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Die pensionierte Lehrerin Hanne Sonneberg geht auf Distanz, zu den Gemeinden in ihrem Wohngebiet, aber sie sucht und findet Nähe bei ziemlich ausgetickten Frauen, die ihr Leben ,wie sie selbst, gemeistert haben. Viele hintergründige Situationen und viel Lebensfreude sind in diesem Text versammelt.
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Seitenzahl: 118
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Haus ohne Kreuz
Eine eingebildete Geschichte
Erzählt von Marietta Scondo-Höllein 2022©
Mein inneres Auge beobachtet und meine Stimme berichtet zögerlich:
, Es war Sonntagmorgen im Herbst, sie war aufrecht im Bett, nah am gekippten Fenster.
Auf ihren Knien war das zuvor von ihr gerichtete Tablett mit Muesli, Toast, Kaese und Salzgurken, ein Frühstück, wie sie es liebte. Gewöhnlich begann sie sonntags mit der Frühstückszeremonie, wenn draussen die Kirchenglocken läuteten. Deswegen hielt sie das Fenster gekippt. Sie wollte hören und nahm in Kauf, dass kühle Luft hereinwehte. Sie fröstelte leicht. Wenn es dann läutete, hätte sie Sicherheit. Mit der Sicherheit, in keinen befremdlichen Gottesdienst hetzen zu müssen, schmeckte das Frühstück noch einmal so gut.
Es war kurz vor Viertel vor. Gleich würde der scheppernde Lärm der Glocken einsetzen. Sie lauschte, lauschte intensiver noch…. Aber da kam nichts, auch 10,20,30 Minuten später nicht. Sie wunderte sich, ließ diese Wahrnehmung aber erstmal auf sich beruhen, aß dann ihr Frühstück, das nicht anders schmeckte als sonst. Später putze sie gründlich die ganze Wohnung, wie immer sonntags , dann wusch sie sich peinlich sauber, am ganzen Körper, zog sich frisch an, machte ihr Bett und rauchte nicht. Das Rauchen hatte sie sich, schwer genug, abgewöhnt.
Sie entschied sich nun, einen Spaziergang von etwa 5000 Schritten durchs Wohngebiet zu machen. Das reichte, um vor bis zu der Brutalismuskirche zu laufen, dann durch den kleinen Park und wieder zurück nach Hause in ihre schöne Wohnung. Die Schrittezahl war ihr bekannt, weil sie früher einen Tracker benutzt hatte, der jeden Schritt genau vermerkt, so hatte sie nach und nach alle Wege, die sie so ging, aus gemessen, bis zur Kirche waren es fast 3000Schritte,das wusste sie.
Zunächst fiel ihr nichts auf, Kinder
auf dem leeren Parkplatz des Rewe, alte Damen mit Rollator zum Bus, einige Leute waren auf allen Strassen mit Hunden unterwegs, das übliche Treiben am Sonntagnachmittag.‘:Hier endet Beobachtung, Eliza erscheint, die Nachbarin und Hilde, 68 Jahre, Lehrerin, Witwe und Rentnerin.
„Hast du schon gehört?Die Kirche ist verkauft und wird abgerissen. Heute holten sie schon mal die Glocken ab.“Es war Eliza, eine entfernte Nachbarin, die das sagte.
„Tatsächlich“, sagte ich erstaunt, „deswegen war heute kein Läuten.“
„Wir haben der Kirche ab geschworen, seitdem frei, aber orientierungslos.“
„Naja, du bist ja Wirtschaftsjuristin und Verkäuferin, hast doch da Orientierung genug.“,sagte ich.
„Ob das reicht?“, fragte Eliza.
„Weiß Ich auch nicht. Aber was anderes, letzte Woche ist mir aufgefallen, dass das Wege Kreuz draußen auf dem Feld Richtung Bretzenheim hinter der Arena verschwunden ist.
„Und das Kreuz an der Kreuzstraße auch“, sagte Eliza.
„Komisch.“,sagte ich.
„Ich bin mit diesem Kreuz aufgewachsen.“, sagte Eliza.
