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Bis in die späten 1960er-Jahre war Südtirol ein bitterarmes Land, das vor allem jungen Menschen wenig Perspektiven bot. Gut bezahlte Arbeit und neuer Wohnraum blieben vielfach der italienischsprachigen Bevölkerung vorbehalten. Anders als im deutschsprachigen Ausland war eine adäquate Ausbildung in deutscher Sprache kostenpflichtig und daher oft unerschwinglich. Hinzu kam die prekäre politische Lage. Die Angst vor dem italienischen Militärdienst oder mit der „Feuernacht“ von 1961 in Verbindung gebracht zu werden, bewog viele junge Männer, ihre Heimat zu verlassen. Bei den jungen Frauen war es dagegen oft der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben. Die bewegenden Erfahrungen von zwei Frauen und zwei Männern im Zuge ihrer Auswanderung werden einfühlsam und fesselnd geschildert.
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Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Die Drucklegung dieses Buches wurde ermöglicht durch die Südtiroler Landesregierung/Abteilung Deutsche Kultur.
Prolog
MITGLIED NUMMER EINS
Karl Fink,
Jahrgang 1942, Ritten
1962–1968 Stuttgart
DIE TOTALE FREIHEIT
Christine Paugger Schanninger,
Jahrgang 1946, Bozen
1963/1964 Ludwigshafen, seit 1966 Speyer
IM KRIEGSEINSATZ
Luzia P.,
Jahrgang 1947, Pustertal
1965–1989 München, 1969/70 Vietnam,
1987/88 Saudi-Arabien, 1989–2014 Dänemark
LEBEN AUS DEM KOFFER
Eduard Wörndle,
Jahrgang 1943, Seis am Schlern
1958–1961 Innsbruck, seit 1961 Wangen im Allgäu
Glossar
Die im Glossar aufgeführten Begriffe sind im Text
kursiv
hervorgehoben.
Danksagung
„Heimat im Gepäck“ ist der Titel des vorliegenden Buches, für das ich mich auf die Suche gemacht habe nach Zeitzeugen, die mir aus ihrem Leben erzählen. Aus der Zeit, als sie in den späten 1950er- und in den 1960er-Jahren aus Südtirol ausgewandert sind. Diese Menschen waren bei ihrem Auswandern alle sehr jung, meist knapp 20 Jahre alt. Sie waren auch nicht auf der Suche nach einer neuen Heimat, wie noch bei der Option, sondern ihre Beweggründe zu gehen, waren andere.
Zwei Frauen und zwei Männer haben mir ihre Lebensgeschichte anvertraut. Ich war eine geduldige Zuhörerin. In einem aufwendigen Prozess habe ich aus ihren Erinnerungen Geschichten ausformuliert, bei denen es mir wichtig war, einen fesselnden Handlungsverlauf aufzubauen, der das Lesepublikum in seinen Bann zieht. Dass dies gelingt, mag auch daran liegen, dass jede der vier Geschichten in diesem Buch auf wahren Begebenheiten beruht.
Weil die Inhalte in den Geschichten real erlebt und gelebt wurden, war es mir wichtig, die Privatsphäre jener zu wahren, deren Lebenserinnerungen ich verschriftlichen durfte. Um dies zu gewährleisten, war es den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern freigestellt, den bürgerlichen Namen anzuführen oder anonym zu bleiben. Genauso wie ihnen die von mir ausformulierten Geschichten zur Einsicht vorlagen, um diese gegenzulesen und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen.
Die wirtschaftlichen Verhältnisse in Südtirol waren nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die späten 1960er-Jahre ausgesprochen prekär. Armut und Not beherrschten das bäuerlich geprägte Land. Dass hier der Aufschwung erst später als im restlichen Italien oder in vielen Teilen Europas einsetzte, war der politischen Situation geschuldet. Statt einer echten, gewährte Italien nur eine Scheinautonomie. Unter deren Deckmantel die Italianisierungspolitik des faschistischen Italiens fortgesetzt und der Zuzug Tausender italienischsprachiger Arbeitskräfte forciert wurde. Gut bezahlte Arbeitsplätze und neuer Wohnraum blieben der deutschsprachigen Bevölkerung meist verwehrt. Anders als im deutschsprachigen Ausland war eine adäquate Ausbildung in deutscher Sprache kostenpflichtig und daher oft unerschwinglich. Häufig blieb einzig der Knechtsdienst bei einem Bauern und damit der sichere Weg in die Armut. Junge Männer bewog die Perspektivlosigkeit im eigenen Land, die Heimat zu verlassen, aber nicht selten auch die Angst vor dem italienischen Militärdienst oder die Sorge, mit dem politischen Widerstand, der sich ab Mitte der 1950er-Jahre formierte, in Verbindung gebracht zu werden. Bei den jungen Frauen war es dagegen oft der Wunsch nach einem selbstbestimmten Leben.
Mögen die Beweggründe zum Auswandern vielfältig gewesen sein, die Sehnsucht zur Heimat blieb allen ein Begleiter. In jeder der vier Geschichten war es mir wichtig, diesen Bezug zum Buchtitel „Heimat im Gepäck“ herauszuarbeiten. In Ermangelung eines eigenen Landes definieren wir „Heimat“ über die Subebene unserer gemeinsamen Geschichte, den gleichen Background, den Dialekt, über gemeinsame Erlebnisse und Erfahrungen. Dieses gemeinsame Narrativ ist es, was Heimat ausmacht. Und diese „Heimat“ haben wir immer in unserem persönlichen Rucksack dabei: Heimat haben wir immer im Gepäck.
Sabine Peer
Karl Fink, Jahrgang 1942, Ritten
1962–1968 Stuttgart
„Lasst uns einen Verein gründen! Einen Verein für uns Südtiroler“, rief Karl und strahlte in die Runde. Seine Augen funkelten jeden Einzelnen von ihnen an. An die zwölf junge Männer, darunter auch ein paar Frauen, alles gebürtige Südtiroler, saßen um dem Wirtshaustisch im „Wienerwald“. Mindestens einmal im Monat kamen sie zuverlässig hier zusammen. Die Gastwirtschaft am Stuttgarter Rotebühlplatz hatte eine gute Atmosphäre. Hier fühlten sich die Südtiroler ein Stück weit wie zuhause. Was auch daran gelegen haben mag, dass die Wirtschaft von Bernhard Stecher, einem Südtiroler aus dem oberen Vinschgau, geführt wurde. An diesem Abend waren sie aus einem bestimmten Grund zusammengekommen. Karl ergriff erneut das Wort: „Einen Verein für uns. Für unsere Belange.“ Jeder in der Runde wusste sogleich, wovon Karl sprach. Von einem Stück Zuhause in der Fremde.
