Dienstmädel in Bella Italia - Sabine Peer - E-Book

Dienstmädel in Bella Italia E-Book

Sabine Peer

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Beschreibung

Hausmädchen, Kindermädchen, Gesellschafterin – die Arbeitsbereiche bei den reichen, italienischen Dienstherren waren vielfältig. Die Umstände, die Südtiroler Mädchen, oft nicht älter als 17 Jahre, in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts dazu bewogen, in den Haushalten des fremden Italiens eine Dienststelle anzutreten, waren es auch. Geboren und aufgewachsen in der deutschen Provinz im Norden, waren sie auf dem Papier wohl selbst Italienerinnen, aber mit ihrem „Vaterland“ verband sie wenig bis nichts. Ihre Lebensrealität in der damals armen Bergregion Südtirol war zu verschieden von Italien mit seiner anderen Kultur und fremden Sprache. Der erstarkende Tourismus in den Nachkriegsjahren, der viele vermögende italienische Gäste nach Südtirol brachte, schaffte häufig die Berührungspunkte. Und die einfachen Bauernmädchen haben zahlreich ihre Chance ergriffen. Sie wollten aus ihren bescheidenen, ländlichen Strukturen ausbrechen, die fremde Sprache erlernen, Geld verdienen, etwas von der großen, weiten Welt erleben. Jedes hat seine eigene Geschichte. Im Buch werden die Erlebnisse der Heldinnen aus der auktorialen Perspektive erzählt. Das Gerüst der Erzählungen beruht in allen Fällen auf wahren Begebenheiten, sodass die Lesestücke Einblick gewähren in gleichermaßen spannende wie ergreifende Biographien, die das Leben inszenierte. Die Geschichten erzählen somit kurzweilig und fesselnd von Ausbeutung, von Müßiggang, von irritierenden Abenteuern, von aufregenden Dienstreisen ins Ausland und vom Finden des persönlichen Lebensglücks.

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Seitenzahl: 237

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Drucklegung dieses Buches wurde ermöglicht durch die Südtiroler Landesregierung/Abteilung Deutsche Kultur.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Danksagung

Wie im Schlaraffenland Maria Aschbacher Ebert, Jahrgang 1939, Pustertal 1956–1965 Mailand

In der Ewigen Stadt Herta F., Jahrgang 1937, Pustertal 1957/58 Rom

In Genua und London Helene Thalmann Morandell, Jahrgang 1934, Überetsch 1953–1955 Genua, 1957/58 London

Über Mailand nach Spanien Othilde H., Jahrgang 1940, Pustertal 1958–1966 Mailand

Portofino, ti amo Edeltraud Morin Casazza, Jahrgang 1932, Eisacktal 1949–1959 Mailand und Portofino

Glossar

Prolog

„Dienstmädel in Bella Italia“ ist zuallererst ein Lesebuch. Ein Lesebuch, dessen Gerüst das Leben selbst geschrieben hat. Denn jede Geschichte beruht auf wahren Begebenheiten, die mir durch Erzählungen der Zeitzeuginnen und zum Teil auch ihrer Angehörigen zugänglich gemacht wurden: Oral History – mündlich weitergegebene Alltagsgeschichte. Dadurch, dass mir ihre Lebenswelt, Sichtweisen, Erinnerungen anvertraut wurden, konnte dieses Buch entstehen, dessen Inhalte schon nur deshalb berühren, weil sie real erlebt und gelebt worden sind.

Die Geschichten meiner Heldinnen habe ich aus der auktorialen Perspektive erzählt. Als allwissende Erzählerin standen mir damit alle Möglichkeiten zur Verfügung, um sämtliche Momente der lebensgeschichtlichen Erinnerungen in die Lesestücke einfließen zu lassen – unabhängig davon, wer mir diese erzählt hat. Aber nicht alles, was ich geschrieben habe, hat sich wortwörtlich auch so zugetragen. Gelegentlich habe ich mir die künstlerische Freiheit der Autorin genommen, den Stoff vor dem Hintergrund der Historie zu fiktionalisieren. Dort, wo Erinnerungslücken bestanden, habe ich erdachte Inhalte in das von meinen Heldinnen real Erlebte eingeflochten. Immer stand dabei aber die gesteigerte Qualität der Geschichte im Vordergrund. Nicht nur, um einen Mehrwert für das Buch zu schaffen, sondern vor allem auch, um meinen Respekt und meine Dankbarkeit den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern gegenüber auszudrücken. Es war mir daher wichtig, dass die Privatsphäre jener gewahrt bleibt, deren Lebenserinnerungen ich verschriftlichen durfte. Um dies zu gewährleisten, war es den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern freigestellt, ob die Heldin der jeweiligen Geschichte den ausgeschriebenen bürgerlichen Vor- und Nachnamen beibehält oder ob auf ein Pseudonym, fingierter Vornamen mit der Initiale des Nachnamens, zurückgegriffen werden soll. Die von mir ausformulierten Geschichten lagen ebenso den Interviewpartnerinnen und Interviewpartnern zur Einsicht vor, um diese gegenzulesen und gegebenenfalls korrigierend einzugreifen.

