Hellboy 3 - Leckerbissen -  - E-Book

Hellboy 3 - Leckerbissen E-Book

4,0

Beschreibung

Er ist der Sohn des Teufels und hat sich doch so ganz anders entwickelt: Statt Böses in die Welt zu bringen, kämpft Hellboy für Gerechtigkeit, den Glauben an das Gute im Menschen und allem voran gegen die Nazis. In vierzehn Geschichten sorgen Autoren aus Horror (Joe R. Lansdale), Fantasy (Tad Williams) und Krimi (Ken Bruen) für Gänsehaut und Lachanfälle, wenn sie neue Geschichten rund um Hellboy und seine Kollegen von der Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen spinnen.

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Seitenzahl: 498

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Impressum

Die amerikanische Erstausgabe erschien 2008 unter dem Titel Hellboy™: Oddest Jobs bei Dark Horse Comics, Inc.

Mike Richardson – President and Publisher

Scott Allie – Consulting Editor

Hellboy™: Oddest Jobs

Text and illustrations © 2008, 2019 Mike Mignola. Cedar Hill and related characters are © Gary A. Braunbeck. All other material, unless otherwise specified, © 2008, 2019 Dark Horse Comics, LLC. Hellboy™, B.P.R.D.™, Abe Sapien™, Liz Sherman™, and all related characters are trademarks of Mike Mignola. Dark Horse Books® and the Dark Horse logo are registered trademarks of Dark Horse Comics, LLC. All rights reserved.

Deutsch von

Verena Hacker [Seite 7–190] und

Aimée de Bruyn Ouboter [Seite 191–348]

Deutsche Erstausgabe

© 2019 by Golkonda Verlag GmbH, München • Berlin

Mit freundlicher Genehmigung von Dark Horse Comics, Inc.

Alle Rechte vorbehalten

Das Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Lektorat: Anne-Marie Wachs, Melanie Wylutzki

Korrektorat: Clemens Voigt

Innenillustrationen: Mike Mignola

Innengestaltung (Konzept): Tina Alessi

Gestaltung: s.BENeš [www.benswerk.wordpress.com]

unter Verwendung eines Motivs von Mike Mignola

E-Book-Erstellung: Hardy Kettlitz

ISBN 978-3-946503-88-0 (Buch)

ISBN 978-3-946503-89-7 (E-Book)

www.golkonda-verlag.de

Inhalt

Impressum

Inhalt

EINLEITUNG

Christopher Golden

MIT SCHATTEN UND DRACHEN UND LANGEN SCHWARZEN ZÜGEN DAS TANZBEIN SCHWINGEN

Joe R. Lansdale

PUR, OHNE ALLES

Mark Chadbourn

ZWEITE FLITTERWOCHEN

John Skipp & Cody Goodfellow

DANNY BOY

Ken Bruen

MERKWÜDIGER ANGELAUSFLUG IN DEN WESTLICHEN HIGHLANDS

Garth Nix

SALAMANDERBLUES

Brian Keene

DIE DONNERSTAGSMÄNNER

Tad Williams

LECKERBISSEN

Amber Benson

RÜCKEROBERUNG

Barbara Hambly

IN GESCHIRRSCHRÄNKEN UND AUF BÜCHERBORDEN

Gary A. Braunbeck

DIE FÜSSE DES SKIRON

Rhys Hughes

MONSTER BOY

Stephen Volk

EVOLUTION IM HELLHOLE CANYON

Don Winslow

EIN EIGENES ZIMMER

China Miéville

Autorinnen und Autoren

Phantastik und Spannung im Golkonda Verlag

EINLEITUNG

Christopher Golden

Ich sehe nicht gerade wie ein Prediger aus. Jedoch ging es vor langer, langer Zeit einmal nicht um das Aussehen, wenn man die frohe Botschaft verkündete, sondern um die Leidenschaft. Als Kind arbeitete ich daran, meine Freunde und Familie zu überreden, zu meiner Religion und meiner Art von Anbetung überzutreten – einer Kirche der Monsterfilme, Comics und Schauergeschichten. Gern erinnere ich mich an das Jahr zurück, als ich zwölf wurde, als ich bei meiner Geburtstagsparty das Licht ausschaltete, eine Kerze anzündete und aus einem Horrorroman vorlas.

Ja, das kam ungefähr so an, wie Sie erwarten würden. Seltsamerweise traf mich der Spott nicht allzu sehr. Ich fühlte mich nicht wirklich beschämt. Ich war hauptsächlich nur perplex. Ich würde sogar sagen, verdutzt. Wie konnten sie nicht sehen, was ich sehe? Wie konnten meine Freunde nicht lieben, was ich liebte, und kapieren, wie verdammt cool das alles war?

Viel hat sich nicht verändert. Ich wohne in einem ruhigen Vorort in Massachusetts, wo die Leute nicht verstehen, warum 365 Tage im Jahr ein ausgehöhlter Kürbis mit gruseliger Fratze auf meiner Eingangstreppe steht. Gäste kommen in mein Arbeitszimmer und sehen meine Bücher und Comics und DVDs, meine Statuen von Hellboy und Spectre und Daredevil, die Filmposter und eingerahmten Illustrationen, und sie sind es, die perplex sind. Sie verstehen nicht, was an den handsignierten Bildern von Christopher Lee, Clint Eastwood und Darren McGavin (als Kolchak) so großartig ist. In ihren Augen bin natürlich ich es, der seltsam ist.

Das Gefühl beruht auf Gegenseitigkeit.

Mein Freund und häufiger Kollaborateur Tom Sniegoski und ich haben für dieses Phänomen einen kurzen Ausspruch. Mit gewisser Verachtung sagen wir einfach, »Die wissen nicht, was gut ist.«

Aber damit ist es für mich nicht getan. Ich bin nämlich ein Prediger. Hätte ich die Zeit, würde ich von Tür zu Tür gehen, öfter klingeln als die Zeugen Jehovas, und versuchen, die frohe Botschaft zu verkünden. Und die Botschaft würde sich täglich ändern.

»Sie schauen nicht The Shield – Gesetz der Gewalt? Das ist die beste Fernsehserie. Da verpassen Sie was.« »Bester Film 2007? Gone Baby Gone – Kein Kinderspiel, und er war nicht einmal nominiert. Unglaublich. Amy Ryan hätte den Oscar als beste Schauspielerin gewinnen sollen, zweifellos.«

»Sie haben ernsthaft noch nie etwas von Joe Lansdale gelesen? Damit müssen Sie sofort anfangen. Es ist wie legales Crack ohne Nebenwirkungen.«

»Der coolste Ort, an dem ich je war? Kroatien! Da müssen Sie hin!«

Sicherlich finden manche Leute mein Predigen lästig. Ehrlich gesagt, kann ich nicht anders. Sobald ich für etwas eine Leidenschaft entwickelt habe, will ich sie teilen. Ich möchte, dass es alle so glücklich macht wie mich.

Weshalb jeder auf der ganzen Welt Hellboy lesen sollte.

Meine Verbindung zu Hellboy reicht mindestens ein Dutzend Jahre zurück, vielleicht etwas länger, zu einem Interview, das ich mit Mike Mignola für ein kurzlebiges Magazin namens Flux führte. Seither habe ich das Glück, meiner Liebe zu diesem Charakter und seiner Welt nachzugehen, indem ich drei Romane schrieb, einen Packen anderer überarbeitete und (mit Sniegoski) an der ersten B.U.A.P.–Minireihe mitschrieb. Die ganze Zeit über habe ich versucht, die Botschaft zu verkünden, wie großartig und einzigartig die Reihe ist, dank der außergewöhnlichen Kunst und der geistesgestörten Begabung von Hellboys Schöpfer. Mignola ist nämlich auch ein Prediger. Er liebt Folklore, Monster, Geschichte und Pulp-Magazine, und mit Hellboy, B.U.A.P., Lobster Johnson, Abe Sapien und Millionen anderer Dinge, die er geplant hat, bringt er Sie dazu, sich ebenfalls in sie zu verlieben.

Aber zurück zu dem kleinen Jungen, der bei Kerzenschein auf seiner Geburtstagsparty Geistergeschichten vorlas.

Ich möchte, dass alle Hellboy so lieben wie ich. 1999 trieb mich diese Liebe an, Medusas Rache zusammenzustellen, eine Anthologie von Kurzgeschichten über Hellboy und seine Welt, geschrieben von Autoren, die ich bewunderte und von denen ich dachte, sie würden die Reihe zu schätzen wissen. Mit ihnen konnte ich meine Liebe zu Hellboy teilen, und sie konnten diese an ihre eigenen Leser weitergeben. In diesem ersten Band versammelten wir Poppy Z. Brite, Brian Hodge, Max Allan Collins, Greg Rucka und sogar einen Cartoon von Gahan Wilson.

Leute, die wissen, was gut ist.

2004 kam Eine offene Rechnung (engl. Odder Jobs) hinzu. Uns war schon immer klar, dass wir es machen würden, wenn das Timing stimmte. Dann schickte Frank Darabont Mignola eine Hellboy-Geschichte, die er geschrieben hatte, und unserer Meinung nach bedeutete dies, es war an der Zeit. Neben Frank hatten wir weitere herausragende Autoren, einschließlich Charles de Lint, Sharyn McCrumb, Graham Joyce und Tim Lebbon. Sniegoski gesellte sich dazu, ebenso Hellboy-Redakteur und guter Hirte Scott Allie. Eine Geschichte von Guillermo del Toro bildete das Sahnehäubchen. Als Regisseur des Hellboy-Films war del Toro zum weltweit bekanntesten Hellboy-Prediger geworden.