Karl war lange nicht der Älteste unter ihnen, aber er war inzwischen auch schon drei Jahre in Stuttgart. Die Sorgen und Nöte, die einem fern der Heimat heimsuchen konnten, waren ihm durchaus vertraut. Obwohl er es gut getroffen hatte. Das konnte er getrost bejahen. Seit Kurzem bewohnte er sogar ein Einzelzimmer im Kolpinghaus. Der pure Luxus! Auch, wenn der nicht von selbst gekommen war. Aber Karl hatte nicht lockergelassen und sich kontinuierlich um die Verbesserung seiner Wohnsituation bemüht. Die ersten Jahre bewohnte er noch mit zwei weiteren Gesellen ein Dreibettzimmer, dann – im Vorjahr – durfte er ins Zweibettzimmer ziehen. Und nun – das Einzelzimmer. Das war schon etwas anderes. Denn sein eigenes kleines Reich zu haben, fühlte sich einfach gut an. Alles, was er brauchte, war da. Bett. Schrank. Tisch. Stuhl. Sogar ein eigenes Waschbecken mit fließendem Wasser war im Zimmer. Die Gemeinschaftstoiletten waren draußen auf dem Gang. Und wenn Karl duschen wollte, dann gab es dafür eine ganze Reihe von Nasszellen im Keller. Der Einwurf einer Münze, die sie beim Hausmeister für wenig Geld erwerben konnten, reichte aus, um den Wasserzulauf durch den an der Decke montierten Brausekopf zu starten. Aber das Duschgeld konnte sich Karl gewöhnlich sparen. Zumindest unter der Woche. Denn da gab es die Möglichkeit, sich den Schweiß von der Arbeit gleich in der Firma abzuwaschen, wo ausreichend Duschen für die Arbeiter bereitstanden. Seine Firma – auch das ein Glücksfall!
Seit Karl am 7. Januar 1962 seinen ersten Arbeitstag in Stuttgart angetreten hatte, war er bei der großen Druckerei „Stähle & Friedl“ beschäftigt. Und die Zusicherung, dass er dort anfangen konnte, hatte er schon in der Tasche, da arbeitete er noch beim „Amonn“ in Bozen. In dieser Druckerei in der Bozner Museumstraße hatte er seine Ausbildung zum Drucker absolviert. Bestimmt wäre er dort nach der Gesellenprüfung, die Karl im Dezember 1961 gleich beim ersten Anlauf geschafft hatte, übernommen worden. Aber da hatte Karl schon seinen Entschluss gefasst. Er wollte weg aus Südtirol! Etwas von der Welt sehen, seinen Horizont erweitern. Und auf die Idee, in größeren Maßstäben zu denken, hatten ihn Freunde und Kollegen gebracht. Die waren etwas älter, in ihren verschiedenen Berufen schon ausgelernt und zum Arbeiten bereits ausgewandert. Mit ihnen war Karl in Kontakt geblieben, und so erfuhr er, wie gut es ihnen in der Fremde erging, dass alles in Fülle vorhanden war. Unterkünfte und Arbeitsplätze. Man könne sich sogar aussuchen, wo man anfangen möchte. Auch die Bezahlung war besser. Weit besser als das, was man in Südtirol bekam. Aber der höhere Lohn war nie das gewesen, was Karl dazu bewogen hatte, nach Deutschland zu gehen. Etwas verdient hatte er auch schon in seinen vier Lehrjahren beim „Amonn“. Viel brauchte er ja ohnehin nicht und dafür, dass er selbst für Kost und Logis im Lehrlingsheim aufkommen konnte, hatte sein Verdienst stets gereicht.
Karl kann sich noch gut an das Glücksgefühl erinnern, das er empfand, als er die Zusage erhielt, er könne am 1. Oktober 1957 mit seiner Ausbildung zum Drucker beim „Amonn“ anfangen. Das war gar nicht selbstverständlich gewesen, denn Ausbildungsplätze waren in Südtirol für die deutschsprachige Bevölkerung rar gesät. Dafür gab es junge Arbeitswillige noch zuhauf. Viel zu viele aus den kinderreichen Kleinbauernfamilien widerstrebte es, sich als Knecht oder Magd bei einem Großbauern zu verdingen. Denn das bedeutete Ausbeutung von morgens früh bis abends spät bei bescheidener Entlohnung und meist auch noch schlechter Verpflegung und schlechter Unterbringung. Die Aussicht, ein Handwerk zu erlernen, um damit der Armut zu entgehen, ließ viele junge Männer ihr Glück bei einer Tischlerei, einer Kfz-Werkstatt, einer Schlosserei versuchen. Aber Handwerksbetriebe waren begrenztes Gut, und in den gigantischen Werkshallen in der Bozner Industriezone bekamen so gut wie keine deutschsprachigen Südtiroler einen Arbeitsplatz. Diese blieben meist ausschließlich den italienischen Mitbürgern vorbehalten, deren Massenzuwanderung aus den italienischen Regionen nach Südtirol im Zuge der Italianisierung des Landes noch während des Faschismus stark gefördert wurde. Noch lange nach Ende des Zweiten Weltkriegs bewirkten die beträchtlichen finanziellen Anreize durch den Staat, dass die Unternehmen in der Industriezone es vorzogen, Italiener einzustellen. Auf einen Arbeitsplatz in den Großbetrieben der Metallverarbeitung, Fahrzeugherstellung und Energiegewinnung aus Wasserkraft brauchten die Deutschsprachigen daher nicht zu hoffen, was ihre Perspektiven im Land erheblich einschränkte. Und so war auch Karls Suche nach einem Ausbildungsplatz nicht sofort von Erfolg gekrönt gewesen. „Nein, wir brauchen niemanden“, hatte er mehrmals zu hören bekommen. Dass er schließlich die Zusage von der Druckerei „Amonn“ bekam, war nur gelungen, weil er einen Fürsprecher hatte, einen Rittner wie Karl selbst. Man half einander, das war gang und gäbe in den ländlichen Gemeinden. So auch auf dem Ritten, wo Karl aufgewachsen war.
Die Eltern – beide gebürtige Rittner, der Vater Franz war in Klobenstein geboren, die Mutter Filomena stammte vom kleinen Wallfahrtsort Maria Saal – hatten 1930, bald nach ihrer Heirat, den Gasthof „Amtmann“ in Lengmoos gleich gegenüber der Kommende vom Deutschen Orden gepachtet. Dem Deutschen Orden gehörte neben der Kommende, bestehend aus Pfarrkirche, Kommendengebäude und mehreren Nebengebäuden, fast das ganze Dorf, einschließlich weitläufiger Wiesen, Äcker und Wälder. Die Pacht der Eltern beinhaltete sodann nicht nur den Gasthof, sondern auch eine große Bauernschaft mit eigener Metzgerei. Geschlachtet hat der Vater selbst mit seinen Knechten und Helfern vom Dorf. Dann gab es noch einen Fütterer. Dieser war vom Vater eingestellt worden, damit er die Tiere täglich mit Futter versorgte und zusah, dass die Kühe im Stall morgens und abends gemolken wurden. Darüber hinaus hatte er auch darauf zu achten, dass für die Rinder, Rösser, Schweine und Schafe das ganze Jahr über genügend Futter bereitstand.
