Heilige Kühe - Dietmar Gaumann - E-Book

Heilige Kühe E-Book

Dietmar Gaumann

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Beschreibung

Im Westerwald ist nichts los? Von wegen! Im kleinen Dorf Krotzenroth mutiert ein Junge zum Actionheld, gerät eine Putzhilfe in eine seltsame Beziehung zu ihrem Nachbarn und ein Schnitzelliebhaber läuft an einem heißen Sommertag Amok. Nein, beschaulich geht es für die Menschen in »Heilige Kühe« wirklich nicht zu. Egal, ob sie im Westerwald, in Schleswig-Holstein oder im amerikanischen Süden leben. Ständig geraten sie in verzwickte Situationen und müssen sich entscheiden. Zieht man weg oder bleibt man? Springt man vom Zehner oder lässt man es sein? Und wie genau überfällt man eigentlich eine Tankstelle? »Heilige Kühe« versammelt zwölf Geschichten vom wilden Landleben, erzählt mit lakonischem Humor und leiser Melancholie.

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Seitenzahl: 202

Veröffentlichungsjahr: 2023

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© 2023 – e-book-AusgabeRHEIN-MOSEL-VERLAGZell/MoselBrandenburg 17, D-56856 Zell/MoselTel 06542/5151 Fax 06542/61158Alle Rechte vorbehaltenISBN 978-3-89801-944-6Ausstattung: Stefanie ThurTitelfoto: Clara Bastian/shutterstock.com

Dietmar Gaumann

Heilige Kühe

Erzählungen

Die Edition Schrittmacher wird herausgegeben von Michael Dillinger, Sigfrid Gauch, Arne Houben und Gabriele Korn-Steinmetz.

Edition Schrittmacher Band 40

Rhein-Mosel-Verlag

I.

Mein Name ist Snake

Norbert baute sich breitbeinig vor uns auf, hakte die Daumen in die Gürtelschlaufen und sagte: »Mein Name ist Snake.«

»Wer?«, fragte ich mit zugekniffenen Augen. Hinter Norberts Rücken hing die Sonne bereits tief über den Dorfdächern.

»Snake. Wie englisch Schlange.« Jens saß neben mir auf der Bank der Bushaltestelle und kratzte an einem seiner Pickel.

»Was du nicht sagst.« Zur Strafe für die Klugscheißerei knuffte ich Jens gegen den Oberschenkel.

»Snake Plissken«, sagte Norbert. »Die Klapperschlange.«

»Plissken? Was is’n das für’n Name?«

»Klapperschlangen gibt’s in Europa nicht, nur in Amerika.« Jens schob sein kantiges Brillengestell die Nase hoch.

»Sag mal, hast du heute Nacht auf ’nem Was-ist-Was-Buch geschlafen?«

»Ich mein ja nur.« Jens wandte sich schmollend von mir ab und sagte zu Norbert: »Und was sollen die Klamotten?«

Gute Frage. Norbert trug eine schwarze Lederjacke, die vermutlich seinem Bruder Tillmann gehörte und ihm viel zu groß war. Dazu, mitten im Sommer, ein Paar Moonboots, in die er notdürftig die Beine seiner Jeans gestopft hatte. Aber das war nicht alles. Links neben seiner Nase saß eine schwarze Augenklappe.

»Bist du ein Pirat oder so?«, fragte Jens.

»Pirat. Pfff.« Norbert zog aus der Jackentasche eine Schachtel Zigaretten und zündete sich eine an. Ich hatte ihn noch nie rauchen sehen, aber vielleicht erklärte es das heisere Flüstern, mit dem er auf einmal sprach.

»Also, was dann?«, fragte ich.

Norbert grinste.

»Rück schon raus. Ich muss gleich heim.«

Norbert sog an der Zigarette, hustete und sagte:

»Ich werd euch zeigen, wer Snake ist.«

Dienstag rief Norbert endlich an.

