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Die Kraft der Imagination therapeutisch nutzen Die dem Menschen eigene Fähigkeit zu imaginieren stellt ein reiches Potenzial für kreative und therapeutische Prozesse dar. 'Einbildung' und Vorstellungskraft können 'Berge versetzen'. Viele Therapieverfahren nutzen Imaginationen. Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) rückt sie in einzigartiger Weise ins Zentrum des Behandlungsgeschehens: als therapeutisch induzierte und begleitete Tagträume, die durch ihren Symbolgehalt und durch die affektiven Momente des Prozesses eine besondere Wirkung entfalten. Die 'katathymen' (d.h. affektgeleiteten) Imaginationen fügen sich zusammen mit den Gesprächsphasen in den Verständnis- und Handlungsrahmen der psychodynamischen Psychotherapie. Vor neurobiologischem Hintergrund betrachtet eröffnet die katathyme Imagination darüber hinaus eine Plattform, über die sich bewährte Ansätze aus anderen Methoden nutzen und integrieren lassen. Das von Hanscarl Leuner ursprünglich experimentell begründete 'Katathyme Bilderleben' (KB) entwickelte sich in mehr als fünfzig Jahren zu einer ausdifferenzierten Therapiemethode. Die Wirksamkeit der KIP ist erwiesen und entspricht heutigen Standards. Ihre Anwendungsmöglichkeiten haben in den letzten Jahren erheblich zugenommen. Nachdem sie zunächst auf erlebnisreaktive Störungen neurotischer Art zugeschnitten war, hat sich die Methode seit langem auch bei psychosomatischen und traumatisch bedingten Störungen bewährt. Mit entsprechenden Modifikationen ist die KIP für alle Altersgruppen geeignet und über die Einzeltherapie hinaus auch im Gruppen- und Familien-Setting durchführbar. Zum konfliktzentrierenden Vorgehen kamen Ansätze hinzu, die den Ressourcen-Aspekt und systemische Gesichtspunkte einbeziehen. Dieses Handbuch fasst den gegenwärtigen Kenntnisstand auf praxisorientierte Weise zusammen. Nach einem grundlegenden theoretischen und neurowissenschaftlichen Teil wird das gesamte Spektrum der Anwendungsgebiete aufgefächert. Von der Lektüre dieses übersichtlich gegliederten Buchs können Psychotherapeuten aus unterschiedlichen Richtungen profitieren.
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Seitenzahl: 946
Veröffentlichungsjahr: 2012
Ullmann / Wilke (Hrsg.)
Verlag Hans Huber
Handbuch
Programmbereich
Katathym Imaginative Psychotherapie
Psychiatrie/Psychotherapie
Harald Ullmann
Eberhard Wilke
(Herausgeber)
Handbuch
Katathym Imaginative Psychotherapie
(KIP)
Verlag Hans Huber
Anschriften der Herausgeber:
Dr. med. Harald Ullmann
Nowackanlage 15
76137 Karlsruhe
Dr. med. Eberhard Wilke
Mittschiffs 5
23570 Lübeck-Travemünde
Lektorat: Dr. Klaus Reinhardt, Gaby Burgermeister
Herstellung: Daniel Berger
Umschlaggestaltung: Claude Borer, Basel
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1. Auflage 2012
© 2012 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern
(E-Book-ISBN [PDF] 978-3-456-94988-8)
(E-Book-ISBN [EPUB] 978-3-456-74988-4)
ISBN 978-3-456-84988-1
eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheimwww.brocom.de
Dem Evangelischen Studienwerk Villigst gewidmet – in dankbarer Erinnerung an Menschen, die uns gefördert und begleitet haben.
Zum Gelingen dieses Handbuch-Projekts haben viele Menschen beigetragen, denen wir nun danken möchten. In Gesprächen mit dem Lektorat des Verlags Hans Huber, der unserer Methode seit langem verbunden ist, reiften die ersten Pläne. Im Dozentenkreis unserer Fachgesellschaft fanden wir Zustimmung und Vertrauen. Dort konnten wir unsere Positionen diskutieren und Mitautoren gewinnen.
Nach dem Ausscheiden von Herrn Dr. Peter Stehlin und Frau Monika Eginger aus dem Lektorat nahmen sich Herr Dr. Klaus Reinhardt und Frau lic. phil. Gaby Burgermeister des großen Vorhabens an, um uns seitdem mit Ermutigung und konkretem Engagement zu begleiten. Frau Burgermeister war für Herausgeber wie Autoren die direkte Ansprechpartnerin, von der Idee bis ins Detail. Mit ihrem philologischen Sachverstand half sie uns des Öfteren, hinter formalen und sprachlichen Ungereimtheiten inhaltliche Probleme zu erkennen und neu zu durchdenken. In der Endphase gelang es ihr, die unterschiedlichen Wünsche von 16 Autorinnen und Autoren zu berücksichtigen und immer wieder das scheinbar Unmögliche möglich zu machen.
Bei der Korrektur der Manuskripte hat sich Sr. Wiltrud Maag durch genaues Hinschauen wie durch skeptisches Nachfragen verdient gemacht. Eine ganze Reihe von Graphiken für Abbildungen stammen aus der «Feder» von Frau Sonnelle Ullmann, die in diesem komplizierten Metier bald gut zu Hause war. Herr Daniel Berger, der Hersteller des Verlags Hans Huber, und die Druckvorstufe sos-buch gingen mit den ihnen vorliegenden Manuskripten und Addenda aller Autoren sorgsam und kreativ um.
Abschließend möchten wir der klinischen Lehrer gedenken, die uns den Weg wiesen und zu Vorbildern wurden. Wir haben nicht zuletzt einer Vielzahl von Patientinnen und Patienten zu danken, die sich auf die je einmalige Begegnung und das stets neue Wagnis therapeutisch begleiteter Tagträume eingelassen haben. In dem mit ihnen zusammen gestalteten Vorstellungsraum entstand das Material, an dem wir Erfahrungen sammeln und unser Wissen schulen konnten.
