Heidesturm - Angela L. Forster - E-Book

Heidesturm E-Book

Angela L. Forster

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  • Herausgeber: CW Niemeyer
  • Kategorie: Krimi
  • Sprache: Deutsch
  • Veröffentlichungsjahr: 2020
Beschreibung

4. Fall für Inka Brandt Timmendorfer Strand – Angst und Schrecken. Ein gewaltiger Sturm, ein kaltblütiger Mord. Einen Urlaub mit ihrer Tochter Paula auf Föhr hatte die Hanstedter Hauptkommissarin Inka Brandt geplant. Die Koffer sind gepackt, doch dann liegt der abgeschlagene Kopf des Heideimkers Ludwig Wittendorf in einem Strandkorb am Timmendorfer Strand. Inka reist nach Schleswig-Holstein und beginnt mit ihren ehemaligen Lübecker Kollegen zu ermitteln. Wer hat Wittendorf enthauptet? Eine Tat, die einer Hinrichtung gleichkommt. Und was wollte ein Heideimker im größten Sturm an der Ostsee? Als am Halsrand des Kopfes Hirschblut gefunden wird, stellt sich die Frage: Hat ein Heidejäger einen Heideimker ermordet? Inka fährt zurück in die Lüneburger Heide und kommt dem Täter bald schon gefährlich nahe.

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Seitenzahl: 426

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Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.Dort treffen wir uns.Dschalal ad-Din al-Rumi

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Sämtliche Handlungen und Charaktere sind frei erfunden.

Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet abrufbar über http://dnb.ddb.de© 2020 CW Niemeyer Buchverlage GmbH, Hamelnwww.niemeyer-buch.deAlle Rechte vorbehaltenUmschlaggestaltung: C. RiethmüllerDer Umschlag verwendet Motiv(e) von 123rf.com und Adobe StockEPub Produktion durch CW Niemeyer Buchverlage GmbHeISBN 978-3-8271-8382-8

Angela L. ForsterHeidesturm

Über die Autorin:Angela L. Forster lebt und arbeitet mit bayrischen Wurzeln im Hamburger Süden, dessen bezaubernde Landschaft mit der Nähe zum Alten Land und der Lüneburger Heide sie immer wieder zu neuen Geschichten inspiriert.Bevor sie zum Romanschreiben fand, schrieb sie für regionale Zeitungsverlage und arbeitete als Textkorrespondentin für Versicherungen und Computerfirmen.Wenn sie nicht schreibt, verbringt Angela L. Forster ihre Freizeit mit ihrem Mann am Nord- oder Ostseestrand.

Für meinen Mann Richard

Prolog

Er war so gut wie tot.

Er würde ihn umbringen, ganz bestimmt.

Timmendorfer Strand, vier Uhr früh, Strandkorb 89, hatte er gesagt, da wollten sie sich treffen.

Den Hut tief in die Stirn gezogen, stapfte er durch den Sand und auf die Holzbohlen, die zum Wasser führten, zu. Von Minute zu Minute wurde es ungemütlicher, tobte der Sturm wilder und heftiger über das Meer, wirbelte Sandböen auf, peitschte hohe Wellen an den Strand.

Seit gestern goss es an der Ostseeküste von Travemünde bis Heiligenhafen in Strömen. Bei diesem Wetter traute sich kaum ein Urlauber aus seinem Hotelbett, schon gar nicht um diese frühe Uhrzeit. Hin und wieder leuchteten in der Ferne gelbe Lichtpunkte auf, um dann, wie davonfliegende Glühwürmchen, zu erlöschen. Urlauber, die für ein paar Minuten das Licht anknipsten, aus dem warmen Hotelbett krochen, die Toilette aufsuchten, auf dem Balkon eine Zigarette rauchten oder die Minibar durchstöberten.

Um ihn herum war es stockdunkel. Nur von der Promenade her leuchtete eine milchweiße Laterne, die im stürmenden Tanz der Bäume Fantasiekreaturen an die nachtschwarzen Schaufenster warf. Er kratzte sich am Bart. Wo steckte der Kerl? Der Stiel des Hackbeils unter der dunkelgrünen Wetterjacke drückte an seinen Rippen, als er sich dem Strandkorb 89 näherte. Der Wind wehte ihm den ockerfarbenen Sells by Stetson vom Kopf. Als er sich bückte, um den Hut aufzuheben, stellte sich ein schwarzer Stiefel auf seine Hand.

„Da sind Sie ja endlich. Ich warte schon eine elendige Viertelstunde in diesem Sauwetter. Wo ist mein Geld?“ Langsam schob sich der Stiefel von seiner Hand.

„Ich habe es hier“, sagte der Bärtige, richtete sich auf und klopfte den nassen Sand aus dem Hut. Aus der Jackentasche zog er eine Plastiktüte mit rotblauem Werbeaufdruck.

„Her damit. Ich hab genug von dem Sturm.“

„Hier.“ Der Bärtige drückte dem Mann die Tüte in die Hand.

Abgelenkt von der Gier, sah der Mann nicht, wie der Bärtige aus der Innentasche seiner Wetterjacke das Hackbeil zog.

„Und ich hab genug von dir, du mieser Erpresser“, sagte er, holte aus und schlug zweimal kräftig zu. Es knackte und knirschte, als das Fleischerbeil durch Haut, Knochen und Sehnen schoss. Blut spritzte wie aus einem zu kräftig eingestellten Rasensprenger. Der Rumpf des Opfers sackte zusammen und blieb neben dem abgetrennten Kopf liegen. Aufgerissene Augen starrten in den nachtblauen Himmel, als sei dies das bedrohlichste Ereignis des Tages.

Donner grollte und ein tagheller Blitz erleuchtete für Sekunden die dunkle aufschäumende See. Er hätte den schleimigen Kerl erschießen sollen, dann hätte er jetzt nicht die Mühe, zwei Körperteile zu entsorgen. Doch woher sollte er wissen, dass am Timmendorfer Strand, mitten im Juli zur Hochsommerzeit, die Welt untergeht und ein Schuss niemandem auffallen würde? „Verdammt“, keuchte er und steckte das Beil zurück in die Innentasche seiner Wetterjacke. Er griff nach den Beinen und zog den Körper über den Sand Richtung Meer, dann hielt er abrupt inne.

So ging das nicht.

Noch immer lag der Kopf am Strand, ebenso die Plastiktüte mit den fünfzigtausend Euro. Was wäre, wenn sich doch ein Urlauber an den Strand verirrte, vielleicht, um seinen Köter auszuführen?

Scheiße, das hatte er in seinem Plan nicht bedacht.

Er ließ die Beine fallen und rannte zurück zum Strandkorb. Mit Schwung warf er den Kopf und die Geldtüte hinter die hölzerne Verriegelung, die niemandem die Benutzung des Korbes erlaubte, ohne eine horrende Tagesgebühr zu zahlen.

Der Regen peitschte ihm ins Gesicht. Mit den Schuhen verwischte er die Blutspuren im Sand. Vergeblich. Wieder fluchte er. Auch eine Gegebenheit, die er vergessen hatte. Eine riesige Lache Blut, die bei solch einer Tat entstand, die sich unermüdlich in den Ostseesand fraß und die der Regen nicht auslöschen würde. Wie viel einfacher wäre ein Schuss gewesen. Ich Idiot, dachte er, nahm den Hut vom Kopf, zog Schuhe und Wetterjacke aus, legte alles über zwei der ersten aufgereihten Holzpfosten, die ins Meer hinein als Buhnen dienten, und schwamm, den Kopflosen am Hosenbein ziehend, über die Brandung hinaus. Er war ein guter Schwimmer, in Jugendjahren Rettungsschwimmer der DLRG. Dennoch forderte die aufbäumende See ihm einiges an Kraft ab. Aber nur so konnte er den Mistkerl entsorgen. Niemand würde ihn finden, die Strömung ihn auf das Meer hinaustreiben und die Fische den Rest erledigen.

Noch ein paar kräftige Schwimmzüge, dann hatte er es geschafft. Hinter den Buhnen ließ er den Körper los und stieß ihn weiter ins offene Meer hinaus. Er prustete. Jetzt eine ordentliche Welle, die ihn helfend an den Strand trug, dann konnte er am Wagen die nassen Klamotten loswerden, sich umziehen und nach Hause fahren.

Langsam wurde es hell. Immer mehr Zimmerlampen erleuchteten die Hochhaushotels der Badeorte, die sich über die Lübecker Bucht aneinanderreihten.