Die Futterbeschaffung war eine Heidenarbeit, schweißtreibend und zehrend. Wenn im Frühjahr auf den hektargroßen Wiesen der Grünschnitt anstand, hatten alle mitanzupacken. Neben dem Fütterer und den Knechten vom Hof kamen noch fünf, sechs Mäher vom Dorf und natürlich halfen auch Karl und seine Geschwister. Vorweg gingen die Männer mit ihren Sensen, hinter ihnen her lief Karl mit der Heugabel in den Händen, um das frisch gemähte Gras zum Trocknen auszubreiten. Tags darauf mussten sie zum Heuwenden antreten. Und am zweiten oder dritten Tag nach dem Mähen tauschten sie die Heugabel gegen den Rechen. Denn da wurde das nun getrocknete Heu zusammengerecht, um es auf den Ladewagen zu hieven und in die Scheune zu bringen. Alles eine Mordsarbeit, die durch schlechtes Wetter erheblich in die Länge gezogen werden konnte. Weshalb nicht nur hart, sondern, besonders wenn die Regenwahrscheinlichkeit stieg, auch schnell gearbeitet werden musste. Da konnte auf keinen verzichtet werden. Noch viele Jahre lang, selbst als Karl schon längst in der Lehre war, kam er für die Heuarbeit zuverlässig nach Hause.
Aber nicht nur bei der Heuarbeit hatte man tüchtig mitanzupacken, sondern auch beim Bebauen der zum Hof gehörenden ausgedehnten Äcker. Roggen, Rüben, Gerste, Futtermais. Karls Aufgabe bestand darin, die Ochsen zu führen. Der Boden musste bereitet werden, um die Saat auszubringen. Voraus gingen die beiden Ochsen unter dem Joch, daneben die Kinder, die zusehen mussten, dass der eine Ochse stets in der Furche ging, der anderer aber außerhalb der Furche blieb. Hinter den Ochsen drückte der Knecht den Pflug in die Erde. Tagelang sind sie mit den Ochsen auf den großen Äckern aus-und eingefahren. War die Aussaat beendet, hatten sie bei der Ernte wieder mitzuhelfen. Begonnen wurde im Langes mit dem Roggen. War der abgeerntet, wurde der Acker erneut mit dem Pflug bearbeitet und die Rüben oder der Plent, der Buchweizen, hineingesät, der stets die zweite Ernte war.
Das Korn wurde zur Mühle gefahren, wo der Müller es zu Mehl mahlte. Mit dem Mehl hat man das eigene Brot, die Breatlen, gebacken. Zweimal im Jahr hat Karls Familie den hauseigenen Backofen, der im Freien stand, angeheizt. Die Knechte haben das Aufheizen übernommen, die Mägde haben den Brotteig angerührt. Von auswärts kam ein Bauer, der gemeinhin als guter Brotbäcker bekannt war. Sie, die Kinder, durften die frisch gebackenen, herrlich duftenden Breatlen im Anschluss hinauf in den Speicher bringen, wo ausreichend Brothurten von der Decke hingen. In diese Holzgitter schob man hintereinander die Breatlen, damit sie vollständig austrocknen und damit über Monate gelagert werden konnten.
Alles, was sie und die Tiere zum Leben brauchten, wurde auf dem Hof selbst erwirtschaftet. Nichts wurde dazugekauft. Auch das Fleisch, selbst für die Gastwirtschaft, kam von der eigenen Metzgerei. Von den Hühnern kamen die Eier. Von der Kuhmilch wurde der Rahm abgeschöpft, um daraus durch tatkräftiges Stampfen im Butterkübel Butter zu gewinnen, und von den eigenen Feldern kam das Gemüse: Kartoffeln, Zwiebeln, Weißkraut, Blumenkohl. Einzig etwas Weizenmehl hat die Mutter von auswärts erworben. Für die Gäste.
Der „Amtmann“ war ein alteingesessener Gasthof. Gut und gerne besucht von den Einheimischen. Zu jedem festlichen Anlass, ob Erstkommunion, Firmung oder Taufe, ging man fürs Festmahl zum „Amtmann“. Zumindest, wer es sich leisten konnte. Aber es kamen auch viele Gäste von auswärts. Schon in den 1950er-Jahren reisten viele deutsche Urlauber für mehrere Wochen an, und über die Hochsommerwochen im August waren die Fremdenzimmer bis unters Dach mit italienischen Gästen belegt. Für sie hauptsächlich backte die Mutter aus dem Weizenmehl feine Mehlspeisen und weiches Weißbrot.
Weiches, weißes Brot hatte Karl aber schon viel früher kennengelernt, da war er kaum drei Jahre alt gewesen. Aber nicht die Mutter hatte damals dieses Weißbrot gebacken, sondern deutsche Wehrmachtssoldaten hatten ihm von diesem Brot zu kosten gegeben. Es hatte köstlich geschmeckt. Weit besser als das harte dunkle Brot, das er ansonsten zu essen bekam. An den vorzüglichen Geschmack dieses Weißbrots kann sich Karl gut erinnern und daran, dass sie in jenen Monaten vor Ende des Zweiten Weltkriegs öfter in den Luftschutzkeller mussten. Das gefiel ihm weniger. Sie hatten gleich zwei Luftschutzkeller in Lengmoos. Einer war im Widum und einer bei ihnen in der Kommende. Karl mochte weder in den einen noch in den anderen. Wenn die Sirenen losgingen, lief das ganze Dorf zusammen: die Tante Mena, die Mama, der Tata, die Geschwister und noch jede Menge anderer Leute. Lieber als in den Luftschutzkeller lief Karl beim Sirenengeheul in den Stall zu den Tieren. Da legte er sich zu den Kälbern oder Schafen, spürte deren Wärme und hörte deren Herzschlag. Das beruhigte ihn weit mehr, als dichtgedrängt in den Kellerräumen darauf zu warten, bis sie nach ein paar Stunden wieder zurück in ihren Alltag durften. Verantwortlich für den Bombenalarm bei ihnen in der Idylle in Lengmoos war die deutsche Wehrmacht. In Oberbozen bei Maria Himmelfahrt hatte sie eine Flak positioniert. Einige von den Soldaten, die dazu abkommandiert waren, von dort die alliierten Bombengeschwader über Bozen abzuschießen, waren bei ihnen in der Kommende einquartiert und gingen bei Karl zuhause gewissermaßen ein und aus. Von irgendwoher mussten sie mitversorgt worden sein, zumindest bekamen sie dieses weiche, köstliche Weißbrot, aber man sah sie auch beim „Amtmann“ in der Gaststube sitzen, wo ihnen von der Mutter in der Gasthausküche zubereitete Speisen aufgetragen wurden.