Karlsruhe und Lübeck, im Januar 2012
Dr. med. Harald Ullmann
Dr. med. Eberhard Wilke
Inhalt
Geleitwort
Vorwort der Herausgeber
1. Imagination und Psychotherapie – eine Bestandsaufnahme
Harald Ullmann
1.1 Von den Wurzeln der Vorstellungskraft
1.2 Zur Begriffsbestimmung der Imagination und zum Stellenwert des Symbols
1.3 Imaginative Ansätze in ihrer Vielfalt
1.4 Die Imagination als Drehscheibe der Psychotherapie
Literatur
2. Symbolbildung und Symbolverwendung
Hanni Salvisberg
Überblick
2.1 Struktur- und Symbolbildung in der kindlichen Entwicklung
2.2 Symbolbildung, Symbolverwendung und Strukturbildung in der Therapie
Literatur
3. Mnestische Systeme und ihre Veränderung
Harald Ullmann
3.1 Das Gehirn wächst und entwickelt sich im Austausch mit der Umwelt
3.2 Vom Bauplan zur permanenten Baustelle
3.3 Bausteine für ein transnatales Gedächtnis
3.4 Frühe Formen des Lernens und Erinnerns
3.5 Reifere Gedächtnisleistungen brauchen ausgereifte Strukturen
3.6 Dauerhafte Repräsentation gründet in Beziehungserfahrungen
3.7 Bindung als Basis für das Selbst und die Regulation der Affekte
3.8 Stadien des Selbstempfindens und der mentalen Repräsentation
3.9 Komplexere Gedächtnisformen und ihre neuronalen Grundlagen
3.10 Hirnreifung, höhere mentale Funktionen und Sprache
3.11 Von der Geburt der Sprache zu expliziten Gedächtnisniveaus
3.12 Das autonoetische Gedächtnis im ständigen Umbau
3.13 Explizite Nachdenklichkeit und implizite Bauchentscheidungen
3.14 Die Drehmomente der Episodenaktivierung
3.15 Erinnern ist Vergegenwärtigen und Neukonstruieren
3.16 Vom intakten Frontalhirn und den Grenzen der «Redekur»
3.17 Strukturebenen und ihre Interaktion in der Psychotherapie
3.18 Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten in der KIP
Literatur
4. Eine Dekade der KIP-Prozessforschung im Überblick
Michael Stigler und Dan Pokorny
4.1 Zur Einführung
4.2 Ergebnisse
4.3 Zum Abschluss
Literatur
5. Zur Gestaltung des therapeutischen Prozesses in der KIP
Harald Ullmann
5.1 Die Geschichte lehrt…
5.2 Eine psychoanalytisch begründete Therapiemethode im Wandel
5.3 Ein erster Blick auf Komponenten der KIP und deren Zusammenwirken
5.4 Die KIP als psychodynamisch orientierte Methode der Psychotherapie
5.5 Die KIP als ein sinnvoll gestaffeltes therapeutisches System
5.6 Über die therapeutische Beziehung und den Stellenwert der Regression
5.7 Beziehungsthemen, -episoden und -geschichten
5.8 Der Tagtraum als Wegbereiter des Neuen
5.9 Meilensteine des therapeutischen Weges – von Etappe zu Etappe
Literatur
6. KIP bei neurotischen Störungen
Manfred Rust
6.1 Angstneurosen
6.2 Narzisstische Störungen
6.3 Depression
6.4 Zusammenfassung
Literatur
7. Die KIP in der psychosomatischen Medizin
Eberhard Wilke
7.1 Entwicklungslinien innerhalb der KIP
7.2 Was ist in der KIP mit psychosomatisch Erkrankten anders?
7.3 Regression und Progression
7.4 Zur Bedeutung der Emotionen und Affekte
7.5 Persistierende Regression, maligne Regression, Progression
7.6 Zum Umgang mit aggressiven Impulsen
7.7 Spezifische Symbole
7.8 Besondere Verhaltensweisen in der Imagination
7.9 Technische Besonderheiten der Katathym Imaginativen Psychotherapie bei psychosomatischen Erkrankungen
7.10 Zur Bedeutung des körperlichen Symptoms
7.11 Besondere Motive, insbesondere die Inspektion des Körperinneren
7.12 Überlegungen zu einer möglichen spezifischen Wirkung der KIP bei psychosomatisch Kranken
7.13 Indikationen, Grenzen und Kontraindikationen in Abhängigkeit von Übertragung und Gegenübertragung
Literatur
8. Psychotraumatherapie akuter und komplexer Traumatisierung im Rahmen eines katathym imaginativen Behandlungsansatzes
Beate Steiner
8.1 Kritische Anmerkung zum Traumabegriff der gängigen diagnostischen Manuale
8.2 Hilfreiche therapeutische Beziehung
8.3 Akuttraumatisierung
8.4 Stabilisierung bei akuter und chronischer Traumatisierung mittels spezifischer Tagtraummotive
8.5 Arbeit mit dem inneren Kind
8.6 Täterkonfrontation
8.7 Arbeit am traumatogenen Introjekt
8.8 Integration des Traumas
8.9 Überblick über Motive und Techniken
Literatur
9. KIP bei Störungen im Kindes- und Jugendalter
Franz Wienand
9.1 Einführung
9.2 Imagination in der Diagnostik bei Kindern, Jugendlichen und Familien
9.3 KIP bei Kindern
9.4 KIP bei Jugendlichen
9.5 Weitere Anwendungsformen der KIP bei Kindern und Jugendlichen
Literatur
10. KIP bei älteren Menschen
Harald Ullmann
10.1 Das alternde Gedächtnis und seine Biographie
10.2 Unterschiedliche Aspekte erfordern differenzierte Modelle
10.3 Zu den Rahmenbedingungen und Ansätzen in der Behandlung älterer Menschen
10.4 Besondere Möglichkeiten der KIP in der Behandlung älterer Menschen
Literatur
11. Krisen bewältigen – KIP in der Krisenintervention
Claudius Stein
11.1 Einführung
11.2 Krisendefinition
11.3 Faktoren, die zur Entstehung und zum Verlauf einer Krise maßgeblich beitragen
11.4 Symptome
11.5 Prinzipien der Krisenintervention
11.6 Ablauf einer Krisenintervention
11.7 KIP und Krisenintervention
11.8 Therapeutische Zielsetzungen in der Krisenintervention
11.9 Schlussbemerkung
Literatur
12. Paartherapie mit KIP
Leonore Kottje-Birnbacher
12.1 Unterschiedliche paartherapeutische Ansätze
12.2 Das Erstgespräch
12.3 Die therapeutische Grundhaltung in der Paartherapie
12.4 Der Einsatz von Imaginationen in der Paartherapie
12.5 Technisches Vorgehen bei der Paartherapie mit KIP
12.6 Motive und therapeutische Begleitung
12.7 Zusammenfassung
Literatur
13. Gruppentherapie mit KIP
Ulrike Linke-Stillger
13.1 Einleitung
13.2 Gruppentherapie versus Einzeltherapie – ein Plädoyer für die Gruppe
13.3 Gruppentherapie mit KIP – eine ganz besondere Behandlungsform
13.4 Aufbau und Durchführung einer G-KIP-Therapie
13.5 Indikation und Kontraindikation
13.6 G-KIP in unterschiedlichen Kontexten
13.7 Schlussbemerkung
Literatur
14. Katathym imaginative Ansätze in Supervision und Coaching
Leonore Kottje-Birnbacher und Verena Maxeiner
Einführung
14.1 Katathym imaginative Ansätze in der Supervision
14.2 Katathym imaginative Ansätze im Coaching
Literatur
15. KIP in der Klinik. Möglichkeiten und Anwendungsbereiche
Andrea Friedrichs-Dachale und Christoph Smolenski
15.1 Die KIP als Einzeltherapie im Klinik-Setting
15.2 Gruppentherapie mit KIP im Klinik-Setting
Literatur
16. Zur Kombination der KIP mit anderen Methoden
Nicole Berger-Becker und Regine Grothaus-Neiss
Einleitung
16.1 Psychodrama und KIP
16.2 Die KIP und die Arbeit mit «konkreten» Symbolen
16.3 Katathym imaginatives Körpererleben
16.4 Zusammenfassung
Literatur
17. Behandlungsergebnisse der KIP
Eberhard Wilke
17.1 Vom dokumentierten Einzelfall zur Effektivitätsmessung
17.2 Ergebnisberichte und -forschungen
17.3 Umfangreichere Studien zur Verlaufsforschung
Literatur
18. Hinweise zur Aus-, Weiter- und Fortbildung
Andrea Friedrichs-Dachale und Harald Ullmann
18.1 Grundsätzliches
18.2 Curricula
18.3 Fortbildung für Berufsgruppen in beratenden oder psychosozialen Arbeitsfeldern
18.4 Fachgesellschaften und AWF-Veranstaltungen
Literatur
Anhang
Grundlagenliteratur zur Katathym Imaginativen Psychotherapie – eine Auswahl
Autorenverzeichnis
Sachwortverzeichnis
Farbtafeln
Unter den psychotherapeutischen Behandlungsansätzen, die sich heute im wissenschaftlichen und kassentechnischen Rahmen durchgesetzt haben, lassen sich drei «Säulen» mit spezifischen Schwerpunkten unterscheiden: die Psychoanalyse, die tiefenpsychologisch fundierten Verfahren und die Verhaltenstherapie. Auch wenn diese Verfahren im Wesentlichen eigenständig entwickelt worden sind und in der Vergangenheit viele Auseinandersetzungen mit ihren wechselseitigen «Fundamentalismen» hatten, befinden sie sich jetzt doch mehr oder weniger alle in einem, auf die Bewältigung der konkreten klinischen Aufgaben zielenden, integrativen Prozess. Die produktivste Entwicklung in diesem Sinne lässt sich unter dem Begriff der «Psychodynamischen Psychotherapie» zusammenfassen.
So versteht sich auch die «Katathym Imaginative Psychotherapie» (KIP) in ihrer Weiterentwicklung des von Hanscarl Leuner begründeten «Katathymen Bilderlebens» (KB) als eine auf den Grundlagen der Psychoanalyse von Sigmund Freud und der Analytischen Psychologie von Carl Gustav Jung aufbauende Methode. Aufgrund der spezifischen, dialogisch geführten Imagination erfordert und ermöglicht die KIP eine besondere Betrachtung und Handhabung von Übertragungs- und Gegenübertragungsphänomenen.
Die Entdeckung der Kraft der Imagination im Kontext einer Psychotherapie hatte Leuner seit 1954 veranlasst – anknüpfend an Vorarbeiten von Silberer, Kretschmer, Happich und Schultz aus den 1920er- und 1930er-Jahren – seine klinischen Erfahrungen im Umgang mit vorgegebenen bildhaften Vorstellungsmotiven und den entsprechenden Symbolisierungen im Tagtraum als «Katathymes Bilderleben» zu systematisieren. Mit zunehmendem Wissen um die therapeutische Tiefenwirkung der Imagination und die Gestaltungsmöglichkeiten im Verlauf des psychotherapeutischen Prozesses, wie sie in der später so benannten «Katathym Imaginativen Psychotherapie» zu einem festen Bestandteil wurden, konnte dieses methodische Vorgehen als eine genuine Variante der «Psychodynamischen Psychotherapie» ausgewiesen werden.
Das vorliegende Handbuch führt jetzt in reichhaltiger Gliederung sowohl die theoretischen Voraussetzungen als auch die vielfältigen Aspekte der im Verlauf der letzten 50 Jahre gewonnenen therapeutischen Erkenntnisse zusammen. Auf der Basis des von Leuner 1970 erstmals veröffentlichten Einführungsbuchs zum «Katathymen Bilderleben» (KB) und der Fortführung durch Wilke (1996/2005) als «Katathym-imaginative Psychotherapie» (KIP) teilen nunmehr die beiden Herausgeber, Harald Ullmann und Eberhard Wilke, zusammen mit vierzehn Autoren aus dem engeren Kreis der «Internationalen Gesellschaft für Katathymes Bilderleben und imaginative Verfahren in Psychotherapie und Psychologie» (IGKB), ihre diagnostischen und therapeutischen Leitlinien mit. Damit liegt eine weitreichende und in viele Nachbargebiete hineinragende Übersicht vor. Sie informiert über die Bedeutung der verschiedenen Aspekte der Imagination mit den Schwerpunkten sowohl auf theoretischen Gesichtspunkten als auch auf Einzelheiten der Prozess- und Ergebnisforschung, der Behandlung unterschiedlicher Erkrankungen sowie der Varianten der Methode im ambulanten und stationären Setting. Die Möglichkeiten und Probleme der Aus-, Weiter- und Fortbildung werden erörtert und mit passenden Hinweisen versehen.
