Doppelt - Norman Dark - E-Book

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Norman Dark

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Beschreibung

In Warschau geht eine sogenannte Schwarze Witwe um, die ihre Beischlafpartner nach dem Akt tötet. Die schöne Fremde besticht durch ihr möndänes Äußeres, sodass sie leichtes Spiel mit den männlichen Gästen der angesagten Clubs und Bars hat. Kommissarin Karina Mazur und ihr Team tun sich schwer, sie zu stellen. Ist es die exentrische Marlena, die unscheinbare Ewa, die selbstbewusste Teresa, die geheimnisvolle Joanna oder doch eine ganz andere? Auch die Kommissarin wird verfolgt. Deshalb hat sie sich von Krakau nach Warschau versetzen lassen. Dort dort geht das Spiel von vorne los. Spannung, Mystery und viel Warschauer Lokalkolorit bietet dieser Krimi, der noch länger nachwirkt.

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Seitenzahl: 143

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Norman Dark

Doppelt

Dwukrotnie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

EPILOG

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Impressum neobooks

EPILOG

Der selbstbewusste junge Mann machte sich keine Gedanken, warum diese Traumfrau ausgerechnet ihm gegenüber besonders zugänglich war, denn er hielt sich für unwiderstehlich, und sein Erfolg bei Frauen gab ihm Recht. Seine sogenannten Freunde sahen das realistischer.

»Die könnte doch ganz andere haben«, sagte der eine, »ich schätze mal, zwei Drittel des männlichen Publikums haben ein Auge auf sie geworfen. Dass sie gerade dich ausgewählt hat, muss irgendwelche finsteren Gründe haben. Pass bloß auf deine Brieftasche auf.«

»Genau, solche Frauen sind wie Dynamit. Wenn man ihnen zu nahe kommt, platzt die Bombe«, meinte ein anderer.

»Ihr spinnt ja. Nicht jede Frau steht auf oberflächliche Schönlinge. Manche sehen auch hinter die Fassade.«

»Und das hat sie mit Kennerblick erkannt? Ihr habt nicht mehr als ein paar Worte miteinander gewechselt, wenn ich das richtig beobachtet habe. Da muss sie schon hellseherische Fähigkeiten haben. Vielleicht arbeitet sie aber auch im Krankenhaus und hat den Röntgenblick.«

»Ihr seid bloß neidisch, weil sie euch links liegen lässt. Vielleicht hat mich eine Freundin ihr empfohlen. Ich bin ziemlich gut im Bett, auch wenn ihr euch das nicht vorstellen könnt.«

»Wenn man auf die schnelle Nummer steht, mag das stimmen. Ich wette, sie hat schon die Kurve gekratzt, so lange, wie die schon im Waschraum ist.«

»Nein, die muss den ganzen Kitt erneuern, der beim Tanzen abgegangen ist.«

Alle johlten, was ihnen förmlich im Hals stecken blieb, denn kurz darauf kehrte die schöne Fremde zurück und zog ihr Opfer erneut auf die Tanzfläche. Der DJ spielte gerade etwas Langsameres. Die beste Gelegenheit für die geheimnisvolle Frau, sich lasziv in den Hüften zu wiegen und sich selbstvergessen im Takt der Musik zu bewegen. Andere junge Frauen begannen, es ihr nachzumachen, damit ihre Begleiter oder Tanzpartner wieder Blicke für sie hatten.

»Wollen wir nicht langsam gehen? Wir könnten bei mir zu Hause noch weitertanzen«, sagte er und konnte seine Erregung kaum verbergen.

»Wenn du auch etwas zu trinken im Kühlschrank hast, hätte ich nichts dagegen. Allerdings könnte ich mir vorstellen, dass wir Besseres zu tun hätten als Tanzen«, hauchte sie ihm mit verführerischem Timbre in ihrer Stimme ins Ohr.

