Henriette lächelt - Andrea Heinisch - E-Book

Henriette lächelt E-Book

Andrea Heinisch

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Beschreibung

Henriette bleibt am liebsten zu Hause, während das Leben vor ihrem Fenster stattfindet. Ihre Mutter, die in der Wohnung über ihr lebt, möchte das Leben ihrer fünfzigjährigen Tochter kontrollieren, sie lässt sie nicht in Ruhe, kommentiert jede Essensbestellung, jede Kleiderwahl, die Henriette trifft. Denn Henriette hat 190 Kilo und das dominiert ihre Existenz. Der einzige Lichtblick ist Martin: ihr Arbeitskollege, den sie nur vom Zoom-Bildschirm kennt und der so schöne Augen hat. Henriette verliebt sich in ihn, auch wenn sie sich das selbst nicht zugesteht. Als sie eines Tages ihre schwangere junge Nachbarin kennenlernt, beginnt Henriette sich und ihre Welt zu öffnen. Gelingt es ihr, sich von ihrer Mutter zu lösen und einen Schritt in die Zukunft zu wagen?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Copyright © 2023 Picus Verlag Ges.m.b.H., Wien

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dorothea Löcker, Wien

Umschlagabbildung: © Evgeniya Khudyakova/Adobe Stock

ISBN 978-3-7117-2142-6

eISBN 978-3-7117-5493-6

Informationen über das aktuelle Programm des Picus Verlags und Veranstaltungen unterwww.picus.at

Andrea Heinisch

Henriette lächelt

Roman

Picus Verlag Wien

Inhalt

henriette

henriette atmet flach

in henriettes herz blüht eine margerite

wenn henriette

henriette wird beraten

henriettes mutter denkt

henriette schläft schlecht

henriette nimmt

henriette ist eine, die im vorbeigehen isst

martin

henriette wiegt sich

henriette und der winter

henriette übersieht die zeit

henriette hat kopftourette

henriettes heimlichkeiten

henriette und

bodyshaming

henriette hat gefühle für zwei

henriette und ein

bodybuilder

alles bestens, sagt henriette

henriette ist vom fach

henriettes mutter holt einen müllsack

henriette spielt klavier

henriette ist zum putzen zu dick

henriette in

crime

wie ein windspiel ist henriette

henriette hat eine neue frisur

sonja

henriette will sich konzentrieren

henriette, ein morgen

henriette macht weiter

henriette zählt

henriettes augen

henriette geht einkaufen

henriette hat durst

henriette und die stille

zu viel geträumt, zu viel sehnsucht

henriette stolpert

henriette würde sonja

henriette putzt

henriette zwischen rebzeilen

zwei frauen

henriette hat etwas vor

martin, ach ja martin

regen

margarete

henriette und 195 tatsachen

so ist das jetzt

henriette wird sich etwas kochen

wie henriettes mutter gestorben ist

und martin?

ein dunkler morgen

der anfang vom anfang

als nichts mehr zu hören ist

2 männer oder 3

henriette trinkt tee und lässt die zeit vergehn

auf henriettes tisch steht ein margeritenstrauss

henriette und die wut

henriette steht am fenster

henry schneider

henriettes leben wird kompliziert

henriette sagt ab

martin macht sich selbständig

henriette hat eine seele

henriette geht an die luft, obwohl es schneit

schön wär’s

henry schneider und die sehnsucht

das haus wächst

henriette geht mit

das arme kind

henriette steht auf

im park mit henry schneiders sohn

michael schneider sucht seine geschichte

auf dem friedhof

wie soll es weitergehen?

es geht dahin

henriette kann

kinder, sagt henry schneider

henriette lächelt

henriette

Wenn die anderen Frauen über ihre Figur reden, schweigt Henriette, weil sie nicht mitreden kann. Henriette hat keine Figur.

Wenn Henriette einen Raum betritt, freuen sich die anderen Frauen, besonders die dicken: Henriette ist immer die dickste, in ihrem Schatten haben mindestens drei andere Frauen Platz.

Henriette schämt sich sehr, dass sie keine Figur hat. Manchmal wird sie auch rot, so sehr schämt sie sich. Sie hofft dann, dass es niemand bemerkt und dass das Thema bald gewechselt wird.