Als er Grund unter den Füßen spürte, hörte er auf zu schwimmen, ruderte nur mit den Armen. Bauchtief im Wasser stehend sah er, wie eine Gestalt über den Strand schlich und an jeder Strandkorbverrieglung rüttelte. Der Bärtige duckte sich, bis nur sein Kopf aus dem Wasser herausschaute. „Geh weiter, geh weiter“, nuschelte er. Nur drei Körbe war die Gestalt von dem Korb entfernt, in den er das Geld und den Kopf geworfen hatte. „Verdammt“, fluchte er. Sollte er aus dem Wasser hechten, sich auf die Gestalt stürzen, die er als eine Frau erkannte, ihr ebenso den Kopf abschlagen? Dafür war er nicht hier, auch kostete es zu viel Zeit, ihren Körper zu entsorgen.

Bald würden erste Hundebesitzer den Strand erobern und der Strandkorbvermieter, hoffend auf Sonnenstrahlen, würde die Körbe für den Tagesbetrieb aufschließen.

Das Geld konnte er vergessen. Scheiße. Er fror. Er musste aus dem Wasser raus, bevor er sich den Tod holte.

Die Frau rüttelte an der Holzverkleidung des Strandkorbs, hielt inne. Kein Schrei, kein Rufen nach Hilfe. Nichts. Stattdessen griff sie mit beiden Armen hinter die Verriegelung und sah in die Plastiktüte.

Bevor er sich entscheiden konnte, ob er die Frau überwältigen und ihr die Tüte entreißen sollte, sah er, wie sie die Tüte zurück in den Strandkorb legte und in einem Einkaufsroller wühlte. Sie zog einen Regenschirm hervor. Ein weißes, polyesterbespanntes Etwas mit dem Aufdruck gelber Sonnenblumen. Widerwillig trotzten die dünnen Alustreben dem immer weiter auftreibenden Sturm. Als sei es das Normalste der Welt, einen abgeschlagenen Kopf in einem Strandkorb zu finden, setzte sich die Frau mit dem aufgespannten Schirm, den Rücken zum Meer gewandt, in den Sand.

Er robbte ein Stückchen seitwärts und blinzelte mit zusammengekniffenen Augen angestrengt zum Strand. Diese verdammte Kurzsichtigkeit. Das ist altersbedingt, hatte ihm die aufgetakelte Optikerin letzte Woche durch ihre Glasbrille, die sie garantiert nur zu Werbezwecken trug, mitgeteilt. Eingebildete Ziege. Er schob die Gedanken beiseite. Der Wind warf ihm pfeifende Wortfetzen entgegen: „Timmendorfer Strand, Kopf, Geld, Strandkorb 89. Polizei. Kommen Sie schnell.“ Sie hatte telefoniert. Die Frau saß im Sand vor dem Strandkorb und hatte die Polizei gerufen.

Er blickte zu seiner Wetterjacke, die er über seinen Hut und die Schuhe gelegt hatte und die noch immer über dem Holzpfahl der Buhne lag, dann zurück zu der Frau, die im Schneidersitz wie eine steinerne Buddhastatue ausharrte. Auf dem Bauch schlitterte er zu den Holzbohlen. Blitzschnell erhob er sich aus dem Wasser, griff zu Jacke und Schuhen, ließ den Hut davonfliegen und rannte, ohne sich umzudrehen, Richtung Niendorfer Ufer.

Kapitel 1

„Ja, wen haben wir denn da? Die Inka aus der Heide.“

„Moin, Hannes, ich freue mich, dich zu sehen“, sagte Inka und umarmte ihren ehemaligen Kollegen. Fünf Jahre hatte sie mit Hannes Freitag in Lübeck zusammengearbeitet, bevor sie nach Undeloh in die Lüneburger Heide in ihr Elternhaus zurückgezogen war. Als sechsundfünfzigjähriger erfahrener Hauptkommissar war Freitag nicht nur ihr Mentor, sondern auch ihr Freund geworden.

„Klasse, dass du da bist und uns aushelfen willst, Inka“, sagte er. „Erzähl, wie geht es deiner Kleinen? Wie alt ist sie?“

„Sie wird fünf und ich kann sie kaum bändigen. Sie ist ein Wirbelwind, wie ihr Vater.“

„Fabian, verstehe“, antwortete Hannes Freitag. Er wusste von den letzten Monaten, in denen Inka mit ihrem Ex-Mann im Sorgerechtsstreit um die gemeinsame Tochter Paula gekämpft hatte.

Inka stöhnte kurz auf. „Also, Hannes, was war bei euch los?“, fragte sie, während sie mit ihrem Kollegen die Holzbohlen zum Strand hinunterschritt.

„Das Wichtigste kennst du. Der abgetrennte Kopf eures Heideimkers Ludwig Wittendorf und fünfzigtausend Euro lagen genau hier im Strandkorb 89. Gefunden hat beides Rita Lembke.“

„Wo ist die Zeugin?“ Inka sah sich um.

Hannes Freitag schüttelte den Kopf. „Hier und dort. Tagsüber in Travemünde oder Niendorf, des Nachts ist sie bisweilen in Timmendorf anzutreffen.“

„Warum tagsüber dort und abends woanders?“

„Timmendorf und die High Society, da will sie ungern gesehen werden.“

„Was ist der Grund?“

„Du kennst sie nicht?“

„Nein. Während meiner Lübecker Amtszeit hat unsere Abteilung nicht in Timmendorf ermittelt.“

„Stimmt, das ist der erste Mord in Timmendorf … lass mich überlegen, seit neun Jahren. Damals ging es um einen Nachbarschaftsstreit. Eine poplige Wegbegrenzung von lächerlichen zehn Zentimetern Rasengrundstück gab den Auslöser, dass der eine Nachbar den anderen Nachbarn mit der Rosenschere erstochen hat. Noch im Garten ist der arme Kerl verblutet. Die Welt wird immer verrückter.“

„Nicht die Welt, Hannes, die Menschen“, sinnierte Inka kurz. „Und was ist mit Rita Lembke?“

„Die Rita, ja.“ Hannes Freitag kratzte sich hinter dem rechten Ohr. „Sie hatte eine Arztpraxis in der Bergstraße in Timmendorfs bester Lage.“

„Hatte?“

Freitag nickte. „Sie war Internistin. Vor sechs Jahren, ein Jahr, nachdem du zurück in die Heide bist, wurde ihr die Approbation entzogen. Die Ostseeküste rauf und runter war Frau Doktor für Monate das Gesprächsthema.“

„Was war los?“

„Genaueres weiß ich nicht. Einige Unterlagen liegen bei der Ärztekammer. Es handelte sich um einen angeblichen Ärztefehler, bei dem ein zehnjähriges Mädchen verstorben ist. Wir wurden nicht so weit eingebunden, weil die Obduktion weder ihre Schuld noch ihre Unschuld darlegen konnte. Dann lief der Fall über die Anwälte und die Ärztekammer. Ich hörte, sie hat ihre Praxis und ihr Haus verkauft, weil sie die monatelangen Belagerungen der Journalisten und der Patienten, die sie beschimpften, nicht mehr verkraftet hat. Sie wurde gemütskrank und kam in eine Klinik, irgendwo in den bayrischen Wald. Seit vier Monaten ist sie zurück, allerdings ohne festen Wohnsitz. Ich vermute, sie inspiziert die Lage, bevor sie sich an der Ostsee wieder niederlässt.“

„Ich muss mit ihr sprechen.“

„Wir sind auf der Suche nach ihr. Gestern trieb sie sich in Niendorf am Hafen herum. Der Fischbräter, einer der wenigen, der an ihre Unschuld glaubt, spendiert ihr ab und zu ein Mittagessen. Heute kann sie schon wieder überall sein. Scharbeutz, Sierksdorf, Grömitz, Travemünde, Boltenhagen, wo immer es sie hintreibt.“

„Ich dachte, sie hat euch angerufen. Habt ihr keine Telefonnummer? Was hat sie euch gesagt?“

„Es geht nur der Anrufbeantworter ran. Und natürlich haben wir mit ihr gesprochen. Nicht ich und Mühlmann, aber die Kollegen der Streife, die als Erste vor Ort waren. Leider haben sie sie, als sie ihre Personalien aufgenommen hatten, wieder laufen gelassen. Als Mühlmann und ich am Strand ankamen, war sie längst wieder verschwunden.“

„Wie weit ist der Bericht der Rechtsmedizin?“

„Die sind durch. Der Kopf wurde eine Viertelstunde, bevor Rita ihn gefunden hat, abgetrennt. Fundort ist gleich Tatort. Selbst Sturm und Regen haben es nicht geschafft, die Menge an Blut im Ostseesand zu verwischen.“