»Dann komm! Mein Wagen steht nicht weit von hier.«

Als beide den Club verließen, folgte ihnen eine Vielzahl neidischer Blicke. Keiner hatte so recht geglaubt, dass die Schöne wirklich mitgeht und es sich nicht im letzten Moment noch anders überlegt. Hätten allerdings alle den Ausgang des Abends zu diesem Zeitpunkt schon gekannt, hätten sie statt Neid allenfalls nur Mitleid empfunden.

Einige Querstraßen weiter bestieg das Paar einen silbergrauen Škoda Octavia. Schon vor dem Abfahren wollte der aufgestachelte junge Mann seine schöne Begleiterin küssen, doch sie entzog sich ihm sanft.

»Gemach, gemach, wir haben doch noch die ganze Nacht«, säuselte sie und warf ihre kastanienbraune Mähne in den Nacken, wobei sie ihr schweres Parfüm verströmte, das ihm förmlich die Sinne raubte.

Die Fahrt ging dann in die Leszno-Straße im Stadtteil Wola, der sich westlich an die Innenstadt angliederte. Das schmutzig graue Haus, das immerhin schmale Balkone aufwies, lag mitten im ehemaligen Warschauer Ghetto. Im Erdgeschoss befand sich ein portugiesisch-polnischer Supermarkt, das ehemalige Kino Femina für das weibliche Publikum, wie die Leuchtreklame noch immer verkündete. Im September 2014 war das Aus für das bis dahin älteste noch in Betrieb befindliche Kino Warschaus gekommen.

Doppelt trübe Gedanken, die so mancher Frau die Lust an dem Schäferstündchen verdorben hätten. Nicht so der geheimnisvollen Fremden, deren Ziele mehr als gut zu der tristen Stimmung passten.

In der Wohnung in der zweiten Etage war sie weniger prüde als im Auto. Sie nahm das begehrliche Abtasten ihrer tadellosen Figur und die gierigen Küsse gelassen hin und riss ihrem Sexualpartner sogar das Hemd über der Brust auf. Freilich nur, um ihn kurz darauf wieder abzuwehren. Eine Taktik, die Männer zur Raserei bringen konnte, besonders, wenn sie es kaum abwarten konnten, ihr Lustobjekt zu überwältigen.

»Komm, gib uns erst einmal etwas zu trinken. Und dann willst du bestimmt vorher noch ins Bad, um dich frisch zu machen?« Die Fremde formulierte ihre Frage wie eine Feststellung oder Anweisung, sodass ihr Gegenüber, das ohnehin schon Wachs in ihren Händen war, wie ein braves Kind folgte. Er holte eine Flasche Champagner aus dem Kühlschrank und goss nach dem Entkorken in zwei hohe Sektflöten ein. Dann prostete er ihr zu und nahm Kurs auf das Bad.

»Ich gehe dann mal unter die Dusche. Du willst nicht eventuell mitkommen?«

»Später, nicht alles auf einmal.«

Als im Bad das Wasser rauschte, nahm die Fremde ein Fläschchen mit einer klaren Flüssigkeit aus ihrer Handtasche und ließ den Inhalt in das Glas ihres Gastgebers laufen. Dann lehnte sie sich entspannt zurück und wartete ab.

Der junge Mann kam kurz darauf splitternackt in den Wohnraum und stellte erfreut fest, dass seine Eroberung sich ihrerseits ihrer Oberbekleidung entledigt hatte. Sie saß in schwarzer Reizwäsche und Strapsen da, und sowohl ihre Haltung als auch ihr Gesichtsausdruck waren eine einzige Aufforderung.

»Lass uns anstoßen auf die bevorstehende Nacht«, sagte sie mit rauchiger Stimme, »ich nehme an, als Nächstes zeigst du mir deine breite Spielwiese.«

»Auf der weniger gespielt wird, als der Name vermuten lässt«, sagte er und trank sein Glas in einem Zug leer.

Um Zeit zu gewinnen, stimulierte sie ihn gekonnt oral, und er konnte es kaum noch abwarten, in sie einzudringen.

