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Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte ...
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Seitenzahl: 343
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Über die Autorin
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Über das Buch
Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte …
Über Johanna Frid
Beide warten auf Harald: Lebensgefährtin und Mutter. Die eine Anfang 30, die andere Mitte 70. Beide Frauen sitzen in der Wartehalle eines klaustrophobisch kleinen Flughafens im Norden Schwedens. Und sie liefern sich einen Kampf, der einem Strindberg-Drama in nichts nachsteht. Harald musste wegen seiner Tablettenabhängigkeit in eine Klinik, und nun soll er endlich wieder nach Hause kommen. Aber in wessen Zuhause, in das seiner Freundin oder das seiner Mutter? Harald, der Golden-Retriever-Mann, musste sich bisher nie entscheiden. Als Haralds Ankunft sich wegen eines Schneesturms verzögert, eskaliert der Streit. Bis wir alle nicht mehr wissen, zu wem Harald zurückkehren sollte …
Weitere Titel der Autorin:
Nora – Brenn Oslo brenn
Johanna Frid
Haralds Mama
Roman
Übersetzung aus dem Schwedischen von Susanne Dahmann
Vollständige E-Book-Ausgabedes in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Eichborn Verlag
Titel der schwedischen Originalausgabe:
»Haralds mamma«
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2023 by Johanna Frid
Published by Agreement with Grand Agency, Stockholm
Die Gedichtzeilen auf S. 277 sind zitiert aus:
Inger Christensen: alfabet/alphabet
Aus dem Dänischen von Hanns Grössel
Kleinheinrich Verlag, Münster 2001
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2025 by
Bastei Lübbe AG, Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Vervielfältigungen dieses Werkes für das Text- und Data-Mining bleiben vorbehalten.
Die Verwendung des Werkes oder Teilen davon zum Training künstlicher Intelligenz-Technologien oder -Systeme ist untersagt.
Textredaktion: Hanna Granz
Covergestaltung: Guter Punkt, München, nach einer Vorlage von Manuela Städele-Monverde und einem Design von Beatrice Bohman
Covermotiv: © Penta Springs Limited / Alamy Stock Photo
Satz und E-Book-Konvertierung: GGP Media GmbH, Pößneck
ISBN 978-3-7517-8388-0
Sie finden uns im Internet unter eichborn.de.
Für meine Geschwister, natürlich
Hier bist du nun, mein kleiner Liebhaber
auf dem großen Bett deiner Mutter
Ich kann dich küssen, dich halten,
Deine schöne Zukunft erwägen;
Guten Tag, meine kleine Statue
Aus Blut, Freude und nacktem Fleisch
Mein kleiner Doppelgänger, mein Wesen
Cécile Sauvage
Jemand sagte meinen Namen, im Befehlston. Nicht wie ein freundlicher Gruß, sondern wie wenn man in der Sprechstunde beim Onkologen aufgerufen wird. Ein Todesurteil. Es war nur ein Name. Die Frau, die ihn gerufen hatte, betrachtete mich mehr oder weniger lächelnd. Ich trug schmal geschnittene schwarze Hosen mit Bügelfalte und eine Seidenbluse, darunter ein seidenes Unterhemd mit breiter Spitzenkante und ein Paar helle Wildlederschuhe mit hohem Absatz. Über der Schulter hatte ich meinen Mantel drapiert. Er war cremeweiß und französisch.
»Ach, hallo«, sagte ich. Hallo und ach. Mein Mund war trocken, nuschelte ich ein wenig? »Lange nicht gesehen.«
»Das stimmt.«
Das letzte Mal hatten wir uns im Oktober gesehen. Nein, im September. Jetzt war es Dezember, und sie hatte eine gigantische Daunenjacke, Stepphosen und Winterstiefel an. Eine Axt in ihrer Hand wäre nicht weiter aufgefallen, damit könnte sie sich, wenn nötig, durch die norrländischen Wälder hauen und nebenbei noch einen Bären schlachten.
»Im Herbst haben wir uns gesehen«, sagte ich. Ich versuchte selbstsicher zu klingen. Meine Stimme war zu dünn und angespannt. Sie schnitt durch mein Ohr, wo sie zu einer spitzigen Nadel wurde. Ich hoffte, dass sie mich nicht umarmen würde, so in einer Art flauschiger Strafe. Das perfekte Verbrechen.
»Ich wollte trotzdem Hallo sagen«, erwiderte sie bestimmt. »Das war mir wichtig.« Ihr Gesicht sah aus diesem Winkel seltsam aus, irgendwie angefressen vom starken Licht. Die Sonne schien wirklich zu intensiv, es war fast schon anstrengend. »Ganz gleich, was man voneinander hält, sollte man sich doch zumindest Mühe geben. Grundlegende Höflichkeit zeigen. Also, ich finde so etwas wichtig.«
»Das finde ich auch«, log ich.
Ohne zu fragen, zog sie einen Stuhl heraus. Der war aus Metall, und schickte kratzende elektrische Blitze durch meinen Kopf. »Ich darf mich doch wohl hier hinsetzen?«, fragte sie und setzte sich. Das Leben war ein absurdes Theaterstück. Hoffentlich war ich nur eine unbedeutende Zuschauerin, die jederzeit den Saal verlassen konnte. Das Amphitheater. Um welche Art von Sitzplatz es sich auch immer handelte.
»Und jetzt sehen wir uns doch wieder«, stellte sie fest. Ich war eine Zuschauerin, die den Saal nicht verlassen konnte. Wir befanden uns auf einem sehr kleinen Flugplatz irgendwo in Nordschweden. Tatsächlich so weit nördlich, wie man nur kommen kann, ohne in Norwegen oder Finnland zu landen. Schlicht gesagt: Wir waren nirgends. Es gab nicht den kleinsten Ort in der Nähe, der öffentliche Nahverkehr war im Grunde nicht existent. Vielleicht war dies nicht mal ein Flugplatz – das Flugfeld teilte er mit einer militärischen Luftbasis, und technisch gesehen befanden wir uns in dem zivilen Teil, den man Flughafen nennen konnte. War das spannend genug als Gesprächsthema? Konnte man damit eine Konversation aufrechterhalten? Was war mit dem Gebäude, der Umgebung?
»Du bist wahrscheinlich grade erst angekommen, oder?«, sagte sie. »Du hast wahrscheinlich nicht die ganze Nacht hier gesessen. Hast du die ganze Nacht hier gesessen?«
»Ich bin heute früh angekommen.«
Sie schien unbeeindruckt.
