Heimat-Roman Treueband 46 - Carolin Thanner - E-Book

Heimat-Roman Treueband 46 E-Book

Carolin Thanner

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Beschreibung

Lesen, was glücklich macht. Und das zum Sparpreis!

Seit Jahrzehnten erfreut sich das Genre des Heimat-Bergromans sehr großer Beliebtheit. Je hektischer unser Alltag ist, umso größer wird unsere Sehnsucht nach dem einfachen Leben, wo nur das Plätschern des Brunnens und der Gesang der Amsel die Feierabendstille unterbrechen.
Zwischenmenschliche Konflikte sind ebenso Thema wie Tradition, Bauernstolz und romantische heimliche Abenteuer. Ob es die schöne Magd ist oder der erfolgreiche Großbauer - die Liebe dieser Menschen wird von unseren beliebtesten und erfolgreichsten Autoren mit Gefühl und viel dramatischem Empfinden in Szene gesetzt.

Alle Geschichten werden mit solcher Intensität erzählt, dass sie niemanden unberührt lassen. Reisen Sie mit unseren Helden und Heldinnen in eine herrliche Bergwelt, die sich ihren Zauber bewahrt hat.

Dieser Sammelband enthält die folgenden Romane:

Alpengold 204: Als Schwiegertochter unerwünscht
Bergkristall 285: Die Tierärztin von Bruck
Der Bergdoktor 1765: Verloren in den Bergen
Der Bergdoktor 1766: Leon - kleiner Lebensretter
Das Berghotel 141: Was mir dein Blick verspricht

Der Inhalt dieses Sammelbands entspricht ca. 320 Taschenbuchseiten.
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Seitenzahl: 623

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Carolin Thanner Marianne Burger Andreas Kufsteiner Verena Kufsteiner
Heimat-Roman Treueband 46

BASTEI LÜBBE AG

Vollständige eBook-Ausgaben der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgaben

Für die Originalausgaben:

Copyright © 2015/2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2023 by Bastei Lübbe AG, Köln

Covermotiv: © Myvisuals / Shutterstock

ISBN: 978-3-7517-4465-2

www.bastei.de

www.sinclair.de

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Alpengold 204

Ganz eng schmiegt sich die hübsche Vahmer-Lisa an die breite Brust ihres Liebsten Erik, und die Wärme, die von seinem starken Körper ausgeht, vertreibt für einen Moment den Kummer aus ihrem Herzen. So lange schon sind sie ein Paar - und doch dürfen sie sich nur heimlich lieben, denn Philomena Trenkwalder, Eriks Mutter, wird niemals eine Magd als Schwiegertochter dulden!   Doch das Geheimnis der Liebenden wird unvermutet gelüftet, und von da an wendet sich Lisas Glück. Um die unerwünschte Schwiegertochter vom Hof zu vertreiben, ist Philomena jedes Mittel recht ...

Bergkristall - Folge 285

Dr. Veith, der alte Tierarzt von Unterbruck, stirbt plötzlich. In seinem Testament verfügt er, dass das Haus seiner Nichte Barbara Lukas gehören soll, unter der Bedingung, dass sie seine Praxis fortführt. Barbara, die gerade ihr Studium beendet hat, nimmt das Erbe mit Freuden an. Doch schon bald muss sie erkennen, dass die Bauern ihr mit Misstrauen, ja, mit Feindseligkeit begegnen - Barbaras Praxis bleibt leer.

Dafür hat der Tierarzt Dr. Roland Heisner in der Nachbargemeinde umso mehr zu tun. Barbara ahnt nicht, dass Heisner sie überall schlechtmacht. Er will die unerwünschte Kollegin ruinieren, um selbst die Praxis Dr. Veiths übernehmen zu können. Schon ist Barbara bereit aufzugeben, da lernt sie einen Mann kennen, der ihrem Leben eine unerwartete Wende gibt ...

Der Bergdoktor 1765

Vreni und ihr Verlobter Marius, dem der stattliche Binder-Hof unterhalb vom Achenwald gehört, sitzen auf der Bank am Wiesenmarterl und schauen zu den Bergen hinauf, die sich im Sonnenlicht vor ihnen auftürmen. Alles sieht so idyllisch und so friedlich aus! Und doch hat sich dort oben erst vor wenigen Wochen eine schreckliche Tragödie abgespielt. Der Berg hat zwei Opfer gefordert: Marius? Bruder und dessen Verlobte Katrin. Wie konnte es nur zu dieser Katastrophe kommen?   Tag und Nacht treibt Marius seitdem die Frage nach dem Warum, und er weiß, dass er nur eine Antwort findet, wenn er denselben Weg geht, der seinem Bruder und Katrin zum Verhängnis geworden ist. Trotz Vrenis inständigem Flehen, die Vergangenheit ruhen zu lassen, macht sich Marius eines Morgens auf den Schicksalsweg ...

Der Bergdoktor 1766

Schluchzend liegt der sechsjährige Leon im Bett. Er kann einfach nicht begreifen, warum seine Mama ihm strikt verboten hat, Max noch einmal zu sehen. Max ist ein schwarzer Labrador und gehört dem jungen Pianisten Lutz Sandlinger, der sich nach einer schweren Herzerkrankung in den Bergen erholen will.

Plötzlich horcht Leon auf. Da - irgendwo hoch oben in den Bergen bellt ein Hund. Ob das Max ist? Jetzt, mitten in der Nacht?

Nur kurz denkt Leon an das Verbot seiner Mutter, dann schlüpft er aus dem Bett und zieht sich leise an.

Als Miriam Bogner ihren Sohn am nächsten Morgen wecken will, ist sein Bett leer ...

Das Berghotel 141

Die hübsche Angelika ist erst seit Kurzem im Berghotel als Masseurin und Kosmetikerin angestellt, um Gerti Wachter zu unterstützen. Beschwingt macht sie sich an diesem Morgen auf den Weg zur Rosenstube. Ihr Herz setzt einen Schlag aus, als Gerti ihr berichtet, dass sie kurzfristig einen ihrer Massagetermine übernehmen muss. Das wäre alles nicht weiter tragisch, wäre ihr Kunde nicht ausgerechnet Valentin Windisch, fescher Reitlehrer in St. Christoph - und der Mann ihrer Träume. Allein der bloße Klang seines Namens lässt ihr Herz höherschlagen. Schon als blutjunges Madel hat sie ihn aus der Ferne angehimmelt. Doch dieser Mann, den sie seit Jahren so schmerzlich begehrt, ist längst verheiratet. Niemals wird er ihr gehören, vielleicht wird er ihr niemals näher sein als heute. Und so wünscht sich Angelika, die halbe Stunde werde niemals enden ...

Heimat-Roman Treueband 46

Cover

Titel

Impressum

Zusammenfassung

Inhalt

Alpengold 204

Als Schwiegertochter unerwünscht

Bergkristall - Folge 285

Die Tierärztin von Bruck

Der Bergdoktor 1765

Verloren in den Bergen

Der Bergdoktor 1766

Leon – kleiner Lebensretter

Das Berghotel 141

Was mir dein Blick verspricht

Guide

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Contents

Als Schwiegertochter unerwünscht

Roman um den Schicksalsweg einer Magd

Von Carolin Thanner

Ganz eng schmiegt sich die hübsche Vahmer-Lisa an die breite Brust ihres Liebsten Erik, und die Wärme, die von seinem starken Körper ausgeht, vertreibt für einen Moment den Kummer aus ihrem Herzen. So lange schon sind sie ein Paar – und doch dürfen sie sich nur heimlich lieben, denn Philomena Trenkwalder, Eriks Mutter, wird niemals eine Magd als Schwiegertochter dulden!

Doch das Geheimnis der Liebenden wird unvermutet gelüftet, und von da an wendet sich Lisas Glück. Um die unerwünschte Schwiegertochter vom Hof zu vertreiben, ist Philomena jedes Mittel recht …

»Lisa!«

»Was?« Erschrocken fuhr Lisa Vahmer in ihrem Bett hoch. Hatte sie nur geträumt? Oder hatte tatsächlich jemand ihren Namen gerufen? Sie war sich nicht sicher.

Verschlafen blinzelte sie. Vor ihrem Fenster war es noch stockdunkel. Der Wind trieb Schneeflocken gegen die Scheibe und fauchte um die Ecken des Bauernhauses. Der Wetterbericht hatte am vergangenen Abend angekündigt, dass es noch tagelang weiterschneien würde. Andererseits: Was wussten die Meteorologen schon? Im Sommer hatten sie einen Regenguss nach dem anderen vorhergesagt – und es waren die trockensten Monate seit Jahrzehnten geworden. Vielleicht würden die Schneefälle gar nicht so schlimm werden …

Lisa schaltete die Nachttischleuchte an. Augenblicklich wurde ihre gemütliche Kammer in sanftes Licht getaucht. Neben Lisa regte sich ihr Freund im Bett. Seine dunklen Haare waren vom Schlaf zerzaust, und er war unter der Bettdecke so nackt, wie der Herrgott ihn geschaffen hatte.

»Was’n los?«, murmelte er.

»Hast du das auch gehört, Erik?«

»Nein, was denn?«

»Nun …«

» Lisa !«, kam es erneut von unten, diesmal hörbar eindringlicher und mit einem Anflug von Ärger in der Stimme.

»Deine Mutter ruft mich.« Lisa sah ihren Freund an. »Glaubst du, sie ahnt etwas?«

»Das glaube ich nicht, sonst würde sie längst in der Tür stehen und ein Donnerwetter auf uns niederfahren lassen, dass die Wände wackeln.«

»Das ist ja sehr ermutigend …«

»Jesses, Maria und Josef!«, kam es da von unten.