Für einen Leser, der die Tagtraummethode bisher noch nicht näher kennengelernt hatte, ergibt sich die Möglichkeit, eindrucksvolle Einblicke in das menschliche Seelenleben mithilfe therapeutischer Imaginationen zu gewinnen. Für den bereits fortgeschrittenen und entsprechend vorgebildeten Therapeuten bietet das Handbuch eine beeindruckende Fülle an gemeinsamer Erfahrung und gleichzeitiger individueller Varianz. Die «ideologische Offenheit» der Methode wird zu einer weiteren Verbreitung im internationalen Rahmen führen und hoffentlich auch – in einem allgemeineren Sinne – einen Beitrag zur «globalen Verständigung» leisten können. So möchte ich diesem originellen und auf eine lange Entwicklungsarbeit zurückblickenden Werk nun eine zahlreiche und aufgeschlossene Leserschaft wünschen!
Heidelberg, im Januar 2012
Prof. Dr. med. Peter Hahn
Die Imagination spielt seit jeher eine wichtige Rolle in der Psychotherapie. Nur wird ihr in den meisten Methoden und Verfahren nicht durchgängig jener Stellenwert eingeräumt, der diesem wesentlichen Element eigentlich zukommt. Das gilt für die Psychoanalyse, soweit sie in der Tradition von Sigmund Freud wurzelt, ebenso wie für die Verhaltenstherapie, auch wenn heutzutage in beiden Verfahren neue Tendenzen erkennbar sind. Lediglich die von C. G. Jung begründete Analytische Psychologie betrachtete die Imagination von Anfang an als ein konzeptionell bedeutsames Element und legte darüber hinaus auch besonderen Wert auf deren symbolische Implikationen.
Als Hanscarl Leuner in der Mitte des vorigen Jahrhunderts mit chemisch und hypnotisch induzierten Tagträumen zu experimentieren begann, befand er sich in der Tradition und im Umfeld einer ganzen Reihe von imaginativen Ansätzen, auf die er bei seinen Ideen zum technischen Umgang mit Tagträumen und Symbolen zurückgreifen konnte. Die enormen therapeutischen Optionen des neuen Ansatzes erkennend bezog sich der Erfinder der Tagtraumtechnik sehr bald in theoretischer und teilweise auch in praktischer Hinsicht auf die Psychoanalyse. Er richtete sich damit an seiner eigenen therapeutischen Sozialisation aus, zu der allerdings auch eine intensive Schulung als Hypnosetherapeut gehörte. In die Praxis der zur Methode weiterentwickelten Tagtraumtechnik fanden demgemäß eine ganze Reihe von hypnosetherapeutischen Elementen Eingang. Zudem wurde von Beginn an auch mit kognitiven und behavioralen Elementen verhaltenstherapeutischer Art hantiert. Leuner konzentrierte sich gleichwohl für die Zwecke der begrifflichen Fundierung seiner jungen Methode, deren kreatives Potenzial sich rasch zu entfalten begann, auf bereits ausformulierte psychoanalytische Positionen. Hierzu gehörte auch das tiefenpsychologische Verständnis der in einer Psychotherapie mit dem Tagtraum wirksamen Symbolik.
In den folgenden Jahrzehnten wurde aus der ursprünglich als «Katathymes Bilderleben» (KB) oder «Symboldrama» bekannt gewordenen Psychotherapie mit dem Tagtraum eine übersichtlich gestaffelte und praktikabel zu handhabende Methode, die durch ihre Systematisierung in didaktischer Hinsicht gut zu vermitteln war und ist. Die offiziell eingeführte Bezeichnung «Katathym Imaginative Psychotherapie» (KIP) macht deutlich, dass es sich hier um eine Behandlungsform handelt, bei der «katathyme», das heißt affekttragende Imaginationen als zentrales Element in das Setting und in den therapeutischen Prozess eingebunden sind. Im dialogischen Charakter dieser spezifischen Imaginationen unterscheidet sich die KIP von vielen anderen imaginativen Ansätzen, darunter auch von der Aktiven Imagination nach C. G. Jung, mit der sie gleichwohl eine besondere Achtung vor der Welt der Symbole verbindet.
Die ersten Erfahrungen mit dem Katathymen Bilderleben als Therapiemethode gehen auf die Arbeit an neurotischen Störungen in einem einzeltherapeutischen Setting zurück. Seitdem sind eine Fülle von Setting-Varianten und Indikationsbereichen hinzugekommen. Darüber hinaus haben sich von der behandlungspraktischen und theoretischen Basis der KIP ausgehend weitere Anwendungsbereiche für katathyme Imaginationen erschließen lassen. Sie reichen von der Beratung über die Supervision bis zum Coaching und zur Anwendung in der Didaktik. So schien es uns an der Zeit, ein erstes Handbuch vorzulegen, das einen Überblick gibt und Hinweise zum Einarbeiten in unterschiedliche Anwendungsbereiche vermittelt.
In die psychotherapeutische Landschaft ist Bewegung gekommen. Methodenintegrative Ansätze, die sich flexibel auf das jeweilige Bedingungsgefüge einstellen können, sind mehr denn je gefragt. Die KIP hat sich seit langem in dieser Weise bewährt. Gefragt ist nicht zuletzt der interdisziplinäre Diskurs jenseits von Schulenzugehörigkeiten. Wer die KIP vertritt, wird in eben diesem Sinne argumentieren können. Wenn zunehmend auf neurobiologisch zu begründende Wirkfaktoren geachtet wird, dann gehört auch und gerade die KIP auf eine solche Diskussionsplattform. Das jetzt vorgelegte Handbuch enthält vielfältige Anregungen in praktischer wie in theoretischer Hinsicht. Möge es dazu beitragen, dass die KIP auf dem Wege zu einer eigenständigen, in sich konsistenten Methode gegenüber anderen Ansätzen angemessen offen und hinreichend integrationsfähig bleibt.
Harald Ullmann
Eberhard Wilke
Harald Ullmann
Die Inhalte der weltweit entdeckten Schätze an bunten Höhlenmalereien reichen von Erinnerungszeichen, die noch ganz im Konkreten verhaftet sind, bis zu symbolisch zu nennenden Darstellungsformen (Anati 1997; Lorblanchet 1997). Den Anfang machen «Handstempel», die an die Anwesenheit eines Menschen erinnern, der auf diese Weise mit einem Teil seiner selbst konkret «repräsentiert» ist. Spätere Höhlenmalereien gehen weiter und bilden ein großes Spektrum der prähistorischen Lebenswelt ab. Sie zeigen ganze Tiere und Herden und stehen damit für das ersehnte, Leben spendende Beutegut des Jägers. Im Unterschied zu den Handsignaturen, die ein Stück Vergangenheit festhalten, könnten solche ganzheitlichen Abbildungen existenziell bedeutsamer Wesen in Richtungen weisen, die der Zukunft oder gar dem Jenseits zugewandt sind. In einer der Höhlen, die kultischen Zwecken gedient haben muss, ist ein rätselhaftes, vielgestaltiges Wesen an der Wand zu sehen. Der sogenannte «Zauberer» von Trois Frères ist halb Tier, halb Mensch. Sollten darin gewisse Gaben zum Ausdruck kommen, zwischen verschiedenen Welten des Seins zu vermitteln, dann würde das zu einem Deutungsansatz passen, der in dieser Chimäre die Darstellung eines Schamanen sieht (Clottes 1997).
Viele vorgeschichtliche Funde künden nicht nur von der Vorstellungskraft als solcher, die dem Menschen eigen ist, sondern zugleich von seinem Bemühen, sich der äußeren Welt bildhaft und symbolisch zu bemächtigen. Das Denken des primitiven Menschen ist immer wieder auch ein magisches. Schamanen heilen heute noch mithilfe von symbolischen Handlungen, die auf innerseelische Prozesse und körperliche Vorgänge Einfluss nehmen. Wenn Psychotherapeuten ihren Patienten in einem hypnoiden Zustand dazu anregen, konkrete Erlebnisse der äußeren Realität in eine imaginative Realität zu überführen und symbolisch mit ihnen umzugehen, dann stützen sie sich dabei auf jene ursprünglichen Fähigkeiten, die uns seit Menschengedenken und seit Kindertagen zur Verfügung stehen.
