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Nora Carlson

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Beschreibung

Laura versteht das Verhalten von Johannes nicht. Tagelang erhält sie kein einziges Lebenszeichen von ihm. Sie glaubte lange, in ihm den Mann fürs Leben gefunden zu haben. Doch sie scheint nicht zu wissen, wer er eigentlich ist. Schließlich zieht sie daraus ihre Konsequenzen. Auch wenn ihr die Entscheidung dazu schwer fällt. Trotz allem ist sie weiterhin davon überzeugt, dass sich am Ende doch noch alles fügen wird.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Nora Carlson

 

Roman

 

Texte: Copyright © 2015 by Cord Brammer

Cover: Copyright © 2015 by Cord Brammer

 

Impressum:

Cord Brammer

Dorfstraße 6

29362 Hohne

[email protected]

 

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk ist urheberrechtlich geschützt. Die vollständige oder auszugsweise Verwendung jeglicher Art bedarf der schriftlichen Zustimmung des Autors. Dies gilt insbesondere für die Verbreitung, die Vervielfältigung, die Übersetzung und die Einspeicherung in elektronische Systeme.

 

KAPITELÜBERSICHT

 

 

ERSTER TEIL

 

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

XVII

XVIII

XIX

XX

XXI

XXII

XXIII

XXIV

XXV

XXVI

 

 

ZWEITER TEIL

 

I

II

III

IV

V

VI

VII

VIII

IX

X

XI

XII

XIII

XIV

XV

XVI

 

 

DRITTER TEIL

 

I

II

III

IV

V

VI

 

ERSTER TEIL

 

I

 

Johannes meldet sich nicht.

Da denkt man, einen wunderbaren Freund an seiner Seite zu haben, doch was bringt einem das, wenn der sich nicht meldet?

Johannes ist gerade bei seinen Eltern, hat sich zwei Wochen Urlaub genommen und verbringt sie bei Mama und Papa im Süden unseres Landes. Seine Mutter hätte sonst einen Aufstand veranstaltet, von wegen Das ist der Lohn dafür, dass wir dich großgezogen haben. Mit der ist wohl nicht gut Kirschen essen, wenn man den Erzählungen von Johannes glaubt. Einmal soll sie doch tatsächlich ihrem Mann gedroht haben, intime Details ihres intimen Miteinanders in der Nachbarschaft auszuplaudern, wenn er nicht mit ihr in den zu der Zeit total angesagten Mallorca-Urlaub geflogen wäre. Es würde mich nicht wundern, wenn er schon fremdvögelt.

Vögelt Johannes vielleicht auch fremd da unten im Süden? Quatsch, dafür hat er sich viel zu viel Mühe gegeben, bei mir zu landen, um das zwischen uns jetzt aufs Spiel zu setzen. Aber wer weiß? Vielleicht hätte ich ihn vor seiner Abreise lieber mit einem dicken Keuschheitsgürtel versehen sollen. Zu spät.

Melde dich endlich. Ich schaue alle drei Minuten auf mein Smartphone, als würde ich eine Nachricht von meinem Freund erwarten. Na ja, ist ja auch so. Warum gibt er kein Lebenszeichen von sich? Ist das denn so schwer, mal kurz zu schreiben, wie es ihm geht, was er so macht und dass er mich vermisst oder an mich denkt? Scheint so. Ich habe ihm vor zwei Tagen geschrieben, dass ich meinen Eltern, die eine kleine Metzgerei namens Wurstladen betreiben, dabei geholfen habe, einen Eber auseinander zu sägen, und er bringt keine Antwort zustande?

Noch mal schreibe ich nicht. Das kann er sich abschminken. Das sähe viel zu verzweifelt aus. Nein, er ist jetzt mal dran.

Seine letzte Nachricht kam vor sechs Tagen. Da hat er spät abends nach dem Grillen mit seinen Eltern geschrieben und verkündet, dass er den Aufenthalt im Hotel Mama noch um ein paar Tage verlängern wird. Ich will nicht wissen, womit er dafür erpresst wurde. Wahrscheinlich damit, dass sie ausplaudert, dass er früher als Kind immer seinen Daumen in den Po gesteckt und danach daran gerochen hat.

