Heimat im Wandel -  - E-Book

Heimat im Wandel E-Book

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Beschreibung

Was hält die Menschen im Ruhrgebiet heute zusammen und wo oder wobei wird Gemeinschaft und Gemeinsinn empfunden und gelebt? Gibt es überhaupt noch ein "Wir" im Revier und welche Rolle spielt dabei der Begriff "Heimat"? Jahrzehntelang war der Bergbau für die Menschen identitätsstiftend und sorgte für den Zusammenhalt. Je mehr Einwohner des Ruhrgebiets den Bergbau nicht mehr selbst erlebt haben, desto weniger funktioniert die gemeinsame Vergangenheit unter Tage als sozial-kultureller Kitt. So sind zahlreiche Leerstellen im gesellschaftlichen Selbstbild entstanden. Diesen Fragen stellen sich Expertinnen und Experten der unterschiedlichsten Fachbereiche und kommen damit sowohl der neuen Identität des Reviers auf die Spur als auch dem umstrittenen und unterschiedlich besetzten Begriff "Heimat" näher.

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Seitenzahl: 363

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Bodo Hombach (Hg.)

HEIMAT IM WANDEL

Das WIR im Revier

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über portal.dnb.de abrufbar.

Impressum

1. Auflage November 2024

Satz und Gestaltung: Dirk Uhlenbrock/erste liga

Druck und Bindung:

HUNTER Books GmbH, Kleyerstraße 3, 64295 Darmstadt

© Klartext Verlag, Essen 2024

Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-8375-2668-4

ISBN ePUB 978-3-8375-2676-9

Jakob Funke Medien Beteiligungs GmbH & Co. KG

Jakob-Funke-Platz 1, 45127 Essen

[email protected]

www.klartext-verlag.de

INHALT

Grußwort – Ina Scharrenbach MdL

Vorwort:Heimat, die ich meine – Bodo Hombach

Herausgebergespräch:Patchwork Heimat – Annäherungen an ein existenzielles Gefühl.

Ein Gespräch zwischen Prof. Bodo Hombach (Brost-Akademie), Prof. Dr. Rolf G. Heinze (Ruhr-Universität Bochum) und Dr. Tobias Korenke (FUNKE Mediengruppe)

Kapitel I: Wir im Revier: Das Ruhrgebiet aus historischer Perspektive

Heimat im Ruhrgebiet – ein Phantomschmerz des neuen Bürgertums der Region? – Stefan Berger

Heimaten im Ruhrgebiet: Die immer noch besonderen Lebenswelten und Sozialkulturen vieler Ruhris – Stefan Goch

Immer noch? Der Heimatbegriff im Ruhrgebiet im Wandel – Helen Wagner

Vom Industriearbeiter zum Zeichengenerator. Bergmann, Männlichkeit und das Ruhrgebiet als Heimat – Uta C. Schmidt

Was nicht mehr ist, kann noch werden. Ein Streifzug an den Grenzen der Heimat – Per Leo

Kapitel II: Tief im Westen: kulturelle Vielfalt und Kraftlinien

Heimat Ruhrgebiet. Eine psychologische Wirkungsstudie zum Ruhrgebiet als Heimat – Andreas M. Marlovits

Heimat Ruhrgebiet. Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung – forsa

Heimat und Nachbarschaft als Ausdruck gesellschaftlichen Zusammenhalts – Sebastian Kurtenbach

Heimat – Identität-Muttersprache in der Einwanderungsgesellschaft. Wie kann über Mehrsprachigkeit Beheimatung von Zuwanderern gelingen? – Haci-Halil Uslucan

Die Hatti vonne Akyüns – Hatice Akyün

Fußball im Ruhrgebiet als Identitätsstifter? – Sinan Sat

Kapitel III: Wandel und Identität im Umbruch

Strukturwandel als Veränderung der Heimat – Jochen Roose

Thüringen: Heimat mit einem Doppelgesicht – Heinrich Best

Heimat entsteht, wenn ich verantwortlich handeln kann. Überlegungen zum Begriff Heimat aus östlicher Perspektive – Ingo Schulze

Heimat Bayern – Kurt Faltlhauser

Heimat kommt nicht zurück – Jan Hollitzer

Kapitel IV: Heimat als Symptom für die Suche nach Identität und Zugehörigkeit

Heimat als sozialer Anker und Gestaltungsraum – Rolf G. Heinze

Von der Suche nach Heimat – und der Flucht vor dem „Anything goes“ der Postmoderne – Sigmar Gabriel

Cicero auf Zeche Zollverein. Das „Noch nicht mehr“ als Ansporn: Heimat bilden im Ruhrgebiet – Volker Kronenberg

Wie lautet der Plural von Heimat? Wenn Heimat sich vom physischen Ort löst, entsteht eine neue Verbindung. Es ist höchste Zeit, das Internet als vernetzte Heimat zu ehren – Dirk von Gehlen

Die Autor*innen

GrußwortIna Scharrenbach MdL

Kaum eine Region hat eine so abenteuerliche und emotionsgeladene Vergangenheit wie das Ruhrgebiet. Kohle, Stahl und Industrie, noch immer denken viele Menschen an diesen Dreiklang, wenn der Begriff Ruhrgebiet fällt. Je weiter man sich von den Städten des Ruhrgebietes entfernt, umso verfestigter scheint dieser Eindruck. Einmal mehr zeigt sich, wie lange es braucht, bis eine differenzierte Wahrnehmung in die Köpfe der Menschen Eingang findet.

Kaum eine Region hat eine so abenteuerliche und emotionsgeladene Vergangenheit wie das Ruhrgebiet.

Wie immer man das Ruhrgebiet sieht, es ist heute der Wohnort von mehr als fünf Millionen Menschen – unbestreitbar eine der größten Metropolregionen Europas. Die Menschen leben und arbeiten dort im Zentrum Nordrhein-Westfalens inmitten einer Region, die ein alles verbindendes Merkmal hat: den steten und tiefgreifenden Wandel.

Da, wo heute Großstädte kaum merkbar ineinander übergehen und häufig nur das Ortseingangsschild oder die Autokennzeichen verraten, in welcher Stadt man gerade ist, herrschte vor 200 Jahren eine bäuerliche Agrarlandschaft vor, wie sie für fast alle Teile des Landes typisch war. Bäuerinnen und Bauern bestellten ihre Felder, bewirtschafteten Wälder und Gärten und hüteten das Vieh. Erst die industrielle Revolution und die vorhandenen Bodenschätze stellten die Lebenswirklichkeit der Menschen komplett auf den Kopf und sorgten in nur wenigen Jahrzehnten für eine beispiellose Entwicklung. Nichts blieb wie es war. Industriebetriebe in nie dagewesener Größenordnung schossen aus dem Boden. Die Landschaft veränderte sich drastisch. Wälder und Felder verschwanden, während sich Gruben, Halden und Arbeitersiedlungen immer weiter ausbreiteten. Der enorme Zuwachs an Menschen von nah und fern war kaum mehr steuerbar. Über Jahrhunderte gewachsene und für diese Zeit übliche gesellschaftliche Strukturen waren in wenigen Jahrzehnten unwiederbringlich zerstört. Die durch Kohle und Stahl vollkommen neu zusammengewürfelte Gesellschaft des Ruhrgebiets musste auch ein gänzlich neues Zusammenleben erfinden.

Aber selbst die sich zunächst festigenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen hatten keinen Bestand. Wieder stand ein grundlegender Wandel an. Die Krise von Kohle und Stahl, einer Industrie, die noch vor drei, vier Generationen disruptiv gewirkt hatte und gleichsam Altes verdrängt und Neues ermöglicht hatte, stand nun selbst zur Disposition.

