Hart an der Grenze - Ralf Kramp - E-Book

Hart an der Grenze E-Book

Ralf Kramp

4,7

  • Herausgeber: KBV
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2013
Beschreibung

Dave Nizer war amerikanischer Soldat und hat am Westwall in der Eifel gekämpft. Als alter Mann kehrt er schließlich noch einmal an den Ort des Schreckens zurück. Und dann ist Nizer plötzlich tot. Eine Kugel aus einer alten deutschen Armeepistole hat sich durch seinen Schädel gebohrt. Jedermann denkt nun, dass er freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Nur Herbie Feldmann ist überhaupt nicht dieser Meinung. Er ist sich sicher, dass Nizer, ohne es zu wollen, alten Dreck aufgewirbelt hat und sterben musste, bevor er noch mehr Unheil anrichten konnte. Gemeinsam mit seinem unvermeidlichen Begleiter Julius macht er sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 251

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
4,7 (18 Bewertungen)
14
3
1
0
0



Ralf KrampHart an der Grenze

Vom Autor bisher erschienene Bücher bei KBV:

»Tief unterm Laub«

»Spinner«

»Rabenschwarz«

»Der neunte Tod«

»Still und starr«

»… denn sterben muss David!«

»Kurz vor Schluss«

»Malerische Morde«

»Abendgrauen« (Hg.)

»Abendgrauen II« (Hg.)

»Wenn Goldfinger rauskommt«

»Hart an der Grenze«

»Ein Viertelpfund Mord«

»Ein kaltes Haus«

Ralf Kramp, geboren 1963 in Euskirchen, lebt und arbeitet als Karikaturist, Krimiautor und Veranstalter von Krimi-Erlebniswochenenden in der Eifel. Für sein Krimi-Debüt »Tief unterm Laub« erhielt er 1996 den Eifel-Literatur-Förderpreis. Seither erschienen neun weitere Bücher bei KBV, unter anderem der historische Kriminalroman »… denn sterben muss David!« (2001), seine Kurzkrimi-Sammlung »Kurz vor Schluss« (2001) und die Reihe um den kauzigen Helden Herbie Feldmann.

Außerdem ist er zusammen mit Manfred Lang Herausgeber der umfangreichen Eifel-Schauergeschichtensammlungen »Abendgrauen« (1999) und »Abendgrauen II« (2001).

Mit Manfred Lang zusammen wurde er für den »Rheinischen Literaturpreis Siegburg 2002« nominiert.

Im Jahr 2002 erhielt er den Kulturpreis des Kreises Euskirchen.

Ralf Kramp

Hart an der Grenze

1. Auflage 2003

2. Auflage 2006

© KBV Verlags- und Mediengesellschaft mbH,

Hillesheim

Telefon: 0 65 93 - 998 96-0

Fax: 0 65 93 - 998 96-20

www.kbv-verlag.de

E-Mail: [email protected]

Umschlagillustration: Ralf Kramp

Redaktion: Dorothee Steuer, Sankt Augustin

Satz: Volker Maria Neumann, Köln

ISBN 3-937001-00-X

E-Book-ISBN 978-3-95441-063-7

Me and my shadow

Strolling down the avenue

Me and my shadow

Not a soul to tell our troubles too

(Billy Rose)

Wohin man ging, wohin man fuhr,

es lag alles an den Grenzen nur.

So grenzenreich war dieses Land,

dass man es selbst nicht darin fand.

(Unbekannt)

Natürlich für Monika.Wie hältst du es nur mit diesem Verrückten aus?

Für unsere Kerpener Freunde.Darf ich euch mal ganz vorsichtig dieselbe Frage stellen?

Und für den Georg:Die Zeiten waren nie so ernst wie immer.

Prolog

Eine letzte Reise. Noch ein letztes Mal verreisen, und dann…

Verloren stand er in der Mittagshitze auf der freien Fläche vor der Kirche. Verloren und auf eine eigentümliche Art und Weise völlig fehl am Platze.

Seine Sonnenbrille war irgendwie zu groß, seine weißen Haare zu kurz geschnitten, sein Hemd über dem prallen Bauch viel zu bunt.

Den Koffer hatte er im Auto gelassen.

Wieso um alles in der Welt hatte es ihn gerade hierher getrieben? Wieso hierher zurück, auf diesen Kontinent, in diese Landschaft?

Auf seiner Reise zurück in diese Hölle, in der sie ihm damals die Maschine unterm Hintern weggeschossen hatten, machte er hier Station. Sein Bruder Phil hatte hier ins Gras gebissen. Keine zehn Minuten vom Dorf entfernt.

Er selbst war irgendwie am Leben geblieben.

Da war er nun nach dem ewig langen Flug hier angekommen, war mit einem beschissenen Leihwagen, in dem es nach Cockpitspray stank, die hundertsiebzig Kilometer von diesem mickrigen, kleinen Flughafen hierher gefahren, zwischen endlosen Hecken und zerfetzten Feldern und Wiesen hindurch, hierher in dieses Kaff, in dem sich alle vor der Hitze im Haus verkrochen hatten, und ließ den Blick schweifen. Und durch die Sonnenbrille sah alles so aus wie in einem alten Film.

