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Keine andere Partei hat die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland so grundlegend beeinflusst wie die Christlich Demokratische Union. Die Bundeskanzler Konrad Adenauer, Ludwig Erhard, Kurt Georg Kiesinger, Helmut Kohl und zuletzt Angela Merkel als erste Frau in diesem Amt haben die Weichenstellungen der neuesten deutschen Geschichte wie den demokratischen Neuaufbau nach der NS-Diktatur, die Durchsetzung der Sozialen Marktwirtschaft, die Wiedervereinigung und ihre Folgen sowie zunehmend die Politik der Europäischen Union entscheidend geprägt. Das »Handbuch zur Geschichte der CDU« bietet einen Überblick über die Geschichte der CDU seit 1945 sowie einen Einblick in ihre programmatische Entwicklung, ihre Organisationsstrukturen, die Geschichte ihrer Landesverbände und ausgewählte Politikfelder. Umfangreiche Literaturangaben, eine Auswahlbibliographie und Quellenhinweise bieten Ansatzpunkte für eine vertiefte Auseinandersetzung und für künftige Forschungen.
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Seitenzahl: 1302
Veröffentlichungsjahr: 2022
Redaktionsschluss: 31. März 2022
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wbg Academic ist ein Imprint der wbg
© 2022 by wbg (Wissenschaftliche Buchgesellschaft), Darmstadt
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Vereinsmitglieder der wbg ermöglicht.
Satz: schreiberVIS, Seeheim
Umschlaggestaltung: Harald Braun
Gedruckt auf säurefreiem und
alterungsbeständigem Papier
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ISBN 978-3-534-27421-5
Elektronisch ist folgende Ausgabe erhältlich:
eBook (PDF): ISBN 978-3-534-27422-2
eBook (epub): ISBN 978-3-534-27581-6
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Innentitel
Inhaltsverzeichnis
Informationen zum Buch
Informationen zu den Autorinnen und Autoren
Impressum
Inhaltsverzeichnis
Grußwort
Friedrich Merz
Zur Einführung: Grundlagen, Entwicklungen, Positionen
Norbert Lammert
I. Grundlagen der Christlich Demokratischen Union Deutschlands
Christlich inspirierte Sammlungsbewegung – Die politischen Ursprünge und geistigen Grundlagen der CDU
Matthias Oppermann
Das Erbe von Zentrum und Widerstand
Wolfgang Tischner
Parteigründung in Ost und West
Christopher Beckmann
Stationen der programmatischen Entwicklung der CDU
Michael Borchard
„…nicht der verlängerte Arm der Kirche“ – Zum Verhältnis der CDU zu Kirchen und Religionsgemeinschaften
Karlies Abmeier
II. Entwicklungsphasen der Christlich Demokratischen Union Deutschlands
Die Regierungspartei der Bundesrepublik Deutschland unter den Vorsitzenden Konrad Adenauer und Ludwig Erhard
Hanns Jürgen Küsters
Die CDU in der (ersten) Großen Koalition und Opposition: Reformerische Aufbrüche unter Kiesinger und Barzel
Philipp Gassert
Die CDU in der Ära Kohl
Günter Buchstab
Opposition und Regierungsverantwortung unter Schäuble und Merkel
Andreas Rödder
Die CDU der SBZ/DDR
Oliver Salten
Die Demokratische Bauernpartei Deutschlands
Theresia Bauer
III. Entwicklung der Parteistrukturen
Landesverband Baden-Württemberg
Peter Crämer
Landesverband Berlin
Stefan Marx
Landesverband Brandenburg
Stefan Marx
Landesverband Bremen
Thilo E. Pries
Landesverband Hamburg
Thilo E. Pries
Landesverband Hessen
Peter Crämer
Landesverband Mecklenburg-Vorpommern
Stefan Marx
CDU in Niedersachsen
Andreas Grau
Landesverband Nordrhein-Westfalen
Yvonne Ziwitza
Landesverband Rheinland-Pfalz
Frank Hammes
Landesverband Saar
Frank Hammes
Landesverband Sachsen
Oliver Salten
Landesverband Sachsen-Anhalt
Andreas Grau
Landesverband Schleswig-Holstein
Andreas Grau
Landesverband Thüringen
Oliver Salten
Die Exil-CDU
Oliver Salten
Die Kreisverbände
Oliver Salten
Die Vereinigungen und Sonderorganisationen
Horst Granderath/Carsten Pickert
CDA – Christlich-Demokratische Arbeitnehmerschaft
EAK – Evangelischer Arbeitskreis der CDU/CSU
FU – Frauen Union
JU – Junge Union Deutschlands und Schüler Union
KPV – Kommunalpolitische Vereinigung der CDU und CSU Deutschlands
MIT – Mittelstands- und Wirtschaftsunion
OMV – Ost- und Mitteldeutsche Vereinigung – Union der Vertriebenen und Flüchtlinge der CDU/CSU
RCDS – Ring Christlich-Demokratischer Studenten
SU – Senioren-Union
Organisatorische Veränderungen in der Bundespartei
Stefan Marx
Wähler und Mitglieder der CDU
Viola Neu
IV. Innenpolitische Positionen und Weichenstellungen
Soziale Marktwirtschaft
David Gregosz/Martin Schebesta
Bildungspolitik
Markus Lingen
Kulturpolitik und Medien
Martin Falbisoner
Die Sozialpolitik der CDU
Kathrin Zehender
Familien- und Generationenpolitik
Jan Philipp Wölbern
Frauenpolitik
Ina vom Hofe
Energie- und Umweltpolitik
Wolfgang Tischner
Für Recht und Ordnung – Eine programmatische Betrachtung der Politik zur Inneren Sicherheit
David Maaß
Vertriebene, Flüchtlinge, Migranten, Asylpolitik
Andreas Grau
Wissenschaft, Forschung, Technologie
Christine Bach
Bioethische Positionen in christlich-demokratischer Programmatik und Rechtspolitik
Rita Anna Tüpper
V. Außen-, deutschland- und europapolitische Positionen und Weichenstellungen
Deutschlandpolitik und deutsche Einheit
Judith Michel
Europapolitik
Olaf Wientzek
Sicherheits- und Verteidigungspolitik
Michael Hansmann
Anhang
Abkürzungsverzeichnis
Abbildungen
Bildquellen
Auswahlbibliographie
Julia Gusenfeld
Autorinnen und Autoren
Personenregister
„Mögest Du in interessanten Zeiten leben“, so lautet eine chinesische Verwünschung. Wir neigen heute angesichts der gewaltigen nationalen und internationalen Umbrüche gelegentlich – und nicht erst seit der Corona-Pandemie und dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine – zum Pessimismus. Natürlich wäre es sträflich, die Herausforderungen, vor denen wir stehen, klein zu reden, aber es wäre ebenso sträflich, nicht die Chancen zu sehen, die sich daraus ergeben. Als mutige Frauen und Männer – viele von ihnen hatten zuvor im Widerstand gegen die Diktatur gekämpft – sich 1945 in Köln und in Berlin und an verschiedenen Orten in ganz Deutschland zusammenfanden, um die Christlich Demokratische Union zu gründen, konnten sie sich Verzagtheit und die Furcht vor „interessanten Zeiten“ kaum leisten. Das Land lag in Trümmern. Nach dem Scheitern der Weimarer Republik, nach der nationalsozialistischen Barbarei, inmitten von Hunger und Not überwanden sie konfessionelle Unterschiede und gesellschaftliche Gräben und begaben sich auf einen gemeinsamen politischen Weg, um die Zukunft zu gestalten und Verantwortung für den Neuanfang zu übernehmen.
Aus diesem Aufbruch entstand etwas, das es in der deutschen Politik zuvor noch nie gegeben hatte: Eine Volkspartei, getragen von der Idee, für alle Menschen in der Mitte der Gesellschaft offen zu stehen und eine Union zwischen Stadt und Land, Arbeitnehmern und Arbeitgebern, zwischen katholischen und evangelischen Christen zu bilden, die ihren Kompass nach dem christlichen Menschenbild ausrichtet. Eine Volkspartei, die auf diesem Weg die christlich-sozialen, die liberalen und die wertkonservativen Traditionen ohne Rückgriff auf ein Vorbild in der bisherigen Parteienlandschaft zu einer neuen politischen Kraft zusammenführt.
Aus diesem mutigen Schritt sind zwei Erfolgsgeschichten geworden, die auf das engste miteinander verwoben sind: Die Geschichte der Christlichen Demokratie in Deutschland und die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Das Grundgesetz, der Wiederaufbau nach dem Krieg, die Rückkehr in die Wertegemeinschaft der westlichen Völker, die Soziale Marktwirtschaft und das sogenannte „Wirtschaftswunder“, die Aussöhnung mit Israel, die enge Freundschaft mit Frankreich und die transatlantische Partnerschaft, die deutsche Einheit und die europäische Integration sind auch Werke christlich-demokratischer Überzeugungen und Schaffenskraft.
Konrad Adenauer, der großen Anteil an dieser Erfolgsgeschichte hat, hat 1958 gesagt: „Eine gewisse Kenntnis der Geschichte ist ja doch die Grundlage jedes politischen Denkens.“ Und diese Kenntnis lehrt uns, dass Vergangenheit zwar verpflichtet, es aber in der Geschichte keine Stammplätze gibt. Nicht in der Vergangenheit zu leben, aber aus der Vergangenheit und auf der Grundlage unserer Werte die Zukunft zu gestalten – das war immer unser Anspruch, und das muss heute erst recht unser Anspruch sein.
Wir werden auch in Zukunft die gestaltende Kraft in Deutschland sein, wenn wir nach Rückschlägen immer wieder Vertrauen in uns selbst und in unsere Stärken gewinnen. Zu diesen Stärken gehört es seit der Gründung unserer Partei, gegensätzliche Positionen miteinander zu versöhnen, uns niemals nur an einer Zielgruppe zu orientieren, sondern den Menschen in den Mittelpunkt unseres Handelns zu stellen. Ebenso bleibt es wichtig, dass wir auf die wesentlichen Fragen unserer Zeit – den Klimawandel, den digitalen und technologischen, den demografischen und gesellschaftlichen Wandel – Antworten geben, die unsere historischen Erfahrungen und unsere Grundwerte Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität mit der Fähigkeit verbinden, Veränderungen zu erkennen und uns auf die neuen Herausforderungen, die vor uns liegen, einzustellen. Und schließlich haben die Männer und Frauen, die den Berliner Gründungsaufruf unterzeichnet haben, an eine ganz wichtige Stärke unserer politischen Überzeugung appelliert: „Wir rufen Euch auf, alles Trennende zurücktreten zu lassen.“ In den kommenden Jahren wird es erneut ganz entscheidend auf den inneren Zusammenhalt unserer Partei ankommen. Wo andere spalten, müssen wir zusammenhalten und zusammenführen.
