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Johanna und Emil sind ein junges Paar. Er ist Däne, sie Schwedin. Als Johanna eine Nachricht auf Emils Handy von dessen aus Oslo stammender Ex-Freundin Nora entdeckt, löst deren Facebook-Profil bei ihr eine heftige Identitätskrise aus: Nora ist alles, was Johanna glaubt, nicht zu sein – schön bis zur Perfektion, ein Liebling der sozialen Medien, umgeben von strahlenden Menschen, kurz: vom Glück berührt. Von Eifersucht gepeinigt, beginnt Johanna, die seit ihrer Jugend heftige Unterleibsschmerzen plagen, Nora in deren digitaler Welt nachzuspüren. Es scheint, als tue sie alles dafür, sich selbst bei ihrem Versuch, Nora so nahe wie möglich zu kommen, zu verlieren. Als schließlich bei ihr Endometriose diagnostiziert und eine Operation erforderlich wird, ändert sich Johannas Blick auf ihren Körper, ihr Selbstverständnis und ihren Lebensentwurf radikal. Die schwedische Autorin Johanna Frid beleuchtet mit ihrem autofiktional gewürzten Debüt das Verhältnis zwischen Körper und digitaler Welt aus einer unerwarteten Perspektive neu. Im Ton einer schwarzen Komödie geschrieben, spart ihr Roman dabei nicht mit fein geschliffen Kommentaren zu den aktuellen Fragen und Lebenswirklichkeiten junger Menschen und ihrer Sinnsuche. Und schenkt uns wie nebenbei noch einen Einblick in skandinavische Identitätsdiskurse.
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Seitenzahl: 196
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Kofinanziert von der Europäischen Union. Die geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autorin und spiegeln nicht unbedingt die der Europäischen Union wider. Weder die Europäische Union noch die Bewilligungsbehörde können für diese verantwortlich gemacht werden.
Der Verlag dankt dem Swedish Art Council für die finanzielle Unterstürzung dieser Publikation.
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel Nora eller Brinn Oslo Brinn bei Ellerströms Förlag, Malmö
© Johanna Frid 2018 by Agreement with Grand Agency.
Erste Auflage
© 2024 by Secession Verlag Berlin
Alle Rechte vorbehalten
Übersetzung: Johannes Queck
Lektorat: Christian Ruzicska
Korrektorat: Peter Natter
www.secession-verlag.com
Gestaltung und Satz: Eva Mutter, Barcelona
Umschlagsbild: Eva Mutter
Gesetzt aus Crimson Text
E-ISBN 978-3-96639-100-9
Ich hab so viel gesagt,
Geholfen hat es nicht.
ThomasTidholm,
Meningen (Die Bedeutung),
2001
1 Meine Sprache in deinem Mund
2 Mein Platz
3 Die Wälder tiefer, die Kronen mehr wert
4 Sie kennen sich seit dem Kindergarten
5 Bingo!
6 Forloren hare
7 Männlichkeit und Wahrheit
8 Okay, dann kann ich ja gehen und ein Soft Ice møbeln
9 Aj
10 Sie konnten leider nicht bleiben und sich um uns kümmern
11 Isak Olssons ekelhafte Wohnung
12 Tausend norwegische Teile
13 Zzzz
14 We’re out of it, man
15 Schøn für dich
16 Vaterfickerin
17 Klock
18 Keinen Ærger
19 Glasbirkhuhn
20 Berit«, die Mutter von Ludvig
21 I tried to be open to what love might feel like when I knew I was not the prettiest girl he had touched
22 … der riskierte, dass sein Haar Feuer fing
23 Hieronymus Boschs Vision der Hölle
24 Da unten
25 Længer und længer nach Osten gelaufen, Herberge gefunden, Bademæntel bekommen
26 Die Mutter von Gilbert Grape
27 Note to self: Wo kauft sie ihre Perücken?1
28 Gedanken auf Drogen
29 Hör mir doch zu, alte Schachtel, ich weiß es verdammt nochmal nicht
30 Das Schlimmste, das sich ein Junge aus einem Villenvorort denken kann
31 Kannst du das Loch füllen, dass meine Mutter hinterlassen hat?
32 Das Schlechte liegt im Auge des Betrachters
33 Norwegen zumbafrei
34 Symbole
Alles begann mit einem Bild.