Irgendwo weiter da hinten musste die Grenze verlaufen. Die, die heute keine mehr war, um die sich schon lange keiner mehr scherte, an der sie damals gekämpft hatten, dass einem in den Schützengräben das Blut in die Stiefel schwappte.

Er wollte das wenigstens einmal sehen. Er wollte sehen, ob sie das auch wieder so schön hingekriegt hatten, wie hier das Dörfchen. Stein auf Stein, diese fleißigen Deutschen. Für ihn waren das alles Deutsche, die hier sicher überall hinter den halb herabgelassenen Rollladen im Schatten saßen, da konnte es dreimal das höchstgelegene Dorf Ostbelgiens sein. Die sprachen doch alle Deutsch, so what.

Ein Denkmal gab es! Das hatte ihn überrascht. Er hatte davon gehört, aber der Gedanke daran, dass sich auf dieser Seite des Atlantiks irgendwer tatsächlich damit beschäftigte, eine Erinnerungsstätte zu pflegen, das Gras um einen Steinklotz zu mähen und die Brennnesseln wegzurupfen, war ihm immer fremd vorgekommen.

Er musste jemanden finden, der ihn da hinbrachte, wo es passiert war. Einen Einheimischen, der sich auskannte. Vielleicht einen, der es miterlebt hatte. Und so wischte er sich den Schweiß aus dem Nacken und überquerte die Straße. Für Anfang Mai war es ungewöhnlich heiß. So hatte er sich das Wetter hier nicht vorgestellt. Er musste etwas trinken. Ein paar hundert Meter weiter fand er auf der anderen Straßenseite ein Gasthaus. Im Triangle d’or trank er ein Trappistenbier und spürte fast augenblicklich, wie es ihm in den Kopf stieg. Die Kellnerin blickte ihn müde an und wusste, was er suchte, ohne dass er den Mund aufzumachen brauchte. Sie ließ den Blick über sein buntes Hemd streifen und sagte etwas, das er nicht verstand. Er hörte nur das Wort »Krieg« heraus und nickte unsicher. Dann wackelte sie, müde den Kopf gesenkt, das Geschirrtuch in der Rechten, sodass es fast über den Boden schleifte, zurück zum Tresen, und er verlor sich für einen Augenblick in der Betrachtung ihres halbnackten Rückens, an dem die Schweißperlen zwischen den Schulterblättern herunterrannen.

Ein Bier später kam ein alter Mann herein, der ihm die Hand reichte und fortwährend mit der Zunge nach Essensresten zwischen seinen Zähnen tastete. Sie verstanden einander ohne viele Worte. Der Alte fragte nur »Neintieneinz?« und er antwortete mit einem Nicken. »Ninetyninth.«

Es folgte ein stummer Wink, und während er bei der jungen Frau bezahlte, schlurfte der Alte bereits hinaus und ging zielstrebig auf den Leihwagen aus Brüssel zu. Man war hier offensichtlich an Veteranen gewöhnt.

Es war gut zu wissen, dass andere bereits vor ihm hier gewesen waren, dass auch sie sich getraut hatten, noch einmal dem Schrecken zu begegnen.

Von den Schützengräben war so gut wie nichts mehr zu sehen. Farn und Gras hatten sich darüber gelegt und hatten die Landschaft wieder zu dem gemacht, was sie einst gewesen war. Ganze Arbeit hatte die Natur geleistet, so wie die Menschen im Dorf. Alles ausradiert.

Er wünschte, er hätte sie noch einmal hören können, jetzt und hier, die Geräusche des Krieges. Die Schreie, das Krachen, das dumpfe Prasseln der Erde, die, von den deutschen Geschützen in die Luft geblasen, um die Jungs herum in den Waldboden regnete. Nicht, weil er diese Geräusche liebte, sondern weil sie ihm gezeigt hätten, dass es genau hier gewesen war. Hier, wo er jetzt stand und nirgendwo anders.

Warum zum Teufel war hier alles so schön und friedlich? Warum flatterten hier die Schmetterlinge herum und warum roch es hier nach Harz und Erde? So konnte sich doch kein Mensch mehr daran erinnern. Was half da schon so ein Monument im Dorf? Was half das Phil? Wie konnte sich da jemand dran erinnern, dass es ihn hier – hier und nirgendwo sonst auf der Welt – zerfetzt hatte?

Er ließ die Sonnenbrille aus der Stirn zurück auf den Nasenrücken rutschen und verschränkte die Arme. Der Alte bummelte etwas abseits herum und drehte sich eine Zigarette. Der kannte das.

Dave Nizer stand in einem Wald, von dem er in all den Jahren immer wieder geträumt hatte, in einem Wald, in dem es so friedlich schien, wie nirgends sonst auf der ganzen Welt. Er stand da und weinte. Leise und lange.

