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Nora Carlson

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Beschreibung

Laura ist auf der Suche nach einem Mann fürs Leben. Dabei stößt sie auf die verschiedensten Charaktere. Doch von diesen scheint keiner zu ihr zu passen. Weder der eine, den sie nach langer Zeit wiedertrifft, noch der andere, der ihr neu über den Weg läuft. Dabei könnte alles so einfach sein, wenn sie nur in sich hineinhören würde. Denn der Richtige befindet sich die ganze Zeit direkt vor ihrer Nase.

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Veröffentlichungsjahr: 2018

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Nora Carlson

 

Roman

 

Texte: Copyright © 2015 by Cord Brammer

Cover: Copyright © 2015 by Cord Brammer

 

Impressum:

Cord Brammer

Dorfstraße 6

29362 Hohne

[email protected]

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die vollständige oder auszugsweise Verwendung jeglicher Art bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, die Vervielfältigung, die Übersetzung und die Einspeicherung in elektronische Systeme.

 

KAPITELÜBERSICHT

 

 

ERSTER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

 

 

ZWEITER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

 

 

DRITTER TEIL

I

II

III

IV

V

VI

VII

 

ERSTER TEIL

 

I

 

Ich wurde benutzt.

Mal wieder, wird mir klar, als ich auf meinem Bett sitze und dem lausche, was sich gerade in meiner Wohnung abspielt. Es wird hin und her gelaufen, vom Wohnzimmer ins Badezimmer und vom Badezimmer ins Schlafzimmer. Dabei wird kein Blatt vor den Mund genommen und ordentlich geflucht, weil er nicht das findet, was er sucht.

„Hast du meine linke Socke gesehen?“, werde ich von ihm, beinahe wieder komplett angezogen, gefragt. „Oder meinen rechten Schuh?“

Ich schüttele den Kopf zur Verneinung.

„Wo ist der Scheiß?“, fragt er mehr sich selbst als mich und macht sich weiter auf die Suche. Er geht vom Schlafzimmer zurück ins Wohnzimmer und scheint fündig zu werden, denn nur eine Minute später fällt die Wohnungstür ins Schloss, und er ist weg.

Ich wurde benutzt.

Eigentlich kann so etwas doch nur Frisösen passieren, dachte ich immer. Solchen, die richtig feuchte Haare haben und die, gekleidet wie Britney Spears im baby one more time Video, auf volksfestähnlichen Großveranstaltungen dahergelaufene Prolls anbaggern, um mit ihnen hinter dem Bierzelt zu verschwinden. Dort bekommen sie nicht nur die Fahne ihrer Eroberung ins Gesicht, und wundern sich danach, dass der Angebetete auf Nimmerwiedersehen wieder im Zelt verschwindet, um damit fortzufahren, sich mit seinen Kumpels aus dem Leben zu schießen.

Aber nein, es passiert nicht nur denen. Eben ist es mir passiert. Mal wieder.

Kaum war der Akt vollzogen, lag mein angebeteter, eroberter Proll nicht mehr waagerecht mit mir im Bett, sondern stand senkrecht daneben, um sich sofort aus dem Staub zu machen.

„Das hast du fein gemacht“, sagte er noch, ging mit seiner Hand zwischen seine Backen und streichelte mir danach mit derselben wie einem hechelnden Hündchen über den Kopf.

Völlig verstört verzog ich angewidert mein Gesicht, als ich seine Backen zum Badezimmer schwabbeln sah. Der Arsch, von dem die Rede ist, heißt übrigens Holger.

Wer noch hier ist, das bin ich. Benutzt, zurückgelassen, allein. In völliger Ruhe nach dem Sturm. Wie gesagt, sitze ich auf meinem Bett, meiner Insel, der mal wieder ein Ballermann-Image vom Feinsten verpasst wurde. Und meine Gedanken kreisen nur um eins, nämlich den Finger in Holgers Ritze.