»Die Luft ist rein«, flüsterte er wieder mit der heiseren Stimme. »Vater schläft. Komm rüber.«

Norbert und ich wohnten in derselben Straße am Rande des Dorfs, die an der Magnetfabrik vorbei Richtung Truppenübungsplatz führte. Norberts Vater arbeitete in der Fabrik, so wie Norberts Bruder Tillmann, bis der vor ein paar Wochen, kurz nach seinem 18. Geburtstag, ohne ein Wort verschwunden war.

Ich ging ums Haus und klopfte an die Terrassentür. Norbert kniete im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Als er mich hörte, legte er beschwichtigend den Zeigefinger an die Lippen und öffnete die Tür.

»Schon wieder die Augenklappe«, stöhnte ich und versuchte danach zu greifen.

Mit einem angedeuteten Karateschlag wehrte Norbert mich ab: »Keine Augenklappe, kein Snake.«

»Und wer ist jetzt Snake?«

Norbert nahm eine Videokassette vom Couchtisch, auf dem leere Bierflaschen und ein voller Aschenbecher standen, und hielt sie wie eine Trophäe in die Höhe.

»Das ist Snake.«

»Die Klapperschlange«, las ich auf dem Etikett. »Ach so, ein Film«, sagte ich betont lässig.

Norbert kniete sich vor den Fernseher und schob die Kassette in den Videorekorder, den sein Vater vor einigen Wochen gekauft hatte. Auf dem Fernseher stand ein gerahmtes Familienfoto: Norberts Mutter war darauf zu sehen, wie sie ihre Kinder – Monika, Tillmann und Norbert – mit den Armen umschlungen hielt. Der Vater stand daneben, in einem schlechtsitzenden Anzug, und hatte den Blick abgewandt.

»Geht los«, sagte Norbert. Der Bildschirm färbte sich schwarz und eine unheilschwangere Synthesizermusik setzte ein. Norbert drehte sich zu mir um. Sein Gesicht war vor Aufregung knallrot.

Aber erst mal passierte nichts Aufregendes – fand ich jedenfalls. Der Film war verdammt dunkel und die Kassette so oft abgespielt worden, dass grieselige Streifen über den Bildschirm krochen.

»Ist das Snake?«, fragte ich, als ein Mann mit einem habichtartigen Gesicht und Glatze im Bild auftauchte.

»Shh«, machte Norbert händewedelnd. Er hockte so dicht vor dem Fernseher, als wolle er hineinkriechen.

»Da!« Er deutete auf den Bildschirm. »Das ist er.«

Also das war Snake. Ein Typ in einer abgewetzten Lederjacke, einer Hose mit aufgedruckten Blitzen und hohen Stiefeln, der gerade in Handschellen über ein Flugfeld geführt wurde. Norbert sagte mit leuchtenden Augen: »Ist er nicht cool?«

Jens kam, als der Film bereits eine halbe Stunde lief. Norbert und ich starrten so gebannt auf den Fernseher, dass wir sein Klopfen erst nicht bemerkten.

»Hab ich viel verpasst?«, fragte er außer Atem, als ich ihn reinließ.

Norbert hockte jetzt auf der Kante des Sessels, der dem Fernseher am nächsten stand, und signalisierte Jens ruhig zu sein. Jens setzte sich neben mich auf die Couch.

»Wieso ist da alles so dunkel?«, flüsterte er mir zu.

»Weil das ein Gefängnis ist.«

»Wie, die Stadt da?«

»Ganz New York«, zischte Norbert. »Und jetzt Klappe halten.«

»Der spielt in der Zukunft«, sagte ich, »1997.« Jens zog die Augenbrauen hoch.

»Und wer ist Snake?«

»Wer wohl? Der mit der Augenklappe.«

»Und was macht er da?«

»Er muss den Präsidenten retten. In 24 Stunden. Snake hat nämlich eine Sprengkapsel im Hals, und wenn er nicht rechtzeitig zurück ist«, Norbert breitete die Arme aus, »macht es Boom!«

»Und warum flüstert er die ganze Zeit? Man versteht ja nichts. Kannst du nicht lauter machen?«

»Nee, kann ich nicht. Vater schläft oben. Außerdem«, Norbert ballte die Faust, »ist das total geil, wie er spricht.«

Schweigend verfolgten wir den Rest des Films: Norbert mit nach vorne gebeugtem Oberkörper, ich mit vor Aufregung verschwitzten Händen und Jens mit einem Glas Saft, das er sich aus der Küche geholt hatte. Nur ab und zu blickte Norbert vorsichtig, als sei er kurz aus einer Trance erwacht, zur Wohnzimmertür.

