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Hartmann von Aue gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichtern des Mittelalters. In Forschung und Lehre ist er präsent wie kaum ein anderer. Diese Einführung erleichtert Studierenden den Zugang zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Hartmann von Aue und ermöglicht weiterreichende Einsichten ins Werk dieses ‚Klassikers‘ der mittelhochdeutschen Literatur. Sie stellt zentrale Fragen, Ansätze und Methoden der Hartmannforschung verständlich dar. Die Kapitel sind von Forscher:innen verfasst, die in jüngster Zeit selbst zu den jeweiligen Themen gearbeitet haben und ausgewiesene Expert:innen auf Ihrem Gebiet sind. Damit führt sie in den aktuellen Stand der Forschung ein und veranschaulicht zugleich der Vielfalt des Fachdiskurses.
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Seitenzahl: 687
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cordula Kropik
Hartmann von Aue
Eine literaturwissenschaftliche Einführung
Narr Francke Attempto Verlag Tübingen
Umschlagabbildung: Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der großen Heidelberger Liederhandschrift ©, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cpg 848, Bl. 184v.
Prof. Dr. Cordula Kropik ist Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Mediävistik an der Universität Bayreuth. Ihr Arbeitsgebiet umfasst die Literatur und Kultur des Mittelalters bis zum Beginn der Neuzeit.
© 2021 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG
Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Internet: www.narr.de
eMail: [email protected]
Einbandgestaltung: Atelier Reichert, Stuttgart
ISBN 978-3-8252-5562-6 (Print)
ISBN 978-3-8463-5562-6 (ePub)
Als einer der wichtigsten deutschsprachigen Dichter des Mittelalters ist Hartmann von Aue in Forschung und Lehre außerordentlich präsent. Kaum ein anderer wird in Pro- und Hauptseminaren so oft besprochen, kaum einem anderen haben Germanistische Mediävist_innen aus aller Welt so viele Studien gewidmet. Freilich stellt gerade die Fülle der wissenschaftlichen Zugänge Lehrende wie Studierende vor eine beträchtliche Herausforderung. Sich im weiten Feld des Forschungsdiskurses einen Überblick zu verschaffen, ist schwierig, und noch schwieriger ist es, ihn in all seinen Voraussetzungen zu vermitteln. Wo aktuelle Beiträge im Kontext jahrzehntelanger Debatten stehen, auf anspruchsvollen methodischen Grundlagen beruhen oder erhebliche literaturgeschichtliche Vorkenntnisse verlangen, stoßen die Möglichkeiten des akademischen Unterrichts rasch an ihre Grenzen.
Diese Einführung möchte hier helfend einspringen. Sie versammelt Beiträge, die wichtige und aktuelle Themen der Forschung zu Hartmann von Aue verständlich darstellen, um Studierenden den Einstieg in eine forschungsbasierte Beschäftigung mit dem Werk dieses Klassikers der mittelhochdeutschen Literatur zu erleichtern. Dabei wendet sie sich insofern an eine etwas weiter fortgeschrittene Leser_innenschaft, als sie die inhaltliche Kenntnis von Hartmanns Texten voraussetzt. Ziel ist also nicht die Unterstützung der Erstlektüre – dafür liegt mit den Einführungen von Cormeau/Störmer ³2007, Wolf 2007 und Lieb 2020 schon eine Auswahl an fachkundigen Handreichungen vor –, sondern die Begleitung von vertiefenden Zweit-, Mehrfach- und Neulektüren.
Für diese vertiefenden Lektüren ist der Blick auf die Forschung aus mehreren Gründen von höchster Relevanz. Wenn man sich eingehender mit Hartmanns Werk auseinandersetzen möchte, sollte man erstens wissen, inwiefern man dafür auf bestehende Forschung zurückgreifen kann. Die Beiträge dieses Buches führen deshalb exemplarisch an solche Themen, Ansätze und Methoden heran, die sich als forschungsprägend erwiesen haben, wobei sie auch Entwicklungen und historische wie konzeptuelle Hintergründe beleuchten. Um das so vermittelte Wissen für die eigene Arbeit fruchtbar zu machen, reicht die bloße Kenntnisnahme freilich noch nicht aus. Dafür bedarf es ferner sowohl der Einübung in den Forschungsdiskurs als auch eines weitergehenden Verständnisses jener Kräfte, die ihn bestimmen und vorantreiben. Beides wird den Leser_innen dieses Buches praxisnah vermittelt: Für alle Beiträge konnten erfreulicherweise Forscherinnen und Forscher gewonnen werden, die in jüngster Zeit selbst zu den jeweiligen Themen gearbeitet haben. Da sie mithin auf eigener Forschung beruhen, lassen sie Vieles von dem hervortreten, was den Fachdiskurs ausmacht. Sie zeigen, wie sehr er von dem Interesse lebt, das Forschende an ihre Gegenstände herantragen; sie verdeutlichen, welch große Rolle die Perspektive spielt, die jeweils auf Texte eingenommen wird; und sie illustrieren nicht zuletzt die enorme Bedeutung einer stetig wachen Bereitschaft zu Kritik. Forschung findet nur da statt, und sie kommt nur da voran, wo Lesende kritische Fragen stellen: Auch das soll diese Einführung ihren studierenden Leser_innen vermitteln.
In diesem Sinn ist die titelgebende Ankündigung einer literaturwissenschaftlichen Einführung zu verstehen. Die Spezifikation bedeutet zuallererst den Abschied von jenen Sicherheiten, die Studierende am Anfang ihres Studiums gern suchen. Stattdessen rückt sie die Prozesse forschenden Fragens und Hinterfragens in den Blick. Die Beiträger_innen dieses Buches sind als Expert_innen in besonderer Weise dazu berufen, den aktuellen Stand in verschiedenen Bereichen der Hartmannforschung zu erläutern. Darüber hinaus repräsentieren sie die stimmliche Vielfalt eines Forschungsdiskurses, dessen Vitalität im Nebeneinander ganz verschiedener Positionen und Herangehensweisen zum Ausdruck kommt. Wenn die Beiträge in einzelnen Punkten differieren, wenn sie von unterschiedlichen Voraussetzungen ausgehen oder zu verschiedenen Schlussfolgerungen einladen, dann ist das darum keinesfalls als Inkohärenz oder Widerspruch zu betrachten, sondern allein als Signum ihrer wissenschaftlichen Authentizität.
Der Konzeption des Buches entspricht, dass es auf Inhaltsangaben, kommentierende Paraphrasen und ausführliche Analysen von Einzeltexten größtenteils verzichtet. In einigen Beiträgen werden zwar bestimmte Texte bzw. Gattungen fokussiert; dies geschieht jedoch im Rahmen einer konzertierten Abfolge von historischen, methodischen, generischen und thematischen Schwerpunktsetzungen. Daraus ergibt sich der übergreifende Nexus der Einführung: Unter der Rubrik ‚Dichter und Werk‘ (A) diskutieren zwei Beiträge zunächst literaturgeschichtliche Voraussetzungen von Hartmanns Schaffen (→ Kap. 1.) und Probleme der Überlieferung (→ Kap. 2.). Daran anschließend widmen sich zwei Kapitel Aspekten der Poetik von Hartmanns Werk. Zuerst (B) entfalten Beiträge zu Hartmanns lyrischen (→ Kap. 3.) und rhetorischen Formen (→ Kap. 4.) verstärkt Fragen der generischen Verortung und Überschneidung. Danach geht es in etwas anderer Perspektivierung um Hartmanns Erzähltexte (C): Hier werden speziell das Verhältnis zu den französischen Vorlagen (→ Kap. 5.), konstruktive Spezifika von Erzählwelten (→ Kap. 6.), die narrative Selbstreflexion (→ Kap. 7.) und Erzählerprofile (→ Kap. 8.) fokussiert. Teil D wendet sich demgegenüber drei thematischen Aspekten zu, die die Forschung zum Werk Hartmanns über längere Zeit geprägt haben und die im akademischen Unterricht bis heute präsent sind: ‚Männer und Frauen‘ (→ Kap. 9.), ‚Liebe und Gesellschaft‘ (→ Kap. 10.) sowie ‚Gott und Welt‘ (→ Kap. 11.). Am Ende stehen zwei Beiträge zur zeitgenössischen Kanonisierung (→ Kap. 12.) sowie zur Rezeption (→ Kap. 13.): Sie schließen den literaturgeschichtlichen Rahmen und öffnen den Blick für die bis in die jüngste Gegenwart hineinreichende Wirkung von Hartmanns Schaffen (E).
Insgesamt ist dieses Buch so angelegt, dass es sowohl durchgehend als auch in einzelnen Teilen mit Gewinn gelesen werden kann. Die Beiträge bauen konzeptuell aufeinander auf, sind aber in ihrem inhaltlich-gedanklichen Nexus jeweils in sich geschlossen. Korrespondenzen und Verbindungen werden durch (→) Querverweise markiert. Um die Orientierung im Band zu erleichtern und Studierende zu eigenen Erkundungen in der Forschung zu ermutigen, sind den einzelnen Beiträgen Abstracts voran- und Hinweise zu weiterführender Literatur nachgestellt. (Zitier-)Ausgaben der mittelalterlichen Texte und Nachweise der Sekundärliteratur werden in den Verzeichnissen am Ende des Bandes aufgeschlüsselt; dort findet sich auch eine vollständige Aufstellung der überlieferten Handschriften und Fragmente von Hartmanns Texten.