Wann immer das persönliche Leben der Heldinnen mit den großen Ereignissen unserer Zeitgeschichte in Berührung kam, habe ich geschichtliche Hintergründe einfließen lassen: die beiden Weltkriege, den Faschismus der Zwischenkriegszeit, die Option, die bittere Not, die in Südtirol bis weit in die 1960er-Jahre herauf reichte. Denn in Südtirol hat der wirtschaftliche Aufschwung erst später eingesetzt als im restlichen Italien oder in vielen anderen Teilen Europas. Das war vor allem der politischen Situation geschuldet. Obwohl bereits 1946 mit dem zwischen Italien und Österreich ausgehandelten „Pariser Vertrag“ beschlossen wurde, dass Südtirol eine Autonomie erhält, ließ die Umsetzung dieses Vertrages 26 Jahre auf sich warten. Erst 1972, am 20. Januar, trat das Zweite Autonomiestatut in Kraft. Ab da setzte auch in Südtirol der wirtschaftliche Aufschwung ein mit der Folge, dass ebenso die Arbeitsmigration der Dienstmädchen in die italienischen Haushalte zurückgegangen ist, bis sie ganz zum Erliegen kam.

Aber die Zeit bis dahin war voller politischer Ungewissheit, die für die Südtiroler Bevölkerung hauptsächlich dadurch zu spüren war, dass Armut und Not im Land länger andauerten. Um diesen, oft erbärmlichen Zuständen in der Heimat zu entrinnen, verließen viele für ein Arbeitsangebot das Land. So ließen sich auch zahlreiche junge Frauen, oft nicht älter als 16, 17 Jahre, in den 1950er und 1960er-Jahren dazu bewegen, bei begüterten italienischen Dienstherren eine Stelle als Stubenmädchen, Kindermädchen, Haushaltshilfe oder Köchin anzutreten. Geboren und aufgewachsen in der deutschen Provinz im Norden Italiens, waren sie auf dem Papier wohl selbst Italienerinnen, aber mit ihrem „Vaterland“ verband sie wenig bis nichts. Ihre Lebensrealität in der damals armen Bergregion Südtirol war zu verschieden von Italien mit seiner anderen Kultur und fremden Sprache.

Der erstarkende Tourismus in den Nachkriegsjahren, der viele vermögende italienische Gäste nach Südtirol brachte, schaffte häufig die Berührungspunkte. Und die einfachen Bauernmädchen haben zahlreich ihre Chance ergriffen. Sie wollten aus ihren bescheidenen, ländlichen Strukturen ausbrechen, die fremde Sprache erlernen, etwas von der großen, weiten Welt erleben und vor allem endlich Geld verdienen, um wirtschaftlich unabhängig zu sein. Jedes „Dienstmädel“ hat seine eigene Geschichte. Eine jede ist es wert, dass sie aufgeschrieben und damit für die Nachwelt erhalten wird. Im Buch „Dienstmädel in Bella Italia“ sind die Lebenserinnerungen von fünf Schicksalsgenossinnen, die für eine Dienststelle nach Italien gegangen sind, festgehalten. Die Lesestücke gewähren Einblick in gleichermaßen spannende wie ergreifende Biografien, die das Leben inszenierte. Sie erzählen von widrigen Lebensumständen, von Ausbeutung, von Müßiggang, von irritierenden Abenteuern, von aufregenden Reisen und vom Finden des persönlichen Lebensglücks.

Sabine Peer

An alle Schicksalsgenossinnen:

Wenn Sie selbst „Dienstmädel“ in Italien gewesen sind und Ihre Geschichte für einen eventuellen Folgeband erzählen möchten, melden Sie sich bitte bei: [email protected].

Danksagung

Mein großer Dank gilt an erster Stelle den Heldinnen meiner Geschichten für ihre Bereitschaft, mir von ihrem Leben zu erzählen, oder auch die Bereitschaft ihrer Angehörigen, dies zu tun: Frau Aschbacher Ebert, Frau F., Frau H., Frau Morin Casazza, Sr. Mathilde, Gabriele Morandell, Günter Morandell und Marianne Prader.

Für ihre Hilfe bei der Suche nach Interviewpartnerinnen bedanke ich mich bei Luciana Bassanello und Johanna Bernardi. Für das positive Feedback in einer frühen Phase danke ich Alexandra Bauer und Gerda Mascher. Florian Ebert und Luis Morin gilt mein Dank für die Unterstützung bei der Geschichte der Mutter bzw. der Schwester.

Großen Dank schulde ich einer wunderbaren Support-Gruppe im Verlag, allen voran der Verlagsleiterin Ingrid Marmsoler und insbesondere dem Programmleiter Stephan Leitner, meinem Fürsprecher, der auch mein Manuskript in fürsorglicher Präzision lektoriert hat.

