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1989: Kurz nach seiner Ausreise nach Westberlin findet sich Dirk als Pfleger in der Residenz am Grunewald in Berlin wieder. Nicht, dass er eine Ausbildung hätte. Nicht, dass er jemals bleiben wollte. Er hatte eindeutig Größeres vor! In alternativen Identitäten und erfundenen Biografien schummelt Dirk sich durch seine Wunderwelt: Mal spielt er für eine transsexuelle Prostituierte den bissigen Hund, mal tanzt er für Ceausescu in New Yorks Straßen oder mimt im Ecstasy-Rausch den gelehrten Psychologen. Jörg Rehmanns Debütroman ist ein tragikomisches Panoptikum einer Kindheit in der DDR und der Schwulenszene im Berlin der Neunzigerjahre.
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Seitenzahl: 291
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Jörg Rehmann
Herr Wunderwelt
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© 2020 Kommode Verlag, Zürich
Der Kommode Verlag wird vom Bundesamt für Kultur mit einer Förderprämie für die Jahre 2019–2020 unterstützt.
1. Auflage
Alle Rechte vorbehalten.
Text: Jörg Rehmann
Lektorat und Korrektorat: Barbara Raschig
Cover, Satz und Layout: Anneka Beatty
Druck: Beltz Grafische Betriebe
ISBN 978-3-9525014-2-9
Kommode Verlag GmbH, Zürich
www.kommode-verlag.ch
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Jörg Rehmann
Herr Wunderwelt
Roman
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Macht ist zu bestimmen, welche Geschichten einst erzählt werden.
Carolyn Heilbrun
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Im April 1989 betrat ich zum ersten Mal die Residenz am Grunewald. Die Empfangshalle war ein Glaskasten mit Münzfernsprecher und Rohrstühlen. Auf einem nahm ich Platz und sah mich um. Vor mir hing das Porträt einer aufgedunsenen Frau in Schwesterntracht. Mit bohrendem Blick prüfte mich Oberin Irmgard Breugel, die Stiftungsgründerin. Auf der Tafel daneben las ich, dass ihr, einer Krankenschwester, 1938 drei Villen geschenkt worden waren. In Berlin-Grunewald war alles möglich. Setz dir eine Schwesternhaube auf, und schon bekommst du Villen hinterhergeschmissen. Ich überlegte, was ich mit den Häusern, die ich hier ergattern würde, anfangen könnte. Kein Heim. Das gab es ja schon. Ob die Breugel jetzt sah, dass ich eine Jacke aus knatschrotem Kunstleder und eine Damenhose trug?
Vor einer Woche war ich nach Westberlin ausgereist. Das einzige Zimmer, das ich hatte finden können, war ein Verschlag in Ritas Wohnung. Rita ging auf den Transenstrich in der Frobenstraße, ich zum Vorstellungsgespräch. In meinen Ostklamotten würde mir jede Chance davonfliegen. Also hatte ich mir Ritas Sachen geliehen. Ich war einundzwanzig Jahre alt und wollte wunderschön sein. Ich war wunderschön. Niemand hier würde merken, dass ich eine Bluse trug, sächselte und noch nie einen alten Menschen gepflegt hatte.
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»Da sind Sie ja schon.«
Eine Frauenstimme schreckte mich auf. Frau Schwalbe, die Verwaltungsleiterin, stand vor mir. Ich grüßte und lächelte. Deshalb stellte sie mich ein. Noch heute bin ich sicher, dass dieser Moment der entscheidende war. Frau Schwalbe, eine korpulente Dame in rostbraunem Kostüm, forderte mich auf, ihr zu folgen. In den Verwaltungstrakt gelangte sie mit einem Zahlencode. Ich fragte mich, welche Geheimnisse sich im Büro eines Pflegeheims verbergen konnten. Es waren gigantische und sagenumwobene, daran bestand kein Zweifel. Denn ehe Frau Schwalbe den Code eintippte, hob sie die Augenbrauen und befahl: »Jetzt schauen Sie mal weg.«
Dieser Satz sollte in der Residenz zu meinem Leitmotiv werden. Schon saß ich in Frau Schwalbes Büro und sah, wie sie sich über meine Bewerbungsunterlagen beugte, darin immer wieder blätterte, als suche sie etwas, und meinen beruflichen Werdegang studierte. Sechs Wochen Garderobier im Ratskeller Merseburg, ein Jahr Pflegehelfer im Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie in Leipzig-Dösen. Den Rest hatte ich verschwiegen, und an der Garderobe hatte ich … Und was ging das die Trulla im kackbraunen Kostüm an? Gleich würde sie mir danken und das Gespräch beenden. Es tut mir leid, aber Ihre bisherige Karriere … Was, wenn jetzt ihre Perlenkette am Hals platzen und sich ein Schwall potthässlicher Perlen über die Auslegware ergießen würde, auf Nimmerwiedersehen. In zehn Page 9Jahren, während einer Teambesprechung, würde genau das passieren. Aber jetzt saß ich erst einmal da, und Frau Schwalbe räusperte sich.
»Nun, wie geht man in der Ostzone mit Inkontinenten um?«
Großer Gott, wer oder was waren Inkontinente? In meiner Magengegend zog sich etwas zusammen.
»Im Osten ist das nicht erlaubt«, sagte ich.
»Ach, kommen Sie. Irgendetwas werden Sie doch gemacht haben!«
Vorsichtig beäugte mich Frau Schwalbe. Ich spürte, dass meine Aussicht, hier einen Job zu ergattern, gleich Null war, wenn nicht schleunigst ein Wunder geschah.