Als der Abspann lief, sagte Jens: »Das Ende hab ich nicht kapiert. Was ist mit dem Tonband? Erst rettet er es, dann macht er es kaputt? Ist doch unlogisch.«

»Unlogisch?«, sagte Norbert laut. »Du hast echt keine Ahnung! Außerdem ist doch scheißegal, was mit dem Band ist.«

Er verstummte, als er unsere Blicke bemerkte. Im Türrahmen war die massige Gestalt von Norberts Vater aufgetaucht, mit wirr am Schädel klebenden Haaren und einer brennenden Zigarette in der Hand. Sein fleischiges Gesicht wirkte noch geröteter als sonst.

»Norbert, was soll der Krach?« Er beachtete uns gar nicht, sondern funkelte nur seinen Sohn an, dem die Hitze aus dem Gesicht gewichen war. »Kann man nicht mal in seinem eigenen Haus seine Ruhe haben?«

»Ich hab meinen Freunden nur was gezeigt«, sagte Norbert zaghaft.

»Außerdem habe ich dir gesagt, du sollst die Finger von dem Videogerät lassen.«

»Ich, ich …«, stammelte Norbert.

»Ich, ich«, machte der Vater ihn nach. »Mit dem Fernsehen ist ab sofort Schluss.« Zum ersten Mal wandte er sich uns zu. »Ihr geht nach Hause. Und du«, er machte zwei Schritte auf Norbert zu und hob drohend die Hand, »ziehst erstmal diese Augenklappe aus und machst dich dann im Haushalt nützlich. Die Zeiten sind vorbei, als deine Mutter dir den Arsch nachgetragen hat.«

Wir lösten uns erst aus unserer Starre, als wir im ersten Stock die Schlafzimmertür zuknallen hörten.

»So ein Idiot.« Norbert versuchte ein Grinsen und formte mit Zeige- und Mittelfinger einen Pistolenlauf: »Snake würde den wegpusten.«

Am ersten Tag nach den Sommerferien wartete ich vor Norberts Haus. Als er endlich rauskam, sagte ich: »Ist nicht dein Ernst, oder?«

»Snake macht keine Witze.«

Norbert trug wieder das Outfit: Lederjacke, Moonboots und Augenklappe. Aus der Jacke zog er eine Packung Zigaretten und klaubte eine davon mit den Lippen heraus.

»Lass uns dem Bösen ins Auge sehen.« Er ließ die Flamme eines Zippos vor seinem Gesicht aufscheinen.

Das Kichern und In-die-Seite-Knuffen begann bereits im Schulbus. Die Mädchenclique um Svenja Eisel zeigte unverhohlen mit den Fingern auf Norbert, und Alex Schneider, der Dorfpunk, der uns seit einiger Zeit auf dem Kieker hatte, höhnte: »Wie läufst du denn rum, du Spast?« Norbert sah ihn nicht an, sondern ließ lässig sein Zippo auf- und zuschnappen.

Kurz darauf gingen wir, unter den fragenden Blicken einiger Lehrer, das muffig riechende Treppenhaus hinauf in den dritten Stock, zum Klassenzimmer der 8b. Ich atmete auf, als wir uns in der letzten Reihe verschanzten. Hier würden uns die Lehrer vielleicht einfach übersehen..

Herr Kraushaar war unser Klassenlehrer, kriegsversehrt, mindestens 90 Jahre alt und extrem kurzsichtig. Er bemerkte Norberts Aufmachung nicht, genauso wie das heimliche Kartenspielen, das in der Reihe vor uns im Gang war. In der dritten Stunde sah Madame Bertault, die französische Austauschlehrerin, ein paar Mal irritiert zu uns herüber, sagte aber nichts. Vermutlich hielt sie Norberts Aufzug für eine Art deutsche Folklore, die sie bisher nicht kannte.