Wenn wir länger beisammensitzen, vergesse ich mit der Zeit, dass du so dick bist, hat eine Freundin einmal gesagt, um Henriette zu trösten.

Henriette geht nur in solche Lokale, die genug Platz zwischen den Tischen haben und Sessel ohne Armlehnen und Toilettenanlagen, in denen sie sich umdrehen kann.

Henriette hätte etwas ganz Besonderes werden können, aber dann ist sie nur ganz besonders dick geworden. Wie ein Gebirge schaut sie aus, denkt Henriettes Mutter, wenn sie an Henriette denkt. Dabei war sie ein ganz normales Kind, sagt sie. Und sie hätte auch wirklich etwas ganz Besonderes werden können. Was wäre wohl alles aus ihr geworden, hätte sie die Möglichkeiten gehabt, die Henriette gehabt hat! Eine berühmte Schauspielerin, eine erfolgreiche Journalistin oder wenigstens eine hübsche junge Frau, nach der alle Männer den Kopf drehen. Henriette hätte alles werden können und außerdem an jeder Hand zehn Männer, sagt die Mutter, wenn sie nur nicht so dick geworden wäre.

Henriettes Körper ufert an allen Ecken und Enden aus. Sie ist über und über ausgebeult, nur ihre Finger sind schlank geblieben. Ja, selbstverständlich hätte sie auch Pianistin werden können. Die Mutter will sich nicht vorstellen, wie Henriette auf einem Klavierhocker ausschauen würde. Da hätten sie einen extra breiten Hocker anfertigen lassen müssen. Wer weiß, wofür es gut ist, dass sie mit dem Klavierspielen aufgehört hat.

Wenn Henriette zum Arzt muss, weil sie zum Beispiel einen Sonnenausschlag auf dem Arm hat oder eine Sehnenscheidenentzündung, dann sagt der Arzt, dass sie abnehmen muss. Unbedingt. Henriette stimmt dem Arzt zu und hofft, dass sie trotzdem eine Salbe für den Ausschlag verschrieben bekommt.

Henriette ist selbst schuld, dass sie so dick ist, weil ja niemand Henriette zwingt, so viel zu essen. Kein Mensch versteht, wie man so unbeherrscht sein kann, dass man sich halb tot frisst. Oder ganz tot, denkt Henriette, als sie auf der Waage die Zahl 190 liest.

Was niemand weiß: Henriette hat 2 Mägen und der eine davon ist immer leer. Leb du mit einem Magen, der immer leer ist. Leb du einmal und habe ununterbrochen Hunger. Aber keinen Hunger wie den, der vergeht, wenn man einfach nichts isst, sondern ein Hunger wie der, der immer größer wird, wenn man nichts isst. Das sagt Henriette natürlich nie, weil es ein Blödsinn ist. Niemand hat so einen 2. Magen. Henriette hätte trotzdem gern einen Verbindungsgang zwischen dem einen und dem anderen. Dann hätte sie mindestens 90 Kilo weniger, vielleicht sogar 100. Aber so eine Operation gibt es nicht, weil sie sich den 2. Magen ja nur einbildet.

Wenn Henriette unter der Dusche steht, lässt sie sich das Wasser überallhin laufen, auch dorthin, wo sie selbst nicht hinkommt. Henriette denkt, dass sie beim Waschen bald Hilfe brauchen wird.

Die Mutter bringt Henriette gesundes Essen, aber Henriette kauft sich dann immer noch was dazu. Chips, Schokolade, Erdnüsse, Kuchen. Und Orangensaft, Apfelsaft, Cola. Die Mutter ist schon ganz verzweifelt, weil sie sieht, wohin das führt. Nur Henriette sieht das nicht, sagt die Mutter zu ihren Freundinnen, die die Mutter bedauern. Die bringt dich noch ins Grab, sagen sie und die Mutter nickt. Das habe ich echt nicht verdient, sagt sie. Ihre Freundinnen finden das auch.