Auch nach dem Krieg blieb die Gastwirtschaft Mutters Reich. Ihr half eine Magd und für die Gaststube kam eine Bedienung von auswärts. Aber auch die beiden älteren Schwestern von Karl waren beim Bewirten der Gäste zugegen. Genauso wie sie den Waschfrauen in der Waschküche zur Hand gehen mussten. In der Gastwirtschaft und in den Fremdenzimmern fiel jede Menge an Schmutzwäsche an. Berge an Laken, Bettbezügen, Handtüchern, Tischdecken und Stoffservietten. Gewaschen wurde gewöhnlich einmal im Monat, aber auch öfter, wenn es nötig war. Die schöne große Waschküche befand sich gegenüber dem Gasthof in den Kellerräumen der Kommende. Gleich zwei Räume waren dafür vorhanden, ein Vorraum und der eigentliche Waschraum mit riesigem Holzzuber und großem Herd, wo in dem ausladenden Kessel das Wasser erhitzt wurde. Stand das große Waschen an, trommelte Lies, die Zugehfrau, mehrere Frauen aus den Dörfern zusammen, die sich als Waschweiber beim „Amtmann“ etwas dazuverdienen konnten. Ein oder zwei Tage – je nachdem wie hoch die Wäscheberge waren – dampfte es aus der Waschküche und hörte man das Klopfen und Schrubben auf den Waschbrettern, auf denen die Frauen die Wäsche bearbeiteten, ehe die Laken, Tischtücher und Servietten mehrfach ausgespült werden mussten, um sie von der Lauge zu befreien. Im Übrigen war auch die Seife selbst hergestellt. Dann erst stand das Auswringen an. Auch das die reinste Schwerstarbeit, anstrengend und kräftezehrend. Schließlich konnte die frisch gewaschene Wäsche zum Trocknen aufgehängt werden, unterm freien Himmel. Nicht gerade, dass Karl sich darum stritt, die trockene Wäsche von den Wäscheleinen zu holen, sie zusammenzufalten, in die Körbe zu legen und diese zum Bügeln in die dafür vorgesehenen Räume zu bringen, aber bedeutend lieber als die Schinderei der Frauen beim Waschen war ihm das Zommtian, wie sie diesen Arbeitsvorgang nannten, allemal.
Mit der Waschküche verband Karl dennoch eher wohlig warme Erinnerungen. Denn diese war zugleich ihr Baderaum. Meist samstags wurde dafür im breiten Kupferkessel das Wasser heiß gemacht. Nacheinander durften seine fünf Geschwister und Karl dem Alter nach in den großen Holzzuber steigen. Dass ein jeder frisches warmes Wasser bekam und dass es beim Baden angenehm warm im Waschraum war, dafür sorgte die Tante Mena. Sie hieß Filomena wie die Mutter und war die Schwester vom Vater Franz. Tante Mena war verheiratet, doch ihre Ehe war kinderlos geblieben. Sie lebte mit Karl und seinen Geschwistern in der Kommende, wo sie eine große Wohnung bewohnten. Vier Schlafzimmer, Küche, Stube und Baderaum im Keller. Die Eltern hatten ihr eigenes Zimmer im Gasthof „Amtmann“. Dort reichten die Räumlichkeiten wegen der Fremdenzimmer nicht aus, um die ganze Familie zu beherbergen. Aber gegenüber im Kommendengebäude war Platz genug. Nur samstags und sonntags aßen sie im Gasthof, ansonsten wurden sie, die Kinder, in der Kommende von Tante Mena bekocht. Sie war es auch, die dafür sorgte, dass ihre Betten frisch bezogen waren, ein jeder saubere Kleidung am Leib hatte und dass die Wohnung geputzt wurde. Der Vater und die Mutter lebten drüben im Gasthof. Nur an Weihnachten oder bei Festlichkeiten kamen die Eltern zu ihnen herüber, wo sie gemeinsam feierten. Sie, die Amtmann-Kinder und Tante Mena, waren aber nicht die Einzigen, die im mehrstöckigen Kommendengebäude eine Wohnung hatten. Auch der Schmied wohnte dort mit seiner Frau und den fünf Kindern, dann lebten noch die Frau Kathi und die Frau Mali in einer Wohnung in der Kommende, und im Erdgeschoss war die Hebamme zuhause. Neben der Wohnung der Hebamme befanden sich zwei weitere Zimmer. Diese wurden als Schulräume genutzt.
Lengmoos hatte ein eigenes Schulhaus, aber die darin vorgesehenen Klassenzimmer platzten schnell aus allen Nähten, weshalb Ausweichräume gefunden werden mussten. Das ganze Dorf war damals noch voll von Kindern. In jeder Familie gab es eine ganze Schar davon. Seit 1923 lag die obligatorische Schulpflicht in Italien bei acht Jahren. Nach fünf Jahren Grundschule konnte nach Möglichkeit eine weiterführende dreijährige Schule besucht werden. Da sich solche weiterführenden Schulen aber ausschließlich in den größeren Städten befanden, behalf man sich in den ländlichen Gegenden damit, dass die Kinder mehr oder minder acht Jahre lang in die Grundschule, die gemeinhin als Volksschule bekannt war, geschickt wurden. So war das auch in Lengmoos.
Sie, die Amtmann-Kinder, hatten durchaus eine privilegierte Stellung im Dorf. Das konnte Karl spüren. Sie wohnten mitten im Dorf, hatten zuhause den Gasthof, die Metzgerei und die Landwirtschaft, und von Schule und Kirche trennten sie nur wenige Meter. Sicher, er und seine Geschwister hatten zuhause auch mithelfen müssen, aber Armut oder gar Not hat er seine ganze Kindheit über nie gekannt. Sie hatten immer genügend Lebensmittel und die Einnahmen von Gasthof und Metzgerei reichten, um sich das, was nicht eigenständig erwirtschaftet werden konnte, zu leisten. Dass es aber nicht allen so erging, blieb nicht verborgen. Die Bauernkinder von den höher gelegenen Höfen mussten mit entschieden weniger auskommen, und oft waren lange und beschwerliche Wege herunter zur Schule zu bewältigen, bei Wind und Wetter. Vor der Kirche wartete die Lehrerin, um gemeinsam in der Früh um 7.30 Uhr die Schülermesse zu besuchen. Im Anschluss ging man zur Schule für den Vormittagsunterricht, von 8 Uhr bis 11 Uhr. Dann gab es die zweistündige Pause, und am Nachmittag war wieder von 13 Uhr bis 15.30 Uhr Schule. Während Karl in der Mittagspause schnell in der Kommende war, wo Tante Mena schon mit dem Essen auf ihn und die Geschwister wartete, mussten die Kinder von den entfernteren Bauernhöfen mit dem vorliebnehmen, was sie dabeihatten, und das war oft nicht mehr als etwas Milch und ein paar harte Brotstücke. Nach der Schule wartete dann erneut der weite und nicht selten steile Heimweg auf sie, ehe sie sich erschöpft zuhause an die Erledigung der Hausaufgaben machen konnten. Außer donnerstags. Da war immer schulfrei. Dieser freie Tag war ein Zugeständnis an die Bauernfamilien. Wenigstens an einem Tag in der Woche blieben die Kinder zur Mithilfe zuhause: Kühe hüten, Mist ausbringen, Kartoffeln setzen. Für Karl aber war das der schönste Tag der Woche. Denn so entfiel auch die Schulmesse in der Früh, was bedeutete, dass sie – zumindest die Kinder vom Dorf – an einem Tag in der Woche länger schlafen konnten. Und wenn die Hausaufgaben erledigt waren, blieb viel Zeit, um sich mit den anderen Dörfler-Kindern zu treffen, herumzutoben und sich allerlei Unfug auszudenken.