Dann kam die vierte Stunde. Ich war mir sicher: Jetzt würde Norbert die Augenklappe abnehmen. Denn jetzt war Englisch bei Herrn Zander. Und der war berüchtigt für seine cholerischen Anfälle.

Mein Herz pochte mir in den Ohren, als Zander mit seiner ausgebeulten Aktentasche den Klassenraum betrat. Jens, der eine Reihe vor uns saß, drehte sich um und schaute ängstlich in unsere Richtung. Ich hob ratlos die Schultern. Neben mir spielte Norbert ungerührt mit dem Feuerzeug.

Zander knallte die Aktentasche aufs Pult, ließ seinen schweren Schlüsselbund darauf fallen und begrüßte uns mit dröhnender Stimme.

»So, Herrschaften, wollen wir mal sehen, was ihr alles über die Ferien vergessen habt.« Er klappte eine Tafelhälfte zur Seite. Das konnte nur eins bedeuten.

»Machen wir gleich mal einen Vokabeltest.« Zander fletschte seine tabakfleckigen Zähne. »Freiwillige vor.«

Augenblicklich erstarrte jede Bewegung im Klassenzimmer. Alle schienen plötzlich wichtige Dinge am Boden oder jenseits des Fensters zu betrachten. Als Zander den Namen aussprach, war mir klar, dass es gar nicht anders hätte kommen können.

»Norbert, wie wär’s mit dir?«

In den Reihen vor mir sackten erleichtert die ersten Schultern in sich zusammen. Doch nur für einen Moment.

»Nennen Sie mich Snake«, antwortete Norbert.

»Wie war das?« Zander schob seinen Kopf vor, als glaubte er, sich verhört zu haben.

»Mein Name ist Snake«, sagte Norbert in heiserem Tonfall.

Die Haut über Zanders graumeliertem Bart färbte sich fleckig rot: »Hör auf den Kasper zu machen. Abmarsch, nach vorn mit dir.«

Jemand musste die Luft aus dem Raum gesaugt haben. Niemand schien mehr zu atmen.

»Nennen Sie mich Snake«, wiederholte Norbert.

»Wenn du nicht sofort an der Tafel erscheinst, hast du dir gleich die erste Sechs des Schuljahrs eingehandelt. Und einen Eintrag ins Klassenbuch.«

Norbert rührte sich nicht. Er sagte: »Mein Name ist Snake.«

Zander riss die Aktentasche auf und kramte darin, offenbar auf der Suche nach seinem Notenbuch: »Du denkst wohl, du kannst mich verarschen.« Er hielt inne, schaute auf das Pult und sah den dort liegenden Schlüsselbund. Mit einer behänden Bewegung, die man ihm gar nicht zutraute, griff er danach und schleuderte das funkelnde Ding in Norberts Richtung.

Was dann geschah, verfolgte ich wie in Zeitlupe. Norbert hob mit einer geschmeidigen Bewegung seinen Arm und fing den Schlüsselbund. Für einen Moment verharrte seine Hand regungslos in der Luft, dann warf er das Metallbündel zurück. Und zwar gezielt. Der Schlüsselbund klatschte gegen die Aktentasche, fiel dann klirrend zu Boden. Ein paar Zentimeter weiter links und er hätte Zanders voluminösen Bauch getroffen.

Danach war Norbert – war Snake – der Held der Schule. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Geschichte über den Pausenhof. Die Jungs aus der Raucherecke nickten ihm anerkennend zu, und sogar Alex Schneider zollte Norbert Respekt: In der großen Pause schlenderte er betont lässig zu uns herüber, schlug Norbert so fest auf die Schulter, dass der in die Knie ging, und sagte: »Geile Aktion, Kleiner!«

Selbst die Mädchen beachteten uns auf einmal. Svenja Eisel brachte gleich die ganze dauergewellte Clique mit. »Das war so cool, Norbert«, hauchte sie. »Der Zander hat das total verdient.« Ihre Gefolgschaft nickte kichernd. Jens und ich starrten die Mädchen mit offenstehenden Mündern an, nur Norbert nuschelte: »Kein Thema.«

Am nächsten Tag aber kam Norbert ohne Snake-Outfit zur Schule. Ich sah ihn fragend an, als er in seinen üblichen Klamotten aus dem Haus trat, aber er tat so, als bemerke er meinen Blick nicht. Erst ein paar Tage später erfuhr ich, was passiert war: Noch am Nachmittag des Vorfalls war Norberts Vater in die Schule zitiert worden. Nach dessen Auftritt im Wohnzimmer wollte ich mir lieber nicht vorstellen, wie er die Geschichte aufgenommen hatte.