Und als er sich schließlich umwandte und auf das Auto zuging, das sie an einer kleinen Kreuzung am Rande einer Fichtenschonung abgestellt hatten, versuchte er, eine von Phils kleinen Gitarrenmelodien vor sich hin zu summen. Es gelang ihm nicht mehr. Das war alles viel zu lange her.

Er fuhr noch am selben Nachmittag weiter, überquerte bei Losheim die Grenze nach Deutschland und hielt an einem Imbiss an um zu telefonieren. Auf der nächsten Etappe seiner Reise ging es um ihn selbst. Es war die letzte Gelegenheit, um sich noch einmal alles anzusehen. Die Vergangenheit und die Gegenwart.

Am späten Abend war David Abraham Nizer tot. Er starb etwa neun Flugstunden von seiner Heimat entfernt im Alter von achtundsiebzig Jahren in einem kleinen, blauen, belgischen Leihwagen, geparkt in einem idyllischen Waldstück, nur eine knappe Autostunde entfernt von der belgischen Grenze. Die Kugel einer alten deutschen Armeepistole hatte sich in seine Schläfe gebohrt und war an der anderen Seite des Kopfes wieder ausgetreten.

1. Kapitel

Die Stella Maris schwankte langsam im Uferwasser hin und her. Der Schein der Lichter an Deck des Ausflugschiffes funkelte auf dem schwarzen Wasser des Rursees und tanzte mit den sich wiederspiegelnden letzten Strahlen der Abendsonne, die gerade noch über die Silhouette der Bäume des Kermeters reichten.

Musik schallte über den See. James Last und Heino, und wenn es ab und zu ganz wild wurde, auch etwas von Roy Black und vom unverwüstlichen Max Greger. Bei Auf der Heide blüh’n die letzten Rosen, da war sich mancher nächtliche Spaziergänger sicher, würden es die Angler am nächsten Morgen schwer haben, überhaupt irgendwas an die Angel zu bekommen.

Henriette Hellbrecht feierte ihren fünfundsiebzigsten Geburtstag. Wie es einer vermögenden Dame ihres Zuschnitts gebührte, hatte sie vom fernen Bad Münstereifel aus Ausschau nach einem spektakulären Schauplatz für diesen festlichen Anlass gehalten und war schließlich auf die Rurseeflotte verfallen. An Bord versammelten sich im schwindenden Abendlicht all die Menschen, die im unentwirrbaren Netz der Verpflichtungen und Verbindlichkeiten in Henriette Hellbrechts langem Leben wichtig geworden waren, und auch diejenigen, die den verwandtschaftlichen Beziehungen zufolge schlicht und ergreifend nicht ausgeladen werden konnten, obwohl es die Jubilarin zu gerne getan hätte.

»Noch zehn Minuten bis zur Abfahrt«, schnarrte sie mehr zu sich selbst als zu ihrem Neffen Herbie, der gelangweilt an die Tür zum Vordeck gelehnt stand. Tante Hettie musterte ihn von Kopf bis Fuß und wieder zurück und flüsterte entrüstet: »Kein Schlips, kein Scheitel … Wäre das zu viel verlangt gewesen?«

»Der Fahrtwind …«, murmelte Herbie entschuldigend.

Seine Tante stieß nur einen entmutigten Seufzer aus. »Mäßige dich mit dem Alkohol. Du weißt, dass du das Zeug nicht verträgst. Am Ende siehst du wieder Leute, die gar nicht da sind.«

»Keine Sorge, Tantchen, das ist lange vorbei.«

Seine Tante runzelte skeptisch die Stirn und schloss die Rechte entschlossen um den Knauf ihrer silbernen Krücke. »Und die Hände aus den Taschen! Das gibt Pilz an den Fingern!«

Jahrelang hatte ihr Neffe in dem Wahn gelebt, er befinde sich in fortwährender Begleitung eines großen, dicken Mannes. Davon war er einfach nicht abzubringen gewesen. All die teuren Therapien hatten dann schließlich dazu geführt, dass er am Ende doch noch geheilt wurde.

Ihr Neffe Herbert Feldmann war jedenfalls ein nie versiegender Quell der Aufregung für sie. Sie kümmerte sich um ihn, seit ihn der Autounfall seiner Eltern zur Vollwaise gemacht hatte, und nach seinem Nervenzusammenbruch und einer lange währenden psychischen Krankheit war sie sogar zur Treuhänderin seines nicht unbeträchtlichen Vermögens bestimmt worden. Es verging kein Tag, an dem sie ihren Neffen nicht verwünschte, weil er so ganz anders war, als sie sich einen Neffen vorstellte. Er war unzuverlässig, versponnen und ein Pechvogel erster Güteklasse. Mit ihm war einfach nichts anzufangen. Seit er sich nach einem längeren Aufenthalt in München wieder in die Eifel und somit in ihren Dunstkreis zurückgewagt hatte, hatte sie wenigstens das Gefühl, ihn wieder in der Nähe und halbwegs unter Kontrolle zu haben. »Im Übrigen soll ich dich von deiner Cousine aus München grüßen.«

»Von Nina?« Herbie schrak auf.