Das alles ist die Voraussetzung dafür, dass wir an eine besondere Stärke unserer Partei anknüpfen: an die Stärke, programmatisch auf der Höhe der Zeit zu sein und zugleich an unseren Grundüberzeugungen und an unseren Grundwerten festzuhalten. Ich bin daher dankbar, dass dieses Handbuch besonders viel Augenmerk auf die programmatische Entwicklung legt. So, wie es der CDU mit ihrem ersten Grundsatzprogramm 1978 gelungen ist, in der Zeit der ersten Opposition wieder Anschluss zu finden an das, was die Menschen bewegt, so müssen wir auch jetzt wieder zum Seismographen der Gesellschaft werden. Wo andere auf Gebote und Verbote setzen, setzen wir auf die Kraft der Eigenverantwortung und der Solidarität in der Gesellschaft. Die Soziale Marktwirtschaft, die den Schwachen hilft, wieder stark zu werden, und die den Starken ermöglicht, stark zu bleiben, garantiert wie keine andere Gesellschaftsordnung Wohlstand und Sicherheit. Die Soziale Marktwirtschaft kann auch die richtigen Antworten geben in der Transformation hin zur Klimaneutralität. Und nur ein starker Staat, der die innere und äußere Sicherheit gewährleistet, schafft die notwendigen Voraussetzungen für ein Leben der Menschen in Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität.
Wer sich auf den Weg macht, tut gut daran, gelegentlich auch in den Rückspiegel zu schauen. Damit wir gerade in „interessanten“ Zeiten Verantwortung übernehmen können, ist der Rückblick, den dieses Handbuch bietet, überaus wertvoll. Und deshalb bin ich der Konrad-Adenauer-Stiftung und ihrem Vorsitzenden Professor Dr. Norbert Lammert als Herausgeber und den Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge sehr dankbar für diesen lesenswerten Band. Dem Handbuch wünsche ich, was es verdient: viele Leserinnen und Leser – in der CDU und weit darüber hinaus!
Friedrich Merz
Norbert Lammert
„Sie sind die Bollwerke der deutschen Demokratie.“1 So schlicht und deutlich beschreibt der US-amerikanische Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt den Stellenwert der Parteien im politischen System der Bundesrepublik Deutschland und sieht darin ausdrücklich ein Unterscheidungsmerkmal zu anderen demokratischen Systemen. Tatsächlich lässt sich die Erfolgsgeschichte der Bundesrepublik nicht ohne ihre demokratischen Parteien schreiben. Und auch die Zukunft unserer Demokratie ist ohne den gestaltenden Beitrag der politischen Parteien weder wirklich vorstellbar noch ernsthaft wünschbar, wie ein Blick auf ihre Stellung im Grundgesetz und in der Verfassungswirklichkeit deutlich macht.
Dies gilt nicht nur, aber vor allem für die Volksparteien und ganz besonders für die Christlich Demokratische Union Deutschlands. Die CDU hat nicht nur die politische Entwicklung unseres Landes maßgeblich geprägt – vom Grundgesetz über die Westbindung und die Soziale Marktwirtschaft bis zur Deutschen Einheit als Teil und Ergebnis der europäischen Integration –, sondern sie hat auch maßgeblich zur politischen Stabilität in Deutschland beigetragen. Und wenn in einer parlamentarischen Demokratie Regierungsjahre die Währung sind, in der sich der Erfolg einer Partei messen lässt, dann kommt man nicht umhin, der CDU zumindest einen weit überdurchschnittlichen Anteil zu bescheinigen.
Ein Grund zur Selbstzufriedenheit ist das jedoch keineswegs, wie nicht erst die für die Union verloren gegangene Bundestagswahl 2021 gezeigt hat. Die Union hat seit der Bundestagswahl 2013 rund 17 Prozent verloren. Im Vergleich zu 2017 verlor die CDU bei den Wahlen 2021 87 Direktmandate; in fünf Bundesländern konnte sie keinen einzigen Wahlkreis gewinnen; in Ostdeutschland kam sie nur noch auf 17,1 Prozent. Auch die vermeintlich letzte Volkspartei gerät im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima unübersehbar in Turbulenzen. Erstmals seit 1949 haben die beiden größten Parteien bei einer Bundestagswahl zusammen weniger als die Hälfte der abgegebenen Stimmen erhalten. Dabei handelt es sich um eine beinahe paradoxe Situation: Im Jahr 2019 feierte die Bundesrepublik „70 Jahre Grundgesetz“; erfreulicherweise ist die Reputation unserer Verfassung unangefochten. Laut einer Umfrage bewerten fast neunzig Prozent der Befragten das Grundgesetz als „eher gut“ oder „sehr gut“. Andererseits war die Unzufriedenheit mit den politischen Verhältnissen, den maßgeblichen Institutionen wie den handelnden Personen wohl selten so groß wie in den letzten Jahren. Der gleichen Studie ist nämlich zu entnehmen, dass mehr als ein Drittel mit der erlebten Demokratie in Deutschland unzufrieden ist, und 50 Prozent der Befragten trauen den etablierten Parteien nicht zu, die Herausforderungen der Zukunft lösen zu können.2 Zu einem ähnlichen Schluss kommt auch eine Studie des Instituts für Demoskopie Allensbach, wonach das Vertrauen in die politische Stabilität im Vergleich zu vor fünf Jahren von 81 Prozent auf 57 Prozent abgerutscht ist. „Zwei Drittel der Bevölkerung sind über die Entwicklung von Politik und Parteien besorgt. Sie haben den Eindruck von Führungslosigkeit und Planlosigkeit. […] Allmählich unterminiert die Unzufriedenheit mit der Regierung auch das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates insgesamt“, diagnostizierte Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach.3 Diese Entwicklung hatte sich im Kontext der Corona-Pandemie kurzzeitig verändert, als die Umfragewerte für die Volksparteien – insbesondere für die CDU – und auch das Vertrauen in die Parteien im Allgemeinen wieder stiegen; doch diese krisenbedingten Reaktionen in der Anfangsphase der Pandemie, von denen in erster Linie die Exekutive zeitweilig profitierte, haben sich längst wieder relativiert.4 Umfragen von Ende 2021 und Anfang 2022 zeigten, dass das Vertrauen der Bürger in Parteien im weiteren Verlauf der Pandemie signifikant gesunken ist. Im Dezember 2021 konnten 62 Prozent der Befragten keine Partei nennen, der sie zutrauten, die Probleme im Land zu lösen; die Regierungsparteien kamen zusammen nur auf 25 Prozent, die Union gerade einmal auf neun Prozent.5 Mittlerweile färbt diese Stimmung auch auf die Einstellung gegenüber der Demokratie insgesamt ab: Nach einer Umfrage vom Oktober 2021 vertrauen lediglich 50 Prozent der Deutschen der Demokratie, 30 Prozent vertrauen ihr weniger bis gar nicht; nur noch 32 Prozent der Befragten haben Vertrauen in Bundestag und Bundesregierung, gerade einmal 20 Prozent in Parteien.6
Der Befund lautet daher nach wie vor: Wir haben es mit einem massiven Vertrauensverlust zu tun, der im Übrigen nicht exklusiv die demokratischen Parteien betrifft, sondern sich auch gegenüber Medien, Gewerkschaften bis hin zu den Kirchen beobachten lässt und im Kontext der Corona-Pandemie vermehrt auch die Wissenschaft betrifft. Die Hintergründe dieser Entwicklung sind vielfältig, aber es gibt sicherlich einen Zusammenhang mit der Erfahrung, dass unsere Welt komplexer geworden ist: Die Globalisierung, die Digitalisierung, der Klimawandel und die Bewältigung einer Pandemie – um nur die auffälligsten Beispiele zu nennen – sorgen dafür, dass die Aufgaben, die die Politik regeln muss, immer komplizierter werden. Einfache Antworten auf komplizierte Fragen sind besonders populär, aber selten richtig. Das müssen nicht nur, aber insbesondere die Parteien den Menschen erklären; je komplizierter die Zusammenhänge werden, desto geduldiger und verständlicher müssen sie erläutert werden. Dies ist vielleicht eine der wichtigsten Qualifikationen, die in der Welt von heute demokratische Parteien und ihre Repräsentanten aufbringen müssen.
Die großen Krisenerfahrungen der letzten Jahre – kollabierende Finanzmärkte, zunehmende Migrationen, eine Pandemie – haben nicht nur den Handlungsdruck auf die Politik erhöht, sondern auch den Rechtfertigungsbedarf für tatsächlich und vermeintlich übersehene Risikoindizien. Mit Blick auf die Außen- und Sicherheitspolitik führen das der russische Angriff auf die Ukraine und die daraus resultierenden direkten und indirekten Folgen für Deutschland eindrücklich vor Augen. Zu viele Verantwortliche in Politik und Medien, Wirtschaft und Gesellschaft haben zu lange die Erfahrungen des 20. Jahrhunderts mit autoritären Systemen verdrängt und die Realitäten durch Wunschdenken ersetzt. Die von der Bundesregierung unter Kanzler Scholz erklärte „Zeitenwende“ mit bemerkenswerten Maßnahmen zur Steigerung der deutschen Verteidigungsfähigkeit, die Anfang des Jahres 2022 noch kaum vorstellbar gewesen wären, zeigt, wie schnell und deutlich sich Verhaltensmuster und Orientierungen verändern, sobald ein nicht erwartetes Ereignis tatsächlich eingetreten ist, während der wiederholte Hinweis auf mögliche, absehbare Risiken in der Regel eher folgenlos bleibt.
Für alle Parteien ist es unabdingbar, die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen zu begleiten und damit Schritt zu halten. Ohne Verankerung in der Bevölkerung kann schon gar eine Volkspartei dabei nicht bestehen. Deswegen muss sie immer wieder den veränderten Organisations- und Kommunikationsbedürfnissen Rechnung tragen. Dass die CDU das kann, das hat sie mindestens zweimal eindrucksvoll bewiesen: zuerst bei ihrer Gründung vor über 75 Jahren, als sie als Partei der Mitte konfessions- und schichtenübergreifend ein bis dahin völlig neues Politikangebot gemacht und erfolgreich etabliert hat. Das zweite Mal, als sie nach zwanzig Jahren erstmals in der Regierungsverantwortung abgelöst wurde und in den 1970er Jahren in der Opposition eine gründliche personelle, programmatische und organisatorische Erneuerung ermöglicht hat. Diese Erfahrung und Befähigung muss die Union reaktivieren.