»Du solltest besser nachschauen, was meine Mutter will. Wenn sie schon die heilige Familie anruft, muss es etwas Ernstes sein.«

»Willst du nicht lieber runtergehen?«

»Sie verlangt ausdrücklich nach dir. Aber du kannst mich gern rufen, wenn ich helfen kann.«

»Also schön.« Lisa schob die Steppdecke zur Seite, stand auf und erschauerte augenblicklich. Sie schlief zu jeder Jahreszeit bei offenem Fenster, und so war es in ihrer Kammer bitterkalt.

Hastig angelte sie ihren Morgenmantel vom Stuhl und schlüpfte hinein. Die Leuchtzeiger des Weckers standen auf halb fünf. Was mochte die Bäuerin bloß so zeitig von ihr wollen?

Lisa arbeitete seit einem Jahr als Magd auf dem Trenkwalder-Hof. Ihr Dienst begann morgens um halb sechs. Dann bereitete sie das Frühstück vor, kümmerte sich um die Kühe und fütterte die Hühner. Außerdem half sie im Haushalt und erledigte alle Arbeiten, die auf dem Bauernhof täglich anfielen.

Während sich ihr Freund mit einem leisen und verdächtig zufriedenen Seufzer wieder unter die Bettdecke kuschelte, zog Lisa ihre Hausschuhe an und verließ ihr Zimmer. Sie tappte die Treppe hinunter und hörte ein Stöhnen. Sie folgte dem Geräusch und betrat die Bauernküche.

Der Raum war rustikal und einladend eingerichtet: Am Fenster stand ein Frühstückstisch mit einer Eckbank und zwei Stühlen. Die karierten Vorhänge am Fenster waren aus demselben Stoff genäht wie die Sitzkissen. Und auf dem Fensterbrett reihten sich Keramiktöpfe mit frischen Kräutern aneinander.

Philomena Trenkwalder stand mit einem Besen bewaffnet neben dem Herd und warf Lisa einen vorwurfsvollen Blick zu.

»Du bist ja gar nicht angezogen«, tadelte sie.

»Ich hab noch geschlafen. Warum haben Sie mich gerufen?«

»Weil ich deine Hilfe brauche. Dort oben …« Die Bäuerin deutete zur Decke. »Siehst du sie?«

Lisa kniff die Augen zusammen und spähte nach oben. Die Decke war mit Holz verkleidet, das im Lauf der Jahre Flecken bekommen hatte. Zwischen den Sprenkeln lauerte etwas Langbeiniges in einem Netz – eine Winkelspinne! Sie war groß genug, um Lisa einen Schauer über den Rücken zu jagen.

»Ach du liebe Zeit! Vielleicht sollten wir ihr einfach die Küche überlassen.«

»Lass die Scherze und unternimm etwas!«, schnaufte ihre Chefin und fügte sanfter hinzu: »Bitte!«

»Einen Moment.« Lisa griff nach einem Glas und einem Notizzettel. Dann kletterte sie auf einen Stuhl, stülpte das Glas über die Spinne und holte sie mithilfe des Zettels von der Decke. Die Bäuerin trat unwillkürlich einen Schritt zurück, als Lisa vom Stuhl sprang. Philomena war nicht zimperlich. Sie nahm es durchaus mit einem nervösen Stier auf, wenn es sein musste, aber Spinnen konnte sie partout nicht ausstehen.

»Was mache ich denn jetzt mit dir?« Nachdenklich schaute Lisa auf das Tier nieder, das in dem Glas herumkrabbelte und allem Anschein nach einen Ausweg aus seiner Lage suchte. »Draußen schneit es. Dort würdest du keine Stunde überleben.«

»Bring sie um!«, verlangte die Bäuerin.

»Warum denn? Das arme Tier möchte auch leben. Ich werde es in der Scheune aussetzen.«

»Ausgeschlossen. Wenn du das machst, kann ich dort keinen Fuß mehr hineinsetzen. Bring sie um!«

Lisa zögerte, aber sie brachte es nicht übers Herz, das Leben der Spinne zu beenden. Sie eilte in den Flur, vertauschte ihre Hausschuhe mit Stiefeln und eilte über den Hof.

In dieser Nacht hatte es wieder kräftig geschneit. Ein eisiger Wind fauchte der jungen Magd entgegen, als sie über den Hof zum Stall lief, und trieb ihr Schneeflocken ins Gesicht, die so kalt waren, dass sie wie Nadelspitzen stachen.

Sie setzte die Spinne zwischen zwei Heuballen ab. Das Langbein verschwand umgehend in einer dunklen Ecke, und Lisa kehrte ins Haus zurück. Ihr war so bitterkalt, dass ihre Zähne aufeinanderschlugen. Der Morgenmantel hielt die Kälte kein bisschen ab.

Lisa zog ihre Stiefel aus und stürmte in ihre Kammer hinauf.

Erik saß auf der Bettkante und blickte ihr forschend entgegen. »Was war denn los? Ein Notfall?«

»Sozusagen. Deine Mutter hatte eine Spinne in der Küche entdeckt. Ich sollte sie umbringen, aber …« Lisa brach ab und machte eine vage Handbewegung.

»Stattdessen hast du sie lieber eingefangen und im Stall ausgesetzt. Stimmt’s?«

»Woher weißt du denn das schon wieder?«

»Ich kenne dich. Du hast ein weiches Herz. Du würdest vermutlich sogar versuchen, einen blutrünstigen Grizzlybären zu retten, wenn der in unserem Tal umgehen würde.«

»Das ist zum Glück nicht zu befürchten.«

»Wer weiß! Komm wieder ins Bett! Bei dieser Kälte holst du dir ja den Tod!« Erik streckte die Arme aus und zog sie an sich. »Himmel, du fühlst dich an wie ein Eisklotz! Warte, ich taue dich ein bisserl auf …«

Er verschloss ihre Lippen mit einem Kuss, bei dem etwas in ihr zu schmelzen schien. Ein heißes Glücksgefühl schoss durch ihre Adern und vertrieb die Kälte. Lisa schmiegte sich glücklich an ihren Schatz.

Er begann, sie zu streicheln, und liebkoste ihren Rücken und ihre schmale Taille, dann kitzelte er sie unter dem Arm. Ein helles Lachen entfuhr ihr. Erschrocken presste sie eine Hand auf ihren Mund und lauschte.

»Was ist denn los?« Verwundert hielt ihr Freund inne.

»Hoffentlich hat deine Mutter mich nicht gehört. Glaubst du, sie ahnt etwas?«

»Von uns beiden? Das glaube ich nicht.«

»Wann wollen wir es ihr eigentlich erzählen?« Lisa löste sich von ihrem Freund und sah ihn ernst an. »Sie hat noch keine Ahnung, dass wir zusammen sind. Wir müssen es ihr endlich sagen, Erik.«

»Warum denn? So, wie es jetzt ist, ist es wunderbar.«

»Aber deine Mutter weiß noch nicht, dass wir uns lieben. Wir treffen uns immer hinter ihrem Rücken. Die Heimlichkeiten lassen mich kaum noch schlafen. Ich habe ständig Albträume, dass sie uns in einer kompromittierenden Situation ertappt und vom Hof wirft.«

»Das würde sie niemals tun.«

»Bei dir sicherlich nicht, aber bei mir? Als Magd bin ich entbehrlich. Sie wird nicht erfreut sein, wenn sie herausfindet, dass wir sie seit Wochen belügen.«

Lisa wurde das Herz schwer. Sie war bis über beide Ohren in Erik verliebt und überglücklich, dass der Bauer ihre Gefühle erwiderte, aber die Sorge vor der Reaktion seiner Mutter schwebte über ihnen wie das berüchtigte Damoklesschwert.

Philomena wusste noch nicht, dass sie ein Liebespaar waren. Das hatte auch seinen Grund: Sie hatte Vorbehalte gegen eine Beziehung ihres Sohnes zu einer Magd, denn sie befürchtete, er würde auf eine Frau hereinfallen, die ihn nur wegen seines Hofes heiraten wollte. Lisa hätte ihr gern versichert, dass sie ihren Schatz auch lieben würde, wenn er arm wie eine Feldmaus wäre, aber dazu bekam sie keine Gelegenheit, denn Erik bestand darauf, dass sie ihre Liebe noch für sich behielten.

»Meine Mutter hatte erst vor wenigen Monaten einen Herzinfarkt. Ich will sie nicht aufregen. Lass uns noch ein wenig warten!«, schlug er vor. »Wir haben es doch schön zusammen, findest du nicht?«

Lisa hob unglücklich die Schultern und ließ sie wieder fallen. »Manchmal komme ich mir vor wie dein schmutziges kleines Geheimnis.«

»Mein süßes und über alles geliebtes Geheimnis«, korrigierte er und wollte sie wieder an sich ziehen, aber sie löste sich von ihm.

»Mir ist nicht wohl dabei, unsere Liebe vor deiner Mutter zu verheimlichen. Geheimnisse haben die unliebsame Angewohnheit, früher oder später ans Licht zu kommen. Und dann meistens mit einem großen Knall. Glaub mir. Ich weiß, wovon ich spreche.« Lisa dachte an ihren früheren Freund. Er hatte ein Geheimnis vor ihr gehabt. Ein Geheimnis, das ihr Leben für immer verändert hatte …

»Wir sagen es ihr bald«, lenkte Erik ein. »Versprochen.«

Lisa atmete auf. »Bald« war ein dehnbarer Begriff, aber es war wenigstens kein »Niemals«.