Mit imaginativen Mitteln arbeiten auch die großen Erzähler, Dramatiker und Dichter. Wenn Homer die «frühgeborene», «rosenfingrige» Morgenröte besingt (Odyssee 2,1), dann evoziert er durch diese Metapher in seinem Hörer positiv getönte Erinnerungen an den Beginn eines neuen Tages, die für den weiteren Erzähl- und Hörvorgang symbolisch mit der «safrangewandeten» Göttin Eos (Ilias 8,1) verbunden werden. Wenn Shakespeare in seinem Prolog zu Heinrich V. seine Zuschauer auffordert, ihre «einbildsamen Kräfte» («imaginary forces») wirken zu lassen, dann will er sie dazu verpflichten, ihr Vorstellungsvermögen für eine Weile über die armselige Realität der Bühne dominieren zu lassen, die sich auf gar zu «engem Raum» abspielt. Wenn Proust in seiner «Suche nach der verlorenen Zeit» (Proust 2000) den Ich-Erzähler Marcel durch eine «kleine Phrase» (Milly 1975 [S. 143: «la petite phrase»]) dazu bringt, sich an frühere Momente seines Lebens zu erinnern, dann eröffnen sich dem Leser eine Reihe von «poetischen» Möglichkeiten des Vorstellungsvermögens, die auch in der Psychotherapie mit dem Tagtraum zum Tragen kommen (Ullmann 2010). Zum einen geht es da um ein rückwärtsgewandtes Erinnern von persönlich relevanten Episoden, zum anderen um deren prospektiv orientierte Neugestaltung im Moment des Vergegenwärtigens und nicht zuletzt um deren Einbindung in die Narrative des autobiographischen Gedächtnisses (s. Kap. 3.12).
In seinem Buch über «Phantasie und Tagtraum» weist Singer auf einige therapeutische Implikationen der poetischen Kunst hin, die durch ihre imaginativen Elemente bedingt sind (Singer 1978). Die dichterischen und dramatischen Stärken eines Shakespeare liegen für ihn zu einem großen Teil darin begründet, bildhafte Vorstellungen und sinnliche Modalitäten so zu verwenden, dass wir «beim Zuhören sofort gezwungen sind, zumindest bis zu einem gewissen Ausmaß weitere, durch andere Modalitäten vermittelte Eindrücke mit jenen zu verbinden». Man wird auf diese Weise ganz aktiv in das Erleben einer sich entfaltenden Szene einbezogen. Wir können als Psychotherapeuten durchaus von dem großen Dramatiker lernen, wenn es um die wirkungsvolle Kopplung von Bildern mit spezifischen sensorischen Modalitäten wie Riechen, Berühren, Schmecken, Hören, Sehen und Bewegen geht.
Behalten wir die Inhalte großer Dichtung vielleicht auch deshalb besonders gut im Gedächtnis, weil sie voller konkreter, sinnlicher Bezugnahmen sind? Für eine solche Annahme sprachen schon ältere experimentalpsychologische Untersuchungen, die zeigen konnten, dass konkrete Wörter besser erinnert werden als abstrakte (Paivio 1971). Die weitergehende klinische Erfahrung, dass es zur dauerhaften Einprägung von Lerninhalten und Einsichten einer emotionalen und motivationalen Komponente des mnemonischen Vorgangs bedarf, wird auch von neurowissenschaftlicher Seite bestätigt (s. Kap. 3.13).
Unser Gehirn ist unablässig neuronal aktiv und baut dabei geistige Inhalte auf, die im Zustand der Abschirmung äußerer Reize und einer damit einhergehenden Innenorientierung zu illusorischen Wahrnehmungen führen. Die imaginative Eigenaktivität des Gehirns lässt sich durch ein «einfaches Experiment» nachvollziehen (Frank 1914). Ohne sonstige Instruktionen werden die Probanden dazu angehalten, für eine bestimmte Weile die Augen zu schließen. In der Regel kommt es nun ganz von selbst zu einer zeitvergessenden Haltung der Innenschau, bei der sich die unterschiedlichsten Wahrnehmungen einstellen. Das Spektrum reicht von Farben und Formen bis hin zu ganzen Szenen, soweit es sich um optische Phänomene handelt. Aber auch andere Sinne und körperliche Empfindungen können auf dem inneren Wahrnehmungsschirm zur Darstellung kommen. All dies geschieht wohlgemerkt ohne ein eigenwillentliches oder therapeutisches Dazutun. Unter Bedingungen regressiverer Art reichert sich das innere Erleben um weitere Qualitäten an. Silberer, einer der Pioniere in der subtilen Erforschung imaginativer Phänomene, untersuchte eine Reihe von «Schwellenzuständen», die sich durch ein vermindertes Wachbewusstsein und eine erhöhte Regressionsbereitschaft auszeichnen, im akribisch dokumentierten Selbstversuch und beschrieb einige Mechanismen der Symbolbildung gleichsam in statu nascendi (Silberer 1909, 1912 a, 1912 b). Dabei fand er auch heraus, dass die gedanklichen und bildhaften Vorstellungen weitgehend von Zuständen im Körper beeinflusst werden.
Die körperlichen Grundlagen imaginativer Phänomene reichen von vegetativen und optischen Einspielungen über emotionale Gestimmtheiten bis hin zu präsymbolischen motivationalen Spannungsbögen. Beobachtet man einen Säugling von neun Monaten bei seinen Krabbelbemühungen auf dem Weg zu einem Turm aus übereinander gestapelten Klötzchen, dann werden in dieser kleinen Szene bereits grundlegende Elemente der Vorstellungskraft deutlich (Abb. 1-1). Der kleine Kerl wird zwar durchaus eine zielbezogene Vision vor Augen haben, aber keine, die er in Worte zu fassen vermag. Denn er verfügt über keine Sprache und kein sprachgebundenes Gedächtnis für das, was er bereits bewirkte und nun aufs Neue bewirken will. Aber in seinem prozeduralen, impliziten Gedächtnis dürfte er bereits eine wortlose Vorstellung davon aufgebaut haben, dass es sich lohnt, dem Fallen der Klötzchen entgegenzustreben. Er wurde und wird in seiner Motivation ermuntert und begleitet von der Stimme einer einfühlsamen, mitbewegten Mutter, die seinen Erfolg am Ende immer wieder durch ihre Mitfreude belohnt. Die Fähigkeit zur Imagination von Erinnerungen und Zielvorstellungen wird im Kontext einer förderlichen Beziehung erworben und hat eine somatische Matrix. Die «Loko-Motion» (Fortbewegung), die «E-Motion» (innere Bewegung) und die Motivation (vorgestellte Bewegung und deren Ergebnis) haben also nicht nur sprachliche Wurzeln gemeinsam.
Abbildung 1-1: Acht Momentaufnahmen von Theodor (9 Monate) und Mutters Worte
Das deutsche Wort «Vorstellungskraft» bringt das körperliche Moment der Imagination zum Ausdruck und macht deutlich, dass mentale Vorstellungen sich auf körperliche Vorgänge auswirken können, die der Kraftentfaltung dienen. Mentale Techniken beim Training von Sportlern machen von diesem imaginativen Phänomen Gebrauch. Aus der Vorstellungskraft heraus entfaltet sich von klein auf – schon im impliziten Modus von Visionen – ein Spannungsbogen, der von hier nach dort führt. Psychologisch ausgedrückt ist das die Basis jeglicher Motivation, die uns bewegt und aus den inneren Bildern Geschichten werden lässt. Die reiferen und «erwachsenen» mentalen Repräsentationen für Körperempfindungen, Bilder, Worte und Beziehungsschemata werden zeitlebens auf der in präverbalen Zeiten erworbenen Fähigkeit aufbauen, eine Erwartungsspannung zu entwickeln und ein Ziel zu verfolgen. Die Ausrichtung auf Motive und Ziele gehört im Zusammenwirken mit Bindungserfahrungen zu den Voraussetzungen für die Bildung von mentalen Repräsentationen.
Das Wort «Imagination» geht auf das lateinische Wort «Imago» zurück, das man mit «Bild» übersetzen kann. Darin liegen aber auch bereits die ersten Möglichkeiten für Missverständnisse, in denen «Visualisierungstechniken» fälschlich mit imaginativen Vorgehensweisen gleichgesetzt werden. Bei der Visualisierung handelt es sich um ein Phänomen, das auf die optische Dimension beschränkt ist. Die Imagination dagegen umfasst grundsätzlich alle möglichen Empfindungen sinnlicher und körperlicher Art, das Erleben von Affekten und die Ausrichtung an Motivationen. Die Art von «Einbildung», die bei der Imagination wirksam ist und sich schließlich im Gehirn «einprägt», umfasst also weit mehr als die rein bildhaften Vorstellungen. Aus neurowissenschaftlicher Sicht werden beim imaginativen Prozess Informationen aus allen fünf Sinneskanälen und aus den Körperwahrnehmungen in eine amodale Form von Information gebracht, welche die Vernetzung mit emotionalen und kognitiven Informationen gestattet und jene Multikodierung ermöglicht, die bei der Symbolisierung mitspielt. Als im Gehirn abgespeicherte Muster stellen solche Informationskomplexe ein Pendant für «innere Bilder» dar, unterscheiden sich von dieser Kategorie aber darin, dass ihnen keine mentale Qualität eigen ist. Für psychotherapeutische Belange geht es dagegen um mental repräsentierte Inbilder, die in einem metaphorischen Austauschprozess kommunikative und symbolische Bedeutung erlangen (Ullmann 2009 a).
Im Unterschied zu anderen mentalen Phänomenen verstehen wir unter einer Imagination die Umsetzung von Erlebnisinhalten in psychische Vorstellungen von sinnlicher und real anmutender Qualität. Diese Definition schließt körperliche Empfindungen, Gefühle, Beziehungen und ganze Szenen ein. Imaginationen können sich auf Erinnerungen aus der Vergangenheit beziehen, auf Projektionen in die Zukunft und auf die aktuelle Gegenwart. Man sollte sich an dieser Stelle klarmachen, dass unser Gehirn immer aus der Gegenwart heraus arbeitet, auch wenn es sich mit der Vergangenheit oder mit der Zukunft beschäftigt. Demnach sind also auch solche Imaginationen, die wir für Erinnerungen halten, aus der Gegenwart heraus neu konstruiert. Ein solchermaßen weit gefasster Begriff von Imagination, der auch auf Aspekte der Säuglingsforschung und der Neurobiologie Bezug nimmt, stellt meines Erachtens so etwas wie eine gemeinsame Schnittstelle für verschiedenartige Methoden dar, die imaginative Ansätze im Repertoire haben.
