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In Athen sind sieben Schicksale auf rätselhafte Weise miteinander verknüpft. Obwohl man sich einander fremd ist, haben diese Menschen etwas gemeinsam: ein dunkles Geheimnis. Keiner ist sich seiner Schuld bewusst oder verdrängt diese erfolgreich. Bis es kein Entrinnen mehr gibt. Dieser Roman um Schuld und Sühne orientiert sich an der Griechischen Mythologie. Doch an Stelle der gottgleichen Gestalten treten moderne Menschen. Ob sie letzendlich wie ihre mythologischen Vorbilder in einer jenseitigen Welt bestraft werden, bleibt offen. Den Lesern sei dieses reizvolle Gedankenspiel selbst überlassen.
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Seitenzahl: 194
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Norman Dark
Aus dem Totenreich
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog Das graue Haus
Die Sünder
Denn sie wissen nicht, was sie tun
Unfall, Suizid oder Mord?
Familienangelegenheiten
Reise in die Zwischenwelt
Unerwartete Begegnungen
Vergebliche Mission
Reise ohne Wiederkehr
Epilog 25 Jahre später
Impressum neobooks
Sie wusste nicht, wo sie sich befand und wie sie dort hingekommen war, als sie auf dem nackten, kalten Boden erwachte. Ungläubig schaute sie sich um und entdeckte, dass der gesamte Raum leer war. Es gab keine Möbel oder dekorative Elemente wie Bilder, Fotos, Vasen oder Nippes allgemein, und das helle Grau der Wände und der Decke verstärkte den tristen Eindruck noch.
Die junge Frau fror, denn die Raumtemperatur war mehr als kühl, und ihre leichte Kleidung wärmte nicht im Geringsten. Als sie aufstand, um einen Blick aus dem Fenster zu werfen, musste sie feststellen, dass diese zugemauert waren. Deshalb gab es wohl auch keine Vorhänge oder Jalousien.
Plötzlich konnte sie ein Wispern und klagendes Seufzen wahrnehmen. Es mussten sich also noch andere Personen im Haus befinden. Doch niemand zeigte sich. Nur hin und wieder huschten flüchtige Schatten am Durchgang zum Nebenraum vorbei.
»Hallo«, rief die junge Frau, »hört mich jemand? Ich bin hier …«
Keine Antwort. Nur die flüsternden Stimmen verstärkten sich, ohne dass man Einzelheiten verstehen konnte. Na, schön, wenn ihr nicht kommt, muss ich es tun, dachte sie und lief los. Doch je mehr Räume sie aufsuchte, desto mutloser wurde sie, denn keiner unterschied sich vom anderen, und alle waren gänzlich leer. Das Unheimlichste aber war, dass sie den Eindruck bekam, endlos so weitergehen zu können, ohne jemals ans Ziel zu kommen, denn es schienen immer neue Räume hinzukommen, wenn man einen von ihnen betrat.
Das galt auch für die Etagen. Wenn man die nackten Stufen der Steintreppe hinaufging, schien es kein Ende zu geben. Gerade so, als führe die Treppe bis in den Himmel hinauf. Aber gab es an diesem Ort überhaupt einen Himmel? Da der Blick nach außen verwehrt wurde, war es unmöglich, sich einen Eindruck zu verschaffen. Sicher, wenn man es wagte, an den Rand der Treppe zu gehen, was wegen des Fehlens eines Geländers nicht ganz ungefährlich war, konnte man meinen, ganz oben würde es etwas heller werden. Aber das konnte auch eine Sinnestäuschung sein, denn obwohl es keine Lichtquellen gab, war es keinesfalls stockfinster, wie man aufgrund der fensterlosen Räume vermuten könnte. Alles wirkte seltsam illuminiert, als käme der Schein direkt aus den kargen Wänden.
Wo bin ich nur? dachte sie zum wiederholten Mal und spürte, wie langsam die Panik in ihr hochkroch. Wenn es nicht einmal sanitäre Anlagen gab, würde es auch keine Küche geben, von Lebensmitteln und Getränken ganz zu schweigen. Wollte man sie verdursten, verhungern oder erfrieren lassen? Warum, was hatte sie getan? Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie keine Erinnerung an früher hatte. Sie hätte nicht einmal sagen können, wo sie gestern gewesen war und wie sie den Tag verbracht hatte. War sie womöglich schon länger hier gefangen und konnte sich auch daran nicht erinnern?