„Ja, schade.“, sagte ich wenig überzeugt und noch weniger überzeugend. Denn eigentlich war es mir egal, ob da irgendwo Kreuze standen, Kirchen abgewickelt wurden und Glocken nicht mehr läuteten. Das nutzte ich nicht und es nutzte mir nicht. Der kulturelle christliche Rahmen, den viele Kirchengegner*innen ins Feld führten, um der Kirche in kritischer Zeit noch einen minimalen Restzweck zukommen zu lassen, er galt mir nur an Weihnachten. Das feierte ich gerne und gut vorbereitet, aber ohne Kirchgang. Es war ein schönes Fest für die Familie und mich. Jedes Jahr. Es gab Heimat in den alten Bräuchen im Essen und im Trinken im Schenken und Beschenkt-Werden. Einfach schön das. Aber sonst…
Wenig gute Erfahrungen hatte ich mit den Kirchen gemacht, von Kind an…
„Stimmt das wirklich, dass die Kirche abgerissen wird. Ich kann das gar nicht glauben.“, sagte ich.
„Doch, ich weiß es von Kirsten. Die sitzt für die Grünen im Ortsbeirat, da hatten sie das Thema. Der Investor will eine Wohnanlage mit Einkaufszentrum und Café hin bauen, in einem Jahr geht es los.“, sagte Eliza.
„Aber so groß ist doch das Gelände gar nicht, vielleicht 2000 oder 3000 Quadratmeter.“, wandte ich ein.
„DOCH, es reicht. Die Genehmigungsbehörde hat es schon abgesegnet, sagt Kirsten.“, erklärte Eliza.
„Dann lass uns mal bis zu dieser Kirche gehen, mal sehen, ob dort schon etwas zu sehen ist.“, schlug ich vor.
Eliza und ich gingen nebeneinander auf dem schmalen Bürgersteig. Uns begegneten drei oder vier Rollstuhlfahrer, denen wir auf die ruhige Vorstadtstraße auswichen , dann waren noch einige Alte mit Rollatoren unterwegs, denen wir nicht auswichen, der Platz reichte gerade so, wenn Eliza und ich hintereinander liefen.
„So ist das hier, junges Leben findest du hier nicht mehr, höchstens bei dir in deiner Wohnanlage, aber die bleiben nicht lange, drei bis fünf Jahre, dann sind sie weg, weiter im Grünen, wo es auch billiger zu wohnen ist.“, sagte Eliza.
„Ich kann nicht klagen, sechs kleine Kinder wohnen bei mir im Haus, da ist Leben von morgens bis abends, aber Wohneigentum kannst du da nicht erwerben, nur Fonds Anteile, wie ich die habe, dann ist die Miete nicht so teuer.“
„OK, jetzt lass uns mal schauen.“, unterbrach mich Eliza, denn wir waren an der Kirche, die angeblich abgerissen werden sollte, angekommen.
ÜBER die Hälfte des Vorplatzes lief schon ein Bauzaun. Die andere Hälfte war frei, aber ein voluminösen Schild stand dort.
„Privateigentum Durchgang verboten. Bauhauser GmbH“.Die Kirche selbst stand unverändert, jedoch unbeleuchtet. ,die Türen mit Brettern gesichert. Am Kirchturm in 14 Metern Höhe klaffte ein Loch, da hatte man die 5 Glocken herausgeholt
und abtransportiert, schon vor Tagen.
Es hatte uns die Sprache verschlagen. Eliza und ich wandten uns stumm zum Gehen.
Dann sagte Eliza leise: „So ist das heute, bruch mer nit fort demmet,wie der Kölner sagt.“
Ich bemerkte noch, dass das große Stahlkreuz, das auf dem Dach der Kirche, einem Hallenbau aus den 1960er Jahren, marode und undicht, aufmontiert gewesen war, ebenfalls nicht mehr da war. Das dritte Kreuz, das fehlte.
Am nächsten Tag las ich nach dem hastigen Kaffee ohne Zigarette, denn ich rauche nicht mehr, folgende Nachricht in der Zeitung.
„Das Presseamt der katholischen Diözese in M teilt mit, dass ab sofort alle DEKANATE aufgelöst sind. Die Gemeinden werden lokal einem Kontrollorgan unterstellt und in sogenannten Pastoralräumen von bis zu zehn Pfarreien von lokalen Pfarrern weitergeführt. Etwa die Hälfte der vorhandenen Gebäude soll aufgegeben, veräußert oder abgerissen werden.“
Es war nur diese kleine Meldung, mehr nicht. Nicht einmal an prominenter Stelle. Aber sie hatte es in sich.
Mir schwirrten die verschiedensten Gedanken durch den Kopf. Von den sechs Kirchen bauten die im Bezirk Mittewest zusammengefasst waren, würden also mindestens drei geschlossen und veräußert. Was war dann mit den Menschen, die dort geheiratet, ihre Kinder getauft ihre Liebsten beerdigt hatten. Futsch, alles futsch.