Anrufen kann ich ihn nicht, weil er wegen des schlechten Empfangs da unten in der Pampa sein Smartphone nicht bei sich trägt. Die Nummer seiner Eltern habe ich auch nicht. Na ja, seine Mutter hätte ich sowieso nicht gern an der Strippe. Wahrscheinlich zwingt die mich noch zur Prostitution, um mit ihrem Sohn sprechen zu dürfen.

Mist. Ich mache gerade echt durch, wovon immer alle Freundinnen von mir reden. Männer melden sich nicht, halten es einfach nicht für nötig mal kurz von sich hören zu lassen. Vor allem dieses Ich-melde-mich-die-Tage-wieder und es dann doch nicht tun. Ich hasse das. Das ist ein Zeichen von Unzuverlässigkeit und wer will schon mit jemandem zusammen sein, der so ist?

Man stelle sich mal vor, man ist mit so jemandem zusammen, liegt im Krankenhaus und braucht dringend von zu Hause die Jucken stillende Arschlochcreme, weil mal wieder der Po brennt, man sich aber nicht traut, die Krankenschwester nach einer Alternative zu fragen. Will man von solchen Menschen abhängig sein?

Ich nehme mein Smartphone in die Hand und schreibe eine Nachricht an Johannes. Melde dich einfach, wenn du wieder in der Stadt bist! So, Schluss mit dem Kinderkram. Schluss mit den kreisenden Gedanken um das immer gleiche Thema. Jetzt liegt alles an ihm und ich kann wieder dem Tagesgeschäft nachgehen. Aber vorher schaue ich noch mal aufs Display. Toll, er hat immer noch nicht geschrieben. Ich dreh durch.

Liebe macht alles so kompliziert. Wie dumm man sich verhält, wenn man verliebt ist. Die Zeit als Single ist zwar auch nicht berauschend, doch wenigstens bleibt einem da noch der Verstand. Aber kaum wird einem die Liebe vorgestellt, verhält man sich schon wie ein Idiot. Dennoch sind wir alle auf der Suche nach der großen Liebe, versuchen sie auf Teufel komm raus zu finden. Ist das eigentlich möglich?

Als ich es endlich schaffe, meine Wurst rauszudrücken, komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Gehen wir unserem Verstand fremd, um der Liebe treu zu sein? Und führen wir nicht eigentlich eine Beziehung mit der Liebe, anstatt mit einem anderen Menschen?

 

II

 

Was soll ich machen? Soll ich zurück in die Stadt ziehen, um näher bei Johannes zu sein, oder weiter bei meinen Eltern wohnen? Ich bin doch gerade erst vor kurzem zu ihnen gezogen, um Abstand von dem Trara in der Stadt zu bekommen. Na ja, da gab es auch noch diesen anderen Grund, von dem ich nicht mehr sprechen möchte. Aus den Augen, aus dem Sinn. Das Gesicht von Holger habe ich aus meinen Erinnerungen verbannt. Jedenfalls kann ich mich nicht mehr an sie erinnern. Zudem meldet er sich nicht mehr bei mir. Wahrscheinlich hat er endlich eingesehen, dass er mich nicht noch mal zwischen die Beine kriegt.

Wegen Holger zieht es mich auf jeden Fall nicht zurück. Aber da sind Mara, die Stadtpflanze, ihr Freund und mein Makler Henning, dann noch diverse Arbeitskollegen und natürlich Johannes. Ich möchte in ihrer und vor allem seiner Nähe sein. Ich möchte nicht, ich will. Ich will für ihn da sein, mich um ihn kümmern, mit ihm leben. Okay, jetzt nicht gleich im Sinne von zusammenziehen, aber wenn man sich gegenseitig mal schnell besuchen, auch mal bei dem anderen übernachten kann, aber trotzdem noch sein eigenes Reich als Rückzugspunkt in der Nähe hat, wäre die Sache perfekt. Im Moment ist sie aber fehlerhaft. Ich wohne bei meinen Eltern, Johannes in der Stadt. Und weil mein Arbeitsplatz in einer Werbeagentur auch in der Stadt ist, liegt es nahe, dass ich zurück ziehe.