 

II

 

Nach der Begegnung mit Holger verspüre ich den Drang nach einer ausgiebigen Körperreinigung, die mir ganz nebenbei auch noch die Enttäuschung darüber wegwaschen soll, dass ich mal wieder an einen wie ihn geraten bin. All der körperliche und geistige Dreck, den er hinterlassen hat, kann für immer durch den Abfluss verschwinden.

Während das heiße Wasser auf mich herabfällt und an mir herunterläuft, muss ich daran denken, wie alles mit Holger begann. Und ich hoffe inständig, dass diese Erinnerungen mit allem anderen durch die Kanalisation im Jordan landen.

Wo lernen Menschen wie du und ich heutzutage jemanden wie Holger kennen?

Du kannst dich beispielsweise an einem schönen Frühlingstag in ein Café setzen, wo dir die Sonne den ersten Sonnenbrand des Jahres beschert. Da du die Sonnenbrille zu Hause vergessen hast, schneidest du eine Grimasse, als hättest du jahrelang eine Außenzahnspange getragen. Hinzu kommt, dass du viel zu warm angezogen bist, sodass spätestens nach zehn Minuten dein Aluminium-Deo versagt und ein feuchtfröhliches Gefühl unter deinen Achseln aufkommen lässt. Und wenn du dann noch mehr Glück hast, kommt ein Holger vorbei und setzt sich zu dir.

Dann gibt es noch die Möglichkeit beim Einkaufen jemandem zu begegnen, während du gerade mit einer Zehn-Klorollen-Packung Klopapier, vierlagig versteht sich, durch einen Billigdiscounter stolzierst und das Gefühl hast, alle anderen Kunden denken, dass du gleich zu Hause den größten Haufen in die Schüssel setzt, den die Menschheit je zu Gesicht bekommen hat. Und wenn du schon mit Kackband, wie meine Freundin Mara zu sagen pflegt, in der Hand von grellen Röhrenlampen, hässlichen Fliesen und Grabbeltischen mit nichtsnutzigen Artikeln umgeben bist, warum sollte dann nicht auch noch zwei Regale weiter ein Holger auf dich lauern?

Vielleicht lernst du ihn aber auch auf einer Privatparty kennen. Du konntest gerade noch im Türrahmen einen Platz für dich ergattern, weil in eine Einzimmerwohnung nun mal nicht vierzig Leute passen, und wartest darauf, von jemandem angesprochen zu werden, der alternativ ist, vielleicht mit Piercing in der Lippe und flottem Kurzhaarschnitt auf dem Kopf. Das Gesicht wird natürlich von einem Bart umrahmt. Klamotten? Die sind dir eigentlich egal, aber eine knallenge Bootcut-Jeans, ein lässiges Shirt und knöchelhohe Schuhe mit dem Stern würden nicht schaden. Jemand, der so etwas trägt, darf dich gerne ansprechen. Aber es kommt ja immer anders, als du denkst. Bei deinem Glück taucht neben dir ein Freak auf, der dich mit uninteressantem Gedöns volllabert, was du, weil du wohlerzogen bist, über dich ergehen lässt. Trotzdem hoffst du, dass sich bald deine Blase meldet, entleert werden möchte, und dich so von dem Freak erlöst. Natürlich hast du nichts dagegen, dass derjenige den Namen Holger trägt.

Nun komme ich dazu, wie ich Holger kennengelernt habe, nämlich über das Internet. Es ist von Vorteil, aber auch von Nachteil. Die Anonymität ist für mich klar von Vorteil. Sie bietet mir eine gewisse Distanz zu meinem Gegenüber. Nur die reine Unterhaltung per Schriftverkehr zählt, und wenn ich merke, das passt nicht zwischen uns, antworte ich einfach nicht mehr. Schluss, aus, vorbei. Super ist auch, dass ich von Anfang an so sein kann, wie ich bin, ohne vorher lange beobachten zu müssen, was ich alles von mir preisgeben kann. Das mache ich sonst immer, wenn ich jemanden kennenlerne, also in der Realität. Erst einmal schaue ich mir die Person ganz genau an, führe regelrecht eine Persönlichkeitsstudie an ihr durch, und zeige dann nur das von mir, was am besten zu ihr passt.

