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Venedig damals und heute im Griff der schrecklichen Seuche. Historische Fakten werden mit mehreren Erzählebenen verknüpft. Rebecca aus San Francisco wartet vergeblich auf ihren Bruder Joshua. Als sie den Carabienere Fabrizio kennenlernt, der ein Geheimnis birgt, wird die Verwirrung noch größer. Im Laufe ihres Aufenthalts erfährt sie viel von der Geschichte und den Legenden der Lagunenstadt. Zeitgleich spielt sich ein Drama auf der verfluchten Insel Poveglia ab, das junge, britische Touristen betrifft. Und dann gibt es da noch den Händler Renuccio, den Gondoliere Amadeo, den Lebemann Girolamo u.v.a.
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Seitenzahl: 165
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Norman Dark
Pesthauch über Venedig
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Epilog
Impressum neobooks
Die Gondel tauchte plötzlich wie aus dem Nichts auf. Sie wirkte weiß wie Schnee, denn obwohl es sich, wie bei allen anderen, um eine schwarze handelte, sie aber weitgehend mit weißen Tüchern bedeckt war, das galt auch für die Felze, das Schutzdach beziehungsweise die Kabine, die vor neugierigen Blicken schützen sollte, empfand man sie in ihrer Gesamtheit als weiß. Hinzu kam, dass sie in eine Dunstwolke eingehüllt war, die den Effekt noch verstärkte.
»Wie machen die das, mit Trockeneis?«, fragte Philip Lorring, ein pausbäckiger Brite mit aschblonden, kurzen Haaren und einer der beiden jungen Männer, die ihre staunenden Frauen im Arm oder an der Hand hielten, denn es konnte sich um keinen natürlichen Nebel handeln. Der Gondoliere steuerte die Barke, die etwas größer als andere Gondeln war, sicher durch den schmalen Kanal des Lido di Venezia.
»Seht mal, was der an hat!«, meinte Charlene, seine Frau, deren feine, rötliche Haare ihr ständig ins Gesicht fielen, »zur Zeit ist doch gar kein Karneval in Venedig.«
»Vielleicht ist das eine besondere Touristenattraktion«, meinte ihre brünette, schlanke Freundin, Ellen Graves, »bei dem vielen Weiß könnte es sich um eine Hochzeitsgondel handeln.«
»Ich will ja eure Euphorie nicht dämpfen«, sagte ihr Mann, Jayden, der seine fast schwarzen Haare stets sehr kurz geschnitten trug und eine sportliche Figur hatte, »aber in ostasiatischen Kulturen und auch im alten Europa war Weiß die Farbe der Trauer und des Todes. Und mich erinnert die Kleidung des Gondoliere an die Renaissance. Die Strumpfhosen mit den gemusterten Shorts, die Schamkapsel, das rostrote Wams, die schulterlange Frisur und die Kappe mit der Feder, eben alles typisch für die Tracht im 16. Jahrhundert.«
»Und der ist jetzt durch die Wolke, die gleichzeitig eine Art Zeitkapsel ist, mal eben aus der Vergangenheit in unsere Zeit gefallen?«, spöttelte Ellen. Doch der Spott sollte ihr in den folgenden Stunden noch gründlich vergehen.
»Kommen Sie, Signore e Signori, Sie können machen mit mir eine romantische Fahrt in der Lagune von Venezia«, rief der Gondoliere.
»Wir wollten eigentlich den Bus zurück nach Venedig nehmen …«
»Oh, ich Sie bringen. Ist kaum teurer als ein Taxi oder Vaporetto.«
»Was meint ihr?«, fragte Philip.
»Ich bin dafür«, jubelte Charlene, »das wäre ein schöner Abschluss des Tages. Und hier muss man nicht Schlange stehen und sich an den anderen Gondeln vorbeiquetschen.«
»Also, dann los!«
Sie hatten kaum den Kanal verlassen und waren in die Lagune eingetaucht, als sie merkten, dass etwas nicht stimmte.
»Der rudert ja gar nicht an der Küste entlang, sondern in die falsche Richtung«, sagte Jayden.
»Also, Mr. Graves, willst du uns Angst machen und an deiner seltsamen Theorie festhalten?« Ellen sah ihren Mann böse an.
»Hallo, Signore, nach Venedig geht’s in die andere Richtung«, ließ sich Jayden nicht beirren.