An Schlaf war nach dem morgendlichen Schrecken mit der Spinne nicht mehr zu denken, deshalb beschloss Lisa, einfach früher mit ihrer Arbeit zu beginnen und dafür abends eher Schluss zu machen. Sie ging ins Badezimmer, duschte und zog sich an – einen warmen Strickpullover und eine dunkelrote Cordhose. Ihre blonden Haare flocht sie zu einem Zopf. Auf Make-up verzichtete sie, nur eine leichte Tagescreme trug sie auf, weil ihre Haut bei der Kälte häufig spannte und gerötet war.

Als sie in ihre Unterkunft zurückkehrte, war Erik nirgendwo zu sehen. Vermutlich war er gegangen, um nicht von seiner Mutter bei ihr erwischt zu werden.

Am Fenster stand der Käfig mit ihrem Nymphensittich. Er war ein Geschenk ihres Vaters gewesen, kurz vor seinem schweren Unfall. Lisa liebte den munteren Vogel heiß und innig.

»Lass es dir gut schmecken, Oscar!« Sie füllte seine Körnerschale mit frischem Futter und gab Wasser in seine Trinkschale. Er dankte es ihr mit einem lebhaften Zwitschern und pickte hungrig seine Körner auf.

Lisa ging hinunter in die Bauernküche und begann, den Frühstückstisch für drei Personen zu decken. Eriks Vater war vor vielen Jahren bei einem Unglück in den Bergen ums Leben gekommen. Damals war Erik noch ein Bub gewesen. Philomena sprach nie über ihn, aber wenn sein Name fiel, schimmerten ihre Augen und verrieten, dass er ihr selbst nach so vielen Jahren immer noch fehlte.

Vor dem Fenster wurde das schabende Geräusch einer Schneeschaufel laut. Erik hatte sich ebenfalls angezogen und begonnen, die Einfahrt freizuschaufeln. In der Nacht hatte es so viel geschneit, dass der Molkereiwagen kaum durchkommen würde. Erik hatte seine Kapuze über den Kopf gezogen und stemmte sich kraftvoll gegen die Schneeschaufel. Lisa betrachtete ihn, und Liebe überflutete ihr Herz.

Himmel, wie sehr sie ihn liebte! Sie mochte sich ein Leben ohne ihn gar nicht mehr vorstellen.

Über den Bergen im Osten färbte sich der Himmel allmählich hellviolett. Nebelschwaden verhüllten die verschneiten Felskanten, die unmittelbar hinter dem Bauernhof steil in die Höhe ragten.

Das Schicksal hatte Lisa vor einem Jahr nach Ramsau verschlagen. Die oberbayerische Gemeinde war von den Berchtesgadener Alpen umgeben. Von hier aus war es nicht weit bis zum Königssee und nach Berchtesgaden. Das Tal lag eingebettet zwischen Watzmann, Hochkalter und Lattengebirge. Ramsau schmiegte sich an den Fuß eines Gebirgszugs, der bis in Höhen über 2700 Meter hinaufreichte.

Der Trenkwalder-Hof stand auf einer Anhöhe im Westen des Dorfes, ein wenig abseits von anderen Gehöften. Von hier aus war es nur ein Katzensprung zum sogenannten »Zauberwald« – einem Forst, der für seine malerischen Bergsturztrümmer berühmt war. Durch den Wald gelangte man zum Hintersee. Lisa liebte das stille Gewässer, an dem es sich im Sommer trefflich lesen und träumen ließ.

Ramsau war im Winter eine beliebte Ferienregion. Skifahrer kamen aus dem In- und Ausland, um sich auf den schneereichen Pisten zu erholen. Lisa hatte vorgeschlagen, eine Ferienwohnung auf dem Hof einzurichten, um etwas dazuzuverdienen, aber davon hatte ihre Chefin nichts hören wollen. Philomena mochte keine Fremden auf dem Hof. Daran war nicht zu rütteln.

»Das darf doch nicht wahr sein!« Philomena saß am Küchentisch und blätterte in der Morgenzeitung. Nun trommelte sie mit den Fingern auf eine Seite und starrte grimmig darauf nieder. »Dieser Bazi, dieser elende!«

»Von wem sprechen Sie?« Lisa wäre vor Schreck beinahe ein Teller heruntergefallen. Sie stellte ihn auf dem Tisch ab und sah die Bäuerin fragend an.

»Vom Schierhackl-Vincenz red ich. Der Haderlump hat mit seinem Zuchtstier den ersten Preis gewonnen und ein Interview gegeben. Er brüstet sich mit den Neuerungen auf seinem Hof und zeigt mit dem Finger auf mich.«

»Auf Sie?«

»Und ob. Er behauptet, man müsse mit der Zeit gehen und modernisieren, sonst würde man auf der Strecke bleiben. Als könnte die neueste Melkanlage den Erfolg garantieren! Unsere Maschine ist nicht mehr die neueste, aber sie funktioniert tadellos.«

»Erwähnt er denn Ihren Namen?«

»Das muss er gar nicht. Jeder in Ramsau wird wissen, wen er meint.« Philomena presste die Lippen zu einem Strich zusammen. Mit einem Mal wirkte sie älter als Anfang fünfzig. Die wenigen silbrigen Strähnen in ihren dunklen Haaren traten stärker hervor. »Ich werde nach dem Frühstück zu Vincenz gehen und ein Wort mit ihm wechseln.«

»Sie sollten keinen Streit vom Zaun brechen. Womöglich hat er es gar nicht so gemeint und kann alles aufklären?«

»Das bezweifle ich. Wir haben seit über zwanzig Jahren Streit. Daran wird sich auch nix mehr ändern.«

Lisa hatte schon bemerkt, dass die Bäuerin nicht gut auf den Nachbarn zu sprechen war. Sie wusste allerdings nicht, warum. Niemand auf dem Hof sprach je über den Grund für den Zwist. »Ganz unrecht hat Vincenz aber nicht«, wandte sie ein. »Man muss wirklich mit der Zeit gehen und darf sich Neuerungen nicht verschließen, sonst verpasst man irgendwann den Anschluss.«

»Fang du nicht auch noch an! Wie ich den Hof leite, ist meine Sache und nicht deine. Du hast damit nix zu schaffen. Also sieh zu, dass du deine Arbeit ordentlich machst! Um alles andere kümmere ich mich. Hast du verstanden?«

»Natürlich.« Lisa grub die Zähne in die Unterlippe und versuchte, das Unwohlsein zu verdrängen, das sie in letzter Zeit häufig befiel. Es tat ihr weh, ihre Gefühle für Erik verheimlichen zu müssen. Sie wäre lieber ehrlich zu der Bäuerin gewesen. Womöglich wäre diese ihren Vorschlägen gegenüber dann offener gewesen.

Doch Erik hatte sie gebeten zu schweigen. War das wirklich richtig so? Musste ihnen das Geheimnis nicht früher oder später um die Ohren fliegen?

***

Philomena marschierte entschlossenen Schrittes die Hinterseer Straße hinunter. Diesem Vincenz Schierhackl würde sie etwas erzählen! Er würde es sich in Zukunft zweimal überlegen, über sie in der Zeitung herzuziehen!

Daheim hatte sie ihren Nachbarn nicht angetroffen, aber sein Knecht hatte ihr erzählt, dass er zum Fischen an den Hintersee gegangen war. Das erzürnte Philomena noch mehr. Ihr Blut kochte – und der Verursacher ihres Ärgers ging seelenruhig zum Fischen! Ahnte er überhaupt, was er angerichtet hatte?

Der Schnee knirschte unter ihren Stiefeln, als sie durch den Wald zum See stapfte. Der Schneepflug war an diesem Morgen bereits durchgefahren, deshalb kam sie relativ gut voran. Nur wenn ein Auto kam, musste sie auf den Seitenstreifen der Straße und in den hohen Schnee ausweichen.

Außer Atem langte sie schließlich am Seeufer an und schaute sich suchend um. Der See war zugefroren, und die Eisdecke lag unter dichtem Schnee begraben. Es war so winterlich still, als wäre die Natur ebenfalls zu Eis erstarrt und würde erst im Frühling zu neuem Leben erwachen.

Es dauerte nicht lange, dann erspähte Philomena eine dunkel gekleidete Gestalt, die in einiger Entfernung ein Loch in die Eisdecke gehackt hatte und breitbeinig mit einer Angel dastand.

»Vincenz!« Es war so kalt, dass ihr Atem in einer weißen Wolke vor ihrem Gesicht aufstieg. Philomena stapfte zu ihrem Nachbarn hinüber und ballte die Hände zu Fäusten, dass ihre ledernen Handschuhe knirschten.

»Philomena?« Er senkte grüßend das Kinn. In seinen buschigen Augenbrauen glitzerten Eisflocken. Sein Kinnbart war früher dunkel gewesen, jetzt zogen sich vereinzelte silbrige Fäden hindurch, als hätte der Frost ihn angehaucht. Vincenz trug einen warm gefütterten grauen Parka, eine Cordhose und Fellhandschuhe. Neben ihm stand ein Eimer im Schnee. Mehrere Blinker und Wobbler glitzerten an seiner Anglerweste.

»Wie kannst du es wagen, mich vor allen Leuten niederzumachen, Vincenz? Hast du nicht schon genug Schaden angerichtet?«

»Was meinst du damit? Was habe ich denn getan?«

»Das weißt du ganz genau! Du hast mich in Verlegenheit gebracht. Das ist weder fair noch anständig!«

»Ich habe leider keine Ahnung, wovon du redest, Philomena, aber würdest du bitte deine Stimme senken? Mit deinem Gebrüll vertreibst du mir die Fische.«

»Ich kann noch viel lauter werden!«, rief sie. »Du bist ein herzloser Egoist, Vincenz. Nicht zu glauben, dass ich früher einmal in dich verliebt war.«

Sein Gesicht verlor alle Farbe.

