Herr Groll im Schatten der Karawanken - Erwin Riess - E-Book

Herr Groll im Schatten der Karawanken E-Book

Erwin Riess

4,6

Beschreibung

Herr Groll und sein Assistent, der Dozent, sind unterwegs nach Kärnten. Der Dozent will eine familiäre Angelegenheit klären, deren Wurzeln bis ins Dritte Reich zurückreichen, Groll möchte zur Hochzeit eines Freundes. Immer tiefer geraten die beiden während ihrer Recherchen über die Familienangelegenheit in die Verwicklungen des Kärntner Nationalsozialismus, und mehr und mehr beginnt der Dozent, die Geschichte seiner Familie mit anderen Augen zu sehen. Die Lage spitzt sich rasch zu, als Grolls Freund, der Bräutigam, nach dem Polterabend unter ungeklärten Umständen ums Leben kommt. Am Tatort findet sich eine Liste mit brisanten Finanztransaktionen rund um Kärntens Oberschicht. Als kurz darauf auch der Bruder des Ermordeten tot aufgefunden wird, weiß Groll, dass auch der Dozent und er in großer Gefahr schweben. Es heißt nun, dem Zugriff einer tödlichen Mafia zu entkommen... Erwin Riess verwebt Vergangenheit und Gegenwart Kärntens zu einem spannenden Kriminalroman, der die historische Vergangenheit dieser Region aufgreift und das Fortdauern alter Verhältnisse treffend beschreibt. "Herr Groll im Schatten der Karawanken" zeigt die Geschehnisse eines in seiner Geschichte festgefrorenen Landes.

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Erwin Riess

Herr Groll im Schattender Karawanken

Ermittlungen in KärntenROMAN

OTTO MÜLLER VERLAG

www.omvs.atISBN 978-3-7013-6192-2© 2012 OTTO MÜLLER VERLAG, SALZBURG-WIENAlle Rechte vorbehaltenSatz: Media Design: Rizner.at, SalzburgE-Book Erstellung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH

Für all jene in Kärnten, die darauf beharren, aufrecht zu gehen

Meldungen:

 

Während der Fußball-Europameisterschaft 2008 kommt es in einem Flüchtlingsheim in Klagenfurt zu einem Brand, ein Mensch stirbt. Schuld seien die Flüchtlinge, heißt es von seiten der Polizei. Ein Sachverständigen-Gutachten ergibt, daß das Feuer gelegt wurde. Dennoch werden die Ermittlungen eingestellt.

 

Im Juni 2009 wird nahe des Paulitschsattels in Unterkärnten ein aus Slowenien über die Karawanken gewechselter Bär, einem strengen Schutzgebot zum Trotz, von einem Jäger geschossen, fachgerecht zerteilt und ausgeweidet. In der örtlichen Jägerschaft ist der Name des Jagdfrevlers kein Geheimnis. Das Landesgericht Klagenfurt spricht den Angeklagten frei.

 

Seit 1955 besteht auf der slowenischen Seite des Loibl-Tunnels ein Mahnmal für die Opfer des Konzentrationslagers Loibl Süd. Auf der Kärntner Seite wurde erst Mitte der neunziger Jahre eine kleine Gedenkstätte für das Lager Loibl Nord errichtet. 2009 wird eine Kundgebung an der österreichischen Gedenkstätte abgehalten, bei der die Bundespräsidenten Sloweniens und Österreichs, höchste Würdenträger sowie Vertreter der Opferverbände anwesend sind. Eine Einladung des Bundespräsidenten in den Wind schlagend, fehlen der Kärntner Landeshauptmann Dörfler und sein Stellvertreter Scheuch. Darauf angesprochen, sagt der Landeshauptmann, er sehe nicht ein, warum „man jedes Mal Kränze niederlegen soll.“ Sein Stellvertreter gibt an, er habe der Freisetzung eines Bartgeierpärchens beigewohnt. „In dem Moment war das für mich wichtiger“. (Kleine Zeitung, 12.6.2009)

 

Herbst 2011. Nach der Aufstellung einiger zweisprachiger Ortstafeln wurden und werden immer wieder Tafeln mit SS-Zeichen übersprüht. In den Wirtshäusern rühmen sich junge Männer dieser Heldentaten. Die Behörde sieht keinen Grund für Ermittlungen.

 

Prolog

Prolog

Österreich nennt sich Alpenrepublik, ich bin ein Kind des Tieflands. Schon auf niederen Almen falle ich wegen Sauerstoffmangels in Ohnmacht. Bei Seilbahnen komme ich über die Talstation nicht hinaus, auf Paßstraßen mache ich vor der Mautstelle kehrt. Die stolzen Dreitausender sind für mich unerreichbar. Weil auch ich meinen Stolz habe, zog ich aus dieser Einschränkung die einzig richtige Schlußfolgerung: Als Mann der niederen Stände tue ich gut daran, in den wenigen Enklaven der Republik zu verharren, in denen menschliches Leben nicht von Lawinen bedroht ist.

Ich hätte eine Idiosynkrasie gegen das Alpine, meint der Dozent. Das sei angesichts meiner rollenden Fortbewegung zwar verständlich, er gebe aber zu bedenken, daß das Alpine recht eigentlich das Österreichische ausmache, und erwähnte, daß selbst Franz Schubert, ein Flachländler par excellence, 1825 in die Tauern vorgedrungen war. Karl Kraus habe sich von seiner geliebten Sidonie auf den Semmering chauffieren lassen, und Arnold Schönberg habe jahrelang im zerklüfteten Salzkammergut zur Sommerfrische geweilt. Als der Dozent dann noch von einem Komponisten erzählte, der ein musikalisches „Reisebuch aus den österreichischen Alpen“ herausgegeben hatte, ersuchte ich ihn, die Tugend des Schweigens nicht hinter die Schwäche des Plapperns zu reihen.

Daß ich selbst bei der sprachlichen Anwesenheit von Bergen die Contenance verliere, sei nicht ungewöhnlich, entgegnete daraufhin der Dozent, diese Idiosynkrasie sei bei Menschen mit einem pannonischen Gemüt die Regel.

Der Dozent irrt: Ich habe kein Gemüt. Kein österreichisches und auch kein pannonisches. Wo andere ein Gemüt haben mögen, dehnt sich bei mir ein schwarzes Loch. Schon beim ersten Anflug von Idiosynkrasien greife ich zu hochdosierten Antibiotika. Die strikte Einhaltung der Tausendmeter-Höhenregel und die umsichtige Medikation bescheren mir ein leidliches Auskommen im östlichen Tiefland.