Es war ein nasser Abend im Juli und Emil und ich packten unsere Sachen. Am nächsten Tag wollten wir mit dem Zug nach Odense fahren und Emils Eltern besuchen. Ich war nervös, rastlos und spürte einen ziehenden Schmerz im Körper. Einige Wochen zuvor hatte ich erfahren, dass ich am Eierstock eine ungefährliche Zyste hatte, und das beschäftigte mich. Das und der kommende Tag. Ich hatte Emils Eltern schon einige Male getroffen, aber nicht wirklich oft, und ich sprach kaum Dänisch. Ich verstand immer besser, was die Leute sagten, aber die Gesichter der Dänen waren blank, wenn ich auf Schwedisch antwortete. Ich wusste nicht, was ich erwarten, wie ich mich benehmen und nicht so recht, was ich packen sollte. Emil saß vor seinem Computer und draußen vor dem Fenster dröhnte der Amager Boulevard: Blaulicht, Dauerregen und der Wind, der Kopenhagen immer heulen lässt. Ich legte wahllos Klamotten zusammen, trödelte, starrte lange einen blauen Cardigan an, versunken in Fantasien über Zysten und Emils Eltern. Was, wenn sie mich eigentlich hassten?
Emil riss mich aus meinen Gedanken, indem er mir zurief, ich solle mir irgendwas am Computer anschauen, jemand hatte in der Politiken einen aufregenden Kommentar über die dänische Lyrikwelle der letzten Jahre geschrieben. Ich las und wollte gerade etwas sagen, als ich das Foto auf seinem Bildschirm sah, im Messenger-Fenster von Facebook war eine neue Nachricht aufgeploppt. Ein Porträt in Schwarzweiß, ein Profilbild für Social Media. Sie strahlte, das konnte man schon auf dem kleinen Icon erkennen. Sie war vielleicht zwanzig Jahre alt und lächelte direkt in die Kamera. Das Bild war so beschnitten, dass ihr Gesicht es ganz ausfüllte, nur Wangenknochen, Sommersprossen und das wunderbare Lächeln. Sie hätte Synnøve heißen können oder Wenche oder Ragnhild, Nora hingegen war ein ganz normaler Name. Norwegisch und normal.
Mir blieb die Luft weg. Ich vergaß, was ich über die Politiken-Literaturkritikerin Lilian Munk Røsing sagen wollte, und wurde mir auf unbehagliche Weise meines Körpers bewusst, meiner Hände. Nora war Emils Eks-Kæreste, seine Ex-Freundin. Ich wusste nicht, dass sie noch Kontakt hatten. Meine Wangen brannten. Die Wortlosigkeit wuchs, wurde zu einem Gefühl von Scham. Ich murmelte irgendwas und tat so, als hätte ich nichts derart Schönes – und Privates – gesehen. Ich fühlte, wie eine neue Landschaft Form annahm, eine Fremde in meinem Inneren.
Wir kannten uns bald ein Jahr und waren seit einigen Monaten Kærester – ein Pärchen. Allmählich verstanden wir einander immer leichter, der Sprachbarriere zum Trotz. Man lernt auf diese Weise nicht nur einen anderen Menschen und eine andere skandinavische Sprache kennen, sondern auch wie dieser Mensch die eigene Sprache spricht. Das Dänisch aus Emils Mund wurde mir langsam verständlicher, und er sprach inzwischen auch immer mehr Schwedisch. Als wir uns das erste Mal getroffen hatten – an einem Septembertag auf einer Bank in der Sonne – verstand ich nicht ein Wort.
