Heimlich, still und leise - Gerald Kerth - E-Book

Heimlich, still und leise E-Book

Gerald Kerth

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14,99 €

Beschreibung

Die Überflieger: Sie sind Meister im Abhängen, Flugkünstler der Extraklasse, bisweilen innovative Architekten, und sie machen sogar Politik: Fledermäuse und Flughunde zählen seit über 50 Millionen Jahren zu den erfolgreichsten Arten der Erde. Unumstritten ist ihre große ökologische und ökonomische Bedeutung, geheimnisvoll bleibt vieles an der Lebensweise dieser überaus sozialen Nachtschwärmer. Wie kommunizieren sie innerhalb ihrer oft riesigen Kolonien? Wie fangen sie Frösche, bauen sich Zelte oder erobern ihre Partner? Und inwiefern kann die heutige Altersforschung von der enormen Langlebigkeit der Fledermäuse profitieren? Anschaulich und unterhaltsam erzählt der anerkannte Experte Gerald Kerth von diesen phänomenalen Tieren, deren Schutz ihm ein besonderes Anliegen ist.

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Seitenzahl: 374

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Bildnachweis

1, 2, 4, 8, 9, 12, 13, 15: Chien C. Lee

3, 14: Marco Tschapka

5, 6, 7, 10, 17, 19, 20, 21, 22, 23: Gerald Kerth

11: Klaus Weißmann

16, 18: Karl Kugelschafter

Besuchen Sie uns im Internet unter

www.herbig-verlag.de

© für die Originalausgabe und das eBook: 2016 F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten

Schutzumschlag: Wolfgang Heinzel

Schutzumschlagfoto: shutterstock

eBook-Produktion: F. A. Herbig Verlagsbuchhandlung GmbH, München

ISBN 978-3-7766-8250-2

Dieses Buch ist allen Personen gewidmet, die sich mit großem Elan und viel Zeitaufwand für den so dringend benötigten Schutz der Natur einsetzen.

Inhalt

Vorwort

Erster Teil: Fledertiere sind außergewöhnliche Säuger

Kapitel 1: Eine evolutionäre Erfolgsgeschichte

Kapitel 2: Von Vampiren, Bestäubern, Samenverbreitern und Froschjägern

Kapitel 3: Ein Leben zwischen Leistungssport und Sparflamme

Kapitel 4: Richtig abhängen: Wo verbringen Fledermäuse den Tag?

Zweiter Teil:Paarungs- und Sozialverhalten von Fledermäusen

Kapitel 5: Paarungsverhalten: Von samenspeichernden Weibchen und schwärmenden Männchen

Kapitel 6: Jungenaufzucht: Von kühl gestellten Jungen und Langzeitsäugen

Kapitel 7: Gemeinsam zum Erfolg: Das soziale Leben der Fledermäuse

Dritter Teil:Fledermäuse und der Mensch

Kapitel 8: Die ökonomische Bedeutung der Fledermäuse

Kapitel 9:Gefährdung und Naturschutz

Kapitel 10:Was kann ich für den Schutz einheimischer Fledermäuse tun?

Bildteil

Danksagung

Verwendete Quellen

Vorwort

Seit mehr als 30 Jahren faszinieren mich Fledermäuse. Es begann Mitte der 1980er Jahre damit, dass mein langjähriger Freund Wolfgang Otremba mir eines Tages erzählte, dass er eine Fledermaus in einem Vogelnistkasten entdeckt hatte. Wir waren zu dieser Zeit in einer Jugendgruppe eines großen bayerischen Naturschutzverbandes aktiv, und Wolfgang war der Meinung, dass wir uns verstärkt um den Schutz der ­Fledermäuse kümmern sollten. Viele Bestände der einheimischen Fledermausarten hatten damals ihren Tiefpunkt erreicht. Schnell schlugen mich Fledermäuse in ihren Bann. Wolfgang und ich verbrachten viel Zeit damit, im Sommer auf Dachböden oder in Nistkästen nach Fledermäusen zu suchen und im Winter in Kellern und Stollen überwinternde Fledermäuse zu zählen. Auf diese Weise konnten wir viele bis dahin unbekannte Vorkommen in den Wäldern und Gemeinden Unterfrankens entdecken. Um Fledermaus­quartiere überhaupt begehen zu dürfen, benötigten wir ar­­tenschutzrechtliche Ausnahmegenehmigungen. Wie explizit vorgeschrieben, meldeten wir unsere Funde regelmäßig den Naturschutzbehörden. Auf diese Weise konnten viele Fledermausquartiere erhalten und geschützt werden.

Seit dieser Zeit bin ich den Fledermäusen treu geblieben und habe mein Hobby zum Beruf gemacht. Heute erforsche ich zusammen mit meiner Arbeitsgruppe »Angewandte Zoologie und Naturschutz« an der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald das Verhalten und die Lebensweise von Fledermäusen in mehreren Regionen der Welt. Mit unserer Forschung versuchen wir, das faszinierende Leben der Fledermäuse besser zu verstehen und so zum Schutz dieser leider in vielen Teilen der Welt bedrohten Tiere beizutragen.

Dieses Buch behandelt die gesamte Ordnung der Fledertiere (Chiroptera), d. h. Fledermäuse im engeren Sinn und Flughunde. Die Mitglieder dieser Ordnung sind ganz ohne Zweifel einzigartige Säugetiere. Sie sind die einzigen Säuger, die aktiv fliegen können. Jeder, der schon einmal in der Dämmerung jagende Fledermäuse beobachtet hat, kann bestätigen, dass sie wahre Flugkünstler sind, die durch ihre Wendigkeit sogar vielen Vögeln überlegen sind. Einige Fledermausarten sind sogar in der Lage, im sogenannten Rüttelflug hubschraubergleich in der Luft auf der Stelle zu verweilen. Während viele Fledermäuse und Flughunde den Langstreckenflug beherrschen, schaffen es wenige andere Säugetiere, etwa Beutelgleiter oder Flughörnchen, gerade, gewisse Strecken von Baum zu Baum zu gleiten. Darüber hinaus zeichnen sich viele Fledertiere dadurch aus, dass sie sich akustisch auch bei völliger Dunkelheit zurechtfinden können. Dies gelingt ihnen durch einen speziellen Orientierungssinn: die Echoortung.

Neben diesen beiden außergewöhnlichen Eigenschaften be­­sitzen sie noch eine Vielzahl weiterer, weniger bekannter Anpassungen und spannender Verhaltensweisen. Fledermäu­­se und Flughunde sind äußerst sozial, und die Weibchen der allermeisten Arten bilden zur Jungenaufzucht Kolonien. Zudem erfüllen Fledertiere wichtige Funktionen in vielen Ökosystemen der Erde. So vertilgen Fledermäuse jede Nacht Tonnen an Insekten, die für die Landwirtschaft schädlich sind. In den Tropen sind Fledermäuse und Flughunde wichtige Samenverbreiter und bestäuben Regenwaldbäume und Nutzpflanzen, wie etwa die Durianfrucht. Trotz dieser auch für den Menschen so wichtigen Aufgaben, die Fledermäuse erfüllen, kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen dem Schutz von Fledermäusen und Flughunden und ökonomischen menschlichen Interessen. In Deutschland und Europa treten Fledermäuse regelmäßig in die Schlagzeilen, da sie aufgrund ihres hohen Schutzstatus eine zentrale Rolle bei Konflikten um Infrastrukturprojekte oder die Errichtung von Windkraftanlagen spielen.

Ich möchte an dieser Stelle auch etwas zu den Quellen der in diesem Buch auftauchenden Informationen sagen. Vieles in diesem Buch speist sich aus meinen eigenen Erfahrungen mit Fledermäusen. Viele weitere Informationen verdanke ich Gesprächen mit Fledermausexperten aus anderen Teilen der Welt. Ihnen bin ich zu großem Dank verpflichtet. Mein Buch richtet sich nicht primär an Fledermausforschende, sondern an ein breiteres Publikum, das einen hoffentlich spannenden Einblick in die Lebensweise der Fledertiere gewinnen will. Den weitergehend interessierten Leserinnen und Lesern empfehle ich daher in das Literaturverzeichnis zu sehen. Dort finden sich viele Publikationen, die noch weit mehr Details über das spannende Leben der Fledertiere schildern, als ich es im Rahmen dieses Buches konnte.