Als der wilde Eugen mich zu seiner Hochzeit nach Hermagor einlud, fand ich mich in einem unlösbaren Widerspruch gefangen. Einerseits hätte ich an seinem Festtag gern teilgenommen, denn ich mochte den verrückten Bub mit seinem vierrädrigen Motorrad sehr. Andererseits mußte man, um von Wien ins Gailtal zu kommen, mehrere Gebirge überqueren, die die Tausend-Meter-Höhenschichtlinie deutlich überragen. Eine Reise nach Kärnten kam für mich einer Expedition ins Hochalpine gleich; was für andere ein Ausflug in den Süden sein mag, bedeutete für mich eine Fahrt ins Nirwana.

Wie immer vor schwierigen Fragen setzte ich auf den Zufall. Vielleicht würde ich vor Eugens Hochzeit einem verseuchten Heurigenbuffet zum Opfer fallen; vielleicht würde Mister Giordano, mein väterlicher Verleger, mich zu einer Aussprache nach New York bitten – mit einem Linienschiff, versteht sich; vielleicht würde die Donau ein Jahrhunderthochwasser erleben, das die Brücken unpassierbar macht. Und ohne das Passieren von Brücken kommt ein Floridsdorfer nicht nach Kärnten.

Schließlich war es der Dozent, der eine Entscheidung erzwang.

Er lud mich ein, ihn als Sekretär und Fahrer an den Wörthersee zu begleiten. Er habe dort in einer dringenden Familienangelegenheit zu tun, Spesenersatz und ein angemessenes Honorar brauchten nicht eigens erwähnt werden.

Die Sekretärsstelle reizte mich. Seit meine Freundin Anita den Heurigendienst und ihre freischaffende Nebenbeschäftigung quittiert hatte, waren auch meine Einnahmen einer krisenhaften Entwicklung ausgesetzt. Sowohl bei der Geschäftsanbahnung als auch bei der Honorareintreibung hatte ich mein Bestes gegeben, die Kundenkartei führte ich so gewissenhaft wie die Europäische Zentralbank die Konten ihrer Gläubiger. Anitas plötzliches Verschwinden konfrontierte mich schlagartig mit einer massiven Überschuldung. Eine Ratingagentur hätte mir nicht einmal Ramschstatus eingeräumt.

So etwas verkraftet nicht jeder.

Anita lebt nun in der Oststeiermark. Nelly, ihre Tochter, zieht es aber vor, bei den Pflegeeltern zu bleiben. Die Tochter liebt Anita und ist stolz auf deren attraktive Erscheinung, aber eine Mutter, die kommt und geht wie ein Sommerregen, ist ihr nicht geheuer. Anita ihrerseits ist klug und stellt keine Forderungen an das Mädchen. Weil sie noch immer einen Schuldenberg aus ihrer gescheiterten Ehe mit einem Vorarlberger Finanzberater vor sich herschiebt, hat sie das Geschäftliche mit dem Familiären verbunden und ließ sich mit einem korpulenten Gymnasialprofessor für Psychologie und Philosophie aus Bad Gleichenberg ein, der in Anita seine wildesten Träume erfüllt sah, und die sind bei dem leitenden Beamtengewerkschafter recht zahm, wie Anita mir lächelnd mitteilte.

Meiner Einschätzung nach würde es keine drei Semester dauern, bis Anita vom beschaulichen Beamtendasein genug haben würde und zu mir zurückkehrte. Besser ein leidenschaftliches Leben in Floridsdorf als ein Dahinsiechen zwischen Schilcherrebe und Plutzerkern. Sie mache jetzt mit ihrem Mann eine Familienaufstellung, hatte Anita bei unserem letzten Treffen in einer Autobahnraststätte am Fuß des Semmerings gesagt. Ich befürwortete dieses Vorhaben mit warmen Worten. Seine Realisierung würde die Zeit ohne Anita verkürzen.

Auch Wenzel Schebesta, der Vorsitzende des „Ausschusses zur Lösung sämtlicher Welträtsel“, welcher beim Binder-Heurigen in Permanenz tagt, unterstützte mein Reiseprojekt. Gegen Sauerstoffknappheit in großen Höhen gab er mir eine Mineralwasserflasche voll Heurigenluft, dazu legte er eine Broschüre, die mir in Krisenfällen nützlich sein sollte.

Ein befreundeter Mechaniker brachte meinen dreiunddreißig Jahre alten Renault 5 auf Vordermann. Der gute Harry hatte das Handwerk im Gefangenenhaus Krems-Stein gelernt, wo er zwanzig Jahre wegen eines Doppelmords absaß. Er genoß die beste Ausbildung, die sich denken ließ und verdankte seinem handwerklichen Geschick, daß er seine Strafe in voller Länge abbrummen mußte. Kein Gefängnisdirektor in Österreich hätte den Mann, der im ganzen Land in den Haftanstalten auf Tournee war und die Wagen der höheren Beamten in Schuß hielt, auch nur einen Monat früher in die Freiheit entlassen. Immerhin lebte Harry im Gefängnis recht privilegiert, in einem geräumigen Apartment und mit regelmäßigem Damenbesuch. Für Letzteres war ich zuständig, Harry war Klient in meiner Praxis für Lebens- und Vermögensberatung, da lag es nahe, den ansehnlichen Kundenstock zu nutzen. So kam es, daß der hochangesehene Harry sich meiner Rostlaube erbarmte.

Eines Tages im Spätfrühling holte ich in meinem frisch gewaschenen Wagen den Dozenten in Hietzing vor der Villa seiner Mutter ab. Die alte Dame ließ es sich nicht nehmen, uns Glück für die Reise zu wünschen, und überreichte ihrem Sohn einen Lindwurm aus Gummi, hergestellt auf einer Maschine, die in ihrer Fabrik produziert worden war. Mir übergab sie einen Karton Blauburger vom Weingut Fegerl in Deinzendorf bei Retz. Während der Dozent Geschenk und Wegzehrung im Kofferraum verstaute, trat die alte Dame ans Fenster und bat mich, ein Auge auf ihren Einzigen zu haben.

Schließlich ermahnte sie uns, den Verlockungen des Kärntner Nachtlebens zu widerstehen, konzentriert zu arbeiten und in spätestens zwei Wochen mit verwertbaren Ergebnissen zurück zu sein.