Nun, hier sind wir wieder, mit noch mehr Leuten, die wissen, was gut ist. Vielleicht denken Sie, Leckerbissen (engl. Oddest Jobs) war unumgänglich. Wahrscheinlich haben Sie recht. Aber Mike und ich waren nicht sicher, ob es je zustande kommen würde. Damals, ganz am Anfang, vor zehn Jahren, bat ich Joe R. Lansdale, eine Hellboy-Geschichte zu schreiben. Er wollte, aber sein Terminplan ließ es nicht zu. 2003 wandten wir uns für den zweiten Band dieser Reihe erneut an ihn, aber wieder klappte es nicht.

Vor zwei Jahren dann trafen Mike und ich uns mit Joe in New York, und er fragte, ob wir je ein weiteres Buch herausbringen würden. Wir forderten ihn heraus.

»Wenn du eine Hellboy-Geschichte schreibst, dann machen wir Leckerbissen.«

Joe nickte. Er hatte es schon immer gewollt, aber nie die Zeit dazu gefunden. Jetzt musste er es jedoch in seinen Terminplan eintragen.

Ich wartete, nicht sicher, ob er je dazu kommen würde.

Wie Sie sehen können, tat er es. Und wie!

Statt einer Kurzgeschichte schrieb Joe eine absolut wahnsinnige Novelle, im erstklassigen Joe-Landsdale-Stil und noch dazu erstklassigen Hellboy-Stil. Es war wie Weihnachten.

Sobald wir Joes Geschichte hatten, war es wieder an der Zeit, hinauszugehen und zu predigen, die Liebe zu Hellboy überall zu verkünden. Zeit, Rekruten anzuwerben.

Eines der Ziele bei der Auswahl der Autoren war Vielfalt, auf verschiedenen Ebenen. Die Mitarbeiter von Leckerbissen setzen sich in gewisser Weise aus einer ungleichen Mannschaft von Krimiautoren, Horrorschriftstellern und Phantastikern zusammen, auch wenn viele von ihnen sich fließend zwischen verschiedenen Genres bewegen. Sie stammen von drei Kontinenten und sind von unterschiedlichster Herkunft.

Manche von ihnen wussten gar nichts über Hellboy, als ich sie anfangs kontaktierte, und andere waren bereits leidenschaftliche Anhänger. Natürlich sind sie jetzt alle Prediger.

Das andere Ziel bestand darin, eine Liste von Autoren zusammenzustellen, die zu lesen ich anderen immer wieder empfehle. Einige der Namen hier drinnen sind Ihnen vielleicht sofort vertraut, andere hingegen vielleicht nicht. So oder so sind es Leute, die wissen, was gut ist. Und Sie wissen es jetzt auch. Verkünden Sie die Botschaft, meine Freunde, von Hellboy und von diesen Autoren, die unsere Leidenschaft teilen.

Blättern Sie jetzt um, und lesen Sie Leckerbissen …

Christopher Golden

Bradford, Massachusetts

St. Patrick’s Day, 2008

MIT SCHATTEN UND DRACHEN UND LANGEN SCHWARZEN ZÜGEN DAS TANZBEIN SCHWINGEN

Joe R. Lansdale

Vorwort im Pulp-Magazin

Es war ein langer Zug, er war schnell und dunkel wie der Bauch eines toten Mannes von innen. Sein Schornstein stieß dunkle Tuff-tuff-Schwaden mit Abgasen aus, die in die Luft stiegen und für einen Moment den Vollmond einpackten, sie verpesteten den Himmel, bis die dünne Wüstenluft nach etwas Verrottetem und Vollgepisstem stank.

Er fuhr nicht nur zwischen Kakteen und kleinen Dünen umher, sondern fuhr direkt durch sie hindurch, aber bewegte sie nicht, veränderte sie nicht. Der Zug raste durch sie hindurch, als wäre er aus Rauch, wühlte Staubwolken auf.

Seit seinem Auftauchen war der Mond der gleiche geblieben, hatte sich kein bisschen verändert; er war immer voll und immer hell und stand an der gleichen Stelle am Himmel. Der Zug fuhr auf unsichtbaren Gleisen. Der Rauch aus dem Schornstein brach in Fetzen ab, die wie aufgescheuchte Raubvögel umherflatterten.

Die Wüstenstadt Cold Shepherd lag kühl und still in der Nacht da. Es war dunkel, bis auf die Beleuchtung von ein paar Geschäften. Eine kleine Stadt, mit wenigen Einwohnern, die meisten Leute waren mittleren Alters oder alt, ein paar vereinzelte Kinder und Säuglinge, nach Mitternacht war also sehr wenig Betrieb. Um diese Zeit lag jeder zugedeckt in seinem Bett. Am frühen Morgen würden viele in die 40 Kilometer entfernte Großstadt fahren, um ihrer Arbeit nachzugehen oder Einkäufe zu tätigen. Alte Herren würden im Gemeindehaus Domino spielen, rauchen, fluchen und Lügen über jugendlichen Heldenmut erzählen. Alte Damen würden sich zu einem wilden Bridge-Spiel versammeln und tratschen; falsche Zähne würden klappern, und die Luft würde nach zu viel Parfüm riechen. Schule wäre keine, da es mitten im Sommer war, und die Kinder würden sich mittags schon langweilen, da sie Videospiele zu Ende gespielt und DVDs geschaut hatten, bis sie die Texte in allen Filmen nachsprechen konnten. Mütter mit Babys wären erschöpft. Hunde und Katzen würden in jedem verfügbaren Schattenplatz herumliegen.

Sie schliefen also, während der nächste Tag heraufzog, und dann ertönte das Geräusch, aus der Ferne und zunächst merkwürdig. Nicht mehr Lärm als eine Ratte, die sich beim Scheißen abmühte, und dann klapperte und polterte es ein wenig, als fiele ein betrunkener Vertreter für Töpfe und Pfannen die Treppe hinunter.

Es war so laut, dass Lichter angingen und Leute aus ihren Häusern kamen, sie liefen auf die Straße, um nachzusehen. In der Ferne erblickten sie einen absolut runden Schimmer aus Gold in der Größe einer Daumenkuppe unter dem höheren Schimmer des Herbstmondes auf sie zukommen. Der runde Schimmer kam näher, immer schneller, wurde größer, und dann sahen sie, dass es das Licht eines Zuges war, und kurz darauf konnten sie den Zug erkennen, seinen Kuhfänger an der Spitze, den schmierigen Schornstein, der kohlschwarzen Rauch ausspuckte; der Gestank war jetzt nahe und schlimmer als verrottet und vollgepisst; es roch wie in einer Metzgerei, in der das Fleisch zu lange gehangen hatte.

Als die Eisenbahn in der Stadtmitte zum Stehen kam und damit Leute in Schlafanzügen und Morgenmänteln auseinandertrieb, konnte man deutlich sehen, dass sie direkt aus einem alten Westernfilm stammte, genau richtig für einen Überfall von Jesse James. Es gab überdachte Waggons, aber keiner von ihnen schien für Passagiere zu sein – keine Fenster. Als der Zug zum Stehen kam, ertönte das Geräusch der großen heißen Maschine, die sich in der Nachtluft abkühlte, das Metall zischte und quietschte wie eine in Stacheldraht gefangene Seele, die Waggons zitterten, als wäre ihnen kalt, der Schornstein hustete ein letztes Mal, und eine riesige Schattenwolke bauschte sich auf und blieb kurz im Schornstein stecken, anschließend löste sie sich mit einem Geräusch, als entkorkte man eine Flasche, stieg in den Himmel hinauf und zerfiel in ein Bündel Fledermäuse, die in die Luft flogen, bis die Nacht sie verschluckte.

Die Leute, benommen, als hätte man ihnen einen Schlag mit einem Hammer versetzt, standen einfach da, keiner sprach ein Wort, und auf einmal sagte jemand: »Schaut euch das an!« Die Person deutete in Richtung Himmel. Die Leute blickten hinauf, sahen, dass die Rauchfledermäuse zurückkamen und dass sie an Größe zunahmen, bis sie keine Fledermäuse mehr waren, sondern Rauchdrachen. Stellenweise konnten sie durch die Drachen hindurchsehen, hier und da ein Hauch des Mondlichtes. Die Drachen fielen vom Himmel herunter. Ihre schlagenden Flügel und gekrümmten Schwänze wirbelten die Erde auf der Straße zu winzigen Staubteufeln auf. Das Glas in den Fensterscheiben klapperte wie trockene alte Knochen.

Unter den Leuten brach Panik aus. Alte Herren und Damen humpelten auf Stöcken und Gehhilfen weg, und jüngere Männer und Frauen rannten davon. Andere schnappten sich ihre Kinder oder forderten sie auf davonzulaufen. Sie wollten zu ihren Häusern.

Niemand schaffte es dorthin. Nicht einmal die Hunde und Katzen.

Die Rauchdrachen waren schnell, und als sie herunterkamen, packten sie Leute und Tiere wie Adler, die Mäuse fingen, sie nahmen sie in ihre rauchigen Krallen, die so hart wie Stahl waren, und sausten zum Zug.

Die Seitentür dort öffnete sich mit einem hustenähnlichen Geräusch, und kurz bevor die Schattendrachen die Leute hineintrugen, bekamen die Opfer eine Duftwolke aus dem Inneren des Zuges ab. Sie reichte aus, um ihnen das Wasser in die Augen zu treiben und den Kopf stockbesoffen zu machen. Ein Gestank, der über den Metzgereigeruch hinausging; ein Gestank wie alles Tote, das es je gegeben hatte und je geben würde, alles Erbrochene, alle Exkremente und faulen Gerüche von verwesenden Menschen und Tieren, von Obst und Gemüse, die in der Hitze der Hölle verrotteten.