„Und was ist mit dem Torso? Hat der Täter den Körper im Meer entsorgt? Der Strandkorb steht nur fünf Meter vom Wasser entfernt. Wenn er Wittendorf hier den Kopf abgeschlagen hat, war es nur ein kleines Stück. Gibt es Schuhabdrücke oder Schleifspuren?“

„Haben wir alles bedacht, Inka. Schuhabdrücke hat der Regen verwischt, aber es gab ein paar Schleifspuren. Keine besonders eindeutigen, aber wir haben welche. Die größte Menge Blut fanden wir im Sand vor dem Strandkorb, somit ist klar – der Mord hat dort stattgefunden. Nach dem Körper suchen Taucher noch zwei Tage, wenn wir bis dahin nichts finden … du kennst den Ablauf“, Freitag zuckte mit den Schultern, „haben die Fische ihn verspeist.“

„Ich esse nie wieder Fisch“, sagte Inka angewidert. Sie sah die Düne hinauf. Keine dreißig Meter. Ob der Täter über die Holzbohlen gekommen war? „Und ihr seid sicher, es ist nur Wittendorfs Blut, das im Sand gefunden wurde? Es gab keinen Kampf, in dem auch der Täter verletzt wurde?“

„Alles Imkerblut, Inka.“

„Wenn ein Kopf abgetrennt wird, verursacht das eine ordentliche Sauerei. Außerdem braucht es Kraft, denn wer hält schon still, wenn jemand mit einer, na ja, vielleicht Axt daherkommt. Kennen wir das Tatwerkzeug?“

„Seidel vermutet, es handelt sich um ein Beil oder eine Machete“, erklärte Freitag.

„Ein Beil oder eine Machete?“

„Ja. Wobei er einräumt, es könnte auch ein Buschmesser gewesen sein.“

„Du meine Güte, leben wir im Dschungel?“ Inka pustete. „Und die Obdachlose, wie heißt sie … Rita Lembke, ist ihr niemand aufgefallen?“

„Nein. Sie sagt, sie habe, bis die Polizei eintraf, den Strandkorb nicht aus den Augen gelassen. Immerhin lag in der Plastiktüte eine Menge Geld.“

„Fünfzigtausend Euro, ich hörte es. Vorbildlich. Sie hätte es ja auch … Ich frage mich nur, wo die Logik ist? Warum schmeißt jemand, höchstwahrscheinlich der Täter, den Kopf und eine Plastiktüte mit Geldscheinen in einen Strandkorb?“

Hannes Freitag zündete seine Pfeife an. Ein Duft nach Mandarine und herbem Tabak wehte Inka entgegen.

„Und weiter stellt sich die Frage: Was macht ein Heideimker am Timmendorfer Strand?“

„Vielleicht war er im Urlaub?“

„Unwahrscheinlich, Inka. Seit dem Fund vor zwei Tagen haben wir alle Hotels und Pensionen der Umgebung abgeklappert. Er hat nirgends eingecheckt.“

Inka sah aufs Meer hinaus. „Vielleicht hat ihn ein Tagesausflug nach Timmendorf gebracht.“

„Dann hätte er um zwei Uhr nachts mit dem Auto aus der Heide losfahren müssen, um hier um vier Uhr anzukommen. Was wollte er um diese frühe Uhrzeit in Timmendorf? Vor allem, da es in der Region seit Tagen wie aus Eimern geschüttet hat. Da plant man doch keinen Tagesausflug an die Ostsee. Wenn, hätte er bis heute warten sollen. Auf vierunddreißig Grad und eine Luft zum Schneiden können wir uns freuen, prophezeit der Wetterfrosch.“ Hannes Freitag zog an seiner Pfeife und pustete den Rauch in den Himmel.

„Ihr seid sicher, der Fundort ist der Tatort, Hannes?“ Inka sah der Rauchfahne nach, die eine leichte Brise zum Meer trug.

Hannes Freitag nickte, die Pfeife im Mundwinkel.

„War Wittendorf mit dem Wagen an die Ostsee gefahren?“

„Das entzieht sich unserer Kenntnis. Ein Autoschlüssel lag weder neben dem Kopf noch im Sand. Die Spusi hat alles umgegraben.“

„Verstehe. Liegt der Kopf in der Rechtsmedizin?“ Inka sah auf die Sandhaufen, die um den Strandkorb 89 und weiteren zwanzig Körben im Umkreis riesigen Ameisenhügeln ähnelten. Ein abgetrenntes Territorium, das von neugierigen, teils schimpfenden Urlaubern, die die Polizeiabsperrung immer wieder ignorierten, umlagert wurde.

„Ja. Wir hoffen, wir finden seinen Körper und können ihn in einem Stück zu euch in die Heide schicken.“

„Hannes, woher wusstet ihr, dass es Ludwig Wittendorf war? Ich meine, sein Ausweis lag sicherlich auch nicht neben seinem Kopf.“

„Hast du einen Facebook-Account, Inka?“

„Nein, dafür hab ich keine Zeit. Aber jetzt sag mir nicht, ihr habt den abgetrennten Kopf fotografiert und über die Social-Media-Kanäle laufen lassen.“

Hannes Freitag grinste. „Nun, es brauchte kaum ein paar Stunden, da glühte bei uns auf der Wache die Telefonleitung.“

Hannes Freitag war ein Meister, wenn es um moderne Technik ging und ein Genie in Sachen Internet und sozialen Medien.

„Meine Güte, das glaub ich nicht. Und was ist mit Wittendorfs Familie, habt ihr kein Pietätsgefühl? Ich muss mich sehr wundern.“

„Alles gut. Er wurde zurechtgeschustert und als Schwarz-Weiß-Porträt abgebildet.“

„Na ja, mehr war ja auch nicht von ihm da. Wer hat ihn erkannt?“

„Du wirst es nicht glauben. Es war ein Facebook-Nutzer aus Hanstedt. Herbert Findetalles. Ein Fakename, aber dein Chef hat den Klarnamen. Herbert Klose wohnt in der Bahnhofstraße. Das muss gleich bei euch in der Nähe der Wache sein. Hat er dir das nicht erzählt?“

„Nein, dazu kamen wir nicht. Nur, dass ich euch helfen soll, weil es sich um einen Heideimker handelt und ich die ehemaligen Kollegen kenne. Alles holterdiepolter zwischen Tür und Angel.“

„Du wolltest in den Urlaub.“

„Ja. Mit Paula nach Wyk.“

„Das tut mir leid. Es ist meine Schuld. Ich hab deinen Chef angerufen und gebeten, er möge dich herschicken.“

„Du warst es, der mir meinen Urlaub versaut hat?“ Inka blinzelte gegen die Sonne in Freitags graugrüne Augen.

„Aber ich hab deinen Chef Fritz Lichtmann überredet, dir vier Wochen Extraurlaub auf Staatskosten zu spendieren, wenn du mit uns den Fall löst.“

„Hm“, knurrte Inka. „Hat er Familie? Eine Frau? Kinder?“ Sie nickte zum verwaisten blau-weiß gestreiften Strandkorb.

„Nein. Nur eine Schwester, Brigitte Ramm, sie wohnt im Erdgeschoss des Hauses, in dem Wittendorf gewohnt hat.“

„Ist sie verständigt?“

„Das wollte dein Chef übernehmen.“

„Wir müssen so viel als möglich aus Wittendorfs Umfeld erfahren und jeden unter die Lupe nehmen, der mit Wittendorf in Verbindung stand. Hatte er eine Freundin, Freunde, was tat er in seiner Freizeit oder mit wem hatte er möglicherweise Streit, wer war ihm nicht wohlgesonnen? Was ist mit seiner Schwester? Ist sie verheiratet? Wir brauchen Alibis, die Telefonverbindungsnachweise. Außerdem will ich, dass ihre Kleidung und die Schuhe nach Blutspuren untersucht werden. Aber darum dürfen sich meine Hanstedter Kollegen kümmern“, sagte sie, griff in ihre Hosentasche, zog ihr Handy heraus und wählte die Hanstedter Büronummer. Frauke Bartels aus der Zentrale hob ab.

„Morgen, Inka. Na, bist du gut bei den Fischköpfen angekommen?“

Inka schmunzelte. Sie befand die Lübecker Kollegen und auch die Lübecker Bevölkerung durchaus nicht als Fischköpfe, sondern als liebenswerte Menschen, die offen und fröhlich durchs Leben schwammen.

„Ja, das bin ich. Ist es in der Heide auch so fürchterlich heiß?“, versuchte Inka es im Small Talk.