Ganz in diesem Sinne legt die Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem vorliegenden Werk eine umfassende Darstellung der CDU in historisch-thematischer Perspektive vor. Damit will die Adenauer-Stiftung dazu beitragen, eine Lücke in der Forschungsliteratur zu schließen; seit über 30 Jahren ist keine umfassende Geschichte der CDU mehr erschienen. Als klassisches Handbuch bietet der Band in übersichtlichen Beiträgen den Leserinnen und Lesern einen ersten Zugang zur historischen und programmatischen Entwicklung der CDU, ergänzt durch strukturell angelegte Kapitel zu einzelnen Politikfeldern und Parteigliederungen.
Das vorliegende Handbuch ist nicht ausschließlich, aber in erster Linie das Ergebnis der fachspezifischen Expertise der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung, ergänzt durch Beiträge von namhaften Historikern. Nicht zuletzt handelt es sich dabei auch um Erkenntnisse, die auf der langjährigen Erforschung der Christdemokratie durch die Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste / Archiv für Christlich-Demokratische Politik (WD/ACDP) der Adenauer-Stiftung beruhen.
Die Entstehung des Archivs geht zurück auf den ersten Regierungswechsel mit einer sozialliberalen Koalition und die Neuorientierung der CDU in der Opposition unter dem Bundesvorsitzenden Helmut Kohl. Im Kontext dieser Entwicklungen widmete sich die Konrad-Adenauer-Stiftung ab Mitte der 1970er Jahren intensiv der Dokumentierung und historischen Erforschung der CDU. Kohl, selbst Historiker, wusste, dass es der programmatischen Profilschärfe förderlich ist, sich mit der eigenen Geschichte und den Erfolgen und Misserfolgen im Wettbewerb der Parteien auseinanderzusetzen. „Politik ohne Geschichte ist wurzel- und ziellos, ohne Grund und ohne Perspektive“, lautet eine seiner Maximen. Und sein Biograph Hans-Peter Schwarz hat ergänzend angemerkt: „[…] erfahrungsgemäß bedarf es wissenschaftlicher Vordenker, die den politischen Häuptlingen zeigen, wie das konkret umgesetzt werden könnte.“7 So konnte das Archiv für Christlich-Demokratische Politik 1976 – in dem Jahr, in dem Adenauer 100 Jahre alt geworden wäre – gegründet werden. Schnell avancierte das Institut zum zentralen Archiv der Christdemokratie in Deutschland; es sammelt das Schriftgut der führenden Repräsentanten der CDU, ihrer Gremien und Organisationen sowie die Bestände der Vorläuferparteien (u. a. der Zentrumspartei). Mittlerweile umfasst es mehr als 17 Regalkilometer an Akten, hunderte Nachlässe prominenter Bundes- und Landespolitiker, über 300.000 Fotos, 22.000 Plakate, Filme, Tonträger.
Es war aber nicht nur als Dokumentationsstelle konzipiert, sondern stets auch als wissenschaftliche Einrichtung, die mit eigenen Publikationen die Geschichte der Christdemokratie erforscht. 1982 wurde mit den „Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte“8 eine wissenschaftliche Reihe mit Studien zur christlichen Demokratie, Darstellungen zur Geschichte der Bundesrepublik sowie Biographien wichtiger Repräsentanten etabliert; 1994 folgte mit der Zeitschrift „Historisch-Politische Mitteilungen“9 ein Forum für kürzere Beiträge. Die Hauptabteilung Wissenschaftliche Dienste / ACDP fungiert als Verbindungsglied zwischen der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Geschichts- wie Politikwissenschaft. So konnte die Stiftung in den letzten gut vier Jahrzehnten mit Monographien und Editionen wesentlich zur Erforschung der deutschen Geschichte beitragen.
Diese langjährige, historische Expertise fließt maßgeblich in das vorliegende Handbuch ein. Dessen Aufbau gliedert sich in fünf thematische Einheiten. Ein erster Teil widmet sich den geistigen Grundlagen, den historischen Anfängen und der programmatischen Entwicklung der CDU. Die Gründung der Union und der ihr zugrundeliegende programmatische Neuanfang war eine der Voraussetzungen für die Neugründung von Staat und Gesellschaft in Deutschland nach dem Ende des nationalsozialistischen Regimes und des Zweiten Weltkrieges. Die Männer und Frauen, die die Union gründeten, wollten die christlich-sozialen, die liberalen und die wertkonservativen Traditionen der Vorgängerparteien in einer Partei zusammenführen – basierend auf den gemeinsamen programmatischen Zielen: in Frieden und Freiheit zu leben, einen stabilen demokratischen Rechtsstaat zu etablieren, den Wiederaufbau und die Rückkehr Deutschlands in die Wertegemeinschaft der westlichen Völker sowie die Einheit Deutschlands wiederherzustellen. Mit der CDU entstand aber vor allem eine neue, interkonfessionelle Partei, die aufbauend auf dem katholischen Milieu und evangelischen Christen einem breiten Spektrum an politischen Strömungen aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus ein politisches Zuhause gab. Es handelte sich um eine Parteigründung von unten – getragen von der Idee, für alle in der Mitte der Gesellschaft offen zu sein, eben eine Union zu bilden zwischen Stadt und Land, zwischen sozialen Schichten, zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern, zwischen katholischen und evangelischen Christen. Dabei gingen nachhaltige Impulse und Weichenstellungen aus dem Kreis der Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus hervor.
Im zweiten Teil zeichnen die Beiträge die weitere geschichtliche Entwicklung der CDU nach – beginnend mit dem ersten Bundeskanzler, Konrad Adenauer, der als Präsident des Parlamentarischen Rates selbst maßgeblichen Anteil an der Erarbeitung des Grundgesetzes hatte, das die zweite deutsche Demokratie nun seit über 70 Jahren prägt. Mit ihm ist die Gründungsphase der Bundesrepublik Deutschland untrennbar verbunden, denn er nahm maßgebliche Weichenstellungen in der politischen Orientierung vor: die Westbindung und die europäische Einigung. Die Soziale Marktwirtschaft und das deutsche Wirtschaftswunder verbinden sich vor allem mit dem Wirtschaftsminister und späteren Kanzler Ludwig Erhard. In seine Kanzlerschaft fällt auch die Aufnahme offizieller Beziehungen zum Staat Israel. Der Erfolg und gesellschaftliche Rückhalt dieser Persönlichkeiten und ihrer Politik sicherten der CDU bis Ende der 1960er Jahre solide Mehrheiten bei den Bundestagswahlen – bis zur Bildung der ersten Großen Koalition unter Kurt Georg Kiesinger. Die Zeit in der Opposition in den 1970er Jahren stieß dann einen umfassenden Modernisierungsprozess in der Partei an, vorangetrieben insbesondere vom damaligen rheinland-pfälzischen Landesvorsitzenden und Ministerpräsidenten Helmut Kohl, der die Honoratiorenpartei als Bundesvorsitzender zielstrebig zur Mitgliederpartei umbaute. Als er 1982 Bundeskanzler einer christlich-liberalen Koalition wurde, hätte kaum jemand für möglich gehalten, dass Kohl sechzehn Jahre lang die Geschicke der Bundesrepublik bestimmen und dabei im Rahmen der europäischen Integration mit der Wiederherstellung der staatlichen Einheit Deutschlands Weltgeschichte schreiben würde. Nach dem ersten durch das Wahlergebnis herbeigeführten Regierungswechsel und einer siebenjährigen rot-grünen Regierung begann mit Angela Merkel eine neue Epoche der CDU-Parteigeschichte, die bis in die Gegenwart führt. Nach zwei Legislaturperioden in der Opposition übernahm die Union 2005 wieder die Regierungsverantwortung, Angela Merkel wurde zur ersten Bundeskanzlerin Deutschlands mit einer wiederum sechzehnjährigen Amtszeit. Parallel zur Geschichte der CDU in der Bundesrepublik widmet sich ein Beitrag zudem der Ost-CDU in der DDR bis zum Vereinigungsparteitag in Hamburg 1990.
Im dritten Teil des Handbuchs steht die Entwicklung der Organisationsstruktur der CDU im Zentrum. Ihr Charakter als Volkspartei bildet sich auch in ihrer organisatorischen Struktur ab: Die Partei kennzeichnet ein föderaler Aufbau, ein deutlich geschrumpfter, aber immer noch beachtlicher Mitgliederbestand mit einer Bandbreite von Vereinigungen und Sonderorganisationen sowie ein effektiver Parteiapparat. Auch die Mitglieder- und Wählerentwicklung wird in den Blick genommen und nachgezeichnet, wie sich diese im Laufe der Jahrzehnte verändert hat.
Im vierten und fünften Teil werden schließlich die Positionen und politischen Weichenstellungen der CDU in zentralen Politikfeldern und Fragen der deutschen Innen- und Außenpolitik behandelt, von der Wirtschafts- und Sozialpolitik über die Bildungspolitik bis hin zur Sicherheits- und Verteidigungspolitik. Der Aktualität solcher Publikationen sind naturgemäß Grenzen gesetzt; daher konnten die jüngsten außenpolitischen Entwicklungen – vor allem auch mit Blick auf den Krieg in der Ukraine ab Februar 2022 – nur in begrenztem Maße berücksichtigt werden.
Damit deckt das vorliegende Handbuch ein breites Spektrum möglicher Fragestellungen an die Geschichte, Organisationsstruktur und Politik der CDU ab. Zur weiterführenden Lektüre sei den Leserinnen und Lesern der im CDU-Jubiläumsjahr 2020 von der Konrad-Adenauer-Stiftung herausgegebene Debattenband ans Herz gelegt, in dem sich namhafte Autorinnen und Autoren aus der Rechts-, Geschichts- und Sozialwissenschaft sowie aus der Politik kritisch mit unterschiedlichen Aspekten der Geschichte der CDU auseinandersetzen und den Stellenwert sowie die Zukunft der Partei in Deutschland in den Blick nehmen.10 „Eine gewisse Kenntnis der Geschichte ist ja doch die Grundlage jedes politischen Denkens.“11 Mit dieser zeitlosen Erkenntnis von Konrad Adenauer wünsche ich den Nutzerinnen und Nutzern dieses Handbuches eine bereichernde Lektüre.
1 „Wir leben in einer neuen Ära“. Der US-Politikwissenschaftler Daniel Ziblatt über Bedrohungen für die deutsche Demokratie, soziale Medien und die Zukunft der SPD, in: Der Tagesspiegel, 8. 12. 2019.