Phänomenologisch betrachtet zeichnen sich voll entwickelte Imaginationen dadurch aus, dass sie a) mehrere Sinnesqualitäten umfassen, b) farbig, plastisch und dreidimensional erscheinen, c) sich in einer räumlichen und zeitlichen Dimensionentfalten und d) als bedeutsame Realität empfunden werden, die e) als eine innere und vorgestellte gleichwohl grundsätzlich von der äußeren Realität abgrenzbar bleibt. Im Unterschied zu Halluzinationen geht dem Tagträumer bei Imaginationen nicht das Wissen darüber verloren, dass es sich recht eigentlich um Trugbilder seiner Phantasie handelt. Psychopathologisch betrachtet sind Imaginationen demnach nichts anderes als «Pseudohalluzinationen». Gedankliche Vorstellungen unterliegen weitgehend der bewussten Steuerung, im Unterschied zu imaginativen Vorstellungen, bei denen ein unwillkürliches Element hinzukommt. Auf den Stellenwert des Regressionsniveaus wurde bereits hingewiesen, als es um Silberers Pionierarbeiten auf dem Feld der Imaginationsforschung ging.
Die Regression eröffnet dem Psychotherapeuten ja ein weites Feld, das auch und gerade für imaginative Ansätze fruchtbar werden kann. Denn wir befinden uns hier am Rande von primärprozesshaften mentalen Vorgängen, die bei der symbolischen Repräsentation eine Rolle spielen. Niemand wird – wenn er nicht gerade psychotisch ist – seine imaginativen Vorstellungen für identisch mit der Realität halten, während er im Als-ob-Modus mit ihnen operiert. Vorstellungen «re-präsentieren» lediglich die Realität, sie entsprechen ihr nur ungefähr, und das auf mehr oder weniger komplexem symbolischem Niveau. Wenn es um den Stellvertretungsaspekt und zugleich um den Symbol- oder Zeichencharakter des Vorgestellten geht, scheiden sich die Geister nach der methodischen Provenienz. Für die Gegenüberstellung von Methoden, in denen Imaginationen eine Rolle spielen, führt deshalb kein Weg am Symbolbegriff vorbei.
Um den Methodenvergleich kurz zu fassen, soll sich dieser im Folgenden idealtypisierend und exemplarisch auf drei Psychotherapieformen konzentrieren: «die» Psychoanalyse, «die» Verhaltenstherapie und die – auch als «Symboldrama» bezeichnete Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) (Leuner 1994; Wilke 2005 a). In den beiden synonym gebrauchten Begriffen sind drei wesentliche, für diese Methode konstitutive Elemente enthalten: 1. Das zentrale Moment ist der therapeutisch induzierte und begleitete Tagtraum: die Imagination. 2. Beim Imaginieren spielen symbolische Prozesse eine Rolle. 3. Imagination und symbolisches Erleben werden dabei mit dem zugehörigen Affekt verbunden. Die Affektnähe der spezifischen Imagination drückt sich in dem Eigenschaftswort «katathym» aus, das dem Griechischen entlehnt ist und betonen soll, dass diese Art von Imagination auf besondere Weise «vom Gefühl» getragen und gelenkt wird.
Wenn man von einem sehr weit gefassten Symbolbegriff her kommt, könnte man jeden emotional bedeutsamen Inhalt einer Imagination zum Symbol erklären. Unter Symbol versteht der Philosoph Cassirer ein Zeichen, dem der Geist Bedeutung zuspricht (Cassirer 1923–1929; Saner 1989). Da Imaginationen ein äußeres Objekt innerlich auftauchen lassen, kommt es uns so vor, als ob es real wäre. Das innerlich geschaute Objekt steht also für ein Objekt der Außenwelt und wird zum inneren Träger von Bedeutungen. Auf den weit gefassten Symbolbegriff Cassirers müssten sich eigentlich alle Richtungen der Psychotherapie verständigen können, auch wenn sie in der Auffassung von Repräsentation und Bedeutungsvielfalt differieren. Nehmen wir den Fall einer Spinnenphobie. Als Verhaltenstherapeut könnte man zur fast naturgetreuen Vorstellung einer Spinne anregen und an dem aktualisierten Affekt den Hebel der systematischen Desensibilisierung ansetzen. Für den tiefenpsychologisch ausgebildeten Therapeuten ginge es im gegebenen Fall dagegen eher um die mit der Spinne assoziierten Vorstellungen in ihrer symbolischen Vielfalt. Der Psychoanalytiker würde besondere Sorgfalt darauf verwenden, spinnenhafte Bedeutungen in der Übertragungsbeziehung zu entdecken. Und in der KIP würde Spinnenhaftes – in symbolischer Verkleidung – auf der Bühne des Tagtraums zur Darstellung gebracht, vielleicht als Hexengestalt, vielleicht als Beziehungsperson, und letztlich beides in einem.
Man wird dem Reichtum der tiefenpsychologischen Symbolik wohl am ehesten gerecht, wenn man sie nicht auf einen knappen Begriff zu bringen versucht, sondern einzelne Aspekte aufzählt, die das Symbol als solches ausmachen (s. Kasten 1-1): a) Das Symbol steht für etwas dahinter Liegendes; b) es trägt Bedeutungen, die über das Phänomen selbst hinaus weisen; c) es ist in seinem Bedeutungsgehalt vielfach determiniert; d) es vermittelt sich auf sinnliche und anschauliche Weise, sei es nun mit den Augen zu sehen oder mit den Händen zu greifen; e) es kann real präsent sein oder allein in der Vorstellung existieren; f) es wurzelt tief im Empfinden für Körpervorgänge und Emotionen. Der Aspekt der Verwurzelung in Körpervorgängen und Emotionen begründet sich mit Erkenntnissen der Entwicklungspsychologie und der Hirnforschung. Vor dem Hintergrund des weit gefassten Cassirer’schen Symbolbegriffs sehe ich hier ein Argument dafür, dass eigentlich alle Richtungen der Psychotherapie in der Lage sein sollten, sich auf einer neurobiologisch fundierten Plattform zu treffen und zu verständigen.
Symbole des Tagtraums
stehen für etwas dahinter Liegendestragen Bedeutungen, die über das beobachtbare Phänomen hinaus weisensind in ihrem Bedeutungsgehalt vielfach determiniertvermitteln sich sinnlich und anschaulichkönnen real präsent sein oder in der Vorstellung existierensind tief im Empfinden für Körpervorgänge und Emotionen verankertkönnen primär nicht in Worte gefasste Wirkungen entfalten.Kasten 1-1: Aspekte der Symbolik in der KIP.
Vorstellungsübungen und «Bilderreisen» sind en vogue. Sie werden in Fortbildung und Beratung gern als Arbeitsmittel eingesetzt und bereichern mitunter auch andere Gebiete des professionellen Umgangs mit Menschen, in denen es um Zuwendung, Erkenntnisgewinn oder Kreativität geht oder um ein anschauliches und emotionales Element, sei es in der Altenpflege, in Balint-Gruppen oder in Künstlerkreisen. Aus psychotherapeutischer Sicht soll an dieser Stelle nur angemerkt werden, dass hier grundsätzlich der Unterschied zwischen Visualisierungstechniken und Imaginationsübungen (s. Abschnitt 1.2) zu beachten und für eine saubere Abgrenzung gegenüber der Psychotherapie Sorge zu tragen ist. Denn bei der Psychotherapie handelt es sich per definitionem um eine Behandlung von kranken Menschen, die ein solides medizinisches und psychologisches Wissen voraussetzt, will man wirklich weiterhelfen und Schaden vermeiden. Schaden nehmen könnten vor allem solche Ratsuchende und Klienten, die psychisch labil sind, handelt es sich doch bei imaginativen Ansätzen um wirksame und damit nicht indifferente Arbeitsmittel der Psychotherapie. Auf Betreiben der westdeutschen Fachgesellschaft für KIP (AGKB) wurde deshalb ein Institut gegründet, das anderen Berufsgruppen einen eigenständigen Ausbildungsgang für die Anwendung imaginativer Techniken in Bereichen jenseits der Psychotherapie anbietet (s. Kap. 18.3).