Für die Kinder, die in entlegeneren Fraktionen, wie Bad Siess, Tann oder Pemmern, zuhause waren – sodass der Schulweg bis hinunter nach Lengmoos zu Fuß gerne eine Stunde und mehr in eine Richtung betragen hätte – hatte man in Bauernstuben Schulen eingerichtet. Im Dorf herunten nannte man diese Schulen „Tschurtscheleschule“, da die Kinder, die dort in den Bauernstuben die Schulbank drückten, von Höfen und Weilern stammten, die so weit oben lagen, wo nur mehr Tschurtschen, also Tannenzapfen, wuchsen. In Lengmoos kannte man dennoch alle Kinder von der „Tschurtscheleschule“ in Bad Siess. Auch wenn sie sich den weiten Weg herunter für die Schule sparen durften, für jeden Gottesdienst hatten sie zur Kirche in Lengmoos zu kommen. An den Sonntagen und zu jeder kirchlichen Feier wie Taufe, Erstkommunion, Firmung oder Beerdigung. Wenn die Burschen von den „Tschurtscheleschulen“ wollten, konnten sie auch einen Ministrantendienst übernehmen, aber erwartet hatte man das vor allem von den Buben im Dorf, so wie Karl.
Sie waren die Dörfler. Ihr Weg in die Kirche war ein kurzer, und so hatten sie dem Mesner zur Hand zu gehen, beim Wetterläuten oder beim Herrichten des Heiligen Grabes, da waren sie noch gar keine richtigen Ministranten. Dazu musste man alt genug sein und ausgebildet werden. Aber sie waren mit Eifer dabei. Das Ministrieren war ein sehr begehrter Dienst unter den Buben. Auch Karl hatte den Tag herbeigesehnt, bis er endlich nach seiner Erstkommunion vom Pfarrer die Gebete ausgehändigt bekam. Alle auf Latein. Diese galt es zu beherrschen. Wort für Wort. Das Auswendiglernen war ganz schön anstrengend. Confiteor Deo omnipotenti, sprach Karl im Gedanken vor sich hin, beatae Mariae semper Virgini, während er half, die Wäsche abzuhängen, beato Michaeli Archangelo, oder bei jeder anderen sich bietenden Gelegenheit. Je schneller man die Gebete konnte, desto eher bekam man vom Pfarrer die Erlaubnis, mit der Ausbildung zum Ministranten zu beginnen. Karl und seine Klassenkameraden haben da durchaus einen gewissen Ehrgeiz entwickelt. Jeder wollte unter den Ersten sein. Hatte man nach Abfragen bewiesen, dass man die lateinischen Gebete aufsagen konnte, durfte man beim Kooperator vorstellig werden.
Nun galt es, die diversen Griffe zu üben, sich mit den verschiedenen Zeremonien vertraut zu machen und nichts zu verwechseln. Bei jeder Messe waren mehrere Buben zum Ministrieren eingeteilt. Nur die gewöhnliche Frühmesse, die täglich um 6 Uhr gehalten wurde, bestritt der Pfarrer mit seinen zwei Kooperatoren alleine. Außer in der Adventszeit. Da wird anstelle der Frühmesse die Rorate gefeiert, mit Chor und Rauchfass. Selbstverständlich mussten auch jede Menge Ministranten schon frühmorgens ihren Dienst tun. Ansonsten hatten sie, wenn auch immer nur einige von ihnen, bei der Schülermesse zu ministrieren. Bei den Hochämtern dagegen waren gerne an die 20 Ministranten am Altar. Jeder eingekleidet und der Größe nach aufgestellt. Voraus gingen die Kleinsten. Jene, die sich bereits besonders hervorgetan hatten, bekamen vom Pfarrer die begehrten Aufgaben übertragen: Kerzenhalter tragen, Glöckchen läuten, Wein- und Wasserkännchen halten, Messbuch auf den Altar legen, Rauchfass schwenken. Was die begehrteste Aufgabe überhaupt war. Nur jene, die schon viele Jahre den Dienst des Ministranten ausgeübt hatten, wurden vom Pfarrer für das Tragen des Rauchfasses in Betracht gezogen. Stolz und erhaben ging man dicht beim Pfarrer, das Rauchfass schwenkend, in der sicheren Überzeugung, die letzte Sprosse in der Hierarchie des Ministrantendienstes erklommen zu haben.
Mit großer Ehrfurcht übte auch Karl den Dienst des Ministrierens aus. Bis auf die Wetterämter. Das waren Andachtsprozessionen an den Sonntagnachmittagen im Sommer. Um 14 Uhr bei der größten Hitze ging es los. Auf dem Kirchplatz versammelten sich die Gläubigen. Je eine Lesung aus einem der vier Evangelien wurde vorgelesen, darauf folgte der Segen des Pfarrers und die Prozessionsgruppe marschierte weiter zur nächsten Station. Voraus ging der Pfarrer, das Allerheiligste, die Monstranz, tragend, ihm folgten die zwei Kooperatoren und mindestens 15 Ministranten in dicken Gewändern mit Kerzenhaltern, Gebetsbänken und den großen Kirchenfahnen. Der Schweiß rann den Buben und Kirchenmännern von der Stirn und über den Rücken. Die Sonne brannte vom Himmel, die angezündeten Kerzen trugen das Ihre dazu bei, um die Hitze noch zu steigern, und die Zahl der mitlaufenden Gläubigen wurde von Mal zu Mal geringer. Als schließlich nur mehr eine Handvoll alter kopftuchtragender Frauen, gottesfürchtig und ehrerbietig, zur Wetteramtsprozession um den Kirchplatz erschienen, da reichte es dem Pfarrer dann selbst.
„Das mögen wir bleiben lassen“, wandte er sich kopfschüttelnd an die Ministranten, während er sich den Schweiß von der Stirn tupfte, „nur wegen uns brauchen wir bei der ärgsten Hitze den Kirchplatz auch nicht mehr auszugehen!“ Und von da an hatte es mit den Wetterämtern in Lengmoos ein Ende.