Beobachten konnte ich im Chat nicht, also blieb mir nichts anderes übrig, als von Anfang an einfach ich selbst zu sein. Und es klappte. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Schicksal, vielleicht Fügung, aber Holger und ich verstanden uns auf Anhieb blendend.

Nach längerem Austausch per Tastatur folgten Gespräche durch den Telefonhörer. Wir bewahrten also immer noch Distanz, hatten jedoch nicht mehr die Möglichkeit, uns hinter Worten zu verstecken, die geschrieben stehen. Außerdem bestand nicht die Möglichkeit, sich minutenlang geistreiche Antworten zu überlegen. Aber live an der Strippe schlug ich mich erstaunlicherweise mit Auszeichnung, war charmant, witzig und auch etwas geheimnisvoll, sodass weitere Telefonate folgten. Diese führten zu Neugier und schließlich zu einem ersten Treffen, das, na ja, von mir aus auch das letzte Treffen bleiben kann.

Man ist natürlich sehr aufgeregt bei einer blinden Verabredung. Ich war es zumindest. Man weiß schließlich nicht, was einen erwartet, möchte am liebsten einen Rückzieher machen, und plötzlich kommen doch oberflächliche Gedanken an die Oberfläche, denen man eigentlich keine Chance geben wollte. Misstrauen machte sich bei mir breit, stellte sich aber als ungerechtfertigt heraus, als ich Holger sah. Er besaß einen aufrechten Gang, hatte ein gepflegtes Äußeres und ein nettes Lächeln auf seinem schönen Gesicht. Er war also kein Quasimodo. Was will man für den Anfang mehr?

Jetzt musste nur noch das Innere stimmen, was ich für sehr viel wichtiger halte. Und wie sollte es anders sein? Es stimmte. Wie schon bei den Gesprächen zuvor verstanden wir uns bombastisch, was nicht nur daran lag, dass wir die gleiche Sprache sprechen. Wir waren uns sympathisch.

Wir redeten über das Schlachten von Tieren. Darüber, wie das in anderen Kulturkreisen praktiziert wird, denn als richtiger Schlachter von Beruf weiß Holger so etwas, was passt, denn auch meine Eltern betreiben eine kleine Metzgerei. Ich wunderte mich nur etwas, als er mit einem Strauß Blumen um die Ecke ins Eckcafé kam, denn eigentlich hatte ich mit einem Strauß Würstchen gerechnet. Aber dann dachte ich mir, ich habe irgendwann lieber verwelkte Margeriten in der Vase als schimmelnde Würstchen.

„Ja, was so eine richtige Wurst sein will, braucht schon eine dicke Haut“, sagte ich und sah mich schon mit Holger hinter der Wursttheke stehen. In meiner Vorstellung war ich fett, aufgedunsen und hatte eine Knackwurst zwischen den Zähnen, während ich der alten Frau Schulze von gegenüber unsere neuesten Wurstspezialitäten vorstellte. Wurst, Frau Meier, Frau Meier, Wurst.

Uns gingen die Themen aus. Mein Beruf interessierte ihn nicht besonders. Die Werbebranche sei nicht sein Fall, sagte er. Das klingt für einen gestandenen Kerl wie Holger vielleicht auch ein wenig zu angeberisch, wichtigtuerisch und neumodisch.

„Weißt du was? Ich schustere dir mal eine richtig mitreißende Wurstwerbung zusammen. ‚Wohnst du noch oder Wurst du schon’ zum Beispiel“, sagte ich und fand es sehr komisch.

Bei Holger kam der Witz nicht raus, und so schlug ich ihm vor, dass er einmal mit mir zu meinen Eltern aufs Land kommen könne, um sich unseren kleinen Familienbetrieb anzuschauen. Der Vorschlag kam gut an, die Situation war gerettet. Also redeten wir wieder über Fleischprodukte, und die Zeit verging wie im Flug.

