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Kann der Tod besiegt werden? Hat das überhaupt Sinn? Wird Gesundheit zu einem Luxus, der die Menschheit spalten wird? Oder ist gesundes Leben in der Zukunft selbstverständlich und kostenfrei? Wie sehen neue Therapien aus? Wird sich der Mensch an lebensfeindliche Umgebungen anpassen? Haben Klone Rechte? Und wenn ja, welche? Gibt es im Jahr 2500 noch Mann und Frau? Wie werden unsere Kinder aussehen? Und wer entscheidet das? Wird der Mars eine planetenweite Kurklinik? Und wird Unsterblichkeit wirklich Spaß machen? Das Feld der Themen ist ein weites, und die in diesem Band vertretenen Autoren haben einige Furchen eindrucksvoll beackert. Und gleichgültig, was die Zukunft der Medizin uns bringen wird – es bleibt die "Hauptsache gesund".
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Seitenzahl: 545
Veröffentlichungsjahr: 2016
Ralf Boldt (Hrsg.)
HAUPTSACHE GESUND!
Science-Fiction-Geschichten
zum MediKonOne 2016
AndroSF 57
Ralf Boldt (Hrsg.)
HAUPTSACHE GESUND!
Science-Fiction-Geschichten
zum MediKonOne 2016
AndroSF 57
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
© dieser Ausgabe: März 2016
p.machinery Michael Haitel
Titelbild: Lothar Bauer
Layout & Umschlaggestaltung: global:epropaganda, Xlendi
Lektorat: Michael Haitel
Herstellung: global:epropaganda, Xlendi
Verlag: p.machinery Michael Haitel
Ammergauer Str. 11, 82418 Murnau am Staffelsee
www.pmachinery.de
für den Science Fiction Club Deutschland e. V., www.sfcd.eu
ISBN der Printausgabe:
978 3 95765 057 3 (Paperback)
978 3 95765 058 0 (Hardcover)
Ralf Boldt (Hrsg.)
HAUPTSACHE GESUND!
Science-Fiction-Geschichten
zum MediKonOne 2016
»Gesundheit ist ein hohes Gut«, sagte Johannes Rau 2004 als Bundespräsident in seiner Rede auf dem 107. Deutschen Ärztetag. Und weiter: »Nichts ist den Menschen wichtiger, als gesund zu bleiben oder gesund zu werden: nicht der Wohlstand, nicht der Beruf und auch nicht die Karriereaussichten.«1
Doch was ist überhaupt »Gesundheit«?
Es gibt sicher viele unterschiedliche Definitionen. Die Weltgesundheitsorganisation der Vereinten Nationen (WHO) definiert Gesundheit in ihrer Verfassung von 1948 wie folgt: »Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Fehlen von Krankheit und Gebrechen.«2
Ausdrücklich wird hier also nicht das Augenmerk nur auf die körperliche Unversehrtheit gelegt, sondern auch das psychische und soziale Wohlbefinden in die Definition eingeschlossen.
Uns Bewohnern des zentralen Europas scheint es diesbezüglich gut zu gehen. Wir werden heute deutlich älter als unsere Vorfahren, was auf eine bessere Ernährung und auf weniger körperlich aufreibende Arbeit zurückzuführen ist. Wir sind länger vital und können auch im Alter meist noch lange selbstbestimmt leben. Die moderne Medizin hat viel erreicht. Patienten mit schweren Erkrankungen haben eine bessere Prognose als noch vor wenigen Jahren. Jeden Tag gibt es Nachrichten über neue Diagnosemethoden und OP-Techniken. Herzschrittmacher werden immer kleiner, Medikamente immer wirksamer.
Das Alter hat aber auch seine Tücken. Hightechmedizin verlängert zwar das physische Leben, nicht immer aber die Qualität des Alterns selbst und gar nicht die des Sterbens.
Selbstbestimmtheit im Alter und ein würdevolles Sterben gehören aber zum Leben dazu. Gerade hier weisen unser Gesundheitssystem und die gesellschaftlichen Strukturen, in denen wir leben, viele Defizite auf. Das Sterben und der Tod sind nicht mehr Teil des täglichen Lebens, werden oftmals bewusst ausgeblendet. Es gibt zu wenige Plätze auf den Palliativstationen, die ein würdevolles Sterben nach einem erfüllten Leben ermöglichen. Realität ist noch immer der verzweifelte Kampf der Apparatemedizin um jedes Leben. Sterben mit Kathetern in den Armen und Schläuchen im Hals ist der Alltag, nicht der schmerzfreie Übergang in den Tod. Immer mehr Deutsche sterben alleine, wobei die meisten sich wünschen würden, zu Hause und im Kreis der Familie den letzten Atemzug zu machen.3 Doch sie haben im Alter keine Familie mehr, da Kinder und Kindeskinder vielleicht nicht in die Lebensplanung gepasst haben. Die Kindersterblichkeit ist zwar niedriger denn je, die Geburtenrate allerdings auch.
Doch es gilt, nicht nur die physische, sondern auch die psychische Gesundheit zu betrachten. Sind körperliche Erkrankungen wie Herz-, Kreislauf- oder Rückenleiden und der damit verbundene Arbeitsausfall gesellschaftlich mehr oder weniger anerkannt, so haben psychische Leiden wie das Burn-out-Syndrom es immer noch nicht geschafft, ohne Makel zu sein. Sie gelten als Zeichen von Schwäche, die es zu verbergen gilt. Der Leistungsdruck des modernen, immer schneller werdenden Lebens in unserer Gesellschaft erzeugt Depressionen, Schlafstörungen, Angst und Panik. Menschen mit diesen Leiden ziehen sich zurück und meiden den Kontakt mit ihrem Umfeld. Soziales Wohlbefinden empfinden sie sicher nicht.
Ist der »moderne« Mensch in der heutigen Zeit mit seinem Leben überfordert?
Bisweilen scheint dies so. Was nützt ein gesunder Körper, wenn der Geist oder die Seele krank ist. Ein Leben mit seelischen Erkrankungen ist quälend, wenn die Umwelt nichts erfahren darf und der Mensch im Alltag doch weiter funktionieren muss.
Wenn sich schon heute der Mensch nicht mehr zurechtfindet, wie wird dann die Zukunft aussehen?
Die Autoren dieser Anthologie betrachten ganz unterschiedliche Aspekte des Themas. Wir erfahren von Menschen, die keine natürlichen Körper mehr haben, sondern nur noch in künstlichen Hüllen stecken. Wir begegnen dem langen Leben oder gar der Unsterblichkeit als Last. Wir treffen Menschen, die in Situationen kommen, die wir uns heute noch nicht vorstellen können und deren soziale Interaktionen uns befremdlich erscheinen mögen. Uns werden Welten gezeigt, deren Normen den heutigen nicht mehr entsprechen. Interessant sind sicher die Geschichten, die sich mit der Rolle von Mann und Frau beschäftigen.
Dem Leser wünschen wir den einen oder anderen nachdenklichen Moment, vor allem aber viel Vergnügen bei der Lektüre.
Ralf Boldt
Dezember 2015
1 Wer die ganze Rede nachlesen möchte: www.bundespraesident.de/SharedDocs/Reden/DE/Johannes-Rau/Reden/2004/05/20040518_Rede.html (gesehen am 01.12.2015).
2 Original: »Health is a state of complete physical, mental and social well-being and not merely the absence of disease or infirmity«, apps.who.int/gb/bd/PDF/bd47/EN/constitution-en.pdf?ua=1&ua=1, deutsche Version: gesundheitsmanagement.kenline.de/html/definition_gesundheit_krankheit.htm (gesehen am 16.11.2015).
3 Siehe Spiegel online: www.spiegel.de/gesundheit/diagnose/umfrage-die-meisten-deutschen-wollen-nicht-allein-und-daheim-sterben-a-954209.html (gesehen am 01.12.2015).