Doch nur einige Tage später tauchte Snake wieder auf. Zuerst trug Norbert wieder die Lederjacke, kurz darauf kamen die Stiefel dazu. Immerhin wurde es langsam Herbst und so sah das nicht mehr ganz so bescheuert aus. Schließlich saß auch die Augenklappe wieder in seinem Gesicht, und damit kehrte auch die heisere Flüsterstimme zurück. Die störte uns am meisten. Denn selbst wenn er mit Jens und mir unterwegs war, sprach er nur noch wie Snake.

»Kannst du nicht mal normal reden?«, sagte Jens, als wir nachmittags mal wieder in der Videothek standen. »Dein Nuscheln versteht kein Mensch.«

»Den hier«, sagte Norbert, ohne die Stimme zu verändern, und hielt uns eine der Videohüllen hin. Albert, der hinter der Theke saß und in der »Praline« blätterte, beäugte uns misstrauisch. Normalerweise ließ er uns gewähren, aber wir standen verdächtig nahe an der Porno-Abteilung, die mit einem Vorhang aus bunten Plastikstreifen vom Rest des Ladens abgetrennt war.

»Die Wildgänse kommen.« Ich zeigte auf das Cover, auf dem Roger Moores Gesicht zu sehen war. »Das ist doch James Bond, oder? Ist bestimmt gut.«

Jens schüttelte den Kopf. »Gibt’s nicht was anderes?«

Norbert zeigte auf eine weitere Hülle. Hinter uns ließ Albert seine Raucherlunge rasseln. Wegen ihm stank der Laden permanent nach kaltem Zigarettenrauch.

»Die stählernen Adler? Schon wieder so ein Militärquatsch?«, stöhnte Jens.

»Na und?«, sagte Norbert. »Ist doch geil.«

»Können wir nicht mal was anderes leihen? Den hier zum Beispiel?«

»Pretty in Pink?«, sagte Norbert. »Geht’s noch schwuler?«

»Der ist nicht schwul.« Jens klang beleidigt. »Und außerdem sieht Molly Ringwald super aus.«

»Dann lieber den hier.«

»Die City Cobra«, las Jens vor. »Sag mal, gibt’s bei dir auch mal Filme ohne Tiernamen?«

Doch Norbert hatte nicht weiter zugehört, sondern stand schon vor dem nächsten Regal. Jens zog mich beiseite.

»Geht dir Norberts Getue nicht auch auf die Nerven?«

Ich zuckte die Schultern. Ja, ich fand es seltsam, dass er sogar mit uns nicht normal sprach. Aber ich bewunderte ihn auch dafür, dass er das Snake-Ding so konsequent durchzog.

»Das ist nur ’ne Phase«, antwortete ich.

»Ist aber ’ne lange Phase. Und eine, auf die ich echt keinen Bock mehr habe.« Jens wandte sich zum Gehen, aber ich hielt ihn am Ärmel fest. Ich wollte etwas sagen, doch Albert bellte dazwischen: »Weg von dem Vorhang. Ihr seid zu jung für Speckfilme.«

Von Alberts Worten aufgeschreckt, streckte Norbert den Kopf zwischen den Regalen hervor.

»Hab ich total vergessen«, sagte er, als er zu uns trat. »Ich hab was Geniales gefunden. Muss ich euch unbedingt zeigen.«

»Was denn?«, fragte ich.

»Ist Snakes Geheimnis.«

Jens verdrehte in Norberts Rücken die Augen.

»Nun rück schon raus.«

»Heute Abend halb acht bei uns. Der Alte hat Nachtschicht.«

Als ich nach dem Abendbrot zu Norbert lief, sah ich schon von weitem das offenstehende Garagentor, aus dem fahles Licht drang. Als ich die Garage betrat, stand Norbert an der Werkbank, die die gesamte rechte Seite des Raums einnahm.