Vielleicht meldet Johannes sich auch nicht, weil er sauer ist, dass ich nicht in seiner Nähe wohne? Wie dämlich. Dummer Gedanke von mir. Genau das meine ich. Man denkt zu viel über alles nach, wenn man verliebt ist. Man malt sich immer aus, was die genauen Gründe für das Verhalten des anderen sein könnten und macht sich damit eigentlich zum Horst, wenn man mal ehrlich ist. Und im Endeffekt wird man auch noch verrückt dabei und dreht total durch. Er ist doch nicht sauer deswegen. Gib dir noch die Schuld daran, dass er nicht schreibt. Genau.

Ich fahre zu meinen Eltern in die Wurstverarbeitungsräumlichkeiten, muss aber durch den Laden, um dort hinzugelangen. Wer freut sich natürlich, mich zu sehen? Trude, die schon seit Jahren bei uns hinter dem Verkaufstresen steht und die Wurst an die Dorfbevölkerung bringt.

Ja, ist ja gut. Ich komme schon an deine Brust, auch wenn wir uns gestern Abend erst das letzte Mal gesehen haben. Bis auf die Tatsache, dass Trude meinen Kopf bei jeder unserer Begrüßungen zwischen ihre Turbotitten steckt, habe ich sie doll lieb. Wenn meine Eltern früher mal wieder ein Gemetzel im Hinterzimmer angerichtet haben, war ich mit ihr im Verkaufsraum und habe zugesehen, wie sie den Markwarts und Deistermanns Frischfleisch verkauft hat. Ich wollte immer so sein wie sie, nur nicht fett. Aber offen, nett, hilfsbereit und etwas vorlaut. Ein echtes Original.

„Da ist ja mein Mortadellachen“, sagt sie. „Du hältst es wohl nicht lange ohne mich aus.“

Geht so, denke ich.

„Ich brauche dich wie die Luft zum Atmen“, sage ich übertrieben und kann mir eigentlich keine kitschigere Antwort vorstellen, sehe mich schon mit ihr bei einem Rosamunde-Pilcher-Sonnenuntergang in Cornwall an Klippen stehen.

Trude kneift mir kurz mit beiden Händen in beide Wangen, und schon bin ich wieder lost in breasts, was übrigens einen guten Pornotitel abgeben würde. Vielleicht steige ich mal irgendwann in das Geschäft ein. Immerhin habe ich schon als Kind in das Freundschaftsbuch einer Grundschulfreundin unter der Kategorie Berufswunsch verlauten lassen, dass für mich nichts anderes in Frage kommt, als aktiv in Schmuddelfilmen mitzuwirken. Da war vielleicht was los, als die Erwachsenen aus unserem Dorf davon Wind bekommen haben. Von Therapie war die Rede. Doch meine Eltern nahmen es gelassen, wussten sie doch schon damals, dass ich Sinn für Humor hatte und es nicht ernst meinte. Ich muss sagen, dass ich das auch nur geschrieben habe, weil ich am Wochenende zuvor mit Freunden den Sat1 Samstagabendporno gesehen hatte. Ob Schulmädchenreport oder Heidi Heida, weiß ich nicht mehr. Der Film war auf jeden Fall schlecht gemacht.

Meine Eltern räumen gerade den Schlachtraum auf, säubern das Mordwerkzeug und reinigen mit einem Gartenschlauch den blutigen Boden. Man könnte meinen, sie würden Beweismaterial verschwinden lassen, aber illegal ist hier nichts. Sie haben die Lizenz zum Töten.

„Habt ihr schon wieder ein Schwein um die Ecke gebracht?“, frage ich. „Es ist gerade mal acht Uhr morgens.“

„Guck doch. Um die Ecke steht keins“, sagt mein Vater.

Ich bin auch noch so blöd und schaue wirklich nach. Wie dumm muss man sein, um auf so einen schlechten Flachwitz reinzufallen?

„Sehr lustig“, sage ich.

„Davon leben wir“, sagt meine Mutter.

„Weiß ich doch, aber irgendwie finde ich das pervers“, sage ich.

„Du willst doch auch Fleisch und Wurst auf dem Tisch haben“, sagt meine Mutter.

Oh, der Vortrag schon wieder.

„Warte mal, Mama. Das habe ich irgendwo auf Band. Du brauchst nicht weiterreden“, sage ich.

„Sei nicht immer so frech“, sagt sie.

Mein Vater amüsiert sich köstlich.