Holger ließ nicht locker, als wir nach unserem Date unten vor meiner Haustür standen. Er wollte unbedingt noch mit hinauf in meine Wohnung kommen, einen Kaffee trinken, um das Klischee des ersten Dates zu erfüllen, dachte ich da noch. So blöd wie ich manchmal bin, sagte ich nicht nein, und kurze Zeit später saßen wir schon in meinem großen Wohnzimmer auf der kleinen Couch, die ich in einem schwedischen Möbelhaus erstanden habe.

Da hockten wir also dicht an dicht. Ich bekomme nicht mehr zusammen, worüber wir uns unterhielten, aber es führte dazu, dass unsere Lippen so nah aneinander gerieten, dass sie sich schließlich berühren mussten. Eines führte zum anderen. Und Holgers Höhepunkt war der Finger-im-Po-Mexiko.

 

III

 

Ich wurde benutzt, was sich sehr komisch anfühlt. Nicht nur unten rum, sondern überall. Außen wie innen.

Man trifft sich mit jemandem. Man hat die Absicht, ihn wirklich kennenzulernen. Man denkt, daraus könnte etwas Ernstes werden. Man mag sich, man lacht miteinander, man ist auf einer Wellenlänge. Man vertraut ihm. Man nimmt ihn mit zu sich nach Hause. Aber man ist doch wieder nur Mittel zum Zweck.

Ich würde gerne glauben, alles an den Haaren herbeigezogen zu haben. Was passiert ist, war nur ein Traum, Holger ist ein Klassetyp, ein Traummann eben. Er ist nur kurz Essen holen gehen, während ich duschen war und mich gerade abtrockne. Gleich sitzen wir wieder zusammen auf meinem schwedischen Sofa aus China und essen einen Döner vom Kroaten. Wenn da nicht diese riesengroße Lücke in meinem Gedächtnis wäre, die nur von Holgers angestrengtem Gesicht unterbrochen wird.

Was ist eigentlich zwischen der ersten Berührung unserer Lippen und dem Ritzestreicheln passiert? Denke mal ganz scharf nach, zwinge ich mich. Versuche dich zu erinnern. Holger hat deinen Kopf zwischen seine Hände genommen und dann angefangen, dich leidenschaftlich zu küssen. Was geschah als Nächstes?

Aber es funktioniert nicht. Es sprudelt einfach nicht aus meinem Gedächtnis heraus. Ich kann mich nicht erinnern, was dann geschah, und brauche dringend einen Denkanstoß. Um mir auf die Sprünge zu helfen, gehe ich aus dem Badezimmer, durch den Flur, und bleibe im Rahmen der Wohnzimmertür stehen, um damit einen Film vor meinem inneren Auge zu provozieren.

Dies klappt, als ich die umgestürzte Blumenvase mit den Margeriten in einer Wasserlache auf dem Boden liegen sehe.

Genau, ich bat Holger, mich nicht so hart anzufassen, drückte ihn nur ein wenig von mir weg, wollte ihn damit aber nicht verärgern. Doch er muss mein Verhalten falsch ausgelegt haben.

„Ihr seid doch alle gleich. Erst bringt ihr mich auf Touren und dann schießt ihr mich ab. Aber nicht heute“, sagte er und steckte mich somit in eine Schublade mit den beschriebenen Frisösen.

Scharf gemacht habe ich ihn schon, denn während unserer Zungenspiele bin ich mit meiner Rechten in seine Mitte gerutscht und habe ihm eine harte Verspannung massiert. Wie konnte er da denken, dass ich ihn auf einmal abblitzen lassen möchte?