»Sandra Maßen am Telefon, hallo? Ah, hallo, Mama, schön, dass du anrufst. Nein, also ehrlich gesagt noch nicht. Ja. Ja, hab’ ich schon. Nein, eigentlich war alles unauffällig, stand in dem Brief. Der wird automatisch geschickt. Irgendein Entzündungswert war erhöht, ich soll noch eine Urinprobe schicken. Nein, hab’ ich noch nicht. Nein, ist es nicht. Mit der Blutprobe war das auch ganz einfach. Ja, das könntest du bestimmt auch. Wieso? Geht’s dir auch schlecht? Ach so, ja, das ist immer gut. Ja, also man muss einfach online ein Blutprobeformular anfordern. Ja, über die Website, health.org, glaube ich, war das. Aber du kannst es googeln. Ist gleich der erste Treffer. Also du forderst dieses Formular an und das schicken sie dir innerhalb von zwölf Stunden zu. Das ist so ein Brief, der kommt mit einem Kurier. Da ist ein kleines Röhrchen drinnen und so eine Art Minireagenzglas aus Plastik mit Verschluss und eine Lanzette. Mit der pikst du dir in den Finger und hältst das Röhrchen an den Blutstropfen und dann saugt sich das Röhrchen voll mit Blut. Dann tust du's in das Reagenzglas und zurück in den Brief und der Kurier nimmt alles sofort wieder mit. Nein, nein, das ist wirklich ganz klein, vielleicht einen Zentimeter hoch oder so. Nein, vielleicht einen halben Milliliter. Wirklich wenig. Ja, ich hab' das gestern gemacht. Das Ergebnis war heute Morgen in der Post. Ja, haben sie mitgeschickt. Das ist so ähnlich. Pipette, Gläschen, nur ein bisschen größer. Mhhm … Ja. Naja, also seit vorgestern ist mir unglaublich schlecht, wenn ich aufstehe. Es dreht sich alles vor meinen Augen, muss mich ständig hinlegen. Nein, ich bringe gar nichts runter. Seltsam, ja. Ich kenne so was gar nicht. Dachte erst, dass es am Wetter liegt, aber irgendwie ist es schon echt heftig. Schlecht, auch ja. Es fühlt sich an, als müsste ich mich jeden Moment übergeben. Nein, hab' ich nicht. Nein, ich bin nicht schwanger, Mama. Ja, sicher. Nein, eigentlich bin ich mir ziemlich sicher, dass es zuverlässig ist. Es ist weltweit das größte Unternehmen der Branche. Und ich meine, das Gesundheitsministerium empfiehlt health ausdrücklich. Das spricht ja wohl für sich, oder? Es ist schneller, günstiger und flexibler als ein herkömmlicher Arzt oder das Krankenhaus. Man muss nicht tausend Jahre auf einen Termin warten und sie machen auch weiterführende Diagnostik. Ja, wenn es notwendig ist. Dafür muss man aber in eines der Zentren. Ja, gibt sogar mehrere. Fünf oder so, glaub ich. Nein, alles computergesteuert. Man bekommt Anweisungen, wie man sich hinstellen muss und alles. Über einen Bildschirm, glaub ich. Oder über Kopfhörer. Ich weiß es nicht, war ja noch nie dort. Mhhm, ja, okay. Okay, ja, ich pass auf mich auf. Ja, mach ich. Ja. Okay. Danke. Schön, dass du angerufen hast. Grüß Bernd von mir. Ja, tschüss.«
»Hallo, Mama. Mhmh … Nein, nicht besser. Ja, sehr. Ist eigentlich noch stärker geworden. Seit einer Woche jetzt. Ja, aber der ist auf einer Dienstreise. Bis Freitag. Ach, nein, wirklich nicht! Nein. Ich komm schon zurecht. Wie, die Nachbarn? Nein, natürlich kenne ich die nicht. Hier wohnen zweihundert Parteien im Haus. Nein, ich glaube nicht. Ja, ich rufe nachher mal Conni an und frage, ob sie Zeit hat. Ach gut, eigentlich. Du weißt ja, wie das ist. Karriere und Kinder und jetzt ist sie noch alleinerziehend. Sie sagt immer, das Schlimmste ist, dass sie so viel Energie in ihre Karriere gesteckt hat, die jetzt einfach verpufft. Sie hätte sie lieber in die Kinder stecken sollen, weil sie das ja jetzt sowieso muss. Ja, stimmt, bewundernswert. Neun Jahre, der Kleine, glaube ich. Die Große weiß ich nicht. Nein, ich hab’ mich krankgemeldet. Es geht wirklich nicht. Mir ist schlecht, sobald ich die Augen aufmache. Fieber? Seit gestern. Ja, in dem Brief stand, ich hätte auch im Urin Bakterien und wahrscheinlich eine asymptomatische Blasenentzündung. Haben mir Antibiotika mitgeschickt. Naja, ja, stimmt schon, irgendwie seltsam. Ich hab’ auch die Symptome einer Blasenentzündung gegoogelt. Da stand nirgends was von Schwindel und Übelkeit. Das hat eher was mit Magen-Darm zu tun, aber ich weiß ja nicht, welche Laborwerte bei Magen-Darm-Krankheiten erhöht sind. Wenn das nicht passt. Kann ja sein, vielleicht vom allgemeinen Schwächezustand her. Nein, bitte, Mama. Es ist so ein weiter Weg. Du brauchst wirklich nicht zu kommen. Bestimmt ist das einfach nur durch den ganzen Stress, den ich in letzter Zeit hatte. Die Fusion und alles und Gregor arbeitet auch so viel. Es war einfach superanstrengend, du weißt es ja. Ach, Mama, mach dir doch keine Vorwürfe. Du kannst doch nichts dafür. Nein, wir leben nun mal weit auseinander. Da ist das eben so, dass man nicht mal eben vorbeischaut. Nein, es ist das beste Unternehmen, das es zurzeit gibt. Ja, wirklich. Es ist von mehreren seriösen Stiftungen zertifiziert. Ja, versprochen. Telefonieren wir morgen.«
»Mama? Mama? Ja, bin gerade zur Tür rein. Mhmh … schlecht. Mir ist immer noch so schwindelig. Warte, kurz, ich muss mich hinsetzen … Puh … Puhpuhpuh … Echt unglaublich … Nein, Ärzte sind teuer, das weißt du doch. So viel verdienen wir jetzt auch wieder nicht. Außerdem, was würde der denn machen? Eine Blutprobe hat ja health schon gemacht und Urin auch und Stuhl auch. Und irgendwelche anderen Untersuchungen würde er wahrscheinlich auch nicht anordnen, weil meine Versicherung das nicht bezahlt. Nein, ich war gerade in der Notaufnahme. Nein, die haben gesagt, ich soll woanders hingehen, weil es kein Notfall ist, wenn ich das schon seit einer Woche habe und wenn man kein Notfall ist, wartet man mindestens sechs Stunden. Eine Frau war da, die hat schon seit acht Stunden gewartet. Ja, total überlastet, wirklich. Die armen Leute, die da arbeiten. Ja, Mama, ich weiß, dass du dagegen bist. Aber das ist nun mal die Entwicklung. Ich finde es gut. Ich meine, man spart man sich den Weg zum Arzt, man kann sich nicht im Wartezimmer anstecken, die Ergebnisse sind innerhalb von vierundzwanzig Stunden da. Ist doch alles gut. Ja, immer noch. Achtunddreißig-null heute Morgen. Im Brief stand auch, es könnte eine untypische Form von Migräne sein. Es waren auch Kopfschmerztabletten dabei. Nein, hab' ich noch nicht. Ja, am Freitag kommt er wieder. Ja, mach ich. Mama, ich muss mich jetzt hinlegen. Kann ich dich später anrufen? Ja, bitte. Okay, tschüss, bis dann.«
»Hallo? Ja. Nein. Nein. Morgen. Ich weiß nicht. Nein, immer noch. Mhhm … Ja, hab’ ich gemacht. Nein, muss mit den Kleinen lernen. Ja, Mama. Ja. Nein. Okay. Ja, okay! Ja. Ja. Mach ich. Tschüss. Okay. Danke …«
»Gregor? Hallo? Ja, hallo, Gregor! Hast du heute schon was von Sandra gehört? Sie geht nicht ans Telefon. Nicht? Okay. Ja, jeden Tag. Immer. Ja, vielleicht. Ich versuch es später noch mal.«
»Hallo, Gregor? Nein, immer noch nicht. Du? Tatsächlich? Ach du lieber Himmel, hoffentlich ist nichts passiert. Na ja, sie war ja wirklich nicht gut beisammen in den letzten Tagen. Ich weiß es nicht. Ja, hat sie. Blut, Urin, Stuhl, glaub ich. Nein, wohl nichts Besonderes. Antibiotika, ja. Hat sie dir das nicht erzählt? Ach so, ja, natürlich … Ich mache mir Sorgen, Gregor. Kannst du nicht einen eurer Nachbarn anrufen? Meinst du? Ach so, ja, ich verstehe, ja. Wann genau? Okay, bitte ruf mich sofort an, wenn du da bist, ja? Ja, sofort. Oder sag Sandra, sie soll mich anrufen. Ich mache mir wirklich Sorgen. Gestern klang sie gar nicht gut am Telefon. Ja, health, genau. Meinst du? Na ja, ich bin da ja skeptisch. Meinst du, ja? Ich weiß es nicht. Ja, ja, natürlich. Ja, bis später.«
»Ja, hallo? Ah, Gregor, endlich! Wie geht es … Wie bitte? Was, wie meinst du das? Nein … Nein, bitte nicht. Sag mir, dass das nicht wahr ist. Gregor, sag mir bitte, dass das nicht wahr ist. Bitte, bitte, bitte, Gregor. Das kann doch gar nicht sein. Ihr war doch nur schwindelig … Oh Gott … Oh Gott … Oh Gott, das kann einfach nicht wahr sein. Das kann einfach nicht … Es kann nicht sein. Ihr war doch nur … Es war doch nichts auffällig. Sie hat doch diese Tabletten … Oh Gott … Das ist nicht … das kann nicht. Das ist unmöglich. Wir haben gestern noch telefoniert. Mein kleines Mädchen … Mein Gott, was ist nur passiert?«
Es begann mit einem leichten Kribbeln in der Nase.
Wie jeden Morgen die letzten Jahre fuhr ich mit der U1 in die Hamburger Innenstadt zu meiner Arbeitsstelle. Ich war während dieser Zeit noch nie krank gewesen. Doch heute fühlte ich mich nicht ganz fit. Schon beim Aufstehen deutete sich ein ungewohnter, leichter Druck hinter der Stirn an, doch dieser war verschwunden, als ich unter der Dusche stand.
Dann passierte es: Ich musste niesen. Schlagartig entlud sich die Luft aus meinen Lungen in die Umgebung. Bestimmt fünfzig Augenpaare starrten mich an. Alle, aber auch alle Mitfahrer schauten von ihren Tablets, Smartphones, ihren Büchern und Zeitungen auf und fixierten mich wie einen tollwütigen Fuchs. Eine Mutter nahm ihre kleine Tochter auf den Arm und entfernte sich hastig von mir in die entgegengesetzte Ecke des Wagens. Ein älterer Mann hob sein Handy ans Ohr. Dabei blickte er abwechselnd mich und die anderen Fahrgäste an. Er wollte sicherlich die Gesundheitspolizei anrufen, denn es gab immerhin fünfhundert Euro Prämie für einen freilaufenden Kranken. Langsam wurde die Situation unangenehm für mich.
»Hier!«, rief ich. »Alles im grünen Bereich!«
Ich zeigte auf meinen Health-Button und drehte mich einmal im Kreis, damit sich auch jeder vergewissern konnte, dass er wirklich in einem strahlenden Grün leuchtete.
»Kein bisschen orange und schon gar nicht rot!«
Der Mann mit dem Smartphone am Ohr machte ein enttäuschtes Gesicht. Langsam beruhigten sich auch die anderen. Eine Frau riet mir noch, morgens mehr Prophylaktika zu nehmen und steckte mir eine Probepackung Bonsana®-Dragees zu. Ich entschwand wieder aus dem Fokus der allgemeinen Aufmerksamkeit und jeder wandte sich seinen privaten allmorgendlichen U-Bahn-Tätigkeiten zu.
Das war auch dringend notwendig, denn ich bemerkte, dass ich vor Aufregung zu schwitzen begann. Ein nasses Gesicht wäre für einige der Anwesenden sicher ein weiteres Indiz für eine Krankheit und einen Anruf bei der Gesundheitspolizei wert.
Die U-Bahn erreichte endlich meine Station und ich war froh, aussteigen zu dürfen. Nur ein paar Schritte und ich erreichte meine Firma. Im Büro angekommen, schloss ich die Tür hinter mir und ließ mich in meinen Stuhl fallen. Doch schon öffnete sie sich wieder und mein Kollege Jörg steckte den Kopf ins Zimmer.
»Keinen Kaffee heute zum Start?«, fragte er.
»Ich komme gleich. Muss nur die Mails zum aktuellen Projekt checken. Ich melde mich bei dir.«
Damit gab er sich zufrieden und ich war wieder allein im Büro.
Irgendwie ging es mir heute wirklich nicht gut. Das kannte ich nicht. Aber das Grün des Health-Buttons sagte doch, dass ich kerngesund sein musste. Ich schaltete meine Workstation an und musste den Daumen auf die Entnahmefläche drücken. Ein kurzer Pikser und ich war etwas Blut los. Vorher hatte der Rechner mit dem Health-Button kommuniziert und Daten ausgetauscht. Das Ergebnis der Schnellanalyse wurde in meiner elektronischen Personalakte gespeichert und der Rechner gab den Desktop frei, denn das war eindeutig meine DNA.