»Wie viele Cousinen hast du in München?«

»Wo ist sie? Ich meine … wann kommt sie?«

»Sie kommt nicht. Sie feiert an diesem Wochenende ihre Verlobung. Ihr Anruf erreichte mich gestern.« Seine Tante riss plötzlich die Hand in die Höhe und brach in spontanen Jubel aus. »Nein, ist das die Möglichkeit!« Sie winkte frenetisch mit der Krücke. Herbie konnte gerade noch ausweichen. »Die liebe Margot kommt. Und auch die Resi und ihre Schwester Almut.«

Von der Reling wankte ein Trio über den Landungssteg, bei dem nicht ersichtlich war, wer da nun wen stützte. Gebückte Gestalten in grellbunter Seniorensommermode, bewaffnet mit Gehstöcken und behängt mit glitzerndem Angeberschmuck. Als sie die Jubilarin entdeckt hatten, rissen sie ebenfalls gleichzeitig die Gehhilfen zum Gruß in die Luft und gerieten gefährlich ins Schlingern.

»Ich wünsche heute Abend kein Aufsehen, Junge, hörst du! Ich befehle dir, dich einmal in deinem Leben gesittet zu benehmen, hast du mich verstanden?«, zischelte Tante Hettie, ohne den Blick noch einmal zu ihrem Neffen zu wenden. Dann steuerte sie mit ausgebreiteten Armen auf andere Neuankömmlinge zu, die sich gerade die Stufen vom Unterdeck heraufquälten. Vom Band ertönte Heino.

»Was soll ich denn schon falsch machen«, murmelte Herbie mutlos. »Soll ich eine von den alten Schachteln aufreißen? Oder mich vielleicht mit einem von den Opas prügeln.«

Er wandte sich seufzend um und trat durch die gläserne Tür auf das Vordeck. Im schwindenden Abendlicht lehnte eine Gestalt an der Reling. Jemand, dessen Kleidung durchaus dem Dresscode des Abends entsprach. Ein großer, massiger Mann mit grauem Bart, der mit unglaublich gelangweiltem Gesichtsausdruck auf den See hinausblickte. Jemand, den nur Herbie Feldmann sehen konnte. Jemand, der ihn seit Jahren begleitete, und den alle Welt für ein Produkt seiner kranken Fantasie hielt.

»Hast du das gehört, Julius? Sie kommt nicht. Es wird heute Abend kein Wiedersehen mit Nina geben.«

Julius seufzte und drehte den Kopf herum. Nun ja … Er setzte die geringschätzigste Miene auf, die er zustande bringen konnte, und deutete mit einer ausladenden Handbewegung auf die versammelte Gesellschaft im Inneren der Kajüte. Hab Nachsicht, mein Bester. Sieh dir das an. Wärst du extra deswegen aus München angereist?

Herbie vergrub die Hände wieder tief in den Hosentaschen und begann, die metallene Reling mit den Spitzen seiner ausgetretenen Schuhe zu bearbeiten. »Sie hat sich verlobt, Julius.«

Julius schnaufte, zum Zeichen, dass er die Botschaft in ihrem vollen Umfang begriffen hatte.

»Und sie hat es nicht einmal für nötig befunden, mir etwas davon zu sagen«, schickte Herbie grimmig hinterher. Er stellte sich neben seinen unsichtbaren Begleiter und blickte auf den See hinaus. Es tat immer noch weh, wenn er an Nina dachte. Er wusste natürlich, dass das mit ihnen niemals etwas Dauerhaftes hätte werden können. Er war vielleicht wunderlich, aber keinesfalls dumm. Doch wenn er die Vernunft beiseite schob, dann blieb immer noch das schmerzhafte Gefühl einer verlorenen Liebe.

»Wahrscheinlich wollte sie mir nur nicht weh tun«, brummelte er.

Wahrscheinlich.

In diesem Moment quälte sich der blecherne Klang der Schiffsglocke durch die Klänge von Freddy Quinns Junge, komm bald wieder und mit einem kleinen Ruck begann die Stella Maris ihre Fahrt. Unter spitzen Schreien gerieten die älteren Semester unter den Gästen ins Wanken, ruderten mit ihren Armen durch die Luft und schafften es, bis auf zwei oder drei steinalte Herren, nicht umzukippen.

Herbie wandte sich um und ließ seinen Blick über die versammelte Gesellschaft gleiten. Es gab nichts daran zu rütteln: Der Abend würde zum Gähnen langweilig. Er war hier mit Abstand der Jüngste. An einem der Tische entdeckte er Tante Hetties Bridgekränzchen und ihren schwulen Hundefriseur. Am Büfett erkannte er ihren Anwalt aus Köln, dessen blank polierter Schädel die anderen Gäste um Längen überragte, und vom Unterdeck stolperte gerade ungelenk der Bürgermeister von Tante Hetties Heimatstadt Bad Münstereifel herauf, der ebenfalls zu ihren Günstlingen gehörte.