»Also, ich habe ja das Auto genommen. Winterreifen. Ich bin die ganze Nacht gefahren. Einmal durchs ganze Land.«
»Von Smygehuk aus? Das ist doch der südlichste Zipfel Schwedens, oder?« Ein Himmelfahrtskommando, hoffentlich.
»Hier nimmt man es aber ganz genau, höre ich!« Sie lachte. Ihr gewöhnliches, herzliches Lachen. »Nein, natürlich aus Linköping. Ich verpasse den Geburtstag eines Enkelkinds, um hier zu sein.« Umständlich zog sie den Reißverschluss ihrer Daunenjacke herunter. »Also, im Laufe der Jahre bin ich natürlich schon eine ganze Reihe Helikoptereinsätze geflogen. So eine kleine Fahrt hin oder her ist da nicht die Welt.«
»Das ist wirklich ganz unglaublich.« Meinte ich unglaublich wie in fantastisch oder wie in unwahrscheinlich? Keine Ahnung. »Und Bengt ist natürlich auch da? Steht in den Kulissen bereit?«
»Bengt ist draußen auf Der Insel.« Diese stählerne Stimme. »Wir müssen jetzt anfangen vorzuziehen. Den Porree.«
Ich hatte es immer schon vermessen gefunden, dass sie das Sommerhaus der Familie so betonte, als gäbe es nur die eine Insel. So wie dieHauptstadt, oder derMessias. Oder Mama.
»Natürlich, ihr setzt jetzt die Kartoffeln.« Ich wollte nicht wissen, wann man Kartoffeln setzt. Im Sommer? Ich hatte so ein vages Bild von rotwangigen Knechten in karierten Hemden, die munter und rhythmisch auf einem Acker arbeiteten. Vielleicht stammte das von einer Chipstüte.
»Nicht vor April.«
Ich vermochte mein Gesicht nicht in die Sorte Falten zu arrangieren, die es aussehen ließen, als würde mir ihr Gemüsebeet irgendetwas bedeuten. Diese deprimierende »Datsche«, die mich einfach nur wünschen ließ, die Altersdemenz möge mich früh abräumen. Wusch.
Die Sonne schien unbarmherzig herein und legte sich in großen Rechtecken über den Boden. Sie wandte das Gesicht zum Licht und demonstrierte Genießen. Da draußen gab es wirklich nichts zu sehen. Glitzernde Schneeweiten. Ich machte Anstalten, aufzustehen, doch ihre kleine Meditation erwies sich als Finte. Sofort schlug sie zu.
»Wie ich hörte, hattest du einen Hotelaufenthalt geplant«, sagte sie. »Natürlich magst du so was.« Sie lachte wieder, und ich sah die Plomben in ihrem Mund.
»Ja, genau. Wir beide.«
»Du.«
»Es ist ein Spa.«
Sie verzog keine Miene.
»Pool. Sauna …« Erfolglos versuchte ich, auf noch mehr bezeichnende und offensichtliche Eigenschaften von Spa-Anlagen zu kommen.
»Soll ja Leute geben, die das mögen. Teuer, sage ich nur. Wo man genauso gut zu Hause baden kann.«
»Wir haben eine Duschkabine.«
»Ach, stimmt ja. Ist eine Weile her, dass ich dort war.« Sie nickte mir zu. Wie bei einem altmodischen Spielzeug war ihr Kopf in einer monotonen Bewegung gefangen.
»So lange, dass du schon wieder vergessen hast, wie unser Bad aussieht?«, fragte ich und versuchte ein eigenes herzliches Lachen. Sie ging nicht darauf ein.
»Spa, soso. Das muss aber auch jemand bezahlen.« Sie seufzte. Sollte ich behaupten, einen Blankokredit aufgenommen oder das Geld zusammengehurt zu haben? Oder ihr einfach den Mund mit meinen Steuererklärungen stopfen?
»Manchmal will man sich etwas gönnen. Ein bisschen feiern.«
»Feiern? Was denn?« Sie hatte das Gesicht einer alten Raucherin, mit dünnen Linien um den Mund.
Ich habe grade eine ästhetische Intimchirurgie machen lassen, und wir wollen die Herrlichkeit einweihen.
Sie kollerte. »Was willst du denn wohl feiern?« Ich wünschte, ich könnte sagen, dass ihr Blick gefährlich glitzerte, brandgelb und furchteinflößend mit schmalen Pupillen, aber ihre Augen sahen immer noch aus wie von saurem Regen gespeiste Weiher. »Eine Sünde ist das, so viel Geld für so was auszugeben. Aber vielleicht ist das eine Generationenfrage. So wie man auch immer das neueste Handymodell haben muss.«
Ihr Gesicht softete die Umgebung ab, verwandelte sie in Hintergrundrauschen und machte die übrigen Wartenden zu gesichtslosen Statisten. Ich saß immer noch auf dem Stuhl, von dem mich zu erheben ich nicht geschafft hatte. Ich wollte aufstehen oder wenigstens die Beine übereinanderschlagen, mir eine Locke hinters Ohr streichen, war aber auf peinliche Weise festgefroren. Am liebsten hätte ich mein Gesicht in den Händen verborgen. Kuckuck. Ihr wurde anscheinend langsam warm in den dicken Klamotten. Sie redete weiter, an meinem Passus nicht interessiert.
»Nun, was uns betrifft, wird es kein Poolgeplantsche geben. Einfach auf direktem Weg zur Insel. Im Winter ist es da auch sehr schön. Aber das kannst du ja nicht wissen. Bengt wird nicht gerade begeistert sein, wenn wir kommen, aber ich glaube, er fährt dann einfach für ein paar Tage nach Linköping. Dann kriegt er ein bisschen Zeit für sich alleine, und wir haben Zeit für uns.« Sie lachte mit weit geöffnetem Mund. War das, was ich als herzlich interpretierte, in Wirklichkeit ein verzweifeltes, hysterisches Lachen?
»Wir werden es uns einfach eine Woche gut gehen lassen. Oder zwei, oder drei. Wir haben es so gut da draußen. Einfach nur gut. Und im Grunde hatten wir es auch letzten Sommer sehr gut dort.« Sie wandte den Blick ab. In meinen Schläfen begann es zu pochen. »Wenn man sich mal all das andere wegdenkt, das da passiert ist.« Sie sah mich wieder an, und jetzt war ihr Tonfall forsch.