Gedankt sei allen, die dieses Buch ermöglicht und an ihm mitgewirkt haben. Zuallererst sind das die Beiträgerinnen und Beiträger. Sie haben sich spontan und mit Begeisterung zur Mitwirkung bereit erklärt und dem Konzept der literaturwissenschaftlichen Einführung durch kenntnisreiche Überblicke, detaillierte Textanalysen, kluge Auswahlentscheidungen und Pointierungen gleichermaßen Kontur und Tiefe verliehen. Dank gebührt darüber hinaus Tillmann Bub, der die Arbeit an diesem Buch angestoßen, seine Entstehung auch in Phasen des Stockens geduldig begleitet und die Publikation umsichtig betreut hat. Rebecca Küster war mir als studentische ‚Probeleserin‘ sowie bei der Einrichtung der Beiträge und der Literaturverzeichnisse eine große Hilfe, Katharina Gerhardt hat das Buch sorgfältig lektoriert. Auch ihnen sei dafür herzlich gedankt.
Abstract: Das Kapitel ordnet den Autor und sein Werk in den Kontext zeitgenössischer Kultur und Literatur ein. Dabei werden Probleme scheinbar biographischer Selbstaussagen ebenso thematisiert wie Besonderheiten mittelalterlicher Schrift- und Lesekultur im Zusammenhang der Herausbildung einer neuen Form von ‚höfischer‘ Dichtung.
Hartmann von Aue ist der bedeutendste deutschsprachige Dichter des 12. Jahrhunderts. Seine außerordentliche schriftstellerische Vielseitigkeit findet ihren Niederschlag in einem Werk, das verschiedene groß- und kleinepische sowie lyrische Gattungen umfasst. Unter Hartmanns Namen überliefert sind die Artusromane ‚Erec(k)‘ und ‚Iwein‘, die legendarischen Erzählungen ‚Gregorius‘ und der ‚Arme Heinrich‘, die Dialogdichtung ‚diu Klage‘ sowie ein Korpus von 18 Liedern. Er greift auf Vorbilder in der traditionellen lateinischen Dichtung (Legende, Vita, selbstbetrachtender Dialog), v.a. aber auf zeitgenössische Formen und Prätexte der RomaniaRomania (roman courtoisroman courtois) sowie der Germania zurück (MinnesangMinnesang). Als einer der ersten profilierten volkssprachigen Dichter steht er für das Aufblühen der sogenannten höfischen Kultur, aus der sein Werk hervorgeht und die es zugleich maßgeblich prägt. Zahlreiche Autoren des 13. Jahrhunderts preisen Hartmann als einen Autor, der das Erscheinungsbild der deutschen Literatur dieses Zeitraums mitgeprägt habe. Obwohl seine literaturgeschichtliche Bedeutung mithin immens ist und er sich zudem in all seinen Texten wenigstens kurz über sich selbst äußert, verfügen wir – wie auch bei anderen Autoren der Zeit um 1200 – kaum über gesichertes biographisches Wissen. Im ersten Abschnitt dieses Kapitels soll daher der Frage nachgegangen werden, wie Hartmann unter den Bedingungen des Literaturbetriebs um 1200 überhaupt als Autorperson greifbar wird und wie ein solcher Zugriff unser Textverständnis befördern kann. Der in dieser Einführung angestrebte differenzierte wissenschaftliche Zugang setzt darüber hinaus die Rekonstruktion der kulturellen und literarischen Kontexte seines Œuvres voraus. Aus diesem Grund widmet sich der zweite Abschnitt des Kapitels dem hochmittelalterlichen Bildungswesen, der Wechselwirkung von geistlicher und weltlicher Kultur sowie den Wissenshorizonten von Dichter und Publikum und ordnet das Werk Hartmanns in die grundlegenden Linien der literaturgeschichtlichen Epoche der sogenannten höfischen Dichtung ein.
Auch wenn die poststrukturalistische Kritik den Autor als Interpretationskategorie wirkmächtig in Frage gestellt hat, bleibt das wissenschaftliche Verständnis literarischer Texte auf den AutorAutorschaft als Produktionsinstanz bezogen. Das Wissen um die biographische Existenz des Autors hilft, Texte gesellschaftlich sowie wissensgeschichtlich zu kontextualisieren, nicht zuletzt mit dem Ziel, Interpretationen zu plausibilisieren (Jannidis 1999:25). Dies müsste auch und gerade für die mittelalterliche Literaturpraxis gelten, doch entziehen sich deren Akteure aufgrund der desaströsen Quellensituation zumeist einem wissenschaftlichen Zugriff: „Wir kennen im Mittelalter in der Regel nicht den Autor, der den Text hervorgebracht hat, sondern nur den Text, der den Autor hervorbringt“ (Wenzel 1998:5). Dies lässt sich beispielhaft an Hartmann von Aue zeigen. Unser gesamtes Wissen über ihn stammt aus literarischen Texten. Andere Quellen (Tauf- oder Sterberegister, Urkunden o.ä.), die Aufschluss über sein Leben geben könnten, gibt es nicht. Bei einer biographischen Rekonstruktion, die sich auf die Lektüre literarischer Texte des Mittelalters stützt, begegnen deshalb einige unhintergehbare methodische Probleme. Anders als in modernen Textausgaben existieren in mittelalterlichen Handschriften keine Titelblätter mit Angaben zum Verfasser. Wenn ein Autor seinen Text mit seinem Namen in Verbindung bringen wollte, musste er sich selbst nennen: Prologe und Epiloge sind bevorzugte Stellen solcher Selbstnennungen. Da diese in der Überlieferung nicht selten weggelassen wurden, war es für den Verfasser jedoch sicherer, seinen Namen an verschiedenen Stellen seines Werkes einzuflechten. Wer biographische Informationen aus solchen SelbstnennungenAutorsignaturSelbstnennunggenerieren möchte, steht schließlich vor dem methodischen Problem, dass Dichter über die Lizenz verfügen, Unwahres über sich zu erzählen (Kablitz 2008). Es gilt folglich, die biographische Autorexistenz nicht mit der literarischen Szenerie der Autorbilder und -stilisierungen zu verwechseln (Peters 1991:31). Nichtsdestotrotz hat die germanistische Forschung zahlreiche biographische Informationen aus solchen Selbstnennungen abgeleitet: Im Licht der Quellenkritik sind sie oft genug nicht haltbar (z.B. Bumke 2006:1–4, Wolf 2007:31–35). Was kann vor diesem Hintergrund denn überhaupt als gesichertes oder doch zumindest wahrscheinliches biographisches Wissen über Hartmann von Aue gelten?
Hartmann nennt sich in seinen Texten selbst Hartmann von Ouwe. Diese Selbstbezeichnung Autorsignaturfindet leicht variiert (Der von Ouwe, Der Ouwære) Bestätigung in den Dichtungen anderer Autoren, die Hartmann als einen der größten Dichter seiner Zeit herausstellen (→ Kap.12.). So heißt es im ‚Tristan‘ Gottfrieds von StraßburgGottfried von Straßburg‚Tristan‘:
Hartman der Ouwære,
[…]
swer guote rede ze guote
und ouch ze rehte kan verstân,
der muoz dem Ouwære lân
sîn schapel unde sîn lorzwî (GoTr 4621; 4634–4637)
Hartmann, der Ouwære, […] wenn einer gute Dichtung gut und auch richtig beurteilen kann, so muss der dem Ouwære seinen Ehrenkranz aus Lorbeer zugestehen.
Die Schreiber der großen Lyrik-Sammelhandschriften um 1300 nennen ihn übereinstimmend Her Hartman von Owe (zur Weingartner LiederhandschriftLiederhandschriftenWeingartner Liederhandschrift (B) B und Codex ManesseLiederhandschriftenCodex Manesse (C) C, → Abb. 1.1. und 1.2.). Auch wenn das Owe hier dem vielfach im Minnesang genutzten Leidausruf owê entspricht (so z.B. in Hartmanns Lied IV: Owê, waz tæte si einem man, / dem sî doch vient wære, MF 209,15f.) und daher die literarische Klagefigur des unglücklichen Liebenden aufruft, machen die weitgehenden Namensübereinstimmungen nahezu sicher, dass es einen Autor mit Namen Hartmann von Aue gegeben hat.
Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der Weingartner Liederhandschrift (B).
Autorbild zu den Liedern Hartmanns von Aue in der Großen Heidelberger Liederhandschrift (C).
Die Entstehung mittelalterlicher Literatur kann in aller Regel nicht genau datiert werden. Anders als moderne Textausgaben gibt es in mittelalterlichen Codices keine Titelei, der das Erscheinungsdatum zu entnehmen wäre. Zudem haben wir weitestgehend keine Autographe, d.h. vom Autor selbst verfasste Texte. Mittelalterliche Literatur liegt nahezu immer in Abschriften vor, die lange Zeit nach der Entstehung der Dichtung angefertigt wurden. Das gilt auch für Hartmanns Texte. Die überlieferten handschriftlichen Zeugnisse seines Werks datieren vom frühen 13. Jahrhundert bis ins frühe 16. Jahrhundert (→ Kap. 2.). ÜberlieferungFerner gibt es in den Texten Hartmanns keine einzige zeitgeschichtliche Anspielung, die einen sicheren Anhaltspunkt für eine Datierung bietet. Dennoch können wir die Schaffenszeit Hartmanns ungefähr auf die Jahre 1180–1200/05 eingrenzen. Dazu bedienen wir uns der Erwähnung Hartmanns sowie seiner Romane ‚Erec(k)‘ und ‚Iwein‘ im ‚Parzival‘ Wolframs von EschenbachWolfram von Eschenbach‚Parzival‘. Aus dieser Erwähnung resultiert, dass Hartmann seine Romane vor der Entstehung des ‚Parzival‘ verfasst haben muss. Den ‚Parzival‘ aber können wir ungefähr datieren, weil sich darin eine Anspielung auf ein historisches Ereignis findet. Wolfram vergleicht nämlich die im Roman geschilderte Zerstörung einer Landschaft durch ein Belagerungsheer mit der Verwüstung der Erfurter Weingärten in der historischen Realität:
Erffurter wîngarte giht
von treten noch der selben nôt:
maneg orses vuoz die slâge bôt. (WoPz 379,18–20)
Die Erfurter Weingärten befinden sich durch Tritte immer noch in der gleichen Not: Viele Hufschläge verwüsteten sie.