An mehreren Stellen berichte ich ausführlicher über die aktuellen Forschungen an Fledermäusen in unserer Arbeitsgruppe an der Universität Greifswald. Daneben stelle ich viele Ergebnisse aus veröffentlichten Studien anderer Forscherinnen und Forscher vor. Diese Arbeiten habe ich im speziellen Literaturverzeichnis unter den Überschriften der jeweiligen Kapitel aufgelistet, in denen die entsprechenden Ergebnisse vorgestellt werden. Daneben habe ich allgemeinere Veröffentlichun­gen verwendet, deren Informationen in mehreren Kapiteln auftauchen. Da­­runter sind Fachbücher wie die beiden Nachschlagewerke über Fledermäuse, die von John Altringham, beziehungsweise von Christian Dietz und Ko-Autoren, verfasst wurden und die für mich beim Schreiben dieses Buches unentbehrlich waren. Zudem habe ich mehrere editierte Bücher verwendet, in denen verschiedene Autoren jeweils ein oder zwei Kapitel geschrieben haben. Die Bücher als Ganzes finden sich im allgemeinen Quellenverzeichnis.

Jetzt bleibt mir nur noch, Ihnen viel Spaß beim Lesen dieses Buches zu wünschen! Mit ihm lade ich Sie ein, mich in die faszinierende Welt der Fledermäuse und Flughunde zu begleiten. Ich würde mich freuen, wenn Sie sich von meiner Begeisterung für eine Tiergruppe anstecken lassen, deren Vertreter bereits vor 50 Millionen Jahren fast genauso aussahen und lebten wie die heutigen Arten. Die Zukunft der Fledertiere kann aber nur gesichert werden, wenn wir sie und ihre Lebensräume konsequent schützen. Dazu können wir alle etwas beitragen. Meine Motivation, dieses Buch zu ­schreiben, speist sich aus der Hoffnung, damit einen kleinen Beitrag zum Schutz der Fledermäuse und Flughunde zu leisten, indem es das Wissen und das Interesse an diesen ungewöhnlichen Säugetieren fördert.

Erster Teil: Fledertiere sind außergewöhnliche Säuger

Kapitel 1: Eine evolutionäre Erfolgsgeschichte

Was sind Fledertiere? Ein kurzer Blick in die Stammesgeschichte

Um in die faszinierende Welt der Fledertiere einzutauchen, möchte ich Sie mitnehmen auf eine Nachtwanderung durch einen tropischen Regenwald. Es gibt nur wenige Dinge in meinem Beruf als Zoologe, die mich mehr fesseln, als nach Einbruch der Dämmerung durch dampfende Regenwälder zu streifen und im Lichtkegel einer starken Taschenlampe nach nachtaktiven Tieren zu suchen. Vor der permanenten Geräuschkulisse aus zirpenden und schnarrenden Insekten und in den unterschiedlichsten Tönen rufenden Fröschen blitzen im Schein der Taschenlampe dann überall Lichtpunkte auf. Am Boden und im Gebüsch reflektieren die funkelnden Augen von Spinnen und Fröschen das Licht, und mit etwas Glück leuchten ab und zu die größeren Augen eines Säugetiers im Dickicht des Waldes auf.

Eine Gruppe von nachtaktiven Säugetieren bekommt man allerdings bei einer solchen Nachtwanderung bestenfalls schemenhaft zu Gesicht: Fledermäuse, die für den Bruchteil einer Sekunde scheinbar lautlos durch den Lichtkegel der Lampe huschen. Hat man allerdings einen Fledermausdetektor dabei, also ein Gerät, das die hochfrequenten Ortungsrufe der Fledermäuse auch für uns Menschen hörbar macht, dann knattert, zwitschert und pfeift es plötzlich auf Schritt und Tritt. Der nächtliche Wald ist also in Wirklichkeit voller fliegender Fledermäuse, nur bleibt uns der Zugang zu deren faszinierender Welt ohne die Hilfe moderner Technik weitgehend verborgen.

Um dann aber doch noch einen genaueren Blick auf die im Wald durcheinanderflatternden Fledermäuse werfen zu können, bleibt uns nichts anderes übrig, als die Tiere zu fangen. Dazu stellen Fledermausforschende – je nach Situation und Lebensraum – entweder haarfeine Netze oder sogenannte Harfenfallen auf. Mit dem nötigen Fangglück lassen sich so im Laufe einer Nacht Dutzende Fledermäuse auf schonende Weise fangen. Hält man die Tiere dann endlich in der Hand, zeigt sich im Licht der Stirnlampe schnell die enorme Artenvielfalt tropischer Fledermäuse, die sich vor allem in ihren vielgestaltigen Gesichtern mit teilweise skurril anmutenden Nasenaufsätzen und bizarren Ohrformen widerspiegelt. Von ihren charakteristischen Gesichtern einmal abgesehen ähneln sich die meisten Fledermaus- und Flughundarten jedoch erstaunlich stark in ihrem Körperbau. So spannt sich bei allen Arten zwischen dem meist mit dichtem Fell bedeckten Körper, den verlängerten Arm-, Mittelhand- und Fingerknochen, den im Vergleich zu den Vorderarmen eher kurzen Hinterbeinen und dem – je nach Art – unterschiedlich langen Schwanz eine elastische Flughaut. Der Daumen ist als einziger Finger nicht in die Flughaut integriert und dient den Fledertieren vor allem zum Klettern und Fellputzen sowie zum Festhalten großer Nahrungsstücke. Es sind diese ungewöhnlichen morphologischen Anpassungen des Handskeletts in Kombination mit der elastischen, überwiegend unbehaarten Flughaut, die es den Fledertieren erlauben, als einzige Säugetiere aktiv zu fliegen.

Bevor ich nun im Folgenden die erstaunliche Vielfalt der Fledertiere genauer vorstelle, möchte ich kurz darauf eingehen, welche Tiergruppen überhaupt mit dem Begriff »Fledertier« bezeichnet werden. Im Deutschen ist es nämlich nicht ganz eindeutig, ob mit »Fledermäusen« nur die echoortenden »eigentlichen« Fledermäuse, zu denen alle einheimischen Arten zählen, oder auch die Flughunde gemeint sind. Daher wird im Deutschen auch von »Fledertieren« gesprochen, um deutlich zu machen, dass Flughunde eingeschlossen sind. Der Begriff Fledertier leitet sich von Flattertier ab, so wie Fledermaus ursprünglich Flattermaus meinte. Da Fledermäuse mit den eigentlichen Mäusen, die zur Ordnung der Nagetiere (Rodentia) gehören, nicht näher verwandt sind, wollte die Deutsche Gesellschaft für Säugetierkunde 1942 die Fledermäuse in »Fleder« umtaufen. Aufgrund einer Intervention von Adolf Hitler, der den Verantwortlichen androhte, sie in ein Bau-Bataillon an die Ostfront zu schicken, falls sie nichts Besseres zu tun hätten, als den Begriff Fledermaus abzuschaffen, kam es aber nicht zu dieser Namensänderung. Die skurrile Geschichte, wie Fledermäuse ihren Namen behielten, kann man in einem 2001 erschienenen Artikel zur Geschich­­te der Deutschen Gesellschaft für Säugetierkunde nachlesen. Geschrieben wurde dieser Artikel übrigens von Rainer ­Hutterer, der lange Zeit die westdeutsche Beringungszentrale für Fledermäuse in Bonn leitete.