Bedanken möchte ich mich bei meiner Mutter Martha Urthaler, die selbst als junges Mädchen eine Dienststelle in Italien angetreten hat. Ihre Erinnerungen waren mir Initialzündung und gerne auch Inspiration, wann immer Fiktionalisierung nötig war.

Last, but not least danke ich in inniger Zugewandtheit der Belegschaft in meinen vier Wänden: meiner Tochter Lea-Marie fürs gelegentliche Mitlesen. Und meinem Mann Herbert, der einmal mehr eine große Stütze an meiner Seite war und selbst einem Spontantrip nach Portofino zum Interview zustimmte.

Wie im Schlaraffenland

Maria Aschbacher Ebert, Jahrgang 1939, Pustertal

1956–1965 Mailand

Wie im Schlaraffenland, dachte Maria, strich sich den Rock glatt, erhob sich vom Stuhl neben dem kleinen Schreibtisch und ging hinüber zum Fenster. Wenn sie sich in südöstliche Richtung etwas streckte, konnte sie die höchste Turmspitze des imposanten Schlosses Castello Sforzesco erblicken. Jenes Schloss, in dem einst die Familie Sforza, die Herren von Mailand und der Lombardei, residierte. Direkt vor ihr sah sie hinunter auf die überaus großzügige Parkanlage, den Parco Sempione. Nie hätte sie auch nur zu träumen gewagt, dass das Leben so unbeschwert sein könnte, wie es ihr hier in Mailand bei dem Schweizer Ehepaar Streit, das inzwischen um die 70 Jahre sein mochte, vergönnt war. Sie hatte sogar ihr eigenes kleines Reich – ein helles, hübsches Zimmer mit eigenem Bett, Schrank, Regal, eigenem Schreibtisch, sogar einen eigenen kleinen Balkon, dazu einen schmalen Flur, und – man mag es kaum glauben – ein eigenes Badezimmer mit Toilette und fließendem Wasser! Ihr eigener Bereich war ein kleiner Teil der großen, herrschaftlichen Wohnung der Streit im fünften Stock eines mondänen Hauses in der via Legnano.

Maria konnte ihren Tagesablauf im Wesentlichen selbst gestalten. Als Gesellschafterin von Frau Streit hatte sie wenig zu tun. Die Dame wusste sich ganz gut selbst zu beschäftigen. Im Grunde war eine Gesellschafterin nur deshalb eingestellt worden, weil Frau Streit, nachdem die drei Kinder Lydia, Herbert und Paolo erwachsen und außer Haus waren, um nichts auf der Welt alleine in der weitläufigen Wohnung sein wollte. Dabei reichte es der Dame des Hauses aber völlig, dass sie wusste, das „Mädchen“ war zugegen. Die unmittelbare physische Präsenz der Gesellschafterin war in keinster Weise nötig. Außer um den Lebensmitteleinkauf, wofür Frau Streit ihr täglich den Einkaufszettel zusammenstellte, hatte sich Maria, die für ihren Dienst nicht mal Schürze oder Häubchen zu tragen hatte, nicht wirklich um viel zu kümmern. Selbst für das Saubermachen kamen Zugehfrauen ins Haus. Und so kam es, dass sich Maria den überwiegenden Teil des Tages mit sich selbst beschäftigen konnte. Sie liebte es, einfach nur am Fenster zu stehen und ihren Blick schweifen zu lassen – hinunter auf die breite via Legnano, mit ihrem unablässigen Gewimmel an beschäftigten Menschen und fahrenden Autos, Trambahnen und Kleintransportern, und hinüber in die Parkanlage, deren Ostseite direkt an das Sforza-Schloss angrenzt. Um die Arena Civica, das monumentale Amphitheater im nördlichen Teil des Parco Sempione, zu sehen, brauchte sich Maria nicht mal anzustrengen. Diese lag fast unmittelbar vor ihr. Schmunzelnd erinnerte sie sich an das Rock-’n’-Roll-Konzert, das sie mit Steffi und Peppi, zwei Freundinnen, die genau wie sie selbst im Dienst in Mailand waren, in der Arena besucht hatte. Wie nannte Herr Streit das Konzert gleich noch mal? „So ein Halbstarkengeschrei mit Verrenkungszuckungen!“, hatte er in seinem Schwyzertütsch gesagt, aber man hatte ihr den Besuch nicht untersagt. Obwohl, das musste Maria zugeben, so ganz unrecht hatte Herr Streit nicht, wenn sie an das hektische Hüpfen und ekstatische Tanzen auf der Bühne dachte. Aber Spaß hat es schon gemacht. Steffi, Peppi und sie hatten sich schließlich von den flotten Rhythmen mitreißen lassen und ebenso zu tanzen begonnen wie alle anderen auch.