Damit spielt Wolfram wahrscheinlich auf die Zerstörungen im Erfurter Umland an, die während der Belagerung der Stadt im Zuge des Thronstreits zwischen Philipp von SchwabenPhilipp von Schwaben und Otto IV.Otto IV. von Braunschweig im Jahr 1203 entstanden sind. Da in der Formulierung Wolframs die Weingärten immer noch zerstört sind, setzt man die Entstehung dieser Textstelle des ‚Parzival‘ um 1205 an. Damit wäre für Hartmanns Dichtung ein terminus ante quem gewonnen.
Noch unsicherer sind die Indizien für den Beginn von Hartmanns Autorschaft. Autorschaft Die Prätexte der beiden Artusromane Hartmanns, Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes‚Yvain‘Chrétien de Troyes‚Erec et Enide‘ ‚Erec et Enide‘ und ‚Yvain‘, lassen sich ebenfalls nicht genau datieren. Man nimmt als Entstehungszeiten die Jahre um 1165 bzw. um 1175 an. „Die verwertbaren Anhaltspunkte sichern nur einen Datierungsrahmen. Hartmanns literarische Aktivität gehört in die letzten beiden Jahrzehnte des 12. Jahrhunderts; ob sie das vorletzte Jahrzehnt ganz oder nur zum Ende hin ausfüllte und auch noch in das erste Jahrzehnt des 13. Jahrhunderts reichte, ist nicht sicher auszumachen“ (Cormeau/Störmer ³2007:31).
Eine relative ChronologieChronologie, also eine Reihenfolge der Dichtungen Hartmanns, ist nicht wirklich zu erweisen, auch wenn man sich in der Forschung konsensual auf die Reihung der Erzähltexte in der Abfolge ‚Erec(k)‘ – ‚Gregorius‘ – ‚Armer Heinrich‘ – ‚Iwein‘ verständigt hat. Diese Anordnung gründet auf den Vergleich von Reimtechnik, Wortwahl und Versrhythmus. Man geht dabei stillschweigend von der problematischen Prämisse aus, dass ein Autor sich mit fortschreitender Zeit stilistisch stetig verbessert. Gesichert scheint in der Reihung nur, dass der ‚Erec[k]‘ vor dem ‚Iwein‘ entstanden ist, da hier auf die Handlung des Erec[k]romans Bezug genommen wird, dessen Kenntnis bei den Rezipienten also erwartet werden kann. Die ‚Klage‘ wird zuweilen als Erstlings- oder neben dem ‚Erec(k)‘ als Frühwerk Hartmanns angesehen, doch bietet die als Beleg für diese Einordnung herangezogene Selbstbezeichnung Hartmanns als jungelinc (HaKl 7) keine hinreichende Sicherheit (zur Problematik der biographischen Auswertung der Selbstaussagen: → Kap. 1.1.3.). In den Liedern gibt es nicht einen einzigen Anhaltspunkt, der eine Datierung zuließe.
Noch größere Schwierigkeiten als die zeitliche Einordnung bereitet die Frage nach der Herkunft Hartmanns. Wir können ihn familiär gar nicht, regional nur sehr bedingt verorten. Beides hängt damit zusammen, dass es im 12. Jahrhundert noch keine Nachnamen gibt. ‚Von Aue‘ ist eine Herkunftsbezeichnung. Es handelt sich bei unserem Autor folglich um Hartmann aus Aue. Allerdings wissen wir nicht, aus welchem ‚Aue‘ Hartmann stammt. In der Forschung gilt der Südwesten Deutschlands, das alte Herzogtum Schwaben, als wahrscheinliches Herkunftsgebiet, weil seine Reimsprache geringe Spuren eines alemannischen Dialekts aufweist und Heinrich von dem TürlinHeinrich von dem Türlin‚Die Krone‘, ein Dichter aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, in seinem Artusroman ‚Die Krone‘ behauptet, dass Hartmann von der Swaben lande stammt (HeKr 2353). In Schwaben existieren freilich viele Orte mit Namen Aue, sodass eine genauere Zuordnung Spekulation bleiben muss.
Man liest in zahlreichen aktuellen Literaturgeschichten und Einführungen, dass Hartmann Ministeriale – d.h. Dienstmann eines adligen Herrn – und gelehrter Ritter gewesen sei, der in seinen Mußestunden gedichtet habe. Dieses scheinbar gesicherte Wissen verdankt sich freilich ausschließlich den literarischen SelbstaussagenAutorsignatur Hartmanns, deren biographischer Zeugniswert zweifelhaft ist. Denn der Entwurf einer Autorfigurauktoriale Selbstdarstellung im literarischen Text muss sich nicht an der Biographie des realen Autors orientieren, sondern kann Funktionen für das Erzählte haben. Die Selbstdarstellung in literarischen Texten richtet sich dann an rhetorischen Strategien aus, die der Legitimierung des Autors und dem Nachweis seiner besonderen Qualifizierung dienen. Um dies zu erreichen, stellt der Autor mit seinem poetischen Selbstentwurf üblicherweise eine Beziehung zur fiktiven Geschichte her, verklammert also die Ebenen von Erzählung und Erzählen. Durch die Anpassung seines poetischen Selbstentwurfs an das Sujet gewinnt der reale Autor an Autorität und Legitimität. Er wird von den Rezipienten als Fachmann für das Erzählte wahrgenommen. Genau diese Rhetorik der Selbstlegitimation findet sich im Œuvre Hartmanns. Daher lassen sich aus seinen fingierten Selbstentwürfen keine biographischen Fakten ableiten. Dass in fiktionaler Literatur Autoren nicht an eine Wahrheitskonvention gebunden sind, wenn sie Aussagen über sich machen, wird auch in der neueren Forschung immer noch gern übersehen (zum schwierig zu fassenden Verhältnis von Autor und ErzählerErzähler / Erzählinstanz sowie ihrer Überblendung in den Texten Hartmanns → Kap. 8.). Die folgende ausführliche Darstellung soll daher dazu dienen, die rhetorische Funktion der Selbstaussagen Hartmanns offenzulegen (nach Reuvekamp-Felber 2001).
Zunächst einmal sollen zwei prominente und vielzitierte Textstellen aus dem ‚Iwein‘ und dem ‚Armen Heinrich‘ in den Blick genommen werden, in denen sich Hartmann als gelehrter Ritter auktoriale Selbstdarstellungbezeichnet. Dabei redet er von sich – wie es der lateinisch-rhetorischen Tradition entspricht – in der dritten Person (Unzeitig 2010:135f., 230f.):
Ein rîter, der gelêrt was
unde ez an den buochen las,
swenner sîne stunde
nicht baz bewenden kunde:
daz er ouch tihtens pflac.
daz man gerne hœren mac,
dâ kêrt er sînen vlîz an.
er was genant Hartman
unde was ein Ouwære,
der tihte diz mære. (HaIw 21–30)
Ein Ritter, der gelehrt war und es [d.h. das zuvor Berichtete, T.F.] in Büchern gelesen hatte, dichtete auch, sobald er mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen wusste. Er richtete auf das seine Bemühung, was man gerne hört. Hartmann hieß er und war ein Ouwære. Der dichtete diese Geschichte.
Ein rîter sô gelêret was
daz er an den buochen las
swaz er dar an geschriben vant;
der was Hartman genant, […] (HaAH 1–4).
Ein Ritter war so gelehrt, dass er in Büchern lesen konnte, was immer er darin fand; der wurde Hartmann genannt, […]
Bereits die Aussage im ‚Iwein‘,auktoriale Selbstdarstellung dass Hartmann nur dichte, ‚wenn er mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen‘ wisse, dürfte kaum der Wirklichkeit entsprechen: Immerhin war er ein außerordentlich produktiver Autor, für den das Dichten eher eine Haupt- als eine Nebenbeschäftigung gewesen sein dürfte (Bumke 2006:4). Darüber hinaus bezeichnet er sich als buchgelehrter Ritter und ruft damit eine Figur auf, die nur schwer mit der sozialen Wirklichkeit in Deckung zu bringen ist. In aller Regel wachsen Ritter nämlich als Analphabeten auf, während angehende Kleriker das Lesen und Schreiben in einer Kloster- oder Kathedralschule erlernen. Bildung, klerikaleDie vor dem Hintergrund der mittelalterlichen Bildungssituation paradox anmutende Figurauktoriale Selbstdarstellung des buchgelehrten Ritters erweist sich als Teil einer Legitimationsstrategie, wenn man sie in Bezug zum Erzählten, den Erlebnissen des jungen Ritters Iwein, setzt: Als Buchgelehrter besitzt Hartmann die Fähigkeit des Dichtens, als Ritter vermag er, von der Ritterschaft Iweins kompetent zu erzählen. Die Rezipienten werden so eher geneigt sein, ihm die AutoritätAutorität zuzubilligen, über Nöte, Konflikte und richtiges Verhalten seines ritterlichen Protagonisten zu sprechen. Dass Autoren eine solche Vermittlungs- und Legitimierungsstrategie nutzen, ist in der wissenschaftlichen Forschung schon früh erkannt worden: „Der Autor soll die erzählte Welt durch ein dieser möglichst angemessenes Sehorgan sichtbar machen […]. Vom Schlaraffenland erzählt am plastischsten, wer gern und gut ißt, oder ein Koch, oder ein Hungerleider“ (Mecke 1965:14). So sind alle Autorselbstbilder im erzählerischen Werk Hartmanns konstruiert: Sie passen sich jeweils dem Gegenstand an, von dem sie erzählen.