Die wissenschaftliche Bezeichnung für die Ordnung der Fledertiere lautet sehr treffend Chiroptera, was »Handflügler« bedeutet. Die Chiroptera umfassen sowohl die »eigentlichen« Fledermäuse, die häufig eher klein sind (2 bis 150 Gramm Körpergewicht) und sich alle akustisch mit Hilfe von Echo­ortung orientieren können, als auch die Flughunde. Letztere sind meist deutlich größer (13 Gramm bis zu 1,5 Kilogramm Körpergewicht) als die eigentlichen Fledermäuse und orientieren sich in der Regel nicht mit Echoortung, sondern optisch mit Hilfe ihrer großen Augen. Ein weiterer auffälliger Unterschied ist, dass bei den Flughunden neben dem Daumen auch der Zeigefinger noch eine Kralle trägt, während bei den eigentlichen Fledermäusen außer dem Daumen alle Finger krallenlos sind. Darüber hinaus unterscheiden sich die Flughunde von den »eigentlichen« Fledermäusen in einer Reihe weiterer Merkmale wie etwa der Anordnung der Nerven in den Augen. Bei den Flughunden sind diese Nerven in einer Weise verschaltet, wie wir sie sonst nur bei den Affen und Halbaffen (Primaten) beobachten. Aus diesem Grund gab es lange Zeit eine hitzig geführte Kontroverse, ob die Flughunde und die »eigentlichen« Fledermäuse einen gemeinsamen Vorfahren haben oder die Flughunde möglicherweise gar »fliegende Primaten« sind.

Obwohl sich die rund 200 Arten umfassenden Flughunde also in einer Reihe von morphologischen und sensorischen Merkmalen deutlich von den eigentlichen Fledermäusen unterscheiden, wissen wir heute aufgrund genetischer Stammbaumanalysen, dass beide Gruppen eng miteinander verwandt sind. So ist die ursprüngliche, lange Zeit gültige Einteilung der Chiroptera in zwei Unterordnungen – in die Microchiroptera einerseits, welche nur die echoortenden »Klein«-Fledermäuse umfasste, und die Megachiroptera (»Groß«-Fledermäuse) anderseits, welche nur die Flughunde enthielt – aus heutiger Sicht falsch. Ein Teil der »eigentlichen« Fledermäuse, nämlich die mehrere taxonomische Familien umfassenden Hufeisennasenartigen (Rhinolophoidea) sowie die nur zwei taxonomische Familien umfassenden Mausschwanzartigen (Rhinopomatoidea), sind nach unserem derzeitigen Wissen sogar näher mit den Flughunden verwandt als mit den übrigen »eigentlichen« Fledermäusen. Sie formen zusammen mit den Flughunden die Unterordnung der Yinpterochiroptera, die nur außerhalb der Neuen Welt, nämlich in Europa, Asien, Afrika und Ozeanien vorkommt. Alle anderen »eigentlichen« Fledermäuse werden zur weltweit verbreiteten Unterordnung der Yango­chiroptera gerechnet.

Zu den erstaunlich heterogenen Yinpterochiroptera gehört auch die kleinste Fledermausart, die etwa 2 Gramm schwere Hummel- oder Schweinsnasenfledermaus (Craseonycteris thonglongyai). Diese in Thailand und Myanmar beheimatete Art ist zusammen mit der Etruskerspitzmaus (Suncus etruscus) das kleinste bekannte Säugetier. Gleichzeitig werden aber auch die größten Flughunde den Yinpterochiroptera zugerechnet, wie etwa der Indische Riesenflughund (Pteropus giganteus), der etwa 1,5 Kilogramm schwer wird. Es kann kaum offensichtlicher werden, dass sich der Begriff der Micro- und Megachiroptera in der Taxonomie der Fledermäuse gründlich überholt hat.

Interessanterweise zeichnen sich die Mitglieder der besonders nahe mit den Flughunden verwandten Hufeisennasen­artigen durch eine sehr ausgefeilte Echoorientierung aus, während die meisten Flughunde keine Echoortung verwenden. Zudem weichen sie – wie bereits beschrieben – im ­Körperbau deutlich von den Flughunden ab. Ohne molekulargenetische Analysen der Erbsubstanz (DNS; Desoxyribonukleinsäure) der Fledermäuse wäre man daher kaum auf den Gedanken gekommen, dass die Hufeisennasenartigen näher mit den Flughunden als mit den anderen eigentlichen Fledermäusen verwandt sind. Die Entdeckerin dieser unerwarteten ­Verwandtschaftsbeziehungen, die irische Forscherin Emma ­Teeling war es auch, welche die beiden neuen Unterordnungen der Fledermäuse Yinpterochiroptera und Yangochiroptera taufte, wohl um zu verbildlichen, dass sie untrennbar zusammengehören. Da also Flughunde und die Fledermäuse im engeren Sinn nach derzeitigem Kenntnisstand stammesgeschichtlich nicht klar zu trennen sind und da im Deutschen der Begriff »Fledermaus« wesentlich gebräuchlicher ist als der Begriff »Fledertier«, schließe ich im Folgenden in die »Fledermäuse« immer sowohl Flughunde als auch die eigentlichen Fledermäuse mit ein, sofern ich nicht ausdrücklich zwischen den beiden Formen differenziere.

Über den enormen Artenreichtum der Fledermäuse

Weltweit sind rund 5400 Säugetierarten bekannt. Etwa jede fünfte davon ist eine Fledermaus. Mit derzeit über 1300 beschriebenen Arten stellen die Chiroptera damit nach den Nagetieren (Rodentia) die artenreichste Ordnung innerhalb der Säugetiere dar. Der Artenreichtum der Fledermäuse nimmt von den kühleren Klimazonen zu den Tropen hin stark zu, und die größte Anzahl an Fledermausarten pro Fläche kommt in tropischen Regenwäldern vor. So lassen sich in manchen Gebieten Mittelamerikas wie etwa in Panama bis zu 100 Fledermausarten nachweisen. Aber auch in Deutschland kommen derzeit mindestens 24 Fledermausarten vor, und in ganz Europa sind rund 40 Arten nachgewiesen, die zu drei verschiedenen taxonomischen Familien gehören. Bei diesen drei Familien handelt es sich um die Glattnasenfledermäuse (Vespertilionidae), welche die meisten Arten in Europa umfassen, die Hufeisennasenfledermäuse (Rhinolophidae), die mit fünf Arten in Europa vertreten sind, und die Bulldoggfledermäuse (Molossidae), von denen in Europa nur eine einzige Art vorkommt. Zum Vergleich: Die Ordnung der Primaten, zu der neben den Halbaffen und Affen auch wir Menschen gehören, umfasst weltweit dagegen nur etwas mehr als 400 Arten.

Evolutionär gesehen sind Fledermäuse somit offensichtlich sehr erfolgreich. Sie sind enorm artenreich, bevölkern mit Ausnahme der Antarktis alle Kontinente und besiedeln dabei höchst unterschiedliche Lebensräume. Wir finden Fledermäuse in tropischen Regenwäldern ebenso wie in Wüsten und sogar jenseits des Polarkreises. Ja, sie besiedeln selbst einige abgelegene Inseln in unseren Ozeanen. Auf vielen der weit vor der Küste des nächsten Kontinents liegenden Inseln, wie etwa in Neuseeland, stellen Fledermäuse sogar die einzigen permanent an Land lebenden Säugetiere. Die enorme Anpassungsfähigkeit von Fledermäusen zeigt sich auch in ihrer Nahrung. Während unsere einheimischen Fledermausarten mit nur ein bis zwei Ausnahmen ausschließlich Gliederfüßer (Arthropoden) und somit also vor allem Insekten, Spinnen oder Hundertfüßer fressen, ernähren sich Fledermäuse in anderen Teilen der Erde von höchst unterschiedlicher Nahrung. Davon wird im zweiten Kapitel noch genauer die Rede sein, doch möchte ich hier schon erwähnen, dass viele tropische Fledermäuse überwiegend oder sogar ausschließlich Vegetarier sind und Früchte, Nektar und Pollen verzehren. Auf diese Weise bestäuben sie eine Vielzahl von ökologisch und wirtschaftlich bedeutsamen Pflanzen und/oder verbreiten deren Samen. Auch die Wildformen von bei uns beliebten tropischen Früchten wie Mangos und Bananen werden von Fledermäusen bestäubt. Somit erstaunt es kaum, dass die Regeneration von tropischen Regenwäldern zu einem erheblichen Teil auf der weiträumigen Samenverbreitung von Fledermäusen beruht. Auf die große ökologische und ökonomische Bedeutung der Fledermäuse werde ich noch mehrmals in diesem Buch zurückkommen.

