Hellwach gehe ich schlafen - Michael Krüger - E-Book

Hellwach gehe ich schlafen E-Book

Michael Krüger

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Beschreibung

Hellwach gehe ich schlafen präsentiert eine Auswahl von hundert Gedichten aus vier Jahrzehnten.
Seit vierzig Jahren veröffentlicht Michael Krüger, den die Welt als Verleger, Herausgeber, Rezensent und als Autor »in his own write« kennt, Gedichtbände: mit großen und kleinen, lang- und kurzzeiligen und auch sonst sehr unterschiedlichen Gedichten. Vielerlei Beobachtungen und Erfahrungen, Fragen und Überlegungen, Wörter und Sachen fließen ein in seine Gedichte – empfindliche Kunstgebilde, die angesichts der Fülle einen klaren Kopf behalten. Nicht um Vereinfachung, Botschaft, virtuose Überrumpelung geht es in Michael Krügers Gedichten, sondern stets um ein Offenhalten: Wortmeldung in Sprachräumen, Konstellationen der Gegenwärtigkeit.

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Seitenzahl: 85

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»Hellwach gehe ich schlafen« präsentiert eine Auswahl von hundert Gedichten aus vier Jahrzehnten.

Seit vierzig Jahren veröffentlicht Michael Krüger, den die Welt als Verleger, Herausgeber, Rezensent und als Autor kennt, Gedichtbände: mit großen und kleinen, lang- und kurzzeiligen und auch sonst sehr unterschiedlichen Gedichten. Vielerlei Beobachtungen und Erfahrungen, Fragen und Überlegungen, Wörter und Sachen fließen in seine Gedichte ein – lauter empfindliche Kunstgebilde, die angesichts der Fülle einen klaren Klopf behalten. Nicht um Vereinfachung, Botschaft, virtuose Überrumpelung geht es in Michael Krügers Gedichten, sondern stets um ein Offenhalten: um Wortmeldung in Sprachräumen, Konstellationen der Gegenwärtigkeit.

Michael Krüger, geboren 1943 in Wittgendorf / Kreis Zeitz, lebt als Autor in München. Zuletzt erschienen im Suhrkamp Verlag: Umstellung der Zeit, Gedichte, 2013; Ins Reine, Gedichte, 2010.

Michael Krüger

»Hellwach gehe ich schlafen«

Hundert Gedichte

Ausgewählt von Hans-Ulrich Müller-Schwefe

Suhrkamp

eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2016

Der vorliegende Text folgt der 1. Auflage der Ausgabe des suhrkamp taschenbuchs 4722

© Suhrkamp Verlag Berlin

Suhrkamp Taschenbuch Verlag

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.

Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

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Umschlagfoto: Isolde Ohlbaum

Umschlaggestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

eISBN 978-3-518-74843-5

www.suhrkamp.de

»Hellwach gehe ich schlafen«

Kaum hat man die nebligen Regionen

des Träumens verlassen, wo das Glück

aus den Mauern wächst und Schatten

sich begrüßen wie uralte Feinde,

fühlt man sich verpflichtet, sich neu

zu verschulden: Ein wenig Liebe,

mit gefrorener Tinte quer über

den Leib geschrieben, ein wenig Gesinnung,

ein paar Geständnisse, um Unbekannte

anzulocken, die nichts von uns wissen,

ein Bündel jämmerlicher Theorien,

damit das Gespräch mit den Toten

nicht abreißt. Aber es langt nicht.

Also zurück zu den Träumen.

Wie Gedichte entstehen

Wie Gedichte entstehen

Jeder kennt den Moment,

da man auf die Lichtung tritt

und die Hasen,

nach einer Sekunde des Zögerns,

im Unterholz verschwinden.

Es gibt kein Wort,

das sie aufhalten könnte.

Du bist wohl nicht bei Trost,

sagte mein Vater,

wenn mir die Tränen kamen.

Wie soll man ein Ganzes denken,

wenn man nicht weiß,

was ein Ganzes ist?

Wenn du die Treppe hinaufgehst, gib acht,

daß du die Kerbe triffst, von tausend Schuhen

getreten. Wenn du ins Haus trittst, ergreife

die helle Klinke, von tausend Händen gefaßt.

Nimm die alte Tasse, die mit gebrochenem Henkel,

den Teller mit Sprung. Betrachte die Bilder,

die kein Lob lackierte, den kippelnden Tisch.

Frage nach Wasser, wenn sie dir Wein einschenken,

in Worten, die nicht nach Ewigkeit schmecken.

Von allen Vögeln widme dich dem Spatzen zuerst,

dann der Krähe. Preise das Gras und die Flechte.

Ins Reine

Wir haben meine Kindheit nachgestellt

mit unscheinbaren Dingen.

Einem Tannenzapfen, Brotkrumen,

Schlüsseln, einem schwarzgeäderten Stein,

alles, was zur Hand ist und beweglich.