»Jens noch nicht da?«, fragte ich.

Rasch verstellte Norbert mit seinem Körper den Blick auf den Schraubstock, über den er sich gebeugt hatte, und schüttelte den Kopf. Das Band der Augenklappe schnitt in seine verschwitzte Stirn: »Ich zeig’s erst, wenn er da ist.«

Wir sahen uns an. Etwas irritierte mich an Norberts Aussehen, aber ich kam nicht drauf, was.

»Du kennst ihn doch«, sagte ich. »Das kann dauern.«

»Ich kann warten.«

Ich schaute zur Werkbank. Norbert hatte einen schweren Hammer und einen Meißel bereitgelegt. Über der Werkbank hingen an einem Bord schwarz lackierte Zangen. Es roch streng nach Lack und Motoröl.

»Hier seid ihr«, hörte ich Jens’ Stimme in meinem Rücken. »Ich war oben an der Terrassentür.«

Ich gab ihm einen Klaps auf die Schulter: »Wie kann man denn das offene Garagentor übersehen?«

Jens zuckte die Schultern und wandte sich zu Norbert.

»Was ist jetzt? Ich kann nämlich nicht lang bleiben«. Er klopfte mit dem Finger auf seine Digitaluhr. »Muss um neun zu Hause sein.«

Statt zu antworten, zog Norbert ein Päckchen Zigaretten hervor, schnippte eine heraus und steckte sie sich in den Mund. Dann winkte er uns heran und trat zur Seite.

In dem Schraubstock klemmte eine Handgranate.

Erschrocken machte ich einen Schritt zur Seite.

»Wo hast du die denn her?«, fragte ich.

»Gefunden.« Norbert nahm sein Zippo aus der Hosentasche, legte den Kopf schräg und zündete die Zigarette an.

»Mach das Feuerzeug aus«, rief Jens. »Willst du, dass wir in die Luft fliegen?«

Genüsslich ließ Norbert die Flamme einen weiteren Moment brennen, bis er den Deckel zuschnappte.

»Ist wahrscheinlich keine richtige Granate«, sagte er. »Hab ich auf dem Truppenübungsplatz gefunden.«

»Da kommt man doch gar nicht rein«, sagte Jens.

Das stimmte – das Gelände war ringsherum mit einem Stacheldrahtzaun gesichert.

»Snake kommt überall rein.«

»Und was hast du damit vor?« Ich konnte den Blick nicht von dem Schraubstock abwenden. Das eiförmige Ding, das dort zwischen den Stahlbacken klemmte, sah einer echten Granate verdammt ähnlich – bis hin zu dem Steg mit dem Sicherungsring, der seitlich aus dem Schraubstock herausragte.

»Mal sehen, was drin ist.« Norbert griff nach dem Hammer.

»Spinnst du?« Jens’ Stimme hallte laut von den Blechwänden der Garage. »Das Ding kann hochgehen.«

»Ist doch nur ’ne Übungsgranate.« Norbert grinste. »Vielleicht.« Er nahm den Meißel in die andere Hand.

»Ich gehe.« Jens wandte seinen Blick hilfesuchend zu mir. »Der ist doch irre.«

»Das macht er sowieso nicht«, sagte ich kraftlos.

»Meinst du?« Norbert setzte den Meißel auf die Granate, dort wo der Steg mit dem Metallkörper verbunden war.

»Das ist doch bekloppt.« Meine Stimme zitterte. »Was soll da schon groß drin sein?«

»Keine Ahnung. Vielleicht Schwarzpulver oder so. Finden wir es raus.« Er umklammerte den Griff des Hammers, dass die Knöchel weiß hervortraten, und hob den Arm.

Ich rührte mich nicht, starrte Norbert nur an. Alles war hier falsch, dachte ich, falsch seit dem Moment, als ich die Garage betreten hatte. Und ich konnte noch immer nicht sagen, was mich irritierte. Bis mein Blick auf Norberts Augenklappe fiel. Sie saß auf der falschen Seite.