Die Schattendrachen schossen in den Zug. Die Tür flog laut zu, fest verschlossen wie der Geldbeutel eines Geizhalses. Der Zug fuhr mit einem Tuckern an, und noch einem, und noch einem, und dann war er wieder in Bewegung, fuhr die Straße hinunter, direkt durch ein Haus, ohne auch nur einen Stein zu verrücken, und ließ ektoplasmische Spinnenweben und Tropfen klebriges Zeug zurück.

Die Eisenbahn tuckerte ans Ende der Stadt, wieder hinaus in die Wüste und legte an Geschwindigkeit zu. Sie sah allmählich wie ein lang gezogener Schatten aus, und dann waren es nur noch dunkle Streifen, wie eine toxische Infektion an den Rändern einer länglichen Wunde. Die Streifen verbanden sich mit den natürlichen Schatten der Wüste und waren bald eins mit der Nacht. Nur ein Hauch des Gestanks blieb zurück und zeugte noch davon, dass der Zug vorbeigefahren war.

Behörde zur Untersuchung und Abwehr paranormaler Erscheinungen

Außendienststelle New Mexico

Flur-Überwachungskamera

Es ist kein gutes Bild. Es wackelt ein wenig, wird unscharf (das muss repariert werden, denken alle, aber bisher hat niemand irgendetwas repariert).

Die Kamera zeigt einen großen Mann mit kahl rasiertem Kopf und Stechschritt-Gang. Er trägt einen schwarzen Anzug unter einem schwarzen Regenmantel aus Leder, dazu glänzende schwarze Schuhe, und hat das Gesicht eines Mannes, der Angst hat zu lachen. Seine Augen sehen wie zwei Brandlöcher aus. Eine Frau ist bei ihm, Kate Corrigan, Expertin für Volkskunde. Sie muss schnell laufen, um mitzuhalten.

Ein großes Zimmer

Hellboy sitzt auf einem Stuhl, schaut die Überwachungskamera an der Wand an und sagt: »Was jetzt?«

Ein Licht leuchtet rot über der Tür, dann öffnet sich die Tür und Was Jetzt betritt das Zimmer. Der große Mann und Kate. Kate, sie sieht heute in Ordnung aus, als hätte sie vielleicht etwas Schlaf abbekommen, aber sie ist ganz geschäftsmäßig drauf, das kann Hellboy erkennen. Sie hat diesen Blick, ausgeruht oder nicht.

Er greift seinen Schwanz und zieht unbewusst daran, vielleicht in der Hoffnung, dass er abfällt. Seine Hörner absägen funktionierte. Die Stumpen sehen ziemlich cool aus, wie eine Schwimmbrille. Vielleicht ein kleiner Biss in den Schwanz, und er würde vorzeigbarer aussehen. Natürlich war da noch sein rechter Arm, ungefähr von der Größe einer Kanone und nicht gerade die motorisch gewandteste seiner Gliedmaßen. Sie zog viel schlechtes Mojo auf sich, Rechte Hand des Schicksals und so weiter, die einst jemand anderem gehört hatte, wirklich schwer, gut zum Zuschlagen, aber nicht gerade die beste Hand, um in der Nase zu bohren. Was er auch tun mochte, solange er nicht bereit war, vieles zu amputieren und eine gewaltige Runderneuerung durchführen zu lassen und witzige Hüte zu tragen, sah er immer aus wie ein großer roter Kerl mit einem Schwanz.

Als sie das Zimmer betreten, bleibt Hellboy auf seinem Stuhl sitzen. Er ist zu müde, um aufzustehen, zu erledigt, zu viele nächtliche Angelegenheiten mit Dämonen und Geistern, Werwölfen und ekelhaften Sachen; selbst jemand von dämonischer Abstammung wird ein wenig ausgelaugt, braucht eine Pause, denkt an Hawaiihemden und Sandstrände und Frauen in Bikinis, an irgendein kühles, alkoholisches Getränk.

Als der große Mann und Kate sich nähern, sagt Hellboy: »Es ist nicht schön, euch zu sehen. Ich mache eine Pause. Ich will nichts. Kann ich mir fünf Dollar borgen? Ich habe triefende Geschwüre.«

»Schwach«, erwidert Kate und schlendert herüber.

»Nun ja«, fährt Hellboy fort, »mir geht es nicht so gut. Mein Hund ist gestorben. Ich muss meine Haare waschen.«

Der große Mann sieht Hellboy nur an. Hellboy mag diese Augen nicht. Zwar menschlich, aber sie sitzen viel zu tief im Schädel und sind zu klein und zu nahe beieinander, die Pupillen wie schmierige Softair-Kügelchen. Hellboy beobachtet ihn, er fragt sich: Blinzelt dieser Kerl?

»Das ist Jim Jeff«, sagt Kate. »Er ist ein Pastor oder so etwas Ähnliches. Er denkt, das Ende der Welt ist gekommen.«

»Schon wieder?«

»Aber so richtig«, antwortet Kate.

»Ah, ich habe Sie blinzeln gesehen«, sagt Hellboy zu dem Pastor.

»Was?«, fragt dieser.

»Beachten Sie ihn nicht«, meint Kate.

»Pastoren haben immer Probleme«, spricht Hellboy weiter. »Ich bin zu dem Schluss gelangt, dass Religion keinen Spaß macht.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen«, sagt der Pastor, und natürlich meint er es nicht. Hellboy hält ihn für einen dieser selbstgerechten Typen, die sich wahrscheinlich fragen, warum in aller Welt er sich mit jemandem abgibt, der nach Schwefel stinkt. Das ist in Ordnung, denkt Hellboy, ich mag Sie auch nicht.

»Grüße und das ganze Zeug«, erwidert Hellboy. »Was liegt an, Pastor? Fassen Sie sich kurz. Ich habe gleich einen Termin zur Maniküre.«

»Maniküre?«, fragt der Pastor nach.

»Nein, hat er nicht«, mischt Kate sich ein. »Er hält sich für witzig.«

»Ich kenne eine Million Witze«, sagt Hellboy, »hauptsächlich mit Bauerstöchtern, aber sie sind gut, und ich kann sie wirklich gut rüberbringen, und Junge, sind die versaut. Ich kenne auch ein paar Elefantenwitze. Wie viele Elefanten können sich in einem Glas mit Jelly Beans verstecken? Summ. Die Zeit ist um. Zwanzig, wenn man ihre Zehennägel in der richtigen Farbe anmalt.«

»Schattenzug«, fängt der Pastor an und ignoriert Hellboy. »Er fährt durch die Wüste. Er hat einen großen Bereich der Wüste von Arizona durchquert. Jetzt ist es dort immer Nacht und der Mond ist immer voll. Es ist etwas Dämonisches, da bin sicher«, sagt der Pastor.

»Ist es das nicht immer?«, fragt Hellboy nach. »Und deshalb brauchen Sie einen großen, roten Kerl, der Ihnen aushilft. Habe ich recht?«

»Ich bin hergekommen, um Hilfe zu holen, und vielleicht kann ich auch ein bisschen helfen«, antwortet der Pastor. »Ms Corrigan hier hat dem, was ich weiß, viel hinzugefügt, und vielleicht habe ich ihr etwas gegeben, womit sie arbeiten kann. Habe ich erwähnt, dass der Zug nicht auf Gleisen fährt? Dass er aus der Nacht kommt und wieder mit der Nacht verschmilzt?«

»Nein, das haben Sie nicht erwähnt«, merkt Hellboy an.

»Nun, so ist es.«

»Das macht allerdings neugierig«, meint Hellboy.

Der Pastor nickt. »Und Städte verschwinden.«

»Städte?«, hakt Hellboy nach.

»Die Einwohner, um genau zu sein«, fügt der Pastor hinzu.

»Urlaub?«, fragt Hellboy.

»Alle werden vermisst, nicht nur ein paar«, erläutert der Pastor, als wäre Hellboys Frage ernst gemeint. »Sie können nicht alle im Urlaub sein. Es gibt nicht einmal mehr Tiere dort. Kein Vogel fliegt über den Ort. Und soll ich wiederholen, dass es dort immer Nacht und der Mond immer voll ist?«

»Ja, diesen Teil habe ich verstanden«, sagt Hellboy. »Gibt es irgendeine Möglichkeit, dass Sie das Problem selbst lösen? Vielleicht stellen Sie zehn Männer ein, die meinen Job erledigen?«

»Unwahrscheinlich«, antwortet der Pastor. »Sie verfügen über … besondere Fähigkeiten.«

»Sie meinen, ich bin ein Freak.«

»Das habe ich nicht gesagt.«

»Aber Sie denken es. Was ist mit diesen zehn Männern?«

Der Pastor schüttelt den Kopf.