Ich saß da und rauchte sicher eine halbe Minute meine Zigarette, bevor ich begriff, dass Emil sich meinen lighter borgen wollte. Wir studierten zusammen, und ich fühlte mich unglaublich dumm, weil es mir nicht gelang, irgendwas aus seinen Wortmassen herauszufiltern. Sobald Emil oder der andere dänische Student am ersten Tag zu Semesterbeginn zu reden begannen, hörte ich einfach nicht mehr zu. Es war schlimmer, als ein Radio zwischen zwei Sendern eingestellt zu haben, eher so, wie Reis in einem zu groben Sieb zu waschen oder im Kaffeesatz zu lesen. Emil hatte ein Jahr in Schweden gelebt und ein rudimentäres Verständnis der Sprache – er konnte grundsätzliche Aussagen entschlüsseln, aber Details entgingen ihm manchmal (einmal unterstrich er in einem Seminar das Wort Zapfen im Text, den wir diskutierten, und zischte: Kønntest du mir sagen, was das heißt?).* Obwohl die anderen im Seminar offenbar auch Schwierigkeiten mit der Kommunikation hatten, schien das weder Emil noch seinen Landsmann besonders zu bekümmern. Vielleicht reichte es, dass sie einander verstanden. Vielleicht war der Abstand ganz einfach zu groß, um überbrückt zu werden. Emil hatte jedenfalls weniger Schwierigkeiten, mich zu verstehen, als ich ihn, wenn wir in der Pause rauchten, was das Gespräch eigentümlich hinken ließ. Es war das erste Mal, dass ich mit dem Gesichtsausdruck konfrontiert wurde, der sich, wie ich später erfahren sollte, regelmäßig einstellte, wenn sich Menschen begegneten, die miteinander Skandinavisch sprachen – ein starres Entsetzen und ein Unwillen, dem Umstand Ausdruck zu verleihen, dass man tatsächlich nichts verstand. Die meisten zogen es vor, die Sprachbarriere und die Verwirrung immer größer werden zu lassen, sodass das Gespräch allmählich im Sand verlief. Damals war es ein Triumph, als ich ihm schließlich mein Feuerzeug reichen konnte. Lighter heißt es ja schließlich auch auf Englisch. Dänisch verstehen zu lernen, war für mich ein sehr aktiver Entschluss. Das graduelle Verständnis, das, wie ich glaubte, zwischen den Nachbarländern herrschte, existierte überhaupt nicht; es brauchte Google translate, Schweiß und lange Interpretationsdiskussionen zwischen mir und meinem Freund Petter, der schon lange in Kopenhagen lebte. In jenem Herbst dachte ich gar nicht daran, dass etwas romantisch daran sein könnte, eine Sprache um eines anderen Menschen willen zu erlernen. Romantisch in einem etwas idealisierten Sinn, als eitle Vorstellung, die Welt eines anderen wirklich verstehen zu können, aber auch ebenso romantisch, wie Blumen zu verschenken oder die Spülmaschine auszuräumen. Etwas sehr Konkretes und gleichzeitig Symbolisches. Auch wenn Schwedisch und Dänisch Nachbarsprachen sind, sind die lautlichen Unterschiede groß, wesentliche Worte und Satzkonstruktionen unterscheiden sich markant voneinander. Mit anderen Worten, es ist ein ambitioniertes Vorhaben. Aber es war nicht Verliebtheit, die mich dazu brachte, in diese Unterschiede einzutauchen. Es war nichts, was ich fassen konnte, lediglich eine plötzliche Entschlossenheit. Im Dezember meinte ich die Sprache gut genug zu beherrschen, um mich allein mit Emil treffen zu können. Er war nur für ein paar Tage wegen des Studiums in Stockholm, und wir beschlossen, ein Bierchen trinken zu gehen. Er schlug per Mail vor, dass wir ja kleine Zettelchen austauschen könnten, falls das Gespräch zu beschwerlich werden würde. Über Weihnachten wurden die Mails immer länger und wir sahen uns Anfang Januar an einem windigen Tag in Kopenhagen wieder. Unsere Beziehung entwickelte sich im Takt meiner Dänisch-Kenntnisse. Im März konnte ich Skønlitteratur på P1 im dänischen Radio hören, und Emil fragte, ob wir Kærester seien.