Wenn Henriette was zum Anziehen braucht, schaltet sie den Laptop ein und bestellt sich etwas. Am liebsten hat sie Kleider. Oder Leggings mit T-Shirts. Wenn sie das neue T-Shirt auspackt und auseinanderfaltet, kann sie gar nicht glauben, dass das ihre Größe ist. Sie ist doch kein Gebirge. Manchmal stellt sich Henriette vor den Spiegel und dreht sich so lange, bis sie sich eh nicht so dick findet. Manchmal spiegelt sie sich zufällig in einer Schaufensterscheibe, da erkennt sie sich erst gar nicht, und wenn sie sich erkennt, kriegt sie einen Schock.

Henriette hat viele Gedanken und noch mehr Ideen im Kopf. Die sind schwerelos. Henriette liebt alles, das schwerelos ist, deshalb liebt sie auch ihre Gedanken und Ideen. Deshalb würde sie auch gern schwimmen gehen. Sie will sich nicht anschauen lassen. Sie will auch nicht aus dem Wasser steigen und ihre 190 Kilo wieder mit sich tragen müssen.

Eine Zeit lang hat Henriette gedacht, dass sie etwas mit der Schilddrüse hat, weil sie auch andauernd müde gewesen ist, und sie hat dann auch Tabletten bekommen. Aber abgenommen hat sie nicht und andauernd müde ist sie auch geblieben. Du bewegst dich zu wenig, sagt die Mutter, und Henriette findet, dass sie recht hat. Henriette müsste sich mehr bewegen, dann wäre sie auch nicht mehr andauernd müde, sondern hätte wenigstens ein bisschen Kondition. Sie müsste sich einfach einmal ein wenig anstrengen.

Henriette hat Angst vor Operationen, weil die Ärzte so dicke Menschen nicht gern operieren, und eine Vollnarkose kriegen solche wie Henriette auch nur, wenn es gar nicht anders geht. Henriette stellt sich vor, wie ein paar besonders starke Pfleger herbeigerufen werden, weil sie auf den op-Tisch gehoben werden muss. Wenn Henriette daran denkt, wie sie dann mit ihrem ganzen Körper auf dem op-Tisch liegt und wie sich die ganzen Ärzte über ihn hermachen wie Fleischhacker über einen riesigen Fleischberg, würde sie am liebsten nie wieder aufwachen.

henriette atmet flach

Henriettes Matratze ist genauso ausgebeult wie Henriette, so fällt sie ins Bett wie in eine Kuchenform. Aber keiner bäckt mich aus, denkt Henriette und zieht sich die Decke übers Gesicht. Sie macht die Augen zu und träumt vor sich hin, bis ihr das Kreuz vom Liegen so wehtut, dass sie sich auf die Seite drehen muss. Das Drehen ist anstrengend. Sie muss viel Schwung nehmen. Schwung? Woher? Sie braucht lang, bis sie nicht mehr schwitzt und sich wieder irgendetwas ausdenken kann, das anders ist als sie selbst.

Manchmal denkt sich Henriette eine andere Henriette in ihren Körper hinein. Eine schwerelose Henriette ist das, eine mit langen Beinen, ebenso schlank wie ihre Finger, Beine, mit denen sie – übereinandergeschlagen – auf einem Barhocker sitzt. Diese Henriette hat einen aufgerichteten, ganz geraden Rücken und kleine Brüste, die sie mit einem Push-up-bh in den Ausschnitt der Bluse gedrückt hätte. Sie hat hohe Wangenknochen, dezent betont für die Kontur. Ab und zu würde sie sich mit den Fingern durchs Haar fahren und das würde aussehen, als ob sie leicht gelangweilt wäre. In Wirklichkeit würde sie aber die Männer screenen. Sie müsste ein paarmal ans Handy, beruflich und privat, man hat heutzutage ja nirgends mehr seine Ruhe, dauernd will jemand was von einem, und sie würde 1, 2 Mal aufs Klo gehen und dabei so aufreizend auf ihren High Heels balancieren, als würde sie sich bei jedem Schritt aufs Neue in sich verlieben. Je länger die schwerelose Henriette in Henriette herumgeistert, umso unruhiger wird sie. Als ob die eine immer wieder an der anderen anstoßen würde. Das ist unangenehm, deshalb steht Henriette auf und geht in die Küche. Sie will sich nur einen Tee machen, zum Einschlafen, aber dann hat sie doch keinen Durst, sondern einen leeren Magen.