2 Das Grundgesetz: Ein Jubilar mit Bestnoten. Studie: 70 Jahre – die Bundesrepublik und ihr Grundgesetz, infratest dimap, https://www.infratest-dimap.de/umfragen-analysen/bundesweit/grundgesetzstudie/ (Abruf: 25.11.2019).
3 „Deutsche Fragen – deutsche Antworten – Erosion des Vertrauens“, in: FAZ, 20.11.2019.
4 Siehe hierzu „Wie sehr vertrauen Sie den politischen Parteien?“, https://de.statista.com/statistik/daten/studie/153820/umfrage/allgemeines-vertrauen-in-die-parteien (Abruf: 26.11.2019).
5 „Vertrauen in politische Kompetenz der Ampel-Parteien sinkt schon wieder“, in: Die Welt, 1.12.2021, https://www.welt.de/politik/deutschland/article235389114/Forsa-Umfrage-Vertrauen-in-politische-Kompetenz-der-Ampel-Parteien-sinkt-schon-wieder.html (Abruf: 12.1.2022).
6 Julian Nida-Rümelin: Demokratie in der Krise. Ein Weckruf zur Erneuerung im Angesicht der Pandemie, Körber Stiftung 2021, https://www.koerber-stiftung.de/fileadmin/user_upload/koerber-stiftung/redaktion/handlungsfeld_lebendige-buergergesellschaft/pdf/2021/Demokratie_in_der_Krise.pdf (Abruf: 12.1.2022).
7 Hans-Peter Schwarz: 40 Jahre Archiv für Christlich-Demokratische Politik. Die Rolle von Parteistiftungen für die deutsche und europäische Zeitgeschichtsforschung, in: HPM 23 (2016), S. 1–15, hier 7.
8 Siehe online unter www.kas.de/de/forschungen-und-quellen-zur-zeitgeschichte (Abruf: 26.11.2019).
9 Siehe online unter www.kas.de/de/historisch-politische-mitteilungen (Abruf: 26.11.2019).
10 Norbert Lammert (Hg.): Christlich Demokratische Union. Beiträge und Positionen zur Geschichte der CDU. München 2020.
11 Konrad Adenauer im Informationsgespräch mit Herbert Altschull (Associated Press) am 14.5.1958, stenographische Notizen, S. 14, BPA-Pressearchiv F 30.
Matthias Oppermann
„Die liberalen Demokratien verkörpern keine ,christliche Zivilisation‘. Sie haben sich in Gesellschaften entwickelt, deren Religion christlich war, sie sind in gewissem Maße davon inspiriert worden, dass jeder Seele ein unbeschränkter Wert zukommt.“1 Mit diesen Worten hat der französischen Soziologe und Philosoph Raymond Aron 1955 in seinem Buch L’Opium des intellectuels den Zusammenhang zwischen Christentum und liberaler Demokratie zusammengefasst. Die liberalen Demokratien sind nicht genuin christlich, aber ohne den christlichen Rahmen hätte sich diese Herrschaftsform nicht entwickeln können. Sie sind, wie Aron schon 1951 in seinem Buch Les Guerres en chaîne feststellte, „vom Christentum inspiriert“.2
Dieses wechselseitige, Nähe und Distanz verbindende Verhältnis von Christentum und liberaler Demokratie prägt auch den Charakter der CDU seit ihrer Gründung im Jahr 1945. Sie ist – um es gleich vorwegzunehmen – keine „christliche Partei“ im engeren oder gar wörtlichen Sinne, sondern eine vom „christlichen Menschenbild“ inspirierte Sammlungsbewegung.3 „Aus christlichem Glauben“, so heißt es in der Präambel des Ludwigshafener Programms von 1978, „läßt sich kein bestimmtes politisches Programm ableiten. Aber er gibt uns mit dem Verständnis vom Menschen eine ethische Grundlage für verantwortliche Politik. Auf dieser Grundlage ist gemeinsames Handeln von Christen und Nichtchristen möglich.“4 Die katholischen und protestantischen Parteien der Niederlande, aus denen 1980 das Christen Democratisch Appèl entstand, die katholischen Parteien Flanderns und Walloniens, die italienische Democrazia Cristiana oder die schweizerische Christlichdemokratische Volkspartei, die 1912 als Schweizerische Konservative Volkspartei gegründet worden war, verstanden sich als genuin christliche Parteien und schöpften aus einer einzigen, bis ins 19. Jahrhundert zurückreichenden christlichdemokratischen Tradition.5 Zwar gab es diese Tradition auch in Deutschland.6 Mit der deutschen Zentrumspartei ist 1870 sogar eine wirkmächtige, wenn auch rein katholische Partei auf dieser Grundlage entstanden. Die CDU aber konnte sich ebenso wie die bayerische CSU stets auf mehrere geistig-politische Ursprünge berufen, in denen die christliche Inspiration auf unterschiedliche Weise und in unterschiedlichem Maße vorhanden war. Wenn man die Partei in ihrer Gesamtheit und nicht einzelne Strömungen, Flügel oder Gruppen betrachtet, ist das „C“ deshalb nicht als Bekenntnis zu einer den Zehn Geboten verpflichteten Politik zu verstehen. Von Anfang an war es vielmehr eine Klammer, die die verschiedenen Strömungen zusammenhielt und somit die Union von Katholiken und Protestanten, von Bürgertum und Arbeiterschaft ermöglichte.
Der große Vorteil der CDU lag dabei in der interpretatorischen Offenheit des Buchstaben „C“. Das hat Konrad Adenauer ein ums andere Mal deutlich gemacht, besonders plastisch am 10. Mai 1962, als der Bundesvorstand der CDU über Rainer Barzels Denkschrift Untersuchungen über das geistige und gesellschaftliche Bild der Gegenwart und die künftigen Aufgaben der CDU diskutierte. Bundeskanzler Adenauer hatte Barzel, der seit 1961 dem Bundesvorstand angehörte, selbst damit beauftragt, die Studie zu verfassen. Nachdem die Union in der Bundestagswahl 1961 die absolute Mehrheit verloren hatte, sahen viele CDU-Politiker ihre Partei in der Krise, und Barzels Studie sollte Aufschluss darüber geben, wie man sie überwinden könne. Barzel sah das Mittel dazu in der Schärfung des christlichen Profils. Eine christliche Partei, so kann man in seiner nie gedruckten Studie lesen, sei eine Vereinigung „von Menschen, die auch ihr politisches Handeln unter Gottes Wort und Gebot stellen“.7 Schon 1958 hatte Barzel geschrieben, die CDU habe die Aufgabe, eine „Politik der Zehn Gebote“ zu betreiben, das heißt „den Willen Gottes zu tun und dafür zu streiten, dass die gottgewollte Ordnung Wirklichkeit wird“.8
Davon hielt Adenauer jedoch gar nichts, wie er Barzel sagte: „Mir ist diese Arbeit zu kirchlich. […] Da nun einmal das kirchliche Denken in unserem Volke rapide zurückgeht und wir infolgedessen darauf angewiesen sind und damit rechnen müssen, daß wir die sogenannten Liberalen auch zu uns bekommen, müssen wir uns hüten, etwas zu tun, was die Liberalen beider Konfessionen abhalten könnte, für uns zu stimmen. Ohne die liberalen Stimmen können wir keine Mehrheit in Deutschland bekommen. […] Ich denke immer, wenn ich einen solchen Satz lese, an einen Durchschnittskatholiken oder an einen protestantischen Liberalen, wenn der nun liest: Wir stellen unsere Politik unter Gottes Gebot! – Ich muß Ihnen ehrlich sagen, das ist mir etwas peinlich. Und ich wiederhole: Wir tun’s ja doch nicht! Meine Herren! Lassen wir uns doch nichts weismachen hier! Wir handeln nicht gegen Gottes Gebot, aber wir stellen auch nicht unsere Politik unter Gottes Gebot.“9 Für Adenauer reichte es aus, wenn die CDU alle Menschen vereinigte, die „dem Geiste nach Christen sind“.10 Das war eine Formel, die so offen und weitgehend war, dass sie auch diejenigen einschloss, die nur noch auf dem Papier einer der beiden Kirchen angehörten.
Das soll freilich nicht heißen, dass der christliche Impuls bei der Gründung der CDU und in ihrer gesamten Geschichte nicht ernst genommen worden wäre. Doch verstanden die verschiedenen Gruppierungen, die sich 1945 gründeten und aus denen die CDU hervorging, durchaus darunter nicht immer dasselbe, wenn sie vom christlichen Charakter der neuen Partei sprachen.
Auf der einen Seite war die Gründung einer Partei, die sich auf die Werte des Christentums berief nach der Katastrophe der nationalsozialistischen Tyrannei und angesichts der Schuld, die die Deutschen auf sich geladen hatten, durchaus folgerichtig.11 Vor dem Hintergrund der Verbrechen des „Dritten Reichs“, vor allem des Völkermords an den europäischen Juden, und in den Trümmern des untergegangenen Reichs bot das Christentum eine moralische Orientierung, die auch in der Politik unverzichtbar war. Auf der anderen Seite wirkten sich regionale Besonderheiten und politische Traditionen auf die lokalen Gründungen aus.12 So enthielten die von ehemaligen Zentrumspolitikern und christlichen Gewerkschaftern aufgestellten Kölner Leitsätze vom 1. Juli 1945 die Forderung nach einem „wahren christlichen Sozialismus“ und hoben die Bedeutung des göttlichen Gebots und eines thomistisch geprägten Naturrechts als Grundlage der politisch-gesellschaftlichen Ordnung hervor.13 Der Berliner Gründerkreis war in der Frage des „christlichen Sozialismus“ gespalten: Der Protestant Otto Heinrich von der Gablentz, der dem Kreisauer Kreis angehört hatte, und der aus dem Zentrum und den christlichen Gewerkschaften stammende Katholik Jakob Kaiser sprachen sich für umfassende Sozialisierungen aus. Andreas Hermes hingegen, der in der Weimarer Republik ebenfalls Mitglied des Zentrums gewesen war, und die früheren Mitglieder der linksliberalen Deutschen Demokratischen Partei (DDP) traten für eine freie Wirtschaft ein.14
Im protestantischen Norddeutschland wiederum lehnten die lokalen Parteigründer, die durchweg bürgerlich oder bäuerlich waren, die Idee eines „christlichen Sozialismus“ ebenfalls ab.15 Die kleineren Parteigründungen, aus denen die CDU in Norddeutschland hervorging, konnten auf die Reste von liberalen und konservativen Parteistrukturen zurückgreifen.16 Diese Gründungen knüpften bewusst an die bürgerlich-protestantischen Parteien der Weimarer Republik an: an die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), die nationalliberale Deutsche Volkspartei (DVP) oder die DDP. Die liberalen und konservativen Kleinparteien, die nach 1945 in Schleswig-Holstein, Niedersachsen, Bremen und Hamburg gegründet wurden, vermieden in der Regel den Bezug auf das Christliche, da vor allem die liberalen, aber auch manche konservativen Protestanten der Inanspruchnahme des Christentums durch eine Partei skeptisch gegenüberstanden.17 So entstand etwa in Schleswig-Holstein aus verschiedenen Gruppierungen zunächst eine Demokratische Union (DU), die nennenswerte Verluste zu verzeichnen hatte, als sie ihrem Namen das „C“ hinzufügte.18
Gleichwohl setzte sich der Name Christlich Demokratische Union Deutschlands durch, weil das nicht weiter definierte „C“ im Namen, der Bezug auf die christliche Tradition oder das „christliche Menschenbild“, in einer Gesellschaft, in der so gut wie alle Christen waren, den gemeinsamen Nenner für verschiedene Politikansätze darstellen konnte. Die CDU begann somit als eine „Sammlungsbewegung der politischen Mitte“19, deren Fundament zwar das katholische Milieu war und lange blieb, deren baldige Stärke und Mehrheitsfähigkeit jedoch auf der Heterogenität ihrer politischen Ursprünge und geistigen Grundlagen beruhte.