Hartmann entwirft auf der Ebene des Erzählens ein Autorbild, auktoriale Selbstdarstellung das sich dem Protagonisten des Erzählten angleicht, um seine Kompetenz herauszustellen. Der dieser narrativen Vermittlungsstrategie zugrunde liegende Gedanke, dass man nämlich von dem, was man selbst nicht kennt, nur unzureichend erzählen kann, findet sich an vielen Stellen mittelalterlicher Literatur. Hartmann selbst ruft diesen Gedanken etwa auch in seiner Verslegende ‚Gregorius‘ auf, als er schildern soll, wie sehr die MutterMutter/Schwester (‚Gregorius‘) des Gregorius leidet, als sie ihr Neugeborenes in einem Weidenkörbchen auf dem Meer aussetzen muss:
Ir wizzet wol daz ein man
der ir iewederz nie gewan,
reht liep noch grôzez herzeleit,
dem ist der munt niht sô gereit
rehte ze sprechenne dâ von
sô dem der ir ist gewon.
Nû bin ich gescheiden
dâ zwischen von in beiden,
wan mir iewederz nie geschach:
ichn gewan nie liep noch ungemach,
ich enlebe übele noch wol.
dâ von enmac ich als ich sol
der vrouwen leit entdecken […] (HaGr 789–801)
Ihr wisst genau, dass ein Mensch, der weder wahre Liebe noch großes Leid erfahren hat, nicht die Worte findet, um in dem Maße richtig über Liebe und Leid zu sprechen, wie derjenige, der beides gut kennt. Nun stehe ich zwischen den beiden, weil mir beides nicht widerfahren ist: Ich erlebte weder Liebe noch Leid, ich lebe weder schlecht noch gut. Deshalb kann ich nicht, wie ich es sollte, das Leid der Dame beschreiben.
Hartmann bedient sich eines Unzulänglichkeitstopos: Er kann den Liebesschmerz der Mutter nicht angemessen beschreiben, weil er selbst kein Liebesleid erfahren habe. Literarische Kompetenz ist in dieser Vorstellung also an Selbsterfahrung geknüpft.
Wenn man davon ausgeht, dass es Hartmann darum zu tun ist, sich als auktoriale Erzählinstanz Erzähler / Erzählinstanzauktoriale Selbstdarstellungzu legitimieren, ist auch zu verstehen, warum sich seine Selbstdarstellung im ‚Gregorius‘ von dem im Ritterroman entworfenen ritterlichen Selbstbild deutlich unterscheidet. Diese Legende erzählt die fingierte Vita des Papstes GregoriusGregorius, der, nachdem er sich als Ritter in die Sünde des Inzests verstrickt hat, extreme Buße tut und aufrichtig seinen Lebenswandel bereut, um schließlich ins Amt des römischen Bischofs aufzusteigen. Der geistlichen Thematik entsprechend entwirft Hartmann das Selbstbild eines alten, weisen und weltabgewandten Autors, der das Trügerische der irdischen Welt in jungen Jahren kennengelernt und in seinen früheren Dichtungen gepriesen hat:
Mîn herze hât betwungen
dicke mîne zungen
daz si des vil gesprochen hât
daz nâch der werlde lône stât:
daz rieten mir diu tumben jâr.
nû weiz ich daz wol vür wâr:
swer durch des helleschergen rât
den trôst ze sîner jugent hât
daz er dar ûf sündet,
als in diu jugent schündet,
daz er gedenket dar an:
‚dû bist noch ein junger man,
aller dîner missetât
der wird noch vil guot rât:
dû gebüezest si in dem alter wol‘,
der gedenket anders danne er sol.
[…]
Durch daz wære ich gerne bereit
ze sprechenne die wârheit
daz gotes wille wære
und daz diu grôze swære
der süntlichen bürde
ein teil ringer würde
die ich durch mîne müezikeit
ûf mich mit worten hân geleit.
wan dâ enzwîvel ich niht an:
als uns got an einem man
erzeiget und bewæret hât,
sô enwart nie mannes missetât
ze dirre werlde sô grôz,
er enwerde ir ledic unde blôz,
ob si in von herzen riuwet
und si niht wider niuwet. (HaGr 1–16; 35–50)
Mein Herz hat oft meinen Mund unterworfen, sodass er Vieles gesprochen hat, was auf Belohnung im Diesseits zielt: Das gab dem Herz meine Unerfahrenheit ein. Jetzt aber weiß ich genau: Wer durch den Rat des Höllenschergen sich versündigt, wie es ihm seine Jugend eingibt, und sich in seiner Jugend damit tröstet, dass er folgendermaßen denkt: ‚Du bist noch ein junger Mensch, allen deinen schlechten Taten wird noch abgeholfen: du büßt sie alle, wenn du alt bist‘, der denkt anders, als er sollte. […] Deshalb stehe ich bereit, die Wahrheit zu verkünden, damit Gottes Wille geschehe und die große Beschwernis der Last meiner Sünden ein wenig geringer würde, die ich aufgrund meiner Leichtfertigkeit mit Worten begangen habe. An einem zweifele ich nämlich nicht: Wie uns Gott an einem Mann gezeigt und vorgeführt hat, können die schlechten Taten eines Menschen im Diesseits nicht so groß werden, dass er sich nicht wieder von ihnen befreien könnte, wenn er sie nur von Herzen bereut und sie nicht erneut begeht.
Wie der Titelheld der Erzählung hat auch Hartmann in seinem poetischen Selbstentwurfauktoriale Selbstdarstellung in seiner Jugend Sünde auf sich geladen, die er jetzt im Alter durch eine gottgefällige Dichtung abbüßt (ze sprechenne die wârheit / daz gotes wille wære). Hartmann ist schon von vornherein im Besitz der Einsicht, die GregoriusGregorius während der Handlung erst noch erwerben muss. Er hat die Wandlung (conversio) bereits vollzogen, die dem Protagonisten noch bevorsteht. Nicht als Ritter profiliert sich der Autor in seiner geistlichen Erzählung, sondern als büßender Mensch, der die Einsicht in seine Schuld (gesprochen zu haben, daz nâch der werlde lône stât, statt ze sprechenne die wârheit) in richtiges Handeln überführt. Wie schon im ‚Iwein‘ gewinnt Hartmann demnach auch hier literarische Kompetenz und auktoriale Legitimation durch die Anpassung der Autorfigur an den Protagonisten.
Dass man die literarischen Selbstentwürfe auktoriale SelbstdarstellungHartmanns nicht biographisch auswerten kann, zeigt auch ein Beispiel aus der ‚Klage‘, einem selbstbetrachtenden Dialog, der in Form eines allegorischen Streitgesprächs über die richtige Art des Liebens zwischen dem Herzen und dem Körper entworfen ist. Der Prolog der ‚Klage‘ stellt dar, wessen Herz und Körper sich in welcher lebensweltlichen Situation streiten: Es sind das Herz und der Körper des jungen Hartmann, die aneinandergeraten, als seine Liebe von einer Frau nicht erwidert wird:
Minne waltet grôzer kraft,
wande sî wirt sigehaft
an tumben und an wîsen,
an jungen und an grîsen,
an armen und an rîchen.
gar gewalticlîchen
betwanc si einen jungelinc,
daz er älliu sîniu dinc
muose in ir gewalt ergeben
und nâch ir gebote leben,
sô daz er ze mâze ein wîp
durch schœne sinne und durch ir lîp
minnen begunde.
dô sî im des niht engunde
daz er ir wære undertân,
sî sprach, er solde sîs erlân.
Doch versuochte erz ze aller zît.
[…]
er klagete sîne swære
in sînem muote
und hete in sîner huote,
sô er beste kunde,
daz ez ieman befunde.
daz waz von Ouwe her Hartman,
der ouch dirre klage began
durch sus verswigen ungemach.