Zuvor hatte ich Mister Giordano gebeten, in seinem New Yorker „Wheeling Courier“ einen Expeditionsbericht zu veröffentlichen. Jede kalifornische Dentistin sei schon auf den Osterinseln zum Barbecue gewesen, jeder New Yorker Psychoanalytiker fahre übers Wochenende nach Tibet zum Trekking und jeder Rollstuhlfahrer aus Memphis, Tennessee, der auf sich halte, habe den Kilimandscharo auf eigenen Rädern bezwungen, schrieb ich. Aber einen Abenteuerbericht aus dem letzten politischen Jurassic Park Europas, der braunen Alpenfestung Kärnten, einer lebensfeindlichen Hochgebirgsregion, in der schneegleißende Felsnadeln ihre drohenden Schatten auf niemals auftauende Seen werfen und in der die letzte autochthone nationalsozialistische Volksgruppe und ihr entsprechende politische Verhältnisse sich bis zum heutigen Tag nicht nur konservieren, sondern in der zweiten und dritten Generation fortsetzen, habe sonst niemand zu bieten. Nicht nur die Menschheitsverbrechen der alten Kärntner SS-ler sorgten in der zivilisierten Welt für Abscheu, schrieb ich, auch die Fortführung des nazistischen Todestriebs auf dem Gebiet der Ökonomie, wie die Jungen sie anhand irrwitziger Spekulation mit Steuergeldern und eines Bankrotts auf Kosten des Gesamtstaates vorexerzierten, führe in der Welt zu ungläubigem Kopfschütteln.

Ich stimmte Giordano also darauf ein, daß die Reise schwierig und gefährlich sein würde. Dementsprechend seien meine Honorarforderungen nicht eben gering. Es bestehe aber die Möglichkeit, die Texte später in einem Buch zusammenzufassen, was ordentlich Geld bringen würde. Dies alles unter der Voraussetzung, daß ich die Expedition ins Land der Karawanken überleben sollte.

Den wahren Zweck meiner Reise: die Hochzeitsfeier meines Freundes Prinz Eugen aus Hermagor und eine historische Recherche in der Familie des Dozenten, verschwieg ich. Er erschien mir zuwenig spektakulär. Wie sich später zeigen sollte, war das der erste Fehler einer an Fehlern reichen Mission.

1. Kapitel - Keine Panne in Edelschrott, aber zuwenig Sauerstoff auf dem Packsattel. Die Bedeutung des Glimmerschiefers für den Protestantismus, der wahre Grund für Franz Schuberts Tod und eine Kriegslist in Twimberg. Schließlich ein Kärnten-Leitfaden für Überflieger, die sich im Fall eines Absturzes richtig zu verhalten wissen wollen

1. Kapitel

Keine Panne in Edelschrott, aber zuwenig Sauerstoff

auf dem Packsattel.

Die Bedeutung des Glimmerschiefers für den Protestantismus, der wahre Grund für Franz Schuberts Tod und eine Kriegslist in Twimberg. Schließlich ein Kärnten-Leitfaden für Überflieger, die sich im Fall eines Absturzes richtig zu verhalten wissen wollen

 

 

Kurz vor Edelschrott überhitzte der Motor. Ich parkte den Wagen hinter der Ortstafel in einer gut einsehbaren Kurve. Der Dozent machte sich erbötig, das Pannendreieck aufzustellen und fragte nach der signalgelben Rettungsweste. Mein Renault sei zwar dreiunddreißig Jahre alt, befinde sich aber in einem tadellosen Allgemeinzustand, erwiderte ich. Ein überhitzter Motor erfülle mitnichten den Tatbestand einer Panne, sondern sei Zeichen eines funktionierenden thermischen Systems, Generationen von Bergfahrern könnten dies bestätigen. Aus diesem Grund seien weder eine Weste noch ein Rettungssack vonnöten, es brauche nur ein wenig Zeit und Kühlwasser, dann stehe der Fortsetzung unserer Fahrt über den Packsattel und einem anschließenden kühnen Vorstoß ins Lavanttal nichts im Weg. Im Grunde genommen sei unser technischer Halt nichts anderes als die Ruhe vor dem entscheidenden Sprung ins Land der tausend Seen.

Der Dozent lachte kurz und böse und meinte, daß der Name der Ortschaft wohl in einer direkten Beziehung zu meinem betagten Fahrzeug stehe. Ich blieb gelassen und erinnerte ihn daran, daß er es war, der mich als Fahrer und meinen R 5 Automatic als Fahrzeug ausgesucht habe und dafür auch ordentlich zahle. Falls er den Jaguar seiner Mamà vermisse, mit dem er als Bub immer zum Flötenstudium ins Erzbischöfliche Ordinariat chauffiert worden sei, tue er mir leid. Wie immer, wenn ich ihn ärgern wollte, betonte ich das zweite a: Mamà. So verzopft reden sonst nur Adelige, die ihren Stammbaum auf die Zeit vor der Schlacht am Weißen Berg 1620 zurückführen können – oder Parvenüs.

Weder habe er Flöte gelernt, noch habe er je das Erzbischöfliche Ordinariat betreten, sagte der Dozent erbost und fuhr mit erregter Stimme fort, er habe es satt, von mir seiner Schulzeit im Theresianum wegen lächerlich gemacht zu werden. Im übrigen sei er zwar von Herrn Kálmán im Jaguar ins Theresianum gefahren worden, aber der Jaguar sei aus den späten sechziger Jahren und damit älter als mein sensibler Renault.

Wenn er seine unqualifizierten Attacken auf meinen braven Wagen, der für mich viel mehr als ein fahrbarer Untersatz sei, nicht zurücknehme, müsse ich ihn in der weststeirischen Wildnis aussetzen, sagte ich und war um einen sachlichen Tonfall bemüht. Im Falle seines Einlenkens aber würde ich meine Aussagen mit dem Ausdruck der nachgebenden Klugheit zurücknehmen.

Der Dozent beruhigte sich nur scheinbar. Nach einer Minute des Schweigens gab er der Befürchtung Ausdruck, daß es in meinem Gefährt weder Pannendreieck noch Signalweste gebe. Das sei in der Tat so, räumte ich ein, vergaß aber nicht hinzuzufügen, daß jedermann, der eine Fahrschule absolviert habe, wisse, daß Behindertenfahrzeuge von der Pannendreieckspflicht ausgenommen seien, für die Alarmweste gelte dasselbe.