»Wer war Irmgard Breugel?«, fragte ich.
»Sehen Sie diese Steine dort?« Frau Schwalbe deutete aus dem Fenster, und ihre Stimme wurde sanfter. »Ihre Pudel liegen dort begraben. Irmgard Breugel liebte Pudel.«
Ich schwieg und wartete. Das war die Antwort? Irmgard Breugels Pudelgrabsteine? Ich dachte an ihr Porträt in der Eingangshalle. Vermutlich hatte sie die Köter auch geschenkt bekommen.
»Können Sie pulsen?«
Wer wäre so dämlich und würde jetzt nicht nicken und Ja! sagen? Ich kann alles, liebe Frau Schwalbe.
»Wie sieht’s aus mit Insulin?«
Wie sollte es damit aussehen? Insulin hieß Page 10meine erste CD, mit der ich in ein paar Monaten die US-Charts stürmen würde. In dieser Woche von Null auf Eins …
»Selbstverständlich.« Ich biss mir auf die Lippen.
»Dann kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen noch, wie eine Badewanne funktioniert.«
Wir verließen das Büro und gingen in den Wohnbereich 1. Im Flur begegneten uns zwei Pflegekräfte. Frau Schwalbe grüßte sie wie die Zöglinge einer Besserungsanstalt. Im Bad hantierte sie an der Armatur. Echtes Wasser floss.
Und was kam jetzt? Zeigte sie mir einen Waschlappen?
Wenn sie mir prophezeit hätte, dass ich dreiundzwanzig Jahre später in ihrem Büro an ihrem winzigen Schreibtisch sitzen und in meiner Personalakte blättern würde – ich hätte die Notklingel gedrückt. Heute lese ich Frau Schwalbes Gesprächsnotiz: Freundlicher Flüchtling, trägt Damenwäsche, recht willig. Grundkenntnisse, Einweisung Bad. Vorerst Station 1.
Nach meiner Ausreise aus der DDR hatte ich die Orientierung verloren und schwitzte deshalb Blut und Wasser. Schon das Notaufnahmelager Berlin-Marienfelde hatte ich erst gefunden, nachdem ich stundenlang umhergeirrt und zunächst im Mercedes-Werk gelandet war. Als ich schließlich das Lager erreicht und dort gesagt hatte, dass ich Page 11mir vorstellen könnte, vielleicht und zunächst erst einmal und wenn es gar nicht anders ginge, in der Altenpflege … Acht Stellenangebote hatte man mir in die Hand gedrückt. Den kürzesten Arbeitsweg von Ritas Wohnung hatte ich bis zur Residenz am Grunewald.
Ehe ich die Residenz fand, ging und lief und rannte ich zwischen Roseneck und Hagenplatz umher. Die Gegend erschien mir wie eine Filmkulisse, in der Dallas oder Die Schwarzwaldklinik gedreht wurden. Keiner der wenigen Menschen auf den gepflegten Straßen kannte die Residenz. Mehrere Male lief ich an ihr vorbei. Es gab kein Schild draußen, nichts. Ein weißgetünchter Block, strahlend wie die Zähne in der Fernsehwerbung. Wurden die Wände hier mit Dentagard geschrubbt? Warum existierte die Residenz am Grunewald inkognito? Weil dort betagte Millionärinnen inkognito lebten. Ich stellte mir vor, dass sie nach Rosenöl dufteten und mir Schwänke aus ihrem Leben erzählten. Sie hatten keine Krankheiten, starben nicht und schmierten niemals mit Stuhlgang.
Die Einarbeitung an meinem ersten Arbeitstag beschränkte sich auf zwei Sätze: »Alle waschen, pampern, aus den Nestern raus und die Zimmer picobello. Wäschewagen steht im Bad, Abwurfwagen in der Spüle.« Schwester Gisela sprach und ging. Ich sollte mit ihr und Oberpfleger Rolf, dem Stationsleiter, arbeiten. Beide verschwanden in die obere Etage. Die Station 1 erstreckte sich über Page 12zwei Stockwerke mit verwinkelten, endlosen Fluren. Ich dachte an Albert Einstein. Von wegen nur das All und die Dummheit der Menschen sind unendlich! Nach einer Stunde glaubte ich, die Zimmer vermehrten sich nach dem Prinzip der Zellteilung. Schon das erste Bett, vor dem ich stand, gab mir Rätsel auf. Wie um alles in der Welt löste man das Bettgitter? Gab es einen Schalter? Musste man kräftig schütteln? Ich suchte und probierte. Minutenlang. Mein erster Schweißausbruch. Ich schlich um das Bett und kroch darunter. Vielleicht gab es zwischen Matratze und Bettgestell einen Drücker? Oder konnte man das Bettgitter überhaupt nicht lösen und sollte mit einer einfachen Hebeübung …
Es klatschte. Eine Ohrfeige von Frau Klinke, 102 Jahre alt. Sie lag im Bett. Ich hatte sie übersehen. Frau Klinke drohte mit den Fäusten. Ohne ihre Ohrfeige hätte ich in der nächsten Minute Kran gespielt. Eine Uhr begann in mir zu ticken. Du bist in der Probezeit!, zischte eine Stimme in mir. Beeil dich! Ich wollte Frau Klinke das Nachthemd ausziehen. Wir zerrten um die Wette.
»Er kann es nicht!«
Ich drehte mich um. Frau Salostowitz, die Bettnachbarin, sah mir zu und spielte Kommentatorin.