»Einen Versuch war’s wert«, meint Hellboy. »Arizona ist weit weg.«

»Es gibt jedoch Hinweise«, sagt der Pastor. »Anhaltspunkte, sozusagen. Dinge, an denen wir uns orientieren können. Ektoplasmische Zeichen. Die Luft riecht nach Verwesung, aber es gibt keine Leichen. Eine Familie, die auf dem Highway gefahren ist, sagt, sie habe etwas aus der Ferne gesehen, etwas, das vor dem Mond aufgetaucht sei. Drachen. Feinstofflich-durchlässige Geschöpfe. Die Familie war auf dem Weg nach Cold Shepherd, einer der Städte, wo dies passiert ist. Die Leute sind im Tageslicht gefahren, und sobald sie die Grenze zu Cold Shepherd überquert haben, war es Nacht. Sie haben angehalten, sind aus dem Auto gestiegen und haben zugeschaut. Sie haben gesehen, wie die Drachen im Sturzflug in die Stadt gedüst sind, später dann, so haben sie gesagt, hätten sie einen Geisterzug gesehen. So haben sie ihn bezeichnet. Und dann ist er verschwunden. Sie haben gesehen, wie er direkt an ihnen vorbeigefahren ist, und dann war er weg. Sie haben gesagt, die Luft hätte so schlimm gestunken, dass sie sich übergeben mussten. Sie sind durch die Stadt gefahren. Keine Seele weit und breit. Die Motels waren geöffnet, aber niemand war dort. Sie haben dem Sheriff in der nächsten Stadt, wo es immer noch Tag war, davon erzählt, und natürlich hat er sie für verrückt gehalten. Aber die Geschichte hat sich herumgesprochen. Einige Leute sind nach Cold Shepherd gefahren. Mitten am Tag, und dort war es stockfinstere Nacht. Sie haben noch andere Städte gefunden, wo es genauso war. Drei davon. Und wissen Sie was?«

»Dort war auch niemand«, sagt Hellboy.

»Richtig«, stimmt der Pastor zu. »Und dort ist es ebenfalls Nacht. Und der Mond ist voll. Die Städte liegen auf einer Linie mit Cold Shepherd.«

»Wir denken, sie koppeln sich aneinander«, meint Kate. »Bald ist es eine ganze Kette. Die sich über das ganze Land ausbreitet.«

»Vielleicht ist es vorbei. Vier sind vielleicht genug«, vermutet Hellboy.

»Vielleicht«, sagt Kate. »Aber wir können nicht sicher sein.«

»Warum Arizona? Warum diese Städte?«, fragt Hellboy.

Kate schüttelt den Kopf. »Wir wissen lediglich, dass wir die Nationalgarde herbeigerufen haben, um beide Enden der Städte zu sichern, die … evakuiert worden sind, falls dies das richtige Wort ist. Wir wissen nicht wirklich, was dort passiert ist.«

»Bevor ich aufsattle und losreite, Pastor«, sagt Hellboy, »was spielen Sie dabei für eine Rolle?«

»Externer Ermittler«, erläutert Kate. »Er arbeitet für uns. Macht sein eigenes Ding. Aber ein externer Vertragspartner.«

»Ich wohne in der Nähe von Cold Shepherd, zumindest die meiste Zeit. Phoenix. Normalerweise kümmere ich mich allein um solche Dinge.« Der Pastor schlägt die Seiten seines langen schwarzen Mantels zurück. Zwillingspistolen, Kolben nach vorn gerichtet, ragen aus geschmeidigen Halftern. »Die verwende ich manchmal. Sie feuern Mojo-Kugeln ab. Sie wissen schon, mit Zaubersprüchen und Ähnlichem behandelt.«

»Meine Knarre ist größer«, erwidert Hellboy. »Und ich benutze wirklich große Kugeln. In ihnen steckt alles Mögliche. Und ich habe einen Hufeisenglücksbringer am Gürtel. Kruzifixe. Allerlei Gutes. Ich glaube, mein Mojo-Zeug funktioniert besser.«

Der Pastor wirft Kate einen Blick zu.

Sie schüttelt nur den Kopf.

»Der Pastor«, sagt sie, »schreibt auch für Parapsychologie-Zeitschriften.«

»Wie schön«, spottet Hellboy.

»Alle haben viel zu tun«, fährt Kate fort. »Also schicken wir dich und ihn hin, um der Sache auf den Grund zu gehen. Der Pastor ist mit der Gegend vertraut, das sollte hilfreich sein.«

Hellboy beugt sich in seinem Stuhl nach vorn und starrt Kate an. »Das Ende der Welt, und alle haben viel zu tun?«, fragt er.

»Es gibt alle möglichen Vorgehensweisen beim Ende der Welt«, erläutert Kate, »und einige von ihnen laufen parallel. Das weißt du. Du erfüllst deinen Teil, wir unseren. Mir sind einige Ideen gekommen, und ich habe dazu eine Akte zusammengestellt. Ihr werdet unterwegs eingewiesen. Ihr solltet sofort aufbrechen … Falls das für dich in Ordnung ist, natürlich.«

»Nun ja«, meint Hellboy, »es ist schließlich das Ende der Welt.«

Die Reise nach Arizona

Taxi zum Flughafen

Ein neuer Hybridwagen, gelb lackiert, irgendein Schachbrettmuster. Kurze Fahrt zum Flughafen, wenig Verkehr. Der Fahrer spricht über dies und das und versucht, eine Unterhaltung mit ihnen zu führen. Er spielt beschissene Diskomusik, circa aus den Siebzigern. Sie kommen an, und Hellboy gibt dem Fahrer ein kleines Trinkgeld. Der Fahrer beschwert sich, er habe sie wirklich schnell dorthin gebracht. Hellboy sagt: »Sie reden zu viel, und besorgen Sie sich bessere Musik, Chipmunks-Songs, irgendwas, aber hauen Sie diesen Dreck in die Tonne!« Und dann nimmt Hellboy ihm das Trinkgeld ab. Der Fahrer beschimpft ihn und fährt davon.

Hellboy zeigt ihm den Stinkefinger.

Privatjet nach Phoenix

Keine Sicherheitskontrollen. An Bord gibt es keine Flugbegleiter. Aber Erdnüsse und Erfrischungsgetränke, und die Sitze sind wirklich groß. Hellboy nimmt zwei bequeme Sitze ein, isst den Großteil der Erdnüsse, trinkt viel Limonade und schläft ein.

Der Pastor Jim Jeff sitzt auf seinem Platz, Sicherheitsgurt angelegt, die Hände im Schoß ineinander verschränkt, und blickt nach vorn. Seine kleinen Augen bewegen sich kaum. Bis auf den Piloten und Co-Piloten befindet sich sonst niemand an Bord.

Es ist ein wirklich schneller Flug, da es ein wirklich schneller Jet ist.

Mietwagen nach Cold Shepherd, Arizona

Gebucht von der Behörde bei der Ankunft in Arizona. Taubenblau. Sehr schick. Fährt sich gut. Der Pastor sitzt am Steuer. Hellboy döst. Die Kilometer schmelzen dahin.

Hellboy wacht auf, als sie an einem Krankenhaus etwas außerhalb von Phoenix vorbeifahren. Er schlägt gerade noch rechtzeitig die Augen auf, um das Schild davor zu lesen, auf dem steht, dass das Krankenhaus sich auf die Behandlung von Traumata und Hirnverletzungen spezialisiert hat. Wahrscheinlich ist es auch für Schusswunden und Splitter in Ordnung.

Hellboy kann die Augen kaum offen halten, und ziemlich bald schließt er sie wieder und ist erneut eingeschlafen.

Ein wenig später stupst der Pastor Hellboy an. »Wachen Sie auf. Kate ist dran.«

Hellboy wacht auf, schmatzt. »Ich habe geträumt, ich wurde von Eichhörnchen angegriffen. Mit Maschinengewehren«, sagt er.

»Kate«, wiederholt der Pastor.

Sie haben dieses kleine Dingsbums dabei, das man ans Armaturenbrett klebt, es lässt sich aufklappen und ist mit einem Bildschirm versehen, und der Pastor hat es bereits angebracht, und auf dem Bildschirm ist Kate zu sehen. Das Bild ist sehr deutlich, viel besser als die Kamera im Flur der Behörde. Sie lehnt an ihrem Schreibtisch. Sie sieht heute ziemlich scharf aus.

Hellboy denkt, Mensch, Blau ist ihre Farbe. Darin sieht sie wirklich gut aus. Ich sollte es ihr sagen. Trag öfter Blau. Aber er sagt nichts. Er hört nur zu. Kates Stimme ist laut und deutlich zu hören.

»In Ordnung. Wir wissen nicht alles, was wir wissen müssen, aber das ist nie der Fall. Wir wissen jedoch Folgendes. Wir sind ziemlich sicher, dass es sich um eine Form von Astralreise handelt.«

»Astralreise?«, fragt Hellboy nach. »Irgendein Zug schläft also und projiziert sich in die Wüste … mit Drachen? Das ist selbst für uns ziemlich seltsam.«

»Bei Astralreisen geht es nicht nur um einen Geist, der seinen Astralkörper irgendwo hinschickt, diesen Körper verfestigt. Manchmal schickt der Geist einen Ersatz.«

»Aber ein stinkender Zug mit Drachen im Schlepptau?«, unterbricht Hellboy sie. »Vielleicht ein Manitu. Nebenbei bemerkt, befinden wir uns im Land der amerikanischen Ureinwohner.«

Bevor Kate antworten kann, ergreift der Pastor das Wort. »Das klingt in der Tat eigenartig, Kate. Ein Manitu aus dem Metall eines alten Zuges könnte so etwas anrichten. Ich habe noch nie davon gehört, aber es könnte möglich sein. Astralreise, das scheint weit hergeholt.«

Kate schüttelt den Kopf. »Nein. Falsche Vorgehensweise. Lassen Sie mich ausreden. In der Volksüberlieferung weist viel darauf hin, dass Werwölfe, bestimmte Arten von Werwölfen, oder Vampire versteckte Sehnsüchte waren, die sich im Schlaf einer Person, die über solche Dinge nachdachte, selbst offenbart haben und wirklich geworden sind. Bigfoot, der Yeti, das Ungeheuer von Loch Ness, das Gleiche. Statt des Auges, das dem Gehirn eine Nachricht schickt, damit es dann sehen kann, was es gerade sieht, schickt manchmal das Gehirn dem Auge eine Nachricht und sieht Dinge, die sonst niemand sehen kann. Und dann gibt es die Leute, die, warum auch immer – vielleicht eine große Fähigkeit zu träumen, stärkere Vorstellungskraft – das Gleiche tun, aber nicht nur sie sehen, was das Gehirn den Augen sendet, sondern auch andere, und meist ist es echt. Tatsache ist, die Gedanken werden an das unsichtbare Auge gesendet – das dritte Auge – und anschließend in die wirkliche Welt projiziert, wo sie sowohl als Traum als auch als Realität existieren.«

»Du meinst also«, sagt Hellboy, »dass irgendjemand da draußen von Drachen und Zügen träumt.«

»Genau«, bestätigt Kate. »Von Zügen und Drachen und was sonst noch. Und die Person ist nicht glücklich.«

»Wissen Sie wirklich, dass es sich um einen Traum handelt?«, fragt Pastor Jim Jeff, sein Verhalten so platt wie eine Pappfigur und so kalt wie der Boden einer Eiswürfelschale.