Wenn nichts zu Hause ist, geht Henriette einkaufen. Da steht sie lang vor den Regalen und denkt nach. Sie darf nicht zu wenig und nicht zu viel kaufen. Der Magen muss hinterher genau randvoll sein: ein Bissen mehr und er platzt, ein Bissen weniger und alles war umsonst. Das ist wie eine Wissenschaft, und zusätzlich braucht es jede Menge Erfahrung, um genau die richtige Menge und die richtigen Dinge und die richtige Mischung zu kaufen.

Henriette hat die Erfahrung, nur manchmal kauft sie trotzdem zu viel und hat deshalb schon ein paarmal Angst gehabt, dass ihr der Magen jetzt aber echt platzen wird. Sie atmet dann ganz flach, damit sich die innere Haut nicht noch mehr dehnen muss. Seit einiger Zeit lässt sie sich das Essen liefern. Das macht’s einfacher. Macht’s leichter.

Früher, als Henriette sich noch zum Essen verabredet hat: Sie bestellt sich nie etwas Paniertes und nie eine Nachspeise. Sie bestellt gern Salat. Vorher hat sie zur Sicherheit schon ein paar Brote gegessen, mit Mayonnaise oben drauf. Jetzt aber nur noch Salat mit Putenstreifen. Das ist natürlich wegen der anderen, obwohl die Henriette doch eh schon lang kennen, und im Sitzen fällt es auch nicht arg auf, wie dick sie ist, denkt Henriette. Aber Henriette fällt Henriette auf und das genügt ihr. Sicher ist sicher, denkt sie. Henriette denkt vor, während und nach dem Essen ununterbrochen ans Essen. Ob sie sich mehr oder vielleicht etwas anderes bestellen hätte sollen, ob sie sich nicht doch noch eine Nachspeise nehmen sollte. Sie weiß aber, dass jedes andere Essen und dass auch alle Nachspeisen, die auf der Karte stehen, zu wenig sein werden. Dass sie gar nicht so viele Nachspeisen bestellen könnte, wie sie essen müsste, um satt zu sein. Henriette setzt sich auf ihre Hände und denkt den ganzen Abend an das, was sie jetzt eigentlich gern essen würde. Henriette schämt sich sehr, dass sie immer viel, viel mehr als die anderen essen möchte. Wo doch ein Blick genügt und man weiß, dass sie am besten erst mal ein paar Jahre gar nichts essen sollte.

Das legt ihr auch die Mutter ans Herz. Jeden Tag. Und bevor sie nach Mallorca fährt noch öfter. Wenn Henriettes Mutter dann endlich in Mallorca ist, geht Henriette jeden Tag in die Wohnung und gießt ihr die weißen Ananaserdbeer-Pflanzen, die sie seit ein paar Jahren auf der Fensterbank zieht. Henriette fliegt nicht mehr mit, weil sie in kein Flugzeug mehr steigt. Sie weiß nicht, ob der Spezialgurt noch lang genug für sie ist, und ob sie in die Toilettenkabine passt, weiß sie auch nicht. Als sie das letzte Mal geflogen ist, hat sie den ganzen Tag keinen Tropfen getrunken, nicht einmal den Frühstückskaffee, nur damit sie im Flugzeug nicht aufs Klo muss. Da ist sie fast kollabiert. Das ist mir Mallorca nicht wert, hat sie zu ihrer Mutter gesagt. Und dass die Mutter dann wenigstens niemanden mehr zum Gießen organisieren muss. Die Mutter hat tief geseufzt, aber Henriette ist sicher, dass sie mit der Freundin, die nun an ihrer Stelle mit der Mutter nach Mallorca fährt, eh mehr Freude hat.

in henriettes herz blüht eine margerite

Henriette hat wegen ihres viel zu hohen Gewichts einen viel zu hohen Blutdruck und der hat Henriettes Herzmuskel hart gemacht. Hart wie Kruppstahl, zäh wie Leder, denkt Henriette, wenn sie an ihr Herz denkt. Am liebsten würde sie sich unter die Rippen greifen und es mit ihren Händen umschließen. Vielleicht würde sie ab und zu auch so richtig fest zudrücken. Eh nur kurz. Wie eine Herzmassage.