Aktiver Flug – seit mindestens 50 Millionen Jahren

Trotz ihres Artenreichtums, ihrer fast weltweiten Verbreitung und ihrer großen ökologischen Anpassungsfähigkeit hat sich das Aussehen der Fledermäuse seit Millionen von Jahren kaum verändert. Hätten wir die Gelegenheit gehabt, durch die artenreichen Regenwälder zu wandern, die vor rund 50 Millionen Jahren auch in Deutschland wuchsen, wären wir vielleicht im Unterholz auf das Urpferdchen (Gattung Propalaeotherium) gestoßen. Bei diesem etwa hundegroßen Tier braucht man schon viel Vorstellungsvermögen und ein gutes biologisches Verständnis, um darin auf Anhieb einen entfernten Verwandten der heutigen Pferde zu erkennen. Auch unsere eigenen Vorfahren hätten wir womöglich in Form von Lemuren (Halbaffen) in den Ästen hüpfend und turnend angetroffen. Diese ausgestorbenen Lemurenarten hatten aber in ihrem Aussehen und insbesondere in ihren Lernfähigkeiten und ihrem Verhalten nur wenig mit den heutigen Menschenaffen oder gar mit uns selbst gemeinsam. Wenn wir dagegen jagende Fledermäuse in der Dämmerung des urzeitlichen Regenwaldes beobachtet hätten, dann hätten wir diese sicherlich sofort als Fledermäuse erkannt. Fledermäuse beherrschen seit mindestens 50 Millionen Jahren den aktiven Flug und sahen schon damals den heute noch lebenden Arten ganz ähnlich, wie wir aus Fossilienfunden recht gut wissen.

Die ältesten Fossilien von Fledermäusen entstammen dem rund 50 Millionen Jahre zurückliegenden Erdzeitalter des Eozäns. Man fand sie vor allem in den »Green River«-Gesteinsschichten in Wyoming, USA, sowie in den Ölschiefern der Grube Messel bei Darmstadt. Letztere wurde wegen ihrer einzigartig gut erhaltenen und äußerst vielfältigen Fossilien aus dem Zeitalter des Eozäns sogar zum Unesco-Welterbe ernannt. Bis heute wurden allein bei den in Messel gefundenen Fledermäusen acht verschiedene Arten beschrieben. Unter diesen Urfledermäusen aus dem Eozän befinden sich Vertreterinnen von fünf heute ausgestorbenen Fledermausfamilien, aber auch Mitglieder von Fledermausfamilien, die auch heute noch existieren. Bereits vor rund 50 Millionen Jahren gab es also eine Vielfalt an Fledermäusen, was nur bedeuten kann, dass der bisher unbekannte Ursprung dieser Tiergruppe noch weiter in die Vergangenheit zurückreichen muss. Derzeit geht die Forschung davon aus, dass Fledermäuse vor mindestens 65 Millionen Jahren entstanden, und damit zu Zeiten, als sie sich noch mit Dinosauriern den Lebensraum teilten. Unklar ist allerdings noch weitgehend, aus welcher Tiergruppe sich die ersten Fledermäuse entwickelten. Die bekannten Fossilien können dazu nichts beitragen, und auch genetische Analysen helfen hier nur bedingt weiter. Die derzeit gängigste Hypothese ist, dass Fledermäuse aus kleinen, auf Bäumen lebenden und insektenfressenden Säugern entstanden, die den heutigen Spitzmäusen ähnelten, aber diese Hypothese ist durchaus umstritten. Andere Forschende nehmen an, dass Fledermäuse sich aus am Boden lebenden Kleinsäugern entwickelten.

Anhand der zum Teil sehr gut erhaltenen fossilen Fleder­mausskelette aus dem Eozän lässt sich dagegen ablesen, dass die sehr frühen Fledermäuse den heutigen Arten in ihrem Körperbau und wahrscheinlich auch in ihrer Lebensweise bereits sehr ähnlich waren. So besaßen sie schon stark verlängerte Unterarme, Finger- und Mittelhandknochen. Das zeigt, dass diese Tiere bereits aktiv fliegen konnten. Aus der Form ihrer Schädelknochen und ihrer Ohrschnecken (Cochlea) wissen wir zudem, dass sich Fledermäuse schon damals akustisch orientierten. Selbst der Mageninhalt hat sich bei einigen Arten erhalten. Die dort konservierten Flügelschuppen von Nachtfaltern lassen den Rückschluss zu, dass die frühen Fledermausarten nachts auf Insektenjagd gingen, so wie es die allermeisten Fledermäuse auch heute noch tun.

Lange Zeit gab es eine lebhafte wissenschaftliche Kontroverse, in welcher Reihenfolge die Fledermäuse die Fähigkeit zum aktiven Flug und zur Echoortung entwickelten. Dazu wurden drei miteinander widerstreitende Hypothesen aufgestellt: Die erste lautete »Zuerst kam die Flugfähigkeit«, die zweite postulierte »Zuerst kam die Echoortung«, und die dritte Hypothese ging davon aus, dass sich beides Hand in Hand entwickelte. Über viele Jahre konnte die Fossilienlage keinen Beitrag zur Lösung dieses Problems liefern, da alle bis dahin gefundenen Urfledermäuse bereits fliegen und echoorten konnten, wofür die in den Fossilien erhaltene Morphologie als Beleg dient. Im Jahr 2003 wurde in Wyoming, USA, dann eine 52 Millionen Jahre alte fossile Fledermaus entdeckt, die erstmals entscheidendes Licht auf die Entstehung des Fledermausfluges warf.

Diese »Urahnin« der Fledermäuse erhielt den etwas sperrigen wissenschaftlichen Namen Onychonycteris finneyi. Interessanterweise wies ihr Körperbau einige ursprünglicheren Merkmale auf als jener der in den Jahren zuvor gefundenen fossilen Fledermäuse aus dem Eozän. So besaß Onychonycteris finneyi noch Krallen an allen fünf Fingern, während die anderen Urfledermäuse ebenso wie die heute noch vorkommenden Arten an maximal zwei Fingern pro Flügel Krallen aufwiesen. Anhand der gut erhaltenen, verlängerten Arm- und Handknochen ließ sich aber ablesen, dass auch Onychonycteris finneyi bereits in der Lage gewesen war, aktiv zu fliegen. Das entscheidende Indiz zur Beantwortung der Frage nach der Reihenfolge der Entstehung der Echoortung im Vergleich zur Flugfähigkeit lieferte die ebenfalls gut erhalten gebliebene Schädelmorphologie. Aufgrund der im Vergleich zu den heutigen Fledermausarten in Relation zur Körpergröße sehr kleinen Gehörknöchelchen schlossen die beteiligten Forscherinnen und Forscher, dass Onychonycteris finneyi noch nicht in der Lage gewesen sein konnte, Echoortung zu betreiben. Damit war die Kontroverse darüber, was zuerst kam, Flug oder Echoortung, zumindest vorläufig entschieden: Fledermäuse konnten offensichtlich zuerst fliegen und entwickelten erst dann im Laufe der Evolution die hochkomplexe akustische Echoorientierung, mit deren Hilfe die heutigen echoortenden Fledermäuse ihre Umwelt erfassen. Dieses Forschungsergebnis passt auch gut zu der Beobachtung an den heute noch existierenden Arten, dass das ständige Ausstoßen der Echoortungsrufe die Tiere sehr viel Energie kostet, wenn die Rufe nicht gleichzeitig an die Flügelschläge gekoppelt werden. Andauerndes Rufen ist äußerst kräftezehrend, und erst das Fliegen machte die Echoortung energetisch so günstig für die Fledermäuse, dass sich diese Form der ­Orientierung im Laufe der Evolution bei ihnen durchsetzen konnte. Ich will aber nicht verhehlen, dass es immer noch Anhänger der anderen Hypothesen zur zeitlichen Abfolge der Entstehung von Echoortung und Flug gibt und dass wir vermutlich auf weitere noch aussagekräftigere Fossilien von Urfledermäusen warten müssen, bevor wir diese Frage endgültig zu den Akten legen können.