Da vernahm sie ein durchdringendes Kreischen, das ihr Gänsehaut bescherte. Doch wo kam es her? Von den unteren Etagen oder gar aus dem Keller? Dort würde sie auf keinen Fall nachsehen. Nicht dass die Stufen noch direkt in die Hölle führten.
Oder kam das Geräusch doch von außen? Gab es so etwas wie einen Ein- und Ausgang? Und falls sie den jemals fände, was würde sie draußen erwarten? Welch monströse Gestalten und welch unwirkliche Landschaft würden dort sein? Egal, ich muss es versuchen, bestärkte sie sich selbst, hier in dem endlos wuchernden Gefängnis konnte sie nicht bleiben. Und schließlich war es doch möglich, dass draußen die Sonne lachte und man über saftige Wiesen voller Blumen gehen konnte. Die etwas naive Vorstellung ließ sie auflachen. Doch es war kein fröhliches, unbeschwertes Lachen, sondern ein bitteres, voller Ironie und Zweifel. Sie ahnte schon, dass diese märchenhafte Lösung zu einfach war und bestimmt nicht eintreffen würde.
Orestis Petalas, ein untersetzter Mann, Mitte vierzig, mit Halbglatze, aber einem jugendlich wirkenden Gesicht, öffnete wie jeden Morgen seinen kleinen Laden im Altstadtviertel Monastiráki, das eigentlich zum Stadtteil Plaka, dem größten Touristenviertel Athens, gehörte. Im Monastiráki Viertel mit eigener Metrostation, das mitunter auch als „Türkisches Athen“ bezeichnet wurde, gab es einen riesigen Flohmarkt, eher ein Basar mit vielen kleinen Geschäften, der sich nur sonntags zum Flohmarkt ausweitete, wenn auch die privaten Leute zum Teil auf Decken ihre überflüssigen Dinge anboten.
Einer der beständigen Läden gehörte Orestis. Dort bot er mehr Antiquitäten als Trödel an, und das mit großer Leidenschaft. Das Handeln und Feilschen lag ihm sozusagen im Blut, denn durch seinen Vater hatte auch er türkische Wurzeln. Deshalb empfand er sich als türkischer Grieche und bedauerte sehr, dass die nahegelegene, restaurierte Moschee inzwischen als keramisches Museum diente.
Orestis hoffte insgeheim, dass sich an diesem Tag wieder die geheimnisvolle Fremde zeigen würde. Seit er sie das erste Mal gesehen hatte, ging sie ihm nicht mehr aus dem Sinn. Leider verschwand die Schöne immer wieder für längere Zeit, um dann ganz urplötzlich wieder aufzutauchen.
Er hätte nicht sagen können, wie die Farbe ihrer Augen war, denn mal erschienen sie ihm grün, fast gelblich, wie bei einer Katze, ein andermal eher braun. Aber das spielte im Grunde genommen keine Rolle. Ihre Ausstrahlung war derart überwältigend, dass sie alle Frauen in den Schatten stellte, die er jemals gekannt hatte. Verzeih mir, Maria, dachte er in diesen Momenten. Seine vor zwei Jahren verstorbene Frau war ein herzensguter Mensch gewesen, doch weder auffallend schön noch geheimnisvoll. Er hätte gerne wieder eine Gefährtin an seiner Seite gehabt, nur war er nach Marias Tod von tiefer Trauer erfüllt gewesen und hatte keinen Blick für andere Frauen gehabt. Seine melancholische Ausstrahlung hatte diese auch eher abgeschreckt, doch in den letzten Monaten ging es ihm deutlich besser, was seine Lebensgeister, besonders in erotischer Hinsicht, erwachen ließ.
Als die Türglocke erklang und eine Frau den Laden betrat, war seine Enttäuschung grenzenlos, denn für einen Moment hatte er geglaubt, es sei die schöne Fremde. Aber der Tag war ja noch jung. Und wenn sie heute nicht kam, dann vielleicht morgen.