Ich sagte laut, während ich mir im Bad die Hãnde wusch: „Das würde ich mir nicht bieten lassen, wenn ich noch Kirchen fromm wäre.“
Das Handy klingelte, es war Thomas.
„Sag mal, du bist doch auch Kundin bei der Darmstädter Stromgesellschaft. Hast du schon deine Abrechnung bekommen.?“, fragte Thomas.
„Ja, ich habe 120 Euro Gutschrift für 21/22,denn ich konnte meinen Verbrauch um 30 Prozent mindern. Mein Abschlag ist auf 44 Euro im Monat reduziert worden.“, antwortete ich.
„Du Glückliche, ich habe 350 Euro Nachzahlung, verdammt viel. Wie hast Du das gemacht mit dem Stromsparen.?“, fragte Thomas.
„Das dauert zu lange, dir das zu erzählen, schreib du lieber mal auf, wie du heizt, wie du wäschst, wie du kühlst, ob du eine Klima hast und so weiter. Dann können wir uns treffen und schauen, wie du von dem Über Verbrauch runterkommst.“, schlug ich vor.
„Das klingt gut“, sagte Thomas.
„Heute haben wir Montag, ich bin noch zwei Stunden im Hotel, als Aufsicht, da kann ich schon mal alles aufschreiben. Wie wäre es, wenn wir uns danach im Café Carrefour treffen, am Schillerplatz.“,
fragte er
„Da kann ich nicht, ich habe noch eine Übersetzungskundin mit einem Brief aus Pakistan in Englisch. Die will den gleich mündlich übersetzt haben, ist von ihrer Enkelin. Aber eine Stunde später geht es, so um 17 Uhr 30.“, sagte ich.
„Also gut, um halb Sechs im Café Carrefour. Freu mich.“, sagte Thomas und clickte sich dann weg.
Ich ging ins Arbeitszimmer, um den Tisch in der Ecke für Frau Schnerske zu richten, die Übersetzungskundin. Sie war 85 Jahre alt und wohnte im Nachbarhaus. Vorgestern beim Einkauf im Rewe hatte ich sie getroffen und sie war gleich direkt geworden, hatte mir den Brief ihrer Enkelin gezeigt, die in Pakistan verheiratet war, mit einem britischen Diplomaten und hatte gefragt, ob ich ihr den übersetze. Sie könne kein Englisch. Und mein Schaden solle es nicht sein.
Ich richtete nun den Tisch, stellte eine Vase mit Herbst Laub hin, die normalerweise auf dem Esstisch im Wohnzimmer stand und räumte die drei Bücher in den Schrank, die dort gelegen hatten. Neuerscheinungen von der Buchmesse, die ich noch nicht mal aus ihren Plastikhüllen herausgelöst hatte. Fachliteratur zu Deutsch und Deutsch als Fremdsprache, nicht der Rede wert.
Denn eigentlich arbeitete ich nicht mehr, schon seit zwei Jahren, von gelegentlichen Dienstleistungen wie jetzt für die alte Frau Schnerske abgesehen. Ich hatte immer ein mulmiges Gefühl dabei, denn wie sollte ich das versteuern. Ich war damit bei 20 oder 30 Euro im Monat, die ich sofort an meine Enkel gab. . Nun, jedes Jahr gab ich also 240 bis 360 Euro Jahresverdienst an, neben Rente und Pension. Sie wurden bis jetzt nicht besteuert.
An der Tür klingelte es. Es war, wie erwartet, Frau Schnerske.
. Sie stand im Türrahmen, untersetzt, massig im halboffenen Daunenmantel, der sich nur schwer über dem vorgestülpten Bauch schließen würde. Die grell lackierten Fingernägel der rechten Hand umklammerten den Griff einer teuren Krokotasche, die Füße steckten in flachen schwarzen Lackschuhen Das Gesicht war grell überschminkt.
„Da bin isch“, sagte sie mit theaterhessischem Zungenschlag, „isch bin froh, dess isch Sie habb.“
„Nur herein, wo ist der Brief.“, fragte ich und führte sie ins Arbeitszimmer.
„Sein se mer nit bees, dess isch de Mandel anlasse du, ab ber mer is jetzt im Herbst immer so kalt, Aach drinne.“sagte sie, bevor sie sich schwer atmend an den Tisch setzte.
Ich nahm den Brief und übersetzte im Stehen.