Henny ist verliebt. Wer war das, der von der Küche über den Flur, durchs Wohnzimmer und weiter noch durch die ganze Wohnung gelaufen ist, Henriettes Herz in der hochgestreckten Hand? Wem ist sie hinterhergelaufen, bis ihr die Luft ausgegangen ist, bis sie in einem Winkel im Wohnzimmer, gleich neben dem neuen Plattenspieler, einfach zusammengesunken ist. Ein Häufchen Elend ohne Herz. Gib her, hat sie schließlich gesagt und hat sich das Herz aus der entgegengestreckten Hand herausgenommen. Nein, sie hat niemandem verziehen. Nein, es hat auch niemand drum gebeten. So war das damals, so ist das heute. Nur dass das Heute immer der Anfang der Geschichte ist. Der nächsten Geschichte, der nächsten Liebe. Sagt Henriette, wenn sie über die Liebe spricht, als ob sie auch nur die kleinste Ahnung hätte.

In Henriettes Herz blüht seit einiger Zeit eine Margerite. Sie erzählt das niemandem, weil das mindestens so ein Blödsinn ist wie die Sache mit den zwei Mägen, aber sie spürt die Margerite trotzdem. Henriette ist froh, dass sie sich nicht unter die Rippen greifen kann, weil sie der Versuchung nicht widerstehen könnte. Henriette kann nämlich keiner Versuchung widerstehen: keiner Schokolade, keiner Cremeschnitte, keiner Stange Salami, keiner Schale mit Erdnüssen oder Chips. Keinem Eisbecher. Keinem Schweinsbraten. Keinem Schmalzbrot. Deshalb schaut sie auch aus, wie sie ausschaut. Alle können sehen, dass Henriette keiner Versuchung widerstehen kann. Alle können sehen, wie Henriette ist, und Henriette kann sehen, dass alle sehen, wie sie ist. Aber ihr Herz kann niemand sehen. Nicht einmal Henriette selbst und das ist gut, denkt sie, wenn sie an die Margerite denkt, die in ihrem Herz aufgeblüht ist. Sonst hätte sie ihr schon längst alle Blütenblätter ausgezupft. Sie hätte der Versuchung nicht widerstehen können.

Henriette ist verliebt, aber nicht in die Liebe. Henriette hasst die Liebe. Die Liebe tut weh und das kann ich nicht brauchen, sagt Henriette, wenn sie etwas über die Liebe sagen soll. Weil auch unter 190 Kilo ein ganz normaler Mensch steckt, sagt sie. Und weil in den 190 Kilo sogar mindestens zwei Menschen stecken und einem jedem tut die Liebe weh.

Das geht gerade noch, denkt Henriette, wenn sie an die Margerite in ihrem Herz denkt.

Henriette ist nicht verliebt in die Liebe, Henriette ist verliebt in einen Mann mit grünen Augen. Grün ist die Hoffnung, sagt Henriettes Mutter. Nur bei Henriettes Vater hat das nicht gestimmt. Der war ein Sauhund. Henriettes Mutter wird manchmal ausfällig. Henriette ist das gewöhnt.

Henriette könnte auch keinem Mann widerstehen. Nicht dem allerletzten. Henriette würde alles nehmen, das sie kriegt, sagt die Mutter im Supermarkt, sagt die Mutter beim Kleiderkauf, sagt die Mutter im Möbelhaus, sagt die Mutter, wenn sie über Männer spricht. Henriette nimmt alles, sagt sie.

Henriette nimmt alles in Kauf.

Henriette würde zwar jeden Mann nehmen, der sie nehmen würde, sagt die Mutter. Aber kein Mann nimmt Henriette. 190 Kilo und sonst nichts. Wer soll sich das antun. Henriette denkt wie Henriettes Mutter. Das ist eine Linie. Das ist ein Boot, in dem wir beide sitzen, sagt die Mutter, weil sie sich ja ständig Sorgen macht um das Kind. Und um das Boot, das bald einmal untergehen wird, wenn Henriette so weiterfressen wird. Das sagt die Mutter nicht, weil man so etwas nicht sagt. Auch dann nicht sagt, wenn es stimmt. Denkt die Mutter und Henriette hört sie.