Habe ich über meine Zurückweisung hinaus etwas gesagt, an das ich mich gerade nicht mehr erinnern kann? Etwas, das ihn im nächsten Moment dazu verleitet hat, mich an den Haaren zu packen, durch das Wohnzimmer zu schleifen, sodass die Vase umfiel, und mich durch den Flur ins Schlafzimmer zu zerren, um mich dort auf mein Bett zu schleudern?

Ich bin wie gelähmt, weiß nicht, was ich von all dem halten soll. Ist das wirklich so passiert oder entspringt das gerade nur meiner blühenden Phantasie? Wurde ich in Anführungszeichen nur benutzt oder wurde ich vielleicht sogar …?

Mir stockt der Atem.

Ich bekomme Panik.

Ich muss hier raus.

Raus hier. Los.

Hysterisch renne ich in mein Schlafzimmer, reiße alle Schränke auf, ziehe frische Sachen heraus, werfe sie mir hastig über, steige in meine abgewetzten Schuhe mit Sternaufdruck und verschwinde aus meiner Wohnung.

Ich stehe vor der Haustür, weiß nicht, welche Richtung ich einschlagen soll, bin wie gefesselt. Wo soll ich hin? Wohin in einer Stadt, in der man kaum Leute kennt? In die man erst vor einem halben Jahr gezogen ist, nachdem man nach dem Studium wieder bei seinen Eltern gewohnt hat, um keine Miete zahlen zu müssen, und um auf die Zusage einer der vielen Werbeagenturen zu warten, bei denen man sich beworben hat?

Die einzige Person, die mir jetzt Halt geben könnte, ist Mara, eine sehr gute Freundin von mir, wenn nicht sogar meine beste, sollte es so etwas überhaupt geben. Ich kenne sie seit der Schulzeit. Sie studiert hier an der Uni Sozialpädagogik, ist aber über das Wochenende zu ihren Eltern gefahren. Ob ich nicht mitkommen wolle, hat sie mich noch gefragt, aber ich hatte ja schon etwas Besseres vor und musste mich mit Holger treffen, um mich von ihm ...

Ich drehe gleich durch.

Die Straßen sind rappelvoll, was mich an diesem heißen Sommerabend nicht wundert. Die Menschen schlendern in den Gassen, sitzen in den Cafés, Kneipen und Biergärten, und genießen ihr kühles Blondes. Sie lassen es sich gut gehen, während es mir gar nicht gut geht. Sie nippen alle unbeteiligt weiter an ihren Gläsern und lecken sich den Schaum von der Oberlippe. Augenblicklich erscheint Holger vor meinem inneren Auge. Mit jedem Lidschlag sein angestrengtes Gesicht.

Das Treiben um mich herum beklemmt mich, engt mich ein. Hinzu kommen die Blicke der Passanten, die eine Ahnung davon zu haben scheinen, was mir gerade geschehen ist, was in mir vorgeht. Doch sie haben kein Mitleid, denn schließlich bin ich selbst schuld an alledem. Ich wollte es nicht anders, habe es provoziert und brauche mich überhaupt nicht wundern, dass ich … ja, was eigentlich?

Ich werde angerempelt und fange lauthals an zu schreien: „Finger weg.“

Im nächsten Moment schaue ich in die verständnislosen Gesichter der Passanten, bin selbst entsetzt über mein Verhalten und laufe los.

Ich renne, als gäbe es kein Morgen.

 

IV

 

Es gibt ein Morgen. Ein Morgen danach. Ich wache in meiner Badewanne auf, bin mit dem Badezimmerteppich zugedeckt und habe meinen Badeschwamm als Kopfkissen benutzt. Hier fühle ich mich wohl, denke ich. Hier ist nichts, das mich an gestern erinnert. Auch wenn meine Erinnerungen noch immer schwammig sind.