Der Dozent war Ende der siebziger Jahre bei der Fahrprüfung mehrfach durchgefallen, immerzu war er an Verkehrsampeln gescheitert, entweder ignorierte er sie oder stoppte bei Grün. Schließlich war er in die einzige Fahrschule in der Nähe Wiens ausgewichen, in deren Umfeld keine Verkehrsampeln existierten. In Kirchberg am Wagram hatte der Dozent die Prüfung schließlich bestanden. Der peinliche Zores und die fortgesetzten Demütigungen von seiten der Fahrlehrer hatten ihm aber jegliche Freude am Fahren vergällt. Mit bestandener Fahrprüfung endete daher die kurze Zeit des Dozenten als automobiler Selbstlenker, er vertraute fortan auf den Familienchauffeur, Herrn Kálmán, und die Fahrkünste seiner Freunde und berief sich dabei auf Karl Kraus, der seit 1913 nacheinander drei kleine Opel und schließlich einen Tatra besaß, aber nicht selber fuhr.

Ich bat den Dozenten, Wasser für den Kühler zu besorgen, schärfte ihm aber ein, sich den Einheimischen gegenüber vorsichtig und höflich zu verhalten, also auch dann nicht zu reden, wenn er gefragt werde, Liebeserklärungen an die Landschaft jedoch mit leidenschaftlicher Begeisterung vorzutragen.

Er denke nicht daran, sich vor den Waldmenschen klein zu machen, erwiderte der Dozent. Er sei grade so gut Österreicher wie die Einwohner dieses verlassenen Landstrichs.

Wenn der Dozent bockig wird, ist jede weitere Intervention nutzlos. Ich ließ ihn gehen.

Die Sonne hatte ihren höchsten Stand erreicht, ich schloß das Stoffdach des Kleinwagens zur Hälfte und dachte über unsere Reise nach.

Er habe sich mehrfach in Essays und Aufsätzen abfällig über die politischen Verhältnisse in Kärnten geäußert, hatte der Dozent am Vortag beim Heurigen mit Verschwörerstimme verkündet. Die Texte seien in diversen Journalen und Magazinen abgedruckt worden und hätten erzürnte Kärntner auf den Plan gerufen. Er müsse davon ausgehen, daß er auf mehreren schwarzen Listen stehe. Daß dies an den Kärntner Seen keine harmlose Sache sei, müsse vorausgesetzt werden, man wisse ja um die dort vorherrschende deutschnationale Dreifaltigkeit von Sentimentalität, Rachsucht und Skrupellosigkeit. All das lasse es als geraten erscheinen, sich dem südlichsten Bundesland Österreichs nicht über die vielbefahrene Transitroute, sondern über gewundene Paßstraßen gleichsam inkognito zu nähern. Es gebe dort kein Radar, keine Autobahn-Polizeistreifen und keine Videoüberwachung. Dann faselte er noch über gelockerte Räder an den Autos von Kritikern des Kärntner Weges, ungeklärten Kollisionen auf der Wörthersee-Autobahn und Einbrüchen in Fahrzeuge von Universitäts-Mitarbeitern in Klagenfurt, die sich erdreistet hätten, kritische Leserbriefe zur Kärntner Landespolitik zu veröffentlichen.

Ich tat diese Erzählungen als Ausdruck von Verfolgungswahn und Verschwörungsphantasie ab, die mehr mit Wichtigtuerei denn mit tatsächlicher Wahrnehmung zu tun habe. Der Dozent, ganz Märtyrer, schwieg und seufzte. Als ich noch einmal nach dem Zweck der Reise fragte, meinte er nur, die Mission habe mit einem dunklen Punkt in der Familiengeschichte zu tun, es könne sein, daß dieser Punkt im Zuge der Ermittlungen noch dunkler würde, es sei aber auch möglich, daß der dunkle sich zu einem hellen Punkt emanzipiere.

Mehr wußte ich zu diesem Zeitpunkt nicht. Der Emanzipation eines Punktes wollte ich nicht im Wege stehen.

Plötzlich hörte ich ein dumpfes Brummen, das rasch lauter wurde. Im Rückspiegel sah ich einen alten VW-Käfer größer werden, und schon war der rot und blau lackierte Wagen an uns vorbeigefahren. Das infernalische Wummern stammte von Baßboxen, die auf dem Gepäckträger des Wagens befestigt waren. Der Käfer wurde von einer Frau mit kurzem dunklem Haar gesteuert, ihre Begleiterin war blond und langhaarig, sie warf meinem Oldtimer einen freundlichen Blick zu. Der Käfer trug ein slowakisches Kennzeichen, die beiden Damen waren augenscheinlich auf der Anreise zum Golf GTI-Treffen am Wörthersee. Ich hatte den Dozenten eindringlich davor gewarnt, die Gegend just an den Tagen dieser berüchtigten Großveranstaltung aufzusuchen, zweihunderttausend automobilverrückte junge Leute aus ganz Europa würden zwar für jede Menge Allotria sorgen, Ermittlungsarbeiten in delikaten Familienfragen aber würden durch gesperrte Straßen und Alkoholleichen nachhaltig behindert.

Er habe diesen Zeitpunkt bewußt gewählt, hatte der Dozent mit einem überlegenen Lächeln erklärt. Die Polizei hätte mit den Golf-Fahrern genug zu tun, zwei Herren aus Wien in einem alten Renault würden da nicht auffallen. Es gebe gar keine bessere Zeit für Ermittlungen, im Schatten des GTI-Treffens könnten wir uns ungehindert bewegen.

Vom Dozenten war noch immer nichts zu sehen, vielleicht hatten die Bewohner von Edelschrott ihn zum Packer Stausee um Wasser geschickt. Um mir die Zeit zu vertreiben, stöberte ich in der eleganten Ledertasche meines Begleiters.

Neben einem ordinären Rasierwasser und einer Packung Kondome mit längst abgelaufenem Verfallsdatum stieß ich auf eine Dokumentenmappe. An oberster Stelle lag ein handschriftlicher Brief. Ich vergewisserte mich, daß vom Dozenten nichts zu sehen war, und kramte meine Lesebrille hervor.

 

Geschätzter Kollege! Lieber Freund!

Das Schicksal hat es gewollt, daß Du Dich einem Wagnis aussetzen mußt, das einen Mann mit Kühnheit, Witz und Expertise erfordert. Ich kenne Dich nun seit mehr als zwei Jahrzehnten durch unsere fruchtbare Korrespondenz und zweifle nicht daran, daß Du die Prüfung bestehst. Ich weiß aber auch, daß Du danach nicht mehr derselbe sein wirst.