»Liebe war das wohl nicht. Du hast dich für Josef entschieden, weil er dir mehr zu bieten hatte als ich. Ich war damals noch ein Knecht und hatte nichts als meinen brennenden Wunsch, uns ein Zuhause zu schaffen, aber du wolltest nicht so lange warten. Du hast unsere Beziehung gegen einen Mann mit einem großen Bauernhof eingetauscht.«

»Einer von uns beiden musste vernünftig sein«, verteidigte sie sich. »Wir hatten doch beide nichts.«

»Und nun stehen wir beide heute hier. Deine Entscheidung hat uns hergebracht.« Sein Blick verdunkelte sich. »Ich hoffe, du bist glücklich damit, Philomena.«

Glücklich? Etwas in ihr krümmte sich bei seinen Worten. Es war lange her, seitdem sie so empfunden hatte. Viel zu lange.

Vincenz hatte jahrelang geschuftet und sein Ziel erreicht: Er hatte seinen eigenen Hof aufgebaut. Geheiratet hatte er jedoch nie. Und sie selbst? Sie hatte ihren Mann früh verloren und allein ihren Weg finden müssen. Leicht war das nicht gewesen. Oh, nein! Würde sie wieder so entscheiden, wenn sie noch einmal vor der Wahl stehen würde? Wer weiß! Doch dieser Zug war längst abgefahren.

Vincenz wechselte seine Angel von einer Hand in die andere.

»Was genau willst du von mir, Philomena?«

»Ich möchte eine Entschuldigung von dir. Du hast mich in dem Interview niedergemacht, das du der Zeitung gegeben hast. Du hast gesagt, ich würde mich allen Neuerungen verschließen und ewig im Gestern leben.«

»Wie kommst du darauf, dass ich dich gemeint habe?«

»Hast du das etwa nicht?«

»Nein. Ich habe vom Prankl-Lois gesprochen, wollte allerdings seinen Namen nicht nennen, weil er mir nur als Beispiel gedient hat und ich ihm nicht schaden wollte.«

»Vom Prankl-Bauern?« Philomena strich sich ein nicht vorhandenes Stäubchen vom Wintermantel, weil sie plötzlich nicht wusste, wo sie hinschauen sollte. »Der Lois müsste wirklich etwas an seinem Hof machen. Das Dach ist so morsch, dass man glauben kann, der nächste Windzug weht es komplett weg. Und die Melkanlage quietscht, dass man es bis zum anderen Ende von Ramsau hören kann.«

»Eben.« Ihr Nachbar sah sie vielsagend an.

Mit einem Mal wurde ihr bewusst, dass sie voreilig über ihn geurteilt hatte. Sie hatte seine Worte auf sich bezogen, weil sie immer das Schlimmste von ihm annahm. Dabei hatte er ihr nichts Böses getan.

»So war das also. Nun, nichts für ungut«, brachte sie zerknirscht hervor und verabschiedete sich.

Während sie nach Hause schlich, grübelte sie über die Worte ihres Nachbarn nach. Vincenz und sie waren sich vor vielen Jahren einmal nahe gewesen. Er hatte keinen Zweifel daran gelassen, dass er sich eine gemeinsame Zukunft mit ihr wünschte. Sie hatte jedoch immer mehr gewollt als eine Ehe mit einem Knecht, und so hatte sie einem anderen Mann ihr Jawort gegeben. Doch ihrer Ehe war kein Glück beschieden gewesen, denn sie hatte nicht einmal fünf Jahre gewährt …

»Grüß dich, Philomena!« Eine junge Frau hatte vor einem Bauernhof eingeparkt. Nun stieg sie aus ihrem Auto und holte zahlreiche Einkaufstüten aus dem Kofferraum. Die Aufschriften verrieten, dass sie aus Boutiquen und Drogerien stammten. Der Mantel der Bauerntochter war mit Pelz besetzt, und ihre Stiefel hatten so hohe Absätze, dass sich die Bäuerin fragte, wie um alles in der Welt man damit auf vereisten Wegen laufen sollte.

»Bianca!« Sie lächelte die Bauerntochter an.

Bianca Edler lebte mit ihren Eltern auf einem Bauernhof in ihrer Nähe. Sie würde den Hof eines Tages erben. Zudem war sie sanft und ließ sich leicht lenken. Sie wäre eine Schwiegertochter so recht nach Philomenas Herzen, denn bei ihr würde sie die Zügel auf dem Hof nicht aus der Hand geben müssen. Leider hatte ihr Sohn bisher noch keinerlei Interesse an der bezaubernden Jungbäuerin gezeigt.

Wenn sie es recht bedachte, zeigte er seit Monaten überhaupt kein Interesse mehr an einer Frau. Das gab Philomena zu denken. Es war bestimmt nicht gut, dass Erik ständig allein war. Immerhin war er ein junger Mann, der an die Zukunft denken und eine Familie gründen sollte. Womöglich brauchte er nur einen kleinen Schubs in die richtige Richtung?

»Wie schön, dass ich dich sehe«, ergriff die Bäuerin die Gelegenheit beim Schopfe. »Ich würde dich gern zum Abendessen einladen, Bianca. Wir haben schon viel zu lange keine Gelegenheit für einen Plausch mehr gehabt. Würde es dir heute Abend passen?«

»Freilich!« Die Wangen der jungen Frau röteten sich. »Wird Erik auch da sein?«

»Natürlich«, versicherte Philomena. Dafür würde sie schon sorgen!

»Ich komme gern. Soll ich etwas mitbringen?«

»Nur dich selbst.«

»Und wann soll ich da sein?«

»Wir essen immer ziemlich zeitig. Wie wäre es um sechs?«

»Das passt mir wunderbar. Ich werde da sein.« Bianca winkte, wobei ihr zwei Einkaufstaschen aus der Hand fielen und in den Schnee kullerten. Hastig bückte sie sich und hob ihre Einkäufe wieder auf.

Philomena lenkte ihre Schritte nach Hause. In der angenehmen Gewissheit, etwas für die Zukunft ihres Sohnes getan zu haben.

Erik stand mit einem Becher Kaffee in der Küche und lehnte mit dem Rücken am Fensterbrett, als sie eintrat. »Du grinst ja so zufrieden«, stellte er fest. »Wie unser Hofkater, wenn er eine Maus erwischt hat. Hast du Vincenz die Meinung gesagt? Ich hab die Zeitung gelesen …«

»Mein Besuch bei ihm war leider ein Reinfall. Er hat gar nicht mich gemeint in dem Interview.«

»Das habe ich mir schon beinahe gedacht. Er hat dich gern und würde niemals über dich lästern.«

»O doch, das würde er. Wie kommst du überhaupt darauf, dass er mich gern haben könnte?«

»Weil ich Augen im Kopf habe«, erwiderte Erik trocken.

»Schmarren! Er kann mich nicht ausstehen.« Sie winkte ab. Vincenz und sie hatten sich einmal nah gestanden, aber das war schon lange her. Seitdem war viel Wasser die Ramsauer Ache hinuntergeflossen … »Ich habe Bianca zum Abendessen eingeladen«, berichtete sie.

Erik ließ seinen Becher sinken und sah sie verblüfft an. »Warum denn?«

»Weil sie nett ist. Du solltest mehr Zeit mit ihr verbringen.«

»Mit Bianca? Ich wüsste nicht, warum. Sie ist in Ordnung, aber sie hat ungefähr so viel Temperament wie ein Glas Leitungswasser.«

»Na und? Viele Männer wüssten eine ruhige Frau an ihrer Seite zu schätzen.«

»Ich nicht. Ich brauche eine echte Partnerin. Eine Frau, die weiß, was sie will, und sich auch durchsetzen kann. Kein verwöhntes Mäuschen.« Seine Augen begannen zu glänzen, und er blickte so verträumt, dass seine Mutter stutzte.

Das hörte sich beinahe so an, als würde sein Herz schon für eine bestimmte Frau schlagen! Aber das konnte nicht sein. Es wäre ihr gewiss nicht entgangen, wenn er verliebt wäre. Allerdings schlug sein Herz bei Bianca kein bisschen höher. Sie würde sich etwas einfallen lassen müssen, wenn sie die reizende Jungbäuerin als Schwiegertochter haben wollte!

***

Das wäre geschafft!

Zufrieden klappte Lisa die Motorklappe des Traktors zu. Das Fahrzeug war nicht mehr gestartet, als sie damit fahren wollte. Beim Nachschauen war ihr ein Kabel aufgefallen, das wohl ein Marder angefressen und zerstört hatte. Kurzerhand hatte sie es ausgetauscht und bei dieser Gelegenheit auch gleich noch Öl nachgefüllt. Nun schnurrte der Motor wieder wie ein Kater, der an genau der richtigen Stelle gekrault wird.

Lisa wischte ihre ölverschmierten Hände an einem Lappen ab und stieß erleichtert den Atem aus.