Nur haben die Dinge die Neigung,

nach eignem Belieben zu handeln,

und die Bahn, die ich auslegen wollte,

neigt sich ständig vor und zurück.

Ich sehe das, was ich nicht mehr bin,

aber ich sehe nicht mich.

Ein Apfel rollt traurig vom Tisch

und bricht, wie Wörter brechen,

wenn man sie lang nicht benutzt.

Überlaß es den Vögeln, das Gekrakel

ins Reine zu schreiben, auf sie ist

Verlaß.

Es ist nichts passiert,

was sich aufschreiben ließe.

Nur ist die Welt manchmal

so groß, daß die Wörter

sich darin verlieren.

Dann gehe ich zum See

und schaue den Enten zu.

Wenn die Wellen, die sie

im Wasser bilden, das Ufer

erreichen, strecke ich mich

im hohen Gras aus und bin

nicht mehr zu finden.

Große schwarze Vögel

besetzen seit Tagen das Land.

Sie nehmen uns, ungerührt,

das Wort aus dem Mund.

Was wollten wir erzählen?

Davon, wer wir sein wollten,

bevor Mord und Totschlag

unsere Nachbarn wurden,

einer links, einer rechts.

Jetzt verlieren wir wortlos

die Zeit. Die Vögel, ungerührt,

reden sich ein in ihre

schwarze Welt.

Späte Lektüren

Der Sturm reißt an den Läden,

als wolle er das Licht rauben,

das die Schrift mühsam hervorbringt,

mein Festland der Träume.

Ein Krieg, der zu lange dauert,

ist nicht zu gewinnen.

Er schläft irgendwann ein.

Dabei glaubten wir doch,

wir Ungläubigen, vom Himmel

sei nichts zu befürchten.

Die Kiefer, tagsüber aufrecht

wie ein Großinquisitor,

legt sich krumm und schreibt

ihr Geständnis ins Gras.

Anfällig sein. Anfällig bleiben

wie der bleiche Bach,

der sich ständig erneuert

in einer anderen Sprache.

Wäre es anders, wir hätten

das Paradies nicht verlassen müssen.

Gedicht

Ich könnte von Kriegen erzählen,

von Göttern, die sich aus Langeweile

das Leben ausdachten, von Igeln

in meinem Garten, von mir.

Ich könnte von einem Mann erzählen,

der die Lesarten des Unglücks studiert

wie ein rumänischer Philosoph.

Auch mit Lorbeer

kann man Dämonen vertreiben.

Aber lieber die Klappe halten,

die Stille ist laut genug.

Claude Simon

Im Traum setzte sich

Claude Simon neben mich,

ganz grün im Gesicht.

Er hatte, aus Versehen,

Bouletten gegessen,

am Wannsee in Berlin.

An seinen kleinen Händen

zog ich ihn zurück

ins wirkliche Leben.

Wir tranken seinen Wein,

einen provençalischen Roten,

und lasen die Georgica,

die er neu schreiben wollte

nach dem Krieg.

»Verzicht auf Verwirklichung«,

viel mehr sagte er nicht,

Sprechen war nicht seine Stärke.

»Sehen Sie den Schmetterling?«

sagte er zum Abschied,

»Odysseus, der nicht heimkehren will.«

Da wachte ich auf.

Über eine Fliege

1

Unerledigte Briefe, Übertragungsverbote,

müde Gesichter, des Begehrens leid,

am Telefon will jemand die Schönheit

verteidigen. Und schließlich, der Tag

wollte sich schon davonstehlen,

meldete sich in all dem unbeschriebenen

Leben ein wartendes Gedicht.

Es fehlt die absolute Konstanz der Dinge,

es fehlt an allem. Ein paar Wörter

durchziehen mich restlos, widerstehen

dem Versuch, mit ihnen einen Satz

zu schließen. Ich bin allein

mit einer Fliege, die mich umkreist.

Ich warte, sie fliegt. Und wenn ich

endlich schreiben will, landet sie

auf meiner rechten Hand.

2

Warum meine Hand, Fliege,

warum nicht das weiße Papier,

der angefangene Satz

(unter dem pergamentenen Flügel),

das Fenster, die Lampe, der Tisch.

Die Hand ist ein Magnet für diese Fliege,

das starre Zentrum ihres kugeligen Raumes.

Woher weiß sie, daß ich willig Opfer bin?

Sie weiß alles.

3

Über Fliegen weiß man wenig, über Bienen

alles. Man kennt den Schwänzeltanz

der Honigbiene, man hat die Selbstjustierung

dieser Tiere untersucht im Schwerefeld

der Erde, ihre Reizung durch die Folge

der Gezeiten. Man hat sie kürzlich

nach New York geflogen, ihren Zeitsinn

zu bemessen, ob er endogen gesteuert ist.

Aber was weiß man schon

von diesem leichtsinnigen Körper,

der mich am Schreiben hindert?