Dass die Gläubigen einer vom Pfarrer angesetzten Messe, Andacht oder Prozession nicht Folge leisteten, blieb aber die absolute Ausnahme. Man orientierte sich an der wiederkehrenden, festgelegten Abfolge von kirchlichen Festen und Festzeiten, nach der sich vor allem die Gottesdienstpraxis und Liturgie richteten. Karl wäre es demnach nie im Traum eingefallen, seinen Ministrantendienst aufzugeben, nur, weil er sich entschloss, die Volksschule in Lengmoos nach Abschluss der fünften Klasse zu verlassen.
Eine weiterführende dreijährige Schule war nach fünf Jahren Grundschule vom italienischen Schulsystem durchaus vorgesehen, aber in den ländlichen Gemeinden machte kaum jemand Gebrauch davon. Was zum einen daran lag, dass es dergleichen weiterführende Schulen nur in einigen Städten gab, zum anderen sowohl Schulbesuch wie Unterkunft oder zumindest der Transport Kosten verursachten, die von den Leuten auf den Dörfern meist nicht zu stemmen waren. In Karls Familie gab es solche finanziellen Probleme nicht. Obwohl der Vater, aber auch die Mutter es gerne gesehen hätten, wenn wenigstens eines ihrer Kinder Interesse an der Bauernschaft, der Metzgerei oder am Gasthof gezeigt hätte, so unterstützten und finanzierten sie deren Berufswünsche dennoch bereitwillig.
Bereits Karls ältere Brüder waren schon nach der fünften Grundschule nach Bozen gegangen, um zunächst eine weiterführende dreijährige Schule zu besuchen und dann sogar auf das Gymnasium zu wechseln, das sie nach weiteren fünf Jahren mit der Matura, dem Abitur, abschlossen. Während ihrer Gymnasialzeit waren sie im Heim in Bozen untergebracht. So auch Karls Schwester, die sich zur Lehrerin ausbilden ließ. Die einzige Lehrerbildungsanstalt im Land befand sich damals in Meran, weshalb neben den Schulgebühren auch die Kosten für das Internat bei den „Englischen Fräulein“ anfielen. Die zwei weiteren Schwestern von Karl hatten Freude am Kochen. Um ihnen die Ausbildung zu ermöglichen, wurde zunächst die ältere zu Ordensschwestern nach Rom geschickt, wo sie für ein gutes Dreivierteljahr Italienisch lernen und sich in den Künsten der italienischen Küche ausbilden lassen konnte. Wenige Jahre später, als auch Karls jüngere Schwester diesen Wunsch hegte, ermöglichte man auch ihr diese Kochausbildung in Rom.
Als Karl sich mit elf Jahren bereits entschieden hatte, in die Fußstapfen seiner Brüder zu treten und für die drei noch anstehenden Pflichtschuljahre nach Bozen zu fahren, als Einziger von seinem Jahrgang übrigens, und die Eltern diesen Entschluss gutgeheißen hatten, da ereilte die Familie unerwartet ein Unglück. Der Vater, obwohl erst 51 Jahre alt, litt schon länger unter einem schwachen Herzen. An jenem Nachmittag klagte er über dergleichen Beschwerden und legte sich nach dem Mittagessen für eine kurze Rast nieder. Als er ungewöhnlich lange nicht mehr erschien, ging die Mutter in die Kammer, um nach dem Rechten zu sehen. Sie fand den Vater leblos in seinem Bett. Der plötzliche und unvermittelte Tod des Vaters war ein schwerer Schlag. Doch dank der vielen helfenden Hände in Bauernschaft, Metzgerei und Gasthaus, die die Mutter unterstützten, allen voran Tante Mena, ging das Leben in Karls Familie einigermaßen geordnet weiter. So kam es auch nicht in Frage, dass eines der Kinder von seinen ursprünglichen Plänen hätte Abstand nehmen müssen. Es sei schließlich auch im Sinne des Vaters gewesen, dass ein jedes eine anständige Ausbildung bekäme, entschied die Mutter. Und so konnte sich auch Karl, wie beabsichtigt, im Herbst 1953 mit seinem Schulranzen zum ersten Mal auf den Weg nach Bozen machen.
Der Weg von Lengmoos in die Landeshauptstadt war damals noch durchaus ein abenteuerliches Unterfangen. Zeitig in der Früh marschierte Karl los. Den Weg zum Bahnhof nach Klobenstein bewältigte er zu Fuß in etwa einer Viertelstunde. In Klobenstein setzte er sich in die Rittner Bahn, die ihn bis nach Oberbozen brachte, wo in Maria Himmelfahrt die Bergstation der Zahnradbahn stand. Hier wurde der Triebwagen an die Zahnradlokomotive angekuppelt, die den Zug auf den folgenden gut vier Kilometern über die Strecke talwärts ausbremste und so den Höhenunterschied von 900 Metern bei einer Höchstgeschwindigkeit von sieben Stundenkilometern bewältigte. In der Talstation am Rittner Bahnhof wurde die Zahnradlokomotive abgekoppelt, und der Triebwagen fuhr wieder solo über den Bozner Bahnhof bis zur Endstation auf dem Bozner Waltherplatz. Von hier ging es für Karl zu Fuß weiter über den Kornplatz zum Rathausplatz und schließlich die Bindergasse hinauf zur Weggensteinstraße, wo sich die kaufmännische Vorbildungsschule befand. Für drei Jahre war dies nun sein täglicher Schulweg. Etwa eindreiviertel Stunden hin und erneut eindreiviertel Stunden retour war Karl unterwegs, bis er wieder zuhause ankam. Das war durchaus anstrengend, aber Karl gefiel der Unterricht.
Die ganzen neuen Fächer: Stenografie, Maschinenschreiben, kaufmännisches Rechnen. Das hätte er in der Volksschule in Lengmoos nie gelernt. Auch wenn Karl sich nicht wirklich fürs Lernen begeistern konnte, so hatte er doch ausreichende Noten. Bis auf Italienisch. Mit dieser Sprache tat er sich einfach schwer. Mag sein, dass das auch daran lag, dass er, im Gegensatz zu seinen Klassenkammeraden in Bozen, auf dem Dorf und nicht in der Stadt aufgewachsen war. Die Stadtler konnten alle besser Italienisch, aber die hatten auch viel mehr Möglichkeiten, italienisch zu sprechen, fand Karl. Bei ihm oben in Lengmoos war alles nur deutsch. Und mit den italienischen Urlaubsgästen im Sommer hatte er sich sowieso nicht großartig unterhalten.
Tat er sich mündlich in Italienisch schwer, brachte Karl schriftlich noch weniger zustande. Die ersten beiden Jahre in der kaufmännischen Vorbildungsschule bewältigte er noch einigermaßen, aber im dritten Jahr, dem Abschlussjahr, hatte der Italienischlehrer kein Nachsehen mehr. Karl bekam eine Nachprüfung. Was nun erst recht dazu beitrug, dass Karl mit Italienisch gänzlich auf Kriegsfuß stand. Seine Abneigung hinderte ihn dann auch konstant am Lernen, was sich natürlich auf das Resultat auswirkte: Er fiel durch. Die nichtbestandene Nachprüfung reichte aus, um den gesamten Abschluss zu vereiteln. Er hatte die Klasse zu wiederholen. Aber das kam für Karl gar nicht erst in Frage.