»Das schafft er nicht.«
»Jetzt schafft er’s doch.«
»Jetzt hat sie ihn.«
»Jetzt rollt er sie weg.«
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An diesem Morgen hatte mich die Hektik im Griff. Mir blieb keine Zeit für Gerüche, Ekel oder Angst. Wenn ich jetzt versage, werfen sie mich raus. Wenn ich jetzt versage, schlafe ich zwischen Müllkübeln. Wenn ich jetzt versage, wird der Westen so, wie es im Lehrbuch für Staatsbürgerkunde stand. Mir blieb auch keine Zeit zu staunen oder mich zu fragen, warum Frau Korn den Flur entlangschritt, sehr aufrecht, mit bedächtigen, würdevollen Schritten und einem Buch unterm Arm. Immerhin gab es an den Wänden im Flur Ballettstangen. Ab und zu gönnte ich mir dort ein Demi-plié. Und diese Tuben mit den Salben – wofür oder wogegen auch immer – machten sich ganz gut als Mikrofon. Ich zog den Wäschewagen weiter und trällerte Rock and Roll Star von Champagne.
»Alle fertig?« Die Stationsfrau stand plötzlich vor mir, Kaugummi kauend und reichlich mit Silberschmuck behangen.
»Fast«, brachte ich über die Lippen.
»Neue Aushilfe?«
»Fest.« Fest klang in diesem Moment wie lebenslänglich.
»Fast und fest.« Sie prustete los. Für Lady Silverstar war ich eine Eintagsfliege. Durchgeschwitzte Möchtegernis wie mich hatte sie schon oft erlebt. Zu melden hatte ich nichts, und morgen war ich wahrscheinlich weg vom Fenster. Da war es überflüssig, sich vorzustellen.
»Genau deshalb haben wir dich ins kalte Page 14Wasser geworfen«, erklärte mir Oberpfleger Rolf kurz vor Feierabend. »Hier muss man erst mal allein klarkommen.«
Und ich kam irgendwie klar. Frau Delbrück bewarf mich zwar mit Stuhlgang, und Frau Strohschneider wollte mich mit Erika-Luxus-Romanen bestechen, damit ich ihren Bronchialtee in den Ausguss schütte. Frau Schliepe fragte mich, ob ich in der Serie Das Erbe der Guldenburgs mitspiele. Als Fiesling.
Ich beschloss, die Frauen Zauberinnen zu nennen. Sie lachten und schrien, sie schwiegen und schimpften, sie unterrichteten mich. Die Zauberinnen arbeiteten mich ein.
Frau Wiedermeyer war die geheimnisvollste. Gelähmt von zwei Schlaganfällen, lag sie im Bett und rezitierte Balladen von Chamisso. Angeblich hatte sie einst Adenauer aus der Hand gelesen. Oder war es Bismarck gewesen? Egal. Jetzt war ich an der Reihe. Gespannt hielt ich meine Hand direkt vor ihre Augen. Frau Wiedermeyers Kopf begann zu zittern, und sie dehnte jeden Vokal.
»Komisch. Überall, wo sonst eine Frau steht, sehe ich bei Ihnen einen Mann.« Welch prophetische Gabe.
»Sie bleiben sehr, sehr lange hier!«
Jetzt reichte es aber. Ich drehte mich um und verschwand.
Auf Station 1 gab es einen Wettbewerb, ein Pflegen gegen die Uhr. Der oder die Langsamste Page 15wurde bei der Dienstübergabe mit Häme übergossen. Ich nicht. Ich wurde zum Turbopfleger. Das zählte. Das untere Stockwerk mit den achtzehn Zauberinnen war bald kein Problem mehr für mich.
»Du arbeitest wie eine Maschine!«, sagte Oberpfleger Rolf. Das klang für mich wie ein Lob. Den Vogel im Ich-bin-schneller-als-ihr-Spiel schoss ich schon nach wenigen Tagen ab, als ich hinauflief, um Rolf und Gisela zu fragen, ob sie meine Hilfe brauchten. Ich fand sie im Tagesraum. Fünf Zauberinnen saßen dort. Auf dem Tisch lag Schwester Gisela und vögelte mit dem Oberpfleger. Es war 9 Uhr morgens. Ich drehte mich um und hatte nichts gesehen. Ich war in der Probezeit und niemals im Tagesraum gewesen.
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Als ich vierzehn war, gewann Anett Pötzsch bei den Olympischen Winterspielen in Lake Placid im Eiskunstlauf die Goldmedaille. Ihrer Trainerin Jutta Müller schrieb ich einen Brief und erwähnte mein Alter. Ich wollte Eiskunstläufer werden und war zu alt für die Kreuzspirale und den dreifachen Rittberger. Sonst hätte Jutta Müller mir geantwortet und mich zum Probetraining nach Karl-Marx-Stadt eingeladen. Ich blieb in Schkopau und beschloss: Wenn schon kein Sieg bei den Olympischen Winterspielen, dann bei der Russischolympiade. In der siebten Klasse kannte ich sämtliche Vokabellisten im Russischlehrbuch für das Abitur auswendig. Die Vokabeln der Lehrbücher von der siebten bis zur zwölften Klasse wurden meine Mantras. Sechs, sieben, acht Mal am Tag leierte ich sie herunter. Ich wurde meine eigene Jutta Müller, spornte mich an, zeterte und lobte. An die Wände des Kachelofens im Kinderzimmer kritzelte ich mit Kreide meine Resultate und das Lernprogramm für den nächsten Tag. Natürlich genügten keine Vokabeln, um die Russischolympiade zu gewinnen. Im zweiten DDR-Fernsehprogramm sah ich Für Freunde der russischen Sprache, Filme aus der Sowjetunion mit deutschen Untertiteln. Meine Mitschüler lasen Bravo, ich Po Swjetu und Sowjetfrau. Frau Besenkraut, unsere Russischlehrerin, lieh mir ein Tonbandgerät und Bänder mit Texten Page 17zum Übersetzen. Ich wollte siegen. Um jeden Preis. Kam ich aus der Schule, begann das Training. Mindestens bis Mitternacht lernte ich. Wenn mein Kopf schmerzte, ging ich auf dem Friedhof spazieren. Hier versuchte mich niemand in Gespräche zu verwickeln. Ich brauchte Ruhe und Kraft für die nächste Trainingseinheit. Ich roch nicht den Gestank aus den Schloten des Buna-Kombinats. Ich sah auch keine schlohweißen Bäume, an denen Karbidstaub klebte. Ich träumte von der Kreisrussischolympiade, der Bezirksrussischolympiade, der DDR-Russischolympiade. Die internationale Russischolympiade in Moskau sollte mein Lake Placid werden.