»Wir sollten jetzt ins Schlafzimmer rübergehen!«, sagte er, »mir ist etwas schwindlig. Wohl weil ich den Schampus zu schnell getrunken habe.«

»Wer wie ein Kind verträgt, sollte nicht saufen wie ein Alter«, zog sie ihn auf und ließ von ihm ab.

Das Schlafzimmer war ebenso geschmacklos eingerichtet wie der Wohnraum, aber das Messingbett mit seinen Streben am Kopf- und Fußende war bestens für ihre Zwecke geeignet, erkannte sie mit Kennermiene. Als er sich rücklings auf das Bett fallen ließ, bestieg sie ihn wie einen Gaul, nachdem sie ihre Strapse gelöst und die Strümpfe ausgezogen hatte. Mit geübten Griffen fesselte sie damit seine Hände am Kopfteil.

»Hey, du bist ja eine ganz Scharfe«, murmelte er schon leicht benommen«, eigentlich habe ich die Hände lieber frei.«

»Mag sein, aber hier wird nach meinen Regeln gespielt.« Seinen aufkommenden leichten Unmut dämpfte sie, indem sie sich rhythmisch auf ihm bewegte. Sein mangelndes „Stehvermögen“ gab Aufschluss darüber, dass es gleich so weit sein musste. Er war kurz davor, das Bewusstsein zu verlieren. Kalt lächelnd sah sie seinem Hinüberdämmern zu. Dann stieg sie von ihm ab und lief lautlos wie eine Katze in die Küche. Nach kurzer Zeit fand sie, was sie gesucht hatte.

Mit einer mittelgroßen Plastiktüte kehrte sie ins Schlafzimmer zurück, löste den Gürtel aus seiner achtlos auf einen Stuhl geworfenen Hose und stülpte ihm die Tüte über den Kopf, die sie mit dem Gürtel um seinen Hals fixierte. Nicht zu fest, damit keine Würgemale entstanden. Emotionslos betrachtete sie anschließend ihr Werk, um sich alsbald abzuwenden, um sich im Nebenzimmer seelenruhig anzuziehen. Nachdem sie fachmännisch seinen Puls an Hals und Handgelenk abgetastet hatte, ging ein zufriedenes Lächeln über ihr maskenhaftes Gesicht. Sein Tod war still und schmerzlos erfolgt.

Routiniert entfernte sie ihre Fingerabdrücke vom Champagnerglas und den Gegenständen, die sie berührt hatte. Zum Schluss löste sie die Fesseln von seinen Handgelenken und befreite seinen Kopf von der Plastiktüte, die sie sorgfältig zusammenfaltete und zusammen mit ihren Strümpfen in ihre Handtasche steckte. Ohne noch mal einen Blick auf ihr Opfer zu werfen, verließ sie die Wohnung und verschwand unbeobachtet in der Nacht.

Kapitel 1

Ewa Zając erhob sich schwerfällig aus ihrem Bett. Ihr Spiegelbild, das ihr im Bad entgegenschaute, strafte die Bedeutung ihres Vornamens Lügen, denn Ewa stand im Hebräischen für „chajjah – lebendig“, aber das blasse Antlitz mit den trüben Augen wirkte alles andere als das. Die strähnigen, wie verfilzt wirkenden, blassblonden Haare verstärkten diesen Eindruck noch. Doch Ewa war diesen Anblick gewöhnt, sodass sie ihn kaum noch wahrnahm.

Lustlos nahm sie eine Dusche, peinlich darauf achtend, dass die Haare nicht nass wurden, denn für die Prozedur der Kopfwäsche hatte sie wie meistens keine Zeit. Nach dem Zähneputzen zog sie irgendetwas aus ihrem Kleiderschrank an. Farbe und Passform waren ihr dabei egal. Ihre Kleidung war ohnehin überwiegend zweckmäßig, nicht besonders modisch und in gedeckten Farben gehalten. Sie wusste, dass man sie im Büro für eine graue Maus hielt, doch die Einschätzung ihrer Person seitens der Kollegen war ihr egal. Dass man sie in ihrem Umfeld und auf der Straße kaum wahrnahm, machte ihr schon lange nichts mehr aus.

