Davon - Jörg Rehmann - E-Book

Davon E-Book

Jörg Rehmann

0,0

Beschreibung

Sechsundzwanzig Jahre im Drogenrausch in Berlin. Seine Mutter demonstrierte bei Pegida und wurde Mitglied der AfD. Sein Vater träumte sich in die DDR zurück. Seine Schwester tingelte nach der Wende durch Teleshoppingkanäle. Und er? Er fuhr nach Polen und in die Ukraine. Das verwandelte alles. Wirklich alles.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 175

Veröffentlichungsjahr: 2024

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Jörg Rehmann

Davon

1. Auflage

© 2024 Kommode Verlag, Zürich

Alle Rechte vorbehalten.

Lektorat: Matthias Jügler

Korrektorat: Patrick Schär, torat.ch

Cover, Gestaltung und Satz: Anneka Beatty

Druck: Beltz Grafische Betriebe

ISBN 978-3-905574-41-8

Kommode Verlag GmbH, Zürich

www.kommode-verlag.ch

Jörg Rehmann

Davon

Nur eines interessiert mich wesentlich,

nämlich das aufzuzeichnen, was in Büchern

weggelassen wird.

Henry Miller

1

Meine Großmütter konnten sich nicht leiden. Zum letzten Mal saßen sie 1969 nebeneinander, als meine Schwester Saskia eingeschult wurde. Für diesen Tag ließ sich meine Mutter etwas Besonderes einfallen. Tischkarten. So etwas hatte es bei uns noch nie gegeben. Im Papierladen kaufte sie Alles-Gute-zum-Geburtstag-Karten und strich das Wort Geburtstag durch. Sie schrieb die Vornamen meiner Großmütter in Schönschrift darüber und platzierte Martha ausgerechnet vor die Karte mit der Aufschrift Alles Gute zum Olga. Martha schürzte nur die Lippen. Von dieser Schwiegertochter hatte sie nichts anderes erwartet.

Wäre es nach ihr gegangen, hätte mein Vater Gitti Heinemann geheiratet, die schönste Straßenbahnschaffnerin der Warschauer Vertragsstaaten. Gitti Heinemann wischte ihre Nase am Ärmel des Dienstjacketts ab und sagte mir oft, dass mein Vater sie heiraten wollte. »Aber er ist mir zu politisch«, fügte sie jedes Mal hinzu. Von der Ehe mit Gitti Heinemann versprach sich meine Großmutter kostenlose Straßenbahnfahrten. Die Aussicht, zwanzig Pfennige zu sparen, wenn ihre Schwiegertochter kassierte, ließ sie frohlocken. Außerdem waren noch Christel Kress (eine Facharbeiterin mit der höchsten Lohngruppe) und die Tochter von Bäcker Pretzsch im Rennen. Meine schwangere Mutter durchkreuzte Marthas Pläne. Martha war fassungslos. Ausgerechnet eine Schlesierin aus dem Lager. Für Martha waren alle dort Halbpolacken. Kein echter Schkopauer wagte sich dorthin, nur Herbert, ihr jüngster Sohn. Für die Halbpolacken war in Schkopau sogar eine katholische Kirche erbaut worden. Eine schwarze Baracke. Mitten in einem sozialistischen Land. In Polen war so etwas gang und gäbe. Aber schon Stalin hatte gesagt, dass der Sozialismus zu Polen passt wie die Kuh zum Sattel. Das Stalinzitat gab Oma Martha bei jeder Geburtstagsfeier zum Besten. Sie erschien weder zum Polterabend noch zur Hochzeit meiner Eltern.

Olga ignorierte ihre Tischnachbarin und träumte sich zum Fenster hinaus. Ein Schwiegersohn, der ihr spätestens nach dem fünften Schnaps den Satz »Ich habe nichts gegen Leute wie euch«, sagte, war besser als eine uneheliche Tochter mit Kind. Außerdem hatte er goldene Elektrikerhände. In der Laube fiel oft der Strom aus.