„Ja, schrecklich. Ich hasse den Sommer“, antwortete Frauke Bartels. Eine junge Kollegin, die gerne ihr Leid über den Sommer klagte. „Aber was gibt es? Warum rufst du an?“

„Ich suche Fritz. Ist er im Büro?“

„Nein. Soll ich ihm etwas ausrichten, wenn er kommt?“

„Nein, lass gut sein. Ich versuche es auf seinem Handy. Bis dann und liebe Grüße.“ Nachdem sie das Gespräch mit Frauke beendet hatte, wählte sie Fritz Lichtmanns Handynummer. Der Anrufbeantworter sprang an. Sie bat um Rückruf.

„Gehen wir etwas trinken, mir wird es am Strand zu heiß“, sagte sie zu Freitag und stapfte voran durch den Sand auf die Holzbohlen zu.

Kapitel 2

Das kleine Strandrestaurant Ostseewelle, zu dem Hannes Freitag sie führte, lud mit seinem weißen Anstrich, dem Reetdach und den meerblauen Fensterläden zum gemütlichen Verweilen ein.

Als sie die Tür öffneten, strömte ihnen die Kühle des klimatisierten Gastraumes entgegen. Inka atmete auf und folgte Hannes an den letzten freien Fenstertisch mit Meerblick. Das Restaurant verfügte über vierzehn Tische, die alle liebevoll mit weißen Tischdecken eingedeckt und frischen Rosensträußchen dekoriert waren. Dunkelblaue Holzbalken, Segelschiffe, Muscheln und viele weitere maritime Dekorationen vervollständigten im Raum das Ambiente.

„Hast du Hunger?“, fragte Hannes Freitag.

Trotz der frühen Stunde knurrte Inka der Magen. Am Morgen im Speisesaal der Mutter-Kind-Klinik Maria Meeresstern hatte sie nur eine Scheibe Toast mit Marmelade gegessen, bevor sie zum Tatort losgefahren war. Ihr Hanstedter Chef Fritz Lichtmann hatte die Unterkunft für sie und Paula gebucht. „Inka, bitte“, hatte er gebettelt, „nach Föhr kannst du immer noch fahren. Außerdem musst du nicht alleine an dem Fall arbeiten. Wittendorf wurde nicht in unserem Zuständigkeitsbereich ermordet, aber er war ein Heideimker, noch dazu aus Hanstedt. Du brauchst nur die Lübecker Kollegen zu unterstützen. Die alte Truppe ist dir bekannt. Und wir sind in Hanstedt auch da und helfen. Es sind nur ein paar Stunden am Tag, mehr nicht. Bei deinem Jagdinstinkt hast du den Täter in zwei Tagen und die restlichen vier Wochen einen wunderbaren und bezahlten Urlaub.“

Von wegen, dachte Inka. So wie sie den Fall betrachtete, wurden es mehr als zwei Tage, bevor sie überhaupt einen Anhaltspunkt, geschweige ein Motiv für den Mord fanden. Und was war, wenn Fabian von ihrer Ermittlungsreise erfuhr? Während ihres Sorgerechtsstreits um Paula wäre das ein gefundenes Fressen für ihren Ex-Mann. Eine Mutter, mit einem Job als Hauptkommissarin, die in einem Mordfall ermittelt und eine Fünfjährige, die danebensteht, genau so würde er vor Gericht argumentieren. Ihre Arbeit mit einem Aufenthalt in einer Mutter-Kind-Klinik zu tarnen, war eine denkbar schlechte Vertuschung, die sich ihr Chef ausgedacht hatte.

„Sie servieren hier in dem Laden einen ausgesprochen köstlichen Ostseeaal.“

Hannes Freitag holte sie aus unruhigen Gedanken.

„Auch noch Aal“, stöhnte Inka, während sie zur Speisekarte griff. „Das ist ein Aasfresser. Schon bei dem Gedanken verschlägt es mir den Appetit. Such du etwas für uns aus. Ich geh kurz für kleine Mädchen.“

Auf der Damentoilette sah Inka in den Spiegel. Sie sah müde aus. Ihr schulterlanges blondes Haar hing in Strähnen herunter, und wenn sie sich nicht täuschte, hatte sie mindestens drei Kilo abgenommen. Sie zottelte an dem Bund der Jeans. Der Sorgerechtsstreit um Paula hatte sie geschlaucht. Wie hatte sie sich auf Föhr und die viele freie Zeit mit Paula gefreut. Nun verlebten sie in der Mutter-Kind-Klinik ihre Ferien, während sie zwischendurch ermittelte. Verdammt, so hatte sie sich ihren Urlaub nicht vorgestellt.

„Geht es dir gut?“, fragte Hannes Freitag, als Inka sich wieder an den Tisch zurücksetzte. „Du siehst blass aus.“

„Es war die letzten Monate nicht unbedingt ruhig in meinem Leben.“

„Gab es so viele Morde in der schönen Lüneburger Heide?“

„Ach, die Arbeit ist es nicht. Fabian hat scharfe Geschütze aufgefahren, um mir Paula wegzunehmen. Kennst du das, wenn du im Recht bist, aber ein anderer dir dies mühelos widerlegt und es hinstellt, als trägst du die Schuld?“

„Nur zu gut, Inka. Erinnere dich an meine liebreizende Ex-Frau Simone. Sie besitzt ein Talent für solche Dinge.“

Inka stimmte wortlos zu. „Habt ihr Kontakt?“

„Kaum. Merle und Daniel kommen mich ab und zu besuchen.“

„Wie geht es den beiden? Ich kenne sie ja nur als Teenager.“

„Merle studiert Medizin an der Lübecker Uni. Daniel will Segelmacher werden. In einer Werft, drüben auf dem Priwall, hat er vor zwei Jahren eine Ausbildung angefangen.“

„Grüß sie lieb von mir, wenn du sie siehst.“

Hannes Freitag nickte und sah zur Bedienung, die ihr Essen brachte. Er hatte zweimal gebackenes Rotbarschfilet mit Speckkartoffelsalat bestellt.

„Doch kein Schlangentier?“ Inka lachte.

„Das esse ich ein anderes Mal. Ich will dir ja nicht den Appetit verderben. Wobei der Aal hier wirklich köstlich ist. Der Besitzer fischt und räuchert seinen Fang selbst.“ Hannes Freitag schmunzelte.

Sein Lächeln, seine Klugheit und sein unbeirrbarer Blick, die Dinge zu erfassen, hatten Inka schon immer fasziniert. Er war in Lübeck nicht nur ihr Mentor, sondern auch ihr Freund geworden. Ein paarmal hatte sie sich gedanklich dabei ertappt, wie es wohl wäre, in seinen Armen zu liegen, und das zu einer Zeit, wo sie mit Fabian glücklich war. Inka fühlte, dass auch Hannes ihre Bindung, das emotionale Band, das zwischen ihnen existierte, spürte. Doch war er viel zu viel Ehrenmann, um ihr nahezutreten. Vielleicht zögerte er auch wegen des sechzehnjährigen Altersunterschieds, der sie beide trennte.

Eine Weile aßen sie schweigend. Inka genoss den Ausblick auf das Meer. Verträumt dachte sie an Jonny, ihren Rappen, viele Stunden war sie mit ihm am Ostseestrand entlanggeritten. Sie musste ihn unbedingt auf dem Gestüt in Niendorf besuchen. Ihr Handy klingelte und sie sah auf das Display. Fritz ruft an, las sie. Sie nahm den Anruf an.

„Fritz“, flüsterte sie ins Telefon, um so wenig Aufmerksamkeit wie möglich im gut besuchten Lokal zu erregen.