Auf dem Desktop schaltete sich die Health-Ampel oben rechts auf dem Monitor ebenfalls auf Grün. Ich war demnach gesund und leistungsbereit, hatte ausreichend geschlafen und alle Blutwerte waren okay. Dennoch kribbelte es schon wieder in meiner Nase und ich musste den Niesreiz unterdrücken. Dabei schossen mir Tränen in die Augen. Hoffentlich sieht mich keiner so! Ich sah auf der Abteilungs-App, dass alle Kollegen bereits in ihre Projektaufgaben vertieft waren. Mein Team war schon fleißig und auch ich musste mich ranhalten, um das heutige Pensum zu schaffen. Also machte ich mich an die Arbeit und vergaß mein leichtes Unwohlsein. Ich trank sogar einen Kaffee mit den anderen Kollegen und war früher als geplant mit meinen Arbeiten fertig.
Nach der Mittagspause nahm ich mir etwas Zeit, nachzudenken. Inzwischen hatte sich zu dem Kribbeln in der Nase wieder ein leicht bohrender Schmerz in der Schläfe hinzugesellt. Das war schlimmer als der Druck heute Morgen. Doch der Health-Button blieb beharrlich grün.
Es war Pflicht, diese Buttons seit der Einführung des »Gesetzes zur deutschen Volksgesundheit« – kurz GzdV – im Jahre 2022 jederzeit offen zu tragen. Sie waren gewissermaßen eine sichtbare Ergänzung zum Personalausweis. Dieser wurde zwar erstmals im Alter von sechzehn Jahren ausgestellt, doch den Button gab es mit der Einschulung. Die »Deutsche Gesundheitspartei« DGP hatte das Gesetz als Koalitionspartner der CDU durchsetzen können. Die DGP war zur Bundestagswahl 2021 erstmalig angetreten. Man munkelte, dass namhafte Unternehmen aus dem Gesundheitssektor den Wahlkampf dieser Partei mit nicht unerheblichen Geldern unterstützt hatten. Die DGP übersprang die Fünfprozenthürde mit Leichtigkeit. Achtzehn Prozent der Bundesbürger wählten die Partei und die seit 2017 wieder im Bundestag vertretende FDP musste die gerade warm gewordenen Sitze wieder räumen. Der CDU blieb außer der Möglichkeit einer Großen Koalition mit der SPD nur die Verbindung mit der DGP.
Die Baupläne für die Buttons wurden aus irgendeiner Schublade gezogen und schon wenige Monate später bekam jeder Bürger, der das sechste Lebensjahr erreicht hatte, ein persönlich adressiertes Päckchen nach Hause. Der Button musste sofort angesteckt werden. Ein Merkblatt mit Verhaltensregeln war beigelegt: Leuchtete der Button grün, durfte man sich frei bewegen und am allgemeinen Leben teilnehmen. Gelb bedeutete, dass die Menschen ihre Wohnung nicht mehr verlassen durften und sich spätestens am nächsten Tag beim zuständigen Arzt melden mussten. Dieser würde zu einem Hausbesuch vorbeikommen. Dafür hatte man mehrere Tausend neuer gut bezahlter Arztstellen geschaffen. Diese waren beim Staat angestellt und bekamen sogar einen eigenen Dienstwagen.
Sprang der Button auf Rot, wurde automatisch eine Meldung abgesetzt und ein Notarztteam brachte den Patienten unverzüglich in ein Krankenhaus. Der Button war dafür ständig mit dem flächendeckenden HealthCareNet, dem HCN, verbunden. Erst bei Grün durfte man wieder nach Hause. Damit waren die Gefahren von Grippewellen und anderen Epidemien nahezu gebannt worden.
Lebensmittel mussten nun per Gesetz gesund sein. Koffein, Nikotin und Zucker fanden sich auf einer Verbotsliste wieder.
Die Produktivität der deutschen Volkswirtschaft steigerte sich nachweislich schon nach einem Jahr um fünf Prozentpunkte. Die erforderlichen Investitionen in die Infrastruktur und für die neuen Stellen amortisierten sich also blitzschnell. Das europäische Ausland war davon so begeistert, dass zuerst die Beneluxstaaten, dann Österreich und die Schweiz nachzogen. Frankreich, Großbritannien und die skandinavischen Länder folgten ebenfalls. Nur die südlichen Nachbarn zierten sich. Die deutsche Regierung übte aber über die EU Druck aus. Sollten die Staaten bis 2023 die deutsche Gesetzgebung nicht für sich adaptieren, drohte der sofortige Ausschluss aus der Union und das bedeutete Staatsbankrott für solche Länder.
Die USA diskutierten noch kontrovers, da die eine Hälfte des Kongresses das deutsche Gesetz für faschistisch hielt, während die anderen Senatoren eine kommunistische Schweinerei linker Parteien witterten.
Es gab ein paar nicht vorauszusehende positive Effekte in Deutschland, die man zu gerne mitnahm. Im Profifußball konnte ein Schiedsrichter sofort erkennen, ob ein Stürmer wirklich gefoult worden war. Blieb sein Button grün, bekam er sofort die gelbrote Karte, denn er hatte ja eine Schwalbe hingelegt.
Mein Button schien also nicht richtig zu funktionieren. Zumindest in diesem Moment. Denn früher war er durchaus auf Gelb gesprungen. In meiner wilden Phase hatte ich mit meiner damaligen Freundin Monika das eine oder andere Mal die Nacht zum Tag gemacht. Auch während der Woche. Morgens ließen Restalkohol, vermehrte Leber- und Nierenfunktion den Button die Farbe wechseln. Doch dank der Pharmaindustrie gab es schnell wirkende, nicht ganz preiswerte Mittelchen dagegen und ich konnte mit einem grünen Signal zur Arbeit fahren.
Ach! Monika! Was waren das für Zeiten gewesen! Vielleicht sollte ich sie nach all den Jahren noch mal anrufen …
Ich begann also, im Netz zu suchen, ob es technische Hinweise zum Button gab. Ich fand nicht viel. Um genau zu sein, gar nichts. Die Technologie war streng geheim. Nicht einmal den Ursprung oder den Hersteller konnte ich feststellen.
In diesem Moment ploppte ein Fenster auf dem Monitor auf. »Hör sofort auf zu suchen. Der Feind liest mit und wertet deine Anfragen aus!«, las ich dort. Es gab nur die Möglichkeit »OK« zu drücken, was ich auch tat. Das Fenster schloss sich.
Ich war immer der Ansicht gewesen, dass unser Firmennetzwerk und die Verbindungen ins Internet sicher und geschützt wären. Doch das schien so nicht ganz richtig zu sein. Jemand las auf meinem Computer mit!
Ein neues Fenster entfaltete sich. »Wir müssen uns treffen! Hauptbahnhof. Vor dem McDonald’s. 18:00 Uhr.«
Ich hatte die Nachricht gerade erst erfasst, als das Fenster schon wieder verschwand. Diesmal ohne Bestätigung von mir.
Das wurde immer verschwörerischer. Ich musste den Kopf klar bekommen, also ging ich in die Küche, um mir einen koffein- und schadstofffreien Bio-Ersatz-Kaffee zu ziehen. Die Kollegen dort diskutierten die neuesten Fußballergebnisse. Werder Bremen hatte gute Chancen, wieder in die Regionalliga aufzusteigen und Bayern München wollte dieses Jahr die zehnte Bundesliga-Meisterschaft in Folge erreichen. Ich hörte kurz zu und machte mich wieder an die Arbeit.
Um 14:00 Uhr hatte ich noch ein Meeting, das ich ohne zu klagen über mich ergehen ließ.
Ich packte um halb sechs meine Sachen und war pünktlich vor dem McDonald’s im Hauptbahnhof. Wie sollte ich aber erkennen, wer mit mir Kontakt aufnehmen wollte und anders herum: Wie erkannte er mich? Ich hatte doch keine rote Rose im Knopfloch!
Kaum stand ich dort, als auch schon ein unauffällig gekleideter Mann mich anrempelte. »Feind liest mit«, sagte er. Das war mein Kontakt! Wir gingen in das Schnellrestaurant und bestellten zwei vegane Big-Mac-Menüs. Seit Jahren gab es hier schon kein Fleisch mehr zwischen labbrigen Brötchenhälften, sondern nur noch gesunde Kost. Wir suchten uns einen freien Tisch und setzten uns. Mein Gegenüber biss zaghaft in den Vollkorn-Tofu-Burger und meinte: »Ich hätte gerne wieder Fleisch, aber dafür müsste ich nach Argentinien fliegen.« Mit langen Zähnen kaute er und verzog das Gesicht. Mit einigen Schlucken energetisiertem Wasser spülte er die Masse herunter. Cola, Fanta und Sprite durften schon lange nicht mehr ausgeschenkt werden.
»Ich bin der Mirko von der Deutschen Front für Fleischgenuss und dein Kontaktmann. Wir beobachten dich schon seit geraumer Zeit und denken, dass es an der Zeit ist, bei uns mitzumachen. Wir haben deinen Health-Button manipuliert und ein paar Grippeviren in dein Apartment gepustet, um dir zu zeigen, dass wir es ernst meinen und es voll draufhaben. Du musst dich uns anschließen. Computerfachleute können wir immer gut gebrauchen. Hast du Lust?«
Ich wollte zu einer Antwort ansetzen, als im Restaurant das Chaos ausbrach. Die Fensterscheiben splitterten und mindestens ein Dutzend schwarz vermummter Einsatzkräfte in gepanzerten Kampfanzügen umstanden unseren Tisch. Alle hatten schwere Waffen im Anschlag.
Wohl der Chef der Truppe rief laut in den Raum: »Hier gibt es nichts zu sehen. Essen Sie in Ruhe weiter. Alles ist in Ordnung!«
Die Menschen an den anderen Tischen bissen wieder in ihr Ersatzfleisch und die verstummten Gespräche wurden fortgesetzt.
»Sie sind festgenommen wegen Verstoßes gegen Paragraf 10, Absatz 3, Satz 2 des GzdV. Lassen Sie sofort den Burger fallen. Hände über den Kopf und langsam aufstehen!«
Ich tat wie geheißen und wurde angeschnauzt: »Sie nicht! Verschwinden Sie!«
Also stand ich auf und ging vor die Tür, die nun schief in den Angeln hing. Ich sah, wie Mirko abgeführt wurde und ein Trupp von Glasern begann, die entstandenen Schäden zu reparieren.
Ich suchte den richtigen Bahnsteig, stieg in meine U-Bahn und fuhr nach Hause.
Der Health-Button leuchtete beruhigend in Grün.
Alles war gut.
Hauptsache gesund.
Warubia mag in unseren Erinnerungen ein luxuriöser, gar pompöser Planet sein, doch interstellar gesehen war es nur ein Haufen Dreck mit einem Casino und ein paar Bars. Die Erträglichste von ihnen war der Space Intruder, eine ehemalige Raketenabwrackhalle in Form eines Kubus', in dem halb Manhattan Platz hatte, jedenfalls wenn es sich ein wenig duckte.