Nun hatten wir Juli, und Ende August sollte Emil nach Stockholm ziehen. Drei Monate Beziehung sind keine lange Zeit, aber lang genug, um etwas aufzubauen, das sich sowohl sicher als auch schön anfühlen kann. Eine Freundin sagte, Emil hätte Herzen in den Augen, sobald er mich anschaute. Ich konnte das selbst nicht sehen, aber manchmal in seinem Blick spüren, dass sie recht hatte. Ich empfand ein großes Vertrauen zu ihm, so groß, dass es mich erstaunte. Das Bild von Nora jedoch brachte mich ins Wanken. Ich entschuldigte mich und schloss mich im Badezimmer ein, saß lange Zeit auf dem heruntergeklappten Klodeckel und starrte die Fliesen an. Mein Gesicht war heiß, mein Herz pochte. Ich saß in abgrundtiefer Pisse und Verwirrung. Wie gut kannte ich Emil? Ich wusste, dass er seinen Freunden gegenüber loyal war, nett zu seinen Schwestern, und mit rührendem Pflichtgefühl Gedichte schrieb. Er war hilfsbereit, sehr höflich – aber er besaß auch eine andere Seite, irgendwas anderes … Als mir ein paar Monate zuvor ein Weisheitszahn gezogen worden war, hatte ich ihm geschrieben, dass ich einfach nur schreien wollte. Er hatte geantwortet: Schrei. Aus irgendeinem Grund ließ mich das verwundert zurück. Vielleicht verknallt.
Aber wie viel wusste ich wirklich? In meinen Augen wirkte er strahlend, blendend. Ich konnte ihn nicht richtig sehen.
*Im Verlauf des Textes werden, wo möglich, Passagen, die im Original auf Dänisch oder Norwegisch verfasst sind, typographisch durch Verwendung der Buchstaben ø (Dänisch) und æ (Norwegisch) gekennzeichnet. Diese wie alle anderen Fußnoten sind Anmerkungen des Übersetzers.
Tags darauf saßen wir pünktlich im Zug. Das Wetter hatte umgeschlagen; Dänemark litt nun unter einer Hitzewelle, die Temperatur lag weit über der Dreißig-Grad-Marke. Die Hitze war drückend, die Danske Statsbaner teilten Wasserflaschen aus und ließen damit ein wenig Hygge inmitten dieser Vorahnung des Weltuntergangs aufkommen. Emil las E.T.A. Hoffmann, was fürchterlich langweilig aussah. Ich blätterte träge in Ulysses, dachte mir, dass man das Buch irgendwann benutzen könnte, um einen Tisch abzustützen oder ein Fenster abzudichten. Die Landschaft, die uns umgab, war sanft und grün.
»Redet ihr oft miteinander?«, sagte ich einfach so, ohne Zusammenhang. Emil schaute auf. Für einen Augenblick sah es so aus, als würde er ernsthaft glauben, ich meinte Hoffmanns Mäusekönig. Nein, oft kønnte man jetzt nicht sagen, ab und zu vielleicht …
»Du und Nora«, sagte ich und beugte mich hinunter zu unserem Gepäck, ergriffen von dem unwiderstehlichen Verlangen, den Beutel zu meinen Füßen zu richten.
»Nø«, sagte er.
Ein älteres Paar neben uns löste ohne größeren Enthusiasmus ein Sudoku beziehungsweise ein Kreuzworträtsel. Der Schweiß rann nur so in diesem Wagon. Klebte an der Oberlippe und in den Achselhöhlen.