„Inka, entschuldige, aber ich saß beim Zahnarzt und hatte mein Handy ausgestellt. Du hast um Rückruf gebeten. Was gibt es?“

„Fritz, ihr müsst Wittendorfs Umfeld unter die Lupe nehmen. Jeder, der mit Wittendorf in Verbindung stand, ist verdächtig. Hatte er eine Freundin, Freunde, was tat er in seiner Freizeit oder mit wem hatte er möglicherweise Streit, wer war ihm nicht wohlgesonnen? Was ist mit seiner Schwester? Ist sie verheiratet? Wir brauchen ihre Alibis, die Telefonverbindungsnachweise, die Untersuchung der Schuhe und Kleidung nach Blutspuren.“

„Inka, halt die Luft an, das ist alles in Arbeit. Wittendorf war eher ein Einzelgänger. Eine Freundin hatte er nicht. Nicht mehr seit vier Monaten. Seine Schwester können wir ausschließen. Die Brutalität, einem Menschen einen Kopf abzuschlagen, lässt auf einen Mann als Täter schließen, da sind wir uns einig. Wittendorfs Schwager hat ebenfalls ein Alibi. Er war im Bett. Gut, das ist jetzt nicht sehr aussagekräftig, aber erst einmal müssen wir es so stehen lassen. Zudem haben wir die Garage und den Keller der Ramms durchsucht und jedes gefundene Kleidungsstück eingesammelt und ins Labor geschickt. Ebenso werden die Schuhe auf Blutspuren untersucht. Du siehst, wir sind am Ball. Habt ihr sein Auto gefunden? Die Schwester sagt, es ist ein schwarzer Golf.“

„Nein. Wir suchen noch. Denkt ihr bitte an die Nachweise der Telefonverbindungen.“

„Läuft, Inka. Sonst noch was?“

„Nein. Liebe Grüße an Mark und Bea.“

Nach dem Mittagessen war Inka in die Pathologie gefahren und anschließend zum Präsidium. Bis sie Paula aus der Spielgruppe im Heim abholen würde, hatte sie zwei Stunden Zeit. Das sollte reichen, um sich die Fotos vom Tatort anzusehen. Für den Nachmittag hatte sie Paula versprochen, mit ihr ins Timmendorfer Sea-Life-Aquarium zu gehen. Versprechen muss man halten, hatte die Kleine ihr heute Morgen beim Abschied ins Ohr geflüstert. Inka hatte zugestimmt und Paula auf die Stirn geküsst. Sie war erleichtert, dass ihre Tochter für ihre Arbeit Verständnis zeigte, das machte es für ihr schlechtes Gewissen ein wenig erträglicher.

„Na, wie sieht’s aus, Inka?“ Werner Mühlmann setzte sich seitwärts auf seine Schreibtischkante. „Was denkst du?“

Inka hob den Blick vom Monitor, der zweiunddreißig Fotos des Kopfes, der Geldtüte, des Strandkorbes und der Umgebung aus verschiedenen Blickwinkeln zeigte.

Der abgetrennte Kopf gehörte eindeutig Ludwig Wittendorf. Das Foto, das sie von ihm im Internet gefunden hatte, stimmte mit den Tatortfotos überein. Selbst die Narbe an der linken Kinnseite war deutlich zu erkennen. Nur gut, dass Fritz in Hanstedt die Aufgabe übernommen hatte, Wittendorfs Schwester den Tod ihres Bruders mitzuteilen. Es war ein Teil ihrer Arbeit als Polizistin, den sie gerne verdrängte. Im letzten Fall der verschwundenen Heidekönigin hatte sie nicht gewusst, wie sie den Vater trösten sollte. Sie würden sein Kind finden, hatte sie versucht, ihm glaubhaft zu sagen. Geglaubt hatte sie ihre Worte nicht. Es war ihr verdammt schwergefallen, ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten. Ein Kind war verschwunden. Eine Tochter, das einzige Glück, was diesem Mann geblieben war.

„Ich kann mir ebenfalls nicht erklären, was Wittendorf um vier Uhr früh am Timmendorfer Strand wollte, Werner“, sagte Inka.

Werner Mühlmann war in Lübeck mit Hannes Freitag der zweite ihrer Dreiergruppe der Abteilung Mord. Fünf Jahre hatten sie zusammengearbeitet, bevor sie zurück nach Undeloh auf den Bauernhof ihrer Eltern gezogen war. Er war ein geselliger Mittvierziger, der mit Frohnatur und reichlich Bauchgefühl seinen Job als Hauptkommissar lebte und über den Tellerrand hinausblicken konnte. Seine Frau arbeitete in der Poststelle der Wache. Mit ihren zweiundvierzig Jahren war sie zwei Jahre älter als Inka, wurde jedoch Mitte zwanzig geschätzt – wenngleich ihr das Lob widerstrebte und die Röte ins Gesicht trieb.

Inka zuckte die Achseln. „Der alte Martin Seidel aus der Pathologie, meine Güte, dass der noch arbeitet, er meint, Wittendorf habe den Kopf gesenkt, als er ihn verloren hat. Das erklärt der Winkel des Schnittverlaufs. Aber ehrlich, wer senkt vor seinem Mörder den Kopf, als müsse er sich verbeugen? Und Seidel meint weiter, er vermute, Wittendorf sei von dem Schlag eines Beils, auch Spalter, Hack- oder Haubeil genannt, enthauptet worden. Das ist unglaublich.“

„Mehr als unglaublich“, stimmte Mühlmann zu. „Und dann sind da die fünfzigtausend Euro. Wem gehören sie? Dem Opfer oder dem Täter?“ Er rutschte auf den Bürostuhl hinter seinen Schreibtisch.

„Läuft die DNA-Überprüfung der Scheine? Fingerabdrücke, Faserteilchen und der ganze Kram.“ Inka fächerte mit einer Unterlagenakte vor ihrem Gesicht. Der Standventilator in der Büroecke tat nichts weiter, als heiße Luft durch den Raum zu wirbeln.

„Sicher. Wir haben ordentlich Druck gemacht, damit wir die Ergebnisse schnell auf dem Tisch haben.“

„Tja, dann. Ich mach mich auf die Socken.“ Inka sah auf ihre Armbanduhr. „Um fünfzehn Uhr will ich Paula aus der Spielgruppe holen und mit ihr ins Timmendorfer Aquarium.“

„Du gehst?“

„Ja, sagte ich gerade.“

„Aber …“

„Nee, nix aber. Von zehn Uhr bis vierzehn Uhr stehe ich euch zur Verfügung, keine Minute länger. So war es abgemacht.“ Inkas Zeigefinger wies zur Bürouhr, die drei Minuten nach vierzehn Uhr anzeigte. „Bis morgen, Werner.“

Kapitel 3

Als sie mit Paula im Aquarium unter dem Wassertunnel stand und die Haie und Schildkröten bestaunte, die in geschmeidigen Bewegungen, als würden sie schweben, durchs Wasser glitten, vibrierte Inkas Handy in ihrer Hosentasche. Sebastian ruft an, stand auf dem Display.

„Bin gleich wieder da, Süße. Bleib schön hier stehen“, sagte sie zu Paula und eilte hinter lärmenden Kindergartenkindern vorbei, die ununterbrochen ihre korpulente Erzieherin forderten, an ihrer Bluse zottelten, oder mit den Händen an die Aquariumscheibe hämmerten.

„Sebastian, schön von dir zu hören. Wie geht es dir? Bist du zu Hause in Wilsede?“

„Nein.“

Inka hörte ein Feuerzeug klicken. Sie wusste, Sebastian war auf der Jagd. Er suchte den Serienmörder, der elf Frauen getötet und seine Frau und Tochter in seinem Haus in Hamburg-Othmarschen in die Luft gesprengt hatte. Seit fünf Jahren trieb es den Polizeipsychologen durch Deutschland, in der Hoffnung, den Mörder zu fassen, der sein Leben zerstört, seine Familie getötet hatte.

„Wie geht es deinen Eltern? Haben sie die Angst über den Einbruch des …“ Inka hielt inne. „Ich meine, …“

Sebastian Schäfer befreite sie, weiterzusprechen. „Ja. Ehemalige Kollegen des Präsidiums haben alles im und um das Haus doppelt und dreifach gesichert. Mutter schläft weiterhin schlecht, aber seitdem beim Treppenaufgang eine Sicherheitstür zur oberen Etage eingebaut wurde, geht es ihr besser. Sie hat ein schlechtes Gewissen, weil sie das Fenster im Waschraum offen gelassen hatte, durch das der …, der Kreuzer eingestiegen ist und den Brief vor das Dachbodenzimmer legen konnte.“

„Ja, das ist verständlich“, sagte Inka, während sie auf einen weiteren Grund seines Anrufes wartete. Nur einfach so hatte er sie noch nie angerufen.

„Was ich dich fragen wollte, Inka, ist …“

„Moment“, würgte Inka ihn ab. „Ich muss kurz …“ Sie huschte um die Ecke und sah zu Paula. Ihre Tochter stand noch am Platz unter dem Wassertunnel. Ein etwa gleichaltriges Mädchen mit braunen Zöpfen stand neben ihr, beide bestaunten die Riesenschildkröte, die über ihren Köpfen hinwegglitt. „Entschuldige, da bin ich wieder. Ich bin mit Paula im Timmendorfer Aquarium und … Aber was wolltest du mich fragen?“

„Ob ich nach Lübeck in die Mutter-Kind-Klinik kommen könnte. Ich müsste etwas mit dir besprechen.“

„Ist es wichtig, Sebastian?“ Warum fragte sie, wenn Sebastian etwas besprechen wollte, dann war es wichtig.

„Ähm“, kam es von Sebastian unsicher.

„Entschuldige. Klar, wann willst du hier sein?“, sagte Inka schnell.