Was ich dann machte, war purer Reflex, eine Bewegung, weil ich mich aus meiner Erstarrung lösen wollte. Ich machte einen Schritt auf Norbert zu und riss ihm die Augenklappe vom Kopf.

Das Geräusch des zu Boden fallenden Meißels dröhnte durch den Raum. Ich starrte auf meine Hand, in der ich die Augenklappe hielt. Dann blickte ich hoch zu Norbert. Sein Gesicht war weiß, wirkte jetzt entblößt. Dann sah ich es. Das Auge, das zuvor verdeckt gewesen war, war blutunterlaufen, halb zugeschwollen und von lila Flecken umgeben.

Wir sprachen danach nicht über den Abend, sondern taten, als wäre nichts passiert. Jeden Morgen gingen Norbert und ich weiter zusammen zur Bushaltestelle, doch die wortlosen Pausen zwischen uns wurden länger. Norbert schrieb auf der Fahrt wie üblich meine Hausaufgaben ab, zwischendurch rissen wir Witze über unsere Lehrer, dann sahen wir schweigend aus dem Fenster.

In den Pausen waren wir nur noch zu zweit. Jens stand jetzt bei den Jungs von der Programmier-AG. All die anderen, die uns nach Norberts Wurf ihre Aufmerksamkeit geschenkt hatten, beachteten uns nicht mehr. Alex, der Punk, nicht und schon gar nicht Svenja und ihre Clique.

Außerhalb der Schule sah ich Norbert kaum noch. Eine stille Übereinkunft schien zwischen uns zu bestehen, dem anderen aus dem Weg zu gehen. Ich gestand es mir erst nicht ein, aber während ich gelangweilt mit dem Walkman auf meinem Bett lag, vermisste ich die Videonachmittage, das gemeinsame Herumlungern an der Bushaltestelle. Ich wusste nicht, ob es Norbert genauso ging.

Ein Mal sah ich ihn noch, zufällig, auf dem Weg zur Eisdiele des Dorfs, die Ende des Monats für den Winter schließen würde. Ich hatte gerade mein Fahrrad angekettet, als ich ihn über den Marktplatz laufen sah. Er steckte in seiner Snake-Lederjacke, unter der er, obwohl die Tage jetzt kühl waren, weiter ein ärmelloses T-Shirt trug.

Er hastete über den Platz, den Blick auf den Eingang des Videoladens gerichtet. Er war schon fast an mir vorbei, dann aber hielt er an, wedelte mit der Kassette in seiner Hand und sagte mit schiefem Lächeln: »Hab ich mit meinem Vater geschaut.« Dann verschwand er, ohne ein weiteres Wort, hinter der dunklen Glastür der Videothek.

Als erstes hörte ich die Sirene. Zunächst achtete ich nicht darauf, dachte, es sei das Signal für den Schichtwechsel in der Magnetfabrik. Doch das Heulen kam näher und als ich aus dem Küchenfenster blickte, raste auf der Straße vor unserem Haus das Blaulicht eines Feuerwehrwagens vorbei. Dann sah ich die Wolke – eine aschgraue Wand, die über Norberts Haus in den Himmel quoll.

Ich lief die Straße hinunter, eine zweite Sirene heulte schon in meinem Rücken. Nachbarn kamen aus ihren Gärten und starrten in den rauchdunklen Himmel.

Vor Norberts Haus versperrte ein quer stehendes Polizeiauto die Straße. Aus dem Schlafzimmer im ersten Stock leckten gelbe Flammen, rußten die Fassade darüber schwarz. Zwei Feuerwehrleute entrollten aus dem Bauch eines Löschfahrzeugs einen armdicken Schlauch. Ein Mann mit einer Axt in der Hand schrie Befehle. Die Luft roch beißend nach Feuer.

»Ist noch jemand da drin?« Der Feuerwehrmann zeigte mit der Axt zum Haus, den Blick zu den umstehenden Nachbarn gewandt. Herr Strunk, der nebenan wohnte, wackelte mit dem Kopf: »Habe niemand rauskommen sehen.«

»Wir müssen wissen, ob noch jemand in Gefahr ist«, sagte der Feuerwehrmann und sah dabei auch in meine Richtung.