»Man muss nach vorne denken! Die Insel ist ein wohltuender Ort. So ist es einfach. Sie bedeutet uns sehr viel. Wir haben sie ja schon lange in der Familie. Manchmal fließen die Jahre einfach ineinander. Wenn ich nach einem späten Bad am Abend so dasitze, während die Sonne untergeht und das Handtuch immer noch feucht ist, dann ist es, als könnte ich meinen Vater nach mir rufen hören. Nicht, weil ich Hellsehen könnte oder irgendwie spirituell wäre oder so«, versicherte sie mir. Es bestand nicht die geringste Gefahr, dass ich sie in irgendeiner Weise für spirituell halten könnte.
»Und dann wieder fühlt es sich genauso an, wie als die Kinder klein waren. Mein kleiner Bub! Stundenlang konnte er draußen sein. Bei jedem Wetter! Kälte spürte er gar nicht. Den ganzen Tag lief er in Badehosen herum. Oder einfach nur mit einem Hut. Egal welchem Hut. Ja, du kannst dir vorstellen – obwohl, wie solltest du das können –, wie glücklich er als Kind war. Geschwommen ist er wie ein Seehund. Geklettert wie ein Äffchen. Lief herum und zog an seinem kleinen Pimmel. Er war so neugierig. Du weißt ja, wie kleine Jungs sein können. Interessiert an allem, von Atomwissenschaft bis wie Kinder entstehen. Er war so süß. Aber auch hart im Nehmen. Der konnte was vertragen. Einmal lag eine tote Ratte auf dem Plumpsklo, und er stürzte sich hinein – stürzte sich hinein –, holte sie raus und schmiss sie weg! Dann gab es natürlich eine Beerdigung. Das hat er so schön arrangiert. Ich will hier nicht groß angeben, man wird ja auch leicht ein bisschen betriebsblind, aber er ist ja auch so musikalisch! Wenn man das nicht in sich hat, kommt man schließlich nicht in einen Kompositionsstudiengang rein. Wenn ich es mir recht überlege, sehe ich in der Hinsicht doch ziemlich klar. Er hat schon damals alles eingesammelt, es konnte ein Stock oder ein Stein sein, und er hat Musik erschaffen.« Sie verstummte, nachdenklich, konzentriert. »Ja, so ist es.«
Man soll niemals einem fremden Hund in die Augen starren. Dann beißt er. Wenn der Hund einen Ausfall macht und einem sein stinkendes Maul in den Arm schlägt, dann soll man nicht an dem Arm ziehen, denn das lässt ihn noch fester zubeißen. Man muss den Arm in die Richtung des Kiefers drücken, bis der Hund loslässt. Und die Polizei rufen, damit sie kommt und ihn mit einem einzigen Schuss tötet.
»Aber diesmal werden wir ein bisschen Sachen reparieren und uns beschäftigen.« Nüchterner Tonfall. »Das Dach der kleinen Hütte muss dringend gemacht werden, zusammen kriegen wir immer so viel geschafft. Wir sind ein richtig gutes Team. Bengt ist auch tüchtig, aber das ist ja nicht dasselbe. Vielleicht nehmen wir auch ein kleines Winterbad. Aber erst müssen wir mal runterfahren! Eine verdammt lange Reise.«
Sie verschränkte die Arme vor der Brust. Würde sie mir eine Zigarette anbieten, wie man es mit Kriegsgefangenen macht, ehe man ihnen den Nackenschuss gibt? Oder eine letzte Mahlzeit? Das Angebot im Flugplatzkiosk war nicht gerade üppig. Ein Twix, eine Flasche Mineralwasser. Und tschüss.
»Deshalb war es also gar nicht nötig, dass du extra hierhergekommen bist. Nun, das war jetzt echt eine lange Erklärung, aber mehr wollte ich eigentlich gar nicht sagen. Und natürlich Hallo.«
Ding – dong. Jemand räusperte sich im Lautsprecher, und es knackte:
»Eins, zwei, eins. Test, Test.« Der Conférencier eines Bingo-Abends in der Hölle.
»Guten Tag, werte Passagiere! Wir haben keine guten Nachrichten, aber davon lassen wir uns doch nicht diesen schönen Tag ruinieren!« Diesen schönen Tag. Wolkenfreier Himmel.
»Aufgrund von Eis auf der Startbahn wird sich der Flug von Strömme verspäten.« Eis auf der Startbahn? Ich befand mich näher an der Nordkalotte, als ich in meinem ganzen Leben je gewesen war. Es konnte doch wirklich nicht das erste Mal sein, dass man hier auf das Phänomen Eis traf.
»Derzeit rechnen wir mit einer anderthalbstündigen Verspätung.«
Haralds Mama rief etwas Gekränktes, ich konnte die Worte nicht richtig verstehen, aber es war offensichtlich, dass sie das hier als einen persönlichen Affront nahm. Etwas sank durch mich hindurch, Blei, etwas schrecklich Schweres und potenziell Lebensbedrohliches. Mein Flug nach Stockholm. Meine Rettungsleine. Meine letzte Verbindung zur Zivilisation. Zur Wirklichkeit.
»Wegen der großen Anzahl von Passagieren, die von Strömme weiter in unsere wunderschöne Hauptstadt reisen wollen, haben wir den Abflug auch dieses Fluges verschoben. Wir melden uns, sobald wir weitere Informationen haben!« Du bist lobotomiert, sagte ich zu mir selbst. Im Moment hast du keine Gefühle. Du hast das Recht zu schweigen. Alles, was du sagst, kann und wird in einem Gerichtsverfahren gegen dich verwendet werden. Du hast das Recht auf einen Anwalt …
»Nature calling«, sagte ich und schaffte es endlich, mich in die Vertikale zu bringen. Wild starrte ich um mich auf der Suche nach einer Toilette, nach dem gesegneten Schild, das signalisiert: HIERKANNSTDUDICHVERSTECKEN. Ich ließ mein Plastiktablett auf dem Tisch stehen und bemerkte im Vorbeigehen, dass es identisch mit ihrem war: weiße Kaffeetasse, in Folie gewickelte Stulle, Roggenbrot. Aus irgendeinem Grunde hatte sie auch eine Birnenlimonade im Tetra mit Trinkhalm gekauft. Wie idiotisch musste man sein? Ich merkte, dass meine Hände in Pfötchenstellung erstarrt waren. Entspann dich, entspann dich, du hast keine Gehirntätigkeit im Frontallappen, vegetativer Zustand. Unter den Achseln und auf der Stirn war ich nass, die Bluse saß wie auf den Körper geleckt. Es gibt keinen Grund zur Panik, rufen die Feuerwehrleute immer, wenn sie eigentlich meinen: RAUSAUSDEMGEBÄUDE, UNDZWARSOSCHNELLWIEMÖGLICH. Das Licht war gelb, ein Kind kreischte laut und durchdringend. Weinte ich? Vor Wut? Ich fuhr mir in einer hoffentlich unbemerkten Bewegung mit der Handwurzel über die Wange. Aus Enttäuschung? Nein. Ich weinte nicht.