Er musste nicht bis zum nächsten Tag warten, denn am frühen Nachmittag kam die Angebetete. Wieder war er von ihrer Schönheit und ihrer ganz eigentümlichen Ausstrahlung wie geblendet. Die alterslos wirkende Frau mit der Haut wie aus Porzellan und schwarzen Haaren, die an poliertes Ebenholz erinnerten, schritt wie eine Königin durch den Raum. Sich ihrer Wirkung voll bewusst, sah sie ihn dabei nicht an. Diesmal wollte er sich trauen, sie anzusprechen und in ein kurzes Gespräch zu verwickeln, um etwas mehr über sie zu erfahren.
»Wie schön, dass Sie wieder den Weg zu mir gefunden haben«, sagte er zweideutig.
»Nun, das war nicht allzu schwer«, antwortete sie mit einer verführerisch rauchigen Stimme, »Ihr Laden ist ja nicht zu übersehen, weil er sich deutlich von den anderen abhebt.«
»Gnädigste interessieren sich für kostbare, ausgefallene Stücke?«
»Ja, sonst wäre ich doch nicht hier, nicht wahr? Ich muss sagen, Ihr Angebot gefällt mir außerordentlich. Wenn meine Wohnung nicht schon mit antiken Schätzen überladen wäre, würde ich kaum widerstehen können, Ihnen das eine oder andere abzukaufen.«
»Vielleicht könnte ich etwas davon in Zahlung nehmen oder von Ihnen erwerben, damit Platz für Neues entsteht. Dürfte ich Sie einmal aufsuchen?«
»Das wird schwer möglich sein. Ich lebe auf Zypern und besuche nur hin und wieder meine Verwandten hier.«
»Schade, allerdings wäre mir für Sie kein Weg zu weit …«
»Wir werden sehen … Was wird wohl Ihre Frau sagen, wenn Sie mich in meiner Wohnung aufsuchen?«
»Oh, ich lebe allein, seitdem ich vor zwei Jahren Witwer geworden bin. Außerdem ist es in meinem Gewerbe durchaus üblich, Besichtigungen in Privaträumen vorzunehmen.«
Ihre heute wieder grün schimmernden Augen zeigten einen Ausdruck, als habe er ihr nichts Neues erzählt. Und das bezog sich weniger auf sein Gewerbe, als auf seinen privaten Status.
»Das tut mir leid mit Ihrer Frau. Ich lebe auch allein und weiß, wie einsam man mitunter sein kann.«
»Verzeihen Sie, wenn ich das sage, aber keiner würde auf den Gedanken kommen, dass eine so attraktive Frau wie Sie ohne Partner ist.«
»In der heutigen Zeit ist das wahrlich nichts Besonderes. Man wundert sich, dass es überhaupt noch Familien gibt. Ich heiße übrigens Azila.«
Er hätte sich nie gewagt, sie nach ihrem Namen zu fragen, und war umso erfreuter, dass sie ihn von sich aus nannte. Azila war ein Name, der indirekt im Koran vorkam. Ein Grund mehr für ihn, Gefallen an der fleischgewordenen Versuchung zu finden.
»Sehr angenehm, ich bin Orestis«, sagte er mit trockener Kehle.
Azila nickte ihm freundlich zu und wendete sich dann wieder der Glasvitrine zu, in der schöner alter Schmuck ausgestellt wurde. Scheinbar außerordentlich interessiert, ließ sie ihren Blick über die Auslage schweifen, bis sie plötzlich innehielt.
»Die Brosche ist ja wundervoll. Ist das ein echter Stein?«, fragte sie fast beiläufig.
»Aber natürlich. Wo denken Sie hin? Sie gehörte einer adligen Dame, die ich persönlich kannte. Ihr außergewöhnlich sicherer Geschmack ließ sie nur die kostbarsten Stücke erwerben. Ihre Erben hatten nicht viel Sinn für den Schmuck und boten mir das eine oder andere an. Das Juwel würde hervorragend zu Ihnen passen.«
»Davon bin ich überzeugt. Aber bevor ich eine weitere Anschaffung tätige, werde ich noch einmal in mich gehen. Wenn sie mir bestimmt ist, wird sich kein anderer Käufer finden.«
Sie machten noch etwas Smalltalk, wobei sich Azila deutlich zurückhielt, als habe sie schon zu viel von sich preisgegeben. Doch als sie den Laden verließ, trug sie die Brosche in einer kleinen Schatulle bei sich. Orestis hatte sie ihr geschenkt, ohne lange nachzudenken.
