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In einem britischen Waisenhaus werden Kinder misshandelt und missbraucht, oder sie verschwinden einfach. Mary Seymour und ihr Bruder Toddy gehören zu den Opfern. Als Toddy plötzlich auch verschwindet,versucht Mary, etwas über seinen Verbleib zu erfahren. Leider erfolglos. Nach ihrer Entlassung arbeitet sie als Hilfsschwester im Militärkrankenhaus von Harrogate, danach in einem Kindergarten. Als im Waisenhaus Personal gesucht wird, bewirbt sie sich und wird angenommen. Von nun an setzt sie alles daran, den Kindern ihre Liebe zu schenken und für etwas mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Dabei stößt sie auf viele Widerstände. Mit der Unterstützung ihrer ehemaligen Erzieherin, ihres Bruders und ihrer besten Freundinnen, die ihr allesamt als Geister erscheinen, gelingt es ihr schließlich, das Geheimnis um die verschwundenen Kinder zu lösen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Norman Dark
Haus der Pein
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
Kapitel 8
Epilog
Impressum neobooks
So steht es geschrieben:
Ich solle dem Albtraum
meiner Wahl treu bleiben.
Joseph Conrad (1857-1924)
Heart of Darkness
Noch viele Jahre später erwachte ich manchmal nachts, weil ich meinte, ein Geräusch in meiner Wohnung gehört zu haben. Die Folge war immer dieselbe: Ich starrte wie gebannt auf meine Schlafzimmertür und erwartete, dass sogleich die Klinke heruntergedrückt und die Tür kraftvoll aufgestoßen würde. Doch nichts dergleichen geschah. Kein Wunder, denn in meiner Wohnung war ich relativ sicher. Und das Grauen, das ich erlebt hatte, spielte sich nicht dort, sondern in einem sogenannten Waisenhaus ab. Dorthin hatte man mich und meinen kleinen Bruder gebracht nach dem Tod unserer geliebten Mutter.
Nicht Rache war der Grund, dass ich als erwachsene Frau dorthin zurückkehrte, sondern der feste Entschluss, andere Kinder vor dem Leid zu bewahren, das man mir zugefügt hatte. Bei diesem Vorhaben scheitern zu können, kam mir erst gar nicht in den Sinn. Ich handelte mit dem Mut der Verzweiflung, und eines meiner Motive war Wiedergutmachung für etwas, das man nicht mir anlasten konnte.
Das prunkvolle viktorianische Herrenhaus stand in der Grafschaft North Yorkshire. Gebaut wurde es einst für die junge Frau eines reichen Adligen, der gute Kontakte zum britischen Königshaus pflegte. Als die Braut es sich kurz vor der Hochzeit anders überlegte und mit einem Bürgerlichen durchbrannte, hatte der Count keinerlei Interesse mehr an dem Prachtbau und vermachte es einer Stiftung, die sich zum Ziel gesetzt hatte, elternlosen Kindern ein Zuhause zu bieten. Sie sollten nicht innerhalb der Verwandtschaft herumgeschubst werden, sondern unter ihresgleichen heranwachsen. Mit denselben Chancen unabhängig von ihrer Herkunft.
Soweit der Gedanke, doch die Wirklichkeit sah anders aus. Denn in dem Gebäude, das einem Märchenschloss glich, herrschten ein strenger Erziehungsstil und Neid und Missgunst unter den Zöglingen, bis hin zu Grausamkeit. Somit war der Vergleich mit dem Märchen durchaus gerechtfertigt, denn viele von ihnen sind zum Teil grausam und unmenschlich.
Es war der Anfang des neuen Jahrhunderts, als die ersten Kinder eintrafen. Das Haus füllte sich schnell. Offensichtlich gab es mehr verwahrloste Kinder in der Grafschaft als gedacht. Doch kein fröhliches Gelächter hallte durch die Räume. Es herrschte vielmehr eine geradezu andächtige Stille, die nur hin und wieder durch ein Geräusch unterbrochen wurde, wie es entsteht, wenn ein Holzlineal auf eine der Holzbänke oder auf nackte Haut auftraf. Das leise Wimmern, das man danach erwartet hätte, blieb aber aus. Das ertönte nachts in den Schlafsälen. Unabhängig davon, ob es sich um einen für Mädchen oder Jungen handelte.