»Und?« Ihre Chefin kam aus dem Haus und stemmte die Hände auf die Hüften. »Nichts zu machen, oder? Wir müssen mit dem Traktor in die Werkstatt.«

»Ach wo. Er brummt wieder.«

»Tatsächlich? Du hast ihn repariert?«

»War nur eine Kleinigkeit. Ein kaputtes Kabel. Das habe ich ausgetauscht.«

»Und du bist sicher, dass nicht noch mehr kaputt ist?«

»Freilich. Ich bin mit drei Brüdern aufgewachsen. Da lernt man einiges. Als Kind konnte ich besser Fußball spielen als Zöpfe flechten. Und ich wusste, wie man alte Autos repariert.« Lisa hob die Schultern und ließ sie wieder fallen. Dafür hatte sie beim Malen zehn linke Daumen …

Philomena nickte zufrieden. »Danke, dass du dich darum gekümmert hast. Würdest du mir noch bei der Zubereitung des Abendessens helfen? Wir brauchen etwas Besonderes. Ich dachte an Lammbraten und ein Soufflé. Die Zutaten müssten wir alle noch vorrätig haben.«

»Natürlich. Gibt es einen besonderen Anlass für ein so festliches Essen?«

»Und ob! Wir erwarten Besuch.«

»Wen denn?«

»Das geht dich eigentlich nichts an«, gab die Bäuerin mit einem befremdeten Blick zurück, »aber ich verrate es dir gern. Erik und ich erwarten Bianca zum Essen.«

»Die Nachbarstochter?« Lisa sah ihre Chefin verwundert an. Weshalb gab es ein mehrgängiges Abendessen, wenn Bianca zu Besuch kam? Was hatte das zu bedeuten? Ihr fiel plötzlich auf, dass ihre Chefin beim Friseur gewesen war. Philomenas dunkelbraune Haare wiesen keine einzige graue Strähne mehr auf. Anscheinend hatte sie sie färben lassen. Und auf ihren Lippen schimmerte ein roter Lippenstift. Außerdem trug sie anstelle ihrer üblichen Arbeitskleidung ein festliches Dirndl.

Das flaue Gefühl in Lisas Magen verstärkte sich.

»Es wäre mir lieb, wenn du in deine Kammer gehst, sobald das Essen fertig ist«, erklärte Philomena. »Ich möchte mit meinem Sohn und unserem Gast allein sein.« Sie nahm sich nicht die Zeit für eine längere Erklärung, sondern stapfte davon. So bemerkte sie auch den bestürzten Blick nicht, den Lisa ihr hinterherwarf.

Nachdenklich ging die Magd ins Haus und wusch sich die Hände. Als sie in die Küche trat, saß Erik mit einem Stapel Post am Tisch und sah Rechnungen und Reklamesendungen durch.

»Alles okay bei dir?«, fragte er und ließ einen Katalog für landwirtschaftliche Nutzgeräte sinken, in dem er gerade geblättert hatte. »Du siehst so besorgt aus.«

»Ich bin nur verwundert. Deine Mutter hat mich gerade vom Abendessen ausgeschlossen. Sonst essen wir immer zusammen, aber heute Abend erwartet ihr wohl Besuch.«

»Bianca«, bestätigte er düster. »Ich habe es zu spät erfahren, sonst hätte ich ihr die Einladung noch ausgeredet.«

»Was ist denn der Anlass?«

»Mutterl möchte mich mit Bianca verkuppeln.«

»Oh!«

»Hm«, brummte er. »Sie preist mir Bianca schon lange an wie saures Bier, aber für mich gibt es keine andere Frau als dich.« Er umfing sie mit einem zärtlichen Blick.

»Wir sollten deiner Mutter endlich reinen Wein einschenken. Sonst macht sie sich umsonst Hoffnungen auf etwas, das nie passieren wird.«

»Lass uns damit lieber noch warten! Bianca ist eine Nachbarin. Es ist nichts dabei, wenn sie zum Essen zu uns kommt.«

»Aber sie könnte sich ebenfalls Hoffnungen machen. Möchtest du das eventuell sogar?« Lisa war nicht wohl dabei, aber Erik fasste sie kurzerhand um die Taille, zog sie an sich und verschloss ihre Lippen mit einem Kuss, der ihre Knie in Wackelpudding verwandelte und ihre Gedanken und Sorgen davonsegeln ließ wie einen Adler hoch über den Bergen. Sie vergaß sekundenlang alles um sich herum.

Plötzlich zerriss das Klingeln des Telefons die Stille in der Küche. Erik ließ Lisa aus seinen Armen und ging an den Apparat. Er meldete sich und lauschte.

»Verstanden. Ich bin gleich bei euch«, versprach er schließlich und warf den Hörer zurück auf die Gabel. Dann sah er Lisa entschuldigend an. »Ich muss noch mal weg.«

Bevor sie etwas erwidern konnte, erklang ein empörtes Schnauben an der Tür. Seine Mutter war unbemerkt dazugekommen und funkelte ihn an. »Du kannst jetzt nicht gehen, Erik. Bianca wird bald hier sein. Wir wollen mit ihr essen.«

»Daraus wird leider nichts. Ich habe einen Einsatz.«

»Für die Freiwillige Feuerwehr? Du weißt, ich bin dagegen, dass du dort mitarbeitest. Du hast so wenig Freizeit, die solltest du nicht mit so gefährlichen Einsätzen verschenken.«

»Ich möchte aber etwas tun. Für mich ist es selbstverständlich zu helfen, wenn ich kann.«

»Warum riskierst du dein Leben und deine Gesundheit für andere?«

»Weil es richtig ist«, erwiderte er schlicht. »Wenn wir in Not wären, würden wir auch wollen, dass uns jemand hilft. Ich weiß noch nicht, wie lange der Einsatz dauert. Haltet mir eine Portion warm, ja?«

»Also schön. Aber bitte sei vorsichtig, Erik!« Philomena sah ihrem Sohn sorgenvoll nach, als dieser die Küche verließ. Wenig später fiel die Haustür hinter ihm ins Schloss. »Wie es aussieht, muss ich allein mit Bianca essen. Sorg dafür, dass Erik ein warmes Abendessen im Ofen findet, wenn er später heimkommt, ja, Lisa?«

»Natürlich.« Lisa versprach es und machte sich an die Arbeit. Sie bereitete den Braten und das Soufflé vor. Während das Fleisch im Herd schmorte, fütterte sie die Hühner und schippte draußen noch einmal den Schnee in der Auffahrt. Es hatte wieder begonnen zu schneien, und sie wollte verhindern, dass Erik später mit dem Auto stecken blieb.

Als sie fertig war, wärmte sie sich in der Küche bei einem Glas Tee auf. Von der Bäuerin war nichts zu sehen. Vermutlich war sie oben in ihrer Kammer. In der Küche verbreitete der Braten einen würzigen Duft. Lisa überlegte sich gerade, ob sie sich später einen Film im Fernsehen anschauen sollte. Womöglich würde sie das vom Grübeln ablenken …

Bevor sie zu einem Schluss kam, klingelte das Telefon erneut. Sie nahm den Hörer ab. »Trenkwalder-Hof, Lisa Vahmer hier.«

»Hallo, du untreue Tomate!«, rief eine unbekümmerte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

»Doro?« Ein Lächeln huschte über Lisas Gesicht. Dorothee Brandner war Krankenschwester und lebte in München. Sie hatte im vergangenen Winter Urlaub in Ramsau gemacht und denselben Skihang bevorzugt, den auch Lisa mochte. Sie waren miteinander ins Gespräch gekommen und hatten sich angefreundet.

»Wenigstens erkennst du meine Stimme noch«, stellte die Anruferin fest. »Ich dachte schon, du hättest mich ganz vergessen, nachdem du dich so lange nicht gemeldet hast.«

»Entschuldige, ich wollte schon längst auf deinen Brief antworten, aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich hatte alle Hände zu tun.«

»Lass mich raten! Du hattest alle Hände voll zu tun mit einem gut aussehenden Mann, eins neunzig groß, dunkelhaarig und total verrückt nach dir?« Ein Lächeln schwang in der Stimme ihrer Freundin mit. »Also ist Erik noch aktuell?«

»Und ob! Ich wünschte nur, es wäre nicht so schwierig.«

»Sag bloß, ihr habt seiner Mutter immer noch nicht gesagt, dass ihr zusammen seid?!«

»Leider nicht. Ich fürchte, sie wird nicht erfreut sein, wenn sie es erfährt. Sie nimmt mich gar nicht wahr. Als Mensch, meine ich. Für sie bin ich nur ein Teil der Ausstattung. Wie ein Besen. Oder die Melkmaschine. Man benutzt es, beachtet es aber nicht weiter.«

»Mach dich nicht klein! Man kann dich gar nicht übersehen.«

»Doch, wenn Gäste kommen, bin ich abgemeldet.«

»Dann mach dich bemerkbar! Zeig deiner Chefin, dass es dich gibt! Und hört endlich auf mit den Heimlichkeiten! Ihr müsst Philomena erzählen, dass ihr euch liebt.«

»Erik möchte aber noch warten. Nach ihrem Infarkt ist sie noch nicht wieder so belastbar wie früher, deshalb will er warten.«

»Es ehrt ihn, dass er sich Gedanken um ihre Gesundheit macht, aber diese Heimlichkeiten werden sie viel mehr aufregen als die Tatsache, dass ihr zwei ein Liebespaar seid. Gebt ihr doch wenigstens die Chance, euch ihren Segen zu geben! Wenn sie gegen eure Liebe ist, könnt ihr euch immer noch etwas einfallen lassen.«

»Und was?« Lisa seufzte leise. »Ich fürchte, wenn sie es erfährt, bricht hier das Chaos aus.«

»Womöglich überrascht sie euch aber auch und findet es ganz toll, dass ihr euch liebt.«

»Glaubst du das wirklich?«

»Warum denn nicht? Du bist ein lieber, patenter Mensch. Jede Frau kann froh sein, dich zur Schwiegertochter zu bekommen. Ihr solltet nur endlich mit diesen Heimlichkeiten aufhören.«

»Du hast ja recht.« Lisa seufzte tonlos. Das war auch ihre Ansicht. Sie hätte der Bäuerin lieber heute als morgen gestanden, dass Erik und sie sich liebten, aber gegen den Willen ihres Freundes wollte sie auch nicht handeln.