»Ich habe eine famose Idee, Julius.«

Das würde mich aber sehr wundern.

»Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich diesen Abend nur im Zustand völliger Trunkenheit überstehen werde.«

Da widerspreche ich nicht. Bedauerlich, dass mir diese Möglichkeit versagt bleibt, seufzte Julius, während er seine silbern glänzende Taschenuhr betrachtete.

»Keine Sorge. Ich werde für dich mittrinken, mein treuer Freund.«

Etwa eine Stunde später hatte Herbie sich gerade auf einer der hölzernen Bänke auf dem Vordeck niedergelassen, hielt eine Kölschstange umklammert und hatte begonnen, mit einer Münze Striche in den weißen Lack der Reling zu ritzen. Neun große für die Kölsch und vier kleine für die Schnäpse.

»Wir kommen voran, Julius«, murmelte er, als er plötzlich aus den Augenwinkeln beobachtete, wie seine Tante mit raschen Schritten auf die Glastür zugesteuert kam. Voller Panik warf er das Glas samt Inhalt über Bord.

Schau, wen sie im Schlepptau hat. Ist das nicht dieser sympathische Anwalt aus Köln?

In der Tat schritt der braungebrannte Dr. Pottkämper hinter Tante Hettie her. Als die beiden dann vor Herbie standen und prüfend ihre Blicke auf ihn richteten, wurde ihm noch mulmiger. Hier stand ein Pärchen, das ihm viel Ärger bereitet hatte. Pottkämper war damals für seine Entmündigung zuständig gewesen. Als Ratgeber von Tante Hettie hatte er damals ganze Arbeit geleistet. Mit strahlend weißen Zähnen grinste er zu Herbie hinunter, der unbeweglich auf der Bank saß, weil er fürchtete, man könne seinen Alkoholpegel erahnen. Pottkämper schien bester Laune zu sein. Er ließ seine Rechte kollegial auf Herbies Schulter hinuntersausen. »Das ist ja nun schon ’ne ganze Weile her, was, Feldmann?« In seiner Glatze spiegelte sich das Mondlicht. Er wirkte sportiv und munter. Herbie wusste, dass er leidenschaftlicher Tennisspieler war. »Geht Ihnen wieder ganz gut, was? Ihre Tante lobt sie in höchsten Tönen. Das hör ich gern. Ganz gern.«

»Der Junge gibt sich Mühe«, schnurrte Tante Hettie falsch.

Pottkämper reckte den Kopf in den lauen Fahrtwind und zündete sich im Schutze der flachen Hand ein Zigarillo an.

»Sie leben jetzt wieder in der Eifel, Feldmann?«

Herbie nickte. »Heimaterde und so … Sie wissen schon.« Was wollte dieser aufgeblasene Fatzke?

»Hillesheim?«

»Richtig.«

»Sie kennen Ripsdorf? Das ist nicht weit von da.«

»Ripsdorf?«

»Genau. In der Nähe von Blankenheim. Etwas weiter süd…«

»Ich kenne Ripsdorf.«

Julius war inzwischen an Pottkämpers Seite getreten und stand grinsend und mit verschränkten Armen zwischen ihm und Tante Hettie, das Haupt von Pottkämpers Zigarilloqualm umwölkt. Spielt ihr jetzt Stadt-Land-Fluss?

»Herrn Dr. Pottkämpers reizende Tochter wohnt nämlich da«, schnarrte Tante Hettie.

»So, wirklich?«

»Cornelia. Ich glaube, Sie haben sich bislang noch nicht kennen gelernt.« Pottkämper deutete mit dem Daumen hinter sich. »Sie ist nicht sehr gesellig. Ich habe sie mit hierher gebracht, weil ich dachte, ein bisschen Trubel könnte ihr ganz gut tun. Sie lebt ja da oben am Arsch der Welt, wissen Sie?«

Herbies Unruhe wuchs. All das hörte sich an, als liefe es auf eine Eheanbahnung oder etwas Ähnliches hinaus. Alles, was er herausbrachte, war ein tonloses »Soso«.

»Sie ist mit ihrem eigenen Auto hier und eigentlich wollten wir in Heimbach im Hotel Klostermühle übernachten, so wie alle anderen. Aber jetzt hat sie sich in den Kopf gesetzt, heute doch noch zurückzufahren, aber sie kann nicht gut … naja, das Fahren im Dunkeln … nun ja, mein Töchterchen Cornelia ist quasi nachtblind. Und da frage ich Sie jetzt mal geradeheraus: Können Sie meine Tochter vielleicht zurückfahren? Sie sind doch ohne Fahrzeug hier.« Pottkämper zeigte ein strahlend weißes Lächeln, von dem man nicht auf Anhieb erkannte, dass sich dahinter ein mit allen Wassern gewaschener Winkeladvokat verbarg, der Herbie nötigenfalls mal wieder mit einer zünftigen Entmündigung oder Ähnlichem gefügig zu machen versuchen würde. Tante Hettie ging da schon weniger diplomatisch vor. Sie starrte ihren Neffen durchdringend an und ihr Blick verriet, dass ein Nein damit gleichzusetzen war, dass er augenblicklich auf dem Rursee kielgeholt werden würde.