Freud meint, Angst heißt, sich zu fürchten, ohne zu wissen wovor. Was ich sagen kann, ist, dass ich unspezifiziertes Entsetzen empfand. Vielleicht ist Entsetzen nur das, was uns fremd ist, das wortlos Schreckliche. Genau wie Scham – das Geheime und Verletzliche, was offenbart wird. Ich glaube, dass die Scham und das Entsetzen die Wortlosigkeit gemeinsam haben. Wir sagen, wir würden der Wahrheit ins Auge blicken, und vielleicht ist die Wahrheit das, was wir wissen, oder wovon angenommen wird, dass wir es wissen, oder was wir zu wissen meinen. Die Landschaft, in der wir unterwegs sind, ist das Unbekannte. Oder alles – die Scham, das Geheime und das Entsetzen – ruht in dem, was Freud Das Unheimliche nannte. Das Unbehagliche in dem, was wir gut kennen, oder das Fremde in dem, was uns wohlbekannt ist.
Der menschlich glitzernde Blick eines Affen. Sie erinnerte mich an irgendetwas, oder etwas gehörte für mich mit ihr zusammen – etwas Altes, ein Gefühl von Unbehagen, das älter war als mein Körper, mein Blut, meine Erinnerungen. Die Assoziationskette war natürlich meine eigene: chinesisches Waterboarding, verrückte Hunde, die sich von der Koppel, an der sie festgezurrt sind, losreißen und kleinen Kindern ins Gesicht beißen. Die erste Frau, die eine Gesichtstransplantation bekam – sie wurde tatsächlich ziemlich hübsch –, war von ihrem Papillon angegriffen worden, als sie unter Schlaftabletten stand und wehrlos war.
Genau. Drogen. Wenn man sagt, dass etwas wie eine Droge ist, dann meint man das im Prinzip positiv unwiderstehlich. Diese Frau hier war insofern eine Droge, als sie in gewissen Umgebungen unvermeidlich war und der Kontakt mit ihr die Wirklichkeit instabil und überwältigend machte, überwältigend und surreal. Destabilisierend. Du meinst, das hier wäre der Fußboden? Es sieht der Decke verdächtig ähnlich.
Ich schloss mich in eine Toilettenkabine ein und drückte die Stirn gegen die Kacheln. Meine Stimme war pädagogisch: Du bist nicht gefangen genommen. Du wirst nicht als Geisel gehalten. Du befindest dich nicht in der Hölle. Das hier ist nicht der Teufel, der sich neben dir für einen kleinen Small Talk niedergelassen hat. Der Teufel hat Ziegenfüße. Der Teufel trinkt keine Birnenlimonade. Haralds Mama war eine ganz gewöhnliche Frau, die ihren Sohn treffen wollte, nachdem dieser sechs Wochen in einer Rehaklinik im norwegischen Fjäll verbracht hatte. Die große Frage war, warum ich dort war und ihren Sohn treffen wollte, nachdem er sechs Wochen in einer Rehaklinik im norwegischen Fjäll verbracht hatte.
Harald, ja. Wenn er ein Hund gewesen wäre, dann ein Golden Retriever. So einer, der voller Lust auf das Agility-Feld galoppiert, um dann ohne Vorwarnung von der Hindernisbahn abzubiegen, weil er einen Tennisball erspäht hat, wie blöd loszurasen und stolz und überglücklich mit einem riesigen Stock wiederzukehren. Golden Retriever. Freundliche Tiere mit starker Disziplin – Führhunde, Hunde, die Tumore und Diebe erschnüffeln können, Hunde mit dem glücklichsten, gewinnendsten Lächeln. Ein Hund, der mit der Nase unter dem Schwanz einschläft und dann mit schwarzen Tatzen angetrappelt kommt, die Pfote auf seinen Menschen legt und sagt: Du bist schön, und ich auch.
Es hat mich selbst erstaunt, dass ich mich in Harald verliebt habe. Es gab so viel von ihm, wie es auch bei Golden Retrievern der Fall ist. Bevor ich ihn kennenlernte, war ich kein Hundemensch. Und er wedelte zwar nicht mit dem Schwanz Blumentöpfe oder kleine Kinder um und badete auch nicht im Wassernapf, aber er gehörte zu den Männern, die immer zu groß für Stühle und Tische sind und deren Hemden über dem Bauch immer aufspringen. Harald redete zu viel, zu engagiert und verstreute ständig Kekskrümel, Snusdosen und alte, zerknüllte Kassenbons um sich herum. Er war eifrig, während ich voller reservierter Vorbehalte war, bärenhungrig im Vergleich zu meinem lustlosen Appetit, und neigte manchmal dazu, über burlesken Humor und Menschen, die auf den Hintern fielen, zu lachen. Sein Enthusiasmus war überwältigend und entzückend. Vor allem war er da: Ich konnte jederzeit meine Stirn an seinen zotteligen Kopf legen, an seinen Haaransatz, der nach einem ungeplanten Renneinsatz verschwitzt war.
Als wir uns kennenlernten, war Harald gerade im Begriff, sein Jurastudium abzuschließen und suchte einen Job. Irgendwann wollte er Richter werden, und bis dahin hatte er sich vorgenommen, für soziale Gerechtigkeit zu kämpfen. Ein bisschen was schreiben, Leben retten, die Gesellschaft verändern. Ich glaube, er identifizierte sich als Marxist. Auf einer Party hörte ich einmal, wie er sich lang und breit über den Unterschied zwischen Stalinismus und Trotzkismus ausließ – »Trotzki war es, der das Konzept der permanenten Revolution geschaffen hat« – und machte sofort in der Tür kehrt. Er erzählte, dass sein Vater für Demokratie und sauberes Wasser in Nicaragua gekämpft hätte, oder so was in der Art, und vor zehn Jahren bei einem Autounfall auf der E4 ums Leben gekommen war. Der Vater war Haralds großes Vorbild und die Trauer seines Lebens. Anscheinend war er sehr melancholisch gewesen, nicht praktisch veranlagt, verträumt. Zutiefst deprimiert. Zumindest war das die Gestalt, die aus Haralds Erzählungen vor mir entstand. Die Mutter schien nach dem, wie er sie beschrieb, eher das Gegenteil zu verkörpern: kerngesund und praktisch wie ein Dosenöffner. Sie war eine Frau, die Dinge verändern und erledigen konnte. Sie säuberte Gärspunde oder reparierte ein Dach und vergaß gleichzeitig nicht, ihre Dienstmails zu beantworten. »Sie ist schrecklich effektiv«, erklärte Harald zufrieden.