Von den „drei Wurzeln“ – dem Konservatismus, dem Liberalismus und dem Christlich-Sozialen –, die heute immer wieder als Grundlage der Union genannt werden, war in der Gründungszeit freilich nicht die Rede.20 Erstmals nimmt das Ludwigshafener Programm von 1978 darauf Bezug – allerdings ohne den Begriff Wurzeln zu verwenden. Die CDU, so heißt es in der Präambel, stehe dafür, dass sich „Freiheit und Menschlichkeit“ nicht wieder, wie in der Weimarer Republik, „in verhängnisvoller Gegnerschaft zwischen sozialen, liberalen und konservativen politischen Strömungen“ verlören.21 Von diesen drei Strömungen lässt sich in der Anfangszeit – etwa in den Kölner Leitsätzen oder im Berliner Gründungsaufruf vom 26. Juni 1945 – nur die soziale als politische Referenz finden, und zwar stets im Zusammenhang mit dem Christlichen.22
Diese Tatsache darf uns jedoch nicht zu der Annahme verleiten, Liberalismus und Konservatismus hätten bei der Gründung der CDU keine Rolle gespielt und gehörten folglich auch nicht zu ihren geistigen Grundlagen. Auch wenn sie selten explizit erwähnt wurden, waren sie von Anfang an vorhanden. Die ehemaligen Mitglieder der DVP, DDP, DNVP oder einiger protestantisch-konservativer Kleinparteien der Weimarer Republik, die die CDU mitbegründeten oder bald nach der Gründung zu ihr stießen, haben ihre früheren Überzeugungen nicht abgelegt, als sie sich an dem neuen Projekt beteiligten. Männer wie Hans Schlange-Schöningen und Robert Lehr brachten das protestantischkonservative Erbe in die CDU ein, Carl Schröter bei der Gründung der DU in Schleswig-Holstein das nationalliberale und Ferdinand Friedensburg, Ernst Lemmer sowie Walther Schreiber bei der Berliner Gründung das linksliberale.23 Mit der Entstehung der CDU begann ein Aushandlungsprozess der Strömungen, der nie zum Abschluss gekommen ist, ja in dessen Beständigkeit gerade das Geheimnis des Erfolgs der CDU liegt.
Richtig ist jedoch, dass bis zur ersten Bundestagswahl im Jahr 1949 die christlich-soziale Rhetorik dominierte, die sich auch an den Wahlplakaten ablesen lässt. So plakatierte die CDU zur Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen vom April 1947 den Slogan „Auch in der Politik gelten die Zehn Gebote“.24 Auch einige CDU-Plakate zur ersten Bundestagswahl von 1949 appellierten an die christlichen Überzeugungen der Wähler. Andere Themen drängten nun aber das christliche Motiv an den Rand, das ohnehin eher abstrakt und in kultureller Perspektive angesprochen wurde. Dem Plädoyer, ein „christliches Deutschland“ zu erhalten, standen nun praktische Probleme wie die Integration der Heimatvertriebenen oder – und das in besonderem Maße – der Appell an die materiellen Bedürfnisse der Wähler im Vordergrund.25 Unter dem geistigen Einfluss Ludwig Erhards und dem politischen Willen Konrad Adenauers schlug die CDU einen anderen Kurs ein als etwa der sozial- und wirtschaftspolitisch deutlich links der Mitte stehende Mouvement républicain populaire (MRP) in Frankreich.26
Dabei war das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft durchaus umstritten. Als Erhard es am 25. Februar 1949 im Ausschuss der CDU der britischen Zone vorstellte, erklärte Johannes Albers, ein Mitbegründer der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), das „Prinzip einer liberalen Wirtschaft“ dürfe nicht an die Stelle des sozialistisch geprägten Ahlener Programms von 1947 treten.27 Doch auch Erhard selbst wollte, wie er Albers wissen ließ, keinesfalls als „Liberaler“ gelten.28 Damit meinte Erhard freilich nur den sogenannten Manchester-Liberalismus, der in der CDU allgemein auf Ablehnung stieß. Der Unterschied lag im Detail. Die Christlich-Sozialen setzten den Liberalismus mit dem Manchestertum gleich und wollten die Union auf einen Mittelweg zwischen ihm und dem Marxismus verpflichten.29 Erhard hingegen strebte eine Erneuerung des Liberalismus in der Form des Ordo-Liberalismus an. Nicht die Freie Demokratische Partei (FDP) als selbsterklärte Nachfolgerin des parteipolitischen Liberalismus der Weimarer Republik nahm den in der Nachkriegszeit virulenten neoliberalen Impuls auf, sondern die CDU.30 Erhard formte ihn zum Konzept der Sozialen Marktwirtschaft, das er gegen den Laissez-faire-Liberalismus des 19. Jahrhunderts setzte und zum Markenzeichen der CDU machte.31
Der diesem Konzept zugrunde liegende Neoliberalismus war etwas völlig anderes als der Marktradikalismus, der heute fälschlicherweise mit diesem Begriff beschrieben wird. Der Neoliberalismus ging auf die Krise zurück, die den Liberalismus in den 1930er Jahren erschüttert hatte. Beim sogenannten Walter-Lippmann-Kolloquium diskutierten 1938 Wissenschaftler verschiedener Fachrichtungen über die Frage nach der Überlebensfähigkeit des Liberalismus in einem „Zeitalter der Tyranneien“.32 Ökonomen wie Wilhelm Röpke und Alexander Rüstow – beide Teilnehmer des Kolloquiums –, aber auch Franz Böhm und Walter Eucken glaubten, dass der Liberalismus sich ändern müsse. Sollte er überleben, dann musste der Markt sozial eingerahmt werden.33
Ausgehend von diesen Überlegungen entstand der Neoliberalismus oder, im Falle Böhms und Euckens, Ordoliberalismus, den Alfred Müller-Armack zur Grundlage des später von Erhard propagierten Konzepts der Sozialen Marktwirtschaft machte. Alle drei – der Neoliberalismus, der Ordoliberalismus und das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft – verbanden eine moralisch-religiöse Dimension mit dem Glauben an die Notwendigkeit eines Ordnungsrahmens. Eine bessere wirtschaftspolitische Grundlage hätte eine christlich-demokratische Sammlungsbewegung wie die Union, die aus verschiedenen Strömungen ein Ganzes machte, kaum finden können. Die Soziale Marktwirtschaft war nichts weniger als ein historischer Ausgleich zwischen zwei der drei Strömungen, von denen später im Ludwigshafener Programm die Rede sein sollte: zwischen der liberalen und der sozialen.34
Dieser Kompromiss reichte, wie gesagt, bis in die Zwischenkriegszeit, im Grunde sogar bis ins Kaiserreich zurück. Es wird oft gesagt, die Nationalliberale Partei habe sich in den 1880er Jahren nach rechts gewandt, sich den Konservativen angenähert und sich den Linksliberalen entfremdet. Das ist durchaus zutreffend, aber nur die halbe Wahrheit. Oder anders gesagt: ein Rechts-Links-Schema lässt sich in diesem Fall nur bedingt anwenden, weil sich der verfassungs- und gesellschaftspolitische Reformwille der Linksliberalen mit einer tiefsitzenden, manchesterlichen Furcht vor jeder Art von Sozialpolitik verband. Die Nationalliberalen wandten sich dagegen unter Johannes Miquel einer aktiven Sozialpolitik zu und sorgten etwa dafür, dass die Bismarckschen Sozialversicherungsgesetze die Arbeiter nicht zu Mündeln des Staates machten, sondern zu Versicherten, die gemeinsam mit den Unternehmern für den Notfall vorzusorgen hatten.35 Der Staat sollte den Rahmen setzen, in dem Arbeiter und Arbeitgeber gemeinsam für die Finanzierung der Versicherungen sorgen mussten. Dafür stand besonders Miquel.
Die Nähe des späteren Ordoliberalismus zu diesem sozial engagierten Nationalliberalismus Miquelscher Prägung ist nicht zu übersehen. Gemeinsam hatten beide Varianten des Liberalismus vor allem die Überzeugung, dass der Staat im Wirtschaftsleben eine wichtige ordnende Rolle zu spielen hatte.36 Röpke stellte in diesem Sinne schon 1923 fest: „So muß der Liberalismus in jedem Augenblick bestrebt sein, dem Staate zu geben, was des Staates ist. Wer sollte denn sonst heute noch Hüter des von allen Seiten unterhöhlten Staatsgedankens sein, wenn nicht – so absurd es klingt – der Liberale? Wer außer ihm soll ihn verfechten gegen die monopolistische Großwirtschaft, den organisierten Grundbesitz und die straff zusammengeschlossene Arbeiterschaft?“37 Diese inhaltliche Nähe zum Nationalliberalismus zeigte sich in Röpkes Fall auch daran, dass er zwischen 1923 und 1929 seine ganze Hoffnung in Gustav Stresemann und den gemäßigten Flügel der DVP setze.38 Ähnliches lässt sich über Eucken sagen, und Franz Böhm, der von 1953 bis 1965 für die CDU im Bundestag saß, war von 1924 bis 1925 sogar Mitglied der DVP.39 Nur Rüstow fand in der Weimarer Republik nach sozialistischen Anfängen seine politische Heimat im linksliberalen Lager. Auch aus diesem Umfeld, nämlich aus der DDP beziehungsweise, nach 1930, der Deutschen Staatspartei, stießen nach 1945 bedeutende Politiker zur CDU und brachten ihre politische Tradition in die gänzlich neue Partei ein, vor allem die oben schon erwähnten Berliner CDU-Gründer Ernst Lemmer, Ferdinand Friedensburg und Walther Schreiber.