Der Wettstreit meiner Großmütter begann. Ich war fünf Jahre alt und kroch unter den Tisch. Olgas und Marthas Beine steckten in gestopften Strumpfhosen. Alle Gäste hatten ihre Hausschuhe mitgebracht. Olga und Martha streiften sie ab und wippten mit den Füßen. Mit meinen Matchbox-Autos fuhr ich ihre Waden hinauf und hinab, bis Olga »Ach, nicht doch!« und Martha »Der Junge hat Geschmack!« rief. Ich wurde ermahnt, mein Versteck zu verlassen, und wieder vergessen. Hier unten war ich sicher. Es gab keine Feier ohne Wettstreit, und immer gab Oma Martha das Startsignal. Sie nannte Pfarrer Dietrich, der sich geweigert hatte, sie zu konfirmieren, einen Himmelhund. »In Schlesien habe ich jedes gebackene Brot dreimal bekreuzigt«, sagte Olga. Martha konterte, dass sie ihr Poesiealbum an einem einzigen Nachmittag mit Sprüchen gefüllt und alle Unterschriften gefälscht hatte. Am besten gelangen ihr die Krakeleien des Himmelhundes. »Pastor Loschka hat mir einmal mein Gesangsbuch nach Schlegenberg gebracht«, sagte Olga. »Den ganzen Weg war er meinetwegen aus Leobschütz gelaufen.« Später fand sie im Gesangsbuch lauter Eselsohren.

Neben Oma Olga saß Opa Paul, der manchmal »Das war wirklich so« und »Was wird, das wird« sagte. Martha holte zum nächsten Gegenschlag aus. In den Zwanziger- und Dreißigerjahren pilgerte sie von einem herrschaftlichen Haushalt zum nächsten und wurde bald wieder vor die Tür gesetzt. Sie blieb das schwarze Schaf der Familie und kehrte jedes Mal nach Löbejün zurück, bis meinen Urgroßeltern der Kragen platzte. Martha musste zu Fuß nach Schkopau laufen, wo das Buna-Werk entstand, und Arbeit finden. Die letzte Stellung hatte sie verloren, als sie auf dem Bett der Baronin von Schulenburg Trampolin spielte und ihre Kleider anprobierte.

Mit dieser Geschichte verbuchte Martha einen entscheidenden Punkt. Olga schwieg. Die Rivalin schwächelte, und Martha legte sofort nach. Jetzt folgte die Geschichte mit den tausend Lebensmittelmarken, die sie 1946 in ihren Büstenhalter stopfte. Mit dem prall gefüllten BH radelte, nein flog sie schnell nach Hause, auf dem Fahrrad, das sie soeben dem sowjetischen Offizier geklaut hatte. Ich sah, dass ihre Beine zitterten. Olga trat auf Pauls Fuß. Es gab selten Geburtstagsfeiern, an denen sie die Nase vorn hatte. Auf ihrem Trägerrock entdeckte ich zwei Mottenlöcher, und sie sprach in einem Dialekt, den ich kaum verstand. Aber stand sie auf und ging zur Toilette, schritt Olga wie durch einen Thronsaal. Für mich war sie die Königin aus Schlesien.

Meine Großmütter übertönten die Stimmen der anderen Gäste. Ich spitzte die Ohren, bis Oma Martha fragte: »Wo steckt eigentlich unser Silberprinz?« Daraufhin gaben sich alle ahnungslos. Ich kroch aus meinem Versteck, und mein Vater hob mich auf den Tisch. Auf diesen Moment hatte ich gewartet. Ich stand zwischen Aschenbechern, Gläsern und Schälchen voller Erdnussflips. Meine Mutter brachte schnell die Requisiten. Ein Handtuch auf dem Kopf wurde zur Mireille-Mathieu-Frisur und ein roter Kerzenständer das Mikrofon. Ich sang Straßburg lag im Sonnenschein und An einem Sonntag in Avignon, mit dem Akzent, den ich im Fernsehen bei Mireille Mathieu aufgeschnappt hatte. Alle applaudierten. Auch Olga und Martha. Ich wurde süchtig nach den Minuten auf dem Wohnzimmertisch. Ich flog nicht durch das rauchgeschwängerte Zimmer, über den Kachelofen oder durch das Fenster hinaus, in den Garten, wo unser Gurkenzelt aus Igelit stand, das ich mit dem Stängel meines Lutschers zerstörte, Wand für Wand. Ich schwebte nicht zum Schkopauer Schloss, wo sich der Kindergarten befand, in dem ich kein einziges Wort hervorbrachte und das Mittagessen in die Taschen meiner Lederhose steckte. Ich stand nur auf dem Tisch und war im Rausch.