Azila hatte sich nicht lange geziert und Floskeln benutzt wie: das könne sie nicht annehmen. Andererseits gehörte sie nicht zu den Frauen, die Forderungen stellten. Das hatte er schnell erkannt. Vielmehr hatte sie eine Art, ihr Gegenüber zum Erfüllen ihrer Wünsche zu bringen, dass dieser glaubte, von selbst auf den Gedanken gekommen zu sein. Bei gründlicher Überlegung hätte ihm dieser Umstand mehr als unheimlich sein müssen, wenn nicht gar suspekt, doch er brannte viel zu sehr für die fremde Schönheit, die in ihm ein Feuer entfachte, das er schon verloren geglaubt hatte. Er hatte vom ersten Moment an das Gefühl, für diese Frau alles zu tun, vielleicht sogar zu morden.
In Kolonaki, dem ehemaligen Botschaftsviertel von Athen, machte sich gerade eine junge Frau, Ende zwanzig, zum Ausgehen zurecht. Ihre edle Garderobe ließ darauf schließen, dass sie zur gehobenen Gesellschaftsschicht von Athen gehörte. Ihr schönes Gesicht war nur wenig geschminkt und ihr seidig schimmerndes Haar akkurat frisiert. Anders als an den meisten Tagen wollte sie nicht eines der zahlreichen Juweliergeschäfte oder eine der Nobelboutiquen, bis hin zu einer Filiale der vielen Labels der internationalen Haute Couture, aufsuchen. Auch nicht den Galerien, Cafés und Bars, in denen man die sogenannten Schönen und Reichen antreffen konnte, galt ihr Interesse. Nein, Eudokia Angelis wollte sich mit ihrem Geliebten, Dimitrios Bouglas treffen. Doch es sollte kein Schäferstündchen geben, sondern vielmehr eine Aussprache beziehungsweise Trennung.
Eudokia kämpfte schon lange mit diesem Entschluss. Es hatte eine Weile gedauert, bis sie sich eingestehen konnte, dass die Affäre mit Dimitrios rein sexueller Natur war. Ihr Herz oder ihre Seele wurden davon nicht berührt. Denn so seltsam es klingen mochte, ihre Liebe gehörte einzig und allein ihrem Mann Orfeas, der mit seinen welligen, braunen Haaren und seinen gütigen Augen ein gänzlich anderer Typ als Dimitrios war. Nur hatte der berühmte Opernsänger kaum Zeit für sie, weil er entweder auf Reisen oder vor Ort mit Proben beschäftigt war.
Eudokia würde nie vergessen, wie sie ihn kennengelernt hatte. Die Einladung in die Oper war von ihrer Freundin Anastasia erfolgt. Hinterher hatten sie wie Schulmädchen vor dem berühmten Künstler gestanden. Nicht um ein Autogramm zu erbitten, sondern um ihn aus nächster Nähe zu sehen. Der knapp zehn Jahre ältere Mann hatte sie von Anfang an fasziniert. Und das nicht nur wegen seiner warmen, einschmeichelnden Stimme. Seine Augen hatten ihren Blick gesucht, und ihr waren kleine Schauer über den Rücken gelaufen, als sie erkannte, dass er offensichtlich Interesse an ihr zeigte. Fortan hatten sie öfter telefoniert oder waren zusammen essen gegangen. Nach weniger als zwei Monaten hatte er sie gebeten, seine Frau zu werden. Und Eudokia hatte ihr Glück nicht fassen können, dass ein Mann, der auf der ganzen Welt von Verehrerinnen umringt wurde, ausgerechnet sie erwählte.
Dimitrios war so etwas wie ein Womanizer, groß, muskulös, mit dunklen, kurzgelockten Haaren und stets einem leicht arroganten Gesichtsausdruck. Männer hassten ihn aufgrund seiner Erfolge bei Frauen, doch das weibliche Geschlecht lag ihm zu Füßen, was er reichlich ausnutzte. In Eudokias Leben war er zu einem Zeitpunkt getreten, als diese sich wieder einmal grenzenlos vernachlässigt fühlte, denn sie hatte den Umstand, mit einem berühmten Künstler verheiratet zu sein, weitgehend unterschätzt. Orfeas trug sie zwar auf Händen und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, wenn, ja wenn, er zugegen war. Und das war selten der Fall. Jenes Mal war er auf einer längeren Konzerttour gewesen und hatte sich nur des Öfteren telefonisch gemeldet. Ihn auf seinen Gastspielen zu begleiten hatte Eudokia schnell aufgegeben, weil er dabei kaum mehr Zeit für sie aufbringen konnte, als zu Hause in Athen. Und wenn sie sich schon langweilte, dann lieber in ihrer vertrauten Umgebung, als an einem fremden Ort.