Das leise Klopfen an ihre Zimmertür riss Maria aus ihren Gedanken. Frau Streit wollte ihr sicher den Einkaufszettel für das heutige Mittagessen bringen. Deren stille Art, genauso wie ihre Erscheinung mit dem kleinen grauen Dutt, empfand Maria als liebenswert. Wann immer die Hausherrin etwas von ihrem „Mädchen“ brauchte, dann kam sie zu ihm in dessen Wohnbereich und klopfte. Sie wusste: Maria hielt sich fast ausschließlich in ihrem kleinen Reich und in der Küche auf, wo sie gelegentlich Frau Streit beim Kochen zur Hand ging. Die Küche war auch der Ort, wo Maria ihr Mittagessen alleine einnahm. Obwohl Herr und Frau Streit ihr angeboten hatten, sie möge doch gerne gemeinsam mit ihnen im Esszimmer zu Mittag und zu Abend essen. Aber das hatte Maria abgelehnt. Das war ihr dann doch zu eng. Da saß sie lieber alleine in der Küche, hatte ihre Ruhe und konnte ihren Gedanken nachhängen.

Ihr Schutzengel. Was hätte sie nur ohne ihn getan? Was wäre nur aus ihr geworden? Ich kenne nicht mal seinen Namen, dachte sie sich. Nur dass er auch aus Südtirol stammen musste, das vermutete sie, denn er hatte sie im Zugabteil wie selbstverständlich auf Deutsch angesprochen, als er sie fragte: „Wohin fahren Sie denn?“ Seit sie von Bruneck, dem Pustertaler Hauptort, kommend, in Franzensfeste in den Zug nach Mailand gestiegen war, saßen sie gemeinsam im Zugabteil.

Früh am Morgen war sie alleine von daheim aufgebrochen mit ihrem kleinen, bescheidenen Koffer, der völlig ausreichte für die wenigen Kleidungsstücke, die Maria besaß. Aufgewachsen war sie mit ihren Geschwistern, den „Schlösslkindern“, wie man sie unten im Dorf nannte, in sehr armen Verhältnissen. Ihr Zuhause war eine baufällige Burganlage, das Schlössl, hoch über Uttenheim, einem sehr kleinen Dorf im Tauferer-Ahrntal, das von Bruneck nordwärts verläuft. Vom Schlössl kam man ins Dorf nur zu Fuß. Maria kannte den Weg wie ihre Westentasche. Eine Dreiviertelstunde benötigte man auf dem steilen Weg hinunter, herauf waren es gute eineinhalb Stunden. Im Winter bei Eis, Tiefschnee und unzureichendem Schuhwerk dementsprechend länger.

Schnee und Eis hatte es an diesem Morgen im Herbst 1956 noch nicht gegeben, und so war Maria gut vorangekommen. Unbedarft und voller Zuversicht, alles werde gut gehen, hüpfte sie mit ihren 17 Jahren den Berg hinunter. Nie hätte sie sich damals vorstellen können, es könnte Menschen geben, die es nicht gut mit einem meinen. Und überhaupt, so war sie überzeugt, war sie beschützt, beschützt vom Herrgott. Das spürte sie. Das Gebet, das Gespräch mit Gott, gehörte täglich auch zu ihrem Leben dazu. So war sie aufgewachsen, hoch oben auf dem Berg. Und abgesehen davon war alles mit der Cousine Zenzl vereinbart worden. Gut, Maria kannte die gut zehn Jahre ältere Cousine überhaupt nicht, hatte sie noch nie gesehen, aber die Mutter hatte alles Nötige mit ihrer Schwägerin Zenze abgesprochen. Mutter und Tochter trugen mit Kreszenz den gleichen Namen, der einmal als Zenze – für die Mutter – und einmal als Zenzl – für die Tochter – abgekürzt wurde. Wie dem auch sei, Maria kannte weder Zenze, noch wusste sie, wer Zenzl war.

Maria wusste aber, dass sie unbedingt gut Italienisch lernen wollte. Das war ihr inzwischen einfach wichtig. In der Schule hatten sie wohl Unterricht auf Italienisch bekommen, aber da man diesem Fach in ihrem Heimatort generell sehr wenig Bedeutung zumaß, hatte auch Maria sich nie besonders angestrengt. Auch für ihre Eltern war nur von Belang, dass man eine gute Note in Religion hatte, das war das Wichtigste. Und dann vielleicht noch in Lesen, Rechnen und Schreiben. Diese Fächer wurden ja allesamt auf Deutsch unterrichtet. Aber Italienisch? Nein. Das konnte vernachlässigt werden. Das zählte nicht. Von anderen Sprachen wie Französisch, Spanisch oder Englisch ganz zu schweigen. Hätte man davon angefangen, hätte man zweifellos einen Rüffler kassiert, man solle sich bloß nichts einbilden und sich irgendwelche Flausen in den Kopf setzen! Das war wohl auch mit ein Grund, warum es Maria aus dem engen Tal fortgezogen hatte.