Ihr Frühstück bestand aus einer Tasse schwarzem Kaffee. Ihr mangelnder Appetit ließ gar nicht erst den Gedanken aufkommen, etwas zu essen. Außerdem konnte es nur von Vorteil sein, wenn sie nüchtern blieb, falls der Arzt, bei dem sie gleich einen Termin hatte, ihr Blut abnehmen wollte. Routiniert überprüfte sie alle Wasserhähne und Schalter des Herdes, bevor sie nach zweimaligem Umkehren die Wohnung verließ.

Die Praxis von Dr. Bronislaw Wysocki lag nur zehn bis fünfzehn Minuten entfernt von ihrem Wohnhaus, sodass sie kein Verkehrsmittel benutzen musste, was ihr sehr entgegenkam, da sie den Anblick fremder Menschen am frühen Morgen nur schwer ertrug.

Im Wartezimmer vertiefte sie sich aus demselben Grund in eine der speckigen Illustrierten. Den Inhalt des Gelesenen beziehungsweise Überflogenen hätte sie später kaum wiedergeben können, weil er sie nicht wirklich interessierte.

Als sie später das Sprechzimmer des Arztes betrat, traf sie der prüfende Blick eines freundlichen Herrn mittleren Alters mit ergrauten Schläfen und wachen Augen hinter seiner randlosen Brille.

»Was führt Sie zu mir, Frau Zając?«, fragte er eher geschäftsmäßig.

»Ich möchte, dass Sie mich noch einmal untersuchen, Herr Doktor. Irgendetwas stimmt doch nicht mit mir.«

»Haben Sie Schmerzen oder andere Beschwerden?«

»Nein, ich fühle schon länger nichts mehr. Das gilt nicht nur für meinen Körper, sondern auch für meine Umgebung. Ein Verkehrsunfall weckt bei mir keine Emotionen, und als meine Tante starb, ließ mich das weitgehend kalt.«

»Wenn ich richtig informiert bin, haben Sie die Wohnung Ihrer Tante übernommen.«

»Ja, eine große Altbauwohnung, aber eigentlich nutze ich nur ein Zimmer.«

»Sind Sie viel allein?«

»Eigentlich die meiste Zeit. Außer im Büro, doch da nimmt man mich kaum wahr.«

»Warum gehen Sie nicht auf Ihre Kollegen zu? Vielleicht warten die nur darauf.«

»Andere Menschen geben mir nichts. Die Dinge, die ihnen wichtig erscheinen, interessieren mich nicht.«

»Verstehe, demnach leben Sie wie unter einer Glasglocke. Falls es Ihnen nicht gelingt, aus eigener Kraft, den Deckel zu heben, könnten Sie professionelle Hilfe annehmen. Es gibt ausgezeichnete Therapeuten in der Stadt …«

»Ich bin doch nicht verrückt. Würde man mich in eine Nervenklinik einweisen, brächte ich mich auf der Stelle um.«

»Niemand weist Sie gegen Ihren Willen ein. Es sei denn, Sie benehmen sich derart auffällig, dass Sie zur Gefahr für die Allgemeinheit werden. Es war auch nur ein Vorschlag, besser eine Empfehlung. Körperlich sind Sie gesund. Ihre Blutwerte sind normal. Ihre Beschwerden könnten psychisch bedingt sein. Gehen Sie unter Menschen, amüsieren Sie sich. Sie sind doch eine hübsche junge Frau, wenn Sie auch wenig aus sich machen, wenn Sie mir die Bemerkung verzeihen.«

»Es kann nicht nur Modepuppen geben und Frauen, die wie mit einem Tuschkasten angemalt aussehen.«

»Natürlich nicht. Aber mir scheint, als ließen Sie sich etwas gehen. Essen Sie regelmäßig? Was haben Sie heute gefrühstückt?«