Unstrittig ist in jedem Fall, dass die Fähigkeit, im nächtlichen Flug trotz völliger Dunkelheit Nahrung zu finden, den Fledermäusen einen völlig neuen Lebensraum erschlossen hat. Im nächtlichen Luftraum waren sie vor Fressfeinden sicherer als die am Boden oder in der Vegetation jagenden gleich ­großen Säugtiere, und zudem waren sie weitgehend von der direkten Nahrungskonkurrenz durch Vögel befreit. Da sich Vögel optisch orientieren, benötigen sie im Gegensatz zu den echoortenden Fledermäusen etwas Licht zur Nahrungssuche. Nach der Erschließung ihres neuen Lebensraums konnten sich die Fledermäuse im Verlauf der Evolution in vergleichsweise kurzer Zeit in eine Vielzahl von unterschiedlichen Arten aufspalten. Dieses Phänomen wird in der Wissenschaft als »adaptive Radiation« bezeichnet und beschreibt Prozesse, in denen sich eine oder einige wenige Gründerarten rasch in viele neue Arten aufspalten konnten, nachdem sie sich einen neuen und von möglichen Konkurrenten kaum genutzten Lebensraum erschlossen hatten. Heute besiedeln Fledermäuse weltweit die unterschiedlichsten ökologischen Ni­­schen. Dabei profitieren sie von ihrer besonderen Fähigkeit, im Flug große Strecken schnell zurückzulegen. Auf die Vorteile und die ebenfalls vorhandenen Nachteile des Fliegens werde ich im Verlauf der späteren Kapitel noch häufiger zu sprechen kommen. Insgesamt gesehen ist der aktive Flug jedoch sicherlich eines der großen Erfolgsrezepte in der Evolutionsgeschichte der Fledermäuse.

Ich höre was, was du nicht hörst: Echoortung bei Fledermäusen und Flughunden

Nun will ich versuchen, etwas tiefer in die akustische Welt der Fledermäuse einzutauchen. Als Mitgliedern der sich vor allem mit ihren Augen orientierenden Ordnung der Primaten ist uns die ausgefeilte akustische Wahrnehmung der Fledermäuse zunächst sehr fremd. Allerdings ist nicht nur für Fledermäuse die Nacht voller Geräusche und Töne. Werden Sie zum Beispiel nachts ab und zu von einem lauten Geräusch geweckt, das von außen in Ihre Wohnung dringt? Vermutlich ja, denn unsere Welt ist laut. Besser gesagt, sie ist laut geworden. Weltweit wurde es in den letzten Jahrzehnten durch die zunehmende Bevölkerungsdichte und die fortschreitende Technisierung immer lauter. Dass wir nachts aufwachen, weil uns das Quaken von Fröschen oder der melodische Gesang einer Nachtigall vor dem Fenster weckt, ist für die meisten von uns im eigentlichen Sinne des Wortes in weite Ferne gerückt. Dagegen gibt es in Deutschland heute kaum noch einen Ort, an dem wir nicht das Rauschen von Verkehrslärm oder die Geräusche von überfliegenden Flugzeugen hören. Nur abseits der großen Verkehrsadern und der stets geschäftigen Großstädte wird es abends leiser, wenn der Verkehr sich etwas beruhigt und unsere Lärm verursachenden Tätigkeiten seltener werden.

Mit Einbruch der Dunkelheit werden dann die Fledermäuse aktiv, die selbst mehr oder weniger laute Rufe einsetzen, um sich auch bei völliger Dunkelheit im Raum zu orientieren. Tatsächlich sind die Rufe mancher Arten mit bis zu 130 Dezibel (gemessen 10 cm vor der Mund­öffnung) in etwa so laut wie ein Presslufthammer und damit an der Schmerzgrenze unseres Gehörs. Zwar schwächt sich die Lautstärke der Rufe mit zunehmender Entfernung in der Luft schnell ab, aber zum Glück für unseren häufig bereits lärmgeschädigten Nachtschlaf können wir die Echoortungsrufe der vor unseren Fenstern jagenden Fledermäuse in der Regel gar nicht hören. Die Frequenzen der Echoortungsrufe unserer einheimischen Arten liegen nämlich typischerweise im Ultraschallbereich – je nach Fledermausart und Flugsitua­tion zwischen 18 Kilohertz und etwa 115 Kilohertz. Damit befinden sich die Echoortungsrufe der meisten Arten jenseits unserer Hörschwelle, die bei maximal 20 Kilohertz liegt. Nur sehr junge Menschen, deren Ohren noch nicht so stark unter dem allgegenwärtigen Lärm gelitten haben, können bei einer in Deutschland hei­mischen Art, nämlich dem Großen Abendsegler (Nyctalus noctula), die Echoortungsrufe hören. Insofern habe ich mit dem Titel dieses Buches »Heimlich, still und leise« nicht allzu sehr geschummelt. Aus der Perspektive unserer menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit stimmt er durchaus. Für die Wahrnehmungswelt der allermeisten Fledermäuse müsste der Titel allerdings eher lauten »Vorwärts mit Gebrüll«.

In der Biologie gibt es zu fast jeder Regel eine Reihe von Ausnahmen, und das gilt auch für Fledermäuse und ihre akustische Orientierung. Wie bereits kurz erwähnt, orientieren sich nämlich die allermeisten Flughunde, im Gegensatz zu den eigentlichen Fledermäusen, nicht mit Hilfe von Echoortung. Dabei ist derzeit noch unklar, ob die Flughunde im Verlauf der Evolution die Fähigkeit zur Echoortung wieder verloren haben oder ob sie sie nie besaßen und die Echoortung bei den Huf­eisennasenartigen und den Mausschwanzartigen einerseits sowie den Yangochiroptera anderseits unabhängig voneinander entstanden ist. Flughunde nutzen in der Regel ihre großen Augen, um sich in der Dämmerung optisch zu orientieren. Zudem besitzen sie als Frucht- und Nektarliebhaber – ähnlich wie fruchtfressende echoortende Fledermäuse – sehr gute Nasen. Somit sind diese Arten in der Lage, Nahrung auch über den Geruch zu finden. Um sich nachts mit Hilfe ihrer Augen beim Flug zurechtzufinden, benötigen die allermeisten Flughunde allerdings – ähnlich wie Eulen und Nachtschwalben – etwas Restlicht. Da viele Flughunde den Tag mehr oder minder freihängend in der Vegetation oder an abgestorbenen Bäumen verbringen, ist das für sie kein großes Problem. Sie werden bereits in der Dämmerung aktiv, in der sie sich noch gut orientieren können, und nutzen anschließend das Licht der Sterne und das Mondlicht zur Orientierung. Auch viele unserer einheimischen Zugvogelarten ziehen ja in der Nacht und orientieren sich dann optisch an den Sternen und am Mond. Einige wenige Flughundarten sind allerdings darauf angewiesen, sich auch in völliger Dunkelheit orientieren zu können, da sie den Tag in stockdunklen Felshöhlen verbringen. Diese höhlenbewohnenden Arten, zu denen auch der einzige in der Europäischen Union auf Zypern vorkommende Nilflughund (Rousettus aegyptiacus) zählt, nutzen daher ebenfalls Echoortung zur Orientierung. Dabei erzeugen sie die Ortungslaute allerdings nicht mit dem Kehlkopf wie die eigentlichen Fledermäuse, sondern durch ein Schnalzen mit ihrer Zunge. Bei einigen Flughundarten wurde auch beobachtet, dass sie Ultraschalllaute durch Klicken mit den Flügeln verursachen können, wobei allerdings unklar ist, ob die Tiere diese Fähigkeit auch zur Orientierung nutzen. Interessanterweise gibt es auch Vogelarten, die sich in ähnlicher Weise wie einige Flughunde durch Zungenschnalzen akustisch orientieren. In den Tropen der Alten und der Neuen Welt nisten eine Reihe von Seglern bzw. eine Nachtschwalbenart, der Fettschwalm (Steatornis caripensis), in Felshöhlen. Dort kleben sie ihre Nester an die Decke oder die Höhlenwände, wo sie sicherer vor Nesträubern sind. Diese ungewöhnlichen Vogelarten müssen daher ebenfalls in der Lage sein, sich in den Höhlen bei völliger Dunkelheit zu orientieren. Besucht man eine der großen Felshöhlen auf der Insel Borneo, die von Tausenden solcher Segler besiedelt sind, ist die Luft erfüllt vom Klicken der sich in der Höhle akustisch orientierenden Vögel.