„Bist du gekommen, um dich über mich lustig zu machen?“, fragt sie leicht gereizt.

„Eigentlich nicht. Ich muss mit euch reden, oder eher gesagt, muss ich euch etwas mitteilen“, sage ich.

„Mitteilen? Das hört sich aber sehr wichtig an“, meint mein Vater und legt den Gartenschlauch aus der Hand.

„Geht so. Ich habe mich eigentlich nur dazu entschieden, wieder in die Stadt zu ziehen“, sage ich.

Meine Eltern gucken sich kurz verwundert an.

„Warum denn das? Du bist doch gerade erst zurück zu uns gezogen“, sagt meine Mutter.

„Ich weiß, aber ich habe hier niemanden außer Sophie und euch. Und mein Leben spielt sich nun mal nicht mehr auf einem Dorf ab, wie ich feststellen musste. Ich habe in der Stadt meine Arbeit, meine Freunde und außerdem wird einem dort mehr geboten“, sage ich.

„Hat das auch was mit deinem neuen Freund zu tun?“, fragt mein Vater.

„Ja, das auch. Ich könnte ihn viel öfter sehen. Bei einer Fernbeziehung habe ich so meine Bedenken“, sage ich.

„Sag uns aber in drei Monaten nicht, dass du wiederkommst“, sagt meine Mutter.

„Und selbst wenn es so kommen sollte, stehen wir hinter dir“, sagt mein Vater.

Ja, alles Gute kommt von hinten.

 

III

 

Den Rest des Tages verbringe ich damit, mein Buch zu schreiben. Ja, ich schreibe ein Buch, auch wenn man eigentlich das Wort Buch in Anführungsstriche setzen müsste, weil der Weg dahin, dass es wirklich irgendwann einmal in gebundener oder Was-weiß-ich-Ausgabe vor mir liegt, noch sehr lang ist. Wenn denn überhaupt. Ich habe gerade mal den ersten Teil innerhalb des Buches fertig. Drei sollen es werden. Es handelt von dem Mist, den ich mit Holger erlebt habe, dann kommt darin noch die Sache mit meiner Jugendliebe Peter vor und enden soll es mit einem Johannes-Happyend, das mir aber im Moment etwas widersprüchlich erscheint. Na ja, ich kann es ja so enden lassen und dann ein zweites Buch schreiben, dass damit beginnt, dass Johannes sich nicht mehr meldet. So mache ich das.

Ich schreibe also ein Buch. Wenn ich das jemandem erzähle, hält derjenige mich bestimmt für total durchgeknallt oder weltfremd oder eingebildet oder was man auch immer über jemanden denkt, der sich beinahe täglich stundenlang zu Hause einsperrt und einfach nur schreibt. Ich würde über so jemanden urteilen, wie er es überhaupt nur wagen kann, sich einzubilden, dass gerade sein Buch irgendwann einmal veröffentlicht wird. Aber da muss ich mir gleich selbst entgegnen, dass ich davon gar nicht ausgehe. Ich schreibe nicht, weil ich davon überzeugt bin, dass es dazu kommt, in Zukunft mein Buch im Buchladen im Regal stehen zu sehen, sondern weil ich einfach Spaß an der Sache habe. Es macht Spaß in eine andere Welt einzutauchen, sich eine eigene Welt zu erschaffen, und die Realität hinter sich zu lassen. Den gleichen Hintergrund hat doch zum Teil auch das Lesen oder das Fernsehen. Das ist auch eine Form von Realitätsflucht.

Ich schreibe gerade darüber, dass ich mit Mara zum schwedischen Möbelmarkt fahre, um mich neu einzurichten. Die Wohnungsübergabe meiner alten Bude gegenüber von Alberto ist gerade gelaufen und es wird Zeit neu anzufangen. Mal sehen, wohin die Reise meiner Hauptfigur führt. Spannend ist das, denn ich bringe nicht nur Autobiographisches mit in das Buch ein, sondern lasse meiner Phantasie freien Lauf, um das alles etwas spritziger werden zu lassen. Denn mal ehrlich, das Leben wessen Normalbürgers ist denn bitte so aufregend, dass man es eins zu eins übernehmen könnte. Also meins nicht.