Ich finde, dass Badezimmer identitätslose Räume sind. Dabei meine ich natürlich Badezimmer, die man mit einer Standard-Mietswohnung dazu mietet. Sie haben meistens weiße Fliesen an der Wand und auf dem Boden, eine weiße Kloschüssel mit weißem Deckel, ein weißes Waschbecken und eine weiße Duschwanne. Vielleicht verfügen sie sogar über eine weiße Badewanne, wenn das Bad größer als drei Quadratmeter ist. Bei so viel Weiß, ich liebe Weiß über alles, nur muss ich es nicht vorherrschend im Badezimmer haben, bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als mit Dingen wie Toilettenpapier Farbakzente zu setzen. Mein vierlagiges Toilettenpapier ist, nur ganz nebenbei bemerkt, blassblau.

Während ich die weiße Decke anstarre, wird mir klar, dass ich hier nicht länger bleiben kann. Ich kann hier nicht mehr sein. Ich meine nicht im Badezimmer, meiner neuen Insel, sondern in dieser Wohnung. Ich traue mich nicht einen Schritt vor die Zimmertür zu setzen, geschweige denn, sie zu öffnen. Da ist mir viel zu viel Flur und Wohnzimmer und vor allem Schlafzimmer. Nur in der Küche würde ich es vielleicht noch aushalten, denke ich, und bemerke in diesem Moment ein großes Loch in meinem Bauch, das danach gurgelt, gestopft zu werden.

Also öffne ich die Tür, springe mit einem Satz durch den schmalen Flur, werde dabei unten rum von einem stechenden Schmerz durchzogen, und lande in meiner Küche, der ich ebenfalls keine Identität verpasst habe.

Hat gerade der Anrufbeantworter geblinkt?

Ja, er hat geblinkt. Er blinkt immer noch, wie ich sehe. Eigentlich müsste ich jetzt nur einen ersten Schritt in den Flur wagen, um den Anrufbeantworter abhören zu können, doch etwas hindert mich daran, ihn zu betreten. Und ich weiß auch, was es ist. Es ist der Gedanke daran, was in diesem harmlos wirkenden Raum geschehen ist. Doch ich rede mir ein, dass ich hier nur durch gezerrt wurde und nicht … nicht daran denken.

Verdränge es einfach.

Darin bist du doch so gut.

Also gehe ich, als wäre nichts gewesen, in den kahlen Flur, positioniere mich vor dem Anrufbeantworter und befürchte, dass es Holger ist, der eine Nachricht für mich hinterlassen hat. Vielleicht will er sich ja entschuldigen, vielleicht tut ihm alles leid, vielleicht möchte er eine zweite Chance.

Die kann er vergessen.

Zögerlich drücke ich den Knopf, der meinen Retro-Anrufbeantworter zum Laufen bringt, und hoffe, dass es nicht Holger ist, der sich als nerviger Stalker herausstellt.

Eine Frauenstimme ertönt. Eine liebe, vertraute, angenehme Frauenstimme. Es ist Mara, die sich Sorgen macht, weil ich mich nicht bei ihr gemeldet habe.

Mist, darüber bin ich ganz hinweggekommen. Mara und ich haben eine Abmachung. Wir erzählen uns immer, wenn wir eine Verabredung haben, damit jemand Bescheid weiß, mit wem wir unterwegs sind, was wir machen und wo wir uns gerade aufhalten. Es könnte schließlich sein, dass wir an das falsche Date geraten und im schlimmsten Fall als Moorleiche enden. Damit unser Verschwinden dann nicht erst nach Wochen entdeckt wird, haben wir uns auf Kontrollanrufe geeinigt.

Dass Mara nach meinem Befinden fragt, treibt mir sofort Tränen in die Augen, die kurz darauf in Bächen meine Wangen hinabstürzen. Auch wenn Mara merken könnte, dass meine Seele gerade mit diesem Meer aus Tränen aus meinem Körper geschwemmt wird, entscheide ich mich doch dazu, sie sofort anzurufen.

Bei Mara ist besetzt.

Ich stelle mir vor, dass gleich ein Sondereinsatzkommando meine Wohnungstür eintritt, um mich aus den Fängen eines von ihr ins Leben gerufenen Triebtäters zu befreien. Leider müsste ich die Herren dann enttäuschen, dass sie etwa zwölf Stunden zu spät kommen.