In der beratenden und in der therapeutischen Arbeit mit menschlichen Systemen sind Visualisierungstechniken und imaginative Ansätze heutzutage weit verbreitet. Katathyme Imaginationen haben sich im Coaching und in der Supervisionspraxis (s. Kap. 14), in der Gruppentherapie (s. Kap. 13), in der Familientherapie (Klessmann und Klessmann 1988; Voss-Coxhead 1989) und in der Paartherapie (s. Kap. 12) bewährt. Der systemische Blickwinkel stellt eine wertvolle Bereicherung für die KIP dar, die sich seit ihren Anfängen vorrangig auf das einzelne Individuum konzentriert hat. Es würde den Rahmen eines kurzgefassten Handbuchs überdehnen, wollte man alle anderen Methoden würdigen, die auf solide Weise mit Imaginationen arbeiten. Lediglich das Psychodrama wird in diesem Handbuch eingehender erwähnt werden, da wir auf eine lange, fruchtbare Tradition der Kombination mit dem «Symboldrama» zurückblicken und entsprechende Techniken lehren können (s. Kap. 16.1). Die Auseinandersetzung mit den imaginativen Elementen der Gestalttherapie mag an anderer Stelle erfolgen und dabei Ähnlichkeiten und Unterschiede erkennen lassen.
Der Vergleich mit der Hypnotherapie zeigt, dass die in der KIP zur Anwendung kommende Art von Imagination zwar auch im Sinne einer Tranceerfahrung aufgefasst und gehandhabt werden kann, sich von der Hypnose aber in wesentlichen Aspekten unterscheidet. Diese betreffen u. a. die spezifische Kombination aus dialogischen, affektiven und primärprozesshaften Momenten (Ullmann 2005). Unterschiede gibt es darüber hinaus in den für ein psychoanalytisch basiertes Vorgehen zentralen Konzepten von Übertragung, Widerstand und Konfliktdynamik (Ullmann 2009 b). Schon zu einem sehr frühen Zeitpunkt in der historischen Entwicklung der KIP war entschieden, dass die neue Tagtraumtechnik sich künftig in Abgrenzung zur Hypnose als eine psychoanalytisch begründete Methode definieren würde. Als Hanscarl Leuner, der erste Pionier der KIP, vor mehr als einem halben Jahrhundert damit zu experimentieren begann, halluzinatorische Erlebnisweisen zu induzieren, die ihm auf der Bildfläche einer Tagtraumszenerie in symbolisch verdichteter Form neurotische «Komplexe» vor Augen zu führen schienen (Leuner 1954, 1955), vermochte er zugleich auch aus dem klinischen Fundus eines in der Hypnose erfahrenen Arztes zu schöpfen. So hätte es naheliegen können, methodische Ähnlichkeiten zu sehen und Synergieeffekte zu betonen. Doch die Geschichte der KIP nahm einen anderen Gang. Leuner untersuchte, verstand und deutete die im Hypnoid experimentell herbeigeführten «Komplexe» nach den Regeln tiefenpsychologischer Symbolik unter psychodynamischen Gesichtspunkten und begründete die von ihm entwickelte Therapiemethode auf einer psychoanalytischen Basis. Damit war eine Denktradition eingeleitet, welche die Methode nicht nur in der Außendarstellung, sondern auch im internen Diskurs der TherapeutInnen und DozentInnen als eine im Kern tiefenpsychologische erscheinen lässt (Dieter 2001; Kottje-Birnbacher und Wilke 2004).
Die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) kommt im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien (Rüger et al. 2011) als eine spezielle Methode der Tiefenpsychologie zur Anwendung und gehört im klinischen Kontext zu den psychodynamisch orientierten Psychotherapieverfahren (Reimer und Rüger 2000). Das Adjektiv «tiefenpsychologisch» stellt den Bezug zum sogenannten topischen Gesichtspunkt der Metapsychologie nach Freud (1900) her und besagt, dass ein solches Verfahren sich im Sinne der tiefenhermeneutischen Vorgehensweise vorrangig mit unbewussten Prozessen befasst (Elhardt 1988). Das «Unbewusste» wird hier, dem dynamischen Gesichtspunkt der psychoanalytischen Tradition (Freud 1909) folgend, in ein metapsychologisches Konzept gefasst, das die Existenz von Konflikten im Seelenleben des Individuums, das Wirken von Übertragung und Gegenübertragung in der Beziehung sowie Vorgänge von Abwehr und Widerstand im therapeutisch relevanten Geschehen unterstellt.
Es gibt gute Gründe, einen derartigen Therapieansatz als «psychodynamisch» zu bezeichnen (Hoffmann und Schüßler 1999; Hoffmann 2000). Der Begriff «psychodynamische Psychotherapie» subsummiert sowohl den topischen als auch den dynamischen Gesichtspunkt der von Freud formulierten psychoanalytischen Metapsychologie.
Unter den psychodynamisch orientierten Konzepten nimmt der ursprünglich – pars pro toto – «Katathymes Bilderleben» genannte Behandlungsansatz als «ein System gestaffelter Methoden und Regieprinzipien zur Handhabung des Tagtraums in der Psychotherapie» (Leuner 1986) eine Sonderstellung ein. Denn in diesem Verfahren zentriert sich der gesamte therapeutische Prozess um eine spezifische Form von Imagination, die ihn sowohl abbildet als auch weiterführt. Dies geschieht auf eine dialogisch interagierende, symbolvermittelte und affektgesteuerte Weise. Das therapeutische Vorgehen in der «Tagtraumtechnik» wurde zunächst als «Katathymes Bilderleben» (KB) oder «Symboldrama» (Leuner 1957) bekannt. Beide Begriffe sind bis heute als Synonyme für die Psychotherapie mit dem Tagtraum in Gebrauch und akzentuieren jeweils bestimmte Aspekte des Behandlungsgeschehens. In dem Wort Symboldrama verdichtet sich etwas von dem erzähldramatischen Element, das dieser Methode eigen ist (Ullmann 2001, 2009 a). Die Bezeichnung Katathymes Bilderleben bringt die sinnliche Frische des unmittelbaren Erlebens zum Ausdruck, die in der Episodenaktivierung (s. Kap. 3.12) zum Tragen kommt. Die in der Praxis beliebte, jargonhafte Verkürzung auf «das KB» oder «das Bildern» lässt außer Betracht, dass es sich bei der für die gesamte Methode spezifischen Imaginationsübung lediglich um eine – wenngleich um eine besonders wichtige – von mehreren Komponenten des therapeutischen Prozesses handelt (s. Kap. 5.3). Die offiziell eingeführte, umfänglichere Bezeichnung Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP) soll deutlich machen, dass die für diesen Behandlungsansatz charakteristischen affektgesteuerten Tagtraumvorstellungen ihrerseits in den Rahmen einer Psychotherapie eingebunden sind, die von einem bestimmten Behandlungskonzept ausgeht.
Imaginative und symbolische Ansätze haben in den zwei Verfahren, die in Deutschland für die vertragspsychotherapeutische Behandlung richtungweisend waren, eine unterschiedliche Tradition. Der Oberbegriff Verhaltenstherapie (VT) vereint seit rund 40 Jahren all jene Methoden unter einem Dach, die auf einer lerntheoretischen Fundierung basieren. Die behavioral eingestellten Therapeuten der ersten Stunde konnten Behandlungserfolge vorweisen, ohne sich auf imaginative oder gar symbolische Vorgänge zu beziehen. Unter der Übermacht des Behaviorismus haben Psychologen, die mit verhaltensmodifizierenden Methoden arbeiteten, beinahe 50 Jahre lang die menschliche Vorstellungs- und Phantasiewelt aus ihren Studien ausgeklammert (Holt 1964). Erst seit der sogenannten «kognitiven Wende» die in der Mitte des letzten Jahrhunderts einsetzte, begann man sich mehr für das «verdeckte» Verhalten zu interessieren, d. h. für mentale Vorgänge. Das operante Konditionieren ließ sich nunmehr auf «verdeckte», also «innerlich» ablaufende Prozesse anwenden und mit imaginativen Ansätzen kombinieren. Neben oder anstelle der klassischen, mit Angsthierarchien operierenden Exposition «in vivo» (d. h. in der symptomauslösenden Alltagsrealität) bringt die systematische Desensibilisierung graduiert vorgehende, imaginative Konfrontationen zum Einsatz. Dabei ist offenbar das Auftreten der Angstreaktion im Rahmen der gezielten Vorstellungsübung entscheidend wichtig für die Wirkung der Konfrontationstechnik, die ähnlich wie beim In-vivo-Vorgehen auf Prozessen der Habituation, Löschung und Neuattribuierung beruhen dürfte. Technische Modifikationen setzen an der Einbeziehung körperlicher Reaktionen und an der Konstruktion der Imaginationsszenen an (Maercker und Weike 2009). Im Rahmen der KIP dürften Prozesse der Konditionierung bei leibnahen Regulationsvorgängen, beim Erlernen von Entspannung und bei mnestischen Vorgängen auf dem Niveau des prozeduralen Gedächtnisses eine Rolle spielen (s. Kap. 3).
Das verdeckte Modell-Lernen dagegen setzt einen höheren Mentalisierungsgrad, Empathiefähigkeit und bestimmte Qualitäten der therapeutischen Beziehung voraus. Der Lernvorgang als solcher beruht auf der Beobachtung eines Stellvertreters, der als «Modell» dabei ist, eine «vorbildliche» Aktion durchzuführen. Ein solches Vorgehen wird in der Verhaltenstherapie gerne als «symbolisch» bezeichnet. Im Cassirer’schen Sinne wäre das zwar zutreffend. Im Sinne der KIP mangelt es diesem Symbolbegriff aber an eben jener Bedeutungsvielfalt, die mit dem Modell eines dynamischen Unbewussten verknüpft ist. Auch bei der Lektüre des von Kirn et al. (2009) herausgegebenen, manualartig angelegten Buches über Imagination in der Verhaltenstherapie wird dieser Unterschied deutlich.