Nach der Pflichtschule begann sie sofort mit einem Dienst draußen vom Tal beim Hotel „Steger“ in St. Lorenzen. Dieser Ort ist im Grunde genommen auch nur ein Dorf, aber für Maria erschien es, gleich neben der Stadt Bruneck gelegen, geradezu weltmännisch! Italienisch jedoch hat sie dort auch nicht gelernt, und als man ihr auch für das zweite Arbeitsjahr nur ein Gewand, ein paar Schuhe und schäbige 5000 Lire für den ganzen Jahreslohn gab, wechselte sie ins Hotel „Hell“ nach Welsberg, einem Dorf weiter östlich hin zur Grenze nach Österreich. Sie war fest entschlossen, den Dienst nur dann anzutreten, wenn man ihr den Lohn monatlich ausbezahlte, und sie schwor sich, dass sie für so wenig Geld, wie man ihr beim „Steger“ für ein ganzes Jahr gegeben hatte, bestimmt nie mehr arbeiten wollte. Als Frau Hell, die damals im Trauerjahr lebte, weil ihr Mann gerade verstorben war, fragte, wie viel Lohn sie für ihre Arbeit verlangen würde, nahm Maria all ihren Mut zusammen und sagte bestimmt: „10.000 Lire will ich haben. Im Monat.“ Da sah Frau Hell sie mitleidig an, tätschelte Marias Hand und sagte: „Mein Kind, dann gebe ich dir 15.000 Lire.“ Das war für Maria einfach unvorstellbar! So viel Geld! Erst später hatte sie herausgefunden, dass im Gastgewerbe auch schon zu jener Zeit meist das Doppelte bezahlt worden war. Aber vorerst machte sie die Anhebung der Frau Hell um ein ganzes Drittel des von ihr geforderten Lohns regelrecht euphorisch.

Geblieben ist sie dann aber trotzdem nur eine Saison, den Sommer über. Denn weit wichtiger als Geld zu verdienen, war Maria, dass sie gut Italienisch lernte. Das brachte sie nicht mehr aus dem Kopf. Also wechselte sie als Haushaltsgehilfin zu einer italienischen Familie, die in Bruneck lebte. Aber da dort gar kein Wort auf Deutsch gesprochen wurde, sondern ausschließlich italienisch, verstand Maria nun überhaupt nichts, was sie genauso unglücklich machte.

Marias Mutter wusste von den Sorgen ihrer Tochter. Und als die Verwandte, die Zenze, einmal beim Schlössl einkehrte, unterhielten sich die Schwägerinnen. Marias Mutter erzählte vom Wunsch ihrer Tochter Maria, unbedingt Italienisch lernen zu wollen. Da sagte Zenze ganz unerwartet: „Die Zenzl ist in Mailand auf einem Dienst!“ Die Schwägerin versicherte, dass sie ihrer Tochter schreiben und diese nach einer möglichen Arbeitsstelle auch für Maria fragen werde. So war der Kontakt zustande gekommen. Die Zenze hatte tatsächlich ihr Versprechen eingelöst, und so war schließlich ein Brief gekommen, in dem stand, dass es da dieses ältere Ehepaar Streit gebe, Verwandte Zenzls eigener Dienstherren, der Signori Perci, das auf der Suche nach einer Gesellschafterin für die Ehefrau war. Maria solle sich nur auf den Weg nach Mailand machen. Man würde sie dort gerne einstellen.

Von der Zenzl war also alles geregelt worden. Maria machte sich sogleich auf den Weg. Zu Hause hatte niemand etwas gegen die Abreise der Tochter so weit fort in eine ferne Stadt. Der Vater sowieso nicht, der hat sich in solche Dinge nie eingemischt, aber auch die Mutter nicht. Obwohl sie keine blasse Ahnung gehabt hat, wohin ihre Tochter mit 17 Jahren da fuhr und was auf sie zukam. Es war ganz normal, dass die Kinder schon sehr früh zum Arbeiten von zu Hause wegkamen. Das war ihren Brüdern Franz, Anton und Hans genauso ergangen. Sie waren schon im Volksschulalter – der Hans und der Toni gar schon als Siebenjährige – als Knechte auf fremde Höfe gekommen. Dafür kamen die Bauern eigens aufs Schlössl und haben den Vater gefragt: „Hast du nicht einen Buben, ich bräuchte einen für die Stallarbeit.“ Der Vater war stets sehr großzügig und sagte schnell zu. Und so kamen die Brüder schon früh fort. Was die alles mitmachen mussten: viel Arbeit, Strenge und auf das Wort gehorchen, sonst bekam man Schläge. Nur schinden und sich fügen. Wer nicht spurte, der bekam die Rute. Was für eine traurige Zeit. Die Mutter, das wusste Maria, hatte deshalb immer viel gebetet. Um ihre Kinder und besonders um Maria, die als Einzige so weit von zu Hause weggekommen ist. Das hatte Maria immer gespürt. Mental gespürt. Auch später dann all die neun Jahre über, die sie in Mailand geblieben ist. Telefon hatte es ja keines gegeben im Schlössl, auch geschrieben hatte man sich ganz selten, da musste es schon einen besonderen Anlass geben, dass man einen Brief verfasst und aufgegeben hätte. Aber gedanklich war man stark verbunden. Maria hatte wirklich den Eindruck, als rede sie tatsächlich mit der Mutter. Auch jetzt, auf ihrem Weg zu Fuß hinunter nach Uttenheim, hielt sie mit ihrer Mutter in Gedanken Zwiesprache, ging im Geiste nochmals alle wichtigen Punkte, die Zenzl in ihrem Brief geschrieben hatte, durch, versicherte sich, dass sie das Kopftuch, das ihr als Erkennungszeichen auf dem Bahnhof in Mailand dienen sollte, ja nicht vergessen hatte. So hatte es sich Zenzl nämlich ausgedacht: Beide Frauen sollten ein Kopftuch tragen, um sich zu erkennen. Denn weder kannte Zenzl Maria noch hatte Maria Zenzl je gesehen. Aber mit dem Kopftuch sollte das kein Problem sein.