„Ich schmeiß die Schule hin! Kein weiteres Jahr fahre ich mehr nach Bozen! Auf keinen Fall!“, wütete er mit verheulten Augen, als er das negative Zeugnis der Mutter überreichte. Ihr strenger Blick verriet, dass sie mit der Leistung ihres Sohnes in keiner Weise zufrieden war. Und weil Karl ahnte, dass ein Schulabbruch nicht in ihrem Sinne sein konnte, beeilte er sich hinzuzufügen: „Ich geh arbeiten, da brauche ich keinen Schulabschluss!“
„Du irrst dich, Karl“, widersprach die Mutter entschieden, „die Schule wirst du abschließen. Ganz bestimmt sogar! Aber nicht in Bozen. Du kommst nach Brixen ins Kassianeum. Dort werden sie dir die Flausen schon austreiben! Das soll deine Strafe sein!“
Den Priestern, unter deren Führung das Schülerheim Kassianeum stand, eilte ein unguter Ruf voraus. Sie sollten dort ein strenges Regiment führen. Rigide und unerbittlich. Wer sich nicht ducke und an die strikten Regeln halte, habe mit drakonischen Strafen zu rechnen. Und büffeln bis zur Erschöpfung stehe ohnehin an der Tagesordnung. Da werde kein Durchfallen geduldet. Solche und ähnliche Weisheiten hatte Karl zuhauf zu hören bekommen. Auch, wenn er nicht allzu viel darauf gab, wurde ihm mit jedem Tag, an dem die Abreise näher rückte, mulmiger zumute. Nicht zuletzt deshalb, weil er wusste, er würde für lange Zeit fort sein. Das Kassianeum zu verlassen, um nach Hause zu fahren, war nämlich nur während großer christlicher Feiertage gestattet. Was natürlich genau dem Ruf dieser gebieterischen Heimführung entsprach und mitnichten dazu beitrug, dass es Karl leichter ums Herz wurde. Aber es half alles nichts. Die Mutter ließ sich nicht erweichen, und Karl hatte sich zu beugen. Beklommen war ihm zumute, als er sich zu Schulbeginn im Herbst 1956 nach Brixen ins Kassianeum aufmachte. Und dann kam alles anders.
Es war einfach nur herrlich! Karl erlebte sein allerbestes Schuljahr überhaupt. Da es das letzte Pflichtschuljahr war, das Karl zu besuchen hatte, gehörte er schon zu den „Größeren“, was ihm erlaubte, in ein Achtbettzimmer einzuziehen. Die Jüngeren waren noch im großen Schlafsaal mit 40 Betten untergebracht. Insgesamt waren sie an die 100 Burschen im Schülerheim. Wenn auch die Gymnasiasten, die in Zweibett- und Einzelzimmern wohnten und sogar einen eigenen Studiersaal benutzen durften, das Sagen hatten, so fühlte sich Karl dennoch rundum wohl. Die Schüler murrten zwar über „Zustände wie in einer Kaserne“ oder auch von „Zuchthaus“ war die Rede, aber Karl hat das nie so empfunden. Sicher, das Regiment war straff geführt: Zeitig musste man raus aus den Federn, nach dem Glattziehen der Bettdecken und der Katzenwäsche mit kaltem Wasser führte der erste Weg in die Kirche zur täglichen Frühmesse, erst anschließend gab es Frühstück. Dieses galt es zügig einzunehmen, da noch eine kurze Studierzeit einzuhalten war, ehe sich die Zöglinge, die genauso wie Karl die kaufmännische Vorbildungsschule besuchten, gemeinsam auf den kurzen Weg vom Kassianeum hinauf zum Domplatz machten. Hier befand sich neben dem Rathaus die kaufmännische Vorbildungsschule. Da Karl sich ja auch zuhause schon in aller Herrgottsfrüh auf den Weg machen musste, um die erste Bahn, die um 6.15 Uhr abfuhr, nicht zu verpassen, machte ihm das frühe Aufstehen längst nichts mehr aus. Und der Schulweg von unter fünf Minuten war geradezu lächerlich kurz im Vergleich zu den von Karl gewohnten eindreiviertel Stunden, die er von Lengmoos hinunter zur Schule in Bozen gebraucht hatte.
Karl liebte das Leben in Brixen. Das lag an den unzähligen Dingen, die hier angenehmer waren. Allen voran das Schülerheim. Der Regens, Priester Widmann, war ein sehr verständiger Mann, den Karl einfach mochte. Das Ministrieren machte ihm großen Spaß. Und sie durften im Heim sogar Theaterspielen. Von den Ordensschwestern, die für das Zubereiten der Speisen zuständig waren, bekamen sie öfter mal heimlich eine Leckerei zugesteckt. Der Ausgang der Burschen, die noch nicht im Gymnasium waren, war zwar sehr streng geregelt und ausschließlich in der Gruppe erlaubt, aber Karl hatte das Glück, Verwandte in Brixen zu haben. Daher gestattete ihm Pfarrer Widmann, das Kassianeum auch alleine zu verlassen, um ins Gasthaus „Fink“ unter den Brixner Lauben zu gehen.
Bei Hans, dem Wirt und Cousin von Karls Vater, und seiner Frau Frieda war Karl stets willkommen. Frieda fand auch immer etwas Gutes zum Essen oder eine süße Mehlspeise, die sie Karl auftischte. Diese ließ er sich gerne schmecken und freute sich schon, sich im Anschluss mit Helmuth, dem Sohn von Hans und Frieda, die Zeit zu vertreiben. Helmuth war zwar um ein Jahr jünger, aber wegen Karls Wiederholungsjahr saßen sie dennoch in derselben Klasse. Auch das ein Grund, warum Karl in Brixen bedeutend lieber zur Schule ging. Aber das lag auch ein klein bisschen am Italienischlehrer. Den mochte Karl, und dieser verfügte wohl neben fachlichem Wissen auch über gute didaktische Fähigkeiten. Italienisch war für Karl zumindest kein Problem mehr. So erreichte er das Klassenziel mit guten Noten in allen Fächern. Aber da er, das hatte Karl doch eingesehen, beim Lernen nicht die gleichen Erfolge erzielte wie seine Brüder, zog er den Wechsel aufs Gymnasium gar nicht erst in Betracht. Das bedeutete auch, dass er nach seinem Schulabschluss Brixen und das Kassianeum wieder verlassen würde. Was Karl zwar überaus bedauerte, was aber auch sein Gutes hatte. Denn sie, die Buben vom Dorf, waren noch regelrechte Hinterwäldler, ahnungslos und unbedarft, im Vergleich zu den Burschen, die hier aus dem ganzen Land zusammenkamen. Die kannten längst allerlei Wissenswertes über Laster und Ausschweifung und waren beim Anlernen allzu gern zur Stelle. Man konnte es somit durchaus als eine Fügung des Schicksals sehen, wenn Karl von hier fortmusste, denn im Kassianeum hätte er bestimmt noch einige Gaunereien erlernt.