Denn die Kinder waren noch streng nach dem Geschlecht getrennt. Das betraf die Spielzimmer für die Kleinen, die Klassenräume für die Größeren und vor allem eben die Schlafsäle. Sogar gespeist wurde getrennt. Nur wenn draußen gespielt oder spazieren gegangen wurde – wie die Soldaten aufgereiht und unter Vermeidung jeglicher Gespräche – riskierte man einen mehr oder minder schüchternen Blick.
Miss Bradshawe, eine brünette, überschlanke Erzieherin mit durchsichtigem Teint, strenger Frisur und bodenlangen, hochgeschlossenen Kleidern, war bei den Mädchen sehr beliebt. Von einigen wurde sie sogar angehimmelt. Twyla Bradshawe unterließ alles, um derart starke Gefühle herauszufordern. Es war ihr nämlich von der Heimleitung strengstens untersagt, eine engere Beziehung zu einem der Kinder aufzubauen. Doch gab es immer wieder welche, die in dem kühlen Fräulein einen Mutterersatz sahen und nach jeder noch so flüchtigen Berührung hungerten.
So gab es eine Zeremonie, die für manche den Höhepunkt des Tages bedeutete: der Gutenachtgruß von der Miss. Twyla war nicht im herkömmlichen Sinn schön. Hinzu kam ihr wie teilnahmslos wirkender, meist strenger Gesichtsausdruck, doch wenn sie die Köpfe der Kleinen kurz in ihre kühlen, schlanken Hände nahm und ihnen einen Kuss auf die erhitzte Stirn hauchte, veränderte sich ihre madonnenhafte Erscheinung für einen kurzen Augenblick, und ihre Züge wurden weich, sodass sie fast menschlich erschien.
Reverend Stewart Wilson, der Leiter des Waisenhauses, hatte Twyla eindringlich gewarnt, einen zu engen Kontakt zu den Kindern aufzubauen, doch Miss Bradshawe ließ sich ihre Gute-Nacht-Zeremonie nicht nehmen. Dazu liebte sie Kinder viel zu sehr. Deshalb schaute sie auch öfter in der Säuglingsabteilung vorbei. Dort waren Sister Cyneburga und Sister Macey unentwegt bemüht, sich um die Babys zu kümmern. So schien es zumindest. Mit ihrem weißen Habit und dem gleichfarbenen Schleier, der auf dem Rücken bis zur Taille fiel, sahen sie beinahe wie Gespenster aus. Die Unterhaube bedeckte fast die ganze Stirn, sodass man kein einziges Haar sah und die Haarfarbe nicht einmal ahnen konnte. Im Grunde genommen hätten die Schwestern unter der Haube sogar kahlköpfig sein können.
Twylas Gewand stand zu der Nonnentracht in großem Kontrast mit seinem schlichten Blaugrau, der langen Knopfleiste und dem kleinen, abgerundeten, weißen Kragen. Die Kinder trugen eine Art Kittel, die dem Gewand der Erzieherinnen nachempfunden waren, nur einfacher und vom Material her gröber.
Die Säuglinge in ihren weißgestrichenen Metallgitterbetten zauberten Twyla jedes Mal ein sanftes Lächeln aufs Gesicht. Eigentümlicherweise schrie keines von ihnen. Alle lagen still, wie ihrem Schicksal ergeben, in ihren Bettchen. Sister Cyneburga kam mit ausdrucksloser Miene auf die Erzieherin zu. Das Kreuz auf ihrer Brust bewegte sich dabei leicht hin und her.
»Da schaut wohl wieder mal jemand nach dem Rechten?«, fragte sie mit leiser ausdrucksloser Stimme.