»Nein«, erwidert Kate, »aber die Merkmale sind vorhanden. Wir hatten zuvor schon minder schwere Fälle dieser Art, aber nichts, was sich als zerstörend erwiesen hat. Oft kann der Träumer die Träume nicht konkretisieren, aber dieser kann es. Das ist meine Meinung. Der Träumer träumt, und der Träumer ist wütend, und sobald er träumt, geschieht Schlimmes. Aber die Projektion der Träume ist eingeschränkt, ein ihm vertrauter Ort, oder ein ihm vertrautes Gebiet.«

»Er reißt also nicht die Weltherrschaft an sich?«, sagt Hellboy.

»Ja, dies haben wir neu durchdacht«, meint Kate. »Wir denken, es ist persönlich und lokal. Offensichtlich dauern die Träume nur so lange an, wie er träumt. Es ist jedoch so, je mehr der Träumer träumt, desto stärker werden seine Träume, und falls er uneingeschränkten Zugang zum Träumen hat, sagen wir mal, er befindet sich in einem tiefen, arzneimittelbedingten Schlaf, werden die Dinge, von denen er träumt, immer wirklicher und immer beständiger.«

»Hm«, äußert sich Hellboy. »Ist es nicht ein Problem, sind es zwei. Hey, Pastor, haben Sie das gesehen? Ein Kojote. Oh, ganz weit dahinten jetzt. Süßer kleiner Kerl. Ich glaube, er hat an einem Kadaver gefressen.«

»Passen Sie auf!«, mahnt der Pastor.

»Lassen Sie sich von ihm nicht in die Irre führen«, spricht Kates Bild. »Er passt auf. Es ist nur seine Art. Habe ich recht, Hellboy?«

»Was war das?«, fragt Hellboy, reckt sich, lehnt den Kopf schräg ans Seitenfenster und schaut nach oben, er sieht den Schatten eines Raubvogels über die Erde huschen.

Ein Geist im Schatten

Vor sechs Monaten

Unten im Keller

Vor den tiefen Träumen wohnte Wilbur Cain im Keller. Er kam und ging, wie ihm gefiel, aber der Keller war seine Welt, und es war der Ort, an dem er sich am liebsten aufhielt. Wie ein Universum in sich. Dort unten war es kühl und dunkel, und rings an den Wänden standen Regale voller alter Groschenhefte in Plastikhüllen, es gab Stapel mit eingetüteten Comicheften, und kistenweise alte Science-Fiction- und Fantasy-Bücher, DVDs mit allen möglichen Zeichentrickfilmen, mit Science-Fiction- und Fantasy- und Horror-Filmen, und dort waren die Modelleisenbahnen und die Gleise, aufgebaut auf einem Tisch mit einem Tunnel, durch den die Züge fahren konnten. Es gab bergiges Gelände und Brücken über Seen, kleine Städte, durch die der Zug tuckern konnte, und an den Gleisen standen kleine Plastikmenschen, die dem Zug beim Vorbeifahren zusahen.

Es war detailgetreu.

Wilbur nahm seinen Lieblingsplatz ein, auf dem großen Hocker am Rand des Tisches, wo er die Züge anschauen konnte, wenn er sie steuerte. An dem großen Tisch saß er gern und las seine Zeitschriften, Comichefte oder Pulp-Magazine. Dort gab es eine starke Lampe, die auf diesen Bereich gerichtet war. Alles außerhalb ihres Lichtscheins, seine Zeitschriften und DVDs in den Regalen, sah aus, als hinge es im Weltall. Wenn er nicht auf dem Bett lag und die Umrisse seiner Zeitschriften und Züge ansah, saß er manchmal auf dem Hocker und las. Es handelte sich um einen großen Stuhl, gut gepolstert, denn Wilbur war ein massiger Mann, knapp 160 Kilogramm, mit Knöcheln so tief im Fett, dass das Fett kleine Ringe um seine Knöchel bildete, sobald er stand, wie fleischige Armreifen, und die Haut unter seinem Kinn war beinahe wie ein Sack, knallvoll mit Fettzellen. Sein Gesicht sah aus, als wäre er von einer Schlange gebissen worden, dick und geschwollen, die Augen fast in teigigem Fleisch verschwunden. Sein Bauch war eine Trommel. Bewegte er sich, bewegte er sich langsam, wie ein Faultier mit einem Hirnschaden.

Wilbur arbeitete sich zu seinem Hocker vor und schaltete die Lampe ein, und in dem Schein der Lampe fing er an, aus einer Ausgabe von Weird Tales Henry Kuttners »Friedhofsratten« zu lesen. Er hatte sie bereits gelesen, aber es war eine Weile her, und von Zeit zu Zeit las er bestimmte Geschichten aus seiner Sammlung gern noch mal, und diese war eine seiner liebsten. Er las eine Zeit lang, dann hob er seinen riesigen Kopf und schaute auf die Wände und seine Zeitschriften, er dachte an alles, was dort war, direkt in den Seiten, fast zum Greifen nahe: Lovecrafts Monster, Robert Howards Barbaren, Bradburys süße, dunkle Schatten. Er dachte über andere Geschichten nach, und dann phantasierte er über Züge und Drachen, Schatten und Blut.

Hier unten in der Dunkelheit, wo nur seine Lampe leuchtete, spielte die Tatsache, dass er übergewichtig und unattraktiv war, keine Rolle. Er hatte sein Lesematerial, seine Filme und Zeichentrickserien, und er hatte seine Züge. Er las die Kuttner-Geschichte fertig, schloss das alternde Heft und legte es vorsichtig zurück in seine säurefreie Plastikhülle. Er schaute auf den Tisch und sein Eisenbahnset, streckte sich, nahm das Steuergerät und setzte den Zug in Bewegung. Es handelte sich um einen seiner Lieblingszüge, eine Western-Eisenbahn im alten Stil. Sie stieß sogar kleine schwarze Rauchwolken aus ihrem Schornstein aus, dank eines Geräts in der Eisenbahn, das mit Maschinenöl lief.

Er ließ den Zug eine Weile fahren und dachte, was sein Keller für eine wunderbare Welt war, und dann gab es eine Störung.

Mutter.

Mutter war oben, und sie war zur Kellertür gekommen, hatte sie geöffnet und fremdes Licht hereingelassen, das Licht leuchtete die Treppe herunter, breitete sich wie eine Art Laser über seinen Keller aus, auf der Suche nach ihm.

»Wilbur«, rief seine Mutter. »Bring mich zum Supermarkt!«

»Du brauchst nichts«, brüllte er zurück.

»Ich will Zigaretten und Limonade.«

»Rauchen ist ungesund«, rief er, er drehte sich auf dem Hocker und brüllte zum Licht und ihrem knochigen Schatten hinauf, der an die Kellerwand geworfen wurde.

»Ich weiß, du willst mit deinen Spielsachen spielen, aber …«

»Das sind keine Spielsachen!«

»Komm jetzt, ich muss zum Supermarkt. Wer bezahlt hier die Rechnungen? Du oder ich?«

»Was hat das damit zu tun, Mutter?«

»Es hat damit zu tun, dass du keine Arbeit hast und ich mit meinen Schecks alles bezahle.« Sie stand jetzt auf der Treppe, und nicht nur ihr Schatten war zu sehen, sondern auch ihre dürren Beine in ihren hässlichen Schuhen, und der Saum ihres alten blauen Kleids. »Es hat damit zu tun und mit der Tatsache, dass ich nicht Auto fahren kann, und ich will zum Supermarkt, und du hast keine Arbeit, und ich bin es, die dir deine Spielsachen kauft. Los, Wilbur! Komm herauf!«

Dann war es vorbei. Sie ging hinauf, mit dem Wissen, dass er sich fügen würde. Er blieb jedoch einen Augenblick sitzen und dachte über Sachen nach, und keine dieser Sachen war gut. Er verließ den Keller ungern, und es wurde auch immer schwerer. Er mochte es nicht, in die Wirklichkeit hinauszugehen, wo die Leute ihn anstarrten und über ihn tuschelten, was er oft mitbekam, Dinge wie: »Was denkst du, wie ist er nur so fett geworden?« Und: »Mein Gott, ist der riesig.«

Und seine Mutter ließ ihn nie vergessen, dass er keinen Arbeitsplatz behalten konnte, dass er keine Freundin haben konnte … nun, da war Naomi gewesen. Sie war unscheinbar und sehr klein gewesen, aber sie mochte ihn. Er lernte sie kennen, als er eine Weile Zeitungen austrug. Er traf sie in der Redaktion, wo er die Zeitungen abholte, und seine Route führte ihn durch Cold Shepherd und vier weitere Kleinstädte. Sie waren nicht so groß, und die Tour war ziemlich einfach und halbwegs schnell erledigt, noch dazu reichte das Geld aus, um mehr Pulp-Magazine, Modellbahnen, alte Comichefte und alte Filme zu kaufen, aber als er Naomi traf, ertappte Wilbur sich dabei, wie er an Abendessen mit Kerzenschein dachte, an Kinobesuche oder Spaziergänge im Mondschein. Er verlor sogar ein paar Pfunde.