War es bei der Verhaltenstherapie die Symbolik, so ist es bei der Psychoanalyse die Imagination gewesen, die lange Zeit auf der Strecke blieb. Freud selbst hatte in der hypnotherapeutisch geprägten Anfangsphase seiner Erkundungen des Seelenlebens noch auf beides Wert gelegt: auf das Assoziieren in Worten und Bildern (Freud 1895). Später konzentrierte er sich auf die Technik der verbalen Assoziation und schätzte den therapeutischen Wert von Bildern oder Tagträumen relativ gering ein (Freud 1917, S. 95). In den nachfolgenden Generationen befassten sich immer wieder einzelne Psychoanalytiker eingehender mit Bilderassoziationen und billigten dem bildhaften Element als solchem mehr Bedeutung zu (Clark 1925; Kubie 1943; Reyher 1963, 1978). Zu einer kontinuierlichen Weiterentwicklung des imaginativen Elements kam es aber nicht (Singer 1978). In der Tradition der Analytischen Psychologie nach C. G. Jung (Jacobi 1957) hatten Imagination und Symbol dagegen seit jeher einen zentralen Stellenwert, wobei sich die jeweiligen Symbolbegriffe der psychoanalytischen Schulen, die von Freud oder Jung ihren Ausgang nahmen, wesentlich voneinander unterscheiden. Kurz gesagt geht es um die Kontroverse zwischen einer immanenten und einer transzendenten Auffassung vom Wesen des Symbols (Ullmann 2008). Immanent betrachtet ist im Symbol die psychodynamische Essenz des neurotischen Geschehens verschlüsselt. Transzendent betrachtet weist das Symbol über das individuelle Problem hinaus in andere Welten. In der immanenten Sichtweise hat die passende Deutung das pathogene Geschehen auf den Punkt zu bringen, in der transzendenten Sichtweise wirkt die Symbolik an sich, auch und gerade ohne den Versuch einer verbalen Entschlüsselung.
Die KIP macht in ihrem Umgang mit Symbolen von beiden Ansichten Gebrauch. Sie gilt zwar, wie bereits dargelegt, im Rahmen der Psychotherapie-Richtlinien als eine originär tiefenpsychologische Methode, vermag aber darüber hinaus auch Techniken zu nutzen, die den verhaltensmodifizierenden Methoden nahestehen. Die KIP bietet daher gute Voraussetzungen für die Weiterentwicklung von Techniken, die ungeachtet ihrer Herkunft aus der einen oder anderen psychotherapeutischen Schule an den klinischen Gegebenheiten und an dem jeweiligen Menschen orientiert sind. Angesichts der gegenwärtigen Tendenzen zu schulenübergreifenden und integrativen Behandlungsansätzen sowie der berechtigten Sorge über den möglichen Verlust an methodischer Orientierung dürfte die in Jahrzehnten gereifte und bewährte spezifische Imaginationsform der KIP eine wichtige Leitlinie für den praxeologischen und metatheoretischen Diskurs mit unterschiedlichen Therapierichtungen darstellen. Doch auch die KIP kann und wird sich im Austausch mit anderen Methoden weiterentwickeln und neu definieren, so wie umgekehrt andere Methoden von Anregungen profitieren, die sie aus der KIP beziehen. Ein Beispiel dafür wäre das Motiv «sicherer Ort», das zum Aufbau eines schutzgebenden Raums für Patienten mit Objektbeziehungsstörungen entwickelt wurde (Jollet, Krippner und Krägeloh 1997) und schließlich Eingang in die imaginativen Techniken diverser Psychotherapieansätze für Traumatisierungsfolgen fand (s. Kap. 8).
Die Weiterentwicklung der Konzepte zur Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen hat vermutlich dazu beigetragen, dass Imaginationen in verschiedenen Therapieschulen wachsende Bedeutung gewinnen (Wilke 2005 b). In der VT wie in der Psychoanalyse zeigen sich vermehrt Tendenzen, bildhaften Elementen einen wesentlichen Stellenwert einzuräumen. Für die VT wäre hier etwa Meichenbaum (1978, 1991) oder Lazarus (1993) zu erwähnen und auf Revenstorf (1991, 2009) hinzuweisen, der verhaltens- und hypnotherapeutische Vorgehensweisen miteinander verbindet. Im Rahmen der Psychoanalyse hat Soldt (2006) die Bedeutung des bildlichen Denkens umfassend gewürdigt. Vonseiten der Analytischen Psychologie kommen inzwischen auch dialogisch vorgehende Modifikationen der Aktiven Imagination zur Anwendung, die Ähnlichkeiten mit denen der KIP erkennen lassen (Kast 2008). Imaginationen könnten nunmehr in der einen oder anderen Form künftig auch Eingang in die klinische Praxis von solchen Behandlungsansätzen finden, die darin zuvor keine oder zumindest keine ungebrochene Tradition hatten.
Im Rahmen von indikationsspezifischen Behandlungskonzepten und solchen Ansätzen, die am Strukturniveau des jeweiligen Patienten orientiert sind, werden sich mit der Zeit wohl immer mehr methodenintegrative und manualisierte Vorgehensweisen mit imaginativen Schwerpunkten durchsetzen. Ein Beispiel hierfür wäre die ursprünglich aus der Verhaltenstherapie heraus für schwere Persönlichkeitsstörungen entwickelte Schematherapie (Young et al. 2003), die sich konstruktiv mit Verständnis- und Behandlungsansätzen anderer Provenienz auseinandersetzt, z. B. mit der Bindungstheorie von Bowlby (1969, 1973, 1980, 1988) und mit psychoanalytisch basierten Vorgehensweisen wie denen von Ryle (1991) oder Horowitz (1991, 1997).
Die KIP ist anderen psychotherapeutischen Ansätzen in mehrfacher Hinsicht vorausgegangen. Denn hier war die Imagination nicht nur von Anfang an der Dreh- und Angelpunkt des therapeutischen Geschehens, sie wird auch bis heute auf eine spezifische Weise definiert und gehandhabt: affektgetragen, primärprozessnah, symbolvermittelt, dialogisch und als zentraler Parameter in den therapeutischen Prozess integriert.
Kommen wir nun zum Versuch einer Synopse der unterschiedlichen Zugangswege zur Imagination. Der Hypothese folgend, dass alle Verfahren, Methoden und Techniken sich auf einer neurobiologisch fundierten Plattform treffen könnten, beziehe ich mich im Folgenden auf ein Modell von Horowitz (1970, 1978), das drei verschiedene Repräsentationsweisen herausarbeitet, in denen die einzelnen Verfahren ihren jeweiligen Schwerpunkt haben. Diese Repräsentationsweisen sind auch und gerade in Therapieformen zu beachten, deren vorrangiges Medium die Sprache ist. Wenn Horowitz für sein Modell das Wort «Denken» benutzt, meint er wohl eigentlich einen mnestischen Prozess, der sowohl kognitive als auch affektive Elemente enthält.
Enaktives Denken beschreibt mentale Information in Probehandlungen, die mit Muskelanspannungen oder vegetativen Vorgängen einhergehen. Man kann aus dem Gesichtsausdruck oder aus Gesten auf die Aktionen schließen, die mental ablaufen. Bildliches Denken benutzt eine gestalthafte Informationsverarbeitung, die sich im Falle des visuellen Systems in Form von Traumszenen oder Tagtraumphantasien manifestieren kann. Das bildliche Denken umfasst aber auch die anderen Sinne, entspricht also weitgehend dem, was man unter Imagination zu verstehen hat. In der Eigenwahrnehmung körperlicher Vorgänge gibt es Überschneidungen mit dem enaktiven Denken. LexikalischesDenken besteht im Wesentlichen aus Wortbedeutungen, semantischen Strukturen und Generalisierungen. Deutungen gehören in diese Kategorie. Nach neueren Konzepten über die mit der Repräsentation befassten Gedächtnissysteme wäre das enaktive Denken primär im nichtdeklarativen Gedächtnis verankert, während die anderen beiden Formen des Denkens im deklarativen Gedächtnis aufgehoben sind: das bildliche Denken mehr im episodischen Modus, das lexikalische mehr im semantischen (Abb. 1-2).
Auch Horowitz geht davon aus, dass die Information von einem System der Repräsentation in ein anderes übersetzt werden kann. Er sieht das Ineinandergreifen von Primärprozess und Sekundärprozess als wichtigen Vermittlungsschritt an und befindet sich damit in guter Gesellschaft mit neueren Ansichten über die Natur dieser unterschiedlichen Verarbeitungsmodi (Noy 1969, 1979) und über die duale Kodierung mnestischer Inhalte (Paivio 1971). Besondere Aufmerksamkeit widmet Horowitz jenen Behandlungsansätzen, die über die Sprache wirken und dabei mitunter versäumen, Brücken zu den enaktiven oder bildlichen Erlebnisweisen zu schlagen. Hierfür hat er interpretative und lenkende Interventionen herausgearbeitet (Horowitz 1978).