Mit der Zunge erzeugte Echoortungsrufe eignen sich allerdings sowohl bei Vögeln wie auch bei den Flughunden nur dazu, recht tiefe und damit auch für uns gut hörbare Orientierungslaute zu erzeugen. Diese Rufe genügen gänzlich, um in völliger Dunkelheit Felswände zu erkennen, da diese den Schall gut reflektieren und daher ein starkes Echo erzeugen. Zungenschnalzen eignet sich aber nur bedingt dazu, sich in einer dunklen Nacht im Wald sicher zu orientieren, und völlig ungeeignet ist es, um kleine Insekten im Dunklen zu fangen. Die eigentlichen Fledermäuse erzeugen ihre hochfrequenten und damit die Umgebung gut auflösenden Rufe dagegen mit Hilfe von sehr straff gespannten Stimmbändern in ihrem Kehlkopf. Übrigens können auch wir Menschen uns prinzipiell mittels Echoortung orientieren. Allerdings funk­tioniert das aufgrund der Beschränkung unseres Gehörs auf tiefe Frequenzen – ähnlich wie bei den mit der Zunge schnalzenden Seglern und Nachtschwalben – nur bei sehr großen Objekten wie einer Wand und ist daher bestenfalls eine sehr grobe Orientierungshilfe. Trotzdem wird intensiv darüber geforscht, inwieweit Echoortung blinden Menschen helfen kann, sich besser in ihrer Umgebung zu orientieren.

Im Folgenden möchte ich die Funktion und Vielfalt der verschiedenen Formen der Echoortungsrufe bei Fledermäusen etwas genauer vorstellen. Dazu will ich zunächst einen kurzen Blick auf die Geschichte der wissenschaftlichen Entdeckung der Echoorientierung bei Fledermäusen werfen. Die Fähigkeit der Fledermäuse, sich bei völliger Dunkelheit zu orientieren, fasziniert uns Menschen schon seit Jahrhunderten. Die ersten erkenntnisgewinnenden Versuche hierzu wurden bereits vor über 200 Jahren durchgeführt. Dabei entdeckte der italienische Naturforscher und Priester, Lazzaro Spallanzani (1729–1799), dass Fledermäuse sich mit Hilfe ihrer Ohren orientieren können. In seinen heute glückli­cherweise so nicht mehr erlaubten Versuchen blendete er ­Fledermäuse und ließ sie anschließend in einem dunklen Raum fliegen. Er stellte fest, dass der Verlust des Augenlichts sie nicht in ihrer Orientierung behinderte. Als er dagegen ihre Ohren mit Wachs verstopfte, waren die Tiere nicht mehr in der Lage, die in dem abgedunkelten Raum gespannten Schnüre zu orten, und prallten dagegen. Spallanzani folgerte 1794 aus diesen Versuchen ganz richtig, dass Fledermäuse auf ihre Ohren zur Orientierung angewiesen sind. Allerdings war die Zeit im 18. Jahrhundert noch nicht reif, um aus diesen bahnbrechenden Ergebnissen auch auf die Echoortung der Fledermäuse zu schließen. Damals fehlten noch die technischen Möglichkeiten, die hochfrequenten Orientierungsrufe der Fledermäuse für uns Menschen hörbar zu machen.

Bis zur Entdeckung der Echoortung durch den US-Amerikaner Donald R. Griffin sollten daher noch einmal mehr als 140 Jahre vergehen. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts baute der US-amerikanische Physiker George W. Pierce ein Gerät, welches Ultraschall mit Hilfe eines Oszillogramms sichtbar machen konnte. Mit diesem Gerät gelang es Griffin 1938 erstmals, die Echoortungsrufe von Fledermäusen nachzuweisen. In den folgenden Jahrzehnten und bis zum heutigen Tag war und ist die Echoortung der Fledermäuse Gegenstand intensiver wissenschaftlicher Forschung. Daran war auch eine Reihe von Wissenschaftlern und Wissenschaft­lerinnen aus Deutschland maßgeblich beteiligt. Gerhard ­Neuweiler und Hans-Ulrich Schnitzler etwa leisteten Pionierarbeit auf dem Gebiet der Echoortung von Fledermäusen und entdeckten viele wichtige und spannende Details zu dieser besonderen Form der akustischen Orientierung. Heute ist unser Wissen um die Fähigkeiten von Fledermäusen, ihre Umgebung mit Hilfe von Echoortung wahrzunehmen, enorm gewachsen, und ich kann im Rahmen dieses Buches nur einen groben Überblick über dieses Wissen geben. Für die weitergehend Interessierten möchte ich daher auf die umfangreiche Fachliteratur zu diesem Thema verweisen, von der ich im Literaturverzeichnis einen Teil aufgelistet habe.

Um die akustische Orientierung bei Fledermäusen zu verstehen, ist es zunächst unerlässlich, sich bewusst zu machen, dass die Echoortungsrufe der Fledermäuse eine völlig andere Funktion besitzen als der uns wesentlich besser vertraute Gesang der Vögel. Letzterer dient der Kommunikation mit Artgenossen, z. B. um Weibchen anzulocken oder Konkurrenten um Brutterritorien abzuschrecken. Aus diesem Grund sind die Gesänge der Vögel häufig komplex und meist sehr spezifisch für die jeweilige Art. Um über möglichst große Distanzen wahrgenommen werden zu können, werden die einzelnen Töne des Vogelgesangs zudem in einem recht tiefen Frequenzbereich abgegeben, der auch von uns Menschen gut zu hören ist. All das macht es Vogelkundlern vergleichsweise einfach, die charakteristischen Rufe der Vögel zur Bestimmung einer Art zu nutzen. Vogelarten wie den Kuckuck oder den Uhu erkennt ja schon jedes Kind am Ruf.

Die Hauptaufgabe der Fledermausortungsrufe ist dagegen nicht die Kommunikation mit Artgenossen. Dazu verwenden Fledermäuse meist sogenannte Sozialrufe, auf die ich am Ende dieses Kapitels noch zu sprechen komme. Ortungsrufe dienen ganz überwiegend der Orientierung im Raum sowie dem Erkennen von Objekten, die für Fledermäuse wichtig sind, wie zum Beispiel ihren Beutetieren und geeigneten Hangplätzen. Aus diesem Grund sind die Ortungsrufe der meisten Fledermäuse bei Weitem nicht so artspezifisch wie der Vogelgesang. Fledermausortungsrufe sind vielmehr eher typisch für den Lebensraum und die Jagdstrategie der verschiedenen Arten. Das führt dazu, dass Fledermausarten, die ähnliche Jagdstrategien besitzen und die in ähnlichen Lebensräumen fliegen, häufig auch recht ähnlich rufen. Zudem hat die Orientierungs- und Beutefang-Funktion der Echoortung zur Folge, dass die meisten Fledermausarten im Ultraschallbereich und damit für uns Menschen weitgehend unhörbar rufen. Fledermausarten am Ruf sicher zu unterscheiden ist daher ohne technische Hilfsmittel unmöglich und erfordert darüber hinaus viel Erfahrung.