Die Schulrussischolympiade war nur der Probelauf, um meinen Trainingsstand zu überprüfen. Drei Unterrichtsräume in der Wladimir-Iljitsch-Lenin-Oberschule hießen an diesem Nachmittag Stationen. In jeder Station erwartete mich eine Russischlehrerin.
Ich betrat Station 1, selbstverständlich im FDJ-Hemd, grüßte auf Russisch und nahm Platz. Ein Monolog war fällig. Frau Krieg lächelte mir zu. Ich sollte berichten, wie sich die FDJler meiner Klasse auf den Geburtstag Ernst Thälmanns vorbereiten. Ich konnte mir ausrechnen, was sie hören wollte. In jedem Jahr gab es irgendwelche Jubiläen, im letzten Jahr war unsere Republik dreißig Jahre alt geworden, in diesem hatte ich auf den soundsovielten Jahrestag des Siegs der Sowjetarmee Page 18gesetzt. Aber halb so schlimm – für alle möglichen Jahrestage hatte ich Texte auswendig gelernt. Ich rasselte meine Sätze herunter. Volle Punktzahl und Zusatzpunkt für meine Aussprache.
Station 2: Dialog! Frau Besenkraut stellte mir Fragen wie »Hast du einen Freund in der Sowjetunion?« oder »Welchen Beitrag leistest du zur Erfüllung der Beschlüsse des neunten Parteitages?« Ich bot zehn kleine Sequenzen, die ich mir zurechtgelegt hatte. Da ich auch hier nur fünfzehn Minuten verweilen durfte – anschließend läutete die Schulklingel, und ich hatte die Station zu verlassen –, musste ich mich kurz fassen, durch Originalität bestechen und in möglichst jeden Satz eine Vokabel, die im Russischunterricht noch nicht aufgetaucht war, unterbringen. Bei der DDR-Olympiade würde ich hier eins draufsetzen, aus meiner Hosentasche einen klitzekleinen Wandteller ziehen und ihn meiner Gesprächspartnerin zum Abschied schenken. Macht garantiert einen Zusatzpunkt.
Station 3: Übersetzen! Mein Schwachpunkt. So langweilig wie die Pflichtelemente beim Eiskunstlaufen, die so gähnend öde waren, dass sie nicht einmal vom DDR-Fernsehen übertragen wurden, obwohl Anett Pötzsch dort immer glänzte. Manchmal patzte ich beim Übersetzen. Aber nicht hier. Da konnte Frau Belzig so streng schauen, wie sie wollte. Die Belzig war nur so zickig, weil ihre Tochter Jana heute auch an der Olympiade teilnahm und höchstens Dritte wurde.
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Anett Pötzschs gefährlichste Rivalin war Linda Fratianne aus Kalifornien, meine Tanja Bandow von der Tereschkowa-Oberschule in Merseburg. Bei der Kreisrussischolympiade lieferten wir uns seit der sechsten Klasse erbarmungslose Gefechte. Tanja Bandow hatte Haare bis zum Arsch und galt als unschlagbar. Mittlerweile schlief ich nachts auf Wörterbüchern, weil ich hoffte, die Vokabeln würden so in meinen Kopf wandern. Es half nichts. Ich blieb ewiger Zweiter im Kreis Merseburg. Zwar mit deutlichem Punktabstand zur Drittplatzierten, irgendeiner Antje aus Schafstädt. Aber wen tröstete das? Bei der Weltmeisterschaft in Wien 1979 war Anett Pötzsch zweimal gestürzt, und die Fratianne hatte ihr Glück kaum fassen können. Ein Jahr später kehrte Anett auf das Siegerpodest zurück. Als bei der Siegerehrung die Hymne der Deutschen Demokratischen Republik erklang, saß ich vor dem Fernseher und heulte Rotz und Wasser. Die Fratianne sah blöd aus der Wäsche. Genau so würde es der Bandow gehen.