Erst in der Rückschau wird klar, was die Menschen im Ruhrgebiet in all diesen Jahrzehnten geleistet haben. Ständiger und immer schneller fortschreitender Wandel hat seinen Tribut gefordert – in der Arbeitswelt, aber auch im sozialen Miteinander. Die Geschichte des Ruhrgebietes ist ein ständiges Auf und Ab. Wie haben die Menschen das geschafft? Wie wuchs und lebte diese vollkommen neue Ruhrgebietsgesellschaft zusammen? Wie war es im ständigen Wandel um Zusammenhalt und Solidarität bestellt? Welche Rolle spielt das identitätsstiftende Wir-Gefühl des Ruhrgebiets in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft?

Auch heute geht es darum, einen positiven Wandel des Ruhrgebiets mitzugestalten und das Wir-Gefühl und den Zusammenhalt zu stärken. Umso mehr gilt, dass landes- und kommunalpolitische sowie zivilgesellschaftliche Bemühungen um die Förderung von bürgerschaftlichem Engagement, von Gemeinschaftsprojekten, Kultur, Sportvereinen und Freizeitaktivitäten auch neben großen Infrastrukturmaßnahmen mehr als nur Beiwerk sind. Alles, was die Menschen in der so vielfältigen Metropolregion zusammenbringt, stärkt das Miteinander und bildet eine Klammer über Verwaltungsgrenzen hinweg. Wenn Menschen für sich und ihr Umfeld Verantwortung übernehmen können und merken, dass sie selbst etwas mitgestalten und erreichen können, dann schafft und stärkt das die Solidarität und den Zusammenhalt. Es ist diese besondere Identifikation mit Region und Menschen, bei der ein echtes Heimatgefühl entstehen kann.

Auch heute geht es darum, einen positiven Wandel des Ruhrgebiets mitzugestalten und das Wir-Gefühl und den Zusammenhalt zu stärken.

Was ich jede Woche aufs Neue erlebe, ist sehr beeindruckend: Die Vielfalt, die Kreativität und der hohe ehrenamtliche Einsatz, mit denen überall im Land Menschen Tag für Tag ihre Heimat gestalten und damit die Gemeinschaft stärken. Und Heimat verbindet – das hat die erstmals in der Geschichte Nordrhein-Westfalens eingeführte Heimatförderung eindrucksvoll offenbart. Im Mittelpunkt stehen die heimataktiven Bürgerinnen und Bürger vor Ort. Wir stärken ihr Engagement anstatt Vorgaben von oben zu machen, wie Heimat auszusehen hat. Wir fördern, dass identitätsstiftende Traditionen bewahrt und weiterentwickelt werden.

Das Buch „Heimat im Wandel. Das Wir im Revier“ geht auf eine Entdeckungsreise im Ruhrgebiet. Es erzählt Geschichten von Menschen und der bis heute andauernden Transformation. Die Autorinnen und Autoren haben sich nicht weniger zum Ziel gesetzt, als dem Wesen des Ruhrgebiets auf die Spur zu kommen und den besonderen Heimatbegriff des Ruhrgebietes herauszuarbeiten – keine leichte Aufgabe, aber hervorragend gelungen.

Ihre

Ina Scharrenbach MdL

Ministerin für Heimat, Kommunales,

Bau und Digitalisierung

des Landes Nordrhein-Westfalen

VorwortBodo Hombach

Heimat, die ich meine

Zwei junge Fische treffen zufällig einen älteren Fisch. Er nickt ihnen zu und sagt: „Morgen, Jungs. Wie ist das Wasser?“ Die Beiden schwimmen weiter. Schließlich fragt der eine den anderen: „Was zum Teufel ist Wasser?“

Heimat. Wer sie hat und – wie bei der Atemluft – eigentlich nichts davon merkt, für den ist sie ein selbstverständliches Gefühl, ein angenehmes und nahrhaftes „Smoothy“ aus vertrauter Umgebung, Sprache, Sitten und Gebräuchen. Dieses Umfeld bietet Vorteile: Man kennt sich aus. Die Wege sind kurz. Die Verständigung ist leicht. Man feiert gemeinsam Feste, kennt die gesellschaftlichen Rituale. Wo der Fremde fremdelt oder gar erschrickt, weil er die Zeichen und Gesten nicht entziffern kann, weiß der Einheimische, „wie es gemeint ist“ und fühlt sich pudelwohl.

Das Heimat-Gefühl entsteht vor allem in der Kindheit, in einer Entwicklungsstufe also, wo Magie und Mythos noch die entscheidende Rolle spielen. Alles ist „analog“, nichts „digital“. Und „analog“ bedeutet es immer auch „unscharf“, „vieldeutig“ und damit „reichhaltig“. Zwar gibt es Ängste und Albträume, aber dann helfen die tröstenden Stimmen und die verlässliche Nähe der Eltern und Geschwister, ein Wiegenlied, ein geregelter Ablauf der Ereignisse in periodisch rhythmisierter Zeit. - Auf der mythischen Stufe verwandelt sich das Unbegriffene in Bilder, Geschichten und Gestalten. Aus Angst wird Furcht. Zu ihr kann man sich verhalten, weglaufen, angreifen. Ein enormer Schritt persönlicher Emanzipation. Man sagt: Für die gedeihliche Entwicklung eines Kindes braucht es ein ganzes Dorf mit seinem ausgewogenen Verhältnis von Anregung und Geborgenheit. – Später kommt die rationale Stufe der Entwicklung hinzu. Sie überlagert die magische und die mythische, ohne sie zu löschen.

Das Heimat-Gefühl entsteht vor allem in der Kindheit, in einer Entwicklungsstufe also, wo Magie und Mythos noch die entscheidende Rolle spielen.

Das Heimatgefühl bleibt erhalten, ist aber keine Konstante. Es wird moduliert durch geografische, klimatische und kulturelle Verhältnisse. Wer in einem verdichteten Ballungsraum wie dem Ruhrgebiet lebt, hat eine andere Heimat als der nomadisierende Beduine in seinem Zelt. Soziale Schichtung, Religion, Bildungsstufe, Milieu erzeugen höchst unterschiedliche Anmutungen. Was dem einen Übersicht und Geborgenheit bietet, kann dem anderen als Enge und Sozialkontrolle erscheinen. Freiheitsdrang und Fernweh, zwei Seiten einer Medaille, locken den Mutigen, solche Fesseln zu sprengen und seinen Lebenshorizont auszuweiten. Für Künstler, Denker, Entdecker ist die ganze Welt zu klein. Andere haben an ihrem Vorgärtchen genug. Ein Weltgeist wie Immanuel Kant kam sein Lebtag nicht über Königsberg hinaus, und manchem Fanatiker kann das Brett vor dem Kopf die Welt bedeuten.