„Ehrlich gesagt bin ich in deiner Nähe.“

Inka schnaufte. Sie konnte es nicht verknusen, wenn sie mit Entscheidungen überrumpelt wurde. „Ja, das ist … allerdings hab ich heute keine Zeit, Sebastian“, sagte sie etwas zu schroff. „Tut mir leid, der Nachmittag gehört Paula. Wir treffen uns morgen früh um neun Uhr am Timmendorfer Strand am Anfang der Seebrücke.“ Gereizt steckte sie ihr Handy in die Handtasche.

Vor einem Jahr hatte Sebastian sich in die psychosomatische Klinik in Undeloh einweisen lassen, um mit seinen Dämonen zu kämpfen. Nach einem viermonatigen Aufenthalt war er nach Wilsede gezogen und hatte ein Jahr Auszeit von seinem Job genommen. Inka spürte am Klang seiner Stimme, sah fast die Rädchen, die sich in Sebastians Gehirn drehten, ahnte, wie er an seine Frau und Tochter dachte. Er machte sich Vorwürfe, weil er in die Falle des Kreuzers getappt war, die Zeichen falsch gedeutet hatte.

Er hatte es ihr erzählt, oben auf dem Totengrund, und sie erinnerte sich an den Fall, der monatelang die Zeitungen füllte. Ein Serienmörder, der persischen und indischen Frauen in Parkgegenden aufgelauert hatte, ihnen Gift gespritzt, die Haare abrasiert, sie in weißes Leinentuch gewickelt hatte. An einen Baum gebunden wurden sie gefunden. Eine grausame Mordserie, die Deutschland erschütterte und die mit dem Tod seiner Frau Maja und seiner Tochter Katharina ein grausames Ende und für ihn einen grausamen Anfang bedeutete. Der Mörder hatte die beiden im eigenen Haus überwältigt, gefesselt und schließlich das Haus vor Sebastians Augen in die Luft gesprengt.

Noch immer war der Täter nicht gefasst, noch immer tauchten hier und da Hinweise auf, hinterließ er eine blutige Spur, die Sebastian akribisch verfolgte. Inka wusste, Sebastian suchte den Mörder seiner Familie, tagtäglich in seinen Gedanken oder dann, wenn er für zwei, drei Tage nicht zu erreichen war, eine Auszeit brauchte, wie er sagte. Sie schätzte seine Kompetenzen als Polizeipsychologe, wenn er, wie in der Vergangenheit, an ihren Fällen mitarbeitete. Sie waren nicht nur ein gutes Team, zwischen ihnen hatte sich eine Freundschaft entwickelt und sie spürten knisterndes Verlangen, dem anderen näherzukommen. Sie lachten, alberten, ritten zusammen mit den Haflinger-Brüdern durch die Heide und führten Gespräche, die ebenso ernst wie erheiternd waren. Doch war sie unsicher, ob dies alles für eine Beziehung zwischen ihnen reichte. Und vor allem fragte sie sich, ob er nach dem Verlust seiner Familie bereit war, eine neue Verbindung einzugehen.

Den Nachmittag nach dem Besuch im Sea-Life-Aquarium verbrachten Inka und Paula im Niendorfer Meerwasserschwimmbad. Paula wollte ihrer Mutter unbedingt zeigen, dass sie wie die Schildkröte unter Wasser schwimmen konnte. Völlig erschöpft nach dem aufregenden Tag sank Paula am Abend ins Bett und schlief ohne Gutenachtgeschichte sofort ein. Inka ging in den Gemeinschaftsraum. Ein wenig Ruhe finden, vielleicht ein Buch lesen.

Das Heim lag oben an der Steilküste und verwöhnte mit einem wundervollen Ausblick über das Meer. Die Abendsonne schien in den Raum und die gekippten Fenster füllten das Zimmer mit Seeluft. Zwei Ohrensessel mit Leselampen luden zum gemütlichen Verweilen ein. Auf einer Sitzgruppe an rechter Wandseite saßen drei Frauen ihres Alters und plauderten. Mittig im Raum stand ein großer Tisch, an dem zwei Mütter ein Gesellschaftsspiel spielten, die sich in unendlicher Menge in den Wandregalen stapelten.

Am Bücherregal blieb Inka stehen. Worauf hatte sie Lust? Unschlüssig nahm sie ein Buch nach dem anderen aus dem Regal, las den Klappentext und stellte es wieder zurück. Der Fall des Heideimkers Ludwig Wittendorf sowie Sebastians Anruf gingen ihr nicht aus dem Kopf. Warum hatte er nur so aufgeregt geklungen? Bisher war er ihr nie nachgereist. Die Jagd war seine Angelegenheit, hatte er ihr immer gesagt, wenn er in eine andere Stadt reiste, weil dort ein ähnlicher Mord geschehen war. Lediglich bei einigen Recherchen hatte er sie einbezogen. Doch jetzt musste ihn irgendetwas fürchterlich beunruhigen. Hätte sie sich gleich mit ihm verabreden sollen, ihn nicht so abkanzeln sollen? Morgen früh an der Seebrücke würde sie mehr wissen. Ihr Handy vibrierte und meldete einen Anruf. Inka nahm das Gespräch ihres Hanstedter Chefs an und verließ eilig den Aufenthaltsraum.

Lichtmann erzählte ihr erneut den bisherigen Ablauf der Ermittlungen. Er hatte Wittendorfs Schwester, Brigitte Ramm, aufgesucht und ihr den Tod ihres Bruders mitgeteilt. Brigitte Ramm gab an, zum Todeszeitpunkt ihres Bruders für die Bäckerei, in der sie arbeitete, Brötchen und Brot an drei Altersheime und vier Restaurants ausgeliefert zu haben. Ihr Mann, Thorsten Ramm, ein Automechaniker, habe geschlafen, als sie um vier Uhr losgefahren sei. Die Untersuchung der Kleidung und Schuhe nach Blut­spuren würde Zeit beanspruchen, so Lichtmann. Doch erklärte seine Schwester, dass ihr Bruder im September seine neue Honigwinterkreation auf dem Honigfest in Wietzendorf vorstellen wollte. Raps-Orangenhonig. Warum er an die Ostsee gefahren war, konnte sie nicht begründen. Er liebte den Wald und die Ruhe anstatt haufenweise ungeduldige Touristen, die um einen Strandkorb oder das letzte Stückchen Sandstrand wetteiferten. Sollten sich weitere Neuigkeiten nach Wittendorfs Wohnungsdurchsuchung ergeben oder Unklarheiten bei Überprüfung der Alibis der weiteren Teilnehmer des Honigfestes, würde er sich melden, hatte er Inka im kurzen Telefonat mitgeteilt.

Nachdenklich ging Inka nach dem Gespräch mit Lichtmann zurück in den Gemeinschaftsraum des Heimes. Am Buchregal entschied sie sich für ein Krimi-Rätsel-Buch. Kurzgeschichten zum Mitraten. Sie lächelte, als sie das Cover sah. Ein Mann mit Trenchcoat und Pfeife im Mund, der in einer Hand eine Lupe hielt und gebeugt einen Schuh­abdruck auf dem Boden begutachtete. Einen Schuhabdruck hatten die Lübecker Kollegen nicht gefunden. Auf den Geldscheinen fanden sich Fingerabdrücke, die nicht identifiziert werden konnten. Selbst die AFIS-Datenbank spuckte keinen Treffer aus. Die Plastiktüte, in der die fünfzigtausend Euro lagen, zeigte nur die Fingerabdrücke der Obdachlosen Rita Lembke. Auch die Tatwaffe, das von Rechtsmediziner Martin Seidel vermutete Beil oder die Machete, war nicht aufzufinden. Jeden Strandkorb und Strandabschnitt von Niendorf bis Timmendorf hatten die Kollegen abgesucht. Die Vermutung lief darauf hinaus, der Täter habe das Werkzeug entweder mitgenommen oder im Meer entsorgt.

Inka hielt das Buch vor ihrem Bauch umklammert und sah aus dem Fenster. Ein paar Segler tummelten sich auf dem Wasser und in der Ferne fuhr ein Containerschiff aus Travemünde kommend vorbei. Ein paar Lachmöwen stießen laut kreischend ins Wasser, um sich ihr Abendbrot zu holen.

Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als eine Frau an ihren Sessel trat und fragte, ob sie mit Paula morgen Vormittag mit ihr, zwei weiteren Müttern und ihren Kindern einen Ausflug ins Eutiner Schloss unternehmen wollte. Ihre Töchter drängten darauf, zu sehen, wie eine Prinzessin gelebt hat und da Paula im gleichen Alter wie ihre Kinder sei, würden sie sich freuen, wenn sie mitkommen würden.