Um die Möglichkeiten und die Grenzen der echoakustischen Orientierung zu verstehen, müssen wir uns kurz die Eigenschaften von Schallwellen aus dem Physikunterricht in Erinnerung rufen. Eine Schallwelle ist eine sich durch die Umgebung fortpflanzende Welle von Druckschwankungen. Dabei gilt: Je kurzwelliger die einem Ruf zugrunde liegende Schallwelle ist, desto feiner kann eine echoortende Fledermaus damit ihre Umgebung auflösen. Um hochauflösende Schallwellen zu erzeugen, muss die Fledermaus daher sehr hoch­frequent rufen, wobei die Frequenz eines Lautes durch die Anzahl der Schwingungen des Schalls pro Zeit definiert ist. Ruft beispielsweise ein Großer Abendsegler mit 18 Kilohertz (kHz), so bedeutet das, dass sein Ruf 18 000 Schwingungs­zyklen pro Sekunde aufweist. Ortet dagegen eine Kleine Hufeisennase (Rhinolophus hipposideros), tut sie das sogar mit 112 bis 115 kHz. Kleine Hufeisennasen halten damit unter den einheimischen Fledermausarten den Rekord für die Rufe mit der höchsten Frequenz. Zudem sind sie in der Lage, diese hohe Frequenz während eines Zeitraumes von etwa 50 Millisekunden konstant zu halten. Daher werden ihre Rufe als konstant-frequent bezeichnet.

Viele andere einheimische Fledermausarten beginnen ihre wesentlich kürzeren Rufe zunächst auch im hochfrequenten Bereich, häufig im Bereich von über 80 kHz, beenden sie dann aber mit deutlich tieferen Frequenzen, meist um die 40 kHz. Solche in der Regel nur wenige Millisekunden an­­dauernden Rufe werden als frequenzmoduliert bezeichnet. Sie kommen bei vielen der einheimischen Glattnasenfledermäusen vor, wie beispielsweise bei allen Mitgliedern der Gattung Myotis, zu der unter anderem das Große Mausohr (Myotis myotis) und die Wimperfledermaus (Myotis emarginatus) zählen. Frequenzmodulierte Rufe eignen sich besonders gut dazu, Oberflächenstrukturen fein aufzulösen, und erlauben es damit den Fledermäusen, auch in der Vegetation sitzende Beute zu entdecken. Auch die Weltrekordhalterin unter den sehr hoch rufenden Fledermäusen, die auf Borneo behei­matete Hardwicke-Wollfledermaus (Kerivoula hardwickii), besitzt einen frequenzmodulierten Ruf. Ihr Ruf beginnt bei sagenhaften 290 kHz und endet bei etwa 70 kHz. Diese in unserer Arbeitsgruppe intensiv untersuchte Fledermausart ist noch in einer anderen Hinsicht absolut außergewöhnlich, worüber ich im vierten Kapitel ausführlich berichten werde, wenn es um die unterschiedlichen Tagesquartiere bei Fledermäusen geht.

Allerdings bergen die eine hohe räumliche Auflösung garantierenden hochfrequenten Rufe auch Nachteile für die Fledermäuse. Je höher nämlich ein Ruf ist, desto stärker wird seine Ausbreitung über die räumliche Distanz aufgrund der schwingungsdämpfenden Eigenschaften der Luft begrenzt. Dieses Phänomen kennen wir alle vom Gewitter. Schlagen die Blitze in der Nähe ein, dann klingt der Donner wesentlich heller, als wenn die Blitze weiter entfernt einschlagen. Der Grund dafür ist, dass die höheren Frequenzen der beim Blitz­einschlag erzeugten Geräusche sich in der Luft nicht so weit ausbreiten können wie die tieferen Frequenzanteile des Donners. Hohe Rufe erlauben der Fledermaus also eine besonders gute Auflösung ihrer Umgebung, aber eben nur über eine relativ kurze räumliche Distanz von maximal etwa 50 Metern.

Die physikalischen Gesetzmäßigkeiten der Schallausbreitung in der Luft haben enorme Konsequenzen für das Jagd- und Rufverhalten von Fledermäusen. Arten wie die einheimische Wimperfledermaus oder die Kleine Hufeisennase, welche beide kleine Insekten nahe an der Vegetation jagen, benötigen Rufe, die ihnen eine hohe räumliche Auflösung ermöglichen. Das hat dazu geführt, dass solche Arten typischerweise oberhalb von 40 kHz rufen, denn nur so können sie ihre Beute vor dem Hintergrund der ebenfalls echoreflektierenden Blätter und Äste erkennen. Ein großer Nachteil dieser hochfrequenten Rufe ist allerdings, dass diese Arten ihre Beute ebenso wie Hindernisse in der Flugbahn, etwa aus der Vegetation ragende Äste, erst auf wenige Meter Entfernung wahrnehmen können. Wir können uns das in etwa so vorstellen wie eine Autofahrt in einer nebligen Herbstnacht mit einem nicht sehr weitreichenden Lichtkegel eines Abblendscheinwerfers. Wird die Fahrt zu schnell, laufen wir Gefahr, etwaige Hindernisse auf der Fahrbahn zu spät wahrzunehmen, und es kann zum Unfall kommen.

Aus demselben Grund fliegen hochfrequent rufende Fledermausarten – wie die Kleine Hufeisennase – in der Regel langsam. Dagegen kann der hoch über den Bäumen jagende Große Abendsegler es sich leisten, tiefere Rufe zu verwenden und schneller zu fliegen. Südlich der Alpen gibt es mit der Europäischen Bulldoggfledermaus (Tadarida teniotis) sogar eine Art, deren Echoortungsrufe mit etwa 12 kHz in einem Frequenzbereich liegen, der auch von erwachsenen Menschen noch gehört werden kann. Mit ihren tiefen Echoortungs­rufen sind Bulldoggfledermäuse und Große Abendsegler in der Lage, ihre Beute über größere Distanzen zu erkennen. Gleichzeitig können diese Arten bei ihrem Jagdflug im freien Luftraum auch schneller fliegen, da dort kaum Gefahr besteht, gegen schwierig zu erkennende Hindernisse zu stoßen. Dies galt zumindest, bevor wir ihnen die Rotoren unserer Windkraftanlagen in den Flugweg gestellt haben. Aber dazu später mehr, wenn es im neunten Kapitel um den Schutz von Fledermäusen geht.

Das unterschiedliche Flugverhalten und die rufabhängige Fähigkeit, feine Strukturen zu erkennen, hat übrigens auch entscheidenden Einfluss darauf, wie gut sich die Tiere von Fledermausforschenden mit Netzen oder Harfenfallen fangen lassen. Langsam fliegende und hoch rufende Arten sind in der Regel sehr schwer zu fangen. Diese Arten erkennen die Netze meist rechtzeitig und können ihnen dann ausweichen. Während unserer Freilanduntersuchungen habe ich schon häufig mit einer Mischung aus Bewunderung und Frustration gesehen, wie eine Bechsteinfledermaus (Myotis bechsteinii) oder eine Fransenfledermaus (Myotis nattereri) kurz vor dem für sie aufgestellten Netz abdrehte oder im letzten Moment hochzog und das Netz überflog. Noch schwieriger ist es, Kleine Hufeisennasen während ihres Jagdfluges zu fangen, denn selbst wenn sie doch einmal gegen das Netz stoßen, sind diese Tiere meist so langsam und dabei so wendig, dass sie nicht in den feinen Maschen hängen bleiben.

Fangen kann man solche Arten aber trotzdem, nämlich dann, wenn man die Netze an Stellen aufstellt, an denen die Tiere mit keinem Hindernis rechnen und auch keine Insekten jagen wollen und daher seltener rufen. Wer schon einmal im Dämmerlicht des frühen Morgens beim Gang zum Badezimmer über eine vom Vortag liegen gebliebene Sporttasche oder ein nicht aufgeräumtes Kinderspielzeug gestolpert ist, kennt die Situation nur zu gut. Vermutlich wäre das unerwartete Hindernis beim genauen Hinsehen auch im Dämmerlicht leicht zu erkennen gewesen. Aber wer schaut schon allzu genau auf den Boden, wenn man noch schlaftrunken die tägliche Strecke zum Bad zurücklegt. Auf ähnliche Weise kann es auch passieren, dass man im schnellen Schritt um eine Ecke des eigenen Gartens biegt und gegen einen Rechen stößt, den man dort aus Versehen an der Wand hat stehen lassen. Nach diesem Prinzip eines überraschend auftauchenden Hindernisses lassen sich selbst die besten Orientierungskünstler unter den hoch rufenden Fledermausarten fangen. Obwohl sie eigentlich auch sehr feine Netze oder Harfenfallen im letzten Moment orten könnten, kann man sie überlisten, wenn man diese an Stellen aufstellt, wo die Tiere mit keinem Hindernis rechnen. Das sind zum Beispiel Flugtrassen, die vom Quartier wegführen. Da die Tiere sie täglich durchfliegen, sind sie dort häufig etwas weniger aufmerksam und rufen auch seltener. Alternativ kann man die Netze und Harfenfallen an Stellen aufstellen, an denen diese teilweise von der Vegetation verdeckt sind und die Tiere sie daher erst sehr spät wahrnehmen können.