sîn lîp zuo sînem herzen sprach: […] (HaKl 1–17; 24–32)
Die Liebe besitzt große Kraft, denn sie besiegt die Dummen und die Weisen, die Jungen und die Alten, die Armen und die Reichen. Mit großer Gewalt bezwang sie einen Jüngling, sodass er sich ganz und gar ihrer Macht unterwerfen sowie nach ihrem Gebot leben musste und sich mit Anstand in eine Frau verliebte wegen deren Wohlerzogenheit und Schönheit. Als sie ihm nicht gewährte, ihr zu dienen, sagte sie, er solle sie damit in Ruhe lassen. Dennoch versuchte er es immer wieder. […] Er klagte sein Leid nur innerlich und hielt es verborgen, so gut er es vermochte, damit niemand es herausfände. Dieser (Jüngling) war Hartmann von Aue, der diese Klage wegen eines solch verschwiegenen Leids begann. Sein Körper sprach zu seinem Herzen: […]
Im Selbstentwurf als alter Mann im ‚Gregorius‘auktoriale Selbstdarstellung behauptete Hartmann, von der Qual der Liebe freigeblieben zu sein (ichn gewan nie liep noch ungemach, HaGr 798), hier stellt er sich als über beide Ohren verliebter Jüngling dar: ein Widerspruch, der sich biographisch nicht auflösen lässt. Das Bild des Alten, der in seiner Weisheit und neu gewonnenen Einsicht vor den Trügnissen dieser Welt warnt, wie das des Jungen, der in seiner Unerfahrenheit der Liebe verfällt, sind keine Aussagen über den realen Autor, sondern Selbstentwürfe, die der Legitimation des Erzählens dienen. Hartmann muss nicht alt gewesen sein, als er den ‚Gregorius‘ schrieb, und nicht jung, als er die ‚Klage‘ verfasste. Und es ist mithin auch fraglich, ob er ein Ritter war. Biographisches ist aus den literarischen Autorbildern nicht zu gewinnen. Seine Autorbilder sind ausschließlich funktionale Textgrößen, mit deren Hilfe die erzählte Geschichte und die Erzählinstanz in einer raffinierten literarischen Konstruktion verschränkt werden. Erzähler / Erzählinstanz
Das gilt nicht zuletzt für eine Selbstaussage Hartmanns im ‚Armen Heinrich‘auktoriale Selbstdarstellung, Autorsignaturder in der germanistischen Forschung immer noch biographischer Zeugniswert beigemessen wird: dienstman was er ze Ouwe (HaAH 5). In mittelalterlichen Rechtstexten bezeichnet der Begriff dienstman einen Ministerialen. Ein Ministeriale ist ein unfreier, im Dienst eines Laienadligen oder der Kirche stehender Mann. In der Forschung hat man Hartmann wegen dieser Selbstbezeichnung mit der Ministerialenfamilie von Aue in Verbindung bringen wollen, die sich nach dem Dorf Au bei Freiburg nannte und zur Ministerialität der Herzöge von ZähringenZähringer gehörte. Allerdings gibt es dafür genauso wenig einen Anhaltspunkt wie für die Spekulation, dass Hartmann im Auftrag der zähringischen Herzöge gedichtet hat. Zwar ist volkssprachliche epische Dichtung im Mittelalter nach allem, was wir wissen, AuftragsdichtungAuftragsdichtung. Hartmann nennt in seinen Texten jedoch anders als viele Dichter des 12. und 13. Jahrhunderts keinen Auftraggeber. Und auch der dienstman-Begriff hilft bei der ständischen Einordnung unseres Autors nicht weiter, meint er in der Dichtung doch meist etwas anderes als in den Rechtstexten. Während er hier einen Vertreter der Ministerialität bezeichnet, bezeichnet er dort einen Mann, der in einem Dienstverhältnis jeder Art stehen kann. So werden in der Literatur Männer im Frauendienst als dienstman bezeichnet, auch wenn sie dem Hochadel entstammen. Eine ständische Einordnung Hartmanns mithilfe dieser Selbstbezeichnung lässt sich daher kaum rechtfertigen. Im ‚Armen Heinrich‘ fungiert Hartmann jedenfalls als gelehrter Dienstmann, der in verschiedenen Büchern nach einer Geschichte sucht, dâ mite er swære stunde / möhte senfter machen (HaAH 10f.). Der Begriff bezieht sich hier folglich auf Hartmann als Autor, der einen Schreibdienst leistet, nicht aber explizit auf Hartmann als Ministerialer. Autorschaft
Während wir über den sozialen Status und den Lebensraum Hartmanns nicht wirklich informiert sind, lassen die literarischen Zeugnisse Aussagen über seinen Bildungshorizont durchaus zu: Dieser ist nämlich als Summe der poetischen Möglichkeiten des Autors Autorschaftgreifbar. So konnte Hartmann nicht nur lesen und schreiben, sondern besaß auch umfängliches Wissen über Rhetorik und PoetikRhetorik und Poetik. Dies bezeugen seine Prologtopik im ‚Iwein‘ und im ‚Gregorius‘, die Kenntnisse poetischer Verfahren der dilatatio materiaedilatatio materiae (geradezu musterhaft vorgeführt in der Beschreibung von Enites Pferd im ‚Erec[k]‘, HaEr 8271–8747; vgl. dazu Worstbrock 1985), des aus antiken Dichtungen bekannten stichomythischen Dialogs (vgl. dazu Miedema 2006) u.a.m. Dieses Wissen konnte man sich im Mittelalter nach allem, was wir wissen, nur aneignen, wenn man als Geistlicher eine lateinische Schule in einem Kloster oder an einem Bischofssitz besucht hat. Hartmann dürfte eine solche geistliche Ausbildung erhalten haben, auch wenn er dies in keinem seiner Texte von sich behauptet.klerikale Bildung Nicht auszuschließen ist aber auch, dass die eigentlich der Selbstlegitimation dienenden Autorbilderauktoriale Selbstdarstellung partiell mit der Wirklichkeit übereinstimmen. Vom Schlaraffenland könnte doch wirklich jemand erzählen, der gern und gut isst, oder ein Koch oder ein Hungerleider. Welchem Stand Hartmann angehört hat, als er seine Dichtungen verfasst hat, wissen wir nicht mit Sicherheit. So könnte er tatsächlich in den weltlichen Stand eingetreten sein, nachdem er eine klerikale Ausbildung erhalten hatte. Oder er könnte als Ministerialer gedient oder auch als alter Mann den ‚Gregorius‘ gedichtet haben. Den auktorialen Selbstentwürfen ist dies aber alles nicht zu entnehmen. Diese dienen erst einmal Hartmanns rhetorischer Strategie, sich Kompetenz qua fingierter Erfahrung zuzuschreiben, um sich als versierter Autor zu profilieren. Zugleich sind seine Selbstdarstellungen als Ritter und die um Liebe, Abenteuer und Gewalt kreisenden Texte auch Ausdruck eines tiefgreifenden kulturellen Wandels in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, in der eine Gruppe adliger Laien Einfluss auf die Entstehung literarischer Formen nimmt, die ihren weltlichen Interessen entspringen.
Somit verweist das von Hartmann entworfene ritterliche Selbstbild auktoriale Selbstdarstellungin den Raum einer neu entstehenden und an der klerikalen Schriftkultur partizipierenden Form literarischer SchriftlichkeitSchriftlichkeit. Denn der gelehrte Ritter ist ja nicht zuletzt ein Ritter, der den Anspruch geistlicher Bildung ins Weltliche transponiert und so als Ausdruck für ein neues Selbst- und Kunstbewusstsein volkssprachlicher Dichtung verstanden werden kann. Der gelehrte Ritter, der über Lesekompetenzen und Bildungswissen verfügt, wird zum Repräsentanten und Protagonisten ‚höfischer‘ Dichtung. Diese Dichtung mit ihrer Schwerpunktsetzung auf profane, lebensweltliche Gegenstände (Ritterschaft, Liebe, Abenteuer) markiert eine literaturgeschichtliche Zäsur. Zwar gab es auch schon zuvor eine volkssprachliche Schriftlichkeit; diese aber diente Mönchen und Geistlichen fast ausschließlich dazu, den weniger Lateinkundigen Glaubenstexte und christlich-heilsgeschichtliche Inhalte nahezubringen. Ab Mitte des 12. Jahrhunderts begann dann eine kleine kulturelle Elite innerhalb des Laienadels Einfluss auf die literarische Produktion zu nehmen. Der Literaturbetrieb, der wahrscheinlich an den großen Fürstenhöfen sein neues Zentrum fand, wurde nun von ganz anderen Faktoren bestimmt als zuvor in den Klöstern. HofkulturDas Urteil und die Wünsche des Publikums dürften die literarischen Werke geprägt haben, aber die zentrale Instanz war der adlige Gönner, der die Tätigkeit der Autoren finanzierteAuftraggeberAuftragsdichtung. Ohne dessen Bereitstellung von literarischen Vorlagen, Schreib- und Beschreibstoffen sowie materieller Entlohnung ist die Entstehung der ‚höfischen‘ Literaturhöfische Dichtung nicht denkbar. Gleichwohl findet sich im Werk Hartmanns von Aue kein einziger Name eines Gönners. Ausgerechnet der bedeutendste ‚höfische‘ Autor des 12. Jahrhunderts verzichtet darauf, seinem Finanzier die Ehre zu erweisen und ihn namentlich zu erwähnen. Dies ist umso erstaunlicher, als nahezu unser gesamtes Wissen über die Gönnertätigkeit von Adligen den literarischen Texten selbst entnommen werden muss, da historische Quellen weitestgehend fehlen.
Im folgenden Abschnitt werden die bildungsgeschichtlichen Voraussetzungen für diesen tiefgreifenden kulturellen Wandel dargestellt und das Werk Hartmanns von Aue in die literarische Entwicklung bis um 1200 eingeordnet. Dafür wird zunächst einmal die Frage erörtert, wer in der mittelalterlichen Gesellschaft überhaupt lesen und schreiben konnte und wie wir uns die Rezeption der neu entstehenden ‚höfischen‘ Literaturhöfische Dichtung vorzustellen haben (1.2.1.). Anschließend wird die Bedeutung der großen Fürstenhöfe für die Verbreitung der neuen literarischen Formen erörtert (1.2.2.) und die Vorreiterrolle der Romania skizziert (1.2.3.). Die deutschen Adeligen orientieren sich nämlich an der HofkulturHofkultur, die in verschiedenen Regionen des heutigen Frankreich schon in der ersten Jahrhunderthälfte entstanden war. Volkssprachliche Literatur war ein zentraler Bestandteil dieser romanischen HofkulturHofkultur und wurde ab ca. 1160 in der deutschen Dichtung adaptiert. Die deutschen Autoren übernahmen ausgewählte lyrische Subtypen und übersetzten Romane – so auch Hartmann von Aue, der zwei Artusromane Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes ins Deutsche übersetzte, daneben aber auch auf einheimische und lateinische literarische Traditionen zurückgriff (1.2.4.).