In Uttenheim nahm Maria den Autobus hinaus in die Stadt Bruneck. Auf dem Bahnhof löste sie das Billett nach Mailand. Das nötige Geld dafür hatte sie ja Gott sei Dank in ihrem Portemonnaie. Dass Maria damit ihr letztes Geld ausgab, störte sie nicht weiter, denn bis Mailand würde sie kommen, und dort bekam sie ja mit der Anstellung neben Kost und Logis auch wieder Lohn.

Von Bruneck fuhr der Zug nach Franzensfeste, dem Verkehrsknotenpunkt der Züge aus dem Pustertal für den Anschluss an die Züge der Nord-Süd-Hauptachse der Brennerbahn. Maria kam am Nachmittag an, hatte einen kurzen Aufenthalt, gerade Zeit genug, um in den Anschlusszug nach Mailand zu gelangen. Nun saß sie in dem Zugabteil in Richtung Süden. Die Bahnhöfe von Bozen und Trient zogen an ihr vorbei. Sie saß am Fenster und sah unaufhörlich hinaus. Dann kam Verona. Es wurde immer dunkler draußen. Der Zug sollte um 22 Uhr in Mailand ankommen. Sie wurde immer unruhiger. Sah unentwegt aus dem Fenster. Wurde immer nervöser. Rutschte in ihrem Sessel hin und her. Als sie gerade aus dem Bahnhof von Brescia fuhren, richtete der im Abteil anwesende junge Mann, der wohl nicht viel älter als 25 Jahre sein mochte, seine Frage auf Deutsch an Maria, wohin sie denn fahre. „Nach Mailand!“, brachte Maria gerade noch heraus, so nervös wie sie war. Der Fahrgast lehnte sich daraufhin wieder in seinen Sessel zurück und las weiter in seiner Zeitung. Das war die ganze Konversation bis Mailand. Mehr wollte er nicht wissen, und Maria war viel zu schüchtern, um von sich aus ein Gespräch zu beginnen.

Schließlich fuhr der Zug in den großen Hauptbahnhof, die stazione Centrale, in Mailand ein. Maria nahm ihr bescheidenes Köfferchen, band sich das Kopftuch um, verließ das Abteil, stieg aus dem Zug und wartete folgsam, wie im Brief von Zenzl beschrieben, auf dem Bahnsteig. Zunächst noch hoffnungsvoll, bestimmt werde ihre Cousine sie gleich erkennen. Aber je lichter die Menschenmenge am Bahnsteig wurde, desto verzagter wurde auch Maria. Sie drehte und wandte sich, aber weit und breit war keine Frau zu sehen, die ein Kopftuch trug. Schließlich stand Maria ganz alleine da. Der Bahnsteig war leer. Da schoss es Maria heiß durch den Kopf, dass sie ohne Geld dastand. Ja, dass sie überhaupt keine Lira mehr übrighatte! Was sollte sie nur tun? Ganz alleine in dieser großen, fremden Stadt! Sie, das unbedarfte Bergmädel mit Kopftuch und mehr als mäßigen Italienischkenntnissen! Verzweiflung überkam sie. Im Augenwinkel nahm sie eine Gestalt wahr. Unwillkürlich blickte sie auf. Maria erkannte den jungen Mann aus dem Zugabteil. Er kam näher und fragte: „Auf wen warten Sie?“ Die ganzen Stunden über im Zug hatte sie kein weiteres Wort an den fremden Mann zu richten gewagt als die knappe Antwort auf seine Frage, aber jetzt sprudelte es aus Maria geradezu heraus: „Auf meine Cousine Zenzl! Sie wollte hier auf mich warten. Ich sollte extra ein Kopftuch zur Erkennung umbinden. Auch die Zenzl wollte eines tragen, damit ich sie gleich erkenne. Ganz fest hat sie versprochen, dass sie da ist. Auf dem Bahnsteig.“ Marias Stimme wurde immer verzagter, mit Mühe unterdrückte sie die Tränen: „Aber da ist keine Frau mit einem Kopftuch!“