Nachdenklich wechselte sie den Hörer von einer Hand in die andere. Dabei fiel ihr Blick aus dem Fenster – und ein bestürzter Laut entfuhr ihr. Soeben kam Bianca auf das Haus zu, und ihr Äußeres verriet, dass sie sich viel Mühe mit ihrem Aussehen gegeben hatte.

Ihre Haare ringelten sich weich über ihre Schultern, und ihr Dirndlkleid blitzte unter dem Wintermantel hervor und enthüllte mehr von ihren langen, schlanken Beinen, als es verbarg. Es gab keinen Zweifel, dass sie jemanden beeindrucken wollte. Und Lisa konnte sich auch denken, wer das war. Die Nachbarstochter ahnte nicht, dass Erik längst gebunden war. Das war ja eine schöne Bescherung!

***

»Herrschaftszeiten! Das hätte schlimm ausgehen können.« Korbinian kletterte aus dem Arbeitskorb des Hubsteigers und klopfte sich den Schnee von der Jacke. Eiskristalle glitzerten im Schein der Straßenlaterne in seinen Augenbrauen und auf seiner Wollmütze. Er stöhnte unterdrückt.

Erik sah seinen Kameraden an. »Ist alles in Ordnung bei dir?«

»Freilich. Ich bin nur frustriert. Wir haben uns gerade den Hintern angefroren, weil ein Student es für eine gute Idee gehalten hat, bei einsetzendem Schneefall mit dem Paragleiter vom Berg zu springen. Dass er dabei nur in einem Baum gelandet und nicht abgestürzt ist, grenzt an ein Wunder.«

»In der Tat. Er hatte wirklich Glück. Der Baum hat seinen Sturz abgefangen.« Erik lauschte auf das Martinshorn des Rettungswagens, der den Verunglückten ins Krankenhaus fuhr. Es wurde stetig leiser, bis es gar nicht mehr zu hören war.

»Was meinst du, was ihm fehlt?«

»Ein wenig Verstand, möchte man meinen.«

»Ob er sich etwas gebrochen hat?«

»Das lässt sich ohne Röntgenbild nicht sagen, aber sein Arm war auf jeden Fall verletzt. Ich glaube aber nicht, dass er innere Verletzungen davongetragen hat.« Erik schaute zu der Baumkrone hinauf und stellte sich vor, was geschehen wäre, wenn die ausladende Kiefer den Sturz des Studenten nicht abgefangen hätte. Nichts Gutes vermutlich!

Die Kameraden den Freiwilligen Feuerwehr waren zu dem Unglücksort gerufen worden, weil ein Urlauber mit dem Gleitschirm abgestürzt war und hilflos in dem Baum hing. Sie mussten mit der Hebebühne anrücken, um ihn zu bergen. Das Arbeitsgerät gehörte zu ihrer Grundausstattung und war auf einem Anhänger festgemacht.

Während ihre Kameraden nun heimfuhren, kümmerten sich Erik und Korbinian um die Rückfahrt der Maschine in die Garage der Einsatzzentrale.

»Den Abend hatte ich mir anders vorgestellt«, schnaufte Korbinian. »Ich wollte mit Lissy ins Kino gehen. Daraus wird nun nichts mehr. Das ist zu schade.«

»Warte mal. Es ist noch gar nicht so spät. Wenn ihr euch beeilt, könnt ihr es noch in die Vorstellung schaffen.«

»Nicht, wenn wir die Hebebühne noch zurückbringen.«

»Das schaffe ich auch allein. Fahr ruhig heim zu deinem Schatz!«

»Wirklich?« Korbinians Augen leuchteten auf. »Dafür schulde ich dir was, alter Freund.«

»Ja, dass du mich nicht ständig ›alter Freund‹ nennst. Ich bin gerade mal ein Jahr älter als du.«

»Eine Ewigkeit«, neckte ihn sein Kamerad und schlug ihm grinsend auf die Schulter. Dann hielt er sich nicht länger auf, sondern stapfte mit tief in den Taschen vergrabenen Händen die Straße hinauf. Wenig später hatte ihn der dichter werdende Schneefall verschluckt.

Erik wandte sich dem Arbeitsgerät zu und sicherte den Ausstieg der Hebebühne. Dann schwang er sich hinter das Lenkrad des Transporters und fuhr ihn zurück ins Depot. Er stellte ihn in der Garage ab und machte sich auf den Heimweg.

Sein Auto war inzwischen unter einer zentimeterdicken Schneedecke vergraben. Er musste die Scheiben erst von Eis und Schnee befreien, ehe er einsteigen und losfahren konnte.

Die Straße war ebenfalls wieder unter dem winterlichen Weiß verschwunden. Vermutlich war der Schneepflug zuletzt vor mehreren Stunden durchgekommen. Mühsam mahlten sich die Räder seines Wagens durch den Schnee und brachen mehr als einmal in einer Kurve schlingernd aus.

So dauerte die Strecke, für die er sonst kaum länger als eine Viertelstunde benötigte, dreimal so lange. Der Bauer atmete auf, als er endlich daheim ankam und sein Auto in die Garage stellen konnte. Er sehnte sich nach Lisas weichen Armen und wollte so schnell wie möglich zu ihr gehen. Aus ihrem Kammerfenster fiel goldener Lichtschein nach draußen und zog ihn an wie eine Blüte eine Biene. Sein Herz wurde weit, als er an das geliebte Madel dachte.

Im Flur zog er seine Stiefel aus und hängte die Jacke auf einen Bügel. Dann strebte er auf die Treppe zu, aber bevor er auch nur einen Fuß auf die unterste Stufe setzen konnte, kam seine Mutter aus der Küche.

»Da bist du ja endlich!«, rief sie vorwurfsvoll aus. »Ich warte schon seit einer Stunde auf dich. Warum hat der Einsatz denn so lange gedauert?«

»Die Straßenverhältnisse sind heut Nacht nicht die besten. Ich bin nur langsam vorangekommen.«

»Wir haben mit dem Essen auf dich gewartet, solange es ging, aber dann konnten wir nicht länger warten, sonst wäre der gute Braten verkocht. Bianca war furchtbar enttäuscht, weil du nicht gekommen bist.«

»Ein Einsatz geht nun mal vor, das weißt du doch.«

»Du hast aber auch noch ein Privatleben, Erik. Es gibt Menschen, die Zeit mit dir verbringen wollen. Wir müssen das gemeinsame Abendessen mit Bianca nachholen. Sie kommt am Wochenende wieder her. Sag deinen Kameraden, dass du dann nicht für einen Einsatz zur Verfügung stehst.«

»Das geht nicht. Im Augenblick sind wir spärlich besetzt, weil einige Helfer im Urlaub oder krank sind. Da kann ich mir nicht einfach freinehmen.«

»Das kannst du durchaus. Immerhin arbeitest du freiwillig mit. Warum sollst du nicht auch einmal eine Auszeit nehmen?«

»Weil wir auch kommen müssen, wenn wir gerufen werden.« Müde fuhr sich Erik durch die Haare. »Wenn sonst weiter nichts ist, möchte ich jetzt gern ins Bett gehen.«

»Etwa ohne Abendessen?« Philomena krauste die Stirn. »Wir haben dir alles in der Küche warm gestellt.«

»Sei mir net bös, aber ich hab keinen Hunger. Ich möchte nur noch ins Bett. Es war ein langer Tag.« Erik spürte den missbilligenden Blick seiner Mutter im Rücken, aber er fühlte sich schwer wie ein Stein und sehnte sich danach, den Tag zu beenden. Außerdem wollte er endlich Lisa sehen. Er eilte die Treppe hinauf und ging ins Bad. Er duschte und schlüpfte in einen Schlafanzug. Dann ging er zu Lisas Kammer.

Er klopfte und hörte von drinnen ein gedämpftes: »Herein!«

Als er eintrat, saß Lisa an ihrem Schreibtisch über einem Blatt Papier, auf dem Zahlenreihen notiert waren. Sorgenfältchen gruben sich in ihr hübsches Gesicht ein, aber als sie ihn nun ansah, leuchteten ihre Augen auf. »Alles gut?«, fragte sie.

»Alles bestens«, erwiderte er und schloss die Tür hinter sich. Augenblicklich schien die Last des langen Arbeitstages von seinen Schultern zu fallen, und er entspannte sich. Lisa hatte diese Wirkung auf ihn. Wenn er bei ihr war, fühlte sich alles so richtig an, als könnte es gar nicht anders sein. Ihre Zuversicht und ihre Wärme waren zwei der vielen Dinge, die er an ihr liebte. »Und bei dir?«

»Ich habe gerade ausgerechnet, dass mein Lohn in diesem Monat gerade so ausreicht, um alles Nötige zu bezahlen. Es wird knapp, aber ich schaffe das.«

»Ich helfe dir gern aus, das weißt du.«

»Das will ich aber nicht«, wehrte sie energisch und fast ein wenig schroff ab. Er wusste, dass er an einen wunden Punkt gerührt hatte. Lisa stand vor einem Berg Schulden. Schulden, für die sie nichts konnte, aber dennoch dafür geradestand. Ihr früherer Verlobter hatte sie überredet, bei einem Kredit mit zu unterschreiben, den er für ein eigenes Hotel aufgenommen hatte. Sein eigenes Kapital hatte dafür nicht ausgereicht. Lisa hatte eingewilligt und für ihn gebürgt, denn sein Traum von einem eigenen Hotel war auch ihrer gewesen.

Doch dann war er schon im ersten Jahr tiefer und tiefer in die roten Zahlen gerutscht und hatte schließlich aufgeben müssen. Da bei ihm kein Geld zu holen war, hielt sich die Bank nun an Lisa. Sie arbeitete hart und hatte einen festen Plan, um das Geld zurückzuzahlen.