SchriftlichkeitSchriftlichkeit hatte im Mittelalter, also vor der Erfindung des Buchdrucks, einen ganz anderen Stellenwert als in der Moderne. Sie war eine knappe kulturelle Ressource, einerseits bedingt durch die enormen Kosten des Beschreibstoffs Pergament (→ Kap. 2.), andererseits durch den geringen Bildungsgrad innerhalb der mittelalterlichen Gesellschaft. Nur eine kleine kulturelle und gesellschaftliche Elite verfügte über die finanziellen Mittel und Bildungsressourcen, an der Schriftlichkeit zu partizipieren. Lesen und schreiben lernte man in der Regel an Kathedral- und Klosterschulen. Bildung, klerikaleDie in lateinischer Sprache ausgebildeten Schüler waren für eine geistliche Laufbahn vorgesehen. Die Verkehrssprache im pragmatischen Schrifttum – in der Theologie, in der Verwaltung, im Recht, in der Wissenschaft usw. – war im 12. und 13. Jahrhundert nahezu ausschließlich Latein. Volkssprachliche Texte stellen nur einen Randbereich innerhalb der mittelalterlichen SchriftlichkeitSchriftlichkeit dar. Die Autoren umfangreicher Erzähltexte haben höchstwahrscheinlich eine klerikale Ausbildung erhalten und eine Lateinschule besucht, da sich sonst ihre umfangreichen Kenntnisse in Rhetorik, Theologie, Naturkunde usw. kaum erklären lassen. Zudem speisen sie in die volkssprachige Dichtung gelehrtes Wissen ein, das aus den lateinischen Text- und Bildungstraditionen stammt (Reuvekamp 2013). Als Rezipienten volkssprachiger Erzähltexte kommen in erster Linie Laienadelige infrage, die nicht für eine geistliche Laufbahn bestimmt und des Lateins nicht mächtig waren. Wie man sich konkret die Rezeption der volkssprachlichen Literatur vorstellen muss, ist in der Forschung umstritten. Die meisten Mediävisten gehen davon aus, dass Erzähltexte den laienadeligen Analphabeten vorgelesen wurden (Green 1994)Vortrags--praxis. Zeugnisse für eine solche Vorlesesituation sind aber spärlich und begegnen nur in der Literatur selbst. Wenn eine Lesung in der Dichtung als Motiv begegnet, dann sind es nicht schulgebildete Geistliche, die den Text an eine analphabete laienadelige Zuhörerschaft vermitteln, sondern (zumeist weibliche) Einzelpersonen aus dem Laienadel selbst. Charakteristisch für eine solche Lesung ist eine Stelle im ‚Iwein‘ Hartmanns, wo ein Mädchen ihren hochadeligen Eltern etwas auf Französisch vorliest:
unde vor in beiden saz ein magt,
diu vil wol, ist mir gesagt,
wälsch lesen kunde:
diu kurzte in die stunde.
ouch mohte sî ein lachen
lîhte an in gemachen:
ez dûhte sî guot swaz sî las,
wand sî ir beider tohter was. (HaIw 6455–6462)
Vor ihnen beiden saß ein Mädchen, die sehr gut, wie mir erzählt wurde, französisch lesen konnte. Die vertrieb ihnen die Zeit. Zudem konnte sie die beiden sehr leicht zum Lachen bringen: Was auch immer sie vorlas, gefiel ihnen, denn sie war ihrer beider Tochter.
Lesekundige Laienadelige begegnen allenthalben in der volkssprachlichen Literatur. Daraus ist gegen die Mehrheitsmeinung in der Mediävistik geschlossen worden, dass Lese- und Schreibkenntnisse im Laienadel weit verbreitet gewesen sein mussten (Scholz 1980, Ernst 1997). Die Divergenz der wissenschaftlichen Annahmen gründet in der schlechten Quellenlage, die es verunmöglicht, sich ein genaues Bild zu machen. Wenn man geneigt ist, den literarischen Zeugnissen über Lese- und Schreibfähigkeiten von Laien Erkenntniswert für die historische Wirklichkeit zuzugestehen, so bleibt dennoch das Dilemma, dass sich diese Zeugnisse widersprechen: Neben solchen, die den schriftliterarisch gebildeten Laienadeligen fokussieren, finden sich Texte, in denen Laien der Schrift verständnislos gegenüberstehen und auf die Hilfe klerikaler Vermittler angewiesen sind (Reuvekamp-Felber 2003). Vortrags--praxisHofkulturAm plausibelsten erscheint die Annahme, dass innerhalb der Gruppe des weitgehend schriftunkundigen Adels eine kleine kulturelle Elite existierte, die sich durch Lese- sowie Schreibkenntnisse auszeichnete und literarische Texte in Lesungen oder in privater Lektüre rezipierte. Denn auch für die private Lektüre von Literatur bietet die mittelalterliche Dichtung einige wenige Zeugnisse. Ein instruktives Beispiel begegnet in der Kurzerzählung ‚Der Welt Lohn‘ Konrads von WürzburgKonrad von Würzburg, ‚Der Welt Lohn‘ (nach 1250). Der Protagonist sitzt zu Beginn der Erzählung zu Hause und liest in einem Buch:
Sus saz der hôchgelobte
in einer kemenâten,
mit fröuden wol berâten,
und hæte ein buoch in sîner hant,
dar an er âventiure vant
von der minne geschriben.
dar obe hæte er dô vertriben
den tag unz ûf die vesperzît;
sîn fröude was vil harte wît
von süezer rede die er las. (KoWL 52–61)
Einst saß der Hochgerühmte glückselig in einem Zimmer und hielt ein Buch in seiner Hand, worin er Liebesgeschichten fand. Damit hatte er sich den ganzen Tag bis zum Abend vertrieben. Er hatte sehr große Freude an den köstlichen Erzählungen, die er las.
Anders als moderne Literatur ist mittelalterliche volkssprachige epische Dichtung ab der Mitte des 12. Jahrhunderts AuftragsdichtungAuftragsdichtung. In der Regel waren es Mitglieder des Adels, die als AuftraggeberAuftraggeber weltlicher Literatur in Erscheinung traten. Da die politische und kulturelle Organisation des Adels mit den (Fürsten-)Höfen als HerrschaftszentrenHerrschaft / feudale (Rechts-)OrdnungHofkultur verbunden ist und die mediävistische Forschung dort auch die Produktion, Rezeption und Distribution der Dichtungen verankert, spricht man literaturgeschichtlich auch von der Periode der höfischen Dichtunghöfische Dichtung. Der Begriff ‚höfisch‘ verweist dabei einerseits räumlich auf den Betriebsort von Literatur, eben den Adelshof, andererseits aber auch auf die spezifische Ausprägung der Literatur dieser Periode: Die Werthaltung und thematischen Interessen der adligen Hofmitglieder schlagen sich in den Texten nieder. HofkulturVor der Mitte des 12. Jahrhunderts war volkssprachige Dichtung nahezu ausschließlich von religiösen oder heilsgeschichtlichen Themen geprägt und gehörte überwiegend in den klösterlichen Bereich. Ihr Zweck war zumeist die Festigung des Glaubens sowie die Belehrung über die Natur und die Historie. Dies änderte sich mit dem zunehmenden Einfluss adliger Laien auf die Literaturproduktion: Weltliche Themen wie Liebe, Sexualität, Ritterschaft, Gewalt, Herrschaft usw. prägten fortan – genauso wie ein christlicher Wertehorizont, rhetorische Darstellungsverfahren und gelehrt-lateinisches Wissen – einen erheblichen Teil der volkssprachigen Dichtung (auch wenn die vornehmlich religiöse Literatur weiterhin ihren festen Platz im Kanon besaß). Allerdings sollte man sich hüten, nur den Fürstenhof und seine Repräsentanten als Motor dieser neuen literaturgeschichtlichen Entwicklung anzusehen. Als Rezipienten der neuen ‚höfischen‘ Dichtunghöfische DichtungHofkultursind auch Kleriker und sogar Mönche wahrscheinlich. Dies legt jedenfalls eine Anekdote nahe, die der Abt und Zisterziensermönch Caesarius von HeisterbachCaesarius von Heisterbach, ‚Dialogus Miraculorum‘ in seinem in die 20er Jahre des 13. Jahrhunderts zu datierenden ‚Dialogus Miraculorum‘ erzählt. Darin berichtet er, dass beinahe alle seiner Mitbrüder im Kloster Heisterbach während seiner Predigt in tiefen Schlaf fallen. Als er aber mit lauter Stimme das Wort ‚Artus‘ ertönen lässt, wachen alle auf, schauen aufmerksam hoch und brennen vor Lust und Begierde, eine Geschichte von König Artus zu hören. Dies nimmt er zum Anlass, die Mönche mit einem Augenzwinkern zu tadeln:
Videte, fratres, miseriam magnam. Quando locutus sum de Deo, dormitastis; mox ut verba levitatis inserui, evigilantes erectis auribus omnes auscultare coepistis. (CHD, Bd. 1:205)
Brüder, schaut dieses große Elend! Wenn ich von Gott spreche, schlaft ihr. Sobald ich aber leichtfertige Worte äußere, so wacht ihr auf und fangt alle an, mit gespitzten Ohren zu lauschen.
Egal, ob diese Anekdote auf einer historischen Begebenheit fußt oder fingiert ist: Sie zeigt, dass die ‚höfische‘ Dichtunghöfische Dichtung, deren zentrales Sujet die Geschichten über König Artus sind, nicht nur beim Laienadel an den (Fürsten-)Höfen en vogue waren. Der Begriff ‚höfische‘ Dichtung ist also eine Verlegenheitslösung zur Bezeichnung eines bestimmten, in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts neu aufkommenden Typs von Literatur, der von einer kleinen kulturellen Elite gefördert wurde, die nicht ausschließlich an den Adelshöfen zu finden warHofkultur (Johnson 1999:10).