Im nächsten Jahr bat ich Frau Besenkraut, mich nicht für die Kreisrussischolympiade meines Jahrgangs zu nominieren. Das war der große Schachzug, den ich plante. Ich würde einfach ein oder zwei Schuljahre überspringen. Tanja Bandow könnte die Olympiade der achten Klasse und ich in der neunten oder zehnten gewinnen. So würde ich meiner Gegnerin aus dem Weg gehen und mir Zeit verschaffen, um meinem großen Ziel, der Page 20Goldmedaille in der zehnten Klasse, näherzukommen. Frau Besenkraut war von meinem Vorschlag begeistert. In den Russischstunden durfte ich jetzt Iswestija und Komsomolskaja Prawda lesen. Und ich entdeckte Merseburg-West. Nachmittags stieg ich auf mein Fahrrad und radelte die F91 entlang. Schkopau zu verlassen, auf dem Radweg neben der Fernverkehrsstraße, drei oder vier Kilometer, war eine Verheißung und Merseburg-West eine andere Welt. Die Straßen mit den Häuserblocks aus den sechziger Jahren waren nach sowjetischen Kosmonauten benannt. Neben dem Kosmonautenviertel befand sich die Garnison der sowjetischen Streitkräfte. Auf der Straße spielten Kinder und sprachen russisch. Das war Musik in meinen Ohren. Es dauerte nicht lange, und ich spielte mit Wadim, Waleri und Lena. In ein paar Jahren würden sie in die Sowjetunion zurückkehren. Der Gedanke tat mir weh. Aber es würde neue Wadims, Waleris und Lenas geben, und ich hätte dann Brieffreunde, die mir Luftpostbriefe aus ihrer Heimat schreiben würden. Die Sowjetunion war das fortschrittlichste Land der Welt. Ich wollte nach Leningrad und Kiew, in den Kaukasus und auf den Pamir, in die Taiga und nach Sibirien. Ich war glücklich, dass es die Garnison in Merseburg gab. Sie war ein kleines Stück Sowjetunion.
Ich gewann die Olympiade im Bezirk Halle. Als Frühstarter, der eine Klasse übersprang, durfte ich als Erster die Stationen absolvieren. Meine Page 21Leistungen würden die Messlatte sein für alle, die nach mir kamen und ihre Monologe und Dialoge abspulten. Mich umwehte eine Wunderkindaura. Selbst den Weg von der Tür zum Stuhl, auf dem ich Platz nahm, hatte ich geübt. Ich durfte nichts dem Zufall überlassen. Zu Hause im Kinderzimmer hatte ich den aufrechten Gang und ein zaghaftes Lächeln geprobt. Zu selbstbewusst durfte ich auf keinen Fall aussehen. Sonst gingen im schlimmsten Fall die Zusatzpunkte flöten. Ich wollte das kleine Sprachgenie sein, unbekümmert und bescheiden.
Nach der Olympiasaison beendete Anett Pötzsch plötzlich ihre Laufbahn als Leistungssportlerin. Es gab Gerüchte, dass sie in den Westen abhauen und bei Holiday on Ice auftreten wollte. Der Erfolg war ihr zu Kopf gestiegen. Nachdem die Pötzsch in unserer Republik den dreifachen Salchow und den dreifachen Toeloop lernen durfte, wollte sie durch die NATO-Staaten tingeln. Ein Glück, dass der Blödsinn zeitig genug entdeckt worden war. Von ihrer Flucht war im Westfernsehen noch nicht die Rede. Meine Eltern sahen jeden Abend Tagesschau, und einen Fluchtversuch der Pötzsch hätte sich die imperialistische Propaganda niemals entgehen lassen. Aber auch im DDR-Fernsehen tauchte Anett Pötzsch nicht mehr auf. Also musste sie etwas ausgefressen haben. In unserer Republik wurde niemand fallen gelassen, schon gar keine Olympiasiegerin. Offenbar fehlte ihr der Page 22gefestigte Klassenstandpunkt. Ich redete mir ein, dass die Eiskunstläufer aus der Sowjetunion, im Gegensatz zu der undankbaren Schlampe aus Karl-Marx-Stadt, ihre Heimat wirklich liebten. Von nun an drückte ich ihnen die Daumen. Irina Rodnina war zehnmal Weltmeisterin im Paarlaufen geworden. Darin zeigte sich die Überlegenheit des Sozialismus.
In der zehnten Klasse visierte ich die DDR-Olympiade an. Dort würde ein schärferer Wind wehen. Frau Besenkraut sagte mir, dass ich während der Winterferien die sowjetische Mittelschule in Merseburg besuchen durfte. Was für ein Geschenk! Jeden Tag in die Garnison! In der Mittelschule trugen Jungen und Mädchen Schuluniformen. Sie sprangen auf, sobald ihr Nachname gebrüllt wurde, und leierten zwei oder drei oder vier Sätze herunter, während Frau Lehrerin eine Zensur in ihr Heftchen kritzelte. Setzen. Die Zensuren wurden weder verkündet noch erläutert. Die gesamte Klasse starrte auf die schreibende Hand der Lehrerin, während die Schüler sich abstrampelten. Mir taten die uniformierten Jungen und Mädchen leid. Aber ich war nicht hier, um mitzuleiden.
Meine Eltern waren stolz auf meine Auszeichnungen, die Urkunden, Medaillen und die Reisen mit dem Freundschaftszug nach Kiew und Saporoschje. Erst als ihnen zu Ohren kam, dass ich im Sommer im Buna-Bad nur noch mit Russkis unterwegs war, fragte meine Mutter, ob ich es nicht ein Page 23bisschen übertreibe. Sie verstand mich nicht. Die meisten Schkopauer sprachen miserabel russisch, und mich interessierte nicht, wer am letzten Samstag im Westfernsehen bei Auf Los geht’s los! aufgetreten war oder in der Bundesliga einen Elfmeter verschossen hatte. Die lang gedehnten russischen Vokale, die Musik, die in Wörtern wie dostoprimjetschatjelnosti schwang, die Lieder von Alla Pugatschowa, die mir Wadim, Waleri und Lena auf ihren Kassettenrekordern vorgespielt hatten – das war meine Welt. Die Druschba-Trasse und die Pionierrepublik Artek. Matrjoschka, Buratino und die Märchen von Wladimir Wolkow. Die Länderwertung bei den Olympischen Spielen. Das Haus der Offiziere in Merseburg.