Da mein Besuch im lokalen Casino ausnahmsweise nicht zu meinem Beinahbankrott geführt hatte, sondern ein paar Jetons in meinem Bodysuit klimpern ließ, beschloss ich, den Abend im Space Intruder ausklingen zu lassen. Kaum stand ich an der Bar, umzingelten mich ein paar außerirdische und innerirdische Freunde, die behaupteten, mein digitaler Fingerabdruck sei ihnen sympathisch.
Wahrscheinlich suchten sie nur jemanden zum Saufen. Da auf dem Videohologramm nur ein unbedeutendes Match der westlichen Milchstraßen-Kreisklasse lief, ließ ich mich darauf ein und zahlte ihnen eine Runde. Wer war schon gerne auf einem fremden Planeten allein?
Auf Warubia verdunsten Drinks anscheinend sehr schnell, auf alle Fälle starrten schon bald alle wieder auf das Videohologramm. Das humanoide Fußballteam namens Real Madrid schlug sich nicht schlecht, doch schnell zeigte sich, dass sie gegen die fünfbeinigen Astarier keine Chance hatten.
Für mich war das keine Überraschung, denn der Mutterplanet des Fußballes war nur ein Provinznest am äußersten Ende der Milchstraße. Und ich war einer ihrer ehemaligen Bewohner. Ein Provinzler aus New York.
Fußball war mir ziemlich egal, doch auch in anderen Sportarten wie Baseball hatten wir kaum eine Chance, denn die achtarmigen Octopussianer waren uns in jeder Hinsicht überlegen. Immerhin hatte das Doping so endlich keine Chance mehr, zumindest auf unserem Kreisklasseplaneten.
Natürlich musste ich trotzdem als Projektionsfläche für die anderen Gäste herhalten, denn ich war der Humanoide, der gerade mit 5:0 unterging. Wie ich bald erfuhr, verlangten die lokalen Gepflogenheiten, dass ich für jedes Tor gegen uns eine Runde Wiener Schnitzel ausgeben musste.
Wiener Schnitzel war übrigens ein gutes Beispiel dafür, was von unserer Kultur jenseits der Milchstraße übrig blieb: ein Cocktail aus Kalbslebermelasse, Wasserstoff und Schwefel. Ungenießbar für uns, so wie für die Astarier das Original. Und da die Astarier die intellektuell – oder zumindest militärisch – führende Spezies des Universums waren, galt ihr Kulturbegriff als der interstellare Maßstab.
Wer schon einmal Wiener Schnitzel in Tokio bestellt hat, oder von Indern zubereitetes Sushi in New York, weiß, wovon ich rede. Das, nur um einiges schlimmer, kam als Essenz unserer Kultur im Universum an. Die Bibel, Brave New World, 1984, alles schon da gewesen, lange bevor wir Kontakt aufgenommen hatten. Lediglich die Abenteuer eines gewissen Arthur Dent waren im Universum auf Gegenliebe gestoßen, als Dokusoap wohlgemerkt.
Tausendsechshundertzwölf Exabyte Daten waren über uns Humanoide in den Datenbanken des Universums gespeichert und täglich wurden es mehr, denn als ob man damit Hungerzeiten überbrücken könnte, speicherte man die Daten neuerdings auf Vorrat. Was auch immer man dann damit anstellte, denn alles, was als Extrakt von diesem Datenwust übrig schien, war Fußball, flüssiges Wiener Schnitzel und der Nachbau des Venetian aus Las Vegas in Macao.
Data-Overkill hatte man das Phänomen schon in den 80ern des letzten Jahrtausends genannt, allerdings vor ein paar Hundert Generationen auf Astaria: Wer wahllos Daten sammelt, kann die wichtigen nicht mehr von den unwichtigen trennen. Und am Ende werden dann Dinge vermengt, die nicht zusammengehören, nur, weil eine scheinbare Korrelation existiert. So waren beispielsweise die Galertarianer offiziell die Spezies, die am engsten mit uns verwandt war.
Ich blickte auf den Weltraumtouristen neben mir, der sich gerade auf meine Kosten eine orale Alkoholinfusion verabreichte. Der Kerl sah aus wie eine Mischung aus einem drei Meter großen Darmfollikel und einem Kuhfladen in Giftgrün. Das war ein Galertarianer im Ausgehanzug. Er muffelte ein wenig, und ich drehte den Geruchsfilter in meinem Bodysuit auf volle Leistung.
Doch auch unsere Ausdünstungen galten in gehobenen Weltraumkreisen als kaum tolerabel. Einige ätherische Lebensformen hatten daher ein Einreiseverbot über uns verhängt, und mit »uns« waren in diesem Fall die Galertarianer und wir Humanoide gemeint.
Selbst die ungekrönten Könige des Universums, die Astarier, waren ein gewöhnungsbedürftiges Volk. Sie ernährten sich von angeblich wohlschmeckenden, heuschreckenartigen Lebewesen, die in ihrem Schuppengeflecht gediehen. Dieses nahrungstechnische Perpetuum mobile hatte die Astarier zur überlegenen Spezies des Universums werden lassen: Sie waren autark, hatten Frühstück, Lunch und Dessert immer mit dabei und mussten keine Zeit für Nahrungssuche und deren Kultivierung verschwenden.
Den Bau einer Thermonuklearbombe lernte man dort schon an der Grundschule. Dies wohlgemerkt in der Pause auf dem Schulhof, beispielsweise, wenn einer der Dreijährigen die astarische Version des YPS-Heftes hervorholte, das gerne mit solch billigem Tand wie einem Mini-AKW oder einem Neuronentransmitter zum Kauf verführte. Selbst Albert Einstein wäre auf diesem Planeten mit einem 1-Euro-Job in etwa so überfordert gewesen, wie bei uns ein Molukkenkakadu als Englischlehrer.
Die Astarier wussten alles besser, konnten alles besser und duldeten keine Widerrede. Außerdem mischten sich die Kerle überall ein und so saß auch bald ein Astarier in unserer illustren Runde. Er hatte wie üblich fünf Beine, dreieinhalb Hände, war nur zwei Meter groß, aber vier breit und sah aus wie ein falsch aufgebauter Ikeaschrank. Stand einer von denen im Tor, endeten Fußballspiele meist zu null.
Er grinste abfällig zu mir herüber, zu dem Humanoiden, dem Doofkopp unter den intelligenten Lebensformen. Nur unsere Ungenießbarkeit als Nahrungsmittel und unserer putzigen Rolle als Mutterland des Fuß-, Base- und Basketballs war es zu verdanken, dass ich hier mit am Tisch saß und nicht als Essenbeilage gereicht wurde. Denn die interstellaren Lebensrechte für planetare Lebensformen galten nur für die höchstrangige Spezies jedes Planeten, wie auf dem Mikrokosmos Erde auch.
Auf dem Planeten Warubia wurden beispielsweise mit großem Genuss schneckenähnliche Wurmtiere verspeist, die schon im Alter von drei Monaten Abhandlungen über die allgemeine Relativitätstheorie verfassten. Dummerweise sprachen diese Schnewuties genannten Wurmtierchen aber in einer mehrfach verschlüsselten Geheimsprache, die man erst kürzlich decodiert hatte. Zu Recht pochte daraufhin eine Schnewutie-Delegation bei der interstellaren Lebensformexpertenkommission darauf, dass sie wesentlich intelligenter als die Warubier seien und daher die höchstrangige Spezies des Planeten. Die Warubier allerdings waren angenehme Trinkkumpanen und gute Lobbyisten und so wurde die Schnewutie-Delegation kurzerhand samt Antrag verspeist. Das ist eben Problemlösung auf die astarische Art.
Erneut fiel ein Treffer für die Astarier, ein Schuss mit vorne links, durch die Beine des spanischen Torhüters. Die nächste Runde für mich. Ich sinnierte kurz darüber nach, dass wir bessere Chancen hätten, wenn Astarier in den hiesigen Clubs spielen dürften, doch planetare Wechsel wurden von der FIFI, der interstellaren Fußballföderation untersagt. Nicht einmal die Marsamöben durften bei uns spielen, was allerdings auch wenig praktikabel war, da sie mit ihren drei Nanometern Größe kaum einen Ball aufhalten konnten.
Aufgrund des Konsums einiger Wiener Schnitzel hatte sich inzwischen meine Blase ordentlich gefüllt. Ich überlegte, ob ich den Beamknopf an meiner mobilen Steuereinheit drücken sollte. Beamen war die neueste technische Errungenschaft der Menschheit. Und wir waren verdammt stolz darauf!
Personen konnten wir auf diese Weise allerdings immer noch nicht transportieren, aber dafür etwas, das noch keine Spezies beamen konnte: Pipi!
Gerade bei Zechgelagen wie diesem war das sehr hilfreich. Während man weiter an der Bar saß, stand irgendwo in Indonesien der Chef einer Ich-AG am Pissoir und verdiente sich strullend sein Geld als urinaler Stellvertreter. Natürlich stand da nicht nur ein Indonesier, nein, ganze Armeen von Dienstleistern sparten uns so Zeit und andere Unannehmlichkeiten.
Davon abgesehen waren interstellaren Toiletten für uns Erdlinge ein höchst riskanter Aufenthaltsort. Wer schon einmal von einer taubengroßen Toilettenwarze gebissen wurde, weiß, wovon ich rede.
Da sich das Spiel zu einem Debakel zu entwickeln schien, beschloss ich, meine Spendierhosen auszuziehen und mich in meine Schlafkabine zu verdrücken. Ich gab vor, auf die Toilette zu gehen und stand auf. Dabei fiel mein Blick auf das Aquarium neben mir. Zwei Koikatzen schwammen darin, der letzte Schrei im interstellaren Interieurgeschäft. Sie sahen aus wie eine Kreuzung aus Hamster und Kugelfisch, allerdings mit neun Flossen, null Beinen und einem geringelten Schwanz. Wohl, weil die Dinger so hässlich waren, kosteten sie unfassbare dreißigtausend interstellare Verrechnungseinheiten.
Und dann ging alles ganz schnell. Der Astarier hatte genug von seinen Heuschrecken und griff sich eine der Koikatzen. Mit einem Bissen schluckte er den Fisch hinunter.
»Wer zahlt das?«, brüllte der Barkeeper.
Der Astarier zuckte mit den Schultern, rülpste zufrieden und zeigte auf – mich!
Nun waren dreißigtausend interstellare Verrechnungseinheiten zwar nur zwei Monatslöhne eines 1-Euro-Jobbers auf Astaria, aber in Terra-Dollar entsprach das ungefähr dem Gegenwert eines Einfamilienhauses in der Nordwand des Matterhorns, welches nur die betuchtesten japanischen Algenmillionäre ihr Eigen nannten.