Sie war sehr schüchtern und sehr still, und er konnte sich nicht einmal mehr erinnern, wie es genau passierte, aber bald waren sie so etwas wie ein Paar, meist gingen sie für Kaffee oder Drinks zu ihr, und er hatte sie sogar einmal geküsst, sie hatte ihm einen kleinen schwarzen Drachen an einer Kette geschenkt; es war nichts Großes, und wahrscheinlich war er billig gewesen, aber er hatte ihr erzählt, dass er Horrorgeschichten und Fantasy mochte und Drachen-Fan war, und vielleicht dachte sie, das würde dazu passen. Es spielte keine Rolle. Er liebte das Geschenk. Er trug den Drachen an einer Kette um den Hals. Zum ersten Mal in seinem Leben dachte er, dass es Liebe vielleicht wirklich gab und sie nicht nur etwas war, von dem man sprach.

Aber seine Mutter wollte es nicht dulden. Sie fand heraus, dass er eine Freundin hatte, und das Gemotze hörte nie auf. Sie sagte, Frauen wären das Verderben von Männern, und bis er Naomi traf, hielt er das vermutlich für richtig, seine Mutter war schließlich die einzige Frau, die er richtig kannte. Seinem Dad hatte sie gereicht, er hatte sich in genau diesem Keller einen Strick um eine Leiter gebunden und auf einen Stuhl gestellt, den er unter sich weggetreten hatte, einen Zettel an sein Hemd geheftet, auf dem stand: »Versuch jetzt mal, an mir herumzumeckern, Miststück!«

Naomi und das Zeitungsaustragen hatte er jedoch aufgegeben. Den Drachen an der Kette behielt er, er hing für immer um seinen Hals, unter seiner Kleidung. Als er an Gewicht zugenommen hatte, war die Kette enger geworden, aber sie war immer noch da, und manchmal nahm er sie ab und schaute sie an, er dachte: Die habe ich nicht aufgegeben, und ich hätte auch Naomi nicht aufgeben sollen.

Seiner Mutter zu gehorchen, war für ihn so sehr zur Gewohnheit geworden, dass er nicht den Willen besaß, sich zu wehren. In letzter Zeit dachte er viel darüber nach, über seinen Mangel an Willenskraft, und er dachte viel an Naomi. Er fragte sich, ob sie noch bei der Zeitung arbeitete; er wünschte, er hätte selbst einen Job, eigenes Geld. Seit damals hatte er 45 Kilogramm zugenommen. Jetzt konnte er gerade mal die Treppe nach oben gehen, und bald war vielleicht auch das nicht mehr möglich; er würde sich allmählich mit Essen umbringen.

Wilbur erhob sich von seinem Hocker und lief die Treppe hinauf. Es war anstrengend, aber er arbeitete sich vorsichtig die Stufen hinauf, während er lauschte, wie sie unter der Belastung seines Gewichts knarzten. Er ging hinauf, in das Licht der Welt über ihm, hinein in das helle kleine Zuhause seiner Mutter mit den perfekten Möbeln mit Plastikbezügen, weiter in das makellose Wohnzimmer, das wie das Wartezimmer einer Arztpraxis roch, ein Raum, den niemand betrat, nicht einmal sie. Seine Mutter wohnte in der Küche, wo sie Zigaretten rauchte und Kaffee trank, ihre Seifenopern auf einem kleinen Fernseher anschaute, der auf der Arbeitsplatte in der Nähe der Spüle stand. Sie saß gerade dort auf ihrem Stuhl mit einer Zigarette, die ihr aus dem Mund hing, einem Aschenbecher auf dem Schoß, einer Tasse Kaffee auf dem Tisch neben ihr, oder einer Limonade, wie sie alle Erfrischungsgetränke nannte. Die meiste Zeit des Tages saß sie dort und aß, nahm kein Pfund zu, und ging ins Bett, bevor die Sonne unterging, und er musste dann an ihrem Bett sitzen, während sie versuchte zu schlafen, den Kopf hochgelagert, die Augen geschlossen, und unaufhörlich über nichts redete. Sie bat um Kaffee, und er brachte ihn. Sie bat um Limonade, und er brachte sie. Sie bat ihn, ihr eine Zigarette zu reichen und sie anzuzünden, und er tat es. Sie bat ihn, ihr aus der Zeitung vorzulesen, und er tat es. Sie bat ihn, aus Liebesromanen vorzulesen, und er tat es. Manchmal wollte er eine seiner Ausgaben von Weird Tales nehmen und stattdessen daraus vorlesen.

Das wäre toll, dachte er. Vielleicht würde sie vor Angst sterben, da sie nicht viel ertragen konnte. Insekten brachten sie zum Schreien. Schlimme Nachrichten im Fernsehen konnte sie nicht ertragen und schaute sie nicht an. Ihr gefiel eine Welt, die geregelt war. Und ihm ebenfalls. Darum hatte er seinen Keller. Der Gedanke, dass er und sie sich vielleicht immerhin auf irgendeine Weise ähnlich waren, machte ihm Angst.

Das alles ging ihm durch den Kopf, als er die Treppe hinaufging. Er konnte den Schweiß auf seinem Nacken spüren, und sein Herz schlug schnell, seine Knie schmerzten unter seinem Gewicht.

Als er in die Küche kam, stand seine Mutter da, die Handtasche wie eine Wucherung unter den Arm geklemmt.

»Du hast aber lange gebraucht«, sagte sie. »Hol die Schlüssel!«

Wilbur holte die Schlüssel, und sie gingen aus dem Haus. Die Welt dort draußen wurde ihm immer fremder. Er mochte sie nicht. Sie ließ sich nicht kontrollieren.

Sie stiegen in das Auto, eine große, alte Kiste. Es wurde nur vom Haus zum Supermarkt und wieder zurück gefahren, und zur Inspektion beim Autohändler, das Auto war also fast brandneu und fuhr sich so gut wie an dem Tag, als es den Verkaufsraum verlassen hatte.

Wilbur drehte den Schlüssel um, und das Auto surrte. »Fahr jetzt nicht schnell, Wilbur, und halt dich an die Verkehrsordnung, und vergewissere dich, dass dein Gurt fest angelegt ist«, mahnte seine Mutter.

»Ja, Mutter«, erwiderte Wilbur und manövrierte das Auto vorsichtig aus der Garage.

Sie fuhren an der Zeitungsredaktion vorbei, und Wilbur reckte den Hals, um zu schauen, ob er Naomis Auto sehen konnte, und tatsächlich. Er sah es, und der Anblick brachte irgendwie seine Innereien zum Flattern.

Seine Mutter sagte: »Du denkst an dieses Mädchen, oder, Wilbur?«

»Lass mich in Ruhe, Mutter«, erwiderte Wilbur und gab etwas Gas.

»Sie hat nichts getaugt.«

»Du kanntest sie nicht einmal.«

»Ich kenne ihre Sorte.«

»Du kanntest sie nicht, also kanntest du auch nicht ihre Sorte.«

»Ich weiß, dass sie ein Flittchen war und dein Leben ruiniert hätte.«

Wilbur wandte seinen Blick von der Straße ab und schaute seine Mutter an. »Mein Leben ruiniert? Welches Leben? Du hast mein Leben ruiniert, so wie du Dads Leben ruiniert hast. Deinetwegen hat er sich umgebracht.«

»Augen auf die Straße, Wilbur!«

Wilbur schaute auf die Straße. Ein Auto raste dicht an ihnen vorbei.

»Du bist nicht vorsichtig … Und dein Vater, er war schwach. Darum ist er gestorben. Er konnte das Leben nicht ertragen, weil er ein Feigling war. Schau auf die Straße, Wilbur.«

Wilbur blickte geradeaus und sah das Gerichtsgebäude von Cold Shepherd. Am Gerichtsgebäude bog die Straße links und rechts ab. Die Treppe zum Gerichtsgebäude lag direkt auf zwölf Uhr. Zum Supermarkt musste er rechts abbiegen.

»Mutter«, sprach Wilbur, »du machst uns alle zu Feiglingen.«

Und anschließend trat Wilbur auf das Gaspedal.

»Wilbur«, warnte seine Mutter, »du fährst zu schnell.«

»Ja. Ja, das tue ich.«

»Du wirst die Kurve nicht kriegen.«

»Nein. Nein, das werde ich nicht.«

Mehr Gas. Der Wagen hüpfte wie ein großer Fisch. Er traf auf die Stufen des Gerichtsgebäudes auf und fuhr sie, zu Wilburs Überraschung, hinauf. Als das Auto oben ankam und auf dem Treppenabsatz aus Beton landete, platzte ein Reifen. Seine Mutter schrie.

»Crom!«, brüllte Wilbur, wie Conan, einer seiner Pulp-Helden.