Der junge, feurige Dimitrios überrollte sie förmlich mit seiner Heißblütigkeit. Sie hatte es eine Weile genossen, derart begehrt zu werden, doch ihr schlechtes Gewissen gegenüber Orfeas sollte schneller als gedacht die Oberhand gewinnen. Ihr Mann verdiente es einfach nicht, hintergangen zu werden. Im Gegensatz zu ihr war er nämlich treu. Davon war Eudokia überzeugt, obwohl sich ihm die weiblichen Bewunderer förmlich anboten, weil sich keine dem Schmelz seiner Stimme entziehen konnte. Doch seine Liebe galt ausschließlich seiner Frau, die nicht nur seine Kunst verehrte, sondern auch die Privatperson, die dahinter stand. Das spürte er ganz deutlich. Und an flüchtigen sexuellen Abenteuern war er in seinem leicht fortgeschrittenen Alter nicht interessiert.
»Ich bin gekommen, um dir zu sagen, dass wir uns heute das letzte Mal sehen«, sagte Eudokia zu Dimitrios, als sie sich in einem kleinen, von Touristen kaum frequentierten, Café gegenübersaßen.
»Und du glaubst, ich nehme das einfach so hin? Mich legt man nicht wie ein gebrauchtes Kleidungsstück ab.«
»Dir wird nichts anderes übrig bleiben. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich meinen Mann liebe und ihn niemals verlassen werde.«
»Das verlangt auch niemand von dir. Dem Lebensstandard, den dir der große Opernsänger bietet, könnte ich ohnehin nicht gerecht werden. Darüber mache ich mir keine Illusionen. Aber auf den Spaß, den wir gemeinsam im Bett haben, möchte ich nicht verzichten.«
»Dimi sei doch vernünftig. Wir hatten eine schöne Zeit, doch die ist jetzt vorbei.«
»Sagst du. Was ist der Grund für deinen Sinneswandel? Ist er dir dahinter gekommen und verlangt die Trennung?«
»Nein, zum Glück nicht. Und ich möchte, dass das so bleibt, um ihm den Kummer zu ersparen.«
»Mich interessiert der Kummer des feinen Herrn einen Dreck. Er wird in so manchem Hotelzimmer auch sehen, wo er bleibt.«
»Du irrst. Orfeas ist nicht so triebgesteuert wie du. Er …«
»Und du, hast du vergessen zu sagen. Wenn er dir sexuell das bieten könnte, was du brauchst, hättest du dich bestimmt nicht mit mir eingelassen.«
»Das war ein Fehler, gebe ich zu. Ich habe meine körperlichen Bedürfnisse einfach überschätzt.«
»Das ist ja wohl die billigste Ausrede, die ich jemals gehört habe. Gib doch zu, dass du mich satt hast. Wahrscheinlich wartet schon der nächste Galan um die Ecke.«
Dimitrios’ Stimme war vor Erregung schrill geworden.
»Würdest du bitte aufhören, so zu schreien? Wir ziehen schon alle Blicke auf uns.«
»Das ist mir egal. Jetzt weiß ich auch, warum du partout nicht in mein Apartment kommen wolltest. Weil du dort mit Sicherheit wieder schwach geworden wärest.«
»Mag sein. Aber eben das will ich nicht mehr. Die Gründe habe ich dir genannt. Ich bin deiner nicht überdrüssig, sondern will nicht länger ein doppeltes Spiel spielen. Ich fühle mich schlecht dabei. Und das negative Gefühl überwiegt die Lust.«
»Das werden wir sehen. Lass erst deinen Hormonpegel wieder ansteigen, dann wirst du vor meiner Tür stehen. Davon bin ich überzeugt.«
»Warum könnt ihr Männer eine Niederlage nicht mit Anstand wegstecken? Euer Ego ist so groß, dass ihr reihenweise Frauen abservieren könnt, aber wehe, es ist umgekehrt der Fall.«
»Blah, blah. Ich weiß, was du für mich empfindest, auch wenn du es dir nicht eingestehen willst. Sonst hättest du niemals das Risiko der Entdeckung in Kauf genommen.«
»Wie oft soll ich es dir noch sagen? Ja, du bist ein sehr guter Liebhaber, und ich möchte die Stunden mit dir nicht missen. Aber ich bin es leid, die untreue Ehefrau zu sein, und möchte nicht länger die Liebe meines Mannes aufs Spiel setzen. Für mich ist das Gespräch jetzt beendet. Es ist alles gesagt worden.«
Eudokia stand auf und steuerte dem Ausgang zu.