„Schwester Agnes meinte zwar, Sie haben keine Zeit, aber ich wollte dennoch fragen.“ Die Frau setzte sich Inka gegenüber in den Sessel. Sie war von zierlicher Statur, nicht größer als Inka mit ihren ein Meter zweiundsechzig und höchstens Mitte zwanzig.

„Das ist sehr freundlich von Ihnen“, antwortete Inka ihrer Gesprächspartnerin, die sich als Marlene Küster vorstellte. „Aber es ist, wie Schwester Agnes sagte. Ich bin am Vormittag anderweitig unterwegs.“ Dass sie die polizeidienstlichen Ermittlungen ihrer ehemaligen Lübecker Kollegen unterstützte, verschwieg sie. „Vielleicht klappt es ein anderes Mal.“

„Natürlich. Bitte entschuldigen Sie. Ich wollte mich nicht aufdrängen, es war nur so …“

„Sie brauchen sich nicht zu entschuldigen. Ich fand es nett von Ihnen, dass Sie an Paula und mich gedacht haben.“

„Ja, dann werde ich Sie mal wieder Ihrer Lektüre überlassen.“ Mit Kopfnicken wies sie auf das Buch, das Inka wie ein Schutzschild noch immer vor ihrem Bauch hielt.

Inka sah Marlene nach, wie sie zu der Sitzecke ging und sich neben die drei Frauen setzte.

Wirklich nett, dachte Inka, während sie das Buch ungelesen auf dem Fenstersims ablegte. Paula hätte der Ausflug gefallen. Augenblicklich überkam sie wieder das schlechte Gewissen, weil sie nicht nach Föhr mit ihr in den Urlaub gefahren war, sondern hier bei einer Ermittlung half. Sie würde morgen Nachmittag mit Paula ins Schloss fahren.

Als hätten die drei Frauen ihre Gedanken erraten, standen sie aus der Sitzgruppe auf und kamen auf Inka zu.

„Entschuldigen Sie. Marlene sagte uns …“, eine Frau, die Inka um die vierzig schätzte, sprach sie an, „sie sagte, Sie haben morgen Vormittag einen Termin und finden keine Zeit, mit uns ins Schloss zu fahren. Wir wollten fragen, Marlene, Sandra und ich, die Susanne, ob Paula, Ihre Tochter, nun, sie hat sich heute so gut mit unseren Töchtern verstanden, ob Sie erlauben, nun, ob wir sie ins Schloss mitnehmen dürften?“

„Oh, das kommt überraschend. Ich bin gestern erst mit Paula angereist und …“, brach Inka ihren Satz ab. Die Einladung war zuvorkommend, aber fremden Menschen Paula überlassen, das ging zu weit. „Ähm, nein, das möchte ich nicht. Wir müssen uns erst einleben.“ Inka schwieg einen Moment und sah von einer Frau zur anderen, die geschlossen wie die Schutzmauer einer Burg vor ihr standen.

„Es war nur eine Frage, es hätte uns nichts ausgemacht“, sagte Sandra, die dritte in der Runde. Sie war korpulent, trug einen auf der Seite geflochtenen Zopf und überragte die zwei Frauen um gut einen Kopf. Auf ihrem schwarzen kurzärmligen Shirt prangte ein glitzernder und lachender Smiley, der ihre Bauchregion in den Blickpunkt zog.

„Ja. Vielen Dank. Wie ich sagte, ein anderes Mal“, beendete Inka das Gespräch.

Schulterzuckend setzten sich die Frauen auf ihren Platz zurück und führten ihre Unterhaltung fort. Inka konnte förmlich hören, wie die Gedanken in den Frauenköpfen umeinanderwirbelten. Dann erinnerte sie sich wieder an Sebastians Bitte. Er wollte mit ihr etwas besprechen. Es musste wichtig sein, wenn er sogar an die Ostsee gefahren kam. Waren es Neuigkeiten über den Kreuzer, wie der Serienkiller deutschlandweit genannt wurde?

Kapitel 4

Der neue Tag begann mit schönstem Sommerwetter. Die Wetterfrösche des Ostseeradiosenders versprachen für die weiteren Julitage fünfundzwanzig Grad. Dazu wehte ein leichter Wind aus Nordost über die Küstenregion, der für Abkühlung sorgte und die gestrige schwülwarme Luft vertrieb. Dennoch hatte Inka nach dem Telefonat mit Sebastian schlecht geschlafen, sie fühlte sich gerädert.

Als Inka mit Paula um acht Uhr den Speisesaal betrat, saßen die drei Frauen mit ihren Töchtern bereits beim Frühstück. Sie nickten ihr wortlos zu und widmeten sich dem angeregten Gespräch mit ihren Kindern. Inka hatte das Gefühl, sie würden über sie und Paula tuscheln. Ab und an fing sie einen befremdlichen Blick der Frauen auf. Möglicherweise hielten sie sie für hochnäsig, eingebildet, übervorsichtig, vielleicht für eine dieser Helikoptermütter. Sollten sie doch, dachte Inka, sich an ihren letzten Fall mit dem Vater der verschwundenen Schneverdinger Heide­königin erinnernd. In seinem abgedunkelten Wohnzimmer hatte sie ihn vorgefunden. Leere Bierflaschen lagen auf dem Boden, das angebissene und angetrocknete Käsebrot auf dem Teller. Zusammengesunken saß er regungslos auf dem Sofa und starrte auf das Fernsehprogramm, das nur lief, damit er nicht alleine war.

„Mama“, sagte Paula, „weißt du, dass Greta, Leonie und Alicia heute ins Schloss fahren und Prinzessin spielen dürfen?“

„Ja, ich hab es gehört.“

„Ich will mitfahren, Mama.“

„Süße, du weißt doch, dass ich arbeiten muss. Ich verspreche dir, dass wir am Nachmittag fahren. Na, was sagst du? Nur wir beide.“

„Nein, ich will mit Greta, Leonie und Alicia mitfahren.“ Paula schmiss das Marmeladenbrötchen auf den Teller und verschränkte die Arme vor der Brust.

„Schau mal, Paula“, versuchte Inka, ihre Tochter zu überzeugen, „du gehst mit Schwester Agnes und Schwester Margarete und den anderen Kindern bestimmt an den Strand. Das Wetter ist heute wunderbar. Ihr werdet im Wasser planschen, Sandburgen bauen und Muscheln sammeln, und bis zum Mittagessen bin ich wieder hier.“

„Das haben wir schon gestern gemacht. Ich will ins Schloss!“, trotzte die Kleine, während sie die Oberlippe zur Nasenspitze hochzog.

„Iss dein Brötchen“, sagte Inka, stand auf und ging zu dem Frühstückstisch der drei Frauen.

„Guten Morgen. Ist Ihr Angebot, Paula mitzunehmen noch gültig?“

„Aber ja“, antwortete Sandra, die heute einen Pferdeschwanz gebunden hatte. „Sehr gerne.“

„Gut, dann überlasse ich Ihnen für den Vormittag meine Tochter.“

„Wir passen auf sie auf wie auf unser eigenes Kind. Sie können sich auf uns verlassen“, versicherte Marlene Küster.

Sebastian Schäfer saß auf einer Bank am Anfang der Seebrücke. In der Hand hielt er einen Kaffee-to-Go-Becher. Als er Inka kommen sah, stand er auf und umarmte sie so fest, als würde er sie nie wieder loslassen wollen.

„Schön, dass du gekommen bist. Bitte entschuldige, dass ich dich in deinem Urlaub überfalle, aber ich brauche dringend deinen Rat.“

„Na ja, Urlaub ist zu viel gesagt. Was ist los, Sebastian?“

„Inka, kannst du dich erinnern, dass der Brief des Kreuzers vor meinem ehemaligen Jugendzimmer auf dem Dachboden gelegen hat?“

„Ja. Warum fragst du?“

„Ich weiß nicht, warum mir das nicht früher eingefallen ist. Aber warum lag der Brief genau dort und nicht vor der Badezimmertür oder der Tür meiner Eltern?“

„Du meinst, der … er wusste, wo dein Zimmer ist?“

„Nicht nur das, Inka. Er wusste sogar, dass nur ich mich im Haus aufhielt und meine Eltern einkaufen waren.“

„Du willst darauf hinaus, dass der Kreuzer jemand ist, der aus deinem nahen Umfeld kommt. Ist das richtig?“

„Ja. Natürlich haben die Kollegen und ich diese Eventualität schon damals vor fünf Jahren abgeklopft, aber keine Indizien für irgendwen gefunden. Warum auch? Alle unsere Freunde, Verwandten und Bekannten, selbst Arbeitskollegen kenne ich seit Jahren.“ Sebastian zündete sich eine Zigarette an, inhalierte tief. „Vor zwei Wochen hab ich mit den Überprüfungen erneut begonnen. Ich hab die Konten kontrolliert, in ihren Mülleimern nach Dingen gesucht, ohne zu wissen, wonach ich suche. Über Tage habe ich jeden Einzelnen von ihnen observiert. Tag und Nacht. Ich hab im Auto gegessen und geschlafen. Du glaubst nicht, wie ich mich für meine Machenschaften geschämt habe. Es sind Freunde, Verwandte, viele wohnen noch heute in der Straße, wo unser Haus stand, in dem ich mit Maja und Katharina lebte. Manchmal bin ich ihnen in der Stadt hinterhergegangen. Meine Ausreden, wenn sie mich gesehen und gefragt haben, reichten von verlaufen bis auf den Bus warten. Wie in einer kitschigen Seifenoper. Dabei war es alles andere als komisch.“ Sebastian sah Inka mit tieftraurigen Augen an.