Einer der am weitesten verbreiteten Mythen über Fledermäuse – nämlich, dass die Tiere manchmal in die Haare von Menschen fliegen – lässt sich vermutlich auch so erklären. Ich habe die Geschichte, dass Fledermäuse sich in langen Haaren verfangen, immer als Aberglaube abgetan, da unsere einheimischen Arten absolut in der Lage sind, mit ihrer Echoortung lange Haare zu erkennen. Und natürlich haben sie auch keinen Grund, absichtlich auf den Köpfen von Menschen zu ­landen. Allerdings hat mir bei einer meiner öffentlichen Fledermausexkursionen einmal eine Besucherin felsenfest versichert, dass ihr eine Fledermaus in die Haare geflogen sei, als sie abends gerade um die Ecke ihres Hauses bog. Wenn wir uns überlegen, wie viele Menschen täglich ineinanderrennen, wenn sie beim Einkauf unvermittelt um eine Ecke des Geschäfts biegen, dann brauchen wir uns nicht wundern, dass ein solches Missgeschick auch ab und zu einer um eine Hausecke düsenden Fledermaus passieren kann. Am mangelnden Orientierungsvermögen oder gar einer Präferenz für Menschenhaare liegt das aber sicher nicht.

Nun aber zurück zum Jagdverhalten der Fledermäuse. Der Zusammenhang zwischen der Art des Rufes und dem Jagdverhalten einer Art bedeutet, dass Fledermausarten, die in ähnlicher Weise und in denselben Lebensräumen jagen, häufig auch sehr ähnlich rufen. Das Ganze wird noch komplizierter dadurch, dass eine Fledermaus, je nach Flugsituation, unterschiedliche Rufe ausstoßen kann. Viele Arten sind in der Lage, ihre Echoortungsrufe in einem gewissen Rahmen zu variieren, so wie auch wir beim Sprechen oder Singen höhere und tiefere oder kürzere und längere Töne produzieren können. Es gibt also sowohl Unterschiede als auch Gemeinsamkeiten zwischen den verschiedenen Fledermausarten in der Art ihrer Rufe. Sie unterscheiden sich insbesondere in deren Höhe und Dauer sowie dem Frequenzverlauf und der Anzahl von Wiederholungen pro Zeit, je nachdem, welche Beute die Tiere jagen und in welcher Umgebung das geschieht.

Da viele Arten recht flexibel sind, in welcher Umgebung sie jagen, müssen sie auch in der Lage sein, ihre Rufe an die jeweilige Umgebung anzupassen. So kann ein Abendsegler durchaus höher als 18 kHz, nämlich bis etwa 30 kHz, rufen, wenn er ähnlich wie Schwalben vor einem Gewitter seine Beute nicht hoch in der Luft, sondern knapp über dem Boden erhaschen will. All das macht es sehr schwierig, ohne die Unterstützung von computerbasierten Rufanalysen verschiedene Fledermausarten sicher an ihrem Ruf zu bestimmen. Da haben es die Ornithologen mit dem Gesang der Vögel doch deutlich einfacher als Fledermauskundler mit den Echo­ortungsrufen ihrer Studienobjekte. Trotzdem werden heutzutage Aufnahmen und Analysen von Fledermausrufen vielfach dazu eingesetzt, die Tiere im Freiland zu bestimmen und Fledermausvorkommen zu kartieren. Dazu gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Fledermausdetektoren zu kaufen. Während die preisgünstigsten Geräte schon für etwa einhundert Euro zu erwerben sind, muss man für ein leistungsstarkes Gerät leicht das Zehn- bis Zwanzigfache dieses Preises bezahlen. Dafür haben diese teureren Geräte dann auch wesentlich bessere Mikrofone sowie Chips zur Speicherung der aufgenommenen Rufe eingebaut. Zum Teil besitzen sie sogar eine Erkennungssoftware, die automatisiert Fledermäuse anhand der aufgezeichneten Rufe mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit bestimmen kann. Dazu aber mehr, wenn ich auf den Schutz unserer einheimischen Fledermäuse zu sprechen komme.

Denn wir sind immer noch nicht am Ende der Komplexität der Echoorientierung angekommen – nicht umsonst hat die Echoortung ganze Generationen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern beschäftigt. Bisher habe ich vor allem die zur Echoortung notwendigen Rufe besprochen. Aber natürlich braucht es auch ein sensibles Gehör, um die häufig leisen Echos der Rufe wahrzunehmen. Im Fledermaushirn wird zudem eine gut vernetzte Schaltzentrale benötigt, welche die unterschiedlichen, häufig in schneller Folge eintreffenden akustischen Informationen effektiv verarbeiten kann. Eines der vielen Probleme, welches die Fledermäuse bei der Echoorientierung lösen müssen, ist, dass die eintreffenden Echos in der Regel wesentlich leiser sind als die ursprünglichen Rufe. Um überhaupt Echos ihrer hochfrequenten Rufe aus einer gewissen Distanz zu erhalten, müssen die Tiere ja zunächst sehr laut rufen.

Das hat den großen Nachteil, dass diese lauten Rufe das eigene Gehör taub machen können. Um dieses Problem zu vermeiden, sind Fledermäuse in der Lage, ihre Hörfähigkeit um etwa 20 dB abzusenken, während sie einen Ruf ausstoßen. Das tun sie, indem sie ihre Gehörknöchelchen mit Hilfe von Muskeln im Innenohr kurzfristig aus derjenigen Anordnung bringen, in der diese am sensitivsten für die Übertragung von Geräuschen sind. Gleichzeitig müssen die Tiere aber trotzdem noch ihren eigenen Ruf hören können, damit ihr Hirn aus der zeitlichen Differenz zwischen dem Ausstoßen des Rufs und dem Zeitpunkt des eintreffenden Echos die räumliche Distanz zu einem Hindernis oder zu einer Beute abschätzen kann. Daher können es sich die Tiere nicht erlauben, ihr Gehör völlig abzuschalten, während sie einen Ruf ausstoßen.

Nachdem sie den Ruf ausgestoßen haben, bringen die Tiere ihre Gehörknöchelchen sofort wieder in die richtige Anordnung und können auf diese Weise das schwächere Echo erneut mit voller Sensibilität erfassen. Diese ungewöhnliche Fähigkeit der Fledermäuse, die Sensitivität ihres Gehörs blitzartig zu verändern, ist besonders wichtig, wenn die Tiere sich einem Hindernis oder ihrer Beute nähern. Dann nämlich müssen die meisten echoortenden Arten, darunter alle bei uns vorkommenden Glattnasenfledermäuse, wie etwa die Abendsegler (Gattung Nyctalus), Zwergfledermäuse (Gattung Pipistrellus) oder die Mitglieder der Gattung Myotis, immer kürzer und schneller hintereinander rufen. Nur so ist sichergestellt, dass die Rufe und ihre fast zeitgleich eintreffenden Echos sich nicht überlappen und somit nicht mehr unterscheidbar sind. Diese extrem kurzen und sehr schnell wiederholten Rufe werden im Englischen als »final buzz« und im Kontext der Nahrungsaufnahme als »feeding buzz« bezeichnet. Letzteres könnte man im Deutschen vielleicht mit »Fress-Surren« übersetzen.