‚Mein Liebe Omi,
bei uns ist alles gut. Wir werden bald nach England zurückkehren. Paul hat eine Stelle im Innenministerium bekommen. Das ist auch besser für die Kinder, Christopher geht jetzt in die 5.Klasse,aber die internationale Schule hier ist teuer und nicht gut. Ich denke, dass er in England ein Schuljahr wiederholen muss. Mal sehen.Die kleine Ida ist noch in der Nursery School, also im Kindergarten. Der Vater ist letzten Monat gestorben, wir haben ihn hier beerdigt. In Zukunft können wir sein Grab dann nur noch selten besuchen. Mir geht es so weit gut. Ich habe mit Töpferarbeiten angefangen und hatte schon meine erste Charityausstellung
……‘
So ging es in einem gleichgültig Einerlei noch drei Seiten weiter. Nach zwanzig Minuten, in denen Frau Schnerske sehr aufmerksam zugehört hatte, war der Brief übersetzt.
„Danke“, sagte Frau Schnerske und reichte mir drei Zehn Euro Scheine, die ich gerne nahm.
„Isch bin bloss froh, dass se kaa Kohle brauche dut wie sunst immer und dass se widder nach Europa kimmt“, sagte Frau Schnerske.
„Eine Frage noch, Frau Schnerske, wieso kann ihre Enkelin kein Deutsch.?“, sagte ich
„Des is e lang Geschischt, mei Dochter hot damals in den neinzischer Jahr en englische
Geschäftsmon, en Witmon geheiratet, dem soi Dochter ist jetz moi Enkelin. Moi Dochter kunnt ka Kinnerbekomme. Se is Aach vor finf jor gestorben,weschem Krebs.“
„Oh,das tut mir leid“, sagte ich höflich.
„De Mensch macht vill mit im Lewe.“, sagte Frau Schnerske und machte sich zum Gehen auf.
Ich begleitete sie bis zur Tür und sah noch, wie die mit stapfenden, schweren Schritten zum Hauseingang schlurfte und dann nach links verschwand.
Ich dachte nicht nach über Frau Schnerske, sie wohnte in einer Dreizimmerwohnung nebenan, mindestens, seitdem die Gesellschaft die neuen Böden eingezogen hatte. Das war vor 1J2oahren. Da lebte mein Mann noch, weil er Fonds Anteile besaß, mussten wir damals 10000 Euro bezahlen als unseren Anteil, einfach so, wir haben zwei oder drei Monate nur von Karotten, Kartoffeln und billigem Wein gelebt. Damals lernte ich Frau Schnerske kennen.
Sie sagte, nach einem Einkauf vorm Haus.
„Sie kaafe als desselbe, Karodde, Katoffle un Woi, geht’s ihne nit so gut.?“fragte sie damals.
Ich erzählte ihr die Sache mit den Fondsanteilen und den 10000 Euro.
Sie nickte, und meinte dann:
„Wissese was, isch habb Abbeit für Sie, sie könne zweimal in de Woche Mei Wohnung putze un dann nach Bedarf Übersetzunge mache, isch kriesch vill Post ausm Ausland“.
Ich habe den Nebenjob angenommen damals, denn ich musste auch noch die Wohnung meiner Tochter bezahlen.
Mehr als Karotten und Kartoffeln gab es trotzdem nicht bei uns. Den Wein trank mein stets alkoholisierter Mann allein, ich trank Wasser aus dem Hahn und nahm damals in insgesamt drei Monaten zwanzig Kilo ab.
Das Gewicht, nicht mehr als 65, 5Kilo bei 1,69 Metern Größe, habe ich bis heute gehalten.
Heute übersetze ich nur noch gelegentlich für Frau Schnerske.
Ich sah auf die Uhr. Gerade noch Zeit, Hände und Gesicht zu waschen, was ich immer tun konnte, denn ich schminke mich nicht, die Haare zu kämmen, Mantel, Loop und Mütze aufzuziehen, Brille und Maske aufzusetzen, die Handtasche zu richten, Schuhe anzuziehen.
Ich stand schon an der Tür und schloss die Wohnung von außen ab.
Im Hausflur war Gottseidank niemand, so konnte ich unbehelligt nach draußen gehen, eilig zur Bushaltestelle etwa 500 Schritte entfernt. Unterwegs, am Schwimmbad begegnete mir wieder Eliza, ich rief ihr zu, dass ich zum Bus müsse und die ließ mich ziehen.
Der Bus kam bald, ich stempelte meine Fahrkarte und setzte mich rechts ans Fenster.