»Ja, hin und wieder muss ich mal einen Blick auf die goldigen Menschlein werfen. Mir fällt auf, dass zwei Bettchen leer sind. Gibt es einen Grund dafür?«
»Mitunter gefällt es dem Herrn, eines seiner Geschöpfe vorzeitig zu sich zu holen. Es steht uns nicht zu, seinen Willen in Zweifel zu ziehen …«
»Nein, nein …«, stotterte Twyla. »Es dauert mich nur, dass ihr Leben schon zu Ende ist, bevor es richtig begonnen hat.«
»Die Wege des Herrn sind unergründlich. Mit unserem Menschenverstand fällt es uns manchmal schwer, den Sinn hinter der göttlichen Ordnung zu begreifen.«
»Wenigstens ist ihnen unnötiges Leid erspart geblieben …«
»Auch Leid ist gottgegeben …«
»Ja, wenn man es aus dieser Warte betrachtet … Ich muss mich dann wieder um meine Schäfchen kümmern. Bis bald, Schwester!«
Twyla ging nachdenklich zurück zu ihrer Spielgruppe. Dabei kam ihr so mancher Gedanke. Ein Glück, dass die Schwestern keine schwarzen Gewänder und Schleier tragen, dachte sie. Das würde die Säuglinge womöglich noch mehr ängstigen. Warum gab es im Haus eigentlich keine Krankenstation? Kranke Kinder verblieben in ihren Betten, und es kam nicht selten vor, dass sie andere damit ansteckten. Doch in dieser Hinsicht war mit dem Reverend nicht zu reden. Twyla hatte es mehr als einmal versucht. Er war der Meinung, der notfalls herbeigerufene Doktor würde sein Bestes tun. Für eine Krankenstation mit ihrer technischen Ausstattung fehlten einfach die Mittel. Was mit den Kinderleichen geschah, daran wagte Twyla gar nicht zu denken. Fakt war, dass es keinen Friedhof auf dem Gelände gab.
In einem anderen Punkt war sie mit dem Reverend uneins: Er verlangte, dass die Kleinen im Spielzimmer angebunden wurden, damit sie nicht wild umherlaufen und sich verletzen konnten. Twyla drehte es jedes Mal das Herz um, wenn sie mit ansah, wie die Kinder nach ihren Bauklötzen hangelten, durch ihre Anbindung mittels einer einfachen Schnur behindert. Aber der Reverend beharrte auf seiner Anordnung und ließ nicht mit sich reden.
Wenn sie nachts, während die Kinder schliefen, lautlos durch die Gänge wandelte, war ihr schon mehrmals passiert, dass sie am Ende des Ganges eine bläuliche Frauengestalt erblickt hatte. Anfangs hatte sie geglaubt, es handle sich um eine Kollegin, deren blaugraues Gewand durch das Mondlicht angestrahlt wurde. Doch die Gestalt umgab zusätzlich ein feiner Nebel, der sie vollständig einhüllte.
»Immer wenn ich auf sie zueile und sie ansprechen will, verschwindet sie von einem Augenblick auf den anderen. Das geht doch nicht mit rechten Dingen zu«, sagte Twyla zu ihrer Kollegin, Anora Adams.
»Du bist nicht die Einzige, die sie sieht«, meinte die aschblonde, junge Frau mit dem unscheinbaren Gesicht, in dem die blauen Augen das hervorstechendste Merkmal waren. »Man nennt sie die Blaue Dame. Es soll sich um die arme Aethel handeln, eine ehemalige Kollegin, die vor uns hier nur kurz gearbeitet hat. Sie hat sich aus Liebeskummer vom Dach des Hauses gestürzt, heißt es.«
»Hat sie dabei nicht an ihre Schützlinge gedacht?«, fragte Twyla. »War sie denn schwermütig veranlagt?«
»Offensichtlich. Im Liebeswahn vergessen sich so manche Frauen. Sie soll von einem Lehrer hier im Haus nicht erhört worden sein. Er hat sich sogar jegliche Annäherung verbeten.«
»Wie schrecklich. Wer war es? Unterrichtet er noch?«
»Nein, er hat kurz darauf gekündigt.«
»Warum ist darüber nichts bekannt geworden?«
»Weil der Ruf des Hauses nicht gefährdet werden sollte. Frag den Reverend nur nie nach Aethel. Dann wird er gleich unwirsch. Angeblich hat nie eine Erzieherin mit diesem Namen hier gearbeitet.«
»Eine seltsame Geschichte. Wo wir gerade bei den ungewöhnlichen Vorkommnissen sind: Hörst du nachts auch das leise Wimmern?«
»Da wird ein Kind unruhig träumen oder Heimweh haben …«