„Kann es sein, dass er …“, erneut vermied Inka, den Täter Kreuzer zu nennen, „… er zuvor die anderen Türen geöffnet hat, um zu sehen, ob er den Brief unter der richtigen Tür durchschiebt?“

„Die Frage hab ich mir auch gestellt. Nur, mein Zimmer liegt auf dem Dachboden und nicht im ersten Stock. Verstehst du, was ich meine?“

„Ja. Er konnte nicht wissen, dass unter dem Dach ein Zimmer ist. Meinst du das?“

„Genau.“

„Wie kann ich dir helfen, Sebastian?“

„Das weiß ich nicht, Inka. Aber ich spüre ihn. Er muss in meiner Nähe sein. Seine Botschaften gelten mir. Sieh, was ich draufhab, du kannst mich nicht erwischen und mich nicht aufhalten. Mörder verwischen ihre Spuren, aber Serienmörder hinterlassen absichtlich eine Handschrift, ihre Handschrift.“

„Du meinst, er ist an der Ostsee?“ Unwillkürlich sah sich Inka um. Hand in Hand schlenderte ein Pärchen an ihnen vorbei. Drei Meter weiter blieb es stehen, sah aufs Meer hinaus, küsste sich. Sie strich sich die grauen Haare aus dem Gesicht, sah ihren Mann verliebt an. Ein Elternpaar schob einen Kinderwagen, ein Mädchen, vielleicht drei Jahre, hüpfte vor dem Wagen umher. Schräg gegenüber hatte ein Mann mittleren Alters seine Arme auf die Holzbalustrade gelegt. Ab und zu sah er zu ihnen herüber, lächelte. Eine Rentnerin saß zehn Meter weiter auf einer Bank, warf Brotkrumen in die Luft, erfreut, wenn die Möwen sie im Flug auffingen.

„Pass auf dich und Paula auf. Es geht ihm nicht mehr darum, seinem Ziel zu folgen. Jetzt will er mich zerstören und alle, die ich … die ich liebe.“ Sebastian griff nach Inkas Hand und drückte sie so fest, dass sie schmerzte.

„Das wird nicht passieren“, sagte Inka, während sie an Paula dachte. Sie hatte zugelassen, dass fremde Menschen sie zu einem Ausflug mitnahmen. Was war, wenn Sebastian recht behielt und … Sie wollte nicht weiter darüber nachdenken.

Inka schaltete den kleinen Ventilator, der auf ihrem Schreibtisch stand, ein. Lauwarme Büroluft wehte ihr ins Gesicht. Sebastian saß vor ihrem Schreibtisch und blätterte durch die Unterlagen.

Hannes Freitag und Werner Mühlmann waren froh, einen Mann mehr für die Ermittlungen zur Verfügung zu haben, auch wenn dieser nur sporadisch vor Ort sein würde. Die Urlaubszeit im Sommer und die Erkältungszeit im Winter dezimierten die Beamtenanzahl jedes Jahr erneut um die Hälfte.

Seit ihrem morgendlichen Treffen hatte sich Sebastian umgezogen. Er trug eine Bluejeans und ein weißes Polo­shirt. Sein sonst mit Bartschatten belegtes Kinn war glatt rasiert und er roch nach einem angenehmen Rasierwasser. Etwas nach Zitrone und frischen gebackenen Schoko­keksen.

„Haben Sie alle Zeugen oder Personen befragt, die infrage kommen könnten?“ Sebastian sah zu Freitag und Mühlmann, die hinter ihren Computern saßen.

Die Männer hoben die Köpfe, sahen sich an, nickten. „Ausstehend sind der Strandkorbbetreiber Stefan Kursch und Rita Lembke. Leider ist sie bisher nicht aufzufinden. Gestern wurde sie in Travemünde am Hafenkai gesehen. Unsere Einsatzkräfte fahren jede Ortschaft ab. Der Strandkorbbetreiber beschäftigt für diese Woche eine Aushilfe, weil seine Frau arbeiten und er sich um eins seiner Kinder kümmern muss. Es liegt mit Masern im Bett.“

„Ich dachte, die sind längst ausgerottet“, warf Inka ins Gespräch ein. Gedanklich ging sie Paulas Impfungen durch. Masern und Mumps, stimmt, sie erinnerte sich an den Arztbesuch und die Spritze, die Paula bekam, sowie an das Fieber, dass ihre Tochter zwei Tage quälte. Sie atmete auf.

„Von wegen. Seit drei Jahren sind sie auf dem Vormarsch und nicht zu unterschätzen. Selbst viele Erwachsene erkranken, weil ihre Eltern es versäumt oder absichtlich unterlassen haben, sie zu impfen.“

„Seit März diesen Jahres gibt es die Impfpflicht für Kinder, die den Kindergarten, die Tagesmutter oder die Schule besuchen. Aber es ist wie überall – einige fallen immer durchs Sieb“, sagte Freitag.

„Ja.“ Mühlmann nickte. „Aber ob das die richtige Vorgehensweise ist? Früher gab es so eine Panikmache nicht. Da gab es Masern- und Pockenpartys. Unsere Eltern haben uns zu den kranken Kindern geschickt. Geh zu Frank, der hat die Windpocken, hieß es. Besser du kriegst sie jetzt als später. Die Masern hab ich mir auch so aufgehalst. Geh mit Klaus von nebenan spielen. Eine Woche später kam der Arzt ins Haus und meinte, abwarten und Zimmer abdunkeln. Also, wenn sonst keiner will … ich melde mich freiwillig für die Befragung bei Kursch. Wer die Dinger einmal hatte, kriegt sie nicht wieder.“

„Wenn du den Papierkram erledigst, Hannes, fahr ich mit Sebastian erneut zum Strand. Vielleicht hat ja doch jemand Wittendorf gesehen oder mit ihm gesprochen.“ Inka stand auf und nahm ihre Handtasche. Sie wollte nicht nur erneut mit Touristen und den Besitzern der Geschäfte auf der Promenade reden, sondern auch mit Sebastian.

Zum dritten Mal, seit ihrem Gespräch auf der Seebrücke, sah Inka auf ihr Handy. Alle drei Mütter hatten ihre Rufnummer. Kein verpasster Anruf. Keine SMS. Ihr Magengrummeln blieb.

Kapitel 5

Die Aushilfe des Strandkorbbetreibers Stefan Kursch war ein ungeselliger langhaariger Mittdreißiger, der seinen bleistiftdünnen Pferdeschwanz im Nacken mit einem roten Gummiband gebunden hatte. Wie lange er sich die Beschwerden der Touris anhören soll, weil die Strandkörbe nicht freigegeben werden, wollte er von Inka wissen, als sie sich und Sebastian vorgestellt und ihm ihren Ausweis vor die Nase gehalten hatte.

„Verraten Sie uns doch erst einmal Ihren Namen“, sagte Inka.

„Meyer, Harald“, brummte er ungehalten.

„Herr Meyer, ich kann Ihnen keinen Zeitpunkt nennen, wann Sie die Körbe wieder vermieten können. Noch sind die Ermittlungen nicht abgeschlossen.“

Eine Gruppe Badegäste drängte an Meyers blau-weiß gestrichenes Holzhäuschen. Unter den Armen trugen sie zusammengerollte Wolldecken und Badelaken, an den Händen hielten sie Kühltaschen und quengelige Kinder mit Sandschaufeln. Sie waren bepackt, als wären sie auf der Flucht und hatten es gerade geschafft, das Nötigste einzupacken.

„Und wann werden die Ermittlungen abgeschlossen sein?“, wiederholte er Inkas Worte, während er Sebastian musterte.