Der Begriff unterliegt einem Wandel nicht nur im Lebensgefühl des Einzelnen. Ganze Regionen und Epochen pendeln zwischen Aufregung und Geborgenheit. Das erzeugt nicht nur Leidensdruck. Es weckt auch die Lebensgeister. Carl Zuckmayer brauchte für ein gutes Wohngefühl den ausgewogenen Wechsel der vier Jahreszeiten. Für Rilke war jeder Herbst Stichwortgeber für melancholische „O Mensch!“-Gedichte: „Der Sommer war so wie dein Haus. / Drin weißt du alles stehn. / Jetzt musst du in die Welt hinaus / wie in die Ebene gehn. / Die große Einsamkeit beginnt, / die Tage werden taub, / Aus deinen Sinnen nimmt der Wind / die Welt wie welkes Laub.“

Historiker unterscheiden Phasen emotionaler Schwankungsbreite. Gibt es klare Verhältnisse und mehrheitlich anerkannte Regeln, oder Unruhe und Fernweh durch soziale Spannungen und Wanderlust? In „romantischen“ Zeiten – zumeist nach Kriegen und Revolutionen - weichen die Konturen auf. Das „Gefühlige“ verdrängt die tradierten Muster des Denkens und Handelns. Menschen, Gruppen, ganze Völker werden unbehauste „Wanderer“ nach dem Fazit eines berühmtes Schubertliedes: „Dort, wo du nicht bist, da ist das Glück!“

Heimat ist ein wichtiges, aber auch gefährdetes Gut und war es immer. Der Homo Sapiens folgte dem Jagdtier, mit und von dem er lebte, floh vor zerstörerischen Naturgewalten. Er geriet mit Konkurrenten aneinander, umging Hindernisse wie Gebirge, Wüsten und Ströme, ständig auf der Hut vor Raubtieren oder anderen Gefahren. Heute lebt er massenhaft in überfüllten Städten, fühlt sich bedrängt und bedroht durch anonyme Mächte. Ein kultureller Paradigmenwechsel, ein revolutionärer Aufruhr, eine politische Zeitenwende, ein technischer Um- oder Abbruch machen Herausforderung zur Überforderung. Auch wenn Heimat geografisch die gleiche bleibt, können uns grundstürzende Ereignisse und Entwicklungen den Boden unter den Füßen wegziehen. Für ostdeutsche Bundesbürger erscheint dann sogar die unblutige Überwindung einer Diktatur als teuer erkauft. Und doch gibt es Menschen, in den Universitäten, auf den Marktplätzen und am Gartenzaun, die es genauer wissen wollen. Und dann bereit sind, anzupacken. Oft stehen wir im Regen, aber die Alten sagten: „Das Meiste geht daneben!“

Auch wenn Heimat geografisch die gleiche bleibt, können uns grundstürzende Ereignisse und Entwicklungen den Boden unter den Füßen wegziehen.

Seit Beginn der Neuzeit geht es um Aufklärung. Wir erforschen die Gesetze der Natur. Wir setzen auf das wiederholbare Experiment. Wir suchen kollisionsarme Regeln des Zusammenlebens. Wir besitzen – vielleicht als größte aller Errungenschaften – einen Begriff von der unveräußerlichen Würde des Menschen. Dieser Entwicklung verdanken wir die offene Gesellschaft, die vernünftige Kontrolle der Macht und einen ungeheuren Aufschwung in Wissenschaft, Technik und Wohlstand.

Wir erleben jedoch – gerade mal wieder - eine Deregulierung der Wahrheit. Das „Wording“ wird wichtiger als ein von Zweifeln angetriebenes Erkennen. Dem entspricht eine konzeptionsarme Politik mit oft dürftigen Argumenten. Die beiden wichtigsten Aufgaben der gewählten Volkvertreter, das Klären und das Erklären, erscheinen anämisch unterversorgt.

Die tägliche Talkshow ist kein Gegenbeweis. Im Gegenteil. Über weite Strecken ist sie Arena, nicht Agorà. Parteistrategen und Verbandsvertreter, vom Moderator durch die Manege getrieben, wollen nicht erkunden, bearbeiten, erwägen, neu beleuchten, sondern vor allem punkten. Das erinnert an den Löwenjäger, der sich zur Jagd Turnschuhe anzieht. „Du willst wohl schneller sein als der Löwe“, spottet sein Kamerad. – „Nein“, sagt der andere, „nur schneller als du.“

Im Zettelkasten finde ich eine Tagebuchnotiz des Joseph von Eichendorff. In seinen Erzählungen und Gedichten mischen sich Gewinn und Verlust des Heimatbegriffs auf vielfältige Weise. Die Bilanz bleibt unentschieden:

„An einem schönen warmen Herbstmorgen kam ich auf der Eisenbahn vom andern Ende Deutschlands mit einer Vehemenz dahergefahren, als käme es bei Lebensstrafe darauf an, dem Reisen, das doch mein alleiniger Zweck war, auf das allerschleunigste ein Ende zu machen. Diese Dampffahrten rütteln die Welt, die eigentlich nur noch aus Bahnhöfen besteht, unermüdlich durcheinander wie ein Kaleidoskop. Vorüberjagende Landschaften, ehe man noch irgendeine erfassen kann. Ein fliegender Salon, der immer andere Sozietäten bildet, bevor man noch die alten recht überwunden.“

Leben wir auch heute in einem „fliegenden Salon mit ständig neuen Sozietäten“? – Rüttelt das Tempo die Welt unermüdlich durcheinander? Und der romantische Dichter aus Schlesien hatte er noch keine Ahnung von Corona, Inflation, Fakenews, Verstaatlichung der Sprache, Hatespeech, Handy- und Werbeterror, Ukraine, Gaza oder KI.

Eine Gesellschaft in ständiger Umwälzung ist vielleicht Vorbote einer besseren. Sie erzeugt einen Überfluss an Alternativen, arbeitet mit erhöhter Temperatur, und das beschleunigt ihren Weg in die Zukunft. Das Heimatgefühl erhöht die Spannkraft. Es kann helfen, das Neue und Fremde als Chance und Aufbruch zu empfinden und nicht nur als Risiko und Gefahr. Was aber, wenn Abstiegsängste drohen? Was wenn viele nicht mehr verkraften, ihre Lebensstellung und gegenseitigen Beziehungen ständig infrage stellen zu müssen? Wenn sich die Begriffe verwirren und sich viele entwurzelt und verunsichert fühlen?

Eine Gesellschaft in ständiger Umwälzung ist vielleicht Vorbote einer besseren.

Dann ist Gefahr im Verzug. Viele suchen neuen seelischen Halt. Heimat wird Rückzugsort, vielleicht „panic room“. Projektionsfläche für’s ewig Gestrige. Ein lebendiges Werkzeug wird zum lebensfeindlichen Fossil. Sachliche Einwände sind fruchtlos. Sie tun weh und erzeugen Schmerzvermeidung und Fehlhaltung. Fundamentalisten merken auf und bieten ihre Dienste an. Sie berufen sich auf das Erschütterte mit besonderer Inbrunst und Heftigkeit, negieren die Komplexität der Situation, träumen von einer Vergangenheit, die es so nie gab. Autokratische Machtjunkies spielen auf der gleichen Klaviatur. Heimat wird zum Kampfbegriff gegen alles Neue und Fremde. „Wir“ und „Ihr“ stehen sich feindselig gegenüber. Aber vielleicht ist Fundamentalismus nicht Flucht vor der Moderne, sondern eines ihrer typischen Gesichter.

In einer wachsenden Zahl von Ländern erscheint das als Luxusproblem. Dort ist Heimat zum Schrecknis geworden. Für Millionen Menschen ist sie konnotiert mit Krieg, Unterdrückung, Armut, Hunger und Hoffnungslosigkeit. Aber auch in den begünstigten Staaten mit gemäßigtem Klima, demokratischem System und offener Gesellschaft steht der Begriff unter Rechtfertigungsdruck. Die Lebenswirklichkeit ist gekennzeichnet durch zahlreiche Krisenszenarien und tiefgreifende Verunsicherungen. Der abgestufte Beteiligungsprozess an der Gestaltung der politischen und kulturellen Verhältnisse verkümmert. Das fördert den stillen oder lautstarken Auszug der Enttäuschten.