Doch wie wir schon seit der Star-Wars-Saga wissen, legte man sich mit den Herrschern des Universums besser nicht an, es sei denn, man ist ein Jedi-Ritter. Und ich war keiner, hatte auch noch nie einen gesehen, aber so ist das eben mit den historischen Legenden.
Bevor ich etwas sagen konnte, griff der Astarier meine rechte Hand – in welche mein Kontochip implantiert war – und führte sie über den Kassenscanner. Ich protestiere, doch niemanden am Tisch interessierte das, schließlich war ich nur ein Humanoider. Ich spürte ein kurzes Zucken im Handgelenk, die Abbuchung wurde exakt bis zum Limit meines interstellaren Dispositionskredits ausgeführt. Da ich schon immer am Rande des Konkurses campiert hatte, blieb demnach ein ordentlicher Teil der Rechnung offen und so blinkte der Chip in meiner rechten Hand in panischem Rot. Neben verwahrloster Kleidung und einem Ernährungsplan, der von der Müllkippe zusammengestellt wird, immer noch das deutlichste Zeichen für Zahlungsunfähigkeit.
Der Barkeeper – wie auf jedem vernünftigen Planeten ein Octopussianer – mixte zwei Bloody Harrys, während er mich mit seinen restlichen vier Armen auf den Kopf stellte. Ein Kaugummi, zwei Büroklammern und meine gewonnenen Jetons kullerten aus meinem Bodysuit. Der Barkeeper ließ mich fallen und schnappte sich die Jetons. Er tastete sie hastig ab, rümpfte dann seine drei Octopussianernasen und warf die Chips in seine Trinkgeldkasse.
»Das waren über tausend IVE!«, protestierte ich.
»Normales Trinkgeld hier.« Der Octopussianer winkte ab und drückt gleichzeitig den Knopf unter seiner Theke zur Alarmierung des interstellaren Entsorgungskommandos für insolvente Weltraumtouristen. Die würden mich entweder direkt ins All schießen oder der thermischen Resteverwertung zuführen, je nach Körperfettquotient.
Ich wollte mich losreißen, doch der Octopussianer packte mich an allen fünf Gliedmaßen. Während er mit seinen restlichen Tentakeln weitere Drinks mixte, dachte ich darüber nach, welche der beiden Alternativen wohl das artgerechtere Ableben für mich wäre.
Ich kam zu keinem Ergebnis.
Hilfe suchend blickte ich mich um.
Und dann sah ich sie!
Petty Poo, der einzige noch lebende interstellare Popstar Terras und die schönste Humanoidin jenseits der Milchstraße. Glänzendes, schwarzes Haar, zu einem raffinierten Pagenschnitt gelasert, atemberaubende Beine und Brüste, so wohlgeformt wie Paradiesäpfel. Sie besaß alles, was ich nicht hatte: Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben. Ich sendete ihr einen interaktiven planetaren Hilferuf: »Help!«
Ihre kastanienbraunen Rehaugen entdeckten meine Hirschglotzer. »I’m from Terra, too«, radebrechte ich, denn mein Englisch war nach all den Jahren des Nichtgebrauchs im All ein wenig aus der Übung.
»Well, obviously you are, because you’re the only beautiful guy on that fucking planet«, erwiderte sie und ließ mich erröten. Dann erblickte sie meine in der gleichen Farbe blinkende Hand. »How much?«, fragte sie und lächelt mich kokett an.
Ich schaute betroffen und antwortete: »Fifty thousand.«
Sie pfiff durch die Zähne. Offenbar überlegte sie sich, ob meine Gesellschaft ihr so viel wert war. Ich kam mir vor wie ein Sexsklave auf dem römischen Sklavenmarkt, denn jeder wusste, welcher Ruf Petty Poo vorauseilte. Der einer Gottesanbeterin! In »Your love is my feed«, eine ihrer bekanntesten Hologrammsingles, verspeiste sie gleich mehrere Jünglinge.
Dummerweise hatte ich mein Fortpflanzungsorgan schon länger nicht mehr in einem humanoiden Körper versenkt und verdrängte daher mögliche Konsequenzen meiner Rettung. Ich schenkte ihr mein freundlichstes Lächeln, zog den Bauch ein und streckte meine Brust raus. Sie winkte mich zu sich und der Barkeeper ließ mich los.
Ich schwebte zu meinem Star, tat so, als sei ich kurz vor dem siebten Himmel, blickte versonnen in ihre Richtung, blinzelte entrückt und erkannte genau hinter ihr das interstellare Entsorgungskommando. Scheiß Hyperraum, dachte ich noch, doch dann hatten die Kerle mich schon gepackt.
Natürlich waren die Müllmänner Galertarianer, neben uns die Billigarbeitskräfte des Universums. Sie umschlossen mich mit ihren stinkenden Pranken und ich fühlte mich, als würde ich in Slime baden, dieser prähistorischen giftgrünen Wabbelmasse, mit der ich schon als Kind ungern gespielt hatte.
Doch mit einer einzigen Handbewegung stoppte Petty Poo die planetaren Müllmänner. Die Galertarianer zogen sich schlurfend zurück, blieben jedoch in der Nähe, um sofort wieder zugreifen zu können.
Petty Poo lächelte mich an, nahm ihr goldenes Halsband ab und führt es langsam über meine linke Hand. Ein Codeleser! Sie scrollte durch meinen Datensatz: Alter: 32, Herkunft: New York, Leberfunktion 80 %, stark fallend, Körpergröße: 2 Meter 10. Sie nickte zufrieden und las weiter. Schulabschluss, Studium und IQ schienen sie nicht zu interessieren, doch beim Punkt »sonstige Ausmaße« blieb sie unvermittelt hängen.
Ihr Blick verdunkelte sich.
Abschätzig schaute sie auf meine Hose und winkte indigniert ab.
»But it’s not the size, that matters«, versuchte ich mich zu retten, doch sie hatte schon jegliches Interesse an mir verloren. Die Galertarianer stürmten heran und umschlossen mich wieder mit ihren klebrigen Pranken.
»Thirty thousand is enough!«, rief ich Petty Poo noch hinterher, doch sie quittierte es nur mit einem Schulterzucken und wandte sich wieder ihren Huldigern zu. Ich verfluchte die totale Datenerfassung, die Astarier und Petty Poo und ließ mich von den planetaren Müllmännern abführen.
Offensichtlich war ich nicht einmal gut genug für die thermische Resteverwertung, denn die Galertarianer schoben mich direkt zur Weltraumschleuse. Ihre schleimigen Klauen flossen ineinander und pressten meinen Oberkörper zusammen. Ich schnappte nach Luft.
Einer der Müllmänner begann damit, den Datensatz in meinem Chip zu löschen. Sobald er damit endete, war ich elektronisch tot. Den körperlichen Nachvollzug dieser Maßnahme würde er dann ganz formlos mittels kurzen Knopfdrucks auf das Schleusentor bewerkstelligen.
Ich erinnerte mich daran, in der Schule gelernt zu haben, wie viele Sekunden ein Mensch ohne Sauerstoff im All überleben konnte, und zählte schon mal bis zehn.
Mein Chip brannte unter meiner Haut, meine rechte Hand fühlte sich an, als würde sie zerreißen. Schließlich hörte sie auf zu blinken, ein dumpfer Schmerz blieb zurück.
Mein Konto war gelöscht.
Ich war elektronisch eliminiert.
Körperlich war ich hingegen noch voll da. Vor allen Dingen, was meine Blase anging. So wollte ich nicht sterben! Ich schrie in meinen Kommunikator und er übersetzte: »Dfkjelp dfld gpfigls vdf!« Das hieß auf Galertarianisch: »Ich habe einen letzten Wunsch!«
Die Galertarianer stöhnten genervt, doch sie wussten, nach dem kosmischen Entsorgungskodex waren sie verpflichtet, mir diesen letzten Wunsch zu erfüllen.
»Was ist Euer Begehr?«, fragte der Anführer. Offensichtlich hatte er aus Versehen das althochdeutsche Wörterbuch in seinen Kommunikator geladen.
»Ich muss mal«, antwortete ich.
Die Herren Galertarianer diskutierten trotz meines profanen Wunsches ausgiebig miteinander, weil man das auf Galertario anscheinend so macht. Nach endlos langen fünf Minuten, in welchen meine Blase mehrere Ausbruchsversuche unternahm, hatten sie sich endlich entschieden. Sie wollten mich auf eine interstellare Toilette bringen. Offensichtlich kannten sie die neueste technische Errungenschaft der Menschheit noch nicht. Stolz erklärte ich ihnen, dass ich Pipi beamen konnte.
Die Galertarianer rollten mit ihren achtzig Augen, und während sie mich mit ihren widerwärtigen Pranken immer fester umschlossen, drückte ich auf den Beamknopf.
Irgendwo in Indonesien fühlte sich in dem Moment jemand wahrscheinlich, als besäße er Nierensteine groß wie Elefanten. Drei offensichtlich sehr harnstoffhaltige Galertarianer auszuscheiden, war sicher kein Vergnügen. In Gedanken fühlte ich mit meinem urinalen Stellvertreter und rappelte mich auf.
Ich nahm einen Scanner und führte ihn über meinen Chip: »Read Error«. Meine Daten waren gelöscht. Ich war immer noch elektronisch tot. Ich zuckte mit den Schultern, verließ den Schleusenraum und ging grinsend davon. Denn tatsächlich war ich frei.
Die Jalousien waren halb geschlossen, um die sehr tief stehende Sonne etwas abzuhalten. Da die Jalousien nicht mehr ganz intakt waren und schief hingen, fiel auch das Licht schräg in den Raum. Wie ein schweres Bündel, oder besser, wie ein großer Schwall Kartoffelcremesuppe kam Johansen das Licht vor. Es hatte Masse, verteilte sich, vom Boden aufsteigend im Zimmer, kroch langsam über die Schreibtischplatte, Johansens Kopf im Halbschatten, ein dicker Stapel braun-grauer Patientenakten bis Scheitelhöhe. Es würde ein heißer Tag werden, und Johansen war müde, er hatte die ganze Nacht durchgearbeitet, und jetzt noch den ganzen Tag vor sich, ehe er abgelöst würde. Die Hälfte seiner Kollegen waren durch die Regierung wegrationalisiert worden. Wie eine Handvoll Ärzte die anfallende Arbeit bewältigen sollte, war seiner Regierung allerdings scheißegal. Von draußen hörte man die Marktschreier. Allahrufe durchmischten sich mit Warenanpreisungen. Hindugötter, Allah oder ein kleines, verschrumpeltes Christengöttlein konkurrierten mit den neuesten Computermodellen, Playstations oder DVDs. Man hatte längst aufgehört, die Einwohner der Stadt zu zählen. Die Regierung war mit allem überfordert, die Kriminalität stieg täglich um einige Prozentpunkte, ganze Stadtviertel waren anarchisch, unkontrollierbar geworden. Und vor Johansen lag dieser nie kleiner werdende braun-graue Stapel Patientenakten. Und in den Zimmern des kleinen Krankenhauses wenige Kilometer entfernt von einem Weltkulturerbe-Tempel, stapelten sich die Kranken in den Betten wie ihre Akten. Das Telefon klingelte.