Selbst jetzt noch in der Wohnung der Streit konnte Maria den Schock, der damals bei ihrer Ankunft auf dem Bahnsteig ihren ganzen Körper lähmte, spüren. Mehr noch. Nun, mit einem gewissen zeitlichen Abstand, war ihr das ganze Ausmaß ihrer damaligen desolaten Lage so richtig bewusst geworden. Sie wäre verloren gewesen. Niemals wäre sie alleine aus Mailand weggekommen. Sie mochte sich gar nicht ausdenken, was ihr alles hätte passieren können! Aber da war dieser junge Kerl, den sie nun „ihren Schutzengel“ nannte. Er hatte wohl die ganze Angst und Ausweglosigkeit in ihren Augen gesehen, als er sie fragte: „Haben Sie eine Adresse?“

„Ja. Eine Adresse habe ich“, schluckte Maria, die den Zettel mit der Adresse der Signori Perci, der Arbeitsadresse der Zenzl, verkrampft in ihren Händen hielt. Zaghaft reichte sie ihn dem jungen Mann.

„Dann kommen Sie mit. Wir nehmen ein Taxi. Ich bringe Sie dorthin.“

Fast erleichtert über dieses in deutscher Sprache vorgebrachte Angebot befolgte Maria die Anweisung des jungen Mannes, nahm ihr Köfferchen und stiefelte hinter ihm her. Am Taxistand ließ dieser gute Mensch, der sich schon recht gut ausgekannt hatte in Mailand, Maria in ein Taxi einsteigen, setzte sich dazu und nannte dem Taxichauffeur in einwandfreiem Italienisch die Adresse auf Marias Zettel.

Am Ziel angekommen, stieg der junge Mann gemeinsam mit Maria aus dem Taxi. Sie öffneten das Eingangsportal und nahmen den Aufzug hinauf in den dritten Stock. Es war schon gegen 23 Uhr. Wie sie die Aufzugstür öffnen, da hören sie schon das ziemlich laute Stimmengewirr der puren Aufregung, die dort herrschte! Vier der fünf Personen, die sich im Stiegenhaus aufhielten, standen mit ihren Händen gestikulierend im Kreis und redeten unkontrolliert auf eine jüngere Frau in ihrer Mitte ein. Die geräuschvoll ins Schloss fallende Aufzugstür schreckte die Gruppe auf. Alle wandten sich um und sahen nach einer Erklärung suchend zur kopftuchtragenden Maria mit ihrem Köfferchen und dem jungen Mann daneben. Einen Augenblick herrschte völlige Stille.

„Bist du die Aschbacher-Maria vom Schlössl?“, wandte sich die jüngere Frau, die sich als Erste wieder gefangen hatte, an Maria, wie sie das Tuch auf Marias Kopf und das bescheidene Köfferchen in deren Hand bemerkte. Als Maria bejahte, wurde sie sogleich von allen fünfen umzingelt. Es stellte sich heraus, dass es sich bei der jüngeren Frau tatsächlich um die Cousine Zenzl Aschbacher handelte. Eifrig wurde berichtet, dass die Zenzl wohl auf dem Bahnhof gewesen war, sogar mit Kopftuch, aber der Bahnhof des Milano Centrale ist ja so riesig. Die Zenzl hat an einer völlig anderen Stelle gewartet als Maria. Wie der Bahnsteig immer leerer geworden ist und sie keine Verwandte mit Kopftuch entdecken konnte, fuhr Zenzl unverrichteter Dinge wieder zurück in die Wohnung der Perci. Dort hatten auch Herr und Frau Streit schon ungeduldig auf die neue Gesellschafterin gewartet, um sie sogleich in Empfang und in den Dienst zu nehmen. Nun war die Zenzl ohne das neue Dienstmädchen wieder vom Bahnhof zurückgekommen. Da war die Aufregung groß, aber nicht etwa, weil man in Sorge über den Verbleib des jungen, naiven Bergmädels war, sondern Herr und Frau Streit waren aufgebracht, weil die versprochene Gesellschafterin fehlte. Da lag bei ihnen natürlich die Vermutung nahe, das Mädchen habe nicht Wort gehalten und war gar nicht erst mit dem Zug angereist.