Vor ihnen flog die Tür des Gerichtsgebäudes auf. Wilbur raste mit dem Wagen hinein, und alles wurde schwarz. Als er die Augen aufschlug, sah er seine Mutter, wie ein Käfer gegen die gebrochene Windschutzscheibe geknallt, sie war aus ihrem Gurt gerissen worden (hatte ihn nicht richtig angelegt, dachte er, die ganze Motzerei, und sie hatte den Gurt nicht richtig angelegt, Junge, Junge, das geschah ihr recht), und dann lief ihm Blut in die Augen, sein Kopf fühlte sich an, als fiele er auseinander, und die Schmerzen in seinem Schädel waren so stark, dass die Welt wieder dunkel wurde, dunkel wie sein Keller; darüber freute er sich und tauchte direkt in dem Moment hinein, als das Auto explodierte, die Flammen durch den Innenraum leckten und das Fleisch von der Leiche seiner Mutter wischten, bei ihm ebenfalls, fast bis auf die Knochen.

Drei- bis viermal kam er aus dem Keller in das Licht der Welt, und durch seine flatternden Augenlider sah er, dass es sich um eine Welt handelte, die ihm nicht gefiel, voller Männer und Frauen in weißen Kitteln in einem hellen, weißen Zimmer. Er konnte erkennen, dass er verkabelt war wie ein Astronaut, und ihm wurden Fragen gestellt, die keinen Sinn ergaben, und dann schloss er wieder die Augen, er konnte fühlen, wie er nach unten in die Dunkelheit schritt, aber sein Gang war viel schneller als sonst. Er fühlte sich gut und schlank und stark.

Kurz bevor er unten an der Treppe ankam, hörte er etwas.

»Können Sie mich hören? Mein Name ist Doctor Stone. Können Sie mich hören?«

Er verstand es, aber irgendwie hatte es für ihn immer noch keine Bedeutung.

Unten an der Treppe blickte Wilbur auf, und alles, was er sehen konnte, war der Schatten des Arztes an der Wand. Er wünschte sich die Tür oben an der Treppe geschlossen, und sie schloss sich, sie riss den Schatten des Arztes und das ganze Licht der Welt weg.

Zurück in die Gegenwart

Ein Auszug aus Hellboys Bericht

Verspätet abgegeben, wie immer

16 Kilometer entfernt von Cold Shepherd hatte die Nationalgarde ihr Lager aufgeschlagen. Die Soldaten sahen mich und winkten uns durch. Als großer roter Kerl konnte man sich nicht glaubhaft verkleiden.

Als wir an der Stadtgrenze von Cold Shepherd ankamen, wirkte es anfangs, als befände sich eine gewaltige Mauer aus dunklem Regen auf unserem Weg. Der nicht so heitere Pastor Jim Jeff hielt an, und wir stiegen aus dem Wagen, wir stellten uns neben das Schild, auf dem stand: Cold Shepherd, 2.895 Einwohner.

In meiner gewohnt scharfsinnigen Art betrachtete ich die Dunkelheit genau, und ich glaube, dass ich dort im Sonnenschein eine recht gute Figur abgab, die normal große linke Hand in der Tasche meines Trenchcoats, in die Dunkelheit schauend, wo Licht sein sollte, meinen Schwanz unter meinem Mantel hervorschlagend. Mit meinen angesägten Hörnern sah ich aus wie der Pilot des Teufels.

Die Dunkelheit war knapp einen Meter von mir entfernt. Aus der Nähe sah sie weniger wie eine Regenwand aus. Eher wie ein hauchdünner Vorhang, gefärbt mit Tinte. Wir liefen an dem Schild vorbei, hinein in die Dunkelheit, und ich streckte die Hand aus. Die große, die ich in meinen poetischeren Momenten gern Die Große nenne. Ich denke, das passt zu meiner Großen Knarre und meinen Großen Kugeln. Über weitere große Ausstattung wird in gemischter Gesellschaft kein Wort verloren, oder in der Gesellschaft von mürrischen Pastoren, oder in Berichten an die Behörde, aber falls Ihr gerne unter vier Augen fragen wollt, kann ich es erläutern.

Wie auch immer, meiner großen Pfote ist nichts passiert, also zog ich sie zurück und streckte die andere aus. Die Dunkelheit hatte eine Textur. Diese Tatsache gab ich in den großen Computer, mein Gehirn, ein, ließ ihn es auswerten, und kam zu einer Antwort.

»Hm.«

Der Mond stand hoch am Himmel, glänzte wie Piratengold, aber er sah dort oben wie ein großer Teller aus, anders als der Mond, den wir kannten, der aus Käse. Entschuldigung, ich konnte nicht anders. Zurück zu dem Mond, den wir nicht kennen. Er funkelte und war so glatt wie ein Babyarsch, und er weckte in mir das Bedürfnis, Moon River zu singen. Ich besaß die Willenskraft, es nicht zu tun, summte jedoch ein paar Takte Blue Moon.

Pastor Jim Jeff, stets elegant ganz in Schwarz mit einem Gesichtsausdruck so warm wie ein Stein im Schatten, lief zu mir und sagte: »Sehen Sie, dort drüben!«

Ich schaute, wohin der Pastor deutete. Auf den Horizont.

Die Dunkelheit begann zu schmelzen, vom Boden aufwärts, streifenweise. Tageslicht schimmerte hindurch. »Die Illusion zerfällt«, meinte der Pastor.

»Es ist mehr als eine Illusion«, erwiderte ich. »Es ist echte Materie. Wenn es so ist, wie Kate gesagt hat«, (nicht, dass ich dich infrage stelle), »wacht die Person, die dieses Universum projiziert, vielleicht auf, und alles verschwindet.«

»Irgendwann«, sagte der Pastor, »macht der Gott, an den ich glaube, das Gleiche, und wir verschwinden alle.«

Und ich denke, vielleicht ist das gar nicht so schlecht. Ich habe solche Tage, ihr versteht schon, und ich denke auch, wenn Gott träumt, ist unsere Welt dann für ihn ein süßer Traum oder ein Albtraum? Irgendwo dazwischen? Ich weiß, dies ist ein Bericht, aber ich denke, wir haben alle etwas davon, wenn ich philosophisch werde, oder?

Zurück zu unserer Geschichte, zu dem, was ich schon immer einmal sagen wollte.

Ohne einen Witz auf der Zunge sagte ich zu Pastor Jim Jeff: »Dann lassen Sie uns durchfahren!« Und das taten wir.

Wir fuhren den Highway entlang, in die Dunkelheit und den schmelzenden Mond hinein, und als wir am anderen Ende von Cold Shepherd ankamen, waren alle Schatten weggerissen und außer Sichtweite geworfen, und der Mond war nur noch ein dünner Kreis, durch den die Sonne schien.

Der Pastor drehte die Klimaanlage auf, und wir fuhren weiter durch die nächsten Kleinstädte, kleine Käffer, die sich nahe eines kleinen Rinnsals angesiedelt hatten, das die Einwohner einen Fluss nannten – so stand es zumindest auf einem Schild, ein Fließgewässer mit einem Namen höchstwahrscheinlich indianischen Ursprungs, den ich nicht aussprechen konnte. Ich kann ihn nicht einmal schreiben, weshalb er hier nicht vorkommt. Also schlagt ihn nach!

Ich könnte euch die Landschaft bis ins Kleinste beschreiben, aber ich will nicht, also sage ich nur, dass diese Städte auf einer Linie mit Cold Shepherd allesamt ihre Dunkelheit und ihre Monde verloren, sobald wir sie erreichten. Und als wir an das Ende der am weitesten entfernten der drei Städte kamen, herrschte dort keine Dunkelheit, es war hell. Die Städte waren leer. Nichts rührte sich, nicht einmal ein Vogel flog darüber. Ich fragte mich, ob es überhaupt Insekten am Boden gab. Ich kam in Versuchung, den Pastor zu bitten, anzuhalten, damit ich nach Ameisen suchen konnte. Aber die Versuchung war nicht groß genug.

Wir fuhren weiter, und ich stellte etwas Wichtiges fest. Ich hatte Hunger.

Als wir in der nächsten Stadt ankamen, Sand Rock, war alles anders. Autos fuhren durch die Gegend, und Leute liefen herum, und als ich das Fenster herunterließ, konnte ich die Geräusche der Autos und der Leute hören, konnte Abgase und die üblichen Gerüche riechen, die man erwarten würde, Essen auf dem Herd, einen Hauch Schweiß und Damenparfüm. Diese Stadt war lebendig.

Wir hielten bei einem kleinen Familienrestaurant an und bestellten etwas zu essen, und natürlich zog ich alle Blicke auf mich. Ich schrieb einige Autogramme. Die Kellnerin kam mit einer Fotokamera herüber, und Pastor Jim Jeff musste ein Bild von ihr und mir machen. Sie war süß. Ich zögerte die Sache so lange wie möglich hinaus.

Wie auch immer, wir saßen da und aßen, und Pastor Jim Jeff sagte: »Zieht man in Betracht, woher Sie kommen, müssen Sie nicht auf unserer Seite sein.«

»So kann man es auch sehen«, sagte ich, »aber ich denke nie wirklich darüber nach. Ich tue, was richtig ist, weil es richtig ist, und ich brauche keinen weiteren Grund.«

»Das ist gut. Das gefällt mir. Aber richtig liegt irgendwie im Auge des Betrachters, oder?«

»Tja, viele Leute sagen, sie tun das Richtige, und glauben es. Wenn es aber beinhaltet, Unschuldigen gegen schändliches übernatürliches Böses zu helfen, dann ist für mich das Richtige so klar und augenfällig wie die Nase in Ihrem Gesicht. Was, nebenbei bemerkt, in keiner Weise eine Äußerung zu Ihrer Nase ist.«

»Ich wurde von Wölfen großgezogen«, erwiderte der Pastor.