Dort fand sonntags tanjez statt. Fast immer war ich der einzige Deutsche dort. Dem tanjez fieberte ich Woche für Woche entgegen. Im hinteren Teil des Hauses befand sich das magasin, wo es nach Fisch, Schweiß und Parfüm duftete, und daneben eine Tanzfläche unter freiem Himmel, wo Männer miteinander tanzten, tranken und sich umarmten. Als ich das zum ersten Mal sah, stockte mir der Atem. Ich würde immer wieder hierher kommen, jahrelang, damit jemand seine Hand auf meine Schulter legte und mit mir russisch sprach.
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Es war anstrengend, Ritas Untermieter zu sein. Kam sie morgens vom Strich, sturzbesoffen und mit zerrissenen Strumpfhosen, fuhr ich zum Frühdienst. Manchmal brachte sie Kunden mit. Sie hatte Angst vor ihnen und erzählte deshalb, sie besitze zwei Dobermänner. Sobald sie die Wohnung betrat und »Arko! Platz! Aus!« schrie, wusste ich, was ich zu tun hatte. Bellen und kläffen. Nie hatte Rita das Geld für die Miete am Monatsersten zusammen. Die ersten Mahnungen des Hausbesitzers trafen ein. Sie versuchte, ihre Geschäfte mit Annoncen in der BZ anzukurbeln und pries sich als amerikanisches Travestiemodell an. Die Anzeigen erschienen, und Mrs. America kam morgens torkelnd nach Hause, sank auf ihre Matratze und schnarchte. Fast ununterbrochen klingelte das Telefon. Ich hatte frei, aber ich nahm den Hörer nicht ab, bis ich den Schlafplatz unter der Brücke vor mir sah. Der Gedanke daran versetzte mich in Panik. Wenn Oberpfleger Rolf im Tagesraum vögelte, konnte ich mich ja wohl um den Dienstplan einer Nutte kümmern.
Also nahm ich beim nächsten Klingeln ab und hauchte und wisperte so, wie ich mir das Hauchen und Wispern eines amerikanischen Travestiemodells vorstellte. Ich verhandelte die Preise – fast immer die erste Frage der Kunden – und vereinbarte Termine. Klingelte es, lief ich zur Tür und begleitete die Männer in Ritas Zimmer. Sie hielten Page 25mich für ihren Zuhälter. Bellen musste ich jetzt nicht mehr. In diesen Wochen lernte ich die Welt der bizarren Kundenwünsche kennen. Rita hatte nur wenige Stammkunden. Der Chef einer großen Berliner Brauerei gehörte zu ihnen und frühstückte jeden Dienstag mit ihr. Rita aß ein Brötchen, und er verspeiste, auf einem Porzellanteller und mit Petersilie garniert, Katzenscheiße. Rita durfte dabei nicht lachen. Ein anderer Herr ließ sich sieben Tennisbälle in den Arsch stecken. Rita nannte ihn Boris Becker. Und dann war da noch Monsieur Nasenstein, den sie mit Popeln beschnipste. Ich fragte mich, was daran so dramatisch sein sollte, wenn die Zauberinnen in der Residenz den Weg zur Toilette nicht fanden oder ihre Nachthemden zerrissen. Und warum Rita mich bedauerte, weil ich dort arbeitete. Ihre Freundinnen waren die Nutten der Frobenstraße. Auch sie hatten Mitleid mit mir. Sie ließen sich auspeitschen und froren nachts auf der Straße. Kunden schikanierten und bedrohten sie. Aber für sie schien selbst das erträglicher zu sein als ein Frühdienst in der Residenz.
Rita träumte von einem steinreichen Kunden, der sie heiraten würde. Bevor sie abends loszog, schob sie eine Kassette in den Videorekorder. Sie stellte sich vor den Spiegel, mit dem Kerzenständer in der Hand, und spielte Marlene Dietrich. Rita ging nie zum Arzt. Ihre Schuppenflechte überschminkte sie, und ich klaute in der Residenz Balneum-Hermal-Waschlotion und Tramaltropfen, Page 26als sie Zahnschmerzen bekam. Damals entdeckte ich, dass die Residenz und ganz Westberlin Selbstbedienungsläden waren. Ich lief durch die Stadt und klaute. In einer Buchhandlung in Schmargendorf ließ ich bei jedem Besuch einen Gedichtband mitgehen, bis das Regal leer war. Jean Genet und Henry Miller, damals meine Hausgötter, hätten mir dafür die Wange getätschelt. Auch in Kaufhäusern interessierten mich Bücher, vor allem die eingeschweißten Hardcoverausgaben. Die winzigen Metallstreifen auf den Bücherrücken kümmerten mich so wenig wie die lästige Sirene, die immer dann losjaulte, wenn ich Karstadt, Hertie oder Wertheim verließ.
Als Rita mich bat, in der Residenz sterile Kanülen mitgehen zu lassen, entdeckte ich die Einstichstellen und Hämatome auf ihrer Haut. Ich schüttelte den Kopf. Dann fehlte Geld in meinem Portemonnaie. Und ich fand die fristlose Kündigung des Vermieters im Briefkasten. Rita hatte seit Monaten keine Miete gezahlt.