Henriette lächelt: In ihrem Herz blüht heimlich eine Margerite.

wenn henriette

Wenn Henriette alles zu viel wird, dann schaltet sie ab. Sie legt sich ein Kissen aufs Fensterbrett und schaut auf die Straße hinunter. Sie zählt die Fußgänger, die Radfahrer, die roten, blauen, schwarzen und gelben Autos. Nur die grünen zählt sie nicht. Sie erfindet Geschichten zum Beispiel über die Frau, die gerade hastig die Straße überquert und sich immer wieder über die Augen wischt. Heuschnupfen? Liebeskummer? Schlechte Nachrichten oder gleich ein Todesfall? Ihr Mann? Ihr Kind? Manchmal kann Henriette die Leute auf der Straße unten so gut verstehen, dass sie mit ihnen mitweint.

Wenn Henriette in einer depressiven Stimmung ist, legt sie sich ins Bett und rührt sich nicht. Nur in Henriette drinnen rührt sich etwas und das nicht zu knapp. Wie ein Neuronendauergewitter, sagt sie zum Arzt, wenn Sie wissen, was ich meine. Der Arzt weiß nicht, was sie meint. Er meint, dass sie sich bewegen und dass sie vor allem abnehmen sollte. Er ist so praktisch, weil er ein praktischer Arzt und das aus Berufung ist. Er gibt Henriette etliche praktische Ratschläge und Tabletten. Stimmungsaufheller. Zu Hause fällt Henriette ins Bett. Todmüde, weil alles so sinnlos ist.

Wenn Henriette an ihre Mutter denkt, denkt sie ans Leben und an den Tod. Henriette denkt, dass es nicht der Herrgott ist, der das Leben gibt und wieder nimmt, sondern dass es die Mutter ist. Henriette denkt, dass der Herrgott das nur nicht wahrhaben will und dass er deshalb gleich alle Frauen, auch die, die keine Mütter sind, in Beugehaft genommen hat. Bücken sollt ihr euch, hat er zu den Frauen gesagt, damit es ihn nicht ganz so schmerzt, dass sie ihm über sind. Die Frauen aber sind die Bestimmerinnen über Leben und Tod geblieben, halt gebückt. Ist mir doch egal, hat Henriettes Mutter gesagt. Da kann ihr der Herrgott dann wenigstens nicht ins Gesicht schauen. Hinterkopf oder Arsch, mehr kriegt er nicht zu sehen. Arsch sagt man aber nicht, sagt Henriettes Mutter und grinst. Manchmal ist Henriettes Mutter richtig ordinär.

Wenn Henriette Bedürfnisse hat, dann macht die Mutter ein strenges Gesicht und sagt: Henny, du weißt doch! Die Mutter sagt nie, was Henriette doch weiß. Das ist schlecht für Henriette, weil sie ja sehr viel weiß. Henriette weiß eigentlich alles, sie weiß nur nicht, was die Mutter weiß, dass sie weiß.

Henriettes Leben ist mindestens so kompliziert, wie Henriette schwer ist. Darüber ist Henriette manchmal so angefressen, dass ihr direkt der Appetit vergeht. Das nützt sie dann sofort für eine Diät. Henriette würde dann gern was weglassen, irgendwas vom Komplizierten oder irgendwas vom Essen: das Fett, den Zucker, das Gekochte, das Fleisch, die Kohlenhydrate. Wenn Henriettes Leben wieder einmal besonders kompliziert ist, würde Henriette am liebsten gleich alles weglassen, als Erstes gleich einmal Henriette.