Die Aufteilung in die drei Repräsentationssysteme eignet sich gut für eine idealtypische Unterscheidung der gängigen Psychotherapieformen. Am enaktiven Pol der Repräsentation sind besonders körperorientierte Methoden anzusiedeln, etwa die Konzentrative Bewegungstherapie, das Psychodrama und die Gestalttherapie. Solche Methoden kommen über körperliche Zustände zu bildhaften Vorstellungen und Einsichten, schlagen also die Brücke zu den zwei anderen Repräsentationsweisen. Am lexikalischen Pol wären dagegen stärker sprachzentrierte Ansätze der Psychotherapie anzusiedeln: die Gesprächstherapie nach Carl Rogers, kognitive Ansätze der Verhaltenstherapie und jene Auffassungen von Psychoanalyse, die der verbalen Assoziation und der Semantik einen hohen Rang geben. Wo sie gut sind, gelingt es all diesen Methoden, ihrerseits eine Brücke zu schlagen zu den körperlichen und den bildlichen Erlebnisweisen.
Abbildung 1-2: Imagination als Drehscheibe der Psychotherapie: Die einzelnen Behandlungsansätze bevor zugen in der Regel jeweils bestimmte mnestische Verarbeitungsmodi und Repräsentationssysteme. Über die Imagination werden sie in Verbindung und Austausch gebracht. Literatur: Horowitz (1978)
Am Pol der bildlichen Repräsentation finden sich schließlich jene Behandlungsformen, deren Hauptaugenmerk der Imagination gilt, allen voran die Katathym Imaginative Psychotherapie (KIP). Die synonym gebrauchte Bezeichnung Symboldrama hebt bestimmte Aspekte des therapeutischen Geschehens hervor, die mit der Verankerung in den beiden anderen Polen der Repräsentation zu tun haben. Die Psychotherapie mit dem Tagtraum hält nämlich ihrerseits einen Behandlungsrahmen vor, der Verbindungen zu den anderen Polen schafft (Ullmann 2001). So ergeben sich Brücken zu körperlichen Erlebnisweisen und kognitiven Einsichten, die ja – wie wir wissen – ohne eine affektive Beteiligung keine dauerhaften Veränderungen nach sich ziehen. Eine besondere Stärke dieses Therapieansatzes liegt darin, dass er die Möglichkeiten der Multikodierung souverän nutzt. Denn die KIP verfügt über eine differenzierte Theorie der Symbolik (s. Kap. 2) und über Handlungsanweisungen, wie man mit symbolischen Prozessen im Tagtraum und darüber hinaus umgehen kann (s. Kap. 5).
Am bildlichen und enaktiven Pol der Repräsentation wären noch weitere Methoden und Techniken zu nennen, die gewisse «verwandtschaftliche» Bezüge zur KIP aufweisen: die Hypnose, die Aktive Imagination in der Analytischen Psychologie von C. G. Jung und das Autogene Training nach I. H. Schultz, insbesondere die Oberstufe dieser Methode. Sie unterscheiden sich allerdings auch in wesentlichen Punkten vom Symboldrama. Einer der Unterschiede besteht in der Art und Weise des Dialogs während der Imagination. Eine der Gemeinsamkeiten findet sich da, wo das Symbol über sich selbst hinausweist in andere Welten, heilsame und gesunde.
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Hanni Salvisberg
Ein Symbol ist die Repräsentanz der Repräsentanz
(Daniel N. Stern)
Die Fragestellungen zu einem Thema verschieben sich immer wieder. Aus meiner Sicht sind es zwei Schwerpunkte, die gegenwärtig besondere Beachtung verdienen. Der erste Schwerpunkt betrifft die KIP unmittelbar in der Praxis. In Ausweitung von Leuners Standardmethode und unter Einbezug der Objektbeziehungstheorie, der Säuglings- und Bindungsforschung beschäftigen uns Themen wie: Welche frühe Mutter-Kind-Kommunikation fördert die Bildung der Repräsentanzen des Selbst und des Andern? Was stört diesen Aufbau? Welche Folgen haben gelungener und misslungener Strukturaufbau für die Fähigkeit zu symbolisieren? Und welche Folgen hat die Beantwortung dieser Fragen für die Therapie, in deren Zentrum die Arbeit mit Imaginationen als symbolhaltigen Bildern, die dem Strukturaufbau dienen, gehört?
Der zweite Schwerpunkt ist mehr theoretischer Art. Das Interesse gilt hier der biologischen Fundierung der menschlichen Fähigkeit zu symbolisieren. Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung und den Neurowissenschaften werden zum Verständnis der Abläufe angeführt. Schlussendlich werden beide Themen miteinander verbunden. Der «sozialen Konstruktion des Symbols» wird die neurobiologische Basis dafür zugeordnet.
Der Beginn einer Liebesgeschichte: Nach dem Spazieren, «Schöppelen1» und Spielen mit den fünf Monate alten Zwillingen wollte ich nach Hause gehen. Konnte aber nicht. Lara hielt mich durch ein besonderes Hin und Her fest: Sie konnte bezaubernd schauen, lächeln, staunen, ein verblüfftes Gesicht machen, verschiedenste Laute von sich geben, sich bewegen. Das Spiel in allen Modalitäten begann immer neu, einmal von ihr, einmal von mir initiiert. Es übte einen Zauber aus, der mich im Bann hielt.
Was war geschehen, was war der Zauber? Beginnende geistige Menschwerdung? Die gegenseitige Entdeckung und Anerkennung, die gegenseitige Freude und Neugier auf den Anderen? Mir scheint, Lara stellte mir Fragen wie: «Was ist denn da? Siehst du was ich mache? Was machst du?» Und sie hätte gemerkt: «Du hast Freude an dem, was ich mache und an mir, das macht Spaß, ich fahre weiter, probiere.» Und ich hätte bestätigt: «Wir spielen miteinander. Ja, das bringt großen Spaß.» Lara hat Interaktion erlebt: «Wenn ich schmatze, öffnet sie den Mund, ich fahre weiter, strample wild, sie macht große Augen, sagt ‹ohhhh›, ich mache weiter.»
Nach J. Bauer (2006, S. 58) bildet die von mir erlebte Szene mit dieser Atmosphäre nicht nur den Anfang jeder Liebesbeziehung, sondern den Startpunkt jeder zwischenmenschlichen Beziehung überhaupt. Die Wirkung der gegenseitigen Spiegelung zeigt sich nicht nur, wie hier, an der verzückt-glücklichen Reaktion des Kindes, sondern auch am Ausstoß körpereigener Opioide und an einem veränderten EEG. Zwischenmenschliche Zuwendung macht glücklich und Schmerzen erträglicher.
Wie wird im Baby das Selbst aufgebaut? Durch Spiegeln. Verschiedene Autoren formulieren zwar etwas unterschiedlich, was alles dieses Spiegeln enthalten soll. Aber im Grunde scheint mir doch große Übereinkunft darin zu bestehen, was zu geglücktem Strukturaufbau führt, der dann wiederum verantwortlich ist für die Fähigkeit zur Symbolbildung. In der Therapie von Patienten mit Ich-Störungen beschäftigen uns die Folgen misslungener oder fehlerhafter früher Spiegelung. Da es bei ihnen darum geht, den damals missglückten Strukturaufbau zu einem besseren Ende zu führen, geben uns die Erkenntnisse aus der Babyforschung und insbesondere der psychoanalytisch fundierten Bindungsforschung hilfreiche Hinweise. Entwicklungsförderung am Anfang des Lebens und in der Therapie (Salvisberg 2007) wird, bei allen Unterschieden, meines Erachtens zu Recht parallelisiert.
Bei Winnicott (1967) bedeutet Spiegeln, dass die Mutter dem Baby das Bild reflektiert, das sie von ihm hat, und dass das Baby dann dieses durch die Mutter gespiegelte Bild internalisiert und daraus sein Selbst aufbaut (Dornes 2000, S. 59). Schon hier ist klar, dass es sich dabei um eine Kokonstruktion von Baby und Mutter handelt, denn das Spiegeln ist gefärbt von der mütterlichen Stellungnahme zu den emotionalen Zuständen, dem emotionalen Ausdruck des Kindes.
Für Stern (1985) erfolgt der Aufbau des Selbst im Affect-Attunement, im Dialog von Mutter und Baby im Modus der amodalen Wahrnehmung. Dabei ist für Stern wichtig, dass die Bezugsperson das Baby nicht imitiert, sondern ihm das Verstandene in einer anderen Form, eventuell in einer andern Modalität, spiegelt. Denn nur so könne das Baby sicher sein, verstanden worden zu sein, und so werde es angeregt zu etwas Neuem. Die Antwort der Bezugsperson auf den Ausdruck des Kindes muss also etwas beifügen, damit die Entwicklung weitergeht.
In der Klein-Bion-Tradition ist es die Aufgabe der Mutter, im Containing vor allem die negativen Affekte des Kindes nicht nur zu verstehen und zu beantworten, sondern in ihrer Antwort gleichzeitig so zu verändern, dass sie für das Kind erträglicher werden. In der «Reverie» (Bion 1990) werden die Affekte des Babys «entgiftet» und dann verdaut zurückgegeben, die Beta-Elemente in Alpha-Elemente verwandelt. Die Rohempfindungen des Kindes werden so in psychisch bedeutungsvolle Gefühle verwandelt, die dann «reintrojiziert» werden (Dornes 1998 a, S. 121). Nach verschiedenen Autoren internalisiert das Baby die Umwandlungsfunktion