»Sie wohnt ja in Oslo«, sagte Emil, als wäre das eine Erklärung. Oslo klang in seiner dänischen Aussprache verdächtig nach Oschlo – Arschlo. Sie wohnt ja in Arschlo, übersetzte ich mir.
Ich sagte nichts zu ihren geraden, weißen Zähnen oder ihren Locken; auch nichts zu ihren fantastischen Augen, musste aber unbedingt loswerden, wie ich zufällig mitbekommen hatte, dass sie geschrieben hatte. Dass es ein Versehen war. »Es war keine Absicht.«
Emil runzelte die Stirn.
»Wir schreiben øfter mal«, antwortete er, »und telefonieren ab und zu.«
Er klang gleichgültig. Meine schäbigen Fragen ließen ihn völlig kalt. Ich wartete darauf, dass er noch etwas sagen würde, was er aber nicht tat. Ich fühlte mich auf einmal banal und richtig, richtig lächerlich. Emil blätterte seinen Hoffmann geräuschvoll um.
Aber das Bild von Nora war nicht banal. Es blieb in mir, ätzte sich ein, es brannte und es schlug im Wind wie eine Flagge. Ich starrte aus dem Fenster, ich starrte das ältere Paar an. Das Buch glitt mir aus der Hand. Die Zähne, die Locken, der Mund. Ich versuchte, zusammenzutragen, was ich über sie wusste, Bruchstücke von Gesprächen zu rekonstruieren, Details, die ich am Rande mitbekommen hatte. Sie arbeitete in einer Kita. Von ihrem Gehalt kaufte sie sich schøne Klamotten.
Emils Gesicht klebte an seinem Buch.
Ich wusste, dass sie ein gutes Jahr zusammen gewesen waren, dass sie einige Jahre jünger war als er und ich und dass sich die beiden in einer Volkshochschule in Kopenhagen getroffen hatten. Weil Emil zum Studium in Schweden zugelassen worden war – über die Warteliste ein paar Wochen nach Semesterbeginn –, während die beiden gerade ihr gemeinsames Leben in Kopenhagen aufbauten, änderten sich ihre Pläne und Nora zog heim zu ihrem Papa nach Oslo. Geplant war, dass Emil nachkommen sollte, aber sie machte kurz vorher Schluss, wobei ein Teil ihrer Begründung darin lag, dass sie »reisen wollte«. Emil erzählte mir die Geschichte an einem Wintertag, als wir um den Årstaviken spazierten, und ich verspürte eine sanfte Belustigung darüber, wie ärgerlich er klang und wie jung sie. Nun fühlte es sich nicht mehr besonders lustig an.
Wir hatten mittlerweile mehr als die halbe Strecke nach Odense hinter uns. Das Sudoku-Paar war in Slagelse ausgestiegen. Wir fuhren über die Brücke, über die auch Karl XII. marschiert war, wobei, naja, gut, damals gab es gar keine Brücke. Emil hatte mir erzählt, dass bis weit in die Neunzigerjahre hinein die einzige Verbindung zwischen Seeland und Fünen eine Fähre war. Wir fuhren über die Storebæltbrücke und passierten eine Grenze. Der Gedanke kam ganz plötzlich: Wohin sollte ich gehen, wenn es nicht funktionierte? Emil fuhr jeden Sommer für eine Woche zu seinen Eltern, was meist mit deren alljährlichem Aufenthalt in einem Kurhotel auf Jütland zusammenfiel. Zu diesen Besuchen gehörte, dass Emil seine Kæreste mitbrachte. Er war für zwei Sommer mit Nora dort – beim ersten waren die beiden zusammen, beim zweiten waren sie schon für einige Monate getrennt gewesen. Letzterer war mit anderen Worten ein Bumsurlaub, dessen Andenken für Emil aus brennendem Schmerz, Harndrang und einer Chlamydien-Diagnose bestand – Nora hatte es während der Monate ihrer Trennung in Oslos Nachtleben krachen lassen.