Maria stand die ganze Zeit über völlig sprachlos dabei. Sie war immer noch benommen von dem Bild vor ihren Augen: verlassen auf dem Bahnsteig und nicht im Geringsten wissend, was sie hätte tun sollen. Geld für eine Fahrkarte nach Hause hatte sie nicht, die Sprache kannte sie nicht, sie wäre völlig verloren gewesen. Der ganze Schreck saß ihr noch dermaßen in den Knochen, dass sie den aufgeregten Trubel um sie herum gar nicht richtig begreifen konnte. Nicht auszudenken, was mit Maria hätte passieren können, wenn es dieser junge Kerl nicht gut mit ihr gemeint hätte. Jetzt hier im Flur vor der Haustür von Zenzls Dienstherren, wo sich herausstellte, dass Maria tatsächlich am richtigen Ort gelandet war, verabschiedete sich der junge Mann ohne viel Aufhebens. Selbst das Geld für das Taxi, das man ihm zurückgeben wollte, lehnte er ab. „Nein, nein! Das ist schon in Ordnung“, sagte er kurz, wandte sich um und eilte die Treppe hinunter. Mein Schutzengel, der mich wohlbehalten an die richtige Adresse gebracht hat, war auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Maria seufzte.

„Fräulein Maria!“, hörte Maria die leise Stimme der Frau Streit, „bitte besorgen Sie uns doch für das Mittagessen noch etwas Weißbrot, Gemüse und Salat. Ich habe Ihnen alles aufgeschrieben.“ Maria öffnet sogleich die Tür und sah in das freundliche Gesicht der Frau Streit. Die Streit aßen häufig außer Haus, besonders abends, aber das Mittagessen, das wurde stets zu Hause eingenommen. Herr Streit, der eine Führungsposition in der Baumwollindustrie innehatte und deshalb auch mit über 70 Jahren, anstelle längst in Pension zu sein, immer noch täglich – außer sonntags – ins Büro ging, kam stets zum Mittagessen nach Hause. Gekocht hatte Frau Streit immer selbst. Gerne half ihr Maria dabei. Und so hatte Maria auch irgendwann mitbekommen, dass Frau Streit kurz vor der Heimkehr ihres Gatten eilig aus der Küche verschwand.

Anfangs hatte Maria das gar nicht richtig wahrgenommen, aber da sich dieses Gebaren täglich wiederholte, wurde Maria doch stutzig und hatte irgendwann nachgesehen, wohin Frau Streit so eilig verschwand. Maria kannte die Räume im Bereich der Herrschaften eigentlich kaum. Was hatte sie auch dort zu suchen? In diesen Räumen musste sie sich um nichts kümmern, und wenn Frau Streit sie brauchte, kam diese zu ihr. Nur gelegentlich betrat Maria den großen Salon, ein edel eingerichtetes Wohnzimmer mit direktem Blick auf das Castello Sforzesco. Oder den kleinen Salon, um etwa eine Blumenvase abzustellen, oder das Esszimmer, wohin sie gewöhnlich nur ging, um den Esstisch aufzudecken, oder wenn sie Frau Streit eine Schüssel mit Beilagen zum Essen nachtrug. Welches der drei Zimmer im hinteren Teil der Wohnung, neben Ankleidezimmer und Badezimmer, das Schlafzimmer der Streit war, darauf war Maria erst zufällig gekommen, als sie nachsah, wohin Frau Streit immer verschwand.

Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk betrat Herr Streit um 12 Uhr die Wohnung, legte Hut und Mantel ab und ging schnurstracks hinauf ins Schlafzimmer, wo er seine Frau wusste. Auf dem Weg dorthin rief er schon: „Grüezi liebe, böse Mam-ma!“, auf Schwyzertütsch und in dieser eigenen Betonung von Mam-ma, so leicht gesungen. Er betrat das Schlafzimmer, wo sich Frau Streit ins Bett gelegt hatte und auf die Liebkosung ihres Mannes wartete. Auf dieses Ritual wollte Frau Streit nicht verzichten. Nur ein Begrüßungsküsschen an der Tür wäre ihr zu wenig, zu oberflächlich gewesen. „Grüezi liebe, böse Mam-ma!“ Weil manchmal, so sagte Herr Streit, sei sie auch böse, die Mama. Das alte Pärchen, Maria schmunzelte etwas in sich hinein, das alte, liebenswerte Pärchen.

Nun nahm Maria Einkaufszettel und Geld entgegen, schlüpfte in ihren Mantel, griff sich Korb und Einkaufsbeutel und verließ die Wohnung. Froh, zur Abwechslung etwas an die frische Luft zu kommen. Gerne machte sie auch ausgiebige Spaziergänge in der riesigen Parkanlange, dem Parco Sempione, in der man sich stundenlang aufhalten konnte, ohne dass es langweilig geworden wäre. Die dafür nötige Zeit war ihr ja Gott sei Dank vergönnt. Der große Teich in der Parkmitte, in dem man die vielen Enten beobachten konnte und sogar Schildkröten lebten, gehörte bald zu Marias Lieblingsorten. Über den Teich führt diese schöne steinerne Brücke, die Brücke der Meerjungfrauen. Den Namen hat die Brücke von den vier steinernen Meerjungfrauen, den Sirenette