All diese Vertreter des Liberalismus der Weimarer Republik, die den Weg in die CDU fanden, waren Protestanten, und es ist zu Recht festgestellt worden, dass die wirtschaftspolitischen Grundgedanken der Sozialen Marktwirtschaft im Wesentlichen auf den Ideen der evangelischen Sozialethik beruhen.40
Die ethischen Vorstellungen, die den Ordoliberalismus und die Soziale Marktwirtschaft prägten, reichten zu den Debatten zurück, die im Protestantismus des Kaiserreichs geführt wurden. Dabei sind zwei Richtungen zu unterscheiden, von denen nur eine tiefe Spuren im Ordoliberalismus und in der CDU hinterlassen hat. Da war zunächst die sozialkonservative Richtung um den Berliner Hofprediger Adolf Stoecker, dessen gleichermaßen antikapitalistische, antiliberale und antisozialistische Überzeugungen durch einen integralen Antisemitismus zusammengehalten wurden.41 Davon war auch die von ihm gegründete Christlich-soziale Partei (CSP) geprägt, ebenso wie der in der Tradition der CVP stehende, gewerkschaftlich orientierte Christlich-Soziale Volksdienst (CSVD), der sich 1929 von der DNVP abgespalten hatte.42 In manchen Regionen Westdeutschlands – so in Württemberg, Nordrhein-Westfalen oder Hessen – waren frühere CSVD-Politiker die entschiedensten evangelischen Befürworter einer überkonfessionellen Partei auf christlicher Grundlage.43 Anders als die ehemaligen Mitglieder von DDP, DVP und DNVP, die bei der Gründung der CDU in Norddeutschland dominierten, hatten sie kein Problem, das „C“ im Parteinamen zu akzeptieren. Ihre wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen, die auf einer klaren Ablehnung sowohl des Liberalismus als auch des Marxismus beruhten, entsprachen den Überzeugungen vieler linker Vertreter des politischen Katholizismus. Doch zahlenmäßig reichten sie an letztere nicht annähernd heran. Das erklärt, weshalb die CDA bis heute fast ausschließlich katholisch geprägt ist. Unter den Protestanten, die nach 1945 zur CDU fanden, stellten die ehemaligen CSVD-Mitglieder zudem die kleinste Gruppe, kleiner auch als diejenigen, die wie Hermann Ehlers und Eugen Gerstenmaier aus der Bekennenden Kirche oder gar dem evangelischen Widerstand gegen Hitler kamen und gar keine parteipolitische Vergangenheit hatten.44 Zur Entstehung des Ordoliberalismus haben die evangelischen Christlich-Sozialen, die sich ja gerade durch die Gegnerschaft zum Liberalismus definierten, deshalb im Grunde nichts beitragen können.
Entscheidende Impulse erhielten Ordoliberalismus und Soziale Marktwirtschaft hingegen aus dem Lager des liberalen Protestantismus, der in der Weimarer Republik wie schon vorher im Kaiserreich eng mit dem parteipolitischen Liberalismus verbunden gewesen war, sowohl mit dem Nationalliberalismus als auch mit dem Linksliberalismus. Die Vertreter dieses später so genannten Kulturprotestantismus – Theologen, Historiker, Juristen und andere Wissenschaftler – schufen sich mit dem Evangelisch-Sozialen Kongress ein Forum, in dem sie die Reform der herrschenden Wirtschaftsordnung aus evangelischer Sicht diskutieren konnten.45 Bei der Gründung des Kongresses im Jahr 1890 waren sie freilich nicht allein beteiligt, sondern auch konservative Lutheraner wie Martin von Nathusius und eben Sozialkonservative wie Adolf Stoecker. Nathusius verließ den Kongress mit seinen Anhängern aber schon 1895, Stoecker und die Sozialkonservativen ein Jahr später. Von 1896 an entwickelte sich der Evangelisch-Soziale Kongress daher zum Zentrum der liberalen Protestanten und ihrer sozialpolitischen Vorstellungen.
Julius Kaftan, liberaler Theologe und Gründungsmitglied des Kongresses, formulierte 1893 zwei zentrale Grundsätze des evangelischen Sozialliberalismus: Zum einen sei es „Christenpflicht, die Wirtschaftsordnung so zu gestalten, daß sie eine Grundlage für die Pflege der sittlichen Ideale des Christentums bildet“; zum anderen erfülle die bestehende Ordnung diesen Anspruch und sei daher nicht nur kritisch zu sehen. Christen müssten vielmehr bereit sein, ihre Grundgedanken zu verteidigen, so etwa das Privateigentum.46 Aus Kaftans Sicht war „[i]rgendwelches Eigentum […] in der Regel die Voraussetzung der persönlichen Freiheit und Selbständigkeit, ohne die es ein gesundes evangelisches Christentum nicht giebt“.47 Die bestehende Wirtschaftsordnung war also auf der einen Seite zu verteidigen, auf der anderen aber zu reformieren, da „die Wirtschaftsordnung […] um des Menschen und nicht der Mensch um der Wirtschaftsordnung willen gemacht“ sei, was unweigerlich die Arbeitszeit und die Wohnungsverhältnisse der Arbeiter, aber auch das Problem der Lohnregulierung in den Blick rücke.48 Die Forderungen, die der Evangelisch-Soziale Kongress im Kaiserreich entwickelte – etwa Tarifautonomie, sozialen Wohnungsbau, Arbeitsschutzgesetze, Mitbestimmung von Arbeitnehmern –, gingen nach 1945 in das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ein.
Der Gegensatz zwischen konservativen und liberalen Protestanten spielte freilich nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr dieselbe Rolle wie zuvor. An seine Stelle trat nun der Antagonismus zwischen den deutschen „Barthianern“ auf der einen und den nicht immer wirklich lutherischen „Lutheranern“ auf der anderen Seite.49 „Barthianer“ wie Martin Niemöller, Helmut Gollwitzer und Gustav Heinemann hatten in der Zeit der nationalsozialistischen Tyrannei in den Brüderräten der Bekennenden Kirche zueinander gefunden, bezogen sich auf den Schweizer reformierten Theologen Karl Barth und lehnten Adenauers Westbindungspolitik dezidiert ab.50 Die ihnen gegenüberstehenden „Lutheraner“ stammten zumeist aus den „intakten“, also im „Dritten Reich“ nicht von den Deutschen Christen dominierten, Landeskirchen und wandelten sich in der frühen Bundesrepublik von Nationalprotestanten zu liberalen und konservativen Befürwortern einer Verwestlichung der Evangelischen Kirche und der Bundesrepublik.51
Ein wichtiges Forum der „Lutheraner“ war in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik der Kronberger Kreis, der führende Protestanten aus Wirtschaft, Kirche und Politik zusammenbrachte.52 Dieser Honoratiorenzirkel, den Eberhard Müller, der Leiter der Evangelischen Akademie Bad Boll, 1951 gegründet hatte und zu dem man nur kooptiert werden konnte, sollte die Präsenz des Protestantismus im öffentlichen Leben stärken. Er hatte insofern enge Bindungen an die CDU, als die dort vertretenen Politiker ausnahmslos der Union angehörten. Mit Hermann Ehlers verfügte der Kreis zudem über eine Person, die ihn eng mit dem 1952 ins Leben gerufenen Evangelischen Arbeitskreis der CDU verband.53 Neben Ehlers und anderen konservativen Protestanten waren aus der CDU mit Ernst Lemmer oder Richard von Weizsäcker aber auch liberale Protestanten vertreten.
Ironischerweise waren es die traditionell national orientierten Lutheraner und Kulturprotestanten, die sich im Kronberger Kreis in politischer Hinsicht dem Westen öffneten, während die linksstehenden „Barthianer“ trotz ihrer dem Westen gegenüber offeneren reformierten Grundierung zu Neutralisten wurden. Dabei fiel den Kulturprotestanten die Öffnung nach Westen sicherlich leichter als den konservativen Lutheranern, die zum Teil von ähnlich starken antiliberalen Affekten umgetrieben wurden, wie es sie auch im Katholizismus gab. Davon konnte jedoch bald keine Rede mehr sein. Angesichts der Weltlage adaptierten auch entschiedene Lutheraner die mit Demokratie und Parlamentarismus verbundenen politischen Prämissen des westlichen, calvinistischen Protestantismus.54 Auf diese Weise schufen sich die aus den „intakten Kirchen“ stammenden Kronberger eine neue, westliche Identität.55 Aus Nationalliberalen und Nationalkonservativen wurden transatlantisch gesinnte Liberalkonservative.
Wirtschafts- und sozialpolitisch knüpften die Kronberger an die Ideen und sozialreformerischen Vorstellungen des Evangelisch-Sozialen Kongresses an und wurden zu überzeugten Verfechtern der Sozialen Marktwirtschaft.56 Damit wirkten sie in die CDU hinein, wo sich die evangelisch-sozialen Grundsätze mit den Prinzipien der katholischen Soziallehre zu einem festen überkonfessionellen Fundament verbanden.
Anders als die Protestanten in der CDU konnten die aus der Zentrumstradition stammenden Katholiken nicht nur auf alte Organisationsstrukturen zurückgreifen, sondern mit der katholischen Soziallehre auch auf ein Ideengerüst, das sehr viel konkreter ausgearbeitet war als die evangelische Sozialethik und zudem mit dem thomistischen Naturrecht einen klar definierten Leitfaden hatte.57 Trotz ihres philosophisch-theologischen Fundaments nahm die katholische Soziallehre im 19. Jahrhundert vor allem in der politischen Praxis Gestalt an.