henriette wird beraten

Henriette sitzt neben ihrer Mutter auf einer roten Ledercouch im Wartezimmer und schaut auf die Uhr. Kaufhausmusik, eine gefüllte Wasserkaraffe, eine Thermoskanne mit Tee, Gläser. Ein großes Plakat, das ein sehr dünnes Mädchen zeigt. Ein Kleiderständer, unter dem bunte Gästehausschuhe stehen. Punkt 11 geht die Tür zum Beratungszimmer auf und eine Frau bittet Henriette ins Zimmer. Die Couch ist sehr niedrig und die Polsterung ist so weich, dass Henriette fast nicht in die Höhe kommt. Die Frau in der Tür schaut zu, wie Henriette sich plagt. Nehmen Sie Platz, sagt sie, als sie im Beratungszimmer sind und die Tür geschlossen ist. Die Mutter muss draußen bleiben, weil Henriette erwachsen ist. Nehmen Sie Platz, sagt die Frau und der Ton ist fordernd, so als ob Henriette zaudern würde. Der Sessel hat Armlehnen und ächzt unter Henriettes 190 Kilo. Normalerweise sind hier sicher nur magersüchtige junge Mädchen, Henriette setzt sich vorsichtig an den äußersten Rand des Sessels. Es geht sich gerade aus mit den Armlehnen. Sicher wird Henriette den Platz hinter sich trotzdem komplett ausfüllen. Henriette hält der Frau, die gegenüber sitzt, ihre offenen Augen überdeutlich entgegen, damit sie besser hinter sich schauen kann. Seit sich Henriette nicht mehr richtig bewegen kann, kann sie das meiste auch von innen aus sehen. Auch die Stuhllehne, an die sich ihr Rücken legt, und das T-Shirt, das nach oben gerutscht ist. Es ist das weiteste, das sie in ihrem Kleiderschrank gefunden hat. Sie steht auf, zieht das T-Shirt nach unten und setzt sich langsam wieder nieder. Kilo für Kilo platziert sie auf den Sessel, ohne dass er unter ihr zusammenbricht und ohne dass ihr das T-Shirt verrutscht. Dann ist sie bereit. Henriette ist süchtig nach Essen und das bedeutet, dass Henriette immer nur die Ess-Taste drückt, wo das Klavier doch so viele Tasten hätte. Und diese Frau, eine Internistin, eine Fachfrau, drückt wieder und immer wieder auf eine andere Taste, auf die Erklär-Taste, denkt Henriette und schaut ihr ins Gesicht, als ob sie ihr jedes einzelne Wort glauben würde. Sie denkt: Wer bist du überhaupt und was willst du mir erzählen übers Klavierspielen. Du hast doch keine Ahnung. Nicht vom Klavierspielen und nicht von mir. Diese Frau ist ein grober Klotz und hat mit Sicherheit noch nie in ihrem Leben auch nur einen schönen Ton aus welchem Instrument auch immer herausgebracht, und wenn ihr zufällig einer in die Ohrmuschel fliegen würde, würde sie ihn sich wie einen Fliegenschiss mit einem Wattestäbchen herauskratzen. Die Mutter sagt, dass man sich mit Wattestäbchen nicht ins Ohr fahren darf und dass eine Internistin das wissen wird, aber sonst ist sie ganz Henriettes Meinung: Wo du doch eine Klaviervirtuosin hättest werden können, hast du ihr nicht deine Finger gezeigt? Und sonst? Sonst hat Henriette sich ausziehen müssen und dann hat die Frau auf ihrem Bauch herumgedrückt. Aber sie hat nichts ertasten können. Das hätte Henriette ihr gleich sagen können. Aber einen blauen Fleck hat sie gefunden, mitten auf dem Bauch. Nein, sie wird nicht geschlagen. Sie muss sich an der Tischkante angestoßen haben, weil es eigentlich zu eng zwischen dem Tisch und Henriette ist. Es passiert oft, dass sie sich stößt, sie merkt das gar nicht mehr. Henriette muss sich erklären, was eine Frechheit ist. Das findet auch Henriettes Mutter. Als ob sich ihre Tochter schlagen lassen würde. Henriettes Mutter und Henriette, beide finden, dass sie sich den Weg zur Beratung hätten sparen können. Wo das Gehen für Henriette eh schon so ein Aufwand ist. Wo jeder Schritt wehtut. 1 bis 2 Kilo pro Monat solle sie abnehmen, das wäre ideal. Lächerlich, sagt die Mutter, das erlebe ich ja nicht mehr, und du auch nicht. Henriette ist ganz ihrer Meinung.

henriettes mutter denkt

Manchmal denkt Henriette: Fick dich. Sie denkt es ganz scharf. Sie denkt es wie herausgehackt. Böse. Die Mutter sagt, dass man ficken nicht sagt.