Erik bewunderte sie dafür. Sie hatte ihr Studium aufgegeben, um für ihre Schulden geradezustehen. Er wusste nicht, woher sie die Kraft dafür nahm. An ihrer Stelle wäre er furchtbar wütend und verbittert gewesen. Ihr früherer Verlobter war untergetaucht und hatte Lisa mit den Schulden allein gelassen …

Erik trat hinter sie und zog sie an sich. Sie schmiegte sich so perfekt in seine Arme, als wäre sie für ihn gemacht. Doch plötzlich schob sie ihn ein Stück von sich und sah ihn ernst an. »Was ist?« Etwas in ihm krampfte sich zusammen.

»Wir sollten deiner Mutter von uns erzählen.«

»Nicht schon wieder! Darüber haben wir doch gesprochen.«

»Ja, aber ich denke, dass es höchste Zeit dafür ist.«

»Warum denn auf einmal?«

»Das möchte ich schon lange. Ich verstehe ja, dass du deine Mutter nicht aufregen möchtest, aber diese Heimlichkeiten können zu nichts Gutem führen. Bitte, Erik, lass uns ehrlich sein und ihr von unserer Liebe erzählen!«

Erik schwieg sekundenlang. Er kämpfte mit sich, denn er ahnte, dass das Geständnis alles verändern würde. Seine Mutter hatte feste Vorstellungen von seiner zukünftigen Frau – und eine mittellose Magd mit einem Berg Schulden entsprach diesem Bild nicht im Geringsten. Aber vielleicht würde sie einlenken, wenn sie erkannte, wie viel Lisa ihm bedeutete? Sie wollte doch auch, dass er glücklich war, oder nicht?

»Also gut«, gab er widerstrebend nach. »Wir erzählen es ihr morgen früh.«

Lisa nickte dankbar, und ein erleichterter Atemzug entfuhr ihr. Dabei ahnten sie beide noch nicht, was sie mit ihrem Geständnis heraufbeschwören sollten …

***

Was ist denn plötzlich in Lisa gefahren?

Verwundert warf Philomena am nächsten Morgen einen Blick aus dem Fenster. Das Kratzen der Schneeschaufel drang bis zu ihrem Schlafstubenfenster herauf. Draußen stemmte sich Lisa kräftig gegen den Schneeschieber und wuchtete Ladung um Ladung von der Auffahrt zur Seite. Sie war von Kopf bis Fuß warm angezogen – in einen gesteppten Parka, Cordhose und Stiefel. Die Kapuze hatte sie tief ins Gesicht gezogen, denn es schneite immer noch. Dichte Flocken wirbelten vom Himmel.

Der Anblick entlockte der Bäuerin ein Stöhnen. Wenn es so weiterschneite, würden sie früher oder später das Stalldach vom Schnee befreien müssen, damit es nicht einstürzte! Schon jetzt bog es sich unter der weißen Last und knackte und ächzte ebenso bedrohlich.

Das Mädel ist in aller Frühe auf den Beinen und arbeitet schon, ging es Philomena durch den Kopf, während sie sich anzog und ihr Bett aufschüttelte. Dabei fängt ihr Dienst erst in einer Stunde an. Sie wird sich meine Worte von gestern wohl zu Herzen genommen haben und früher anfangen. Sehr gut.

Vom Flur drangen Schritte aus der obersten Etage herein. Jemand kam aus Lisas Zimmer! Die Magd konnte es jedoch nicht sein, denn sie werkelte ja unten im Hof.

»Erik?« Verwundert schaute Philomena ihrem Sohn entgegen, der nun die Treppe herunterkam. Er war vollständig angezogen, aber seine Haare waren noch zerzaust, als wäre er gerade erst aufgestanden. »Suchst du Lisa?«

Er schüttelte den Kopf. »Nein, eigentlich nicht.«

»Was hattest du dann in ihrer Kammer zu suchen?«

»Ich …« Er zögerte, dann stieß er hörbar den Atem aus. »Ich muss dir etwas erzählen. Aber nicht hier auf dem Flur. Am besten gehen wir dazu hinunter in die Küche.«

»Das hört sich ernst an.«

»Ist es auch, aber mach dir keine Sorgen! Es ist etwas Gutes. Etwas sehr Gutes sogar.« Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Philomena war trotzdem nicht ganz wohl in ihrer Haut. Seine Ankündigung bereitete ihr Sorgen. Sie ging voraus in die Küche, blieb vor dem Fenster stehen und drehte sich zu ihrem Sohn um. Dabei verschränkte sie die Arme vor der Brust. »Also? Was möchtest du mir erzählen?«

»Es geht um Lisa. Sie ist … also … ich bin …«

»Hör auf zu stammeln und lass es einfach raus, Erik!«

»Du hast recht. Also: Lisa und ich sind zusammen.«

»Zusammen? Wie zusammen?« Philomena verstand nicht gleich. »Was soll das heißen? Ihr … Oh, mein Gott!« Sie schlug sich eine Hand vor die Brust. »Du kannst damit nicht meinen, dass ihr … Bitte, sag, dass du das nicht meinst!«

»Doch, wir lieben uns. Und zwar von ganzem Herzen. Ich habe endlich die richtige Frau fürs Leben gefunden, Mutterl, und ich hoffe, du freust dich für mich.«

»Ich soll mich freuen? Darüber, dass du auf ein mittelloses Flitscherl hereingefallen bist?« Philomenas Herz begann zu rasen. Ihr wurde flau, deshalb wankte sie zum nächstbesten Stuhl und ließ sich darauf fallen. »Ich wusste, es wäre damals besser gewesen, einen Knecht einzustellen und keine Frau, die dir ständig ihre Kurven vor das Gesicht hält.«

Erik wurde blass. »Lisa spielt keineswegs ihre Kurven aus. Sie ist ein liebenswerter, bodenständiger Mensch. Und ich habe mich in sie verliebt.«

»Das ist nur Leidenschaft. Es ist natürlich, dass du sie begehrst. Hübsch ist sie ja, das gebe ich zu, aber keine Frau fürs Leben. Glaub mir das!«

»Da irrst du dich. Lisa ist genau die Richtige für mich.«

Philomena winkte abwehrend ab, als könnte er seine Worte dadurch zurücknehmen. Sie fühlte sich so benommen, als hätte man ihr mit einem Vorschlaghammer auf den Kopf geschlagen. »Wie lange geht das schon mit euch beiden? War es nur die letzte Nacht?«

»Nein. Wir …« Er zögerte wieder, ehe er ehrlich gestand: »Wir sind seit zwei Monaten ein Paar.«

»Zwei Monate hintergeht ihr mich also schon?« Philomena fiel aus allen Wolken. Die Angelegenheit war noch schlimmer, als sie befürchtet hatte! Die Magd und ihr Sohn waren seit Monaten ein Paar und hatten es vor ihr verborgen. Dabei lebten sie alle unter einem Dach! Wie hatte sie nur so blind sein und es übersehen können? Und wie hintertrieben war Lisa, ihr das anzutun?

Ich werde meinen Sohn verlieren, ging es ihr durch den Kopf. An dieses Flitscherl, das nur sein Geld und seinen Hof an sich reißen will. Er ist zu verblendet, um das zu sehen, aber ich durchschaue Lisa. Sie will die Chefin des Hofes werden, und dafür ist ihr jedes Mittel recht. Warum habe ich sie nur damals eingestellt? Das war ein großer Fehler, aber er lässt sich wiedergutmachen. »Ich werde Lisa entlassen«, entschied sie. »Sobald du sie nimmer siehst, wirst du sie vergessen.«

»Nein, Mutterl. Du wirst sie nicht entlassen.«

»O doch, das werde ich.«

»Das kannst du gar nicht. Vergiss nicht, ich habe den Einstellungsvertrag damals unterzeichnet! Deshalb müsste ich ihn auch auflösen, aber das werde ich auf keinen Fall tun.«

»Du …« Philomena schnappte nach Luft. Ihr Herz pochte wild und schmerzhaft gegen ihre Rippen. »Ich möchte, dass du Lisa fortschickst, Erik. Und zwar noch heute!«

»Das kann ich nicht, und das möchte ich auch nicht.«

»Aber sie will sich bloß ins gemachte Nest setzen. Sie spielt dir nur etwas vor! Vermutlich würde sie einen Drachen heiraten, wenn der ihr einen Hof bieten könnte!«

»Ein netter Vergleich, wirklich.« Eriks Gesicht verschloss sich. »Aber du solltest Lisa inzwischen besser kennen. Sie steht für sich selbst ein und nimmt nichts an, das sie sich nicht ehrlich verdient hat. Sie will den Hof nicht. Sie wünscht sich nur eines: Und das ist meine Liebe. Und die gehört ihr auch.«

»Ach, Erik, ich erkenne dich nicht wieder. Du hattest noch nie Heimlichkeiten vor mir. Erst, seitdem sie da ist. Sie hat dich verändert, und das nicht zum Besseren.«

»Das ist nicht wahr. Lisa wollte längst, dass wir dir von uns erzählen. Ich war dafür, noch zu warten. Ich hatte gehofft, du würdest sehen, was für ein lieber Mensch sie ist, und sie ins Herz schließen. Ich wollte es dir erst sagen, wenn es dich nicht mehr aufregt. Lisa war von Anfang an für Ehrlichkeit.«

»Natürlich«, spottete Philomena.

»So war es wirklich.«

»Das kannst du dem Hollerbusch draußen erzählen. Vielleicht glaubt er diesen Unsinn. Lisa hat dich um den Finger gewickelt. Deine Gefühle für sie vernebeln deine Sinne.«

»Im Gegenteil. Erst durch Lisa sehe ich meinen Weg klar vor mir. Ich möchte eine Familie mit ihr gründen.«

Eine Familie? Kinder? Mit einer mittellosen Magd, die ihm nur auf der Tasche liegen und ihn ausnutzen würde? Philomena wurde es himmelangst bei dieser Vorstellung. Sie brauchte einen Plan! Und zwar rasch! Wie um alles in der Welt konnte sie diese verflixte Magd loswerden?