Nun war also ich an der Reihe, Odense im sommerlichen Gewand zu erleben und Emils skandinavischem Flaggenspiel eine weitere Farbe hinzufügen. Ich fragte mich, ob er es mit einem finnischen Wimpel vervollständigen würde, aber verzichtete darauf, dies auszusprechen. Der Sitz im Zug klebte in dieser Hitze, die Feuchtigkeit konnte man nicht wegkriegen, weil alles von Schweiß und Kondenswasser nass war. Der Zug trottete voran. Ich wusste nichts über Dänemark. Was wurde in einer Notsituation von einem erwartet? 911 anrufen? Was, wenn man mir meinen Geldbeutel und mein Handy stehlen würde – wie sollte ich jemals wieder nach Hause kommen? Würden meine Organe gespendet werden, wenn ich bei einem Unfall umkäme? Oder würden die Dänen sie einfach verbrennen? Emil legte das Buch weg.
»Sie kommt bald nach København.«
»Trefft ihr euch«, sagte ich, und es war kaum eine Frage. Da war etwas in meinem Hals, das mich an die Zeit erinnerte, als ich ein Kind war und jeden Sonntagabend angesichts der ersten Schulstunde am Montagmorgen – Sport – kotzen musste.
»Ja«, sagte er. Mit einem Achselzucken. Nicht gleichgültig, lediglich unbekümmert. Sie würden sich treffen und von früher reden, davon, was sie nun taten, die vergangene Zeit nachholen. Er hatte es mir erzählen wollen, vielleicht hatte er es vergessen, er wusste es nicht genau.
»Aber jetzt hast du es ja gehørt.«
Jetzt hatte ich es ja gehört.
Da saß ich nun.
Was tat ich hier? In diesem Zug, mit dieser Person, die plötzlich nicht mehr wie jemand wirkte, den ich kannte. Nur noch Fleisch und Knochen. Männer sind so groß. Große Hände, große Füße, Körper, die Gefahr laufen, Sachen umzustoßen, oder deutlich schlimmere Schäden anzurichten. Er hätte mit Nora fahren können. Sie hätte da sitzen können, wo jetzt ich saß, mit ihrer glatten, norwegischen Haut. Ein gesundes Exemplar, mit einwandfreien Innereien. Widerstandsfähig und immer nett plaudernd, im singenden Oslo-Dialekt (Arschlodialekt?). Sie hätte das hier hinbekommen. Sie hatte es zwei Sommer lang geschafft. Nora, es ist Zeit für deinen Hattrick! Wie mit einem Gewinner konkurrieren? Einem zweifachen Champion? Mein Gesicht konnte sich mit ihrem nicht messen. Es würde walk over geben müssen. Wenn sie ohnehin nach Kopenhagen kommen sollte, wieso fuhr sie dann nicht gleich hierher? Wäre sie jetzt plötzlich im Gang gestanden und hätte höflich gesagt: „Entschuldigung, aber ich schætze, das ist mein Platz“, ich wäre wohl sofort aufgestanden, ohne Vorbehalt. Ich dachte wieder an das Bild ihres Gesichts, ging es in meiner Erinnerung durch und versuchte herauszufinden, was genau daran für den Druck in meiner Brust verantwortlich war. Es musste möglich sein, das Bild auseinanderzunehmen, Stück um Stück, jeder einzelne Pixel. Es musste etwas enthalten, wodurch man es entwaffnen konnte, ein entscheidendes Detail, das man entfernen konnte, sodass sich alles im Wind zerstreute. Puff. Schall und Rauch. Aber es ging nicht. Ich fand die Verbindung nicht, und wir waren in Odense angekommen.