Meine Großmütter starben 1980. Marthas Poesiealbum und Olgas Gesangsbuch wollte damals niemand haben. Ich brachte es nicht fertig, sie wegzuwerfen. Jeden Umzug hatten sie seitdem überstanden. Vierzig Jahre später öffnete ich sie zum ersten Mal. Aus Olgas Gesangsbuch fielen ein paar lose Zettel, und es war voller Eselsohren. Die Seiten des Poesiealbums waren verklebt und sämtliche Sprüche mit derselben Schrift verfasst worden. Immer achtete ich auf genügend Abstand zwischen meinen Erbstücken. Ich glaubte, dass Martha und Olga darauf bestanden.

Eines Tages legte ich sie nebeneinander.

2

Zum ersten Mal verlief ich mich auf dem Weg zur Arbeit. Mit den acht oder neun Joints, den paar Lines, dem Rotwein und der Handvoll Schlaftabletten gestern Abend hatte das nichts zu tun. Am Morgen starrte mich Graf Dracula im Spiegel an. Ich trug Selbstbräuner und Karottenöl auf. Dass die Studis mich Mister Schuhcreme und Mahagonischrankwand nannten, war ein Gerücht. Mit entschlossenen Schritten lief ich zum Görlitzer Bahnhof, in gebügeltem Hemd und Budapester Schuhen. Mir ging es großartig. Ich liebte Kreuzberg. Weil am Schaufenster des Buchladens in der Reichenberger Straße das Wort Rauschkunde stand. Weil die Verkäuferin im Headshop in der Oranienstraße mir immer ein fettes Wochenende wünschte. Weil die Fahrradständer am Spreewaldbad siebzehn Hanf-im-Glück-Aufkleber schmückten.

Ich lief und staunte. Alle Häuser sah ich zum ersten Mal. In dieser Straße war ich nie zuvor gewesen. Das war kein Grund, panisch zu werden. Mein Nahziel hieß Görlitzer Bahnhof, mein Fernziel Pflegeschule am Gleisdreieckpark. Ich durfte das nicht vergessen. Überall lauerten plötzlich Querstraßen und Kreuzungen. Ich musste nur geradeaus gehen, die Wiener Straße entlang. Aber wie um alles in der Welt war ich in diesen Park geraten, wo Menschen auf Fahrrädern an mir vorbeifuhren und mich ignorierten? Ich blieb stehen, schloss die Augen und versuchte es mit Konzentrationsübungen. Auch dieser Gruseldienstag würde vergehen. Langsam öffnete ich die Augen. Auf einer Bank schnarchte jemand mit offenem Mund und hielt einen Joint in der Hand. Dort hinten warteten ein paar Dealer. Ich stand mitten im Görlitzer Park und atmete auf. Hier kannte ich mich aus. Für einen oder zwei Morgenjoints war ich immer zu haben. Im Görli waren mir zwar schon getrocknete Gänseblümchen als Gras und Mehl als Koks angedreht worden. Aber ich wollte mich jetzt nicht aufregen, saß auf einer Parkbank und kiffte mir den Dienstag schön.

In der U-Bahn begann der anstrengende Teil meines Arbeitsweges. Nach wenigen Sekunden wurde ich vom ersten Schweißausbruch geflutet. Dagegen konnte der Fächer, den ich aus meiner Tasche zog, wenig ausrichten. Bis zur nächsten Station musste ich durchhalten. Am Kottbusser Tor stieg ich aus und wechselte das T-Shirt. Halb nackt auf dem Bahnsteig zu stehen, war hier nichts Besonderes. Niemand beachtete mich. Ich wagte mich in die übernächste U-Bahn. Bis dahin kühlte ich ab. Aber schon in der Prinzenstraße floh ich wieder hinaus und legte den nächsten Striptease hin. Ich hasste Schweißausbrüche. Sie waren der Preis für meine allabendlichen Exzesse seit sechsundzwanzig Jahren. In der Pflegeschule fand ich immerhin sofort den richtigen Raum. Mit mir war alles in Ordnung.