Leben wir in einer Welt, wo die alten Landkarten unbrauchbar geworden sind und niemand mehr weiß, wohin die Reise geht? Wird gesellschaftlicher Zusammenhalt zum Ladenhüter? Wer ist noch bereit, sich für das Humanum der Gesellschaft zu exponieren? Wer geht noch auf sich selbst und die Zeitgenossen zu, in einer Haltung des gegenseitigen Zuhörens und offenen Dialogs? Wer ist noch fähig und bereit, sich dem allgemeinen Wohl zu widmen und nicht bei nörglerischer Selbsttherapie stehen zu bleiben?

Hilfreich wäre ein begeisterungsfähiges Gemeinschaftsprojekt unter der Maßgabe: Raus aus den Sicherheiten und Selbstgewissheiten! Hinein ins Risiko! Sich dem neugierig aussetzen, was in der Luft liegt; hören, was den Menschen auf der Seele brennt.

Der Mythos des starken Einzelnen erweist sich als Utopie. Die Verletzlichkeit des Individuums und der Gemeinschaft ist größer als gedacht. Es braucht die Heilungskräfte gelebter Solidarität und menschliche Zuwendung. Die Institutionen der Zukunft sind lernende Organismen. Sie hüten nicht den Schatz ihrer Zuständigkeiten wie Siegfrieds Drache („Ich lieg und besitz.“), sondern übertreffen täglich ihren Rekord in kreativer Dienstbereitschaft.

Eine so dynamischer Heimatbegriff wird nicht von allen Seiten Zustimmung erfahren. Er ist es sich jedoch wert, das Risiko einzugehen. Es gehört zu seinem Ursprung und Wesen. Wenn nicht, ist er entbehrlich, schädlich oder bestenfalls Sammlerstück für die seelische Vitrine.

Heimat braucht ein dialogisches Prinzip. Es vertritt die eigene Präsenz im Respekt für diejenige des anderen. Es übt Offenheit und Absichtslosigkeit bei gleichzeitiger Selbstwahrnehmung. Es nimmt die Andersartigkeit des anderen wahr, ohne sich in dessen Realität zu verlieren. Es bewahrt vor der tribalistischen, völkischen oder gar rassistischen Verirrung.

Heimat braucht ein dialogisches Prinzip.

In Carl Zuckmayers „Des Teufels General“ redet General Harras auf einen „arisch“ argumentierenden Rheinländer ein und macht ihm das Leben schwer:

„Und jetzt stellen Sie sich doch mal Ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. Und dann kam ein griechischer Arzt dazu, oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flößer, ein wandernder Müllerbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandure, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das alles hat am Rhein gelebt, geraucht, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt – und – und der Goethe, der kam aus demselben Topf, und der Beethoven, und der Gutenberg, und der Mathias Grünewald, und - Ach was, schau im Lexikon nach! Es waren die besten, mein Lieber! Die besten der Welt! Und warum? Weil sich die Völker dort vermischt haben. Vermischt – wie die Wasser aus Quellen und Bächen und Flüssen, damit sie zu einem großen, lebendigen Strom zusammenrennen.“

Charlie Chaplin brauchte dafür weniger Worte: „Die Wahrheit ist selten so oder so. Meistens ist sie so und so.“

Wir habe ganz unterschiedliche Persönlichkeiten aus ganz unterschiedlichen Disziplinen, mit unterschiedlichen Herkünften und Lebenswegen eingeladen, an diesem Buch mitzuwirken- entsprechend dem Patchwork-Verständnis von Heimat. Damit entsteht ein buntes und sehr realistisches Bild von dem, was Heimat heute ist, sein kann oder sein sollte. Wir hatten nie den Anspruch, die Frage nach der Bedeutung von Heimat erschöpfend zu beantworten. Vielmehr wollten wir Impulse für eine Debatte zu diesem wichtigen Thema setzen. Ich bin gespannt, ob das gelungen ist.

Wir dürfen getrost annehmen, dass jeder Teilnehmer der Menschheitsgeschichte ever sein ganz persönliches Heimatgefühl hatte. Wenn dieses Buch davon eine Ahnung vermittelt, war es sinnvoll, dafür ein paar Bäume zu fällen.

HerausgebergesprächPatchwork Heimat – Annäherungen an ein existenzielles Gefühl

Ein Gespräch zwischen Prof. Bodo Hombach (Brost-Akademie), Prof. Dr. Rolf G. Heinze (Ruhr-Universität Bochum) und Dr. Tobias Korenke (FUNKE Mediengruppe)

Was ist Heimat für Sie?

Heinze: In der Wissenschaft befindet sich der Heimatbegriff in der ständigen Diskussion, eine einheitliche Definition gibt es nicht. Heimat wird als „Nahwelt, die verständlich und durchschaubar ist“, als Gegensatz zu Fremdheit und Entfremdung“ (Hermann Bausinger) beschrieben, als „Identitätsfeld“, das Ich-Identität bildet, als Konstitutionsbedingung für die Bildung von Gruppenidentität (Georg Simmel). Eine Heimat hat man, manche Soziologen meinen aber auch, dass man sie hinzugewinnen kann. Allen Definitionen gemeinsam ist, dass Heimat mit positiven Gefühlen verbunden wird. Für mich ist Heimat ein Ort, zu dem ich eine ganz intensive Verbindung habe. Ein Ort mit einem, wie der Soziologe Hartmut Rose es mal formuliert hat, „intensiven Im-Raum-Sein, In-der-Welt-Sein“. Und biografische Erinnerungen verbinde ich mit Heimat, an Menschen, an Natur, an Kunst auch – immer Erfahrungen intensiver Auseinandersetzung mit der Welt. Mir ist aber auch wichtig, dass Heimat zwar stark, aber nicht ausschließlich an Herkunft gebunden ist. Man kann auch an anderen Orten, wenn sich Vertrauen und ein gutes Gefühl entwickelt, heimisch werden. „Wahlheimat“ nennt man das dann. Der Schriftsteller Vladimir Nabokov hat mal davon gesprochen, dass jeder der seine Heimat verlassen hat, zwei Leben hat. Das eine, das man lebt. Und das andere, das an dem Ort weitergeht, den man verlassen hat – und an das man nie loswird. Man kann also durchaus mehrere heimatliche Identitäten haben.

Hombach: Der Begriff hat seine Wirkung, weil er unscharf, variantenreich und deutungsfreundlich ist. Auch die uns vorliegende Güllner-Umfrage zeigt, dass der Begriff als solcher äußerst positiv belegt ist. Das sagt allerdings nichts über seine konkretere Ausdeutung. Bei meinen privaten Nachfragen war es der Ort erster Erinnerungen und Erfahrungen. Heimat vielfach ein Ort mit seiner Landschaft, seinem Klima, Gerüchen Speisen, Mentalitäten oder auch ein Gefühl, das sehr individuell ist und bei einigen scheint es auch eine später entwickelte Haltung zu sein. Man assoziiere Heimat mit einem Ort, der mit positiven Erinnerungen und Erfahrungen verbunden ist. Auch wenn eine nachträgliche Verklärung durchaus bewusst ist. Heimat wird erinnert wie ein Raum, in dem man sich wohlfühlte, in dem man die Menschen kannte, ein Ort auch, an dem man sich sicher und geborgen fühlen dürfte, an dem die Nähe zu vertrauten Menschen in der Erinnerung noch fühlbar ist. Auch für mich ist Heimat zunächst meine Geburtsstadt und mein Wohnort Mülheim, das Ruhrgebiet. Hier kenne ich mich aus, hier weiß ich, wie die Menschen „ticken“ und ich „ticke“, wenn nicht genauso, dann doch sehr ähnlich. Selbst die jeweiligen hiesigen Wahlergebnisse kann ich verstehend nachempfinden.