Du fährst also nach Kärnten. Um eine Sache zu recherchieren, die einen privatimen Charakter hat, darüber hinaus aber politische und historische Verstrickungen beinhaltet. So schreibst Du in Deinem Brief, den zu beantworten in leidlicher Frist ich mich beeile, obwohl ich unpäßlich bin und meine Tage mit der erbaulichen Lektüre der Schriften des Toskaner Erzherzogs Leopold II. zubringe. Du weißt, die Toskana schaffte 1786 als erster Staat der Welt die Todesstrafe ab. Bei der Lektüre leistet mir die eine oder andere Flasche Rotwein aus dieser menschenfreundlichen Region Gesellschaft. Ich gestehe, daß ich mehr Zeit mit dem vorzüglichen Chianti als an den geistigen Werkbänken zubringe. Zum Glück setzt meine schmale Börse der Versuchung Grenzen.

Nachstehend findest Du also meine versprochene Einführung zu jenem eigenartigen Bundesland, in dem Du forschen wirst. Keine Angst, es handelt sich nicht um eine Doktorarbeit, es ist nur ein Leitfaden für unbedarfte Kärnten-Reisende. Er soll Dir zur Hilfe und Orientierung dienen und dazu beitragen, daß Du in Deinem Erkenntnisstreben nicht schwankend wirst, sondern die Dinge weiterhin in der erforderlichen Radikalität siehst.

Ich verbleibe mit diensthöflichen Grüßen an die Wissenschaft

 

wie stets in heiterer Isolation,

Dein Freund vom Archiv

 

Dem handschriftlichen Brief war ein Computerausdruck beigelegt, der vom Dozenten mit Anmerkungen versehen war. Von meinem akademischen Wasserträger war noch immer nichts zu sehen, ich konnte mich also in Ruhe dem Studium des Papiers widmen.

 

Kleiner Kärnten-Leitfaden für Überfliegende, die sich im Fall eines Absturzes richtig zu verhalten wissen wollen

 

Geschätzter Freund! Gestatte, daß ich, wie jeder Historiker, der auf sich hält, mit der Topographie und der Tektonik beginne.

Das Land Kärnten ist durch mehrere Gebirge von der Außenwelt abgeschlossen. Noch in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts war eine Reise nach Kärnten ein verkehrstechnisches Abenteuer. Gefährliche Gebirgsstraßen, im Schritttempo fahrende Züge, Banditentum in den Gasthöfen und fehlende Anbindungen an internationale Hauptverkehrsrouten prägten das Bild. Es ist daher verständlich, daß die Kärntner Bevölkerung eine Neigung zur Klaustrophobie entwickelte, die sich in einer kollektiven Wagenburgmentalität manifestiert. Wer sich von der Welt abgeschottet sieht, bekämpft den Makel, indem er die eigene kleine Welt zum Nabel derselben erklärt. So kommt es, daß die Kärntner nicht müde werden, ständig und unaufgefordert zu betonen, daß sie im schönsten Land Europas, wenn nicht der Welt leben. Die schneebedeckten Gipfel, die glitzernden Seen, die Sommerschlösser des Zollfelds und die Sakralbauten des Gurktals, die den Charme von Kommandobunkern der Maginot-Linie ausstrahlen, werden von jenen, die praktisch und geistig nicht über die Randgebirge hinausgekommen sind, zur Vollendung der Schöpfung erklärt.

Die verkehrstechnische Lage hat sich erst in den letzten Jahren gebessert, seit 2009 verbindet eine Autobahn Triest mit Wien, Kärnten rückte dadurch zu einem unschwer zu passierenden Transitland auf. Wenig später wurde allerdings die Eisenbahnverbindung nach Venedig eingestellt.

Vom historischen Standpunkt aus kann das heutige Kärnten auf eine große Vergangenheit unter den Kelten, Römern und Karolingern verweisen, damals öffnete Karantanien sich zur mediterranen Welt und fand Anschluß an die damit verbundenen künstlerischen und gesellschaftlichen Aufbrüche. Im Spätmittelalter und in der Renaissance begann jedoch ein rasanter Abstieg, in der Neuzeit verfestigte sich dieser und seit rund hundertfünfzig Jahren steckt Kärnten in den Klauen eines dumpfen und bösartigenDeutschnationalismus, den man in Kärnten schon deshalb nicht Chauvinismus nennen soll, weil die Einwohner infolge des inferioren Schulsystems und des krötenhaften Hockenbleibens auf Minderwertigkeitskomplexen und Ressentiments aller Art den Begriff nicht verstünden.

Die „Aktion Reinhardt“, wie die Vernichtung von zwei Millionen überwiegend jüdischen Menschen in Ostpolen genannt wird, sowie die Massentötung von behinderten und alten Menschen und von Angehörigen der slowenischen Volksgruppe war das Werk von Himmlers „besten“ Männern, nicht mehr als sechzig fanatischen Kärntner SS-Führern, unter ihnen Ärzte, Rechtsanwälte und Ingenieure. Namen wie Globocnik, Rainer, Lerch, Niedermoser und Ramsauer stehen für die abscheulichsten Schandtaten, die die Geschichte gesehen hat.

Nach der Befreiung Kärntens durch slowenische Partisanen und die britische Armee wurden einige Massenmörder in Klagenfurt angeklagt, nach dem Abzug der Engländer kamen sie aber alle frei und nahmen sehr bald wieder als Ärzte, Rechtsanwälte, Journalisten, Unternehmer, Lehrer und Politiker führende Positionen im öffentlichen Leben ein. Einige emigrierten auch mit Hilfe des im Vatikan lebenden österreichischen Bischofs Alois Hudal nach Lateinamerika, Syrien oder Ägypten. Sigbert Ramsauer, ein Arzt, der sein Handwerk in Dachau, Hartheim, Mauthausen und Buchenwald erlernte und kranke Häftlinge mittels Eisduschen, Organentnahmen bei lebendigem Leib und Benzininfusionen ins Herz traktierte, arbeitete nach dem Krieg im Landeskrankenhaus Klagenfurt und führte eine Ordination im Zentrum der Stadt. Er starb erst in den neunziger Jahren, hochbetagt, im Kreise der Familie, versehen mit allen Orden und Ehrungen, die das Land Kärnten für seine Besten zu vergeben hat, und mit der Versicherung auf den Lippen, er würde alles noch einmal genauso machen.

Die Verehrung von Massenmördern ist identitätsstiftender Teil des unablässig beschworenen Deutschkärntnertums, wie es sich in Gailtaler Speckfesten, Wettkämpfen um die fetteste Kärntnernudel und das schmalzigste Heimatlied, vorgetragen von Dirndl- und Lederhosenträgern, manifestiert. Geradezu zwanghaft blitzt bei derartigen Zusammenrottungen des Volkstums, die von der Landesregierung mit hohen Geldbeträgen gefördert werden, unter den bunten Trachtentüchlein der schwarze Rock mit den Totenköpfen auf den Uniformspiegeln hervor.