»Das sein schon in Ordnung«, antwortete der Gondoliere, »ist eine kleine Überraschung. Kostet nix extra.«
Bald darauf legte die Gondel an einer Insel an, die auf alle keinen freundlichen Eindruck machte.
»Bitte aussteigen! Ich hier auf Sie warten. Presto!«
Widerstrebend stiegen sie aus und wunderten sich über den plötzlich schärfer gewordenen Ton. Die beiden Pärchen waren kaum ein paar Schritte gegangen, als sie feststellten, dass der Gondoliere keineswegs die Absicht hatte zu warten. Er stieß vielmehr vom Ufer ab und ruderte davon.
»Der ist wohl verrückt geworden«, sagte Jayden, »wartet! Ich schwimme ihm gleich hinterher.«
»Nein, das machst du nicht«, sagte Ellen, »das ist viel zu gefährlich. Nachher haut er dir noch das Remo auf den Kopf.«
»Dazu muss er das Ruder erst einmal aus der Verankerung befreien. Forcula heißt die bei Gondeln, glaube ich. Bis dahin habe ich ihn überwältigt.«
»Nein, du lässt mich nicht allein!«
»Sei nicht albern. Philip und Charlene sind bei dir.«
»Trotzdem …«
»Ich finde es auch keinen guten Plan«, meinte Philip, »bei diesen Kerlen weiß man nie … Und wenn es wirklich so eine Art Geist war, bekommst du es mit Kräften zu tun, denen du vielleicht nicht gewachsen bist.«
»Apropos Geist«, sagte Jayden, »habt ihr die gelben Schilder gesehen? Darauf heißt es pericolo, also Gefahr. Auf den anderen steht: vietato l’accesso!, also Betreten verboten! Das ist sicher alles andere als eine Liebesinsel.«
»Sondern?«, fragte Charlene.
»Ich denke, es ist Poveglia. Von der Entfernung her könnte es hinkommen.«
»Und worin besteht hier die Gefahr?«, wollte Philip wissen, »ist das militärisches Gebiet?«
»Nein, schlimmer, sie wird auch „Island of no return“ genannt. Im 19. Jahrhundert sollen hier Pestopfer gelebt haben. Im 20. Jahrhundert gab es hier angeblich Alters- und Siechenheime mit eigener psychiatrischer Abteilung.«
»Hör auf! Du machst den Frauen Angst«, sagte Philip.
»Das braucht er nicht«, meinte Ellen, »die habe ich, seit ich dieses verfluchte Eiland betrat. Ich will sofort weg hier!«
»Der Wille allein genügt nicht. Ich bin dafür, dass wir die Insel erkunden. Vielleicht gibt es doch so eine Art Wächter.« Jaydens Stimme war unaufgeregt und ganz sachlich.
»Ohne mich«, jammerte Charlene und zückte leicht theatralisch ihr Spitzentaschentuch, »lieber schreie ich mir die Seele aus dem Leib. Vielleicht hört mich ja ein Boot in der Nähe.«
1347
Rinuccio Salviati, der scheinbar nie zunahm und mit seinen hohlen Wangen sehr markant wirkte, war auf dem Weg zur Piazza San Marco, um dort auf dem Markt seine Waren anzubieten. Hauptsächlich Obst und Gemüse, das er auf einem Handkarren – carrelli – transportierte. Wegen der vielen Holzbrücken handelte es sich um eine besondere Form, bei der die Last vorwiegend auf der Hauptachse ruhte. Die vorderen Stützräder dienten dazu, den Karren auch über Treppen zu manövrieren. Sein rotwangiger, immer fröhlicher Sohn Iacopo war ihm dabei behilflich. Als sie den deutlich kräftigeren Timoteo Pitti mit seinem Fleischkarren trafen, hielten sie kurz an.