Johansen hob den Hörer langsam ab. Der Pfleger Dalvi war am Apparat.
»Doktorr Johannsen?«, hörte Johansen Dalvi.
»Ja? Was gibt’s?«
»Die Leukämmie auff Zimmerr drrei, geht schlecht.«
»Ich komme.«
Leukämie war längst zur Volksseuche geworden. Niemand kannte die Ursache dafür. Aber die Stadt blutete einfach langsam aus, schwitzte sich in aller Ruhe zu Tode.
Der Patient auf Zimmer drei atmete flach. Sein Herz schlug langsam, sein Körper war mit bläulichen Flecken übersät, die Lymphknoten zum Bersten angespannt und geschwollen. Johansen nahm Blut ab, machte einen Schnelltest. Das Ergebnis entsprach den Erwartungen. Er drückte den Zettel mit dem Blutbild Dalvi in die Hand.
»Mann besteht nurr noch auss Leukozytten«, sagte Dalvi verständig. Johansen nickte.
»Wir sollten den Bardopriester verständigen.« Dalvi nickte.
Johansen hasste die Bardopriester. Aber sie waren Pflicht. Und wenn er seinen Job behalten wollte – wollte er das? –, dann musste er sie bei jedem Sterbenden zuziehen. Dafür hatte die Regierung Geld. Die Lobby der Priester war immens. Aber das war nur ein weiterer Beleg für die Lebensfeindlichkeit der Regierung. Sie hassten alles, was lebte. Es war der Regierung zwar kaum zu verdenken, denn der Mensch glich mehr einem Insekt, das sich ohne Kontrolle vermehrte und alles kahlfraß. Die Stadt war inzwischen auf über zwanzig Millionen Einwohner angewachsen. Es konnten gar nicht so viele sterben, wie nachgeboren wurden. Das Todesröcheln war da ein lieblicher Klang und erschreckend das Gebrüll der Neugeborenen. Teuflisch die blau schimmernden Fratzen der brüllenden Kleinkinder. Die Regierung hatte es nicht im Griff. Überall kamen in versteckten Winkeln Kinder zur Welt. Die Kindersterblichkeit war zwar angewachsen, aber die Überlebensrate reichte, um die Stadt in einer Flut von Menschenfleisch zu ersticken. Wohnraum? Gab es so gut wie keinen mehr. Johansen musste einen halben Tag fahren, an den Rand der Stadt, um in seine Wohnung zu kommen. Daher machte Johansen seine Doppel- und Dreifachschichten, schlief im Arztzimmer, bis er mal einige Tage am Stück frei hatte. So machten es auch seine Kollegen.
Johansen wartete im Arztzimmer auf den Priester. Das Licht ließ den Staub tanzen. Er hob die Jalousie etwas an, blickte auf die Straße. Es wimmelte von Menschen, es war acht Uhr am Vormittag. Da klopfte es an der Tür.
»Ja, bitte«, sagte Johansen. Die Tür ging langsam auf und der Bardopriester trat ein.
»Fein, wir haben Sie erwartet«, sagte Johansen und hielt ihm die Hand zum Gruß hin. Aber der Bardopriester erwiderte den Gruß nicht, nickte nur, seine Hände hinter dem Rücken verschränkt, in majestätischer Haltung an der Türschwelle stehend.
»Wo ist der Sterbende?«, fragte der Bardopriester.
Arrogantes Arschloch, dachte Johansen, lächelte aber so freundlich, wie er konnte. Gott, wie er diese eingebildeten Priester doch hasste. Wenn man nur halb so viele Ärzte zur Verfügung hätte, wie es Bardopriester gab … Aber was sollte das? Es hatte alles keinen Zweck. Johansen ging zur Tür. Und jetzt, so nahe an dem Priester stehend, diese widersprüchlichen Regungen. Auch die kannte Johansen, und es war ein weiterer Grund diese verdammten Priester zu hassen. Denn ihm wurden die Knie weich, ein Gefühl von Wärme und Liebe durchströmte Johansen. Es kostete ihn Mühe, neben diesem Priester nicht in Tränen der Rührung auszubrechen. Der war ein Bär von einem Mann, einen halben Kopf größer als Johansen (und Johansen war schon nicht klein), breite Schultern, schmale Hüften, perfektes V.
»Gehen wir«, sagte Johansen, bemüht, seine Stimme nicht zittern zu lassen. Der Bardopriester nickte und folgte ihm. Johansen fühlte den Priester hinter sich. Sein Hass sackte spürbar in die untere Körperhälfte ab und erschwerte ihm das Gehen. Johansens Herz weitete sich regelrecht. Lass die Liebe einfließen, die Allliebe, dachte es in ihm. Gleichzeitig: Was war denn das für eine Liebe hier? Die Liebe zum Tod? Bardopriester brachten die Erlösung, halfen der Seele des Sterbenden ins Licht, ins leere Licht. Die einzige Waffe der Regierung gegen die Überbevölkerung war die Religion. Mit ihrer Hilfe versuchten sie, die Wiedergeburt zu verhindern. Johansen war Arzt, Wissenschaftler. Diesen Schwachsinn wollte und konnte er nicht glauben. Und doch …, er hatte es immer wieder selbst erlebt. Und auch diesmal.
»Ist er das?«, fragte der Bardopriester.
»Ja. Es geht zu Ende, die Leukos …«
»Es wird schwer«, unterbrach ihn der Bardopriester, und beugte sich zu dem Patienten, der kaum noch atmete, dessen Herzschlag schon auf eine Frequenz von dreißig gesunken war, und teilweise schon ganz aussetzte. Eine Frage von Minuten, Stunden.
Der Bardopriester kniete neben dem Patienten und flüsterte in dessen Ohr.
Johansen stand zwei Meter daneben, neben ihm nun auch Dalvi. Der Pfleger ließ sich das Schauspiel nie entgehen. Der Bardopriester stand auf und ging an den beiden vorbei.
»Rufen Sie mich gleich, wenn er gestorben ist. Wir haben nicht viel Zeit«, sagte der Bardopriester zu Dalvi.
»Sicherr«, antwortete Dalvi und verbeugte sich geradezu.
»Kommen Sie«, sagte der Bardopriester zu Johansen. Der folgte.
Licht und Staub waren beinahe eine Einheit geworden. Die Lichtmasse hatte die Staubmasse in sich verschlungen, mehrfach umgewälzt und in kleinen Knäueln in die Zimmerecken gespuckt. Staubknäuel, so groß wie Rattenköpfe. Aber es war zwecklos, dagegen anzukämpfen.
»Es wird schwer, sagen Sie?«, fragte Johansen und zündete sich eine Zigarette an. Der Bardopriester stand in der Mitte des Zimmers. Er wirkte mächtig. Die flammende Pelerine, die er jetzt trug, gelb-orange, ließ ihn tatsächlich wie eine große, übermächtige Kerze aussehen.
»Das verschließt Ihre Nervenkanäle«, sagte der Bardopriester. Er meinte die Zigarette. Es war dieser Humbug von Nervenkanälen, nicht die Nerven der Medizin, die Nerven der Religion, auf die der Bardopriester verwies. Was soll’s, dachte Johansen und zuckte mit den Schultern. Aber ein Hauch von schlechtem Gewissen konnte er nicht leugnen. So schmeckte ihm die Zigarette nicht einmal mehr.
So standen sie nun da, schweigend. Mit Bardopriestern konnte man nicht plaudern. Das war Johansens Erfahrung. Kein Gespräch über das Wetter, über Politik oder über Sport. Nichts war möglich. Sogar religiöse Gespräche verweigerten die Bardopriester. Sie gingen ganz in ihrer Mission auf: »Bringe das Licht.«
Endlos dehnte sich die Zeit. Johansen hatte sich mittlerweile an den Schreibtisch gesetzt und versuchte, die mächtige flammende Gestalt in der Mitte seines Zimmers zu ignorieren. Ein dünner Rauchfaden stieg von der Zigarette auf, die im Aschenbecher vor sich hin brannte. Johansen hatte eine Patientenakte aufgeschlagen, aber er war unkonzentriert, zu müde, sein ganzer Geist in Anspruch genommen, diesen verdammten Bardopriester zu ignorieren.
Nach einer endlos scheinenden Zeit klingelte aus dem Nichts das Telefon. Dalvi war dran. Es wäre so weit. Der Patient sei verstorben.
Der Bardopriester kniete sich nun wieder neben den toten Patienten und flüsterte ihm ins Ohr. Johansen und Dalvi standen wieder zwei Meter entfernt und beobachteten die Szenerie. Und es war wie immer sonderbar. Eine Veränderung ging in dem Toten vor. Es war nicht wirklich sichtbar. Es war, als würden Emotionen offenbar, als liefe ein anderer Film, ein seltsamer Film, eingewoben in die Zeit, der sich jetzt aus der Zeit herausschob. Veränderte sich die Gesichtsfarbe des Toten? Nein. Geschah irgendetwas? Nichts, was man hätte fotografieren oder filmen können. Der Bardopriester kniete, eine flackernde Kerze, neben dem Toten und flüsterte in sein Ohr. Die wallende Pelerine wirkte wie ein Tor in eine andere Welt. Verschlang der Priester die Seele des Toten? Johansen erschien es so. Er wehrte sich gegen dieses Gefühl. Er wollte die rationale Welt nicht verlassen. Den ganzen Humbug von Licht, Nervenkanälen, austretende Vitalität, all das verneinte Johansen. Und doch war die Stimmung, die Situation unerklärbar. Johansen sah zur Seite. In Dalvis Gesicht spiegelte sich die ganze Erregung, die auch Johansen erfasst hatte. Von draußen hörte man die Marktgeräusche, hörte man das Hupen von Autos, Kindergeschrei, alles gedämpft. Leben prallte an der Atmosphäre des Lichts ab, in welches das Krankenzimmer nun getaucht war. Das Flüstern des Bardopriesters: wie das Knistern einer Flamme, wenn man sein Ohr nahe an die Flamme hält.
Und jetzt geschah doch etwas Sichtbares. Eine gelbe Flüssigkeit trat aus den Augenwinkeln des Toten, langsam, wie Kerzenwachs.
»Die Löwenstellung!«, rief der Priester.