Die Neuorientierung des Literaturbetriebs fiel mit einem tiefgreifenden kulturellen Umbruch im Regnum Teutonicum zusammen. Der Adel, der die Herrschaft über die deutschen Territorien ausübte, orientierte sich bereits ab der Mitte des 11. Jahrhunderts – aber nun im 12. Jahrhundert verstärkt – in seinen kulturellen Ausdrucksformen an seinen französischen Standesgenossen.HofkulturRomaniaDie französische Sachkultur, die sich in der Architektur, der Mode, den Sitten, im Essen, im Waffenhandwerk usw. ausdrückte, war im Reich en vogue und beeinflusste den deutschen Adel massiv. höfische RepräsentationAuch die mittelalterliche deutsche Sprache (mittelhochdeutsch und mittelniederdeutsch) spiegelt den kulturellen Einfluss Frankreichs in dieser Zeit: Viele französische Wörter gelangten ins Deutsche. Für das 12. Jahrhundert hat man 350, für das 13. Jahrhundert 700 französische Lehnwörter wie Turnier/turnoi, tanzen/danser usw. nachgewiesen. Was in unserer heutigen Zeit die Anglizismen sind, waren im 12. Jahrhundert die Französismen. HofkulturRomaniaDoch nicht nur französische Kleidungsstücke, Anstandsregeln, Baustile und Lehnwörter fanden durch den Kulturkontakt ihren Weg ins Reich, sondern ab Mitte des 12. Jahrhunderts eben auch literarische Texte, die von adligen Werthaltungen und Interessen geprägt waren (Bumke 1990). Am Beginn dieses Literaturtransfers standen zum einen antike historische StoffeAntikenroman, deren mittelalterliche französische Neudichtungen in der Germania adaptiert wurden. So wurde um 1150/60 der ‚Roman d’Alexandre‘ Alberics von BisinzoAlberic von Bisinzo, ‚Roman d’Alexandre‘, der die Geschichte Alexanders des Großen erzählt, von einem Geistlichen namens Lamprecht Lamprecht, ‚Alexanderroman‘in deutscher Sprache retextualisiert, um 1180/85 folgte dann der ‚Eneasroman‘ Heinrichs von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘, eine Adaptation des anonymen französischen ‚Roman d’Eneas‘‚Roman d’Eneas‘. Stoffliche Grundlage beider Romane ist die ‚Aeneis‘ VergilsVergil, ‚Aeneis‘, die von den Abenteuern und Irrfahrten des Trojaflüchtlings Aeneas erzählt, der auf Geheiß der Götter das brennende Troja mit seinem Gefolge verlässt, in Italien ansässig wird und dort eine Herrschaft begründet, die schließlich das (genealogische) Fundament des späteren Römischen Reiches darstellt. Zum anderen begegnen Texte, die von Begebenheiten der eigenen, mittelalterlichen Geschichte erzählen: So um 1170 das ‚Rolandslied‘ des Pfaffen KonradKonrad, ‚Rolandslied‘, das auf die anonyme französische ‚Chanson de Roland‘ ‚Chanson de Roland‘zurückgeht und vom Spanienfeldzug und der militärischen Niederlage Karls des Großen erzählt, sowie wohl auf einheimische mündliche Traditionen zurückgehende (pseudo-)historische Epen wie ‚König Rother‘‚König Rother‘, der die (kriegerische) Brautwerbungsfahrt des Großvaters Karls des Großen imaginiert, oder ‚Herzog Ernst‘‚Herzog Ernst‘, der von der kriegerischen Auseinandersetzung zwischen Kaiser Otto und dem Titelhelden sowie von dessen Abenteuern im Exil im Orient erzählt. Allen diesen Texten ist gemeinsam, dass sie historisch-politische oder auch religiös-heilsgeschichtliche Fragen in den Vordergrund stellen: nach (idealer) Herrschaft, der Reichsgeschichte, dem Kreuzzug, der Auseinandersetzung mit dem Islam usw.
Solche thematischen Akzentuierungen von Krieg, Herrschaft und Religion erfuhren im ‚Eneasroman‘ Heinrichs von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘ eine für die weitere deutsche Literaturgeschichte spezifische Erweiterung, da der Protagonist Eneas am Ende des Romans seiner späteren Ehefrau und großen Liebe, Lavinia, begegnet. Bereits der anonyme französische Autor hat das römische Staatsepos VergilsVergil, ‚Aeneis‘ über weite Strecken in einen Liebesroman verwandelt. Er hat die Abenteuer des Trojaflüchtlings gekürzt und die politischen Motive zurückgedrängt, aber dafür die beiden Liebesepisoden mit Dido und Lavinia stark ausgebaut. Veldeke ist seiner Vorlage in dieser Umakzentuierung gefolgt und kann damit für die deutsche Literaturgeschichte als Neuerer gelten, der erstmals die emotionale und erotische Beziehung zweier Menschen zum Thema der epischen Literatur macht – und dies mit all ihren möglichen Folgen: höfische Liebedem drohenden Selbstverlust, der reflexiven Infragestellung der eigenen emotionalen Stabilität, den Unwägbarkeiten, Unsicherheiten, dem Leid, aber auch dem Glück. In der Nachfolge Veldekes war die Liebe oft das Hauptthema deutschsprachiger Dichtung. So ist es nicht verwunderlich, dass Gottfried von StraßburgGottfried von Straßburg‚Tristan‘ in seinem epochalen Liebes- und Abenteuerroman ‚Tristan‘ um 1210 in Heinrich von Veldeke, der auch als Liebeslyriker in Erscheinung trat, den Ursprung meisterlicher Dichtkunst und das Vorbild zeitgenössischer Autoren sieht:
von Veldeken Heinrîch
der sprach ûz vollen sinnen;
wie wol sanc er von minnen!
wie schône er sînen sin besneit!
Ich wæne, er sîne wîsheit
ûz Pêgases urspringe nam,
von dem diu wîsheit elliu kam.
ine hân sîn selbe niht gesehen;
nû hœre ich aber die besten jehen,
die, die bî sînen jâren
und sît her meister wâren,
die selben gebent im einen prîs:
er inpfete daz êrste rîs
in tiutischer zungen:
dâ von sît este ersprungen,
von den die bluomen kâmen,
dâ sî die spæhe ûz nâmen
der meisterlîchen vünde;
und ist diu selbe künde
sô wîten gebreitet,
sô manege wîs zeleitet,
daz alle, die nu sprechent,
daz die den wunsch dâ brechent
von bluomen und von rîsen
an worten unde an wîsen. (GoTr 4726–4750)
Heinrich von Veldeke dichtete mit großem Sachverstand. Wie gut er von der Liebe sang! Wie schön er den Sinn herausarbeitete! Ich vermute, dass er seine Weisheit aus der Quelle des Pegasus schöpfte, von wo alle Weisheit stammte. Ich habe ihn selbst nicht mehr kennengelernt, aber ich höre jetzt noch die Besten sagen, die zu seiner Zeit und danach Meister (der Dichtkunst) waren, dass sie ihm einen Verdienst zurechnen: Er pflanzte den ersten Baum in deutscher Sprache. Aus diesem entsprangen seither Äste, aus denen jene Blumen hervorsprossen, aus denen die Dichter nach ihm die Kunst der meisterlichen Ideen herausbrachen. Dieses Wissen (über Heinrich) hat sich so weit verbreitet und in so viele Richtungen zerstreut, dass alle, die heutzutage dichten, ihre Kreativität im Umgang mit Worten und Melodien von seinen Blumen und Ästen hernehmen.