Odense war ein vollkommen gewöhnliches Städtchen, bewölkt und mit niedrigen Gebäuden. Durch und durch fremd. Wir traten auf den aufgeheizten Asphalt des Bahnsteigs, der die ganze Zeit über in der Sonne geschmort hatte. Einen Augenblick lang dachte ich daran, meine Tasche herumzureißen, in den Zug zu springen und weiterzufahren – aber weiter weg gab es ja auch nichts. Ich war im Nirgendwo. Es war ebenso undenkbar, sich in das Auto von Emils Vater zu setzen wie zu versuchen, zurück nach Kopenhagen zu fahren. Es gab nichts, woran man sich festhalten konnte. Ich ging langsam auf eine Bank zu und hatte Angst zu kollabieren. In der Hand hielt ich mein Gepäck, ich würde also zwangsläufig auf mein Gesicht fallen. Alles war so neu. Innen, außen – es fühlte sich an, als würde ich gerade das Gleichgewicht verlieren. Meine Freundin Narin sagte immer: »Wenn du in einem Loch stehst, hör auf zu graben.« Ein sehr abstrakter Ratschlag, in der Praxis schwer umzusetzen. Ich fragte mich, was das Loch war, was die Schaufel war, was ich.
»Ich will nach Hause fahren«, sagte ich.
Emil zündete sich eine Zigarette an. Er sah traurig aus. Er sagte, das ginge in Ordnung.
»Møchtest du dich kurz setzen?«
Wir rauchten. Emil gab mir eine von seinen blauen Kings, die im Hals kratzen. Ich wollte mich auf den warmen Boden legen. Nach einer Weile begann Emil, mir Bauwerke zu zeigen, er deutete auf eine neugebaute Fußgängerbrücke, auf das Bahnhofsgebäude, in dem sich auch ein Kino befand. Auf einen Kirchturm. Sein Vater rief an und gab Bescheid, dass er gleich da wäre, und wir liefen in der abklingenden Hitze langsam zum Parkplatz. Es würde bestimmt bald anfangen zu regnen.
Nora war den ganzen Abend bei mir. Während der Autofahrt durch die Stadt, als Emil und sein Vater sporadisch und verhalten Smalltalk betrieben, vorbei an der Pferderennbahn, auf der Tour durch den Garten – Walderdbeeren, Trauben, Gewächshaus – und im Haus, das sauber und dänisch und beruhigend war. Hanne und Svend zeigten mir das Gästefahrrad, das ich mir ausleihen konnte. Ich legte die Hand auf den Sattel und wusste, dass sie dort gesessen hatte. Die Sommersprossen, der Mund, die Locken im Haar. Und der Arsch natürlich. In meinem Inneren rumorte es.
Wir aßen im Freien zu Abend, der Regen kam erst später. Große, schwere Tropfen und starker dänischer Wind. Kräftiger Donner. In Gegenwart von Emils Eltern wurde das Rumoren schwächer. Seine Mutter erzählte von den Kindern in der Kita. Sie war wie Emil, ich mochte, wie sie miteinander sprachen. Ihre blauen Augen hinter ihren Brillen. Hanne und Svend waren freundlich, drängten sich nicht auf, erzählten von ihrer bevorstehenden Reise ins Kurhotel Svinekløv. Das Tischtuch war mit großen finnischen Blumen gemustert. Mir zuliebe war das Menü vegetarisch. Im Anschluss wurde Wienerbröd* serviert, weil Emil erzählt hatte, dass ich dänisches Wienerbröd liebte. Eine nette Familie, mit einem zweistöckigen Haus und einem Auto. Mal schmerzte mein Herz, mal wurde es ganz ruhig, sie tätschelten es, so wie man ein kleines Kaninchen streichelt.