Henriettes Mutter schneidet Henriette die Haare, weil Henriette eh schon ungepflegt genug ausschaut und sich die Haare schneiden zu lassen, das wird doch sogar Henriette schaffen. Fick dich, denkt Henriette und lässt sich die Haare schneiden. Eine Journalistin hätte ich werden können, wenn ich deine Möglichkeiten gehabt hätte, sagt die Mutter, und du kannst nicht einmal stillhalten, wenn ich dir die Haare schneide. Henriette schweigt. Die Mutter denkt, dass sie als Journalistin über solche wie Henriette und ihre Mutter eine Reportage machen hätte können. Berühmt hätte sie werden können mit solchen Reportagen.

Henriette denkt an den Mann, an Martin mit den grünen Augen. Sie hat ihn vor zwei Jahren auf der Firmenfeier gesehen, glaubt sie. Genau kann sie es nicht sagen. Aufgefallen ist er ihr auf jeden Fall nicht. Sie ist ihm aber schon aufgefallen, sagt er. Henriette hat nicht gefragt, warum sie ihm aufgefallen ist, weil sie die Antwort kennt. Henriette fällt immer und jedem auf, weil sie 190 Kilo hat. Weil sie in jede Runde platzt wie ein Gebirge auf Freigang. Deshalb geht sie auch schon länger auf keine Firmenfeier und auch sonst nirgends mehr hin. Sie geht vom Schlafzimmer ins Wohnzimmer, vom Wohnzimmer in den Flur und in die Küche. Das genügt. Im Wohnzimmer steht ein Tisch und auf dem Tisch steht der Laptop. Wenn sie ihn aufklappt, ist alles in Ordnung. Wenn sie 200 Kilo und mehr haben wird, wird sie nur noch das Handy verwenden können, weil sie dann nicht mehr aus dem Bett kommen wird, denkt Henriette und ihr fallen die 300-Kilo-Menschen ein, die sie im Fernsehen gesehen hat.

Henriette ist froh, dass sie nur 190 Kilo hat. Man findet immer jemanden, dem es noch dreckiger geht, sagt sie sich. Dann fällt ihr ein, dass alles, auch ihr Gewicht, nur eine Frage der Zeit ist. Alles ist eine Frage der Richtung, hat Martin gesagt. Grün wie ein Kaktus sind seine Augen, hat Henriette gedacht und wollte sofort eine Kaktusfeige sein. Seine. Die Mutter sagt, dass Henriette es sich zu leicht macht mit ihren Ideen, wie sie ihr Gewicht ja auch viel zu leichtnimmt. Sie denkt, dass Henriette deshalb 190 Kilo hat und bald 200. Henriette denkt Fick dich.

henriette schläft schlecht

Henriette schläft schlecht, deshalb hat sie zahlreiche Kissen im Bett liegen. So kann sie ein Bein oder beide, einen Arm oder den Kopf abstützen. Nach jedem Umdrehen, mühsam genug, muss sie die Kissen neu anordnen. Sie denkt, dass sie sich gern einmal einfach nur herumwälzen würde. Ihretwegen auch schlaflos und die ganze Nacht. Wenn sie es endlich geschafft hat einzuschlafen, dauert es höchstens 2 Stunden und sie wacht wieder auf. Das schwere Essen vom Abend wirft ihr den Bauch auf, als ob sie zusätzlich zu den 190 Kilo im 9. Monat schwanger wäre. Die mindestens 5000 Kalorien liegen wie riesige Steine im Magen.

Langsam, aber unaufhaltsam wird Henriette von den Steinen aus dem Schlaf gezogen, bis sie heroben am Licht der Nachttischlampe angekommen ist und merkt, dass sie ganz nass ist.

Schweißnass. Und Durst hat sie und aufs Klo muss sie auch. Eigentlich könnte der Tag beginnen, aber es ist erst 2 Uhr. Henriette muss also noch einmal von vorne anfangen mit dem Einschlafen.

Einmal träumt sie von einem großen Fest, eigentlich von den Hinterlassenschaften eines großen Festes: Pappbecher, Teller, leere Flaschen, Verpackungspapier, Plastikschüsseln, Pizzakartons, Zettel, Kerzenreste usw. liegen verstreut auf einer Wiese und Henriette merkt plötzlich, dass sie nur noch 100 Kilo hat. Sie greift auf ihren Bauch hinunter, fast glatt ist er, da hört sie die Mutter: Zieh sofort etwas Enges an, damit ich dich sehen kann. Henriette will ihre 100 Kilo geheim halten. Aber wie?