Spielten meine Schweißdrüsen im Unterricht verrückt, wedelten mir die Studis mit ihren Heften Luft zu, als wäre ich ein Pharao. Dafür ersparte ich ihnen den letzten Unterrichtsblock am Nachmittag. Selten regte sich Protest. Nur einmal stand CHILLKRÖTE an der Tafel, als ich zum zweiten Mal denselben Film zeigen wollte, Pretty Woman mit Julia Roberts. In jedem Kurs zeigte ich Pretty Woman. Anschließend sollten die Schüler eine Pflegeplanung für Julia Roberts schreiben, mit Problemen, Ressourcen, Zielen und Maßnahmen.

»Und wann machen wir wieder Unterricht?«

Solche Fragen waren mir zu primitiv. Wie hießen eigentlich die Schüler, vor denen ich stand?

»Im nächsten Semester sind Prüfungen!«

Auch das noch. Die letzten Klausuren hatte ich tagelang gesucht und in der Waschmaschine gefunden. Heute Vormittag hatte ich nichts zu befürchten. Am liebsten waren mir Gruppenarbeiten. Dann scheuchte ich alle nach dem Satz »Entscheiden Sie im Team, wo Sie an Ihrem Erfolg arbeiten!« aus dem Kursraum.

Der Schlimmste hier war Boris. Seinen Namen hatte ich mir gemerkt. Meldete er sich, drohte Unheil.

»So warm ist es doch draußen gar nicht!«

Ausgerechnet Boris, der Erhohlung in seiner Facharbeit geschrieben hatte. Mit den Studis kiffte ich nur beim Sommerfest und nach der Zeugnisausgabe. Lines zog ich nur in den Pausen. Ich kramte in meinem Gedächtnis und versuchte, mich an einen Arbeitsauftrag zu erinnern. Der Vormittag war nicht meine Zeit. Abends lief ich zur Hochform auf. Ich dozierte gern zu Hause in der Küche und auf dem Balkon, mit einem Glas Rioja in der Hand.

»Sie haben heute wieder Kaninchenaugen.«

Langsam reichte es. Dafür büßte Boris in der Prüfung.

»Manchmal sind Sie ganz schön zugedröhnt.«

Das hatte er nicht gesagt. Das durfte er nicht gesagt haben. Niemand lachte, aber plötzlich bekam ich Angst. Von nun an fuhr ich andere Geschütze auf. Sucht wurde zu meinem Lieblingsthema im Unterricht. Ich verteilte die Broschüre Drogen: Rat und Hilfe und trug das Vorwort der Gesundheitssenatorin vor. In der Pflegeschule gab es keinen Suchtbeauftragten. Für die nächste Blockwoche konzipierte ich eine Projektaufgabe: Die Studis sollten an der Möckernbrücke, am Kottbusser Tor und im U-Bahnhof Schönleinstraße Junkies interviewen und Stichwörter auf Flipchartblättern dokumentieren. An den folgenden Tagen wiederholten sie das Ganze am S-Bahnhof Hermannstraße, in der Hasenheide, am Nauener Platz (überall dort, wo ich schon gekauft hatte) und verglichen ihre Flipchartblätter. Ich hatte Angst vor Boris. Seine Sätze ließen mich nicht los. Als ich auf meinem Balkon sah, dass die Polizei im Görli mit den Dealern Räuber und Gendarm spielte, lief ich dorthin. Ich dankte der Polizei und bat sie, bald wieder zu kommen, am besten für immer. Dabei kamen mir die Tränen. Sie mussten glauben, dass ich nichts nahm. Sogar die Spürhunde sahen mich fragend an.

Außerdem referierte ich auf dem Hauptstadtpflegekongress, beim Parlamentarischen Frühstück, im Gesundheitsministerium und im Kanzleramt.