»Sag mal, Rinu, was ist denn bei euch im Viertel los?«, fragte Timoteo. »Die Locanda Laguna soll geschlossen sein. Hat der alte Dovizio genug Geld verdient und ist nicht mehr darauf angewiesen, Gäste zu empfangen?«
»Das ist eine traurige Geschichte«, sagte Rinuccio. »Ein genuesischer Kaufmann, der gerade von seiner Niederlassung in Kaffa an der Südküste der Krim zurückgekehrt war, hat bei Dovizio ordentlich gezecht. Der Wein soll in Strömen geflossen sein. Er selbst soll ein hässlicher, eher unangenehmer Zeitgenosse gewesen sein, der sich zeitweise wie im Delirium benahm und stark schwitzte. Das hat ihn aber nicht davon abgehalten, nach Dovizios Tochter Marietta zu grabschen und sie abzuküssen. Das Mädchen hat gute Miene zum bösen Spiel gemacht, um ihrem Vater nicht das Geschäft zu verderben. Als es Dovizio dann aber zu viel wurde, hat er den Fremden kurzerhand vor die Tür gesetzt. Schon einen Tag später ist Marietta plötzlich krank geworden. Sie klagte über Muskelschmerzen und bekam hohes Fieber. Kurz darauf sind auch ihre Mutter Riccia und ihre Schwester Clarice erkrankt. Als es zuletzt ihn und seinen Sohn Agostino traf, musste er den Betrieb schließen. Inzwischen soll die gesamte Familie verstorben sein. Was für ein Unglück.«
»Ob daran der Kaufmann schuld ist oder nicht doch die Rattenplage in der Stadt?«, fragte Timoteo, »die Drecksviecher übertragen bestimmt alle möglichen Krankheiten, von denen wir keine Ahnung haben.«
»Mag sein, dass du Recht hast. Also, lass uns weiterziehen, bevor mein Gemüse noch welk wird.«
Später auf dem Platz musste Rinuccio an Timoteos Worte denken, als ihm die Ratten über die Füße krabbelten.
»Au, verdammte Mistviecher!«, schrie Iacopo plötzlich auf und trat nach einigen besonders dreisten Ratten, »ich glaube, mich hat gerade eine gebissen.«
»Zeig mal her!«, sagte Rinuccio und untersuchte das Bein seines Sohnes. »Sieht mir eher nach einem Flohbiss aus. Davon werden die Viecher auch reichlich mit sich rumtragen. Komm, tu etwas Tinktur auf die Stelle.«
Was so harmlos begann, sollte schon bald Zehntausende von Venezianern das Leben kosten. Zwischen 1348 und 1575 wurde die Stadt mehr als zwanzigmal heimgesucht. Die Epidemie kam meist mit den großen Handelsschiffen nach Venedig. Wie Timoteo richtig vermutete, schleppten sie Rattenflöhe ein, die den Erreger in sich trugen. Doch es sollte noch eine Weile dauern, bis man erkannte, dass es sich bei der Pest um eine Infektionskrankheit handelte. Drei Jahrhunderte sollte der Kampf zwischen der Pest und den Behörden währen.
Zunächst sah es nicht so aus, als habe die Stadt eine Chance. So schnell starben so viele Menschen, dass auf den Friedhöfen bald kein Platz für neue Gräber mehr war. Sogar unter öffentlichen Wegen oder unter ihren Häusern schaufelten die Venezianer Gräber.
Wie Gespenster huschten Schwärme von Doktoren durch die Gassen. Sie trugen zu ihren Hüten und Mänteln grotesk anmutende Schnabelmasken, die Kräuter oder Duftpflanzen enthielten, um die eingeatmete Luft zu reinigen. Die “Savi“, was für Weise stand, vom Großen Rat in eine Kommission berufen, erarbeiteten einen Notfallplan demzufolge alle todkranken und sterbenden Obdachlosen und Armen auf die Inseln San Marco di Boccalama und San Leonardo Fossalama gebracht werden sollten, um sie dort zu isolieren. Neben den Toten sollen dort auch Sterbende in fünf Fuß tiefen Massengräbern beerdigt worden sein, wie man später behauptete.
Rebecca Miller weilte erst seit zwei Tagen in Venedig, und schon schlug ihr die Atmosphäre der Serenissima aufs Gemüt. Besonders, wenn sich der Nebel wie ein Leichentuch über die Lagunenstadt legte. Dabei war sie voll froher Erwartung angereist, aber dann entwickelte sich alles anders als erwartet. Es fing damit an, dass ihr Bruder Joshua nicht wie vereinbart ankam. Rebecca hatte nicht glauben können, dass er am Flughafen nicht aus der Maschine stieg. Voller Sorge rief sie ihre Mutter Esther an, denn bei Joshua meldete sich immer nur die Mailbox.