4

Langsam wird es ungemütlich,

und keiner da, der mich befreit.

Entferne ich mich,

wenn ich über eine Fliege schreibe,

zu weit von der Wirklichkeit,

und von welcher?

Die Fliege schreibt ihre zarten Nekrologe

gut lesbar auf meine Haut, dreht eine Runde,

landet und fährt mühelos fort,

sehr innig und nicht zu rasch.

Irgendwo im Haus wird Musik gespielt,

einer hustet bei geöffnetem Fenster,

über mir schreibt einer wie wild

auf seiner elektrischen Schreibmaschine,

als gäbe es noch etwas zu berichten.

5

Die Wirklichkeit ist nicht meine Stärke,

das wurde in dieser Nacht deutlich.

Immer sagt einer, das ist gut oder schlecht

oder interessant. Immer wird einer angefordert,

das Unglück zu beschreiben. Aber das Wort

zieht weiter, unaufhaltsam, wie sehr wir

uns auch mühen, es zu halten.

Ich erinnerte mich daran, wie Herr Bego,

der Hund, in seinen quälenden Träumen

auf eine Wirklichkeit traf, die ihn

aufheulen ließ; und wie mürrisch

er dreinblickte, wenn wir ihn zurückholten

in unser nächtliches Leben.

Es gibt, mit andern Worten, Wirklichkeiten,

die sich vom Leben deutlich unterscheiden.

6

Irgendwann in der Nacht war die Fliege

verschwunden, jetzt müßte sie tot sein.

Sie hinterließ ein flüchtiges Testament,

das ich nun abschreibe mit meinen Worten.

In diesem Haus ist Platz für vieles

Unterhaltungen kurz vor der Grenze

1

Die Bücher, sagte sie unvermittelt, sind der Menschen

leid geworden: sie sind heimgekehrt,

müde vom Zwang zu erfinden. Ihre Selbsttäuschung hat die Seiten

gebleicht, die geisterhafte Harmonie ihrer Rücken,

sagte sie, macht mich wahnsinnig, ihre Ruhe,

die getrocknete Lava aus Schweiß und Gedächtnis,

und dazwischen ein weißes Geheimnis:

ein schmerzend weißes Geheimnis, sagte sie,

das Dir die Augen ausbrennt.

(80 km zur Grenze: ob ich anhalten soll.)

Ihr Zustand ist der vollständiger Vergeblichkeit usw.;

nur in diesem Zustand ist ihre Sprache entzifferbar,

im vollständigen Verstummen, ob ich das kenne.

Kennst Du das Gekreisch der Bibliotheken,

die entzündeten Nerven dieses gigantischen Gedächtnisses.

Ja: das zweite Kapitel bibliomanischer Physiologie.

Unsere Unterhaltung ging über Tage, voller Angst

vor Unterbrechungen, Pausen, Ergebnissen. (Plötzlich:

im letzten Dorf vor der Grenze:)

Sie wolle jetzt aufhören zu reden.

Reden sei ihr zunehmend zuwider geworden, sogar Schreiben,

aber in erster Linie das Reden wolle sie einstellen: (Du

kennst das doch, die Arroganz des Redens und des Redenden).

Nicht so sehr das alltägliche Reden meine sie,

die wüste Sprache,

sondern die allgemeine Rede: das ununterbrochene Gemurmel

der Wörter. Ich solle ihr helfen, sie zum Schweigen bringen.

(Ein Schweigetraining!) Du kannst mich im Schweigen

trainieren. (Brancusi, sagte sie, die unendliche Schweigsamkeit

seiner unendlichen Windungen!)

Ich schwieg.

Du mußt Worte reizen, sagte ich, Du mußt ihre wimmelnden

Bedeutungen sabotieren, Du darfst ihre Demütigungen

nicht hinnehmen, schrie ich sie an, vor allem nicht

durch Schweigsamkeit. Dein Schweigen, sagte ich, ist Teil

dieser Zivilisationsrede, Dein Lachen und Schreien

ist die reine Literatur. Dein Schweigen, sagte ich,

ist der letzte Versuch, der lächerliche Versuch, noch einmal

ins Zentrum zu kommen durch Verneinung.

Ja, sagte sie, wie ein Stern, wie ein erlöschender Stern,

wie ein müde gewordener Komet im Moment des Erlöschens:

inmitten der Turbulenzen müde werden und erlöschen.

Ganz langsam wolle sie, sagte sie, über die Seiten rutschen,

über den Text zurück in die Rede,

und dann wolle sie über den Rand kippen mit einer

ungeheuerlichen Explosion:

auf diese Weise wolle sie die Sprachlosigkeit zum Reden

bringen, zum Kreischen: und ich in der Mitte, sagte sie,

im toten Zentrum, in der kühlen Sanftheit

des Schweigens.

2

Um acht Uhr, nach Einbruch der Dämmerung,

erreichten wir die Grenze. Wir sahen die steinige Ebene