Der französische Priester und politische Schriftsteller Félicité de Lamennais ebnete dem politischen Katholizismus den Weg, indem er als Reaktion auf die Julirevolution von 1830 die Forderung nach einer Versöhnung des Katholizismus mit den Prinzipien von 1789 forderte.58 Zwar schob Papst Gregor XVI. diesem Ansatz eines „catholicisme libéral“ schon am 15. August 1832 mit seiner Enzyklika Mirari vos einen Riegel vor. Vor allem Lamennais’ Forderung nach einer Trennung von Staat und Kirche war für den Papst unannehmbar. Doch das verhinderte nicht, dass Lamennais’ Ideen sich verbreiteten und die Entwicklung des europäischen Katholizismus im 19. Jahrhundert stark beeinflussten. Lamennais wandte sich gegen den Gallikanismus, die in Frankreich starke Tradition einer national geprägten Kirche, und bereitete in geistiger Hinsicht den Boden für den Ultramontanismus.59 Vor allem im protestantisch dominierten, kleindeutschen Kaiserreich knüpften die deutschen Katholiken an die Forderung Lammenais’ an, die katholische Kirche solle eine von staatlichem Einfluss freie Einheit sein.60 Bereits in der Frankfurter Paulskirche hatte es einen an Lamennais anknüpfenden „Katholischen Klub“ als Interessenvertretung der deutschen Katholiken gegeben. 1859 entstand dann die Fraktion des Zentrums im Preußischen Landtag und 1870 die Deutsche Zentrumspartei, die nach 1871 auch im Reichstag vertreten war.
Dort, im Rahmen der parlamentarischen Arbeit des Zentrums, entwickelte sich, was man als katholische Soziallehre bezeichnet. Führend war dabei Georg von Hertling, seit 1882 Professor für Philosophie an der Universität München und lange sozialpolitischer Sprecher der Zentrumsfraktion im Reichstag.61 Er begründete die Sozialpolitik als ein Drittes neben der Außenpolitik und der Innen- und Verfassungspolitik. Obwohl es in der Fraktion durchaus unterschiedliche Auffassungen zur Sozialpolitik gab, können Hertlings Ansichten – neben den päpstlichen Sozialenzykliken und der praktischen Caritasarbeit – als prägend für das Zentrum angesehen werden. Sein sozialpolitisches Denken ruhte in philosophischen Überlegungen und ließ sich vom Naturrecht leiten, ging aber vor allem von der Beobachtung herrschender Zustände aus. Aus der bestehenden Wirtschaftsordnung ergaben sich für ihn Folgerungen wie der Schutz der Arbeiter vor Krankheit und Arbeitslosigkeit.
Die grundsätzliche Vereinbarkeit dieser Ansichten mit dem späteren Konzept der Sozialen Marktwirtschaft ist unübersehbar. Die Beziehung zwischen Wirtschaftsliberalismus und katholischer Soziallehre ist zwar schon deshalb konfliktträchtig, weil letztere als eine Reaktion auf den Liberalismus – und nicht nur den extremen Wirtschaftsliberalismus – zu sehen ist.62 Die freiheitlichen Ideen des modernen Liberalismus prallten im 19. Jahrhundert auf die Vorstellungen der römisch-katholischen Kirche. Aber im 20. Jahrhundert kam es zumindest im Rahmen der Sozialen Marktwirtschaft zu einer Art Annäherung zwischen dem Neo- beziehungsweise Ordoliberalismus und Teilen der katholischen Soziallehre.63 Linksorientierte katholische Sozialethiker wie Oswald von Nell-Breuning sahen in Übereinstimmung mit dem Syllabus Errorum von 1864 keine Möglichkeit, dass sich Wirtschaftsliberalismus und Katholizismus verständigen könnten. Eine ganz andere Haltung vertrat indes Joseph Höffner, der 1940 von Eucken im Fach Volkswirtschaftslehre promoviert wurde. Höffner gestand dem Liberalismus zu, sich mit dem Neoliberalismus über das Stadium des Laissez-faire-Liberalismus hinausentwickelt zu haben. Als besondere Errungenschaften des Neo- beziehungsweise Ordoliberalismus nannte er das Prinzip des freien Wettbewerbs und die Tatsache, dass diese Konkurrenz staatlich zu organisieren sei. Obwohl sich auch Höffner einen gewissen Vorbehalt gegenüber dem Liberalismus bewahrte, wies er also den Weg zur Konvergenz von katholischer Soziallehre und Sozialer Marktwirtschaft, was erheblichen Einfluss auf die CDU haben sollte.
Gleichwohl wurde die Koexistenz, bisweilen sogar die Vermischung, der katholischen Soziallehre mit der evangelischen Sozialethik in der Sozialen Marktwirtschaft nicht von allen Mitgliedern der jungen Partei gern gesehen. Namentlich innerhalb der CDA blieb der Vorbehalt gegen den Liberalismus groß, auch in seiner von der evangelischen Sozialethik befürworteten sozialen Gestalt. Ähnliches Misstrauen hegten vor allem die Christlich-Sozialen gegenüber dem Konservatismus.
Die Debatte darüber, ob die CDU eine konservative Partei sei, reicht bis in die 1950er Jahre zurück. Die Gründe für den Streit liegen nicht allein in der CDU, sondern sind eine Folge der deutschen Ideen- und Parteiengeschichte. Das Bild, das sich nach dem Zweiten Weltkrieg viele vom deutschen Konservatismus machten, war von der destruktiven Haltung der DNVP in der letzten Phase der Weimarer Republik sowie von den Ideen der sogenannten „Konservativen Revolution“ und der Völkischen Bewegung geprägt.64 Im besten Fall galt der Konservatismus der Weimarer Republik als einer von vielen Faktoren, die die liberale Demokratie hatten erodieren lassen; im schlimmsten Fall sah man in den Konservativen die „Steigbügelhalter“ des Nationalsozialismus. Nach dem Zweiten Weltkrieg bestand deshalb selbst bei Politikern, die vor 1933 in der DNVP oder einer konservativen Splitterpartei aktiv gewesen waren, wenig Neigung, sich selbst als konservativ zu bezeichnen.
Das bedeutet freilich nicht, dass der Konservatismusbegriff in den intellektuellen Debatten der Bundesrepublik keine Rolle gespielt hätte. Das Gegenteil ist der Fall: Gerade wegen seiner problematischen Geschichte begann spätestens nach der Gründung der Bundesrepublik die Suche nach dem für den deutschen Teilstaat tauglichen Konservatismus. Während Rechtsintellektuelle wie Armin Mohler die „Konservative Revolution“ feierten und damit versuchten, den Konservatismusbegriff im Sinne der radikalen Rechten der Weimarer Republik antiliberal zu füllen, strebten andere nach einem gemäßigten, mit der liberalen Demokratie zu vereinbarenden Konservatismus.65 Letzteres war kaum ohne Vorbilder möglich. Da die eigenen Traditionen diskreditiert oder verschüttet waren, blieb auch in diesem Fall nur der Blick nach Westen.
Dorthin schauten nicht nur Intellektuelle, die glaubten, dass die liberale Demokratie nicht ohne einen ihr angemessenen Konservatismus auskomme, sondern bald auch Vertreter der mit CDU/CSU koalierenden kleinen Deutschen Partei und schließlich sogar Politiker der Unionsparteien selbst.66 Ein Meilenstein war dabei der Bundesparteitag der CDU von 1958 in Kiel.67 Nicht, dass sich die Partei bei dieser Gelegenheit zum Konservatismus bekannt hätte. Das geschah weder in Kiel noch später. Aber in Kiel hielt mit Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier erstmals ein hochrangiger Unionspolitiker ein Grundsatzreferat, das den Gedanken nahelegte, die CDU sei eine mit der britischen Conservative Party vergleichbare Partei. Dabei war der Konservatismus gar nicht das Thema des Vortrags mit dem Titel „Staatsordnung und Gesellschaftsbild“, sondern die Frage, inwiefern der Liberalismus mit dem christlichen Profil der Union vereinbar sei.68
Anders als für die Vertreter der CDA gab es für den konservativen Protestanten Gerstenmaier keinen Widerspruch zwischen dem Christentum und dem Liberalismus. Beide trafen sich aus seiner Sicht in einem gemäßigten Freiheitsideal, das er gegen die Tendenz zum sozialistischen Versorgungsstaat stellte. Soziale Gerechtigkeit bedeutete für Gerstenmaier, „dem schuldlos zu kurz Gekommenen und Arbeitsunfähigen großzügig unter die Arme“ zu greifen.69 Das „letzte Wagnis des Lebens“ solle der Staat dagegen seinen Bürgern nicht abnehmen, „denn wir glauben, daß der Mensch damit um sein Eigentliches, um die ihm auferlegte Bewährung in der Freiheit, gebracht würde“. Gerstenmaier entwarf auf diese Weise eine CDU als antisozialistische Sammlungsbewegung, deren Vorbild die britische Conservative Party sein sollte: „Wir können mit Englands Konservativen […] glaubend und hoffend sagen: Vorwärts, Freunde, vorwärts in Freiheit!“
Das war durchaus keine zufällige Referenz, vielmehr der vorsichtige Versuch einer programmatischen Verortung, was sich daran zeigt, dass auf dem Parteitag die kleine Programmschrift Onward in Freedom verteilt wurde, die die Conservative Party im selben Jahr herausgegeben hatte.70 Gerstenmaier wies damit den Weg zu einer konservativen Partei, die gleichzeitig eine liberale Partei war, die also einen liberalen Konservatismus vertrat.
In Großbritannien hatte sich der Konservatismus im 19. Jahrhundert gemeinsam mit der liberalen Demokratie entwickelt, war nicht eine Ansammlung von aus dem Ancien Régime stammenden Grundsätzen und Ideologemen, sondern in erster Linie eine Haltung gegenüber dem ständigen Wandel aller von Menschen gemachten Dinge, kurz gesagt: keine Ideologie, sondern eine Disposition. Der „liberal Conservatism“, wie er schon in den 1830er Jahren von Politikern und Journalisten genannt wurde, war dabei eine Position der Mitte zwischen dem politischen Ideal der Veränderung, das der linke Flügel der Whigs und später der Liberalen repräsentierte, und dem Ideal der Beharrung des rechten Flügels der Tories beziehungsweise der Konservativen.71 Diese Vorstellung, den Wandel zu gestalten und ihn in positive Bahnen zu lenken, statt ihn selbst herbeizuführen oder ihn aufhalten zu wollen, zog viele in der CDU magisch an. Tatsächlich zeigt die Regierungsweise der CDU im Bund, aber auch in vielen Ländern, dass sie von Anfang an eine in diesem Sinne konservative Partei gewesen ist.