Die braune Saat fiel auf einen fruchtbaren Boden. In Kärnten sind die Nachfahren der Mörder ungebrochen vom Edelmut ihrer Eltern und Großeltern überzeugt, die in schwerer Zeit alles gaben, um das Volkstum zu schützen, und sei es bei der Vergasung von behinderten Kindern oder beim „Abspritzen“ von Patienten im „Hinterhaus“ der psychiatrischen Abteilung des Landeskrankenhauses. Regelmäßig machen diese Herrschaften, deren Vermögen einschließlich spätromantischer Seevillen nicht selten nach 1938, nach der Vertreibung der jüdischen Besitzer, ihren Ausgang nahmen, ihrem Herzen Luft, indem sie in Leserbriefen unbedeutende Zugeständnisse an die slowenische Minderheit hysterisch beklagen und das Gedenken an den verunglückten Landeshauptmann, dessen Reichtum ebenfalls auf eine arisierte Immobilie, ein ausgedehntes Gebirgstal zurückging, hochhalten. Während in anderen Teilen Europas zumindest einige Kinder der Kriegsverbrecher sich mit den Greueltaten ihrer Vorfahren auseinandersetzen, ist in Kärnten kein derartiger Fall bekannt. Die Söhne und Töchter der Mörder konzentrieren sich hier auf das Erlangen von Motorbootlizenzen für den Wörthersee und die Veranstaltung von Schlagerfestivals in Bad Kleinkirchheim. Im übrigen schicken sie ihre Kinder auf Privatschulen, verbringen Pfingsten im nahen Grado auf ihren Motoryachten und bunkern den von ihren Vätern in ganz Europa zusammengeraubten Schmuck und anderes Kapital in Liechtenstein und in der Schweiz. Die Auseinandersetzung mit der faschistischen Vergangenheit läßt sich in Kärnten in einem Satz zusammenfassen: Man genießt und schweigt.

Das Bild wäre unvollständig, verschwiege man, daß die Schonung und Förderung von stolz bekennenden Kriegsverbrechern nicht nur auf Seilschaften ehemaliger SS-Angehöriger zurückzuführen ist, sondern wesentlich von sozialdemokratischen und christlichsozialen Polizeibehörden, Richtern und Staatsanwälten mitgestaltet wurde. In den fünfziger und sechziger Jahren war die SS-Dichte unter der sozialdemokratischen Kärntner Elite bei weitem die höchste im deutschen Sprachraum. Das Bild vom „politischen Punschkrapferl“ – außen rot, innen braun – hat hier seinen Ursprung.

Verglichen mit dem Kärnten des „Ortstafelsturms“ Mitte der siebziger Jahre war das strammrechts regierte Bayern des Franz Josef Strauß ein Land der Moderne und der Aufklärung. Dieser Zivilisationsabstand ist heute größer denn je.

Das Kriminalstück um die Kärntner Landesbank wäre nie an die Öffentlichkeit gelangt, wäre nicht eine Bayerische Großbank in die von langer Hand vorbereitete und bis zu den politischen Führungsspitzen reichende Finanzverschwörung hineingetappt, die sich in einem illustren politischen Umfeld ereignete, in welchem sich libysche Diktatorensöhne, kroatische Ustascha-Mörder, irakische Antisemiten, italienische Mafiaboten, heimische Waffenproduzenten, Rechtsradikale aus Flamen und Nationalisten aus Ungarn und Litauen wohlig eingerichtet hatten. Dazu gesellten sich noch zwielichtige Oligarchen aus Rußland, halbseidene Finanzinvestoren aus Saudi-Arabien, größenwahnsinnige Industriemagnaten aus Kanada und abgehalfterte Bundespolitiker, die zu Okkasionspreisen an ausgedehnte Seegrundstücke gelangten. Zwischen den Repräsentanten des organisierten Verbrechens wuselten braungebrannte freiheitliche Jungpolitiker und deren Sekretäre, die mit ihren deutschen Sportwagen Geldkoffer durch halb Europa kutschierten.

So wie die Nazi-Kriegsverbrecher in Kärnten ungeschoren blieben und mit Heimatverdienstorden regelrecht überhäuft wurden, zeigt sich die Justiz auch bei den Verantwortlichen für das zwanzig Milliarden Euro schwere Finanzdebakel zögerlich. Seit jeher steht die Klagenfurter Staatsanwaltschaft im Ruf einer für politische Liebedienerei besonders anfälligen Behörde. Verfahren gegen bestochene Politiker, im Hintergrund abkassierende Treuhänder und willfährige Bankmanager wurden und werden in Klagenfurt grundsätzlich eingestellt.

Daß in diesem Land von der halben Größe Israels eine qualifizierte Minderheit von Antifaschisten, unter ihnen Ärzte, freiberuflich Tätige, einige wenige Wissenschaftler der Universität Klagenfurt, Vertreter der slowenischen Minderheit und Aktivisten der autonomen Behindertenbewegung bis heute überleben, läßt sich nur mit dem Fortwirken von Traditionen der Partisanen erklären und muß als europäisches Wunder gewertet werden.

 

Dem Leitfaden war noch eine handschriftliche Notiz beigefügt.

 

Mit den zuletzt genannten Menschen, lieber Freund, sollst Du Kontakt pflegen. Du bist ein aufmerksamer und wachsamer Mann und wirst sie ohne Schwierigkeit erkennen. Wenn doch bei dem einen oder anderen Zweifel auftauchen sollten, wende Dich ohne zu zögern an mich. Wie Du weißt, verbringe ich viel Zeit mit der Erfassung von Daten. Mein Archiv ist mein Stolz und meine Waffe, es ist der Kärntner Zeit voraus, weil es die Vergangenheit ausbreitet, mit Name und Anschrift. Es wird, wenn die Zeit gekommen ist, die Kärntner Verhältnisse zum Tanzen bringen. Aber noch ist es nicht soweit, noch geht das Unrecht einher mit sicherem Schritt. Und ich schärfe das Archiv.

 

Lieber Freund,

zum Schluß noch zwei Warnungen und eine Empfehlung. Meide Dorffeste und Brauchtumsveranstaltungen – die Jungmänner hier nehmen sofort Witterung auf, wenn etwas Fremdes auftaucht, und sie verteidigen ihr Revier mit abgeschlagenen Bierflaschen. Die zweite Warnung: hüte Dich auch vor dem Kärntner Jungwein, er wird zwar in Flaschen abgefüllt, aber mehr hat er mit jenen Gewächsen, deren Produkte wir schätzen, nicht gemein.