***

Lisa ahnte nichts Böses, als sie vom Schneeschippen ins Haus kam. Sie eilte in ihre Kammer, um sich umzuziehen, denn die anstrengende Arbeit hatte ihr den Schweiß aus allen Poren getrieben. Ihr Pullover klebte ihr schweißnass auf der Haut.

Sie ging ins Bad, wusch sich und schlüpfte in einen frischen Pulli. Als sie in ihre Kammer zurückkehrte, stockte ihr Fuß schon auf der Schwelle. Die Tür des Vogelkäfigs stand offen, und von ihrem gefiederten Freund war keine Spur zu sehen!

»Oscar?« Erschrocken schaute sich Lisa nach allen Seiten um. Ihr Vogel war verschwunden! Und das Fenster stand offen! »O nein!« Sie hatte das Gefühl, einen Hieb in die Magengrube zu erhalten. Das konnte, nein, das durfte nicht wahr sein!

Sie stürzte ans Fenster und schaute verzweifelt hinaus. Doch in dem dichten Flockenwirbel war keine Spur ihres Vogels zu sehen. Keine Feder. Gar nichts. Ihr geliebter Sittich war fort!

Tränen brannten plötzlich in ihren Augen. Oscar war das letzte Geschenk ihres Vaters gewesen. Kurz vor seinem Tod hatte er ihn ihr zum Geburtstag gebracht und gewünscht, dass er ihr ein treuer Begleiter sein möge. Und nun war er fort!

Er muss es geschafft haben, die Tür seines Käfigs mit dem Schnabel zu öffnen und wegzufliegen. Vielleicht habe ich den Käfig nach dem Füttern nicht richtig zugemacht. Ich dachte es zwar, aber anscheinend war das nicht der Fall. Traurig sank sie auf ihr Bett nieder und schlug die Hände vor das Gesicht. Es fühlte sich an, als hätte sie einen lieben Freund verloren.

Konnte Oscar draußen im Schnee überleben? Ohne Wärme? Ohne Futter? Und ohne jemanden, der für ihn sorgte und ihn lieb hatte? Das war höchst unwahrscheinlich!

Schritte näherten sich ihrer Kammer. Philomena schaute zur offenen Tür herein und zog fragend eine Augenbraue hoch. »Ist dein Vogel weg?«

»Ja, er muss irgendwie aus dem Käfig entkommen sein und …« Lisa stutzte. Woher wusste ihre Chefin, dass ihr Vogel weggeflogen war? Philomena hatte doch nicht einmal einen Blick auf den leeren Vogelkäfig geworfen!

»Dann weißt du jetzt also, wie es ist, jemanden zu verlieren, den man liebt. Lass dir das eine Lehre sein!« Die Bäuerin starrte sie so grimmig an, dass sich etwas in Lisa zusammenkrampfte. Jäh stieg eine Ahnung in ihr auf: Hatte Erik seiner Mutter von ihrer Beziehung erzählt? Und war Philomenas erste Reaktion darauf, ihren Vogel freizulassen? Bis vor wenigen Augenblicken hätte Lisa diesen Verdacht weit von sich gewiesen, aber jetzt konnte sie ihn nicht abschütteln.

»Waren Sie das?«, fragte sie erstickt. »Haben Sie Oscar freigelassen?«

Philomena antwortete nicht. Sie bestätigte es nicht, stritt es jedoch auch nicht ab. Das verriet Lisa alles, was sie wissen musste. Fassungslos sah sie die Ältere an.

»Aber warum? Warum haben sie das getan?«

»Das war erst der Anfang. Du wirst auf dem Hof keine ruhige Minute mehr haben. Es ist mein Hof, vergiss das nie! Und Erik ist mein Sohn. Ich werde ihm die Augen öffnen.«

»Die Augen öffnen?«

»Ganz recht. Ihm wird bald klar werden, was du wirklich von ihm willst: sein Geld und seinen Hof. Ich werde nicht zulassen, dass er auf eine Glücksritterin wie dich hereinfällt.«

Lisas Verzweiflung wandelte sich in Empörung. »Ich will weder Eriks Geld noch seinen Hof. Ich möchte nur mit ihm glücklich sein. Sie haben keinen Grund, mich zu hassen.«

»Das sind doch nur leere Worte. Ich weiß, was du vorhast, und ich werde deinem Treiben einen Riegel vorschieben.«

»Ich liebe Erik«, beteuerte Lisa. »Von ganzem Herzen.« Doch sie hätte genauso gut mit einer Wand sprechen können, denn die Bäuerin schnaubte nur.

»Liebe? Du weißt doch gar nicht, wie man das schreibt. Ich rate dir, von dir aus zu kündigen und den Hof zu verlassen, denn du wirst hier keine ruhige Minute mehr haben, das garantiere ich dir!« Mit diesen Worten wandte sich Philomena um und rauschte aus dem Zimmer. Ihre Abneigung blieb zurück wie ein schlechter Geruch.

Fassungslos schüttelte Lisa den Kopf. Mit dieser Reaktion hatte sie nicht gerechnet. Philomena musste sich ihrer Sache sehr sicher sein. Sie dachte gewiss, dass sich Erik niemals gegen seine Mutter stellen würde. Und darin hatte sie auch recht. Er wusste, dass er auf dem Hof gebraucht wurde. Und er würde sich einer Verantwortung niemals entziehen.

Womöglich war es ein Fehler, ihr von uns zu erzählen, grübelte Lisa. Aber was hätten wir tun sollen? Ewig schweigen? Das wäre nicht richtig gewesen. Ich hätte nur nicht gedacht, dass sie so herb reagieren würde. Nein. So schlimm hatte ich es mir nicht vorgestellt.

Und der arme Oscar muss nun darunter leiden! Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen. Die Vorstellung, dass ihr kleiner Vogel irgendwo draußen in der Kälte saß und erfror oder verhungerte, war kaum zu ertragen. Sie musste ihn suchen! Jetzt gleich! Impulsiv sprang sie vom Bett, angelte ihren Mantel vom Haken und stürmte die Treppe hinunter und aus dem Haus.

Sie vergrub die Hände in den Taschen, eilte die Straße hinunter und schaute sich suchend um. Sie schaute in die Baumwipfel und reckte den Kopf in die Höhe, bis sie plötzlich gegen ein Hindernis stieß. Ein großes, kräftiges Hindernis.

»Hoppla!«, brummte eine tiefe Männerstimme. »Pass auf, wo du hinläufst, Madel!«

Erschrocken blickte sie sich um und schaute geradewegs in das bärtige Gesicht Vincenz Schierhackls. Der Bauer hatte geistesgegenwärtig die Arme ausgestreckt und Lisa vor einem Sturz bewahrt. Nun ließ er sie los, nahm seine Pfeife aus dem Mund und blies einen Rauchring in die Luft. »Alles in Ordnung? Du siehst verstört aus.«

»Verstört?« Lisa presste die Lippen zusammen, um ein Stöhnen zu unterdrücken. Das war sie wohl auch. Verstört.

»Verfolgt dich jemand? Oder warum stürmst du die Straße herunter, als wäre dir eine Lawine auf den Fersen?«

»Ich wusste nicht, was ich tun soll. Die Bäuerin hat das von Erik und mir erfahren, und jetzt ist sie furchtbar wütend und würde mich am liebsten vom Hof werfen.«

»Was ist denn mit Erik und dir?«

»Wir lieben uns, aber das ist der Bäuerin ein Dorn im Auge. Sie hat mich aufgefordert, den Hof zu verlassen, und mir gedroht, mir andernfalls das Leben unerträglich zu machen.«

»Herrje!« Der Bauer schob die buschigen Augenbrauen zusammen, sodass sie eine Linie bildeten. »Nimm dir das nicht so zu Herzen! Ich kenn die Philomena schon sehr lange. Sie bellt vielleicht, aber sie beißt nicht.«

»Aber sie hat meinen Vogel freigelassen.«

»Wirklich?« Bestürzt sah Vincenz sie an. »Was für ein Vogel war es denn?«

»Ein Nymphensittich. Mein Vater hat ihn mir kurz vor seinem Tod geschenkt. Und jetzt ist er fort.« Lisa zitterte.

»Das ist schlimm. Hat sich Philomena wirklich so verändert? Sie hatte schon immer ein überschäumendes Temperament. Früher ist sie hin und wieder mal aus der Haut gefahren, aber sie war nie unfair, und sie hätte nie jemandem ein Leid angetan. Ist dein Vogel wirklich verschwunden? Bist du dir da sicher?«

»Ja.« Lisa nickte traurig. »Ich bin gerade auf der Suche nach ihm, aber er kann inzwischen sonst wo sein.«

»Das ist wahr.« Der Bauer zog an seiner Pfeife und hüllte sich in eine Rauchwolke. »Das Wichtigste ist jetzt, dass Erik und du zusammenhaltet. Ihr dürft keinen Keil zwischen euch lassen. Haltet an euren Gefühlen fest! Dann wird alles wieder gut.«

»Und wenn nicht?«

»Das muss es. Wenn Philomena sieht, wie gern ihr euch habt, wird sie nachgeben. Sie hat kein Herz aus Stein.« Der Bauer nickte Lisa ermutigend zu. »Ich werde auch die Augen nach deinem Vogel offen halten. Wenn ich irgendwo eine Feder von ihm entdecke, sage ich dir Bescheid.«