Einen Teil seines Charmes machte Haralds hemmungslose Leidenschaft für bestimmte Dinge im Leben aus: Oper, Tomatenzucht, Italien – er nannte sich selbst ohne eine Spur von Ironie italophil – und vor allem italienisches Essen. Er hatte mal einen Pasta-Kurs in Rom absolviert und in Bologna gelernt, Focaccia zu lieben. Er hatte in Bangkok ein fantastisches Pho gegessen und in Shanghai einen frischen Litschi-Saft getrunken, von dem er nachts immer noch träumte. Wenn wir ausgingen und aßen – wir gingen aus und aßen (bis dahin war ich immer nur aus sozialem Pflichtbewusstsein in ein Restaurant gegangen) – fachsimpelte er gern über die Weine. Er stellte Fragen zu Trauben und Tälern, Jahren und Noten: schwarze Johannisbeerblätter, Grapefruit. Wenn der Kellner sich dann mir zuwandte, sagte ich immer ganz zuckersüß: »Bitte den billigsten auf der Karte.« Dann lachte Harald und ließ seinen Blick verliebt auf mir ruhen. Ich weiß nicht, warum es sich so wichtig anfühlt, aber einmal hörte ich ihn in einem samstäglich gestimmten Staatlichen Alkoholgeschäft ausrufen: »Wie ist das hier eigentlich sortiert? Kalabrien steht neben der Toskana!« Ich versteckte mich schnell hinter einem Pfeiler.
Wir lernten uns auf einer Konferenz in Lund kennen, wo ich einen Teil meiner Dissertation vor einer Gruppe mittelmäßig interessierter älterer Männer, ein paar jüngeren, sehr eifrigen Studenten und lauter unbekannten Gesichtern vorstellte. Und dann war da noch diese wuschelige Blondine, die, wie sich herausstellte, Harald war. Meine Forschung war Teil eines Cross-over-Wissenschaftsprojektes, das »Gewalt als Phänomen, Symbol und Träger von Emotionen in einem kulturhistorischen Kontext« untersuchte, und das war genau so wenig exakt, wie es klingt. Seit drei Jahren schon feilte ich an einer Dissertation, in der ich Le Cid von Pierre Corneille, ein Drama des 17. Jahrhunderts, zum Ausgangspunkt nahm, das am mittelalterlichen Hofe von Kastilien spielt. Der Kern der Sache, oder das, was ich in einem oberschlauen Moment beschlossen hatte, als den Kern der Sache zu betrachten, war ein Streit zwischen zwei rivalisierenden Adligen darüber, wer die Gunst des Königs am meisten verdiente. Der jüngere Adelsmann erteilt dem älteren eine Ohrfeige, was automatisch ein Duell verlangt, denn der Ältere muss seine Ehre verteidigen können. Die Ohrfeige wurde damals als sehr kraftvolle Geste der Verachtung betrachtet. Als würde man heutzutage jemandem ins Gesicht spucken. Meine Fragestellung bewegte sich darum, inwiefern diese Szene »Konstruktionen von Maskulinität und Kaste im Übergang zum Kapitalismus« widerspiegelte. Nach drei Jahren war offenkundig, dass das Material keinen einzigen der Schlüsse unterstützte, auf die ich gehofft hatte (etwas zwischen Phänomenologie und Don Draper), doch da niemand am Institut dem Projekt gegenüber ein irgendwie geartetes Interesse zeigte, ließ ich es auf sich beruhen. Es passte mir gut so. Ich war keine astreine Akademikerin, mein Denken war zu assoziativ und unstrukturiert, und oft erwartete ich, dass der Leser uninteressante Lücken und Passagen selbstständig ausfüllte. Meine Betreuerin wies mich einmal darauf hin, dass ein Abschnitt eher in die Kategorie Prosa-Lyrik gehören würde. An etwas Prosa-Lyrik sei noch niemand gestorben, konterte ich. Karolina warf mir einen skeptischen Blick zu und meinte, dieses Genre hätte zwar noch zu keinen Todesfällen, aber durchaus zu Nahtod-Erlebnissen geführt. Wie auch immer: Zum Zeitpunkt der Konferenz in Lund, die kurz und knapp den Titel Veränderungen trug, war ich halb krankgeschrieben und besaß keine nennenswerte Energie mehr, die ich in irgendein literarisches Genre hätte investieren können.
Meine Krankschreibung rührte daher, dass ich acht Monate zuvor in meinem örtlichen Supermarkt das Bewusstsein verloren hatte und auf dem Fußboden aufgewacht war. Es war ein Albtraum, genauer gesagt, ich konnte mich damals nicht entscheiden, ob ich mich in einem Albtraum befand oder ob ich wirklich auf einem unbekannten Fußboden aufgewacht war, umgeben von Fremden, die besorgt um mich herum hockten. Ernst und aufgeregt erklärten sie, dass ich einen Krampfanfall gehabt hätte und dass der Notarzt unterwegs sei. Sie wiederholten es immer wieder, als würde mir das helfen, mich in Zeit und Raum zu orientieren. Wenn jemand mich gefragt hätte, wer Ministerpräsident ist, dann hätte ich Olof Palme geantwortet. Es war mein erster epileptischer Anfall, und hinterher lernte ich, dass dieses Gefühl, Zeit und Ort und das Wissen um überhaupt irgendetwas zu verlieren, ein Teil dessen war, was man postiktalen Zustand nennt. Erinnerungsverlust ist eine andere verbreitete Folge der Anfälle – man erinnert sich nicht, was in den Minuten passiert ist, bevor das Gehirn sich selbst einen nachlässigen elektrischen Stoß versetzt hat, und es fällt einem schwer, sich zu erinnern, was direkt danach geschehen ist. So hatte ich freundlicherweise auch keinerlei Erinnerung daran, dass ich im Krankenwagen einen neuerlichen Anfall erlitt und dann noch zwei weitere, als meine Tante neben mir saß, eine beunruhigte Angehörige auf einem Plastikstuhl neben dem Krankenhausbett, die panisch nach dem Pflegepersonal zu schreien begann und irgendeinen roten Knopf drückte. Als sie es mir hinterher erzählte, war mir dieses Ereignis ganz, vollkommen, zu hundert Prozent unbekannt.