»Darüber ist das letzte Wort noch nicht gesprochen!«, rief ihr Dimitrios, weiß vor Zorn, hinterher, »mir entkommst du nicht so leicht. Damit du Bescheid weißt.«
Im Nordwesten Athens lag das Stadtviertel Akadimia Platonos, das nach der Platonischen Akademie benannt wurde. In der heutigen Zeit prägten Hochhäuser mit acht bis zehn Stockwerken das Viertel. Es hatte keinen besonders guten Ruf, da es als heruntergekommen galt. Das hohe Aufkommen von Immigranten verunsichere die Einwohner, hieß es unter anderem.
Traianos Nimpitis lebte von Sozialhilfe und schlug sich mehr schlecht als recht durch. Hin und wieder besserte er mit kleinen Diebstählen seine Haushaltskasse auf. Die Beute nahm ihm ein Hehler zum Bruchteil des tatsächlichen Wertes ab. Trotzdem blieb noch genug übrig, um wieder eine Weile damit auszukommen.
An diesem Morgen war der unscheinbare, etwas ungepflegte Dreiunddreißigjährige, der weder einen Beruf noch eine Freundin hatte, schon früh auf den Beinen, für seine Verhältnisse jedenfalls, denn nicht selten schlief er bis mittags. Sein Ziel war die Agia Aikaterini oder auch Ayia Ekaterina Kirche am östlichen Rand des Plaka Viertels. Die kleine Kirche aus dem 11. Jahrhundert stand inmitten moderner Wohnhäuser. Ganz in der Nähe befanden sich der Hadriansbogen und das Denkmal des Lysikratus. Doch das fand ebenso wenig Traianos’ Interesse wie die kleine, aber feine Kuppel, die Fresken und Altäre der Kirche. Bei seinen Erkundungszügen waren ihm zwei vergoldete, dreiarmige Kerzenleuchter aufgefallen, die bestimmt ein hübsches Sümmchen bringen würden.
Der Bezirk Akadimia Platonos verfügte zwar auch über einige Kirchen, doch Traianos war nicht so dumm, in seinem Wohnviertel auf Beutezug zu gehen, dort, wo man ihn womöglich erkannte und bis in seine Wohnung verfolgen könnte.
Traianos kam gegen halb neun vor der Kirche an. Eine Stunde nach der offiziellen Öffnungszeit. Der Wettergott war ihm gewogen, denn die wenigen Fußgänger, die an diesem regnerischen Tag unterwegs waren, beachteten ihn nicht weiter, was ihm nur recht sein konnte. Zusätzlichen Schutz bot ihm sein altersschwacher, aber durchaus noch brauchbarer Regenschirm.
Am Eingang stellte er den nassen Schirm artig in den dafür vorgesehenen Ständer und nahm nur seine große Reisetasche mit, in der etwas Werkzeug leise klapperte. Wie nicht anders erwartet, befanden sich keine Besucher im Innenraum. Zielstrebig ging er auf den rechten Kerzenleuchter zu und bemerkte mit fachkundigem Blick, dass das große Prachtstück, das ihm bis zur Brust reichte, aus drei Teilen bestand, die man mit wenig Kraftaufwand auseinanderschrauben konnte. Andernfalls hätte er auch ein Problem gehabt, denn man konnte nicht einfach so unbemerkt am helllichten Tag mit einem vergoldeten Leuchter aus der Kirche spazieren.
Sich ängstlich mehrmals umsehend, begann er sogleich mit der Arbeit. Erstaunlicher Weise ließ sich niemand sehen, der ihn von dem Raub abhalten konnte. So ging er nach kaum einer Viertelstunde mit einer prall gefüllten Tasche zum Ausgang und sah zu, dass er fortkam. Erst mehrere Querstraßen weiter hielt er erschöpft inne und rief den Hehler zwecks Übergabe an.