Der Begriff hat seine Wirkung, weil er unscharf, variantenreich und deutungsfreundlich ist.

Heimat ist eine besondere Art und Weise, in der ich auf meine Welt zugehe und mir die Welt entgegenkommt. Und zwar so, dass ein wechselseitiges Interesse aneinander, ja Vertrauen besteht. Heimat ist der Ort, dessen Bestand und Wohlergehen mich besonders interessiert. An ihm haften Erinnerungen, die in mich eingegangen sind. In der Heimat kann ich mich auch wirksam fühlen, weil ich teilhaben und mitwirken kann in der Gemeinschaft oder dem Umfeld. Der Begriff „Ort“ ist sehr weitläufig zu verstehen. Es kann auch ein institutioneller Zusammenhang sein. Ein Verein kann ein wichtiges Stück Heimat bedeuten. Hier im Ruhrgebiet spielen die Fußballvereine eine große Rolle, sie machen für viele Menschen viel Heimat aus. Wenn ich ins Rockkonzert gehe, dann kann ich diese Art von Erfahrungen auch machen. Heimat ist der Ort, wo ich spüre, dass ich Teil des „Wir“ bin. Bei mir bekannten Paaren ist oft einer in die Heimat des anderen nachgezogen. Da ist die Beziehung - wenn es eine erfreuliche ist - die neue Heimat. Die Erinnerung an die alte ist dennoch sentimental abrufbar. Die neue Heimat muss eine Menge Positives liefern, um gegen die alte zu bestehen. Wenn sie Positives, Sicherheit und Geborgenheit bietet, werden es zwei Heimaten. Die aktuell gelebte und bejahte und die nostalgisch erinnerte, die aber nicht wirklich vermisst wird.

Korenke: Heimat ist ja einer der wenigen deutschen Begriffe, für die es in anderen Sprachen keine Entsprechung gibt. Er bedeutet eben mehr als „home“ oder „ville natale“. Im Germanischen bedeutet „Heim“ „Haus“ oder „Dorf“. Ursprünglich bezeichnete „Heimat“ einen Ort, an dem man sich niederlässt, ein „Lager“, das „wohnlich“ ist und in dem man friedlich leben kann. Offenbar spielte der Begriff gerade im deutschen Sprachraum eine so große Rolle, weil es hier lange keine geeinte Nation als Bezugspunkt gab. Noch Mitte des 19. Jahrhunderts hatte Heimat in den deutschen Kleinstaaten vorrangig eine juristische Bedeutung als „armenrechtlicher Verweisungsort“, um die Absicherung sozial Schwacher zu regeln. Das änderte sich nach der Reichsgründung 1871. So etwas wie ein Heimatrecht gab es jetzt nicht mehr. Im Zuge der Industrialisierung mit enormer sozialer Mobilität und rasant wachsenden Städten und Unternehmen, die gerade Regionen wie das Ruhrgebiet prägten, neuen, standardisiert-mechanischen und arbeitsteiligen Arbeitsweisen und der damit zusammenhängenden beruflichen und persönlichen Entfremdung, wurde „Heimat“ nun zur Gegenwelt: Naturlyrik, Heimatromane, Heimatmuseen sprossen wie Pilze aus dem Boden, bedienten die Sehnsucht nach einer geordneten ländlichen Idylle und bedienten den Traum einer besseren, überschaubaren Welt - eines Zuhauses, das es in dieser Form wahrscheinlich nie gegeben hat. Auch die Erfindung des Tourismus im 19. Jahrhundert – möglichst in der Natur, an idyllischen Plätzen – ist ein Ausdruck dieser Sehnsucht nach der verlorenen Heimat. Für mich ist Heimat der Ort, an dem ich so sein kann, wie ich bin, an dem ich anerkannt werde, wo meine Familie und meine Freunde leben, wo ich etwas gestalten und bewegen kann. Ich habe festgestellt, dass man auch mehrere Heimaten haben kann, Orte, nach denen man sich immer sehnt, wenn man nicht dort ist.

Heimat ist ja einer der wenigen deutschen Begriffe, für die es in anderen Sprachen keine Entsprechung gibt.

Hombach: Es ist interessant zu sehen, dass die Heimat im Moment ihres Verlustes und Verschwindens besonders intensiv wahrgenommen wird. Immer auch als Symbol für das Vergangene: Dieser Ort, in dem man eins mit der Welt zu sein schien.

Heinze: Die verschiedenen Phasen der Industrialisierung haben zu diesem Verlustgefühl geführt. Die moderne, immer arbeitsteiliger werdende Welt, in der die Vereinzelung der Menschen in industriell geprägten Ballungsräumen eine wichtige Erfahrung wurde, hat die Sehnsucht nach der ländlichen, übersichtlichen Gemeinschaft genährt. Die Beheimatung muss aber auch als aktive Gestaltungsarbeit verstanden werden und weitaus mehr umfassen als der idyllische Blick nach hinten. Die identitätsstiftende Funktion von Heimat gelingt nur, wenn sie beständig neu konstruiert wird. Resonanz kann nicht erzwungen werden, mit der Heimat verbundene Gefühle von Sicherheit und Geborgenheit sind nicht einfach strategisch planbar. Allerdings kann die subjektive Verankerung in einem Heimatmilieu helfen, die Wirkung strategischer Zukunftsentwürfe zu erhöhen. Andreas Reckwitz hat vor kurzem zur Fortschrittsthematik angemerkt, dass gerade vor dem Hintergrund der Verlusterfahrungen die Bewahrung des erreichten Fortschritts eine zentrale Aufgabe ist. Das Ruhrgebiet bietet sich für eine Revitalisierung des Heimatbegriffs an, denn diese Region wurde historisch durch Großunternehmen geprägt, die nicht nur für Beschäftigung sorgten, sondern die gesamte Lebenswelt vom Wohnen über die Gesundheits- und Sozialeinrichtungen bis hin zur Freizeit (z. B. dem Fußball) gestaltet haben. Lutz Raphael thematisiert in seiner Studie „Jenseits von Kohle und Stahl“ den Industriebetrieb als „Sicherheitsinsel“, die im Zuge des fundamentalen Strukturwandels und der Modernisierungsprozesse aber erodierte. Durch diesen Verlust der betrieblichen Vergesellschaftungszonen sind hier Leerstellen im gesellschaftlichen Selbstbild entstanden und deshalb stellt sich die Frage, ob und wie diese Verlusterfahrungen und -ängste, aber auch die pragmatischen Überlebenswerte (das „Wir-Gefühl“) durch eine Aktivierung der Heimatbezüge gefüllt werden können.

Korenke: Ich bin nicht so sicher, ob dieser Gedanke des Industriebetriebs als „Sicherheitsinsel“ nicht wieder einmal Ausdruck einer Romantisierung des Ruhrgebiets ist. Lassen Sie es mich zugespitzt formulieren: Auch das Gefängnis kann eine „Sicherheitsinsel“ sein. Die Arbeit in einem Industriebetrieb war verdammt hart, unwirtlich und hatte oft mehr mit Ausbeutung zu tun als mit Zugehörigkeit, Vertrauen und anerkannt werden. Ich glaube, dass das genau ein Problem des Ruhrgebiets ist: Die Vergangenheit wird melancholisch verklärt und das versperrt den Blick nach vorne. Der Philosoph Wolfram Eilenberger hat diese nostalgische Rückschau ja während seines Jahres hier sehr genau wahrgenommen. Schauen Sie nur mal ins Ruhrmuseum. Die wunderbare Inszenierung einer intakten, ja, „heilen“ industriellen Welt, die man hier erleben kann, hat doch mit der realen Erfahrung der Menschen wenig zu tun: Die Schornsteine rauchen so heimelig auf den Bildern, die Menschen gingen aber elendiglich an Staub-Lungen zugrunde. Ich werbe für ein nach vorn gerichtetes Heimatverständnis im Ruhrgebiet: Heimat als Lebensraum, den wir alle mitgestalten können. Das wäre etwas Neues in dieser Region: Wenn nicht mehr die Industrieriesen wie Krupp und E.ON das Leben hier von der Wiege bis zur Bahre bestimmen würden, sondern die Menschen, die hier gemeinsam leben. Ich betone gemeinsam, denn es geht bei Heimat im Sinne von Ferdinand Tönnies eher um Gemeinschaft, weniger um Gesellschaft. Das wäre ein souveränes, partizipatives, ja, demokratisches Verständnis von Heimat. Es würde dem Ruhrgebiet guttun.