»Nein, das ist es nicht. Wenn ich in den Schlafsälen nachsehe, ist alles ruhig. Manchmal kommt es mir vor, als käme es aus den Wänden.«
»Das ist sicher nur der Wind, der durch die Kamine pfeift. Oder das Holz der Wandvertäfelungen arbeitet noch. Es könnten aber auch Kindergeister sein. Huh, wie gruselig!«
»Die Blaue Dame ängstigt dich nicht, aber eventuelle Kindergeister?«
»Na ja, nicht wirklich. Aber es ist schon ein Unterschied, ob eine erwachsene Frau freiwillig aus dem Leben scheidet oder ein Kind an einer Krankheit stirbt. Wo es doch das ganze Leben noch vor sich hatte.«
»Seltsam, dass du das sagst. Ich habe erst unlängst erfahren, dass zwei Säuglinge verstorben sind.«
»Das wundert mich nicht. Die Säuglingssterblichkeit ist immer noch immens hoch. Die Medizin ist eben noch nicht so weit.«
»Weißt du, wo man die Kleinen hinbringt? Ich meine, ein Friedhof existiert doch nicht.«
»Nein, wahrscheinlich werden sie abgeholt und an der Universität der Forschung zur Verfügung gestellt. Angehörige, die etwas dagegen haben könnten, gibt es ja keine.«
»Leider. Und dann darf man ihnen noch nicht einmal Liebe schenken, weil es strikt untersagt ist.«
»Das muss dich doch nicht kümmern. Mir kann keiner vorschreiben, was ich mit meinen Gefühlen anfange. Und erst recht nicht, wenn es Muttergefühle sind. Wenn so ein Würmchen die Ärmchen nach mir ausstreckt, werde ich weich wie Wachs.«
»Interessant, was Sie so zu erzählen haben«, sagte eine schneidende Stimme, die zu einer herben Frau mit fast männlicher Ausstrahlung gehörte. Die dicken Brillengläser machten Draca Scobahull nicht gerade sympathischer. »Weiß der Reverend, dass Sie seine Anordnungen missachten?«
»Nein, und wenn Sie mich nicht denunzieren, wird es auch dabei bleiben«, sagte Anora.
»Das hat nichts mit Denunzierung zu tun. Sie untergraben den Erziehungsstil dieses Hauses.«
»Pass mal auf, du Brillenschlange! Es heißt nicht umsonst: Der Lauscher an der Wand hört seine eigene Schand’. Wenn du uns schon heimlich belauschst, dann spar dir wenigstens deine Kommentare«, schimpfte Anora.
»Ich habe Ihnen nicht das Du angeboten und verbitte mir Ihre despektierlichen Äußerungen. Andernfalls werde ich gegen Sie vorgehen.«
Damit drehte sich Miss Scobahull auf dem Absatz um und entschwand.
»Die hast du dir jetzt zur ewigen Feindin gemacht, glaube ich«, sagte Twyla.
»Mir doch egal. Ich konnte sie ohnehin noch nie ausstehen. Und wie sie mit den Kindern umspringt, ist ein Skandal. Die soll sich nur vorsehen, dass ich sie nicht ankreide.«
»Gemach, gemach. Wir müssen doch alle miteinander auskommen.«
»Wer sagt denn das? Ich mach meins und die ihres. Aber wenn sie die Kinder quält, bekommt sie es mit mir zu tun. Der alte Drachen heißt nicht umsonst Draca. Die Eltern müssen schon geahnt haben, was sie da in die Welt gesetzt haben.«
Twyla lachte herzhaft.
»Du bist herrlich. Aber sei etwas vorsichtiger. Wenn man dich rauswirft, bekommen die Kinder wieder etwas weniger Liebe.«
Anora Adams vergaß bald die Warnung ihrer Kollegin Twyla. Außerdem gebot ihr Sinn für Gerechtigkeit, weiterhin die Augen offen zu halten. Da sah sie den kleinen Willis vor einem der Klassenzimmer stehen. Über das Gesicht des etwa siebenjährigen Jungen liefen dicke Tränen, und er hielt sich den linken Arm.
»Was ist dir denn passiert? Bist du hingefallen?«
Willis schüttelte den Kopf.
»Mr. Winterbottom hat mir den Arm nach hinten gedreht. Vorher musste ich die Hose herunterziehen, und er hat mir vor allen mit dem Lineal auf den nackten Po geschlagen.«
»Und warum hat er das gemacht?«
»Weil ich angeblich geschwatzt und auf seine Frage keine Antwort gewusst habe.«
Das Gespräch vor der Klassentür rief Wentworth Winterbottom auf den Plan. Der hagere Mann mit den kalten Augen war bekannt dafür, mit dem Lineal so kräftig auf die Hände der Kinder zu schlagen, dass auch mal ein Finger brach.