In einer ärmlich ausgestatteten Wohnung eines der heruntergekommenen Hochhäuser von Akadimia Platonos spielte sich derweil ein familiäres Drama ab. Danaë Samara war sehr dünn und hatte herbe Gesichtszüge. Sie wirkte wesentlich älter als Mitte zwanzig, kleidete sich nachlässig und hatte fettige, aschblonde Haare. Ihrer Tochter servierte sie das Essen im Bett. Eleni, ein hohlwangiges, leichenblasses Mädchen von knapp sechs Jahren mit rabenschwarzen, glanzlosen Haaren, weigerte sich jedoch strikt, die Suppe zu essen, die ihm seine Mutter gekocht hatte.
Die Kleine lag schon mehrere Tage und wurde von Brechdurchfällen gequält. Der Arzt vermutete eine Magenverstimmung und riet zu leichter Kost, doch Eleni wurde immer elender und schwächer.
»Komm, nimm wenigstens zwei, drei Löffel, damit du wieder zu Kräften kommst«, sagte Danaë, »mein kleiner Schatz muss schnell wieder gesund werden, damit er wieder draußen mit den anderen spielen kann.«
»Die Suppe schmeckt so komisch …«
»Das haben Dinge, die gesund sind, nun mal so an sich. Gestern ging es dir doch schon etwas besser. Das lag bestimmt daran, dass du brav gegessen hast.«
»Nein, nachdem du mich gefüttert hast, musste ich wieder brechen, und die Bauchschmerzen wurden auch schlimmer.«
»Das kam dir nur so vor, weil dein Magen etwas gereizt ist. Wenn du nicht isst, musst du wieder ins Krankenhaus. Willst du das?«
Eleni schüttelte energisch den Kopf.
»Na, siehst du, mein Liebling. Mamá wischt dir jetzt den Schweiß von der Stirn und dann bist du ein braves Mädchen. Was soll ich denn ohne dich machen? Du willst mich doch nicht ganz allein lassen? Wir haben nun mal keinen bampás (Papa), weil der nichts von uns wissen wollte und bald nach deiner Geburt das Weite gesucht hat. Aber wir beide schaffen das schon. Nur wenn du jetzt auch noch gehst … «
»Ich will ja nicht gehen. Wo soll ich denn hin?«
»Gehen heißt auch, dass jemand stirbt. Aber das darfst du nicht, hörst du? Sonst will ich auch nicht mehr leben.«
»Ich will ja nicht sterben, mamá, aber mir ist immer so schlecht, und ich habe solche Schmerzen.«
»Ich weiß, mein Schätzchen. Bald wird es dir wieder besser gehen. Komm, probier mal, bevor die Suppe kalt wird.«
Eleni nahm artig zwei Löffel, verzog aber angewidert das Gesicht.
Nach kaum einer Stunde brachte sie alles wieder heraus. Danaë Samara rief erneut den Doktor, doch der ließ vorerst auf sich warten.
Sotirios Fafalis war Eudokia Angelis noch nie begegnet, obwohl sie im selben Stadtviertel wohnten. Das mochte daran liegen, dass Sotorios sich entweder in seinem noblen Maklerbüro in Kolonaki aufhielt oder ein neues Objekt in Augenschein nahm, das er für lukrativ genug hielt, es nach wenigen Schönheitsreparaturen überteuert wieder zu veräußern.
Fafalis, der nicht unattraktiv war mit seiner schlanken Figur, den kurzen blonden Haaren und eisgrauen Augen, ging bei seinen Geschäften außerordentlich skrupellos vor. In die Jahre gekommene Häuser oder Eigentumswohnungen ließ er mittels Homestaging aufbereiten, indem er die nötigsten Reparaturen veranlasste und durch Leihmöbel einen gefälligeren Eindruck der Immobilie vermittelte. Er hatte keine Hemmungen, andere übers Ohr zu hauen, und schreckte auch nicht davor zurück, seine Kunden ins Unglück zu stürzen. Als Atheist glaubte er nicht an eine höhere Macht und hatte für gläubige Menschen nur ein verächtliches Lächeln übrig.