»Nichts, da ich annahm, Sie würden mir erneut Blut abnehmen.«

»Das wird nicht nötig sein. Wie gesagt, Ihre Werte sind in Ordnung. Körperliche Beschwerden haben Sie also keine?«

»Ich schmecke manchmal nichts. Und meine Arme fühlen sich mitunter an, als gehörten sie nicht mir.«

»Bitte ziehen Sie Ihre Bluse aus und setzen sich dort auf die Liege!«

Ewa tat, wie ihr geheißen, und ließ die Bewegung ihrer Arme klaglos geschehen.

»Ich kann keine Bewegungseinschränkung feststellen«, sagte der Doktor und drückte vorsichtig auf die Gelenke ihrer Hände. Ebenso auf bestimmte Punkte der Schulterpartie. Die Frage, ob ihr das wehtue, verneinte sie stets. »Die Gelenke sind nicht geschwollen, und der Rheumafaktor in Ihrem Blut war negativ. Demnach gibt es keine Anzeichen für eine rheumatoide Arthritis.«

»Ich habe ja auch keine Schmerzen, sondern eher ein Taubheitsgefühl. So taub, wie ich meiner Umwelt gegenüber bin. Mitunter empfinde ich mein Leben wie einen Film, an dem ich nicht beteiligt bin. Meine Nachbarn und Kollegen erscheinen mir fremd und wenig vertraut, fast unwirklich.«

»Haben Sie einmal daran gedacht, unterzuvermieten? Etwas Gesellschaft würde Ihnen guttun. Und wenn Sie ohnehin die Räume nicht nutzen …«

»Fremde Menschen in meiner Wohnung zu haben, ist für mich ein unerträglicher Gedanke.«

»Aber die bringen auch neue Eindrücke und Sichtweisen. Und Sie wären nicht allein … Denken Sie noch einmal über meinen Vorschlag nach. Ich gebe Ihnen eine Überweisung zu einem Neurologen mit. Ob Sie diese in Anspruch nehmen, bleibt Ihnen überlassen, aber ich rate dringend dazu. Und jetzt gehen Sie irgendwo frühstücken und etwas spazieren. Genießen Sie Ihren freien Tag. Oder gehen Sie shoppen und kaufen sich etwas Hübsches.«

»Es ist sinnlos, Sie verstehen mich nicht.«

»Ich bin auch nur ein praktischer Arzt, Frau Zając, und kein Nervenarzt oder Psychologe. Ein Kollege aus dieser Fachrichtung wird Ihnen besser helfen können.«

»Das glaube ich kaum, aber danke für Ihren Rat.«

»Gerne, und vergessen Sie nicht zu essen. Eine wohlschmeckende Mahlzeit wirkt manchmal Wunder. Gesättigt sieht man vieles in einem positiveren Licht.«

»Wenn Sie meinen …«

Ewa war ziemlich enttäuscht von ihrem Arzt. Und ganz gewiss würde sie sich nicht freiwillig in die Mühlen der Psychiatrie begeben. Das stand für sie fest. Den Rat bezüglich des Frühstücks und des Spaziergangs wollte sie hingegen annehmen, ohne die geringste Hoffnung auf eine Verbesserung ihres Zustands.

Die Arztpraxis befand sich an einer der großen Schnellstraßen von Warschau, der Ost-West-Trasse, die seit 1991 Aleja Solidarności hieß. Ganz in der Nähe befand sich das große Einkaufszentrum Galeria Wileńska mit über hundert Geschäften. An der Ecke zur Targowa war ein Starbucks, das Ewa mit seiner anonymen Atmosphäre sehr gelegen kam. Dort nahm sie ein kleines Frühstück ein und ging anschließend planlos in das Einkaufszentrum. Eher desinteressiert betrachtete sie hin und wieder die Auslage eines der vielen Geschäfte.