»Hi, Mom, sag mal, hat Josh seinen Flieger verpasst?«
»Nein, er ist rechtzeitig von hier los. Ich könnte mir höchstens vorstellen, dass er in New York City seinen Anschlussflug verpasst hat. Wer weiß, was ihm in den fünfundvierzig Minuten Aufenthalt wieder Verrücktes eingefallen ist. Um vom JFK Flughafen in die Stadt zu fahren, dürfte die Zeit zu knapp gewesen sein.«
»Aber warum meldet er sich dann nicht über Handy bei mir?«
»Du kennst doch deinen Bruder. Sein Freiheitsdrang ist so groß, dass er gar nicht auf die Idee kommt, sich an gewisse Umgangsformen zu halten.«
»Wenn er glaubt, ich fahre jeden Tag zum Flughafen, um auf ihn zu warten, hat er sich geschnitten.«
»Nein, so weit denkt er gar nicht. Er weiß ja, wo er dich findet.«
»Ach, ich war gleich dagegen, dass wir nicht gemeinsam fliegen. Als hätte ich es geahnt, wollte ich ihn wie ein Stück Handgepäck unter den Arm nehmen. Aber er konnte sich ja nicht loseisen von seiner Rucksack-Tour im Yosemite Valley. Als wenn es auf einen oder zwei Tage weniger angekommen wäre.«
»Jetzt ärgere dich nicht, mein Mädchen. Am besten, du fährst zurück in die Wohnung. Dort wird er schon irgendwann auftauchen.«
»Ja, Mom. Wenn er sich bei dir meldet, lies ihm tüchtig die Leviten. Bye, Mom.«
Noch immer machte man im Venedig des Jahres 1348 nicht die Ratten für die Seuche verantwortlich, die sich am Rialto tummelten, wo Geldgeschäfte abgewickelt und Schiffsladungen gelöscht und gelagert wurden. Wo es einen riesigen Kornspeicher und die öffentliche Waage gab und Mehl, Getreide und Wein in Tavernen. Fischmärkte mit Fleisch und Hunderte in Hauseingängen auf Kunden wartende Huren.
Es fiel auf, dass Rinuccio Salviati nicht mehr zum Markt kam. Timoteo Pitti machte sich Sorgen und sprach deshalb einen befreundeten Händler an.
»Buongiorno, Benedetto, hast du etwas von Rinuccio gehört?«
»Als er das letzte Mal hierher kam, war sein Sohn Iacopo schwer krank, deshalb konnte er auch nicht mitkommen. Wo warst du eigentlich?«
»Ich musste mich um meine Frau kümmern. Die fühlte sich nicht wohl. Inzwischen geht es ihr aber besser.«
»Dann hat sie Glück. Bei uns im Viertel gibt es immer mehr Kranke, die sich nicht mehr erholen. Und nun Iacopo. Er solle sich wegen eines Flohstichs nicht so haben, meinte Rinuccio noch.«
»Da bin ich anderer Meinung. Es kommt immer darauf an, wo das Biest vorher dran war, denke ich.«
»Dann bist du schlauer als die dottores. Die sind nämlich ziemlich ratlos.«
»Ach die, wer hört schon auf deren Rat? Deine Preise sind aber ganz schön angezogen.«
»Ich passe mich nur den anderen auf dem Markt an. Solltest du auch tun. Die Preise für Brot, Öl, Fisch und Fleisch sind so hoch wie nie. Selbst für Wein und Kerzen, weil die Venezianer Vorräte anlegen und sich in ihren Häusern verbarrikadieren. Sie denken wohl, dort könnten sie der Krankheit entgehen.«
»Du kannst ruhig von einer Seuche sprechen. Man sagt, der Schwarze Tod habe in der Stadt Einzug gehalten.«
»Man redet viel, aber so genau weiß es keiner.«
»Wenn noch nicht mal mehr die allseits beliebten Faustkämpfe auf den Brücken stattfinden … Immer mehr Tavernen, Werkstätten und Webereien werden geschlossen. Bald werden die Leute nicht mehr die hohen Preise zahlen können, wenn sie keine Arbeit haben.«
»Solange die Nobili verschont bleiben … das sind ohnehin die besten Kunden.«
»Ich glaube, die Pest macht zwischen Arm und Reich keinen Unterschied. Selbst die Pfaffen müssen dran glauben.«