Irgendwie überraschte es mich, dass Emil hier aufgewachsen war. Da ich ihn in einem Zusammenhang getroffen hatte, in dem er eindeutig dänisch war, auf eine unbestimmte Weise rebellisch, hatte ich unbewusst die Vorstellung von etwas Härterem gehabt. Aber Dänemark war mehr als braune Bodegas, wo man drinnen rauchen durfte, und Bauarbeiter, die morgens schon Tuborg tranken, mehr als besetzte Häuser in Nørrebro, alte Tanten, die Cerruti-Zigarren pafften, und mehr als das irrsinnige Lächeln von Pia Kjærsgaard. Die Reihenhaussiedlung Solskinshøjen – Sonnscheinhügel – war wie aus einem Bilderbuch geschnitten. In der Nähe gab es Pferdekoppeln und die große Rennbahn, sowie einen Laubwald. Irgendwie war ich darüber verwundert, dass er hier aufgewachsen war, aber irgendwie fügten sich auch alle Teile zusammen. Emil war so heil, und er ließ alle anderen daran teilhaben. Er hätte mich niemals am Bahnhof kollabieren, mich niemals auf mein Gesicht fallen lassen. Natürlich nicht. Ich wünschte mir, dass das Essen den ganzen Abend andauern würde, dass ich weiterhin in diesem warmen, gelben Licht sitzen dürfte, das nichts mit Nora zu tun hatte. Ihr Platz war besetzt. Ich war es, die auf ihm saß. Ohne jeden Zweifel war das ich. Nach dem Essen, als der Abend sich leider seinem Ende zuneigte, gingen wir hoch in unser Zimmer. Das Rumoren wurde stärker. Bonk machte es in mir drin. Es schob die gemütliche Stimmung und den gelben Schein der Lampe beiseite, um einer kantigen Unruhe Platz zu machen. Einem kalten Geschmack im Gaumen. Emil sagte, ich könne so lange bleiben, wie ich wolle.
»Es ist vøllig in Ordnung, wenn du nicht hierbleiben møchtest, weil du dich nicht wohl fühlst«, sagte er. Ohne Unruhe in der Stimme. Mit einem kleinen milchigen Gähnen dahinter. Ich war verstört. War das hier Kierkegaards Definition von Angst? Furcht vor dem, was man nicht in Worte fassen kann? Wir gingen ins Bett. Die Laken rochen gut, rein.
»Gute Nacht«, sagte er und gab mir einen Kuss, »ich finde es wirklich schøn, dass du hier bist.«
Dann schloss er seine Augen.
Lange nachdem Emil eingeschlafen war, lag ich noch wach, hielt mein Handy fest umklammert, und betrachtete Nora. Ich stierte und stierte, bis ich Hakenkreuze in ihren Augen sah. Die Fremde war Norwegen. Nadelbäume und Fjällgipfel ließen sich in ihrem Blick erkennen. Der Ölfonds und ein Desinteresse an EU-Fragen. Die Augenbrauen waren dicht, wohlgeformt. Sie sah ungeschminkt aus. Ich spürte die Züge meines eigenen Gesichts, während ich sie ansah. Die Wangen schwollen an, der Mund wurde zu einer schiefen Tasche. Das Porträt war ein Hinweisschild – eine Art Wegweiser mit Pfeil –, das Richtung Norwegen wies, aber ebenso in meine Richtung. In Richtung meines hässlichen Gesichts. Wenn ich Nora ansah, wurde die Hässlichkeit unerträglich. Ich war nie hübsch gewesen, nicht einmal süß, aber das hier war etwas Schlimmeres. Ihr Gesicht verzerrte meines, ich wurde quasi verunstaltet, in diesem Gesicht konnte man nicht bleiben. Man musste es verstecken, damit niemand gezwungen wäre, es zu sehen. Ich würde niemals so in die Kamera blicken. Ich schielte auf einem Auge und bevorzugte das Halbprofil. Das erschwerte einen freimütigen und frischen Blick.
Mir wurde klar, dass ich, egal was ich tat, in der kommenden Woche und für den Rest meines Lebens, niemals sie sein würde. Die Sommersprossen, das wellige Haar, die hohe Oberlippe, der elegante Bogen der Augenbrauen, das Lächeln, direkt in die Kamera, mit offenem Herzen. Das würde bei mir niemals so sein. Mein Herz war voller Scheiße. Voller Norwegen. Voller Sehnsucht nach einer Papiertüte, die ich mir über den Kopf ziehen könnte.