Nach MRT und neurologischen Untersuchungen stellte man fest, dass an meinem Gehirn keine Auffälligkeiten zu erkennen waren. Es gab Tausende von Auffälligkeiten in meinem Gehirn. Wie hatten sie die übersehen können? Die irritierte und irritierende Neurologin sagte zu mir, dass ich ordentlich essen, ordentlich schlafen, mich ordentlich bewegen, so wenig Alkohol wie möglich trinken und mich nicht auf irgendwelche Stühle stellen solle.
»Wir sind auf keinerlei Hinweise gestoßen, dass es sich um Epilepsie handeln könnte. Ihre tonisch-klonischen Anfälle sind das, was wir provoziert nennen.«
»Provozierend?«, fragte ich. Ich stellte mich dumm. Sie war nicht die Einzige im Raum, die irritiert war.
»Provoziert. Provozierte Anfälle. Sie haben etwas getan, weshalb sie diese Anfälle bekommen haben. Es handelt sich um psychischen Stress. Sie müssen jeglichen Stress vermeiden.«
Nachdem ich mich schon verabschiedet hatte, sagte sie es noch einmal: »Psychischer Stress.«
Dieser Rat war nicht sonderlich konkret. Wie gesagt wurde ich teilzeitkrankgeschrieben und von der Last des Lehrens befreit, und man versicherte mir, dass ich mir alle Zeit nehmen könne, die ich bräuchte, um die Dissertation abzuschließen. Niemand hatte mir dagegen gesagt, dass die Krampfanfälle oder die Gehirnerschütterung mich dumm machen würden. Bescheuert. Wissen und abstrakte Gedankengänge waren wie aus meinem Kopf geschlagen worden, ebenso wie die Fähigkeit, Karten zu lesen – kein größerer Verlust – oder mir Zifferkombinationen zu merken. Das war erschreckend, aber auch interessant, weil ich mir selbst die einfachsten Fakten, die ich in der Grundschule gelernt hatte, neu vergegenwärtigen musste – Säugetiere gebären lebende Junge und Krokodile schlüpfen aus dem Ei! –, aber auch alten Tratsch: Großvater behauptet, er hätte eine Vasektomie gehabt, und erinnerst du dich, wie der Hund von Urgroßmutter Elly den Briefträger gebissen hat? Ich reagierte ebenso exaltiert oder indigniert, wie wahrscheinlich damals, als ich die Geschichte zum ersten Mal gehört hatte. Und eine Kuh hatte vier Mägen. Vier!
Meine pochende Angst davor, niemand mehr zu sein, zu einem völligen Nichts geworden zu sein, war die vornehmliche Ursache dafür, dass ich mich bereit erklärt hatte, an der Konferenz in Lund teilzunehmen. Die Blutergüsse in meinem Gesicht waren längst verblasst – wie idiotisch musste man sein, sich bei einem Sturz mit dem Gesicht abzufangen? – und mein Name würde gedruckt oder zumindest schwarz auf weiß in irgendeinem PDF stehen, das niemand anklicken würde. Vielleicht würde ein Hotelzimmer dabei herausspringen, mindestens aber ein kostenloses Abendessen. Was Harald auf einer Konferenz über Kultur und Politik der frühen Moderne zu suchen hatte, entzieht sich meiner Kenntnis. Eine nicht völlig unwahrscheinliche Erklärung ist, dass er aus reiner Zerstreutheit (er studierte zu der Zeit noch an der Universität Lund) versehentlich in den falschen Vorlesungssaal geraten war oder dass er irgendwo gehört hatte, dass dort Wein ausgeschenkt würde.
Als ich dabei war, meinen Vortrag »abzurunden«, wurde offensichtlich, dass Harald kein bisschen von dem mitbekommen hatte, was ich bisher gesagt hatte, oder zumindest zu einer sehr freien Interpretation davon gelangt war. Er meldete sich zu Wort und begann erst mal damit, den Text hinsichtlich der geschlechtlich einseitigen Verteilung von Gewalt in nahen Beziehungen zu interpretieren. Und fragte, warum ich mich nicht entschieden hätte, ein aktuelleres Werk zu untersuchen. Darauf folgte ein längerer Exkurs über Feminismus. Wenn Harald anfing zu reden (das lernte ich später), war es, als hätte jemand auf einen Knopf gedrückt: Er konnte einfach nicht wieder aufhören. Und in der Regel scherte er sich auch nicht um sein schwerfälliges Tempo oder darum, die Satzmelodie seiner Ausführungen zu variieren – was rätselhaft ist, weil er ein klassisch ausgebildeter Sänger war – und er war auch nicht sonderlich daran interessiert, die Zuhörer bei seiner eigenen Argumentation mitzunehmen. Als es mir endlich gelang ihn abzuwürgen, kochte ich bereits vor Wut. Und ja, auch vor Verachtung. Vielleicht war ich noch nie zuvor so engagiert für meine Dissertation Le Cid. Würde und Macht: Geschlechterkonstruktionen im Drama des europäischen 17. Jahrhunderts eingetreten, wie in diesem Moment. Und ich war sehr zufrieden mit meiner abschließenden Replik:
»Falls Sie entgegen aller Vermutung meine Abhandlung gelesen haben sollten, können Sie jetzt Ihr Exemplar nehmen und sich damit den Arsch abwischen. Sollten Sie den Text als E-Book gelesen haben, dann können Sie auch wunderbar Ihr iPad dafür benutzen.« Ich schob meine Papiere zu einem ordentlichen Stapel zusammen. »Ansonsten gibt es sicher unten am Eingang noch ein Exemplar für Sie.«
Zehn Minuten später kam Harald mit zwei Gläsern in der Hand auf mich zu und blickte mich so reuevoll an, dass ich mich fast genierte. Er reichte mir eins der Gläser.
»Ich bin leider etwas zurückgeblieben, aber vielleicht möchten Sie trotzdem ein Glas Schaumwein?«
Ich nickte, gnädig, freundlich, aber desinteressiert nachsichtig.
»Da ist Rohypnol drin.«
Ich stellte das Glas weg.
»Entschuldigung, das war auch nicht lustig.«
Ich nahm das Glas wieder.