Nach sechs Stunden Dauertippen lässt meine Konzentration nach. Vielleicht sollte ich mal etwas für mein Geld tun, das mir der Werbeagenturchef jeden Monat auf mein Konto überweist. Schließlich habe ich noch einen Job und einen Auftrag, den ich übernehmen musste. Aber dazu braucht es auch Konzentration, die ich nun nicht mehr aufbringen kann. Deshalb lege ich mich im Garten in die letzte Augustsonne, auch wenn mir der Abgabetermin mächtig im Nacken sitzt, mir das Genick zu brechen droht.

Während ich die Seele baumeln lasse, kommen mir super Ideen für mein Buch, die ich sofort festhalten muss, bevor sie auf und davon in den Ideenhimmel fliegen. Ich sollte mir angewöhnen immer Stift und Zettel bei mir zu tragen, um nicht alles schnell zu vergessen. Ich möchte nicht wissen, wie viel mir deshalb schon durch die Lappen gegangen ist. Einmal hatte ich einen bombastischen Einfall. Natürlich kam der kurz vor dem Einschlafen und ich dachte bei mir, dass ich ihn auch noch am nächsten Tag zu Papier bringen könnte. Aber was war? Am nächsten Morgen war alles weg, alles ausradiert aus meinem Erinnerungsrepertoire. Das einzige, was ich noch wusste, war, dass ich einen super Einfall für ein Buch hatte. Dumm gelaufen.

Ich renne also ins Haus, sage mir immer wieder das Wort Durchfall vor, schnappe mir Stift und Zettel und schreibe stichwortartig Durchfall auf. Gedanke gerettet. Alles richtig gemacht.

Als ich in die Küche komme, fragt meine Mutter, ob ich Durchfall haben würde.

„Nein, habe ich nicht“, sage ich.

„Hat sich so angehört, als ich am Klo vorbeigegangen bin“, sagt sie beim Zubereiten des Dinners.

„Das kann nur Papa sein“, sage ich.

„Na, dann sollte er besser nichts von der Kalten Suppe zu sich nehmen, die ich für uns zum Abendbrot gemacht habe“, sagt sie.

„Ja, davon wird es nicht besser“, sage ich aus in den Darm gebrannter Erfahrung.

Es gibt also Kalte Suppe, was nichts anderes ist als kalter Vanillepudding in kalter Kirschsoße.

„Warum schmeckt das denn so komisch?“, frage ich angewidert bei Tisch.

„Ich habe das Rezept etwas abgeändert“, gesteht meine Mutter.

„Und was ist da jetzt drin?“, frage ich.

„Ich habe in der Kirschsoße Schokolade schmelzen lassen“, sagt sie.

„War die abgelaufen?“, frage ich.

„Nein, aber sie musste langsam weg.“

Das erklärt einiges, denke ich und frage: „Und was ist das Harte zwischen meinen Zähnen?“

„Das müssen die Nüsse sein. Ich habe Nussschokolade genommen“, sagt meine Mutter.

Als mein Vater zum fünften Mal an diesem Tag vom Klo kommt, berichtet sie stolz von ihrem neuen Rezept, sagt ungefähr zehnmal, dass sie das Rezept mit Schokolade und Nüssen verfeinert habe.

„Und was soll auf einmal dieser Experimentier-Wahnsinn?“, frage ich.

„Das war kein Experiment. Ich habe das aus dem Landfrauenkochbuch. Das ist eine Empfehlung der Kreislandfrauenvorsitzenden höchstpersönlich“, sagt meine Mutter. Ich muss dazu sagen, dass die Kreislandfrauenvorsitzende eine Art Heilige für meine Mutter darstellt. Es wundert mich, dass wir noch kein Bild von ihr über dem Herd hängen haben, so wie früher ein Herrscherbild Adolf Hitlers in vielen Haushalten an der Wand hing, oder heute noch ein Kreuz vorwiegend bayerische Küchenwände ziert.

„Oh, dann kann es ja nur gut sein“, sage ich.

„Was ist? Schmeckt es dir nicht?“, fragt meine Mutter meinen Vater.

„Das ist mir zu schokoladig und zu nussig“, sagt er und verschwindet wieder auf dem Klo. Dieses Mal wahrscheinlich, um sich zu übergeben.