Nicht zu Unrecht kann man Heinrich von VeldekeHeinrich von Veldeke‚Eneasroman‘ als den eigentlichen Erfinder des deutschsprachigen ‚höfischen‘ Romanshöfische Dichtung ansehen (Johnson 1999:231). Sowohl an seiner Darstellungstechnik von Artefakten, Personen und deren inneren Zuständen als auch an seiner sprachlichen Formkunst, die sich an der lateinischen RhetorikRhetorik und Poetik orientiert, schließen nachfolgende deutschsprachige Autoren an. Das gilt auch für Hartmann von Aue, den man dennoch ebenfalls als Neuerer in der deutschen Literaturgeschichte ansehen kann. Mit dem ‚Erec(k)‘ dichtete er nämlich den ersten ArtusromanArtusroman in deutscher Sprache und schuf damit für die zentrale Gattung der ‚höfischen‘ Epik das Modell, an welchem sich Generationen nachfolgender Autoren im Personeninventar (die Ritter der Tafelrunde), in den Motiven (Abenteuer in der außerhöfischen Welt) und in der erzählerischen Vermittlung (Ausgestaltung der ErzählinstanzErzähler / Erzählinstanz) orientierten. Dieser Prototyp des deutschsprachigen Artusromans geht auf die französische Vorlage Chrétiens de TroyesChrétien de Troyes zurück, der einzelne Ritter der Tafelrunde zu Protagonisten eigener fiktiver Erzählwelten erhob (→ Kap. 5.). Von den fünf Artusromanen Chrétiens adaptierte Hartmann zwei in deutscher Sprache: neben ‚Erec et Enide‘ (um 1160/70) Chrétien de Troyes‚Erec et Enide‘ auch den ‚Yvain‘ (um 1170/80)Chrétien de Troyes‚Yvain‘. Grundlage beider Romane ist der bretonische Erzählstoff von König ArtusArtus, welcher in der RomaniaRomania und auf der britischen Insel durchaus einen (wenn auch umstrittenen) historischen Stellenwert hatte. Der erste Schrifttext im 12. Jahrhundert, der ArtusArtus zu einem großen europäischen Herrscher aus der britischen Frühzeit erhob, war nämlich eine Chronik, ein Text der lateinischen Geschichtsschreibung: die ‚Historia regum Britanniae‘ des Geoffrey of MonmouthGeoffrey of Monmouth, ‚Historia regum Britanniae‘ (1135/36). Zwar wurde Geoffrey bereits von zeitgenössischen Historikerkollegen Geschichtsfälschung vorgeworfen, gleichwohl bewahrte ArtusArtus bis ins 12. Jahrhundert einen historischen Rang als großer britischer König der Vorzeit. Geoffrey datierte dessen Herrschaft genau und deren Untergang auf das Jahr 542. Anders als Geoffrey ging es Chrétien in seinen Artusromanen indessen nicht um eine historische Darstellung mit genauen Zeit- und Ortsangaben, sondern darum, spannende Geschichten zu erzählen, die in einem ‚es war einmal in einem Irgendwo‘ spielen und sich um Liebe, Ritterschaft, Kampf sowie Ehre drehen. Während den Chrétien’schen Romanen trotz ihrer zahlreichen Fiktionalitätsmerkmale Fiktionalitätin Frankreich Romaniaein historischer Zeugniswert zugesprochen wurde und diese sogar in Chroniken integriert werden konnten (Wolf 2009:53), kommt den Artusromanen in der deutschen Literaturgeschichte keine gleiche realhistorische Relevanz mehr zu: Der bretonische Erzählstoff (matière de Bretagnematière de Bretagne) wurde als fiktionaler adaptiert, womit sich Chrétiens Tendenz zur Enthistorisierung verstärkte. Am Beginn dieser literaturgeschichtlichen Entwicklung steht Hartmann von Aue, der mit dem ‚Erec(k)‘ das volkssprachliche Erzählen vom Anspruch historischer Verbindlichkeit befreit hat (Haug 21992, Raumann 2010). Der ArtusromanArtusroman war als Gattung so erfolgreich, weil er für eine Vielzahl von Themen besetzbar war, die im Fokus einer kulturellen Elite standen, die einerseits ihren eigenen Lebensstil feierte und andererseits zugleich dessen Grundlagen problematisierend reflektierte: den Umgang mit Liebe, Sexualität, Gewalt, Macht, Ehre, Familie, Religion, dem Fremden und Vertrauten. Hofkultur
Wie seine beiden Artusromane folgt auch der ‚Gregorius‘ einer französischen Vorlage, der um 1150 entstandenen, anonym überlieferten LegendeLegende ‚La vie du Pape Saint Grégoire‘‚La Vie du Pape Saint Grégoire‘. Eine Legende ist eine Erzählung von heiligen Ereignissen oder Personen, deren Leben und oftmals Wandlung im Mittelpunkt stehen. Die deutschsprachige Legendenliteratur schließt weitgehend an eine lateinische Tradition an, die der Erinnerung an herausragende Taten heiliger Menschen und der Erbauung ihrer Rezipienten dient. Diese legendarische Erzähltradition reicht bis in die Antike zurück und wird in Klöstern und kirchlichen Gemeinschaften gepflegt. Im Zuge des kulturellen Umbruchs im 12. Jahrhundert wird diese lateinisch-geistliche Gattung in die deutsche Sprache überführt. Im Gegensatz zu anderen deutschsprachigen Legendenautoren des 12. Jahrhunderts wandte sich Hartmann jedoch einer französischen Vorlage zu und schafft mit seinem ‚Gregorius‘ einen Text, der zwar – wie die überwiegende Überlieferung in legendarisch-geistlichen Sammelhandschriften zeigt – als Legende rezipiert wurde (Ernst 1996), den aber auch romanhafte Elemente und eine „geradezu melodramatische Handlung“ (Johnson 1999:403) kennzeichnen. Damit knüpft der ‚Gregorius‘ deutlich an Paradigmen der ‚höfischen‘ Erzählliteratur an. höfische DichtungDennoch wurde er als erster deutschsprachiger Text ins Lateinische übersetzt, fand also die Aufmerksamkeit der geistlichen Gelehrtenwelt. Bereits um 1210 schrieb Arnold von Lübeck, der Abt des benediktinischen Lübecker Johannisklosters, im Auftrag des Welfenherzogs Wilhelm von Lüneburg, dem Sohn Heinrichs des Löwen, die ‚Gesta Gregorii Peccatoris‘Arnold von Lübeck, ‚Gesta Gregorii Peccatoris‘, die auf Hartmanns Prätext gründet. Auch wenn der Abt den ‚Gregorius‘ abschätzig beurteilt hat – ‚wir haben nicht die Gewohnheit, derartiges zu lesen‘ –, zeigt die zeitnahe Übersetzung in die Gelehrtensprache, dass die ‚höfische‘ Literatur nicht nur für den Laienadel von Interesse ist. Davon zeugt auch eine Prosaauflösung von Hartmanns Versdichtung in der sehr verbreiteten Legendensammlung ‚Der Heiligen Leben‘ ‚Der Heiligen Leben‘um 1400.
Deutlicher noch als die Legende vom armen Büßer Gregorius stellt sich Hartmanns ‚Armer Heinrich‘ als Gattungshybrid mit legendarischer Motivik dar. Das versifizierte Kleinepos erzählt die Geschichte eines Adligen, der von Gott einer Prüfung unterzogen wird: Heinrichs glückliches Leben wird durch eine unheilbare Krankheit, den Aussatz, zunichte gemacht. Als er erfährt, dass das einzige Heilmittel das Herzblut einer Jungfrau im heiratsfähigen Alter sei, die sich freiwillig opfert, und ein Bauernmädchen genau dazu bereit ist, will er zuerst einmal dieses Opfer annehmen. Doch HeinrichHeinrich (‚Armer Heinrich‘) besinnt sich im letzten Moment: Kurz bevor das Mädchen von einem Arzt getötet wird, versteht er, dass er wie Hiob aus dem Alten Testament Gottes Willen geduldig ertragen muss, und bricht die Opferzeremonie ab. Diese Erkenntnis und die aus Mitleid erwachsende Rettung des Bauernmädchens honoriert Gott mit der Heilung Heinrichs. Die vielen religiösen Elemente erinnern an eine Legende, doch wird am Ende das irdische Leben nicht zugunsten einer jenseitigen Perspektive überwunden, sondern wiederhergestellt. In einer handschriftlichen Fassung heiratet nämlich der Adlige das Bauernmädchen und beide kommen nach einem langen glücklichen Leben in den Himmel. Der kleinepische Text weist in einer anderen handschriftlichen Fassung einen alternativen Schluss auf, der die legendarischen Züge stärker betont (→ Kap. 2.): Die Ehe wird sexuell nicht vollzogen, Heinrich wählt den geistlichen Stand und zieht sich wie das Mädchen für den Rest seines Lebens ins Kloster zurück, um Gott zu dienen. Der ‚Arme Heinrich‘ lässt stärker noch als der ‚Gregorius‘ erkennen, dass Weltliches und Geistliches in der ‚höfischen‘ Literatur keine Gegensätze darstellen, sondern (auf verschiedenste Art) miteinander verwoben sind (→ Kap. 11.). Und er zeigt, dass Hartmann Erzählmuster und Motive kennt, die in der lateinischen Gelehrtenkultur wurzelnklerikale Bildung. So begegnen Heilungsgeschichten von Aussätzigen nicht nur in der Bibel, sondern auch in der lateinischen Legendenliteratur. Daher verwundert es nicht, dass auch der ‚Arme Heinrich‘ im 14. Jahrhundert in lateinische Prosa (als ‚Henricus pauper‘ ‚Henricus pauper‘und ‚Albertus pauper‘ ‚Albertus pauper‘in zwei Breslauer Handschriften) übertragen wird (Wolf 2007:108f.). Hartmanns spezifische Leistung aber ist es, die traditionellen, aus dem Lateinischen stammenden Motive mit den profanen Inhalten der ‚höfischen‘ Literatur kreativ zu verschränken: Als Protagonist im ‚Armen Heinrich‘ fungiert ein Ritter, das Opfermotiv wird in eine erotisch aufgeladene Beziehung zwischen Adligem und einem Bauernmädchen eingekleidet, das Ende wird (in einer Textfassung) von einem Märchenschluss dominiert.
Die originelle Verbindung lateinischer Texttypen mit profanen Inhalten der ‚höfischen‘ Kulturhöfische DichtungHofkultur kennzeichnet auch die ‚Klage‘ Hartmanns von Aue (→ Kap. 4.). Als erste deutschsprachige LehrdichtungLehrdichtung über die Liebe kann der Text keiner Gattung wirklich zugeordnet werden. Die ‚Klage‘ entzieht sich einer klassifikatorischen Gattungsbestimmung, weil sie durch ganz verschiedene generische – epische, lyrische, dramatische, epistolarische – Formen geprägt ist und sich durch ein dichtes Geflecht von Traditionsreferenzen auszeichnet. Hartmann experimentiert mit Überkommenem und akzentuiert etablierte Formen neu. So greift er einerseits in der formalästhetischen Ausgestaltung auf lateinische Leib-Seele-DialogeLeib-Seele-Dialog als Traditionskontext zurück und darüber hinaus auf das „Modell der abendländischen Selbstgespräche“ (Hess 2016:13). Diese Selbstgespräche in Form des selbstbetrachtenden Dialogs entstehen im Übergang von der Spätantike zum Mittelalter (zu denken ist etwa an Augustins ‚Soliloquia‘Augustinus, ‚Soliloquia‘ oder Boethius’ ‚Consolatio Philosophiae‘Boethius, ‚Consolatio Philosophiae‘
