Helle Tage - Michael Cunningham - E-Book
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Beschreibung

Eine furiose Hommage an eine einzigartige Stadt – an New York City. Der preisgekrönte Autor Michael Cunningham erzählt drei Geschichten aus drei Jahrhunderten, die auf raffinierte Weise miteinander verflochten sind, unter anderem durch die Verse Walt Whitmans, des großen romantischen Dichters Amerikas. Ein kunstvoller, immens vergnüglicher, ungewöhnlicher Roman über die verwundete amerikanische Seele und den unverbrüchlichen Lebensmut, der die Menschen dieser Stadt seit jeher prägt.

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MOBI

Seitenzahl:542


Buch

Ein grandioses Panorama und eine kunstvolle Liebeserklärung an eine der großartigsten, lebensprallsten und unverwüstlichsten Städte der Welt – an New York City. Michael Cunningham erzählt drei exemplarische Geschichten, die auf vielfältige und raffinierte Weise miteinander verflochten sind, aus drei Jahrhunderten: von der industriellen Revolution über die Gegenwart bis in die fernere Zukunft. Und in jeder Geschichte begegnen wir den Ideen und Versen des amerikanischen Dichters und Utopisten Walt Whitman, des großen Romantikers und Liebenden, auf ganz neue Art. Michael Cunninghams Roman ist »eine Symphonie voll Schrecken und Freude« (New York Observer) über eine Stadt und ihre Menschen, ihren zeitlosen Hunger nach Freiheit, Gerechtigkeit, Schönheit – und Leben.

Autor

Michael Cunningham wurde 1952 in Cincinnati, Ohio, geboren und wuchs in Pasadena, Kalifornien, auf. Er lebt heute in New York City und Provincetown und unterrichtet Creative Writing an der Columbia University. Sein Roman Die Stunden ist vielfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Pulitzerpreis und dem PEN/Faulkner Award, und wurde in 22 Sprachen übersetzt. Die überaus erfolgreiche Verfilmung The Hours mit Meryl Streep, Julianne Moore und Nicole Kidman wurde mit einem Oscar ausgezeichnet.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorWidmungIN DER MASCHINEDER KINDERKREUZZUGWIE SCHÖNHEITAnmerkung des AutorsDanksagungMichael Cunningham über Walt Whitman - GESETZE FÜR SCHÖPFUNGENLiteraturCopyright

Dieser Roman ist meiner Mutter Dorothy zum Gedenken gewidmet

Fürchte dich nicht, o Muse!, erfahre wahrhaft neue Bräuche und Tage, dich umgibt,

Offen gesteh ichs, ein seltsames Geschlecht von neuem Schlag,

Und doch dasselbe alte Menschengeschlecht, dasselbe innerlich, äußerlich,

Dieselben Gesichter und Herzen, dieselben Gefühle, dasselbe Sehnen

Dieselbe alte Liebe und Schönheit, derselbe Zweck.

Walt Whitman, Grashalme

Doch an diesen hellen Tagen,

In dieser weiten schönen Landschaft, den Straßen und Wegen, den

Hoch beladenen Bauernwagen, den Früchten und Scheuern, sollen die Toten lästig sein?

Ach die Toten stören mich nicht, sie fügen sich gut in die Natur,

Sie fügen sich sehr gut in die Landschaft, unter die Bäume und das Gras,

Und entlang des Himmelsrands an des Horizontes ferner Grenze.

Walt Whitman, Grashalme

IN DER MASCHINE

Walt sagte, daß die Toten zu Gras werden, aber dort, wo sie Simon begraben hatten, war kein Gras. Er war bei den Iren auf der anderen Seite des Flusses, wo es nur Erde und Kiesel gab und Namen auf Steinen.

Catherine glaubte, daß Simon in den Himmel gekommen war. Sie hatte ein Medaillon mit seinem Bild darin und einer Haarsträhne von ihm.

»Sein Platz ist im Himmel«, sagte sie. »Er war zu gut für diese Welt.« Sie schaute unsicher aus dem Wohnzimmerfenster auf die Straße, als erwartete sie, daß eine glitzernde Kutsche mit Simon an Bord vorbeirollte, friedlich in seiner unbekümmerten, milchweißen Schönheit, winkend und grinsend, während er sich freudig an den Ort begab, wo er schon immer hingehörte.

»Wenn du meinst«, antwortete Lucas. Catherine befingerte das Medaillon. Ihre Hände waren schmal und zierlich. Sie konnte so feine Nähte stechen, daß man sie nicht sah.

»Und trotzdem ist er noch immer bei uns«, sagte sie. »Spürst du es nicht?« Sie spielte mit der Kette des Medaillons herum, als wäre sie ein Rosenkranz.

»Ich nehm’s an«, sagte Lucas. Catherine dachte, Simon wäre in dem Medaillon, im Himmel und immer noch bei ihnen. Hoffentlich erwartete sie nicht von ihm, daß er froh darüber war, so viele Simons zu haben, mit denen er sich auseinandersetzen mußte.