»Ich mach mich nicht verrückt. Bald wird der Spuk wieder vorbei sein. Bitte schön, Signora! Greifen Sie zu! Nur hervorragend frische Ware …«
»Ich geh dann mal wieder, Benedetto. Und wenn du klug bist, reibst du dich mit Lavendelöl ein. Das mögen die Flöhe nicht.«
»Ach, wirklich?«, mischte sich die Signora ein. »Ich lege Lavendel zwischen meine Wäsche, damit sie gut riecht.«
»Ja, aber es hilft auch gegen Insekten. Das können Sie ruhig glauben. Ciao Benedetto. Und bleib bloß gesund! Signora …«
»Du auch. Ciao!«
Zwei Tage später machte sich Timoteo auf den Weg, Rinuccio und seine Familie zu besuchen. Er wusste zwar, dass der Freund und Kollege nicht gerade luxuriös wohnte wie die meisten im Viertel Cannaregio. Dort wo die Wohnungen dunkel, feucht und von Schimmel befallen waren. Wo der Hausrat der Menschen lediglich aus Bett, Sitzbank und casse – rot oder grün bemalte Truhen aus Holz – bestand, in denen die Kleidung lagerte, weil es keine Schränke oder Stühle gab. Dennoch war er entsetzt, als er erkennen musste, wie es inzwischen dort zuging. Vollends erfasste ihn das Grauen, als er sah, wie ein Toter aufgrund der Enge des Treppenhauses auf dem Rücken eines Trägers statt auf einer Bahre nach draußen gebracht wurde. Das vergleichsweise niedrige Haus, in dem Rinuccio wohnte, war mit zwei gekreuzten Balken verbarrikadiert, sodass niemand mehr hinein oder hinaus kam. Entweder alle Bewohner des Hauses waren schon tot, oder man überließ die noch Lebenden ihrem Schicksal. Voller Panik trat er den Heimweg an und hoffte, der Herrgott würde ihm und seiner Familie gnädig sein.
Bald herrschten chaosartige Zustände in der Stadt. Verantwortlich dafür war die nicht enden wollende Anzahl der Toten. Der Gemüsehändler Rinuccio Salviati war kurz nach seinem Sohn Iacopo erkrankt. Als beide schnell verstarben, wollte Barbera Salviati, die zu ihrer Schwester geflohen war, wie viele Angehörige bei der Beerdigung von Mann und Sohn anwesend sein. Das wurde ihr auch nicht verwehrt, aber voller Entsetzen sollte sie feststellen, dass sie auf der Insel der Toten bleiben musste, um die noch Gesunden zu schützen. Damit lieferte man sie dem sicheren Pesttod aus. Geradeso, als wäre sie in dem Haus des Todes verblieben. Die konsequente Seuchenpolitik betraf auch die Totengräber, zum Zwangsdienst auf den Inseln verpflichtet, und die Führer der Barken, die die Toten auf die Inseln übersetzten. Denn die meisten von ihnen wurden ebenfalls Opfer der Pest.
Andere, meist mittellose Venezianer, die, wie vor der Epidemie üblich, ihre Verstorbenen vor die Haustür legten, damit Wohltätigkeitsvereine sie bestatteten, wurden streng verfolgt und bestraft. Als Zeichen der verschärften Gesetze erfolgten immer mehr Schließungen von Schenken und Tavernen, selbst am Rialto. Die Bezirke Cannaregio, Santa Croce und Dorsoduro wirkten wie verwaist.
Im Juni war der Große Rat nicht mehr beschlussfähig, weil viele Mitglieder verstorben oder geflüchtet waren. Nur der Senat blieb arbeitsfähig und verschärfte weiterhin die Gesetze. So durfte die Stadt nicht mehr von Fremden betreten werden. Schiffseignern untersagte man, Passagiere zu befördern, ebenso den Gondolieri, Personen von auswärts auf den Kanälen überzusetzen. Der Alltag war künftig von Beerdigungen geprägt und den Trauernden mit ihrer dunklen Kleidung. Bis der Senat untersagte, Trauerkleidung zu tragen, um keine allgemeine depressive Stimmung aufkommen zu lassen. Kleider in Schwarz, Dunkelblau und Dunkelgrün war Frauen über fünfzig und den Armen vorbehalten.