 

IV

 

Am nächsten Tag merke ich, wie die Kacke sprichwörtlich am Dampfen ist. Damit meine ich die Tatsache, dass ich nur noch zwei volle Tage habe, um meinen Werbeauftrag zu vollenden und dem Schminke-Hersteller aus den USA einen Vorschlag für seine erste deutsche Werbekampagne zu machen. Die wollen hier einschlagen wie eine Bombe und mindestens mit den bereits etablierten Konkurrenten gleichziehen. Und was mache ich? Ich liege bei meinen Eltern auf der Pritsche und lasse mich braten, wenn ich nicht gerade an meinem Bestseller schreibe. Womit verdiene ich noch gleich mein Geld?

Heute wirst du nicht in den Wurstladen fahren, auch wenn das bedeutet, dass du keine Scheibe Kinderwurst mit lustigem Gesicht auf die Hand bekommst. So schwer mir das auch fällt, kann ich doch darauf verzichten. Trude muss auch nicht unbedingt sein. Also verbarrikadiere ich mich in meinem Kinderzimmer und nehme mir vor, so richtig auf die Kacke zu hauen, bis die Ideen nur so durch die Gegend und an die Wände spritzen.

Ich soll mir einen Werbespot für Wimperntusche ausdenken, der nicht so sein soll, wie die, die man schon zur Genüge aus dem Fernseher kennt und bei denen man gar nicht unterscheiden kann, ob die nun alle vom selben Hersteller oder von verschiedenen Herstellern sind. Aber was könnte man anders machen? Einfach nur ein Auge einzublenden, das sich zehn Sekunden lang verführerisch öffnet und schließt, mit anschließender Großaufnahme des Produkts, ist öde. Es muss etwas Besseres her.

Ich denke an Spots, bei denen man nach dem Gucken immer überlegt, was sie eigentlich mit dem Produkt, das verkauft werden soll, zu tun haben. So etwas will ich nicht zu Papier bringen. Ich denke, man sollte sich eine Geschichte überlegen, mit der man Frauen davon überzeugen kann, dass sie genau diese Wimperntusche brauchen und keine andere. Darum geht es schließlich. So, wie man Männern weismachen will, dass sie genau dieses Deo benötigen, weil dem Typ in der Werbung nach dem Gebrauch ein Haufen Frauen hinterherrennt. Also ist doch ganz klar, wie die weibliche Variante auszusehen hat. Eine Frau geht in eine Lokalität. Das kann ein Restaurant, eine Bar oder eine Disko sein. Für anspruchsvolles Klientel natürlich. Eine ranzige Dorfkneipe wäre die falsche Wahl, denn da würde unsere Protagonistin nur auf besoffene, fette, alte Stammtischtypen treffen, die nichts für schöne Wimpern, sondern eher etwas für eine schnelle Nummer auf dem Klo übrighaben. Eine tolle Wimperntuschen-Werbung wäre das. Also stecken wir die Gute in ein Fünf-Sterne-Restaurant in der Stadt. Sie sitzt allein am Tisch, um sich nach dem harten Arbeitstag etwas Leckeres zu essen zu gönnen. Vielleicht ist aber auch einfach nur ihr Herd zu Hause kaputt und sie muss essen gehen, bis der Reparaturmeister die Sache behoben hat. Auf jeden Fall sitzt sie aus irgendeinem Grund allein im Restaurant und bestellt sich etwas Leichtes, um vor den anderen Gästen nicht zu verfressen zu wirken. Die könnten sonst denken, dass sie Heißhunger hat, weil sie Single ist. Bevor sie einfach nur gelangweilt auf das Essen wartet, geht sie lieber auf das WC, um ihr Makeup zu überprüfen. Vor dem Spiegel zieht sie die Wimperntusche aus der Tasche, schminken links, schminken rechts, und wirft sich selbst einen Anmachblick zu, der sich gewaschen hat. Zurück an ihrem Platz, schaut sie sich im Restaurant um, bemerkt auf einmal, dass ihr alle Männer ihre Aufmerksamkeit schenken. Natürlich auch dann, wenn sie eigentlich eine andere Schnalle vor sich sitzen haben. Plötzlich trifft ihr Blick den Blick eines Mannes an der Bar. Er erhebt sich, kommt auf sie zu und setzt sich zu ihr. In der letzten Szene verlassen beide gemeinsam die Lokalität und scheinen zu ihr oder zu ihm zu gehen. Zum Schluss wird das Produkt mit einem Spruch wie Diesen Wimpern kann keiner widerstehen angepriesen.