»Und dabei sind Ihre Manieren so ansehnlich.«

»Nein. Wirklich. Von Werwölfen. Meine Eltern waren verflucht. Sie konnten nichts dagegen tun. Sie konnten richtig von falsch unterscheiden, aber es ist eine Krankheit. Nicht irgendeine Art von Astral-Werwolf, von dem Kate gesprochen hat. Ich zweifele nicht an, was sie zu denen gesagt hat, aber wir waren nicht astral. Wir waren Werwölfe.«

»Dafür gibt es nicht viele Zwölf-Schritte-Programme, oder?«

»Nein. Doch meine Eltern haben mich großgezogen, mir beigebracht und gezeigt, wie man ein anständiges Leben führt. Sie haben keine Menschen umgebracht. Sie haben Schafe gezüchtet. Es war nicht wie in den alten Geschichten, mit dem Vollmond und so weiter.«

»Es gibt unterschiedliche Arten von Werwölfen, genau wie unterschiedliche Arten von Hunden«, meinte ich.

Der Pastor nickte. »Sie konnten zu jeder Zeit im Monat zum Werwolf werden, egal bei welcher Mondphase. Es musste nachts sein, und das war alles. Sie haben sich in diesen Nächten in Käfige gesperrt. Mit einem Schaf in jedem Käfig.«

»Ich nehme an, das Schaf hat nicht viel Schlaf bekommen.«

»Am Morgen ließ eine Zeitschaltuhr sie heraus, entriegelte die Käfige, sobald der Fluch seine Kraft verloren hatte.«

»Wie sind sie zu dem Fluch gekommen?«

»Nicht durch einen Biss, aber sie waren verflucht. Es ist eine lange Geschichte. Lassen Sie mich es so sagen: Wir sind rumänischer Herkunft. Sie kamen von dort. Jemand hat den bösen Blick auf sie geworfen.«

»Das kann unangenehm sein.«

»Das meiste Zeug ist nur Gerede, Bluff, aber die Frau, die ihnen den bösen Blick verpasst hat, war nicht zu Späßen aufgelegt. Sie wissen nicht einmal, warum sie es getan hat. Natürlich haben sie deshalb ein elendes Leben geführt.«

»Den Schafen hat es auch nicht geholfen.«

»Nein, ich denke nicht. Als Kind haben sie mir beigebracht, mich um die Käfige zu kümmern. Einmal haben sich die automatischen Schlösser zu früh geöffnet, und mein Vater ist irgendwie … Amok gelaufen. Er wurde angeschossen, und nicht mit einer Silberkugel. Als Werwolf war er stark, aber konnte dennoch getötet werden.«

»Silber ist für Super-Werwölfe. Das sind die schlimmen. Meine Großen Kugeln würden einen kaltmachen, möchte ich anmerken. Silber, Weihwasser, Späne von Kruzifixen, ganz abgesehen vom guten alten Schießpulver, steckt alles drinnen. Ist Ihr Vater gestorben?«

»Nicht daran. An Altersschwäche. Er hat jedenfalls herausgefunden … ich weiß nicht, wie ich es taktvoll formulieren soll …, dass er die Frau seines Nachbarn gefressen hat.«

»Aua. Das ist schlecht für die Nachbarn.«

»Außer ihnen und mir wusste niemand vom Leiden meiner Eltern.«

»Ist ihnen und mir grammatikalisch richtig?«

Der Gesichtsausdruck des Pastors blieb unverändert. »Ich bin nicht sicher.

Wie auch immer, ich wurde ihr Wärter. Und als ich älter wurde, fand ich etwas heraus. Ich war ebenfalls verflucht. Der böse Blick hatte es an ihre Kinder weitergegeben, oder in ihrem Fall an ihr Kind. Ich war ein Einzelkind. Also haben wir drei die Nächte in unseren jeweiligen Käfigen verbracht und wieder auf Zeitschaltuhren zurückgegriffen. Übrigens hatten wir damit keine weiteren Probleme, und unser Nachbar hat nie herausgefunden, wer seine Frau getötet und aufgefressen hat. Ein Rudel Wildhunde wurde verdächtigt, und eine Zeit lang hat man jeden Streuner oder Hund erschossen, der aus seinem Zwinger oder Zuhause entlaufen war.«

»Die Werwölferei nimmt die Tiergemeinschaft hart ran«, meinte ich.

»Sie nehmen gar nichts ernst, oder?«

»Das Problem ist, ich nehme alles ernst. Kommen Sie, Pastor. Schauen Sie mich an! Denken Sie, mein Leben ist nur Sonnenschein? Ich führe ein Leben, und ein großer Teil davon ist gut, aber dieser Körper ist, wie man so schön sagt, Segen und Fluch zugleich. Wenn ich nicht ein wenig lache, das Leben nicht mit ein bisschen Humor nehme, dann könnte ich genauso gut meine Große Knarre nehmen, sie mir an meinen roten Kopf halten und mich mit einer meiner Großen Kugeln erschießen. Und das würde ich nicht machen wollen, denn es gäbe sicherlich eine Riesensauerei. Aber glauben Sie nicht, dass ich Sie nicht verstehe. Das tue ich. Sie führen ein eigenartiges Leben. Ich ebenso. Und, Baby, hier sitzen wir also beim Essen und bauen eine Bindung zueinander auf.«

Ich hielt ihm meine Faust hin. Der Pastor sah sie nur an. »Kommen Sie«, ermunterte ich ihn. »Her mit den Knöcheln.« Er machte eine Faust und stieß meine leicht an. Dabei sah er so unbeholfen aus wie eine Kuh bei dem Versuch, Hausschuhe anzuziehen.

»Also, wie steht es mit der Werwölferei?«, wollte ich wissen.

»Ich habe gelernt, es mit Willenskraft unter Kontrolle zu halten, und eines Tages war es einfach weg. Ich habe es nicht mehr. Ich kann mich nicht einmal mehr in einen Werwolf verwandeln, wenn ich es versuche.«

»Das ist manchmal mit Flüchen so. Sie verlieren an Kraft. Wollen Sie hören, was ich denke? Die Frau, die Ihre Eltern mit dem Fluch belegt hat und der dann an Sie weitergegeben wurde, ist gestorben, und der Fluch ist vorüber.«

»Genau das vermute ich auch. Jedenfalls habe ich aufgrund ihres Fluches geschworen, das Böse zu bekämpfen. Und hier bin ich also.«

»Guter Plan«, stimmte ich zu.

»In Ordnung«, sagte der Pastor. »Wie sieht unser Plan aus, oder haben wir überhaupt einen?«

»Meistens kreuze ich einfach auf und nehm’s, wie es kommt. Ich weiß, das klingt nicht besonders ausgeklügelt. Aber, hey, bisher hat’s immer hingehauen. Meiner Einschätzung nach ist diese Stadt als nächstes dran. Handelt es sich um irgendeine Form von astraler Verbindung, ist der menschliche Projektor allem Anschein nach ein Fan von Zügen, Schatten und Drachen, und zwischen seinem Leben und diesen Städten gibt es eine Verbindung. Vielleicht ist er fertig. Vielleicht wird er niemals wissen, was er angerichtet hat. Wenn er jedoch noch nicht fertig ist, wenn seine Verbindung, welche auch immer, weiterhin diesen Weg nimmt, dann kommt er in diese Stadt, Leute werden sterben. Und unsere Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass dies nicht passiert, richtig?«

»Richtig«, stimmte der Pastor zu.

Die süße Kellnerin kam mit Kaffee herüber. »Können Sie den Schwanz auch bewegen?«

Ich zeigte ihr, dass ich es konnte. Mit einer Drehbewegung meines Schwanzes schnappte ich mir ihr Handgelenk. »Wie ist das?«

»Es bringt mich auf gewisse Gedanken«, sagte sie.

»Gedanken können manchmal Wirklichkeit werden«, erwiderte ich. »Glauben Sie mir, ich weiß es.«

Sie lächelte, schenkte den Kaffee ein und ging weg. Ich sah ihr nach.

Der Pastor sprach: »Also warten wir hier auf … den Zug?«

»Nein. Wir gehen in die Stadt zurück, die vor dieser hier liegt, begeben uns an deren Grenze und schauen, ob die Dunkelheit kommt, und mit ihr ein Zug und Schattendrachen. Ich habe diese Vermutung, dass der Träumer immer am gleichen Ort anfängt und sich dann einfach vorwärtsbewegt, und dann erschöpft ihn das Träumen und er muss neu ansetzen. Also beginnt er erneut, immer schneller, wenn er wieder in jede Stadt kommt und sieht, dass dort niemand mehr ist, und so weiter.«

»Was ist, wenn Sie falschliegen?«

»Dann wird diese Stadt leer«, antwortete ich. »Ich denke, aus irgendeinem Grund reist irgendwo irgendjemand mit genügend Zorn in den Knochen, um ein Loch in das Gewebe der Wirklichkeit zu brennen, oder zumindest genügend Zorn, um eine eigene Wirklichkeit zu erschaffen, durch diese Reihe von Städten und lässt seine Wut heraus. Meiner Einschätzung nach ist es ein Kerl. Mädels können Züge zwar gernhaben, aber ich denke, es ist ein Kerl. Er schleppt da was mit sich herum und er will es herauslassen, und es ist alles mit einer Art Route verbunden. Vielleicht war er ein Vertreter. Vielleicht fühlt er sich von der Firma falsch behandelt. In seiner Wahrnehmung hat ihm jemand ein Leid angetan. Das bedeutet, er bringt seine ganze Wut in seinen Gedanken zum Ausdruck, und dann kommt er.«

»Als Zug?«

»Als Zug, als Drachen und höchstwahrscheinlich als eine Menge anderer Dinge, die wir noch nicht gesehen haben.«

»Aber warum sollte er es an den Einwohnern der Stadt auslassen? Sie haben ihm doch sicher nicht allesamt etwas angetan?«