Die ausgemergelte Gestalt, die ich zwanzig Jahre später am Kottbusser Tor sehen würde, durfte Rita nicht sein. Sie würde am Eingang des Kaiser’s Supermarktes stehen, meinem Blick ausweichen und noch immer das knatschrote Jäckchen tragen, in das ich mich vor meinem Vorstellungsgespräch in der Residenz gezwängt hatte.
»Wenn du Oberpfleger bist, heirate ich dich«, hatte sie einmal gesagt.
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Jeden Mittwoch, 8 Uhr, ging ich zur Besprechung mit Herrn Pfeiler, dem Direktor der Lenin-Oberschule. Dafür stand ich gern eine Stunde früher auf. Herr Pfeiler nahm sich jede Woche für die Freie Deutsche Jugend Zeit. Ich war der Sekretär unserer FDJ-Grundorganisation. Jeden Mittwoch sollte ich Herrn Pfeiler berichten, worüber in den Klassen gesprochen wurde. Darauf war ich stolz. Die Stunde bei Herrn Pfeiler war mein Beitrag, um die Kampfkraft unserer Republik zu stärken. Überall lauerten Feinde. Überall betrieb die imperialistische Konterrevolution ihre Maulwurfstätigkeit. Auch in der Lenin-Oberschule in Schkopau. Als ich in die siebte Klasse ging, schrie ich bei den Fahnenappellen Schüler aus der zehnten Klasse an, die zum FDJ-Hemd Westjeans trugen. Wer sich diese Unverschämtheit beim Appell leistete und das Gesicht zur Ich-kau-lieber-Kaugummi-Fresse verzog, musste damit rechnen, dass ich ihn vortreten ließ und zur Rechenschaft zog.
Eines Tages besuchte der Botschafter Ägyptens die Lenin-Oberschule. Ich trug eine Rede vor, die Herr Pfeiler verfasst hatte. Ich ließ mir Zeit, senkte die Stimme kurz vor dem Satzende und sagte Sätze wie: »Alle Kinder in der Deutschen Demokratischen Republik lieben den Frieden.« Der Botschafter versuchte zu lächeln, während ich sprach. Er schenkte mir ein Medaillon mit dem Page 28Konterfei Kleopatras und erwiderte meine Rede mit dem Satz, dass auch die Kinder in Ägypten den Frieden lieben. Das war gelogen. Im Neuen Deutschland hatte ich etwas anderes gelesen. Ägypten machte seit dem Camp-David-Abkommen gemeinsame Sache mit Israel, dem zionistischen Aggressor. »Das stimmt nicht!«, rief ich dem Botschafter zu, ehe ich eilig zur Seite gedrängt wurde und Herr Pfeiler sich wortreich entschuldigte. Herr Pfeiler tadelte mich am nächsten Mittwoch. Potenzielle Bündnispartner wie Ägypten dürfe man niemals verprellen, und ich solle endlich lernen, mich taktisch klüger zu verhalten.
Seit dem sechsten Schuljahr saß ich mittwochmorgens bei Herrn Pfeiler und musste berichten. Aber woher sollte ich wissen, worüber in den Klassen 9b, 10a oder 7c gesprochen wurde? Ich erfand ein paar Gesprächsthemen und zählte politische Ereignisse auf. Das Kriegsrecht in der Volksrepublik Polen. Die Sowjetarmee befreit Afghanistan. Der NATO-Doppelbeschluss macht Westeuropa zur atomaren Startrampe.
Herr Pfeiler hatte gesagt, dass ich mich in den Schulpausen neben die Kirchlis stellen soll. Die Kirchlis musste man im Auge behalten. Auf dem Schulhof wollte niemand etwas mit mir zu tun haben. Ich galt als rotes Arschloch. Jeder neue Schultag bedeutete Klassenkampf. Wichtig war, sich nicht beirren zu lassen. Das dachte ich auch, als ich den Scheißhaufen entdeckte, den mir Page 29jemand in meine Schultasche gesteckt hatte. Es gab nicht viele Kirchlis in der Lenin-Oberschule. Jeder wusste, wer in Schkopau zur Jungen Gemeinde ging – aus meiner Klasse nur Barbara Pappauf mit den dünnen geflochtenen Zöpfen. Ich nannte sie Barbara Kaulquappe. Barbara Kaulquappe hatte vier Geschwister, wollte Pudelfriseuse werden und sprach am liebsten über ihre gesammelten Kaugummibilder. Ich behielt sie im Auge, aus sicherer Entfernung. Auf Gespräche über Kaugummibilder wollte ich mich nicht einlassen. Wer ging heutzutage noch in die Kirche? Meine Großmutter! Das war mir peinlich. Ich besuchte Oma Olga nur, wenn es sich nicht vermeiden ließ. An ihrem Geburtstag, zu Weihnachten, und einmal im Jahr schippte ich einen Berg Kohlebriketts in ihren Keller. Oma Olga lebte seit der Flucht aus Niederschlesien in ihrer eigenen Welt. An den Wänden ihrer winzigen, dunklen Wohnung in Merseburg-Nord hingen riesige Marienporträts, Jesuskreuze und Erst-wenn-du-in-der-Fremdebist-weißt-du-wie-schön-die-Heimat-ist-Sprüche. Oma Olga stand morgens nicht vor zehn Uhr auf. Sie sprach mit hartem, wasserpolnischem Dialekt über Schlegenberg, als wäre sie gerade eben noch dort gewesen, und über Gott. Sie war ein Überbleibsel aus der Zeit des Kapitalismus. Ich schämte mich, eine Großmutter zu haben, der es schnurzpiepe war, dass sie seit Jahrzehnten in einem sozialistischen Land leben durfte.