»Verzeihung, das war richtig doof, sowohl das mit dem Rohypnol als auch alles da beim Vortrag, saudoof. Entschuldigung.« Er wischte sich die Stirn und schob eine blonde Strindberg-Locke zur Seite. »Ich weiß einfach so viel über Dramatik des 17. Jahrhunderts, dass ich nicht mehr aufhören kann, darüber zu reden – war das ein guter Witz? Wie auch immer, es war übergriffig von mir zu glauben, dass Sie Opfer von Gewalt in nahen Beziehungen gewesen sein könnten. Und wenn es doch der Fall wäre – was ich absolut nicht voraussetze! –, dann tut mir das ebenfalls sehr leid. Ich habe kein auch nur irgendwie geartetes Recht, mich in die Wahl Ihres Themas einzumischen, in das Sie sich offensichtlich extrem eingearbeitet haben, leider kann ich nur manchmal einfach das Maul nicht halten, ich bin wie einer von den Jungs, die ganz vorne im Seminar sitzen und die Antworten erraten, anstatt eins der Mädels, die sich wirklich vorbereitet haben, reden zu lassen …«
Es war rührend, jemanden, der so breitbeinig und bequem zurückgelehnt dagesessen hatte, so bombenfest in seinen Ansichten, jetzt dabei zu beobachten, wie er eine komplette Kehrtwendung beschrieb und vor Nervosität vibrierte.
»Das war so dumm und ich bin …«
»Sie sind FIE.«
»Was?«
»Fuckable In Emergency.«
Wir tranken noch fünf weitere Gläser, dann gingen wir auf mein Hotelzimmer.
*
Leider wohnte Harald in Malmö, in einer heruntergekommenen Einzimmerwohnung, für die seine Mutter und er ein Hochbett geschreinert und in der Diele eigenhändig neuen Boden verlegt hatten, weil der alte von schwarzem Schimmel und Jungssperma aufzuspringen drohte. Es war keine Fixerbude, sondern eine Wichserzelle, belagert von zu dicken Büchern mit Titeln wie The Oxford Handbook of Jurisprudence and Philosophy of Law, aber es war trotzdem schlimm. Ich war gerade erst nach einem Jahr in Lund, das mich am Ende vollkommen apathisch gemacht hatte, zurück nach Stockholm gezogen. Mein Heimweh war mit der Zeit wortlos und schlaflos geworden. Ich wollte einfach nur nach Hause.
Eines Tages im Januar rief Harald mich an und erzählte, dass er einen Job in einer Anwaltskanzlei bekommen hätte. Eine einjährige Vertretung in einer Anwaltskanzlei in Malmö.
»Sagtest du Malmö?«, fragte ich.
»Malmö.«
»Willst du mich nicht fragen, ob ich mitkommen möchte?«, erkundigte ich mich.
»Ich dachte, du willst Stockholm nie wieder verlassen«, erwiderte Harald.
Ich hörte, dass er auf den Fingernägeln kaute.
»Korrekt«, gab ich zurück.
»Du hast gesagt, Malmö wäre ein Ort, wo Menschen hinkommen, um zu sterben oder von noch viel Schlimmerem heimgesucht zu werden.«
»Exakt.«
»Du hast auch gesagt, dass du mit mir leben willst und dass du die nächste Zeit viel von zu Hause arbeiten könntest.«
Ich sah mich im Wohnzimmer um. Ich wohnte noch nicht lange in der Wohnung, die mir nach langem Warten über die kommunale Wohnungsvergabe zugefallen war. Sie war immer noch leer und kahl, nur zur Hälfte eingerichtet, weil ich viel Zeit bei Harald in dem satansverdammten Fotzen-Malmö verbrachte. Meine Wohnung hatte ein großes, halbfranzösisches Fenster, das auf ein kleines Waldstück hinausging. Die Baumspitzen vor dem flammend roten Winterhimmel waren schwarz und kompliziert.
»Malmö«, sagte ich noch einmal.
Um wieder zu meiner Arbeit zurückzufinden, brauchte ich einen Ort absoluter Einsamkeit, wo das Gehirn nicht von Freunden und Release-Partys und Treffen an der Uni abgelenkt wurde. Malmö würde wie ein Kloster für mich sein: ein fensterloser Raum mit kahlen Wänden, der mich in keiner Weise ablenken würde. Ich würde tagsüber Simone Weil sein, und abends würde Harald nach Hause kommen, frischen Thunfisch zubereiten und mir erklären, wie ein Crescendo aufgebaut ist, um dann mit meinem langen, dunklen Haar emotional Sex zu haben. Waren das nicht die Dinge, nach denen es jeden Menschen im Leben am meisten gelüstete?
Ich verabscheute Malmö, aber einfach zu fliehen schien vollkommen natürlich. Das haben die Menschen zu allen Zeiten getan. Und manchmal kehrten sie auch zurück.
»Ein Jahr«, sagte ich.
»Was?«
»Du kriegst ein Jahr«, sagte ich.
Haralds imaginärer Schwanz klopfte eifrig auf den Fußboden.
»Ich habe was Dummes gemacht«, sagte ich eine Stunde später am Telefon zu meiner Tante. Ich saß immer noch da und starrte zum Himmel. Der war dunkel geworden, bald mitternachtsblau, ein Dämmerungsmärchen. Würde ich diesen Ort vermissen? War es ein Zuhause? Würde ich mein Zuhause verlieren? War Harald mein Zuhause?
»Harald hat einen Job in Malmö.«
»Oh«, flötete sie in dieser Mischung aus authentischer und forcierter Begeisterung, wie sie nur meine Tante aufbringen konnte. Sie hatte eine unglaubliche Stimme. Bedeutend melodiöser als Harald mit seiner klassisch geschulten Stimme.
»Wirst du hinziehen?«
»Tatsächlich habe ich das aus Versehen gesagt. Aber nur für ein Jahr. Keinen Tag länger! Keine verdammte Sekunde länger.«
»Malmö ist wunderbar.«
»Wunderbar.« Ich war nicht sicher, ob ich wirklich von ihr überzeugt werden wollte, dass dieser Umzug eine gute Idee war.
»Du kannst am Meer entlangschlendern und über den Sund bis nach Dänemark schauen. Und dann die vielen Restaurants. Der Pildammsparken. Die Leute sind nett in Malmö. Sie sind freundlich. Die schönen Häuser und die Kanäle, die sich durch den ganzen Stadtkern ziehen, und Gislöv und Österlen in der Nähe. Das ist alles furchtbar schön.«
»Ja«, sagte ich und notierte das Wort furchtbar.
»Es wird ein Abenteuer.«
Wie zum Teufel konnte ein Jahr in Malmö ein Abenteuer sein?