Hat Heimat auch eine politische Dimension?

Hombach: Aber ganz sicher: Selbst, wenn es nicht mehr die Geburtsregion, das Stammland, ist. Wenn ich mit Menschen die gleichen oder sehr ähnliche Werte teile, dann fühlt es sich heimisch an. Das kann ein wirksames Surrogat für den Verlust der angestammten Heimat sein. Wenn Politik und Gesellschaft im weitesten Sinne den Eindruck von Sicherheit ermöglichen ist das wichtig.

Das Wissen von der Geltung und Wirkung des Gesetzes und auch der Werte des Grundgesetzes kann mir ein Sicherheitsgefühl und damit ein wichtiges Mosaikstück Heimatgefühl geben. Hier sind die Werte festgelegt, die wir in unserem Heimatland teilen und die deshalb unser Land zusammenhalten, ja ausmachen. Wer diese kulturelle Errungenschaft angreift, greift unsere Identität und das Heimatgefühl an.

Wenn ich mit Menschen die gleichen oder sehr ähnliche Werte teile, dann fühlt es sich heimisch an.

Eines steht für mich fest: Egal, welche Ausdeutung wir dem Begriff Heimat geben, sie ist relevant für das Geborgenheitsgefühl der Menschen. Was Heimat genau ist, weiß so 100%ig keiner – ohne Heimat gehts aber nicht - dann fehlt einem was.

Besonders beunruhigt sind die, die im „eigenen Land fremdeln“, die von Entwicklungen überrollt wurden, die sich ihrem Einfluss entziehen. Heimatlos im Geburtsort zu sein, muss ein furchtbares Gefühl sein. Wenn diesen Menschen keine Aufmerksamkeit zuteilwird, sind sie Nährboden für populistische Politik. Aus der qualitativen Studie von Herrn Prof. Dr. Marlovits wissen wir, der Satz „Hier kann ich sein, wie ich bin“ ist für erstaunlich viele Nachgezogene der Schlüsselsatz ihrer positiven Identifikation mit der Ruhrregion. Hier scheinen die soziale Kontrolle und der Anpassungsdruck weniger intolerant und streng. Nicht Konformitätsdruck, sondern individueller Freiraum scheint regionale Bindung zu ermöglichen. So wird die zweite Heimat liebenswert und freiwillige Anpassungsleistung leicht gemacht. Dazu gehört aber die Stabilität und Verlässlichkeit dieses Zustandes.

Das Ärgernis verlorengegangener Berechenbarkeit und Sicherheit war dieser interviewten Gruppe sehr zu eigenen und es schmerzte sie. Die Toleranz mit der Toleranz unserer Gesellschaft und konkret unserer Sicherheitsorgane war bei etlichen Befragten der frühen Zuwanderergeneration sehr gering. Durch diese Toleranz fühlen sie Status und Lebensqualität eingeschränkt. Das war für mich besonders lehrreich. Das hatte ich bisher nicht im Blick.

Heinze: Heimat hat auch insofern eine politische Dimension, als dass sie ein seit 1945 lange vernachlässigtes politisches Handlungsfeld beschreibt. Wenn Menschen sich in ihrer Heimat wohlfühlen, was kann Politik dann tun, damit es so bleibt? Es geht um Erhalt von Heimat, aber auch um die Möglichkeit, heimisch zu werden. Denken Sie nur an die Zuwanderung. Integration heißt doch letztlich nichts anderes, als dass Zugewanderte eine neue Heimat finden, einen Ort, an dem sie sich wohlfühlen und den sie mitgestalten können.

Wenn Menschen sich in ihrer Heimat wohlfühlen, was kann Politik dann tun, damit es so bleibt?

Der Bezug zur individuellen Lebenswelt und regionaler Identität, die mit dem Heimatbegriff verwoben ist, kann auch als eine treibende Kraft für die regionale Entwicklung gedeutet werden und wäre damit zukunftsgerichtet. Die neuen Herausforderungen etwa im Feld Energieeffizienz, integrierte Gesundheitsversorgung oder alternative Mobilitätskonzepte erfordern eine starke Lokalorientierung. Die Wiederentdeckung regionaler Identität und des Heimatbegriffs kann somit auch als Suche nach neuen Orientierungspunkten gesehen werden. Indem man sich mit der Heimat identifiziert, wächst auch die Bereitschaft, sich für deren Erhalt einzusetzen. Insofern kann es auch als struktur- und regionalpolitisches Konzept genutzt werden. Allerdings muss die Politik gerade nach der Europawahl im Juni 2024 erklären und kommunizieren, was man als Heimat und Zugehörigkeit definiert.

Hombach: Persönlich erlebe ich Ansätze von gefühlter Beheimatung durchaus auch an besonderen Orten und in besonderen Milieus ohne Bindung an meine Geburtsregion; so bekomme ich originellerweise in allen Buchhandlungen weltweit Heimatgefühle, da bin ich heimisch, weil sich dort Leserinnen und Leser treffen, Menschen also, die so ähnlich „ticken“ wie ich. Das gilt auch in spannenden Museen. Aber das sind nur flüchtige Momente des Eindrucks, am „richtigen Platz“ zu sein.

Der Gedanke, einer unserer politischen Parteien die Definition meines korrekten Heimatgefühls zu überlassen, löst bei mir die massive Emotion der Reaktanz aus. Da teile ich die sich verbreitete Auflehnung gegen Bevormundung.

Korenke: Heimat hatte immer eine politische Dimension und ist ja auch immer wieder instrumentalisiert worden – meistens im Sinne von Inklusion durch Exklusion: Wir sind eine Gemeinschaft und Ihr gehört nicht dazu. Auch heute wird Heimat instrumentalisiert. Es ist zum Beispiel interessant zu sehen, welches Verständnis das Bundesministerium des Innern und für Heimat formuliert. Dort wird Heimat stets im Kontext von Zusammenhalt und Demokratie gesehen: „Unsere Heimatpolitik gestaltet Kernaufgaben einer modernen Gesellschaftspolitik. Sie zielt darauf ab, die plurale Demokratie zu stärken, gleichwertige Lebensverhältnisse zu ermöglichen sowie Zusammenhalt und Integration zu verbessern.“ Man mag ja dieses Verständnis von Heimat als offene Gesellschaft begrüßen. Ich fühle mich in den bunten, vielfältigen Ecken des Ruhrgebiets auch heimischer als in den homogenen, geschlossenen und wahnsinnig langweiligen Gesellschaften mit den hohen Buchenhecken und Mauern, die es ja gerade im Süden des Ruhrgebiets zuhauf gibt. Es bleibt aber eine Instrumentalisierung durch die Politik. Da sollten wir immer sehr sensibel sein. Ich finde, die Politik sollte ihre Hände von Heimat lassen. Sie hat da in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet. Heimat ist ein Gefühl, das den Menschen gehört, nicht der Politik.