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Schwester Rotraud arbeitete seit achtundzwanzig Jahren auf Station. Das erfuhr ich im ersten Satz, den sie mir hinwarf. Es war mein erster Nachtdienst im Irmgard-Breugel-Haus. Schwester Rotraud bereitete um 22 Uhr die Kaffeemaschine für den Frühdienst vor, damit sie morgens nur den Knopf drücken musste. Dann spritzte sie Flüssigseife in die Waschschüsseln, stellte sie vor die Zimmertüren und meinte, damit morgens viel Zeit zu sparen. Sie hatte nachts fünfzehn Zauberinnen zu waschen. Benutztes Inkontinenzmaterial formte sie zu kubischen Plastiken. Als hätte sie soeben ein Werk erschaffen, von dem sie, die Künstlerin, sich nur ungern trennen wollte, ließ sie immer erst nach einem Augenblick der Andacht die Unikate im Müllsack verschwinden. Ansonsten war Marschtempo angesagt. Und Kommandoton. Auf dem Weg zur Toilette packte sie die Zauberinnen fest am Nacken.
»Die können alle. Die wollen bloß nicht.«
Ich sah, hörte und schwieg. Mein erster Nachtdienst überbot alles, was ich bisher erlebt hatte. Führte Schwester Rotraud eine Show für mich auf? Sollte ich sehen, dass sie die Zauberinnen im Griff hatte? Oder sprach sie tatsächlich, Nacht für Nacht, mit ihnen in diesem Ton? Warum arbeitete sie nicht im Zirkus, als Dompteuse in der Raubtiernummer? Ausgerechnet Schwester Rotraud Page 31mochte mich. Weil ich schon um 5 Uhr morgens zum Frühdienst erschien – manchmal floh ich vor Rita und ihren Kunden – und ihr zuhörte. Nach sechs Frühdiensten hatte ich sechs Mal vernommen, dass Schwester Rotraud in ihren achtundzwanzig Dienstjahren schon viele hatte kommen und gehen sehen und früher alle hier morgens drei Tropfen Haloperidol bekommen hatten.
»Da waren sie artiger.«
Erschien ich erst um 6 Uhr zum Frühdienst, zog Schwester Rotraud einen Schmollmund. Aber ich hatte meinen Kredit bei ihr deshalb nicht ganz verspielt. Ihr Dienst dauerte bis 6:30 Uhr, und so blieb ihr immer noch eine halbe Stunde, um Geschichten über ihre Pudel loszuwerden. Schwester Rotraud nutzte die Zeit der Dienstübergabe, um für Hundehalsbänder mit Rubinimitaten, für Haarschleifen und Frolic zu schwärmen.
Die Dienstübergabe war zwei Wörter lang.
»War nüschd.«
Frau Schwalbe war Oberpfleger Rolfs Charme verfallen. Regelmäßig kaufte er für die Zauberinnen ein und gab die Quittungen in der Verwaltung ab. Offenbar hatte nie jemand einen Blick auf die Quittungen geworfen. Eines Tages erschien Frau Schwalbe, reichte ihm mit eiskaltem Blick ein Kuvert und verschwand. Rolf las und verließ die Station 1. Für immer. Frau Schwalbes Brief hatte er auf dem Tisch liegen lassen. Darin fragte Frau Schwalbe, warum er Stringtangas für Patientinnen kaufe. Page 32Oberpfleger Rolf erhielt Hausverbot. Das stand am nächsten Tag an der Pinnwand. Er rächte sich. Mit ihm verschwanden vier Pflegerinnen, unter ihnen Schwester Gisela. Die Karawane zog in die nächste Pflegeeinrichtung. Schwester Rotraud blieb. Mir teilte Frau Schwalbe auf einem Zettel mit, dass ich auf Station 4 versetzt werde. Ab morgen.
Station 4 war eine bröckelnde Villa, eine Minute vom Haupthaus der Residenz entfernt. Die Stationsschwester dort wurde die Äbtissin genannt. Wortlos wies sie mir einen Platz am Tisch im Schwesternzimmer zu und nestelte nervös an der Strickjacke, die sie über dem Kittel trug. Sie wich meinem Blick aus, als sei es ihr peinlich, dass sie sich ohne Schleier zeigte.
»Sie arbeiten in der Pflege.« Aus dem Mund der Äbtissin klang das, als wäre ich mit diesem Satz geweiht und gewarnt worden. Die Äbtissin wiederholte ihn oft. Sie arbeiten in der Pflege. Ich hatte das große Los gezogen.
»Ihr Arbeitsplatz ist Motivation genug.« Mantra Nummer zwei. Mit jeder neuen Weisheit gab die Äbtissin mir neue Rätsel auf. Ich kaute auf ihnen herum, wiederholte sie, lotete sie aus und konnte sie nicht vergessen. In der Villa arbeiteten meist drei Pflegekräfte im Frühdienst. Gemeinsam betraten wir jedes Zimmer. Zwischen uns existierte eine unausgesprochene und exakt definierte Arbeitsteilung. Jede Pflegekraft wiederholte bei jeder Zauberin dieselbe Tätigkeit. Alles musste so Page 33schnell wie möglich gehen. Ich verglich uns mit einem Heuschreckenschwarm, der unerwartet über ein Zimmer hereinbrach und ebenso schnell wieder verschwand. Die Äbtissin richtete die Gardinen, besprühte die Nachtschränke mit Desinfektionsspray, und als seien diese Tätigkeiten nicht aufregend genug, begrüßte sie die Zauberinnen jeden Morgen mit der Frage: »Na, wer bin ich?«