Aus rätselhaften Gründen flaute die Pest im Spätsommer 1348 plötzlich wieder ab. Womöglich seien die Überlebenden gegen den Erreger immun geworden, vermutete man. Dennoch war Venedig weitgehend entvölkert, und es gab kaum noch Wirtschaft, da man mehr Mittel ausgegeben als eingenommen hatte.
Rebecca war mit einem der Boote der Linea Blu zurückgefahren und hatte nach einer Stunde und zwanzig Minuten den Hauptkai Riva degli Schiavoni am Piazza San Marco erreicht. Von dort aus waren es kaum mehr als fünf Gehminuten bis zur Calle di Cristo, in der die Wohnung lag, die ihr Vater seinerzeit gekauft hatte. Ursprünglich hatte er sie mindestens einmal jährlich nutzen wollen, doch das blieb nicht mehr als ein Traum, weil Simon Miller, bedingt durch seine lange, schwere Krankheit, sich die Reise kaum zumuten konnte. Nach seinem Tod war die Wohnung an seine Kinder Rebecca und Joshua vererbt worden, da Esther keinen Wert darauf legte.
Die luxuriös anmutende Wohnung mit ihren drei Zimmern, einem Bad, den über vier Meter hohen Decken, Terrazzo- und Parkettböden, verzierten Holzbalken an den Decken und Blick auf den Kanal und das Theater La Fenice, in dem 1851 Verdis Rigoletto uraufgeführt wurde, befand sich in einem Palazzo aus dem 16. Jahrhundert und war viel zu schade, als reine Ferienwohnung genutzt zu werden. Obwohl sie in unmittelbarer Nähe von den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt wie Rialto, San Marco und der Accademia lag und für Liebhaber der venezianischen Kunst und Kultur mehr als geeignet war. Rebecca konnte noch nicht sagen, ob sie oder ihr Bruder dort dauerhaft wohnen wollten. Zu Joshua mit seinem zum Teil exzentrischen Geschmack und zu Rebeccas edler Erscheinung hätte es auf jeden Fall gepasst. Zunächst wollte sie das alte Venedig erforschen. Vor allem das berühmte Ghetto, in dem ihre Großeltern einst gelebt hatten, bis sie Anfang der vierziger Jahre vor den Nazis hatten fliehen müssen.
1575
Amadeo Riario, ein hübscher junger Bursche aus einfachen Verhältnissen mit sonnengebräuntem Teint und schwarzen, lockigen Haaren, hatte es gut getroffen mit seiner Stellung bei dem reichen Doffo Malvezzi, der sein Vermögen mit dem Handel von Gold und Juwelen gemacht hatte. Wie viele Venezianer jener Zeit besaß Malvezzi eine eigene Gondel, die Amadeo steuern durfte. Den ganzen Tag bis zum späten Abend ließen sich Doffo, seine Frau Bartolomea und vor allem deren gemeinsamer Sohn Ottaviano durch die engen Kanäle der Serenissima – die allerdurchlauchteste der Städte – rudern.
Die Familie Malvezzi kleidete sich standesgemäß nach der neuesten Mode und zugleich typisch venezianisch. Doffo trug die schwarze, bodenlange Toga der Männer mit ausladenden Ärmeln, die sackartig bis zu einem halben Meter herabfielen. Diese Ärmelmode wurde in Venedig “a comeo“ genannt und war nicht nur vorgeschrieben, sondern wies den Träger als zugehörig zum Adel oder höherem Bürgertum aus. Der Stoff war aus kostbarer Seide und mitunter mit feinem Marder- oder Eichhörnchenfell verziert. Hatten die Frauen am Anfang des Jahrhunderts noch weit ausladende Dekolletés und enge Perlenketten getragen, so waren die Kleider inzwischen sehr viel üppiger und weniger figurbetont. Weil der Körper der Frau eher versteckt werden sollte, hielt sich auch Bartolomea daran und zeigte nur ihr leicht hochmütiges Gesicht, ihren weißen Schwanenhals und die zarten, makellosen Hände.
Damit der Luxus bei beiden Geschlechtern nicht ausuferte, unterhielt der “Magistrato alle pompe“ eigene Beamte, die “Provveditori sopra le pompe“. Da die Regeln regelmäßig missachtet wurden, gab es zur Kontrolle sogar Kleider-Razzien in den Häusern der reichen Bürger; Sklaven, die Zuwiderhandlungen ihrer Herrschaften anzeigten, wurde zur Belohnung die Freiheit geschenkt.