Hatten wir nicht die Aussicht auf ein hübsches Zimmer im Hotel? Hattest du dich nicht auf eine warme Badewanne und ein üppiges Frühstücksbüfett gefreut? Wehr dich, mein Bester!

Herbie hätte in der Tat fast all seinen Mut zusammengenommen und »Nein!« gesagt, aber während die beiden Inquisitoren auf ihn einredeten, hatte unterdessen sein Blick im Inneren des Schiffes eine Gestalt ausgemacht, die so völlig aus dem Rahmen dessen fiel, was da drinnen hustete, herumhumpelte und seine dritten Zähne in Kaviarschnittchen grub.

Das Kleid, das diese Frau trug, war schneeweiß und schmiegte sich atemberaubend eng an einen Körper, der Fantasien ins Kraut schießen ließ. Sie mochte etwa dreißig Jahre alt sein und strich sich immer wieder die üppige schwarze Lockenpracht zurück. Kein Zweifel. Das war niemand aus Tante Hetties Bekanntenkreis, den Herbie bislang hatte kennen lernen dürfen. Und als sie sich plötzlich ganz kurz von ihrem Gesprächspartner, einem Greis aus Tante Hetties Abiturklasse, abwandte und einen neugierigen Blick und ein zaghaftes Lächeln zu der kleinen Personengruppe auf dem Vorderdeck hinauswarf, da sah sich Herbie in Gedanken bereits im schnittigen Sportwagen zu schmissiger Musik durch die nächtliche Eifel donnern. Und er ahnte auch schon, wo er seine rechte Hand hinlegen würde, wenn er nicht gerade schalten musste.

Julius schien seine Gedanken zu lesen, denn er sagte entrüstet: Soso, und schon ist Nina in Vergessenheit geraten. Elender Herzensbrecher. Treuloser Don Juan!

Fast hätte Herbie, dessen Blick immer noch an der jungen Frau klebte, etwas geantwortet, hätte gesagt, dass die Sache mit Nina seit einem Jahr vorbei, dass ihre Verlobung als eine Art endgültiger Schlussstrich zu verstehen und dass überhaupt diese ganze Heimlichkeit eine symbolische Ohrfeige sei. Stattdessen schrak er nach ein paar Augenblicken zusammen, sah die Blicke seiner Tante und ihres Anwalts auf sich gerichtet und sagte freudig: »Aber natürlich, gerne!«

Ruchloser Schürzenjäger! Gewissenloser Lustmolch!

Herbie erntete von Dr. Pottkämper einen letzten, erschütternden Schlag auf die Schulter und ein »Fein, Feldmann. Macht tatsächlich fast den Eindruck, als sei mit Ihnen wieder alles in Ordnung!« Dann steckte er ihm, so lässig es ging, einen Hunderter in die Brusttasche seines ausgeleierten Poloshirts.

Nachdem Dr. Pottkämper sich umgewandt hatte und wieder zu den anderen Gästen hineinging, zischte Tante Hettie noch: »Wenn dem Mädchen auch nur ein Haar gekrümmt wird, werde ich dafür sorgen, dass man endlich wieder diese Elektroschockmethode einführt. Zu meiner Zeit hat man in der Behandlung solcher Fälle wie dir damit tadellose Ergebnisse erzielt!«

Und dann beobachtete Herbie, wie Pottkämper drinnen mit ausgebreiteten Armen auf die schwarzhaarige Schönheit zusteuerte, die sich sogleich an ihn schmiegte und ihm einen lang anhaltenden Kuss mitten auf den Mund gab, während er seine braungebrannten Hände um ihren weißbetuchten Allerwertesten schloss. Dann löste sich Pottkämper aus der Umarmung und winkte in die Menge hinein, woraufhin sich eine plumpe, bebrillte Gestalt näherte, die eher widerwillig der Geste ihres Vaters folgte, der sie mit Nachdruck auf das Vordeck verwies. An dieser Gestalt schien nichts so recht zum anderen zu passen, ohne dass Herbie genau ausmachen konnte, was genau nun diesen Eindruck ausmachte. Es mochte das orange gefärbte, struppige Kurzhaar sein, oder aber auch der runde Bauch, der sich unter dem grobmaschigen Wollpullover hervorwölbte und von einem glitzernden Nabelpiercing gekrönt wurde.

»Cornelia«, flüsterte Herbie.

Voll daneben, feixte Julius.