Wir sprechen inzwischen von der vierten Industrialisierung, die wir durch die Digitalisierung erleben. Inwieweit hat sie unser Heimatverständnis verändert?

Heinze: Natürlich ist die persönliche Begegnung immer noch unersetzlich. Aber in der Tat: In Zeiten der Digitalisierung, in der E-Mailadressen, Homepages, Instagram-, TikTok- und X-Accounts die Konstanten der mobil gewordenen Welt darstellen, schafft das Netz für die vielfach entwurzelte digitale Gesellschaft eine völlig neue Art der Identifikation und Beheimatung. Mit Heimat kann im 21. Jahrhundert also nicht mehr nur ein Ort oder eine Region oder eine Nation, sondern Europa, die Erde, ja eben auch die virtuelle Welt gemeint sein. Da hat‘s eine enorme Begriffserweiterung gegeben. Ich würde sogar sagwen, wir könnten bei Heimat von einem Patchwork-Begriff sprechen. Er umfasst viele unterschiedliche Facetten, die letztlich immer eines beschreiben: Den Wunsch des Menschen nach Zugehörigkeit. Heimat ist der Ort – verstanden immer als Kristallisationspunkt der eigenen Identität – zu dem ich gehöre.

In Zeiten der Digitalisierung schafft das Netz für die vielfach entwurzelte digitale Gesellschaft eine völlig neue Art der Idenfikation und Beheimatung.

Nach der in diesem Buch publizierten repräsentativen Bevölkerungsbefragung im Ruhrgebiet vom Mai 2024 identifizieren sich über 70 Prozent der Ruhrgebietsbewohner mit der Kommune, in der sie gerne leben. Allerdings hat sich diese Identifikation mit dem jetzigen Wohnort in den letzten Jahren verändert; über 50 Prozent haben den Eindruck, dass sich die Stadt bzw. Gemeinde zum Nachteil verändert hat (nur 16 Prozent sehen einen vorteilhaften Wandel). Bei dieser Bewertung treten zwischen den Parteipräferenzen erhebliche Unterschiede auf: bei den Anhängern der Grünen sind es 32 Prozent und bei den SPD-Anhängern 44 Prozent, während es bei den Anhängern der CDU 57 und bei denen der AfD sogar über 90 Prozent sind. Wenn es um positive Entwicklungen geht, wird vor allem auf das gewachsene kulturelle Angebot (aber auch die Freizeit- und Sporteinrichtungen) verwiesen und hier sieht eine deutliche Mehrheit (63 Prozent) das Ruhrgebiet im Vergleich mit anderen Regionen als attraktiver und vielfältiger. Über 50 Prozent der Befragten (insbesondere die Jüngeren) betonen, dass im Ruhrgebiet jeder so sein kann, wie er möchte! Man pflegt einen offenen Umgang miteinander, ist direkt in der Kommunikation, aber auch herzlich und unterstützend. Das Lebensgefühl des „So-sein-Könnens“ beschreibt treffend das Alltagsleben und insbesondere wird in diesem Kontext die breite Skala von Angeboten (sei es in der Kultur, dem Sport oder anderen Freizeitbetätigungen) hervorgehoben.

Nur rund 10 Prozent sehen allerdings in den letzten Jahren eine Verbesserung der Beschäftigungsmöglichkeiten oder der ärztlichen Versorgung und nur Prozent eine Verbesserung hinsichtlich des Schutzes vor Kriminalität und Gewalt oder des Angebots an bezahlbaren Wohnungen. Das Sicherheitsgefühl hängt stark mit der Größe des Wohnortes zusammen: Während sich in den Großstädten (mit mehr als 500.000 Einwohner) 57 Prozent weniger oder gar nicht sicher fühlen, ist es in den Orten mit weniger als 100.000 Einwohnern anders (hier fühlen sich nur 36 Prozent weniger oder gar nicht sicher). Auch hier treten parteipolitische Orientierungen zutage; Anhänger der SPD und Grünen fühlen sich mit rund 80 Prozent sicher, demgegenüber fühlen sich über 90 Prozent der AfD-Anhänger unsicher. Diese unterschiedlichen Bewertungen zeigen sich ebenfalls bei den Einschätzungen zur Zuwanderung; so meinen 58 Prozent der Anhänger der AfD, dass die Integration der Zuwanderer im Ruhrgebiet schlechter gelingt als anderswo. Hinsichtlich der zugewanderten Ausländer traten deutliche Differenzen zwischen den neu Zugewanderten und den schon länger im Ruhrgebiet lebenden hervor: Über zwei Drittel der Befragten sehen starke Unterschiede im Verhalten, das sich - wie auch in den Fokusgruppengesprächen thematisiert - in einem mangelndem Kommunikationswillen und Integrationsbereitschaft seitens der neu Zugewanderten niederschlägt.

Korenke: Es ist gut, dass Sie hier den Identitätsbegriff einführen. Denn Heimat ist ein Identitätsort. Ich hatte vor kurzem ein Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen, die in der ehemaligen DDR aufgewachsen sind. Ich war der Einzige, der in Westdeutschland zur Schule gegangen ist und dort auch noch nach dem Mauerfall studiert hat. Ich kenne diese Menschen schon lange, wir haben viel miteinander gearbeitet, diskutiert, gefeiert. Wir mögen uns. Trotzdem ist da irgendetwas, das diese Menschen in besonderer Weise miteinander verbindet und mich ausschließt. Ich gehöre nicht richtig dazu. Ich habe lange gebraucht, bis ich verstanden habe, dass diese Kolleginnen und Kollegen eine gemeinsame Identität als ehemalige DDR-Bürgerinnen und -Bürger haben. Einen gemeinsamen Erfahrungsschatz, ein gemeinsames Verständnis von Institutionen, Ordnungen, Werten wie Vertrauen und Verlässlichkeit. Das ist irre: Den Staat, aus dem sie ihre Identität ziehen, gibt es schon lange nicht mehr. Ich habe sie bei unserem letzten Treffen direkt darauf angesprochen. Einer sagte: Natürlich ist das Leben in der Bundesrepublik viel besser, weil freier und wohlhabender als in der DDR, so ganz heimisch fühle ich mich hier aber nie. Offenbar behält man seine erste Heimat doch immer in den Knochen…

Hombach: Wie schon gesagt, im Rückblick verzeiht man vieles. Wenn es nicht ganz entsetzlich war, finden sich schnell nostalgische Verklärungen des Erlebten. Es gibt auch völlig neue Aspekte. Die Digitalisierung hat bei aller Nützlichkeit zu einem enormen Unbehagen an Beschleunigung und Unübersichtlichkeit beigetragen. Über das Netz die ganze Welt ins Haus holen zu können, macht manche Menschen unsicher und führt zu Ängsten. Auf der anderen Seite hat das Netz gerade nicht nur zum Gefühl der Entfremdung geführt, sondern durch die neuen Kommunikationsmittel und -möglichkeiten auch zum Gefühl neuer Nähe. Ich glaube, dass hier auch der tiefere Grund für den schwindelerregenden Erfolg der sozialen Medien im vergangenen Jahrzehnt liegt. Das Internet ist ein Ort, in dem wir alte Kontakte völlig losgelöst vom Ort aufrechterhalten und vertiefen können, in dem wir uns unkompliziert austauschen und in dem wir Nähe zu Menschen, selbst wenn wir ihnen nie persönlich begegnet sind, aufbauen und erfahren können. Es wird behauptet, die digitale Welt könne auch so was wie Heimat bieten. Ich kann mir persönliche Stabilität, die in echten Beziehungen, Geborgenheit und Verwurzelung begründet ist, in der Avatarwelt zwar nicht vorstellen. Realität durch die 3D-Brille vorgespielt bleibt vorgespiegelt.