Dalvi und Johansen eilten herbei und legten den Toten auf den Boden auf die rechte Seite. Die Löwenstellung, das war eine Yogihaltung, mit der die Hauptarterien abgedrückt wurden. Das sollte den Sterbenden – denn nach Sicht des Bardopriesters war er noch gar nicht tot – in einen schlafähnlichen Zustand versetzen, damit er die schrecklichen Visionen nicht so erlebte. Der Geist des Toten war noch in ihm. Und die Löwenstellung half zusätzlich, die Nervenkanäle zu entwirren, damit die Vitalität aus den Fontanellen austreten konnte. Es schien ein Kampf zu sein.
»Er hat das Licht verpasst. Es war zu schwach, das Licht«, sagte der Bardopriester, der jetzt fast neben dem Toten lag, dicht an dessen Ohr, und weiter flüsterte. Schweißperlen bildeten sich auf der Stirn des Priesters. Es war ein Kampf. Der Tote lag auf der rechten Körperseite, mit leicht angewinkelten Füssen. Der Priester vermied es, den Toten zu berühren. Das Flüstern des Priesters wurde lauter, »rangi re, rangi re«, intonierte er. Ein schauderhafter Kampf. Johansen ekelte das an. Er sah wieder in Dalvis Gesicht, der war angespannt, schien fast zu platzen, war vollkommen versunken in den Ablauf des Geschehens. Sah der mehr als Johansen? Konnte er etwas wahrnehmen, etwas, das Johansen verschlossen war, das sich seinem europäischen Blut nicht erschloss? Johansens Gedanken tanzten wie wild. Er wollte das nicht. Sehen, was man sehen konnte und nicht mehr. Dieser verdammte Bardohumbug da am Boden, dieses Flüstern. Da war doch nichts. Eine Leiche wurde geschändet, das war alles. Und doch konnte sich Johansen nicht ganz verschließen. Es geschah etwas. Der Priester war schon schweißgebadet. Diesmal war es ein Kampf, ein richtiger Kampf. Ungeheuer stiegen aus dem Licht, maßlose, gefräßige Ungeheuer, dampfende Monster, die Lichtfresser, die Seelenfresser, von Geilheit, Gier und Maßlosigkeit nur so aufgesogen. Der Priester intonierte »rangi re, rangi re«, immer wieder, schwitzte wie ein Schwein, das Feuer des Priesters flackerte gegen den Dampf der Ungeheuer, die ihre Mäuler aufrissen und ihren feuchten Atem über das Priesterfeuer legten, ihn zu erlöschen, die Seele des Toten zu fressen, der Priester intonierte verzweifelt, »rangi re, rangi re«, lauter werdend, immer mehr schwitzend. Und dann, plötzlich, war es vorbei. War etwas geschehen? Der Priester stand auf, machte ein Zeichen in die Luft über dem Toten und verließ schweigend den Leichnam. Der Priester war erloschen. Und was seltsam war, Johansen spürte Sympathie für den Priester. Ganz plötzlich. Seine Schwäche vereinnahmte Johansen.
Dalvi sah den Priester an. Der Bardopriester schüttelte den Kopf.
»Das Licht war zu schwach. Er hat zweimal das Licht versäumt.«
Dalvi schaute nun entsetzt auf den Toten, als sei er das große Lichtmonster selbst, noch ganz lebendig und gefährlich, als wolle dieses Lichtmonster nun auch Dalvis Seele verschlingen. Aber da lag nur ein Toter, grotesk auf dem Boden. Es war nichts geschehen, nur ein verrückter Priester hatte sich auf den Boden gelegt, neben einen Toten, und eine Zeremonie vollzogen, für das abergläubische Volk. Dalvi jedoch war anzusehen, dass er glaubte. Der Tote hatte es nicht geschafft, war nicht eingegangen in die große Buddhaseele. Er würde wieder geboren werden, eins dieser vielen Kinder draußen, deren Geschrei, Gebrüll nun gegen die Scheiben klatschte, würde in exakt neunundvierzig Tagen seine Seele tragen, ausgesetzt all den Lebensmühen, dem Hunger, der Not, und dem Elend draußen in dieser Welt. Ausgesetzt den Versuchungen dieser Welt, der Gier und Geilheit der Lichtmonster. Und es würde schwer sein, wieder sehr schwer sein, in die Buddhaseele einzutauchen.
Müde saß Johansen an seinem Schreibtisch. Rotes Licht drang in sein Zimmer. Die Abendsonne. Die Umweltgifte machten das Abendlicht rosarot. Der ganze Himmel glühte. Teuflisch.
Johansen wartete auf seine Ablösung. Der Stapel mit den Patientenakten war nicht kleiner geworden. Die Sünden der Welt nicht abgebaut. Immer wieder wuchs der Stapel, der braun-graue Stapel, angefüllt mit Krankheiten, sozialem Elend, Hunger nach Liebe oder einfach nur nach einem Stück Weißbrot.
Vielleicht, dachte Johansen, blickte auf, sah zum Fenster heraus, vielleicht braucht diese Welt Priester, einfach nur deshalb. Und draußen auf der Straße wuselte es von Menschen, immer noch wurden Waren verkauft, Götterfetische, Computer, T-Shirts mit Aufdrucken, frisches, destilliertes Wasser, alles wurde verkauft. Es war Ausverkauf. Die Seuche war nicht mehr in den Griff zu bekommen. Die Menschen hatten einander aufgegeben. Das Telefon klingelte. Wieder war Dalvi dran. Die Leukämie auf Zimmer fünf sei nun so weit. Johansen nickte. Er hatte gehofft, dass vorher noch seine Ablösung käme.
»Ich komme«, sagte Johansen. Aber er blieb sitzen, im Halbschatten seines Aktenstapels. Er musste daran denken, dass eines Tages ein Bardopriester für ihn gerufen würde. Wollte er das? Er wusste es nicht. Er wusste nichts. Johansen zündete sich noch eine Zigarette an. Der Leukämie war ja eh nicht mehr zu helfen. Er machte hier nur Statistik. Johansen zog den Rauch tief ein, ganz tief, um seine Nervenkanäle so fest wie möglich zu verschließen. Sollte sich der Bardopriester doch an ihm aufarbeiten. Langsam verschwand die Sonne. Dunkelheit füllte den Raum, nur die Glut seiner Zigarette war noch zu sehen. Ein winziger Lichtwurm in einem Meer der Dunkelheit.
3. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Gestern waren wir im Vergnügungspark in Nova Urbia auf Luna. Es war wirklich toll. Es gab ganz viele schnelle Bahnen, ganz viele leckere Süßigkeiten und eine große Parade mit vielen, lustigen Figuren.
Aber seit dem Rückflug habe ich Kopfschmerzen und mir ist schlecht. Mama sagt, ich hätte bestimmt zu viel Süßes gegessen und wäre zu oft mit der Antigravbahn gefahren. Alvin ärgert mich schon den ganzen Morgen und meint, ich wolle mich ja nur vor der Schule drücken. Dabei war ich doch pünktlich an meinem Schreibpult und habe auch alle Aufgaben gelöst. Aber Alvin ärgert mich ja immer.
Mir ist immer noch schwindelig und Mama meint, ich soll mich hinlegen, damit ich morgen wieder richtig fit bin.
Morgen kommt Papa wieder vom Mars zurück. Ich habe ihn jetzt eine ganze Woche nicht gesehen, weil er arbeiten musste. Ich freue mich schon auf morgen.
Bille
5. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Als Papa wieder da war, habe ich mich so gefreut, aber mein Kopf hat immer noch wehgetan. Ich konnte mich auch gar nicht auf die Schule konzentrieren und habe alles falsch gemacht. Alvin hat mich ausgelacht, aber Mama hat mit ihm geschimpft. Beim Abendessen war mir ganz kalt und ich habe ganz doll gezittert. Mama hat mir dann ein paar Tabletten gegeben, aber die habe ich wieder ausgespuckt. Mir war ja so schlecht. Papa war besorgt um mich und hat mit Mama gestritten, weil sie immer noch auf ihre alten Hausmittelchen zurückgreift. Ich wollte nicht, dass die beiden streiten, aber mir war so schlecht, dass ich geweint habe. Mama hat gesagt, dass die Hausmittel auch bei ihr und ihren Geschwistern immer gewirkt haben und überhaupt halte sie nichts von den ganzen Strahlen, die man heute auf die Leute schießt, um sie zu heilen. Keiner wüsste, wie sich das in späteren Jahren mal auf einen auswirke. Aber Papa hat nur mit dem Kopf geschüttelt und mich dann in den Gleiter gepackt. Dann ist er mit mir in die große Klinik gefahren. Die, die immer so bunt angeleuchtet wird.
Ich weiß nicht mehr viel von dem, was sie dann gemacht haben, denn ich habe seitdem viel geschlafen. Aber mein Kopf tut noch immer weh.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 00347-A17 – Notaufnahme
Aufnahmeprotokoll
Siebenjährige Patientin in altersgemäßem Entwicklungsstand, geschwächtem Allgemeinzustand, adäquatem Ernährungszustand, Vitalparameter normwertig. Die Patientin klagt laut Angabe des männlichen Elternteils seit einigen Tagen über Kopfschmerzen, Schwächegefühl und Konzentrationsstörungen. Die Patientin hat am späten Nachmittag einen starken Tremor entwickelt, die Vermutung der Eltern lag auf Kältezittern. Bei der Abendmahlzeit habe die Patientin erste Zeichen von Appetitlosigkeit gezeigt und über Nausea geklagt. Wenig später sei eine Emesis gefolgt, woraufhin die Patientin in die Notaufnahme gebracht wurde. Die Patientin weist eine blasse Hautfarbe und leichtes Schwitzen auf, im Laufe der Untersuchungen kam es zu einem erneuten Ganzkörpertremor, der nach Elektroenzephalografie als fokaler, zerebraler Krampfanfall eingestuft werden konnte, im Verlauf wurde eine Magnetresonanztomografie durchgeführt, die eine etwa 4 cm³ umfassende Raumforderung im Bereich des Hirnstamms zum Vorschein brachte. Die Patientin wurde zur stationären Aufnahme auf Station E13 verlegt.
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Die Patientin kommt aus der Notaufnahme auf die Station und wird zur Nacht mit Sedativa versorgt. Alle Vitalparameter sind stabil im niedrigen Level. Der Körpertonus ist normal. Die Patientin schläft, bei Eupnoe. Das Vitalmonitoring ist angeschlossen.
6. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Hier ist alles so weiß und hell und glänzt. Es piept und blinkt auch alles. Irgendwie schön, aber es macht mir auch ein bisschen Angst.
Es waren ganz viele Ärzte da und haben irgendwas Komisches gesprochen. Ich weiß nicht, was ein Tumor ist, aber er muss böse sein. Denn sie wollen ihn bekämpfen. Sie haben gesagt, sie werden Strahlen in meinen Kopf schicken, damit der Tumor weggeht. Ob sie jetzt mit Lasern gegen das Monster angehen? Ich verstehe das alles nicht. Mein Kopf tut so weh.