Heino sang:

»Caramba, Caracho, ein Whisky

Caramba, Caracho, ein Gin

Verflucht, sacramento, Dolores

Und alles ist wieder hin.«

2. Kapitel

Jost Spilles gab ein Zeichen und im nächsten Augenblick wurde ein Wasser über den Tresen geschoben. Bläschen stiegen auf. Es prickelte auf seiner Hand, als er danach griff und rasch trank, bevor die Kohlensäure sich verflüchtigt hatte. Diese schale, handwarme Suppe mochte er nicht. Es musste frisch und sauer sein.

Heute Abend war nicht viel los in der Kneipe. Einer aus dem Dorf feierte seinen Fünfzigsten. Spilles war nicht eingeladen. Grillfleisch fand er sowieso zum Kotzen. Er trank lieber in Ruhe sein Wasser und guckte der Bedienung zu. Das Gedudel des Spielautomaten drängelte sich immer wieder zwischen die Wortfetzen von Hofmanns Alli und den anderen Männern von der Baufirma, die am anderen Ende der Theke soffen.

Sie lachten immer alle, wenn er sich Wasser bestellte. So was war für die einfach komisch. Damals hatten sie ihm prophezeit, dass er nie wieder in die Kneipe würde gehen können, ohne einen Rückfall zu erleben. Sie hatten gesagt, er solle mal lieber schön zu Haus bleiben und fernsehen, sonst wäre er im Nu wieder an der Flasche. Ein paar hatten versucht ihn anzuspitzen. Sie hatten ihm Korn ins Wasser gekippt und solche Scherze. Dann hatte er es ohne große Worte über die Theke gehalten und ins Spülwasser gekippt. Irgendwann hatten sie dann Ruhe gegeben.

Alles war damals gleichzeitig passiert: Der Job bei der Zeitung war weg, und dann das mit Miriam und diesem Typen vom Kreisbauamt. Und dann hatten sie mitten im Sommer, mitten am helllichten Tag, mitten im Dorf ihr Kind überfahren.

Andere fingen bei so was mit dem Saufen an. Er hatte aufgehört.

Er hatte geglaubt, dass er das alles nur begreifen könne, wenn er klar in der Birne sei. Und dieses eine Mal hatte er dann sein Leben in die richtige Bahn gelenkt.

Wenn man ihn so auf dem Hocker an der Theke sitzen sah, dann hätte man meinen können, es sei bereits zu spät gewesen. Jost Spilles war sechsundvierzig, aber mit den tiefen Furchen im Gesicht und mit dem eisgrauen Pferdeschwanz sah er mindestens aus wie sechzig. Gebückt, stoppelig, mit einem Zucken im linken Augenlid.

Aber für ihn war es noch nicht zu spät gewesen. Er hatte seither begonnen klar zu sehen.

Dafür war Miriam jetzt diejenige, die soff. Ihr Bauamtsfuzzi hatte sie vor zwei Jahren abserviert und jetzt zog sie mit einem durch die Gegend, den sie bei einem Weinfest an der Mosel kennen gelernt hatte. Wenn Spilles den beiden in Tondorf bei einem Fest oder sonst wo begegnete, hatte der Typ immer seine Zunge in Miriams Mund. Spilles trank dann seinen Sprudel und lachte still in sich hinein.

Einmal war er Miriam auf dem Friedhof begegnet. Sie hatte ein fettes blaues Auge, das die Sonnenbrille nicht zu verbergen vermochte. Sie legte einen geschmacklosen Blumenstrauß auf Jennifers kleines Grab und fragte: »Wie geht’s dir?«

Spilles hatte mit den Schultern gezuckt und gefragt: »Und dir?« Und sie hatte ebenfalls mit den Schultern gezuckt und war wieder abgezogen.

Seit er Wasser trank, ging es ihm tatsächlich besser.

Er schrieb kleine Artikel über Goldhochzeiten und Schützenfeste, zu denen die Kollegen aus Euskirchen nicht extra rausfahren wollten. Das reichte für die kleine Wohnung am Ortsausgang Richtung Blankenheim.

Spilles war nicht glücklich, aber er hatte sich eingerichtet. Neben ihm schwang sich Starks Huppert auf einen freien Barhocker. Huppert roch wie immer aufdringlich nach einem Alt-Herren-Rasierwasser. Auf seinen bleichen Wangen waren kleine, leuchtend rote Kratzer vom Rasieren zu sehen. Huppert hatte bis jetzt allein an einem Tisch neben dem Pokalschrank gesessen und sich einem Kreuzworträtsel gewidmet – so, wie er das hier öfter zu tun pflegte.

»Tach, Jost«, sagte er mit seiner leicht näselnden Stimme. Viele dachten an einen Schwulen, wenn sie ihn sahen. Tatsächlich war Huppert ein alter Junggeselle, aber es ging die Geschichte rund, dass er ab und zu in der Nähe der am Autobahnende postierten Bumsmobile der Prostituierten gesehen worden war.