»Und ihr könnt zusammen sein. Ist es denn jetzt was Festes?«
Ich zögerte mit der Antwort. Fest oder nicht fest? In zehn Jahren sah ich Harald ebenso wenig an meiner Seite, wie ich mir mich selbst mit der futuristischen Frisur vorstellen konnte, die ich dann wahrscheinlich tragen würde.
»Willst du ein Büro mieten?«
Sie würde mir diese Sache nicht ausreden, so viel stand fest.
»Malmö ist ein Büro. Graue Wände und nichts, woran der Blick hängen bleiben könnte. Ich kenne da kein Schwein.«
»Das muss aber ja nicht schlimm sein. Ruhe zum Arbeiten.«
Das stimmte. Trotz meiner Sehnsucht nach Stockholm war ich vollkommen überwältigt und sehr irritiert über den steten Strom von Menschen, den diese Stadt mit sich brachte. Alte Freunde, enge Freunde, Personen, mit denen ich einen Kaffee trinken sollte, »wollen wir am Wochenende mal spazieren gehen?«. In Malmö kannte ich niemanden.
»Vielleicht brauchst du die Einsamkeit, um zu deiner Kreativität zurückzufinden. Zu dem, was du bist.«
Ich war nicht wirklich davon überzeugt, dass es der Mangel an Kreativität war, der meine wissenschaftliche Arbeit ins Stocken gebracht hatte. Wie gesagt: Meine Ideen zur Gunst des Königs und Don Draper waren ziemlich kreativ.
»Erinnerst du dich, was ich dir von Der Weg des Künstlers erzählt habe?« Damit traktierte meine Tante mich nun schon seit über zehn Jahren. Es war ein Selbsthilfe-Buch, das in diesem Genre bereits ein Klassiker war, bevor diese Art Bücher überhaupt zu einer etablierten Kategorie wurde. Manche Menschen fanden zu den Anonymen Alkoholikern. Meine Tante hatte zum Weg des Künstlers gefunden. Die Botschaft des Buches war, dass alle Menschen – Bankdirektoren, Ökonomen, Sekretärinnen – imstande waren, die Kreativität zu befreien, die sie unweigerlich in sich trugen. Jedes Kapitel wurde mit abgenutzten Zitaten und Beschreibungen eingeleitet, die am ehesten einer Patienten-Fallbeschreibung ähnelten (»Edwin war in der bildenden Kunst sehr begabt, wurde aber schon als Kind dazu gedrängt, in die Wirtschaft zu gehen«). Darüber hinaus bestand es aus positiven Bestätigungen und anregenden schriftlichen Aufgaben. Die wichtigste Übung waren die Morgenseiten. Wer endlich begriffen hatte, dass es möglich war, die vorgefassten Meinungen, die man über sich selbst hegte (im Stil von: Man muss nicht schlank und beweglich sein, um Yoga-Lehrerin zu werden!), loszulassen, sollte jeden Tag damit beginnen, die Hand frei über ein leeres Blatt Papier gleiten zu lassen, ohne dabei einen einzigen Gedanken zu denken. Da konnte alles Mögliche bei herauskommen! Und es würde alles Mögliche herauskommen!
Das Ritual galt als heilig und sollte unbedingt täglich durchgeführt werden. Die völlig unbestimmten Morgenseiten sollten zu persönlicher Entwicklung, Selbstvertrauen und Selbstgefühl, sowie der Einsicht führen, dass es eine Verbindung zwischen der eigenen Kreativität und einer höheren Kraft gab. So konnte der Bankdirektor vielleicht darauf kommen, sich zum Töpfermeister umschulen zu lassen. Eine Kindergartenerzieherin konnte sich endlich den Traum von einem Kurs in Modern Dancing erfüllen und so weiter.
Mir war allerdings nie richtig klar geworden, auf welche Pfade der Weg des Künstlers mich nach Ansicht meiner Tante leiten sollte.
Meine Tante hatte langes dunkles Haar mit einer grauen Susan-Sontag-Strähne vorn und Schlupflider. Sie trug schlichten und unfassbar teuren Schmuck, der im Kontrast zu der (in meinem vermutlich kindischen Empfinden) peinlichen Naivität stand, die sie manchmal an den Tag legte. Sie gehörte zu den Menschen, die auf magische Weise das Gespräch beim Abendessen in Gang halten, authentisch lachen und ernsthaftes Interesse für die Themen anderer Gäste zeigen können. Einmal habe ich erlebt, wie es ihr gelang, eine kleinere Gesellschaft von einem Vortrag über Heraldik zu erlösen. Ihr Charme ließ mich manchmal grübeln, ob wir wirklich miteinander verwandt waren. Manchmal kamen aber auch bizarre Ansichten zutage (»Jeder Polizist weiß doch in seinem tiefsten Innern, dass es seine Aufgabe ist, das Kapital zu schützen – schau dir bloß mal die EU-Krawalle an.«), und sie besaß die ungewöhnliche Leidenschaft, in das Privatleben anderer Menschen einzutauchen – »Aber wie hat sich das denn jetzt angefühlt, als sie das gesagt hat? Erzähl es mir genau!« – Das war vielleicht aber auch nur eine natürliche Folge ihrer Fähigkeit, sich in andere Menschen einzuleben. Manchmal fand ich das mutig, manchmal fühlte es sich hauptsächlich übergriffig und unbehaglich an. Ich bat sie oft um Rat und war außer mir vor Wut, wenn sie mir tatsächlich einen gab. Zumindest bei acht von zehn Malen. Die übrigen zwei Male hielt ich den Mund und folgte ihrem Rat aufs Genaueste.
Zurück zum Weg des Künstlers.
»Zu Anfang fühlt es sich vielleicht furchtbar an. Oder man fühlt gar nichts. Man kann einen Widerstand spüren. Aber man macht es einfach. Man braucht es nicht anschließend zu lesen oder auch nur aufzuheben – man kann es sofort wegwerfen. Man lässt die Seiten kommen, ganz gleich, welche Gefühle sie wecken. Oder nicht wecken. Zehn Seiten. Jeden Morgen. Direkt nach dem Aufwachen.« Manchmal schien es mir nur eine Frage der Zeit zu sein, wann meine Tante mit Kristallen und solchem Blödsinn anfing. Salbei verbrennen und Ayahuasca empfehlen.
»Aber ich freue mich, dass ihr jetzt zusammenlebt. So richtig.«
»Man zieht aber doch nicht nach Malmö. Jeder hält das für einen Witz. Ein Practical Joke ist das.«
»Ihr passt gut zusammen.«