Beim zweiten Versuch höre ich ein einziges Tuten. Mehr gönnt Mara dem Mann nicht, der irgendwo in einer großen Telefonschaltzentrale sitzt und den lieben langen Tag vor sich hintutet.

„Warum hast du dich nicht gemeldet?“, fragt Mara besorgt. „Ich habe mir Sorgen um dich gemacht und mir vorgestellt, dass du in einem Kleintransporter in einer Plastiktüte mit Reisverschluss liegst und durch die Gegend kutschiert wirst. Ist alles gut bei dir?“

Mara, du Geschichtenerzählerin, am liebsten würde ich dir meinen ganzen Frust in die Ohren heulen. Darüber, dass ich nicht weiß, was gestern los war. Aber soll ich dich wirklich damit belasten, dir das Wochenende bei ihren Eltern versauen, auf das du dich schon so lange gefreut hast?

Nein, das möchte ich nicht. Außerdem würde sie mir nur dazu raten, zum Arzt zu gehen, um mich untersuchen zu lassen und Erkenntnis darüber zu erlangen, was wirklich geschehen ist. Und im schlimmsten Fall würde sie von mir verlangen, danach zur Polizei zu gehen, um Anzeige zu erstatten. Doch davor habe ich viel zu große Angst, und darüber hinaus schäme ich mich zu sehr. Ich möchte nicht einem alten Polizisten, der kurz vor der Pensionierung steht, erzählen, was mir widerfahren sein könnte. Er könnte mich daraufhin ansehen, wie er möchte, mitleidig, vertrauensvoll, besorgt, ich würde wahrscheinlich in jedem seiner Blicke lesen, dass ich selbst schuld daran bin und mich bei meinem Verhalten nicht wundern brauche. Man lässt nun mal keine fremden Männer ins Haus.

Davon mal abgesehen, wie fängt man ein solches Gespräch eigentlich an? Erzählt man, wie man den anderen kennengelernt hat und kommt dann irgendwann zum Punkt? Oder fällt man sofort mit der Tür ins Haus?

Ich wurde ... ja, was denn eigentlich? Ich kann es doch selbst nicht mit Gewissheit sagen. Wenn ich mich nicht genau erinnern kann, wie auch?

Ich weiß nicht, wie ich mich verhalten muss, damit mir Glauben geschenkt wird, damit ich nicht als jemand abgestempelt werde, der ein Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom hat und sich deshalb schlimme Dinge ausdenkt, die ihm angeblich zugestoßen sind. Aus diesem Grund sage ich kurz angebunden zu Mara: „Ja, es ist alles gut.“

„Das hört sich aber nicht sehr überzeugend an. Wie lief denn das Date mit dem heißen Metzger?“, fragt sie und scheint von mir eine drehbuchreife Antwort zu erwarten.

„Geht so“, sage ich, muss schlucken und überlege mir, was ich noch hinterher schieben könnte, um nicht zu frustriert zu wirken. „Wir haben uns die ganze Zeit über Wurst unterhalten.“

Mara kriegt sich nicht mehr ein.

„Wie schön“, lacht sie. „Aber er hat dir doch hoffentlich nicht alle Wurstsorten aufgezählt, die es bei ihm im Laden zu kaufen gibt, oder? Plockwurst, Bockwurst, Schlackwurst und dann habe ich da noch eine ganz feine Bratwurst.“

„Nein, aber so ähnlich“, sage ich kurz angebunden.

„Ich merke schon, dass du keine Lust hast, weiter darüber zu reden. Muss ja schrecklich gewesen sein“, vermutet Mara und hat wie so oft recht. „Was hast du denn gestern Abend nach dem Date noch gemacht?“

Ein Glück, Themenwechsel.

„Ich war noch ein bisschen spazieren, und dann ist mir klar geworden, dass ich unbedingt einen Tapetenwechsel brauche.

---ENDE DER LESEPROBE---