Aber, und das muss man hinzufügen, eben auch nur in diesem Sinne. Der Konservatismus der CDU ist von der Ära Adenauer bis zur Gegenwart nie etwas anderes gewesen als ein Liberalkonservatismus, die Verbindung von liberalen Grundsätzen mit einer konservativen Disposition. Wenn die CDU eine konservative Partei ist, dann weil sie das liberale System durch Reformen bewahren, statt durch Experimente perfektionieren will. Der Liberalkonservatismus der CDU hat auf diese Weise noch ein anderes Element aufgenommen, das ebenfalls westlich, aber nicht nur britisch, sondern auch amerikanisch ist. Wie die gemäßigten Varianten des amerikanischen Konservatismus hat auch der Liberalkonservatismus der CDU die Bewahrung der Verfassungsordnung im Blick, oder wie der Hamburger CDU-Politiker Erik Blumenfeld 1964 sagte: „Konservativ sollten wir sein, was das Ideal der Freiheit betrifft. Es zu bewahren, sind unsere westlichen Verfassungen geschaffen worden.“72
Der Umweg über die angloamerikanische Welt darf indessen nicht den Blick darauf verstellen, dass es auch in der deutschen Ideen- und sogar Parteiengeschichte Vorbilder für eine liberalkonservative Haltung gab. Historiker wie Friedrich Christoph Dahlmann, Heinrich von Sybel und Hans Delbrück stehen ebenso dafür wie jene Schnittmenge aus der Nationalliberalen Partei und der Freikonservativen Partei, die im deutschen Kaiserreich neben der Zentrumspartei für die politische Mitte stand. Dass sich ein deutscher Liberalkonservatismus nicht dauerhaft etablieren konnte, ist nicht auf den Mangel an Ideen zurückzuführen, sondern darauf, dass andere Traditionen und Kräfte stärker waren. Auch hier hat die CDU einen wichtigen Neuanfang gemacht.
In der Form der konservativen Disposition gehört der Konservatismus also ebenso zu den geistigen Grundlagen der CDU wie der Liberalismus und die Soziallehren der Kirchen. Es macht das Wesen der CDU aus, diese drei Elemente zu einem neuen Politikansatz verbunden zu haben. Ohne weiteres lassen sie sich nicht voneinander trennen. Eberhard Diepgen machte das als Regierender Bürgermeister von Berlin deutlich, als er im Jahr 2000 auf dem Parteitag der Berliner CDU erklärte: „Ich bin ein sozial engagierter, liberaler Konservativer.“73 Die CDU, heißt das, kann auf keine ihrer politischen Traditionen verzichten. So war es unter Adenauer und so ist es noch heute.
Eine systematische Darstellung der geistigen Grundlagen und Ursprünge der CDU ist nach wie vor ein Desiderat der Forschung. Die zahlreichen Aufsätze, die es zu diesem Thema gibt, können die Lücke aufgrund ihrer begrenzten Perspektive nicht schließen. So hat sich etwa Winfried Becker Verdienste in der Beschreibung der Grundlagen der CDU erworben, gleichzeitig aber nur den politischen Katholizismus und die katholische Soziallehre in den Blick genommen.74 Forschungen, die sich mit dem Einfluss des Protestantismus im Allgemeinen und der evangelischen Sozialethik im Besonderen auseinandersetzen, sucht man fast vergeblich.75 Zumindest mit Blick auf die Ursprünge der Sozialen Marktwirtschaft ist die Bedeutung des Protestantismus das eine oder andere Mal hervorgehoben worden.76
Was für den Protestantismus gilt, lässt sich auch über Konservatismus und Liberalismus als zwei der sogenannten drei Wurzeln der Christlichen Demokratie in Deutschland sagen. Es ist vorwaltende Tendenz der Forschung, beide Strömungen nur schlaglichtartig zu behandeln. Insofern ist die Studie von Martina Steber über die „politische[n] Sprachen des Konservativen in Großbritannien und der Bundesrepublik Deutschland“77 ein großer Fortschritt. Zum einen hebt sie den konservativen Charakter der Union hervor, ohne ihn ideologisch aufzuladen; zum anderen trägt der Vergleich zwischen CDU und britischer Conservative Party dazu bei, den Blick auf das Konservative an der Union zu schärfen. Mit Hilfe der Unterscheidung eines bundesrepublikanischen Liberalkonservatismus, der die CDU/CSU ausgezeichnet habe, und eines antiliberalen, auf die Weimarer Republik zurückweisenden Konservatismus gelingt es der Autorin zudem, auch den Liberalismus der Union deutlicher hervortreten zu lassen. Vor dem Hintergrund dieser Arbeit werden die Grenzen der Studie von Maria D. Mitchell über die „Origins of Christian Democracy“78 deutlich. Mitchell leugnet die Heterogenität der frühen CDU nicht, vertritt aber die These, dass die Beschwörung der Einheit der Christen das verbindende Element zwischen der katholischen Mehrheit und der protestantischen Minderheit in der Partei gewesen sei. Die Klammer zwischen Katholiken und konservativen Protestanten sei die Vorstellung vom Christentum als Bollwerk gegen den „Materialismus“ gewesen, der aus Sicht der Christdemokraten im Bündnis mit Liberalismus und Säkularismus die deutsche Gesellschaft unterminiert und damit zu einem leichten Opfer für den Nationalsozialismus gemacht habe. Es trifft jedoch nicht zu, dass diese Sichtweise die ganze Partei bestimmt hätte, nicht einmal in ihrer Anfangszeit. Mitchell hat ein Buch über den politischen Diskurs der christlichen Konservativen und „Abendländer“ in der frühen CDU geschrieben, nicht aber die „Origins of Christian Democracy“ in ihrer Vielfalt freigelegt. Um das wirklich tun zu können, müsste man einen breiteren Ansatz verfolgen.
Man müsste die unterschiedlichen Strömungen der CDU seit der Anfangszeit ernst nehmen und sie durch die Geschichte der Union verfolgen. Man müsste die Gründungsimpulse ebenso in den Blick nehmen wie die weltanschaulichen Grundlagen. Und schließlich müsste solch eine Studie dort ansetzen, wohin eine moderne Geschichte des politischen Denkens gehört: in der Mitte des politischen Lebens. Dafür stehen als Quellen nicht nur die veröffentlichten Schriften von CDU-Politikern und der CDU nahestehenden Intellektuellen zur Verfügung, sondern auch zahlreiche unveröffentlichte Quellen in Nachlässen im ACDP und in anderen deutschen Archiven.
1 Raymond Aron: L’Opium des intellectuels. Introduction de Nicolas TB-Ausg. Paris 2002 (erstmals 1955), S. 330. (Übersetzung des Verfassers.)
2 Ders.: Les Guerres en chaîne. Paris 1951, S. 169. (Übersetzung des Verfassers.)
3 Zum „christlichen Menschenbild“ vgl. Volker Ladenthin: Inhalt und Bedeutung des christlichen Menschenbilds, in: Jörg-Dieter Gauger/Hanns Jürgen Küsters/Rudolf Uertz (Hg.): Das christliche Menschenbild. Zur Geschichte, Theorie und Programmatik der CDU. Freiburg i. Br. 2013, S. 120–148.
4 Freiheit – Solidarität – Gerechtigkeit. Grundsatzprogramm der Christlich Demokratischen Union Deutschlands. Verabschiedet auf dem 26. Bundesparteitag, Ludwigshafen, 23. – 25. Oktober 1978, in: Geschichte der CDU, https://www.kas.de/c/document_library/get_file?uuid=6ab8ab48-871d-52a2-a603-989c928e127f&groupId=252038 (Abruf: 25.1.2021), S. 1 f.
5 Vgl. Stathis N. Kalyvas: The Rise of Christian Democracy in Europe. Ithaca u. a. 1996, S. 167–221. Zur schweizerischen CVP vgl. Urs Altermatt: Das historische Dilemma der CVP. Zwischen katholischem Milieu und bürgerlicher Mittepartei. Baden 2012.
6 Vgl. Frank-Lothar Kroll: Christliche Demokratie – vom Glaubensbekenntnis zum politischen Programm?, in: Norbert Lammert (Hg.): Christlich Demokratische Union. Beiträge und Positionen zur Geschichte der CDU. München 2020, S. 361–394, hier 365–367.
7 Rainer Barzel: Untersuchungen über das geistige und gesellschaftliche Bild der Gegenwart und die künftigen Aufgaben der CDU. Vorgelegt aufgrund eines Beschlusses des Bundesvorstands der CDU vom 11.12.1961, o. O. 1962, § 121. Zu Barzel vgl. allgemein Kai Wambach: Rainer Barzel. Eine Biographie. Paderborn 2019.
8 Rainer Barzel: Koalitionspolitik, in: Gustav Eduard Kafka (Hg.): Die Katholiken vor der Politik. Freiburg i. Br. 1958, S. 119–131, hier 126.
9 Protokoll vom 10. Mai 1962, in: Adenauer: „Stetigkeit in der Politik“. Die Protokolle des CDU-Bundesvorstands 1961–1965. Bearb. von Günter Buchstab (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte. Bd. 32). Düsseldorf 1998, S. 220–270, hier 250.
10 Christlich Demokratische Union Deutschlands (Hg.): 11. Bundesparteitag der CDU, Dortmund, 2.6. – 5.6.1962. Hamburg 1962, S. 205.
11 Vgl. Hans-Otto Kleinmann: Geschichte der CDU 1945–1982. Hg. von Günter Buchstab. Stuttgart 1993, S. 15.
12 Vgl. ebd., S. 23.
13 Kölner Leitsätze. Vorläufiger Entwurf zu einem Programm der Christlich Demokratischen Union Deutschlands. Vorgelegt von den Christlichen Demokraten Kölns im Juni 1945. Ein Ruf zur Sammlung des deutsches Volkes, in: Geschichte der CDU, http://www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Programme_Beschluesse/1945_Koelner-Leitsaetze.pdf (Abruf: 18.9.2020), S. 2.
14 Vgl. Ralf Thomas Baus: Die Christlich-Demokratische Union Deutschlands in der sowjetisch besetzten Zone 1945–1948. Gründung – Programm – Politik (Forschungen und Quellen zur Zeitgeschichte. Bd. 36). Düsseldorf 2001, S. 83.
15 Vgl. Frank Bösch: Macht und Machtverlust. Die Geschichte der CDU. Stuttgart 2002, S. 14.
16 Vgl. ders.: Die Adenauer-CDU. Gründung, Aufstieg und Krise einer Erfolgspartei 1945–1969. Stuttgart u. a. 2001, S. 35 f.
17 Vgl. ebd., S. 38.
18 Vgl. Kleinmann: Geschichte der CDU, S. 35.
19 Ebd., S. 15.
20 Wann und wo das erste Mal die Formulierung von den „drei Wurzeln“ gebraucht wurde, lässt sich nicht ohne weiteres feststellen.
21 Freiheit – Solidarität – Gerechtigkeit. Grundsatzprogramm, S. 1.
22 Siehe Kölner Leitsätze, passim; Berliner Gründungsaufruf, in: Geschichte der CDU, http://www.kas.de/upload/ACDP/CDU/Programme_Beschluesse/1945_Gruendungsaufruf-Berlin.pdf (Abruf: 18.9.2020), S. 1.
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