Hingegen empfehle ich dir selbstgebrannten Slivowitz aus dem ehemaligen „Bandengebiet“, jenem Teil Südkärntens, in dem die slowenischen Kärntner leben. Dieser Schnaps macht Tote lebendig, aber nur die Guten. Die Bösen verwesen umso schneller.

 

Ich verstaute die Dokumente in der Reisetasche und dachte darüber nach, warum Intellektuelle nicht anders können, als entweder in Alarmismus oder in Untätigkeit zu verfallen. Aber ich kam auf keinen grünen Zweig und wurde müde. Die Mittagshitze tat ein übriges, und so schlief ich ein.

 

„Wieder einmal habe ich uns gerettet“, sagte eine triumphierende Stimme durchs offene Fenster. Ich schaute auf und sah den strahlenden Dozenten, er schwenkte eine Gießkanne. Ich kämpfte darum, wirre Träume von marschierenden SA-Horden, klaren Alpenbächen und einer geheimen Raketenabschußrampe in einem Werftgelände am Wörthersee abzuschütteln, während der Dozent auf mich einredete. Er sei von einem mißmutigen Einheimischen mit einem vorsintflutlichen Moped zum Packer Stausee gefahren worden, das Moped habe einen ramponierten Anhänger aus Holz, einen sogenannten Kaps, gezogen. Am Stausee bekam er das Wasser geschenkt und die Kanne geliehen, wir sollten sie in einer Drogerie in Preitenegg abgeben, dort arbeite die Tochter des Mopedfahrers. Als er die Kanne ins Wasser getaucht habe, sei ein Forstaufseher erschienen, der ihm Geld abknöpfen wollte, der mürrische Einheimische aber habe nur einmal in Richtung des Forstbeamten gegrunzt, worauf der sich getrollt habe. Danach sei er mit der halbvollen Gießkanne in der Hand durch den stillen Wald gelaufen, bis er wieder auf die Packer Straße gekommen sei. Das Nachfüllen des Kühlwassers zelebrierte der Dozent wie eine Sponsion. Nach ein paar Minuten pietätvollen Wartens sprang der Motor ohne Probleme an.

Vor dem Scheitelpunkt des Packsattels überraschte uns die Aussicht auf den Packer Stausee. Er war verblüffend groß und langgestreckt, das Wasser war schwarz wie Tusche und die verwitterte Staumauer wirkte in ihrem stumpfen Grün nicht sehr vertrauenerweckend. Die Ortschaft Pack bestand aus einem geöffneten und zwei stillgelegten Gasthäusern sowie einigen trostlosen Ferienhütten. Der Ort war menschenleer. Weiter ging’s über die kurvenreiche und steile Straße, bis wir den Packsattel in tausend Meter Höhe erreichten. Als die Straße noch weiter anstieg und ein Schild „Hebalm, 1200 Meter“ verkündete, wurde die Luft immer dünner und ich war einer Ohnmacht nahe. Die Bewußtseinstrübung verstärkte sich, als der Dozent, der die Straßenkarte studierte, von einem Ort namens Weinebene erzählte, der noch höher zu liegen schien. Zum Glück umgab uns die strenge und würzige Luft des Tannenwalds, sie wirkte wie Riechsalz und war meine Rettung.

Preitenegg liegt auf einem Grat und gewährt einen grandiosen Ausblick auf eine langgezogene Autobahnbrücke in der Ferne. Die Schauspielerin Maria Schell habe hier ihre Kindheit und ihre letzten Jahre verbracht, erklärte der Dozent, sie sei auf dem Dorffriedhof begraben. Seine Mamà habe mit der Schell jahrelang über Streitfragen des Maschinenbaus korrespondiert, die Schell sei eine vielseitige Person gewesen. Begräbnisstätten könne ich nichts abgewinnen, sagte ich und gab an der Ortseinfahrt Gas. Wir schlingerten auf der kurvigen Hauptstraße bergab, der Dozent klammerte sich an meinen Taschen-Brockhaus, ein unhandliches Ding aus den siebziger Jahren, aber was da drin nicht zu finden ist, hat das Licht der Welt nie gesehen. Seinerzeit habe sich der Schwerverkehr auf dieser engen Paßstraße ins Kärntnerische hinunter geplagt, sagte ich. Man könne daran ermessen, wie abgeschieden das Land bis zum Bau der Südautobahn gewesen sei. Der Dozent hielt sich mit einer Hand am Türgriff fest, mit der anderen war er bemüht, das Lexikon nicht fallen zu lassen.

In der Ortsmitte saßen ein paar alte Männer im Gastgarten des „Hanslwirts“ bei einem Bier. Wir hielten kurz an, der Dozent trug die Gießkanne in die auf der anderen Straßenseite liegende Drogerie. Er kam mit einer Schachtel Zündhölzer und einer Rolle Spagat zurück.

Ich sagte nichts. Wahrscheinlich waren die Dinge im Angebot oder im Abverkauf. Millionärssöhne neigen entweder zum Verjubeln des Kapitals oder zu akribischer Sparsamkeit.

Enge Serpentinen führten in das tief eingeschnittene Tal einer Ache. In der Ortschaft Waldenstein wies ein Schild auf einen Glimmerschieferbergbau hin. Ein stillgelegtes Sägewerk, ein Mahlwerk und ein Wirtshaus wurden von einer düsteren Burg überwacht. Hier sei ein Zentrum des Kärntner Protestantismus gewesen, entnahm der Dozent dem Brockhaus, der Glimmerschiefer sei wichtig für den Korrosionsschutz bei Lacken. Außerdem sei im Schloß anläßlich einer Wette zu Beginn des 19. Jahrhunderts das Kärntner Heimatlied entstanden. Auerling, Schönixeck und Gschrepfl hieß es auf weiteren Hinweistafeln, ich dankte den Himmlischen, daß der Brockhaus dazu schwieg. Die frisch geteerte Straße begleitete die von scharfkantigen Felsen verblockte Ache bis Twimberg, wo sie in einem Wasserfall in die Lavant mündete, die ihrerseits in einem engen Tal gefangen war, wo Bahn und Straße nicht nebeneinander, nur übereinander Platz fanden.

