies gilt auch und gerade dann, wenn Gott sich in Krippe und Kreuz erniedrigt (vgl. 1 Kor 1,18–25).8 Damit ist auch eine gleichsam doxologische Spur vorgegeben, die Melanchthon so formuliert hat: »Die Geheimnisse der Gottheit sollten wir lieber anbeten als zu ergründen suchen«.9
Zahlreiche biblische Bücher erzählen im Gegensatz zu den eben genannten Definitionen Geschichten von Gott. Aus Gottes schöpferischem und rettendem, richtendem und strafendem, bewahrendem oder segnendem Handeln lesen sie ab, wie Gott ist. Gottes Sein wird aus seinem Handeln und natürlich besonders aus seinem Wort erkennbar. Gottes Wesen und sein worthaftes Wirken bilden dann nicht nur einen »engen, unauflöslichen Zusammenhang«10, es gibt auch ein a priori der Erkenntnis: Eine Theologie, die nach dem Wesen Gottes fragt, hält sich zunächst an sein Wort, etwa an die Zusage vor dem Dekalog: »Ich bin der Herr, dein Gott« (Ex 20,2). Sie schließt angesichts unserer Erfahrung in Natur, Geschichte, Bibel und Gottesdienst von Gottes (gutem) Wort auf Gottes (gutes) Sein.
Dennoch bleiben dabei Fragen offen. Die brennendste – angesichts von Naturkatastrophen, Shoa und Kriegen – lautet: Ist Gott unbedingte Liebe?11 Damit verbunden werden kann eine zweite große Frage: Kann und musste der liebende Gott für uns leiden? Konnte er so (womöglich nur so?) die Schrecken des Bösen und des Todes aus der Welt schaffen?
Was ist durch die Rede von Gott als einem drei-einigen, in sich selbst beziehungsreichen Gott qualitätstheologisch gewonnen? Stimmt es, dass ein Gott, dessen Wesen Liebe ist oder der unbedingt liebt, gar nicht anders als beziehungsreich gedacht werden kann? Und um dieses Problem wieder in der Welt zu verorten, ist dann zu fragen: An welchen Orten und in welchen Worten ist Gott als zugewandter, beziehungsreicher, liebender Gott erkennbar?
Antworten darauf kann eine Theologie des Gottesdienstes geben, die Gottes Wesen als kondeszendentes (sich herabneigendes) Lieben versteht. Oder vielleicht müsste man besser sagen: Eine Theologie der Qualität bestimmt göttliches Handeln als Dienen. Ihre Magna Charta ist der Dienst Jesu, wie es Markus beschreibt (vgl. Mk 10,45): Des Menschen Sohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben zu einer Erlösung für die Vielen. Seine Hingabe macht auch vor dem Letzten, Gewalt und Tod, nicht Halt.
Eine Theologie der Qualität kommt von der Qualität göttlicher Liebe bzw. göttlichen Dienens auch zur Frage nach der Qualität menschlicher Antwort. Im Gottesdienst entspricht die Kirche Gottes gütiger Zuwendung dadurch, dass sie Gott die Ehre gibt, mithin Gott durch ihr Lob verherrlicht oder »schön macht«. Dieser gleichsam vertikalen Ausrichtung menschlicher Antwort auf Gottes Güte als Doxologie entspricht die horizontale Antwort gegenüber der Welt im Dienst am Menschen (Diakonie und Zeugnis) bzw. in der Bewahrung der Schöpfung.
Der Gegenstand einer Theologie der Qualität ist (auch) die Frage nach dem Wesen/der Beschaffenheit (qualitas) der Welt der Dinge und nach dem Wesen des Menschen in Bezug auf ihren göttlichen Ursprung. Anders gesagt: Es geht um eine theologisch qualifizierte Rede vom Schönen und Guten in der Welt (des Menschen) in seiner Beziehung zu Gott.
Dazu ein Blick in die Bibel.
Im ersten Schöpfungsbericht heißt es, dass die Welt, die Gott geschaffen hat, »sehr gut« war – also umgangssprachlich »von höchster Güte« oder »bester Qualität«. In dieser Welt ist der Mensch einerseits Geschöpf, zugleich aber auch Stellvertreter Gottes (Gen 1,27) oder mit Psalm 8: Kind und König. In ähnlicher Weise rühmen die Hymnen des Psalters (vgl. Ps 19,2–7; 65,7–14; 96) die Schönheit und Größe der Natur als Spiegel göttlicher Weisheit und Kraft. Beschreibungen menschlicher Schönheit (vgl. Ps 45; Hhld) oder des Gelingens menschlicher Arbeit (vgl. Ps 104), menschlichen Zusammenlebens und seines künstlerischen Schaffens können an diese grundsätzlichen Vorstellungen anknüpfen. Zunächst einmal ist die Welt gut und schön, und der Mensch als gottähnlicher Gesandter und als zur Verantwortung gerufenes Beziehungswesen ein Segen für die Erde und ihre Geschöpfe.
In diesem Sinne können ökologische und letztlich auch ökonomische Qualitätszusammenhänge zunächst einmal positiv in den großen Kontext der Schöpfungstheologie bzw. einer theologischen Anthropologie oder Kosmologie eingeordnet werden.