Ich lief los.

»Wo willst du hin?«, hörte ich den Mann hinter mir rufen.

Ich hastete die steil ansteigende Wiese neben dem Haus hinauf, drehte mich auf halbem Weg um und rief keuchend: »Die Terrassentür.«

Als ich die Rückseite des Hauses erreicht hatte, sah ich Rauch, der von innen gegen die Fensterfront des Wohnzimmers drückte. Der Feuerwehrmann hatte mich eingeholt und griff mich am Arm.

»Wo willst du hin, Junge?«

»Die Tür«, sagte ich atemlos, »die ist meistens offen.«

Der Feuerwehrmann rüttelte am Türgriff. Nichts bewegte sich.

»War einen Versuch wert.« Der Feuerwehrmann wandte sich wieder zum Gehen.

Ich presste mein Gesicht gegen die bereits heiße Scheibe, in der Hoffnung, irgendetwas sehen zu können, aber das Wohnzimmer war voll von undurchdringlichem Qualm. Ich schlug mit der Faust gegen das Glas.

»Das hat keinen Sinn.« Der Feuerwehrmann riss mich von der Tür weg.

Vor dem Haus war ein Krankenwagen eingetroffen. Die Flammen schlugen nun aus allen Fenstern des ersten Stocks. Die herumstehenden Leute sahen uns erwartungsvoll an, als wir die Wiese herunterkamen. Der Feuerwehrmann lief zu seinen Leuten und sagte: »Wir brechen die Vordertür auf.«

Doch in dem Moment ging die Tür von selbst auf. Norberts Vater torkelte heraus, in Unterhemd und Jogginghose. Ein Raunen ging durch die Reihen, zwei Sanitäter kamen gelaufen, aber er wehrte sie vor dem Eingang kniend ab und deutete auf die offene Tür.

»Der Junge«, schnaufte er, »hat mich geweckt.« Ein Hustenanfall schüttelte seinen zitternden Körper. »Er ist noch drin.«

Die Sanitäter nahmen Norberts Vater zwischen sich und führten ihn zum Krankenwagen. Die Leute waren zur Seite gewichen, auch weil der Rauch, der aus der Tür trat, nun die Straße in Nebel hüllte.

Drei Feuerwehrmänner setzten ihre Atemschutzmasken auf. Der Mann mit der Axt gab ein Zeichen und sie gingen los. Zwei waren schon im Dunkel des Hauseingangs verschwunden, als jemand aufschrie.

Norbert kam die Wiese hinuntergelaufen, auf den rauchenden Ärmel seiner Lederjacke einschlagend.

»Er ist hier«, rief einer der Sanitäter, dann zu Norbert gewandt: »Zieh die Jacke aus.«

Aber das war gar nicht so einfach. Denn Norbert hielt etwas in seiner Hand, was er nicht loslassen wollte. Als er mich sah, hielt er das Ding in die Höhe.

»Ich hab sie gerettet«, rief er. Ich sah jetzt, was es war. Norbert hielt eine an den Rändern schon verschmorte Videokassette in der Hand.

Am nächsten Tag besuchten wir Norbert im Krankenhaus. Er lag in einem Zweibettzimmer, zusammen mit einem Mann, dessen Husten genauso krank klang wie der von Albert aus dem Videoladen. Norberts linker Arm war bandagiert, aber sonst sah er okay aus, nur etwas blass.

»Was wollt ihr denn hier?«, sagte er, als wir uns zwei Stühle heranzogen. Ich erschrak fast, denn zum ersten Mal seit langem sprach er nicht mit seiner Snake-Stimme.

»Den Helden von Krotzenroth besuchen, was sonst«, antwortete ich. Norbert verzog den Mund.

»Das ganze Dorf redet über dich«, sagte Jens und griff nach der Augenklappe, die auf dem Nachtisch lag. Norbert nahm sie ihm ab und warf sie neben sich auf die Bettdecke.

»Ach, die reden doch über jeden Scheiß.« Er wich unserem Blick aus und zupfte an seinem Verband.