„Die Szenerie erinnert an Bad Gastein“, sagte ich. „Wasserfälle mitten im Ort.“

„Waren Sie denn schon in Bad Gastein?“

„Nein, was sollte ich dort. Es reicht, daß Schubert an Bad Gastein zugrunde gegangen ist.“

„Wie kommen Sie auf diesen Unsinn?“

„Im Jahr 1825 verbrachte Schubert einige Wochen in Bad Gastein. Dort erkrankte er schwer. Keine drei Jahre später verstarb er; von den Bergen hat er sich nie wieder erholt.“

„Unsinn“, wiederholte sich der Dozent. „Der Stand der Forschung ist, daß Schubert sich Anfang der zwanziger Jahre eine venerische Erkrankung, wahrscheinlich die Syphilis, zugezogen hatte und er in Folge an den Erscheinungen der damals unheilbaren Krankheit litt. Sein Tod im Herbst 1828 dürfte allerdings auf eine Typhus-Infektion zurückzuführen sein.“

In Floridsdorf sei der Stand der Forschung ein anderer, erwiderte ich. „Schubert weilte in Begleitung seines Freundes, des Sängers Vogl, der sich große Verdienste um die Verbreitung und den Vortrag der Schubert’schen Lieder erworben hatte, in Bad Gastein. Schubert war ja nirgendwo angestellt, Bewerbungen in Laibach und als Vize-Hofkapellmeister in Wien scheiterten, seine großen Werke wurden noch nicht gespielt, er war also vom Verkauf seiner Lieder an einen Musikverlag abhängig, allerdings waren diese Einnahmen durchaus anständig. Der Schubert-Lied-Sänger Vogl weilte in Bad Gastein zur Kur, um Linderung von der Gicht zu bekommen, ein Ziel, das Schubert wärmstens unterstützte. Ein von Gicht geplagter Interpret seiner Lieder war eine grobe Geschäftsschädigung. Eines Tages aber legte Vogl eine Pause in seinen Bädern und Behandlungen ein, und das Unheil nahm seinen Lauf.“

„Was meinen Sie damit?“

„Vogel verführte den armen Schubert zu einer Tageswanderung auf einen nahe liegenden Gipfel, es ist sehr wahrscheinlich, daß Schubert sich mehrere Stunden lang an Kopf und Händen, den Werkzeugen seiner Kompositionskunst, ungeschützt einer Höhe von zweitausend Metern aussetzte.“

Was denn daran so schrecklich sei?

„Die zerstörerischen Strahlen der Sonne, die noch durch die natürliche Radioaktivität, welche in Bad Gastein gegeben ist, verstärkt wurde, lösten bei Schubert einen völligen Zusammenbruch des Immunsystems aus – er erkrankte an galoppierender Höhenkrankheit, ergänzt um eine schwere Strahlenkrankheit. Wieder in Wien, besserte sich sein Zustand nur in Maßen und verschlechterte sich 1827 beim Begräbnis von Beethoven, dem Schubert nebst Ferdinand Raimund und Franz Grillparzer als Ehren-Fackelträger beiwohnte, wieder. Aus der galoppierenden wurde eine perennierende Höhenkrankheit, die Verstrahlung tat das Übrige. Vom medizinischen Standpunkt her liegt der Fall klar. Schubert muß unbedingt als Opfer der Berge angesehen werden. Wenn Sie sagen, die Berge seien der morphologische Kern des Österreichertums, so sage ich: Schubert ging eben daran, am österreichischen Wesen, zugrunde. Es zeugt vom damals schon beträchtlichen Einfluß der Österreich-Werbung, daß man mit der dreisten Lüge, Schubert eine Syphilis anzudichten, um Touristen in die tödlichen Berge zu locken, erfolgreich war.“

Der Dozent schüttelte den Kopf, nahm allerdings eine Eintragung in seinem Notizbuch vor.

Hoch über uns spannte sich eine filigrane Autobahnbrücke. In ihrem Schatten legten wir einen neuerlichen technischen Halt ein. Ich bat den Dozenten, gefälschte Wechselkennzeichen anzubringen und die echten unter einer Decke zu verstecken. Wir würden sie bei unserer Rückfahrt wieder anschrauben. Darüber hinaus mußte er noch zwei Abziehbilder an der Heckscheibe anbringen. Die Hilfsmittel stammten von Wenzel Schebesta, der neben seiner Vorsitzführung des „Ständigen Ausschusses zur Klärung sämtlicher Welträtsel“ als Platzwart des FC Wien-Nord arbeitete. Das Fälschen von Autokennzeichen war ihm seit seiner Jugend vertraut, die Aufkleber ließ er sich von Gastmannschaften mitbringen. Allgemein war bekannt, daß Schebesta, der Weltgewandte, nie aus Wien hinausgekommen war, und da er als umsichtiger Gastgeber und kundiger Gesprächspartner für die wichtigen Fragen des Lebens einen exzellenten Ruf genoß, beeilten sich die anreisenden Teams, ihn mit Klebebildern ihrer Herkunftsorte zu bedenken. Schebesta hob die Präsente sorgfältig auf, wußte er doch, daß ein richtiges Pickerl zur rechten Zeit viel Unheil verhindern kann. So setzten wir die Fahrt durchs Lavanttal mit einem Kennzeichen des Bezirks Villach Land und Pickerln des Männergesangsvereins Möllbrücke und des St. Veiter Wiesenfests 1978 fort.

 

Während der Dozent die Tafeln anbrachte, überflog ich zum wiederholten Mal einen Brief von Mister Giordano.

 

Freund Groll,

ich bestätige den Erhalt Ihrer Nachricht. Haben Sie nichts Besseres zu tun, als einem alten Mann seine letzten Tage zu verdunkeln? Ich dachte, Sie seien alt genug, Ihre Geschäfte ohne Hilfe abwickeln zu können.

Zur Sache:

Nicht jede Psychoanalytikerin in New York fliegt übers Wochenende nach Tibet zum Trekking. Das war einmal. Sie waren schon lange nicht mehr bei uns, ich darf Ihnen sagen, Sie würden sich nur schwer zurechtfinden. Die Rache der verbiesterten Betbrüder aus dem Mittelwesten an dem farbigen Präsidenten lastet schwer auf dem Land. Der Gute macht seine Sache nicht schlecht, aber ich wünschte, er würde mir das eine oder andere Problem zur Lösung übertragen. Mit ein paar guten Männern kann man dem Notwendigen schon auf die Sprünge helfen. Nach allem, was Sie über die Kärrner – oder wie die Verrückten hinter den sieben Bergen heißen – berichten, scheint es sich um Vorfahren unserer Tea-Party-Leute zu handeln. Wenn dem so ist, dann Gute Nacht, Europa!