»Was ist hier los?«, fragte er mit schneidender Stimme. »Ich wünsche absolute Ruhe auf dem Gang während des Unterrichts. Kollegin, das müssten Sie doch eigentlich wissen.«
»Wenn Sie die Kinder nicht grün und blau schlagen würden, bräuchten sie auch nicht zu weinen.«
Mr. Winterbottom zog die rechte Augenbraue hoch.
»Was machen Sie eigentlich hier, werte Kollegin? Dieser Teil des Gebäudes ist für die holde Weiblichkeit tabu.«
»Das gilt ja wohl kaum für den Lehrkörper. Ich habe heftiges Weinen hinter der Tür gehört und wollte nachsehen.«
»Jedenfalls verbitte ich mir jegliche Kritik an meinen Erziehungsmethoden. Und du, geh zurück in die Klasse und stell dich in die Ecke!«
»Nein, das wird er nicht tun. Er kommt mit mir zu Reverend Wilson.«
»So schlimm war sein Vergehen nicht, dass es dem Reverend gemeldet werden muss …«
»Seins nicht, aber Ihres«, sagte Anora unerschrocken.
»Mischen Sie sich schon wieder ein? Haben Sie keinen Unterricht? Ach nein, Sie spielen ja nur mit den Bälgern. Das ganze Kollegium spricht schon über Sie. Woher nehmen Sie das Recht, über uns zu urteilen?«
»Ich kann es nicht ertragen, wenn Kinder ungerecht behandelt oder misshandelt werden. Außerdem braucht der Junge einen Arzt.«
»My goodness, Sie hätten zum Theater gehen sollen mit Ihrem Hang zur Melodramatik. Der markiert doch nur, und Sie fallen darauf herein.«
»Das glaube ich nicht. Wir unterhalten uns weiter, wenn der Arzt Willis untersucht hat.«
Wentworth Winterbottom warf Anora einen vernichtenden Blick zu, ging in seine Klasse zurück und warf die Tür hinter sich zu.
Willis fing erneut an zu weinen.
»Hast du Schmerzen, oder warum weinst du jetzt?«, fragte Anora.
»Nein, aber jetzt wird er mich künftig noch mehr schikanieren. Er mag mich nicht, weil ich irischstämmig bin und rote Haare habe. Er meint, das sei die Haarfarbe der Hexen.«
»So ein Unsinn. Das ist ja finsterstes Mittelalter. Du kannst stolz sein auf deine Haarfarbe, denn sie schimmert in der Sonne wie Kupfer.«
Willis lächelte Anora dankbar an.
»So etwas Schönes hat noch keiner zu mir gesagt, Miss Adams.«
»Nein? Dann wurde es höchste Zeit.«
Als sie im Büro des Heimleiters ankamen, wurden sie zunächst von der Vorzimmerdame Miss Edgecombe aufgehalten.
»Ich weiß nicht, ob Reverend Wilson jetzt Zeit für Sie hat«, sagte die leicht rundliche Frau, die ihr Haar immer streng geknotet trug und deren Kleidung Ähnlichkeit mit einem Büßergewand hatte.
»Dann fragen Sie ihn bitte. Und es sollte ein Arzt gerufen werden, der sich den Arm des Jungen ansieht.«
Miss Edgecombe entschwand mit miss-billigender Miene. Bald darauf winkte sie Anora und Willis herein.
»Was sind das wieder für eigenmächtige Entscheidungen, Miss Adams?«, fragte der Reverend. »Ob es von Nöten ist, einen Arzt zu holen, entscheide immer noch ich.«
»Mr. Winterbottom hat Willis den Arm nach hinten gedreht. Ich fürchte, er hat dem Jungen den Arm ausgekugelt.«
»Das werden wir erst einmal sehen.«
Reverend Wilson nahm Wilsons Arm in seine Hände und bewegte ihn vorsichtig nach oben und unten.
»Tut das weh?«, fragte er.
Willis schüttelte den Kopf.
»Und das?«
Willis kniff die Lippen zusammen.