Ein Droid kommt jede Stunde und guckt, ob ich okay bin. Über meinem Bett blinkt ein Monitor, der dem Droiden das sagen kann. Einmal hat der Droid mich gefragt, ob ich Musik hören möchte, aber ich wollte nicht. Dann habe ich wieder geschlafen. Ich habe von dem Tumormonster geträumt und den Laserkanonen. Das hat mir Angst gemacht.
Ich bin auch jetzt noch sehr, sehr müde und alles tut irgendwie weh.
Ich warte auf meine Mama, aber die kommt nicht.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Nach weiteren ärztlichen und funktionsdiagnostischen Untersuchungen ist die Patientin nun wieder stabil auf der Station. Zwischenzeitlich war die Patientin emotional sehr erregt und hat geweint. Angebote für Unterhaltung hat sie abgelehnt. Altersbedingt ist nicht davon auszugehen, dass sie sich des Ausmaßes ihrer Erkrankung bewusst ist. Die ärztliche Visite hat vor Ort stattgefunden. Die Erziehungsberechtigten waren dabei nicht anwesend.
7. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Mama war heute da und hat ganz viel geweint. Papa war später auch da und hat wenig gesprochen. Ich habe jetzt einen Schlauch in der Brust, über den man mir Medikamente gibt, das tut nicht weh, fühlt sich aber komisch an. Sie haben mir auch ganz viel Blut abgenommen. Die Ärzte haben wieder von den Strahlen gesprochen, die sie in mich schießen wollen, und Mama hat mit Papa gestritten, weil sie keine Strahlen mag. Aber Papa hat gesagt, ohne Strahlen geht der Tumor nicht weg, deshalb muss das sein. Dann hat Mama wieder geweint.
Ich habe die beiden gefragt, ob ich ein Monster im Kopf habe. Aber sie haben mich nicht verstanden. Papa sagt, ich muss jetzt ganz stark sein. Mama hat wieder nur geweint. Ich will nach Hause.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Die Patientin hatte Besuch von beiden Erziehungsberechtigten, der sie emotional sehr aufgebracht hat. Die Vitalparameter sind weiter auf niedrigem Level stabil. Es wurden weitere Laboruntersuchungen durchgeführt und ein Portsystem angelegt, durch das die intravenöse Medikation läuft. Eine Aufklärung zur Radiation fand mit den Erziehungsberechtigten statt. Sie wurden über Risiken, Prognose und Alternativen informiert.
Die Patientin ist zunehmend schläfrig und zeigt wenig Appetit. Das Ausscheidungsverhalten ist unauffällig. Flüssigkeit wird intravenös substituiert.
8. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Der Droid kommt jetzt viel öfter als vorher und guckt auf den Monitor. Ich weiß nicht warum. Sie haben mir auch wieder ganz viel Blut abgenommen, viel mehr als gestern. Das tut immer so weh. Alvin und Mama waren heute hier. Mama sagt, es wird keine Strahlen in meinen Kopf geben. Aber sie sah dabei nicht glücklich aus. Als Mama draußen war, hat Alvin gesagt, sie wollen mich austauschen; so wie Rahels Schwester. Ich will aber nicht ausgetauscht werden. Rahels Schwester war auch mal krank und irgendwann kamen ihre Eltern mit ihr aus der Klinik und sie war nicht mehr krank. Aber alle sagen, sie wäre nicht mehr dieselbe. Ich weiß nicht, was das heißt. Aber es ist nicht schön, das über jemanden zu sagen. Sie ist doch immer noch Rahels Schwester. Ich will nicht, dass die Leute so über mich reden. Ich will nur das Tumormonster aus meinem Kopf weghaben.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Die Vitalparameter der Patientin schwanken, die Herzfrequenz weist Irregularitäten auf, der Blutdruck wird zeitweise stark hypotonisch und der Hirndruck ist angestiegen. Eine engmaschigere Kontrolle wurde angesetzt. Das Ausmaß der Raumforderung hat um etwa 7 % zugenommen.
Die Erziehungsberechtigten lehnen eine Radiotherapie aufgrund der geringen Erfolgsaussichten ab und haben sich stattdessen für einen Klon entschieden. Die Gewebeentnahme an der Patientin hat am Morgen im Rahmen der regulären Blutabnahmen stattgefunden.
Aktuell schläft die Patientin bei stabilen Vitalparametern.
CareBot 084598-C49 – Station E13
Fortschrittsbericht
Die Zellreinigung der Gewebeprobe von Pat. 034872 – Bille Rangarson wurde abgeschlossen. Es wurden alle notwendigen Schritte eingeleitet, um die entsprechende Reifungskammer einzurichten. Die Nährlösung wird im Laufe des Nachmittages fertiggestellt sein. Die Befruchtung und der Reifungsprozess wurden für morgen früh 0700 angesetzt.
9. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Ich zittere ständig, obwohl es hier nicht kalt ist. Mein Kopf tut auch immer noch ganz stark weh. Keiner sagt mir, warum das so ist. Ich glaube, das liegt an dem Monster, dem Tumor. Warum hat er sich gerade meinen Kopf ausgesucht? Warum will Mama nicht, dass die Ärzte das Monster mit ihren Strahlen wegmachen?
Ich habe über Rahels Schwester nachgedacht. Auch wenn ich nicht weiß, was es heißt, ausgetauscht zu werden. Wenn ich dann gesund bin, ist das doch bestimmt besser als jetzt. Als ich Mama das gesagt habe, hat sie nur geweint und mich geküsst.
Ich bin immer so müde …
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Die Patientin leidet zunehmend an klonischen Krämpfen und zwischenzeitlichen Absencen. Nach dem Besuch der weiblichen Bezugsperson hat die Patientin über mehrere Stunden geweint. Erst durch die Gabe eines Beruhigungsmittels in mittlerer Dosierung kam sie zur Ruhe. Die Vitalparameter waren im Tagesverlauf sehr schwankend und der Hirndruck nimmt weiter zu. Da die Patientin weiterhin über Schmerzen klagt, wurde die Dosis der Analgetika angepasst.
CareBot 084598-C49 – Station E13
Fortschrittsbericht
Der Reifeprozess des Klons wurde gestartet. Nach zwölf Stunden hat der Klon bereits das Gewicht und die Größe eines neugeborenen Babys erreicht. Bei stabiler Wachstumsrate sollte der Klon innerhalb der nächsten zwei Tage ausgereift sein, sodass eine Übertragung der Erinnerungsmuster und Hirnwellen möglich wird. Alle Vitalparameter des Klons liegen im grünen Bereich.
10. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Mama war heute nicht bei mir; Alvin auch nicht.
Der Droid macht immer nur komische Geräusche, wenn ich ihn nach meiner Mama frage.
Irgendwann ist Papa gekommen. Papa hat mir gesagt, dass Mama erst mal nicht mehr kommen wird und ich habe geweint. Er sagt, sie muss sich jetzt erst mal erholen. Es geht ihr nämlich nicht gut.
Mir tut jetzt alles weh und ich kann kaum noch sprechen. Aber ich rufe immer wieder nach meiner Mama … warum kann sie nicht kommen? Ich will nach Hause. Soll das Monster doch woanders hingehen!
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 06285-C73 – Station E13
Patientenbericht
Die Patientin schläft den Großteil des Tages und zeigt, wenn sie wach ist, wenig Interesse an ihrer Umwelt. Als die männliche Bezugsperson zu Besuch war, hat die Patientin wieder geweint und begonnen, nach der weiblichen Erziehungsberechtigten zu rufen. Dies setzte sich auch fort, als ihr Besuch bereits gegangen war, daher wurde ihre Medikamentendosis entsprechend angepasst. Die Vitalparameter werden im Allgemeinen instabiler. Der Blutdruck schwankt zwischen hyper- und hypotonen Krisenwerten, die Herzfrequenz ist tachykard mit gelegentlichen Aussetzern, der Hirndruck steigt weiter, das Ausmaß der Raumforderung hat um weitere 15 % zugenommen. Es kam am Abend bereits zweimal zu kurzen Atemaussetzern.
CareBot 084598-C49 – Station E13
Fortschrittsbericht
Der Klon ist zu 85 % ausgereift. Die Vitalparameter sind im grünen Bereich und alle weiteren Werte fallen wie erwartet gut aus. Es sind keine Verzögerungen im Zeitplan zu erwarten. Sobald die Ursprungspatientin verstorben ist, kann mit der Übertragung von Erinnerungsmustern und Hirnwellen begonnen werden.
11. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Alles tut mir weh. Es ist so kalt. Ich habe Angst.
Der Droid tippt jetzt immer viel am Pult neben meinem Bett herum. Aber keiner holt mir meine Mama. Keiner sagt mir, was los ist. Keiner will mir helfen. Ich kann das Monster sehen!
Ich schlafe gleich wieder ein, aber ich will nicht.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – Bille Rangarson
CareBot 084598-C49 – Station E13
Patientenbericht
Die Ursprungspatientin ist in der Nacht verstorben. Ihr Klon wurde zum Todeszeitpunkt aktiviert. Erinnerungsmuster und Hirnwellen wurden vollständig auf den Klon übertragen. Es wird noch etwa drei Tage dauern, bis alle körperlichen und vitalen Funktionen des Klons auf akzeptablem Level sind. Bis dahin wird der Klon noch unter Sedativa gehalten. Bis jetzt sind alle Werte wie zu erwarten im grünen Bereich.
15. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
Ich bin heute Morgen aufgewacht und fühle mich wirklich gut. Ich bin in der großen Klinik, aber Papa sagt, ich kann morgen nach Hause. Ich weiß, dass das Monster weg ist, auch wenn ich nicht weiß, wie sie das gemacht haben. Vielleicht ist es einfach weggegangen, weil ich zu viel geschlafen habe.
Ich habe heute Morgen über mein mobiles Schreibpult schon wieder am Unterricht teilgenommen. Schule macht richtig viel Spaß! Ich freue mich, bald wieder zu Hause zu sein.
Bille
Elektronische Patienten Akte (EPA) – Pat. 034872 – 2a – Bille Rangarson, CareBot 084598-C49 – Station E13
Patientenbericht
Nach Erwecken des Klons kann sich dieser an alle Erlebnisse der Ursprungspatientin erinnern, einschließlich der letzten Tage hier im Krankenhaus. Aufgrund des jungen Alters der Patientin wird es wohl kaum zu großen Diskrepanzen bei der Wiedereingliederung in den Alltag kommen. Alle motorischen und sensorischen Fähigkeiten funktionieren uneingeschränkt. Einer Entlassung nach Hause am morgigen Tag steht aus ärztlicher Sicht nichts im Wege. Die Vitalparameter sind alle stabil und im grünen Bereich.
16. Mai 2415
Liebes Tagebuch!