Jost Spilles grüßte zurück. »Nicht auf dem Geburtstag?«

Huppert lächelte ein fischiges Lächeln. »Ach, weißt du …« Er sprach immer sehr geziert. Er sammelte alte Postkarten und gefiel sich in der Rolle des Hobbyhistorikers, der gerne etwas über Tondorf und seine Geschichte zum Besten gab. »Du weißt doch, ich mache mir nichts aus diesen Gartenfesten.«

Jost winkte der Bedienung und Huppert bekam ein Kölsch und einen Korn hinübergeschoben.

Er prostete Jost zu. »Viel zu tun?«, fragte er, nachdem er einen langen Schluck Kölsch und den Korn heruntergespült und danach genüsslich geschmatzt hatte. »Ich meine, passiert denn im Moment was, was man veröffentlichen kann?«

Spilles lachte trocken. »Was soll schon sein? Wir sind in Tondorf. Hier ist die Eifel. Als Journalist hat man hier hart zu knabbern.«

»Und diese Sache im Wald bei Esch …«

»Der tote Ami?«

»Genau der.« Huppert trank wieder genüsslich. »Toll, was? Ich habe heute Morgen davon im Radio gehört. Da müsste man mal was drüber schreiben. Da steckt doch ein Schicksal dahinter. Was treibt so einen dazu, so was zu tun?«

Spilles dachte bei sich: Ein Schicksal … ein Schicksal … Guck dich an, du Fischgesicht, und guck mich an, den Wassersäufer. Wer will schon Schicksale?

»Wäre das nicht was?«, fragte Huppert beharrlich.

»Da sind doch schon alle anderen dran. Da hat sich garantiert schon Hamburg dahintergeklemmt. Hinterher ist es noch ein entfernter Vetter von George Bush und sie kriegen irgendwie den Dreh zum Golfkrieg. Nichts für mich.« Spilles betrachtete seinen Thekennachbarn. Mannomann, Huppert, dachte er bei sich, was finde ich bloß so ätzend an dir? Es mochte Hupperts selbstgefälliges Gehabe sein, das ihm so gegen den Strich ging. Der Kerl arbeitete in Gerolstein als Telefonist in einem Büro und doch tat er so, als sei er das Zentrum des gesellschaftlichen Lebens von Tondorf. Er wohnte bei seiner verwitweten Schwester und fuhr einmal im Jahr in den Urlaub nach Fernost, und Jost verdrängte jeden Gedanken daran, was er da wohl so anstellte, wie er da wohl so rumstolzierte, mit seinem grauen Kurzhaarschnitt, der hochgereckten spitzen Nase und den weißen Händen. Huppert war kein Mensch, mit dem er besonders gerne an der Theke saß.

Umso mehr verblüffte es ihn, dass Huppert sich mit einem Mal zu ihm wandte, mit einer seiner weißen Hände in einem Anflug von Kumpelhaftigkeit leicht seine Schulter berührte und sagte: »Jost, irgendwie habe ich dich schon immer besonders gut leiden können, weißt du das?«

Jost grunzte ein bisschen verlegen und betrachtete aus den Augenwinkeln den alten Schwätzer, der den Kopf ein wenig in den Nacken gelegt hatte und ihn auf seine überhebliche Art wohlwollend anlächelte.

»So eine richtig gute Geschichte, das wäre doch was.«

»Gibt’s hier nicht.«

»So eine, mit der man zeigen kann, dass man ein Topjournalist ist.«

»Jaja.«

Wieder war da diese flüchtige, klamme Berührung. Spilles ekelte sich. Er wollte gerade erklären, dass es ihm jetzt lieber wäre allein zu sein, als Huppert sagte: »Ich werde an dich denken. Du weißt ja, ich höre viel …« Und als Spilles nicht sofort reagierte: »Nicht wahr, das weißt du doch?« Mit einem viel sagenden Lächeln setzte er wieder das Bierglas an die Lippen und spülte den Rest hinunter.

Dann sagte er mit ausgesuchter Höflichkeit Dank für das spendierte Getränk und hob zum Abschied grüßend die Hand, bevor er zum Haupteingang hinaus verschwand. »Du wirst von mir hören, wenn es soweit ist. Der Ami. Denk dran: Der Ami!«

Jost Spilles blickte ihm hinterher. Er war verunsichert. Irgendetwas war mit diesem alten Schleimer heute anders als sonst. Fast hatte er das Gefühl gehabt, wenn er sich noch ein wenig geduldiger angestellt hätte, wenn er nur eine Spur mehr Interesse gezeigt hätte, dann hätte ihm Huppert eine Geschichte erzählt. Vielleicht sogar mal nicht eine von diesen naseweisen Histörchen, mit denen er normalerweise aufwartete.

Kurz entschlossen trank er sein Glas leer, zählte die Striche auf dem Deckel aus und legte abgezähltes Geld auf die Theke.

Mit einem Mal verspürte er eine nagende Unruhe. In seiner guten Zeit hatte er immer auf das gehört, was von innen heraus zu ihm gesprochen hatte. Das war lange her. Heute Abend tat es gut zu spüren, dass da noch irgendetwas war.