Die Schule war nichts für Karl. Selbst nach dem bestandenen Abschluss wusste er, das war nicht sein Weg. Auch die Landwirtschaft machte ihm keine Freude und die Arbeit im Gasthaus erst recht nicht. Aber das Druckerhandwerk wollte er erlernen. Den Ausbildungsplatz hatte er von seinem Bekannten vermittelt bekommen, und so begann er nach etlichen Absagen schließlich am 1. Oktober 1957 in der Druckerei „Amonn“ mit seiner Ausbildung, die vier Jahre dauern sollte. In seiner Lehrzeit arbeitete Karl unter der Woche im Betrieb, wo er sich mit sämtlichen Maschinen vertraut machen konnte, und an den Samstagen besuchte er für die theoretischen Fächer die Berufsschule. Neben den herkömmlichen Unterrichtsfächern, Deutsch, Mathematik, Italienisch, wurden hier nun die spezifischen Fächer wie Farbenlehre, Druckprozess oder Druckverarbeitung gelehrt. Da die Arbeit beim „Amonn“ bereits um 7.30 Uhr losging, Karl mit der Rittner Bahn aber frühestens um 8 Uhr in Bozen gewesen wäre, hatte er sich von Anfang an um einen Wohnplatz in Bozen zu kümmern. Die ersten beiden Monate wohnte er privat bei einer Familie, dann wurde ein Platz im Lehrlingsheim in der Kapuzinergasse frei. Drei Jahre sollte er dort wohnen, ehe er für ein Jahr ins Gesellenhaus, ins Bozner Kolpinghaus, wechselte.
In dieser Zeit wohnte man sowohl im Lehrlingsheim, wo an die 30 bis 40 Männer untergebracht waren, als auch im Kolpinghaus, bei ebenso vielen Männern, noch recht primitiv. Man schlief gewöhnlich zu dritt im Zimmer. In den Stockwerken und in den Zimmern gab es nur kaltes Wasser. Geheizt wurden die Räume gar nicht. Wer sich mit warmem Wasser duschen wollte, musste dafür extra zahlen. Viele der Männer wohnten in Ermangelung einer anderen Bleibe das ganze Jahr über im Gesellenhaus. Entweder waren sie schon Waisen oder stammten aus sehr kinderreichen Familien, wo zuhause schlicht der Platz fehlte.
Karl erging es da etwas besser. Er konnte im Winter den kalten Räumen zumindest an den Wochenenden entfliehen. Wenn es möglich war, machte er sich schon freitags nach der Arbeit auf den Weg mit der Rittner Bahn hinauf nach Lengmoos, wo Tante Mena bereits den großen Kupferkessel mit Wasser gewärmt hatte, damit Karl sich ein warmes Bad gönnen konnte. Auch seine Schmutzwäsche durfte er mit nach Hause bringen, sodass die Waschfrauen sie reinigen und bügeln konnten. Und wenn er sich am Sonntagabend wieder auf den Weg nach Bozen machte, wurde er von Tante Mena noch mit allerlei Leckerbissen beglückt. Karl erhielt schon während seiner Lehrzeit einen Lohn, für seine Unterkunft im Lehrlingsheim oder im Gesellenhaus konnte er immer selbst aufkommen, aber wenn er sich die eine oder andere Mahlzeit sparen konnte, dann war ihm das natürlich recht. Obwohl ihm das Essen im Gesellenhaus sehr schmeckte. Da kochte die Barbl. Das war eine gute Köchin, die hatte ihr Handwerk durchaus verstanden.
Als sich Karls Lehre dem Ende neigte, und die Gesellenprüfung immer näher rückte, stand die Frage nach seinem weiteren Werdegang im Raum. Denn auf Karl wartete die Wehrpflicht. Alle wehrdienstfähigen Männer zwischen 17 und 19 Jahren hatten in Italien verpflichtend zur Musterung zu gehen und anschließend Militärdienst zu leisten. Aber genau das wollte Karl auf gar keinen Fall. Allein die Vorstellung, er müsse zwei Jahre bei den Walschen zum Militär, machte ihm arg zu schaffen. Viel zu viele Schauergeschichten hatte er sich darüber schon anhören müssen. Die deutschsprachigen Südtiroler kämen sowieso in den tiefsten italienischen Süden, wie das schon bei seinem Bruder zutraf, den man bis hinunter nach Neapel geschickt hatte. Was aber für Karl fast noch schlimmer war, das waren die kursierenden Reden über arge Schikanen wegen fehlender Sprachkenntnisse. Und bei seiner Vorgeschichte mit dem Italienischen hatten ihm dergleichen Reden völlig ausgereicht. Für Karl stand fest: Zum italienischen Militär würden ihn keine zehn Pferde bringen. Da hörte er von der Möglichkeit, mit einem mindestens fünfjährigen Arbeitsvertrag im Ausland das Militär zu umgehen. Man müsse zwar zur Musterung, konnte aber den Eintritt zum Wehrdienst jährlich aufschieben, bis man nach fünf oder sechs Jahren schließlich den begehrten congedo, den Abschied, ausgehändigt bekam. In der Zeit bis zum congedo war der Aufenthalt in Italien nur begrenzt erlaubt. Jede Einreise musste gemeldet werden, und nach spätestens einem Monat musste man das Land wieder verlassen. Aber das nahm Karl gern in Kauf. Was er nun brauchte, war ein Arbeitsvertrag im Ausland. Und den bekam er über seine Kollegen, mit denen er beim „Amonn“ gearbeitet hatte. Die waren längst „draußen“, berichteten von den paradiesischen Zuständen auf dem dortigen Arbeitsmarkt und hatten Karl schon wiederholt den Mund wässrig gemacht. Das kann ich auch!, war sich Karl in Gedanken sicher. Nun galt es nur noch die Mutter von seinem Vorhaben zu überzeugen.
„Ich gehe nach Stuttgart, zum Arbeiten“, sagte Karl bemüht, keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit seiner Absicht zu lassen. Er hatte noch ein paar Wochen bis zur Gesellenprüfung im Dezember, aber er wusste, wenn er der Einberufung zum italienischen Heer entgehen wollte, benötigte er schon vorher einen Arbeitsvertrag im Ausland. Die Mutter musste ihm einfach ihr Einverständnis geben, das er mit 19 Jahren, und daher noch minderjährig, benötigte!
„Nach Deutschland? Ohne Arbeitsgenehmigung geht das sowieso nicht“, gab die Mutter zu bedenken.
„Die bekommt man sofort. Man braucht nur einen Arbeitsvertrag, und eine Wohnadresse muss man vorweisen. Mehr nicht“, beeilte sich Karl, Mutters Einwand zu entkräften.
„Arbeit und Wohnung? Das wird bestimmt nicht so einfach sein“, war sich die Mutter sicher.