Die Digitalisierung hat bei aller Nützlichkeit zu einem enormen Unbehagen an Beschleunigung und Unübersichtlichkeit beigetragen.

Korenke: Communities im Netz sind ja letztlich nichts anderes als virtuelle Dörfer. Influencer sammeln Follower um sich, die etwas teilen, was für viele Menschen wesentlich ist und zwischen denen dann schnell ein Gemeinschaftsgefühl entsteht. Insofern beschreibt der Publizist Dirk von Gehlen eine wachsende Gruppe zutreffend, wenn er denen in den Mund legt: „Heimat ist dort, wo ich einen WLAN-Anschluss habe.“ Von Gehlen hat ja dann sogar einen digitalen Heimat- und Brauchtumsverein gegründet. Das hatte natürlich eine ironische Note, aber im Kern ist es berechtigt: Im 21. Jahrhundert ist das World Wide Web für viele Menschen Heimat.

Heimat scheint eine Renaissance zur erleben. Im politischen Diskurs wird über Heimat gesprochen, die Grünen nutzen den Begriff ganz ungeniert sehr häufig, eine rechtsradikale Partei hat sich „Die Heimat“ genannt. Woher kommt diese neue Sehnsucht nach Heimat?

Heinze: Ja, wenn man nicht zur digitalen Boheme gehört, die allerdings bei den 15 bis 50-Jährigen schon lange die Mehrheit bildet, fühlt man sich leicht abgehängt. Dann spielen auch die Unterschiede zwischen Stadt und Land eine große Rolle, die sich im World Wide Web völlig aufgelöst haben. Dieses Gefühl, dass sich ein Großteil des Lebens virtuell abspielt und das man nicht mitspielt, hier nicht mithalten kann, verstärkt gerade bei Älteren die Sehnsucht nach etwas Überschaubarem, Unverwechselbarem, Ursprünglichem, Geerdetem – nach Heimat. Und immer mehr Jüngere beginnen zu spüren, dass die totale digitale Existenz nicht erstrebenswert ist. Nicht umsonst erlebt der Begriff „Authentizität“ eine Hochphase. In Zeiten von digitalen Begegnungen und von KI, die uns mehr und mehr geistige und kreative Prozesse abnimmt, wächst der Wunsch nach Echtem. Wolf Lotter hat dazu gerade ein anregendes Buch geschrieben. Der Wunsch nach Echtem, nach Primärerfahrungen, deckt sich mit dem Wunsch nach Heimat, nach wirklicher Zugehörigkeit und Anerkennung, nach Stolz auch, nach Behausung und Geborgenheit. „Das trotzige Bestehen auf Heimat und Herkunft mitsamt von Kluft und Tracht ist der Anker in einer Welt der vielen Optionen und der wechselnden Identitäten. Man muss doch eine Vorstellung davon haben, was einem Halt gibt und worauf man sich verlassen kann“ (Heinz Bude).

Von links nach rechts:Rolf G. Heinze, Bodo Hombach und Tobias Korenke im Gespräch

Hombach: Die Grünen haben an die im deutschen Nachkriegspragmatismus unbediente Tradition der romantischen Sehnsucht erfolgreich angeknüpft und sie mit aktuellen Themen bedient. Das damit verbundene Gefühlige war stärker als die bis dahin gängige Ratio. Dieses Phänomen ist nicht neu und gilt vielen ausländischen Beobachtern als urdeutsch, als deutscher Romantizismus. Auch gern gemischt mit apokalyptischen Besorgnissen. Andererseits gab es in Deutschland spätestens seit dem Kaiserreich einen starken politisch-kulturellen Strang, der auf Technik und Fortschritt gesetzt hat. Deshalb galt Deutschland lange als das Land der Ingenieure und Tüftler. Die Sozialdemokratie hat diesen Fortschrittsoptimismus noch bis zur Jahrhundertwende zu ihrem politischen Programm gemacht. Sie wurde von rechts deshalb gerne als „heimatlose Gesellen“ diskreditiert. Ihre Hochburgen waren die urbanen Ballungszentren und die immer gigantischer werdenden Industrieregionen, die von Warenaustausch und sozialer Mobilität lebten, weniger der ländliche Raum. Gleichzeitig gab es in der politischen Kultur Deutschlands immer auch eine romantische Gegenbewegung: Die Sehnsucht nach der ländlichen Idylle, nach dem ungekünstelten, authentischen Leben auf dem Lande. Die Lebensreformbewegung seit Mitte des 19. Jahrhunderts ist hier zu verorten, in gewisser Weise auch die Anthroposophie. In diesem „mental furniture“ haben sich dann aus Gründen der populistischen Propaganda auch die Nationalsozialisten eingerichtet – gerade auch als Gegenbewegung zur zunehmenden Internationalisierung und Industrialisierung und ihren sozialen und kulturellen Folgen. Für sie war Heimat das ideologisch genutzte Bollwerk gegen alles Fremde, Städtische, Weltoffene, Andersartige. Übrigens sind das auch die Eigenschaften, plus Geld- und Rachsucht, die ekligerweise den Juden in der nationalsozialistischen Ideologie zugeschrieben wurden. Viele Juden waren aufgrund historischer Verfolgung nicht umsonst die Prototypen der heimatlosen Existenz. Dabei bedienten die Nationalsozialisten sich sehr geschickt der christlichen Mythologie: Ahasver, der ewig durch die Zeiten wandernde, heimatlose Jude spukte hier schon seit Jahrhunderten in den Köpfen. Indem die Nationalsozialisten die (Volks-) Gemeinschaft als Ideal des Zusammenlebens postulierten, gewannen sie auch die bürgerlichen Schichten, die sich mit dem auf individuellen Interessen beruhenden angelsächsischen, letztlich kapitalistischen Gesellschaftskonzept schwertaten. Der berühmte Satz des Freiburger Philosophen Martin Heidegger in seiner Schrift „Warum bleiben wir in der Provinz?“, in der er begründete, warum er einen Ruf nach Berlin ablehnte, bringt genau dieses Denken zum Ausdruck: „Wenn in tiefer Winternacht ein wilder Schneesturm mit seinen Stößen um die Hütte rast und alles verhängt und verhüllt, dann ist die hohe Zeit der Philosophie.“ Erst in der heimatlichen Hütte kommt der Denker zu seinem eigentlichen Thema, der Kritik an der modernen Gesellschaft, ihrer Urbanität, den sozialen Gepflogenheiten, wie sie aus der Heimatperspektive scheinen.

Die Grünen haben an die im deutschen Nachkriegspragmatismus unbediente Tradition der romantischen Sehnsucht erfolgreich angeknüpft und sie mit aktuellen Themen bedient.

Korenke: Das war ja auch die Hochzeit der Heimatphilosophie à la Heidegger, der Heimatdichter, der Heimatmuseen, der Ursprung des Heimatfilms auch, der dann in den 1950er-Jahren seine Blüte entfaltete – „Schwarzwaldmädel“, „Grün ist die Heide“ – als es darum ging, die Grauen des Zweiten Weltkriegs und die kollektiv beschwiegene Schuldfrage zu verdrängen. In all diesen Formen fand die Ablehnung der als unwirtlich empfundenen modernen Gegenwart ihren Ausdruck. Wir sollten nie vergessen, dass gerade der Nationalsozialismus,