Das finde ich voll gut. So sehr war ich noch nie auf Anhieb von einer meiner Ideen überzeugt. Das ist so genial, dass ich hoffe, in Zukunft immer die Kosmetikaufträge zu bekommen. So wie mein perverser Kollege Manuel, genannt Manuelle, immer die versaute Pornoscheiße kriegen wird.

Jetzt muss ich mir nur noch einen billigen Alternativvorschlag überlegen, die einzelnen Szenen der beiden Spots zeichnerisch darstellen und schon bin ich fertig. Zu den riesigen Werbeplakaten, die auf jedem größeren belebten Platz in Deutschland zu sehen sein sollen, kann ich sogar auch noch etwas beisteuern. Ich bin da für das besagte große Auge mit den perfektesten Wimpern, die man sich nur denken kann. Dann der Spruch darunter mit dem Wimperntuschen-Behälter als Ausrufezeichen.

Vorerst habe ich genug getan. Ich brauche eine Pause. Es ist auch schon fast neun Uhr am Morgen, und da kann ich eigentlich mal eben frühstücken gehen. Mein Bauch protestiert nämlich gerade und wenn der sich erst mal gemeldet hat, fängt meine schlechte Stimmung auch bald zu zicken an. Also steige ich in meine Puschen und gehe runter in die Küche, wo meine Mutter alles für mich stehen gelassen hat. Es ist sogar noch ein Brötchen da. Ich schmiere mir dick Marmelade drauf und inhaliere es wie Asthmakranke ihre Einatmungsmedizin.

Der Anrufbeantworter piept. Ich gehe hin, drücke auf den Abspielknopf und höre meine Oma reden: „Hallo! Wer ist denn da? Ist das wieder diese Maschine? Wilhelm, ich glaube, da ist wieder diese Maschine dran!“

Aufgelegt, zweite Nachricht.

„Hallo, hier ist Oma. Bist du schon wach? Bei uns gibt es heute selbst gemachten Eintopf. Du warst schon so lange nicht mehr bei uns. Du willst uns wohl nicht mehr besuchen kommen. Wir sind heute Mittag da. Es gibt leckeren Eintopf. Es wird Zeit, dass du dich mal wieder bei uns blicken lässt. Wir sind schließlich deine Großeltern. Ich habe extra Eintopf gemacht.“

„Das hast du jetzt schon dreimal gesagt“, sagt mein Opa im Hintergrund.

„Ach, diese neumodischen Maschinen bringen…“, flucht meine Oma.

Aufgelegt, dritte Nachricht.

„Wir essen wie immer um halb eins.“

Aufgelegt.

 

Immer diese familiären Pflichtveranstaltungen, vor allem, wenn sie einem so sehr aufgezwungen werden. Ich habe nichts dagegen, zu meinen Großeltern zu fahren, aber nicht auf die Tour. Doch da muss ich jetzt wohl durch. Außerdem ist meine Oma nicht so drauf, dass sie mir nachher ein weiteres Mal ein schlechtes Gewissen einredet, nur weil ich nicht mehr so lange bei ihr war. Wenn ich gleich an der Tür klingele, wird sie mich gebührend empfangen und behandeln, als wäre ich einer Königsfamilie entsprungen.

„Da bist du ja endlich. Wir warten schon. Der Eintopf wird kalt“, sagt sie.

Gebührend geht irgendwie anders, denke ich.

Ein Blick auf die Uhr sagt mir, dass ich eine Minute zu spät bin. Das ist gar nichts, wenn ich bedenke, dass Mara bei jedem unserer Treffen mindestens eine Viertelstunde auf sich warten lässt. Die beiden sollten sich mal verabreden. Oma würde wahrscheinlich der Herzschrittmacher in die Luft gehen.

Opa sitzt schon am Tisch, hat einen tiefen Teller, bis oben gefüllt mit Eintopf, vor sich stehen und scheint auf den Startschuss zu warten, den Oma aber erst abfeuern wird, wenn ich auch endlich Platz genommen habe.

---ENDE DER LESEPROBE---