Plötzlich fiel ihr eine Frau auf, die sich hinter ihr in der Schaufensterscheibe spiegelte und sie erstarren ließ, denn sie glich ihr in fataler Weise. Man hätte sie gut und gerne als ihre Doppelgängerin bezeichnen können, obwohl die Fremde ganz anders zurechtgemacht war und auftrat. Ihr schönes Gesicht war dezent geschminkt, und ihre goldblonden Haare, die in unzählige Locken gedreht waren, wippten lustig auf und ab. Gekleidet war sie modern, fast ein wenig auffällig, da ihre weiblichen Reize gut zur Geltung kamen. Zu der sehr engen, löchrigen Jeans trug sie eine fast transparente Bluse und eine weite Jacke. Auf hohen Hacken schritt sie selbstbewusst daher und registrierte jeden der bewundernden Blicke, vor allem die der Männer.

Ewa war dermaßen fasziniert, dass sie der Fremden nachlief und jeden ihrer Schritte verfolgte. Sie bemerkte nicht einmal, dass sie sich immer weiter von ihrer Wohnung entfernte. Als ihr Spiegelbild in die Brzeska, eine der heruntergekommensten Straßen des Viertels, einbog, dachte Ewa zunächst, die Fremde würde sie nur als Durchgangsstraße benutzen, doch umso verwunderter bemerkte sie, wie ihr Ebenbild einen der Hinterhöfe der halbverfallenen Häuser betrat, um kurz darauf im Seitenflügel zu verschwinden. Fassungslos folgte ihr Ewa in den feuchten, schimmligen Flur, in dem es nach Urin stank. Sämtliche Briefkästen waren aufgebrochen, mit Graffiti beschmiert und voller Unrat.

Als oben eine Tür ging, lief Ewa wie in Trance die durchgetretenen und verunreinigten Stufen des Treppenhauses hinauf. Wie nicht anders erwartet, gab es keine Namen an den Wohnungstüren und auch kaum Klingeln. Die wenigen, die vorhanden waren, funktionierten sicher nicht. Ewa hätte nicht sagen können, hinter welcher Tür die Frau verschwunden war. Es hätte die zweite oder dritte Etage sein können.

Völlig irritiert ging Ewa zurück auf den Hof und schaute die bröcklige, geschwärzte Fassade hinauf. Ob die Wohnungen überhaupt noch bewohnt wurden? Die blinden Scheiben, hinter denen verblichene Gardinen hingen, gaben keinen Aufschluss darüber. Keines der Fenster war geöffnet, und man konnte keine Bewegung dahinter feststellen.

Angewidert wandte sich Ewa ab und ging zurück auf die Straße. Ihre Gedanken überschlugen sich. Wie konnte eine so gepflegte Frau so hausen? Oder machte sie nur einen Besuch? Womöglich bei einem Elternteil, das in seinem Alter nicht mehr wie ein Baum verpflanzt werden wollte und bis zum bitteren Ende in der vertrauten Umgebung ausharrte? Aber wie konnte die schöne Tochter das zulassen? Oder waren es gar nicht die Eltern, sondern ein Geliebter? Gaben die morbide Atmosphäre und ein ungepflegter, brutaler Mann den besonderen Kick? Es sollte Frauen geben, die bei sexuellen Abenteuern die absonderlichsten Wege gingen, vor allem, wenn sie einen gewissen Hang zur Perversion verspürten.

Gleichzeitig beschäftigte Ewa die Frage, wie es möglich sein konnte, dass eine unbekannte Frau ihr derart ähnlich sehen konnte. Hatte sie eine Schwester oder Halbschwester, von der sie bisher nichts geahnt hatte? Ja, sie hatte eine Schwester gehabt, aber die war nach Aussagen ihrer Mutter schon als Kind verstorben. Ewa hatte keinerlei Erinnerung daran. Auf ihre Fragen war ihr stets nur ausweichend geantwortet worden. Sie musste unbedingt etwas über die geheimnisvolle Fremde herausfinden, nahm sich Ewa vor.