Die Gäste waren aufgebrochen, und Lucas’ Vater und Mutter waren zu Bett gegangen. Nur noch Lucas und Catherine waren im Wohnzimmer, mitsamt den Überresten. Leere Teller, die Kruste eines Schinkens. Der Schinken war für Catherines und Simons Hochzeit gedacht gewesen. Es war also eine glückliche Fügung, daß sie ihn statt dessen für die Totenwache hatten.

Lucas sagte: »Ich habe gehört, was die Schwätzer schwatzen, Geschwätz von Anfang und Ende. Ich aber schwatze nicht vom Anfang oder vom Ende.«

Er hatte nicht sprechen wollen wie das Buch. Er wollte es nie, aber wenn er aufgeregt war, konnte er nicht anders.

»Ach, Lucas«, sagte sie.

Sein Herz flatterte und pochte an den Knochen.

»Ich mache mir Sorgen um dich«, sagte sie. »Du bist so jung.«

»Ich bin fast dreizehn«, sagte er.

»Es ist ein schrecklicher Ort. Die Arbeit ist so schwer.«

»Ich habe Glück gehabt. Es war eine Gefälligkeit von denen, daß sie mir Simons Stelle gegeben haben.«

»Und keine Schule mehr.«

»Ich brauche keine Schule. Ich habe Walts Buch.«

»Du kennst das ganze Ding, nicht wahr?«

»O nein. Da steht viel mehr drin, dazu brauche ich Jahre.«

»Du mußt dich in acht nehmen im Werk«, sagte sie. »Du mußt –« Sie hörte auf zu sprechen, doch ihre Miene änderte sich nicht. Sie bot weiterhin ihr Profil dar, das so ernst und schön war wie das einer Frau auf einer Münze. Sie schaute weiter auf die Straße hinab, wartete auf den Vorbeimarsch des himmlischen Geleitzugs, mit Simon obenauf, dem Stolz der Familie, dem neuen Prinz der Toten.

»Du mußt dich auch in acht nehmen«, sagte Lucas.

»Ich muß mich vor nichts in acht nehmen, mein Lieber. Für mich gibt es nur morgen und den nächsten Tag.«

Sie streifte sich die Kette des Medaillons wieder über den Kopf. Das Medaillon verschwand in ihrem Kleid. Lucas wollte ihr sagen – was? Er wollte ihr sagen, daß er aufgekratzt und wachsam war und unbändig allein, daß sein Leib sein unstetes Herz enthielt und noch etwas anderes, etwas, das er spüren, aber nicht beschreiben konnte: porös und stachlig, wabernd vor Gedankenfetzen, Drang und Geld; mit Glimmer gesprenkelt, weiß und grün und fahlgold funkelnd, wie Sterne; etwas, das die Sterne liebte, weil es aus dem gleichen Stoff gemacht war. Er mußte ihr sagen, daß es unmöglich, unerträglich war, fortwährend fälschlich für einen mißgebildeten Jungen mit Glubschauge und Kürbiskopf gehalten zu werden, der die Angewohnheit hatte, in Versen zu sprechen.

Er sagte: »Ich feiere mich selbst, und was ich mir anmaße, sollst du dir anmaßen.« Es war nicht das, was er ihr hatte sagen wollen.

Sie lächelte. Wenigstens war sie nicht verärgert. Sie sagte: »Ich sollte jetzt gehen. Begleitest du mich heim?«

»Ja«, sagte er. »Ja.«

Draußen auf der Straße schob Catherine ihre Hand in seine Armbeuge. Er versuchte sich zu beruhigen, mannhaft auszuschreiten, obwohl er am liebsten gar nicht schreiten wollte, sondern aufsteigen wie Rauch und über die Straße treiben, die voller Abendvolk war, heimkehrender Arbeiter, Zeitungsjungen, die ihre Blätter ausschrien. Der verrückte Mr. Cain ging an seiner Ecke auf und ab, in einen staubfarbenen Mantel gekleidet, schnappte zerstreut nach etwas, das in seinem Bart herumkrabbelte und schrie: »Unfug, vergangen und vergessen, was habt ihr mit den gebrochenen Herzen gemacht?« Die Straße war von ihrem Geruch erfüllt, Mist und Petroleum, beißendem Qualm – irgendwo brannte immer irgend etwas. Wenn Lucas aus seinem Körper aufsteigen könnte, würde er zu dem werden, was er sah und hörte und roch. Er würde sich um Catherine ballen wie die Luft, sie überall berühren. Er würde von ihr eingesogen werden, wenn sie atmete.

Er sagte: »Der kleinste Sproß beweist, daß es in Wahrheit keinen Tod gibt.«

Ein Zeitungsjunge schrie: »Frau brutal ermordet, lesen Sie alles darüber!« Lucas dachte, er könnte Zeitungsjunge werden, aber der Lohn war zu gering, und mit dem Ausrufen der Neuigkeiten konnte man ihn nicht betrauen, oder? Er könnte sich vergessen und durch die Straßen laufen und schreien: »Jedes Atom, das mir gehört, gehört auch dir.« Im Werk käme er besser zurecht. Wenn ihn der Drang überkam, könnte er in Simons Maschine schreien. Die Maschine würde es weder begreifen noch sich darum scheren, nicht mehr als Simon.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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