3

Nach Olgas und Marthas Tod setzten ihre Kinder den Wettstreit fort. Bei den Geburtstagsfeiern gab es die Sehmanngespräche und die Tannertgespräche. Sehmanns und Tannerts siezen sich noch heute. Nur meine Mutter hatte einen Schkopauer geheiratet. Tante Agnes, ihre ältere Schwester, ehelichte Kurt, einen Ungarndeutschen. Ihr Bruder Alfred gab Tante Iljonka aus der Slowakei das Jawort. Alle hatten sich im Lager neben dem Buna-Werk kennengelernt. »Wir sind die Lagerkinder«, sagt meine Mutter noch heute. Zu den Geburtstagsfeiern erschienen die Lagerkinder immer nach Sehmanns, weil sich die Straßenbahn aus Merseburg verspätete. Das war meiner Mutter peinlich. Ungeduldig lief sie umher oder stand hinter der Küchengardine, bis ihre Familie endlich erschien und im Flur die Schuhe auszog. Die Geschwister meines Vaters nutzten den zeitlichen Vorsprung zur Einschätzung der weltpolitischen Lage. Onkel Harald war Direktor im Buna-Kombinat und Onkel Hansi Bezirksparteisekretär in Halle. Ich saß zwischen ihnen, kaute Erdnussflips und hörte, dass Premierministerin Margaret Thatcher unserer Republik eine Million Arbeitslose aus Großbritannien überlassen will.

»Die haben uns noch gefehlt!«, rief meine Mutter. Manchmal wagte sie, sich in die Gespräche der echten Schkopauer einzumischen, und biss sich anschließend auf die Lippen. Mein Vater schwärmte vom Urlaub im Harzhaus in Benneckenstein, während sich im Schlafzimmer Tante Ursel und Tante Brigitte ihre neuen Blusen aus dem Exquisit präsentierten. Mein Vater leitete eine Meisterei im Buna-Werk. Alle in der Familie nannten ihn den Meister. Bevor es draußen klingelte, brachte Onkel Harald eine Tasche ins Schlafzimmer. Alle wussten, was uns nach dem Kaffeetrinken bevorstand.

Die Lagerkinder begrüßten Sehmanns mit Handschlag und nahmen an der Kaffeetafel Platz. Zwischen ihnen und den echten Schkopauern klaffte ein unsichtbarer Graben, und ich saß darin und langweilte mich fast zu Tode. Ich war ein Außerirdischer und mein Leben ein Experiment, in dem erforscht wurde, wie lange Ufos eine Existenz in einer Schkopauer Familie ertragen. Meine Cousins und Cousinen waren älter als ich. Sie mussten hier nicht mehr erscheinen oder entschuldigten sich mit fadenscheinigen Ausreden. Nur ein paar Jahre noch, dann blieben auch mir das stundenlange Palaver, die Tischdecke mit Häkelborte, die Untersetzer für Bier- und Weingläser erspart. Die Männer tranken Bier und Nordhäuser Doppelkorn, die Frauen Wein und Likör. Ich trank alles und beneidete meine Schwester Saskia. Sie war nur vier Jahre älter als ich, aber parlierte so mühelos mit beiden Teilen unserer Sippschaft, plauderte hier und gackerte dort mit verschränkten Armen, als wäre sie eine fünfzigjährige Tante. Saskia wusste schon in der sechsten Klasse, dass sie Lehrerin für Russisch und Geschichte wird, und nach ihrem ersten Studienjahr in der Pädagogischen Hochschule visierte sie schon ihre Promotion an. Noch war es nicht so weit, noch steckten wir im Wohnzimmer fest, und jeden Menschen, der uns damals prophezeit hätte, dass sich Saskia nach ihrer Promotion 1990 im Enthaarungsstudio Zuckersüß bewerben, als Sekretärin für einen Immobilienmafioso tippen und schließlich beim Inkassodienst des Otto-Versandes landen wird, wo sie nachts Leute aus den Betten klingelte, weil sie ihre Raten nicht bezahlten – wir hätten ihn damals für verrückt erklärt. Saskia wird dann oft sagen, dass sie es besser getroffen hat als ihr Doktorvater, Professor Gregory, der im Außendienst des Quelle-Versands arbeitete. Schließlich wird Saskia Karriere im Teleshopping-Kanal machen, wo sie Schlankstützbodys verkauft. Sie wird die Dinger sogar nachts tragen und bei jeder Autofahrt Sätze für ihre Auftritte üben. »Meine Damen, Baumwolle war gestern!«, werde ich zu hören bekommen, während ich neben ihr sitze. Die DDR und ihre Promotion dürfen dann mit keinem Wort mehr erwähnt werden. Sonst bekommt Saskia einen Heulkrampf.

Noch hing ich im unsichtbaren Graben fest. Nach dem Kaffeetrinken nickten Onkel Harald und Onkel Hansi mir zu. Gemeinsam verschwanden wir ins Schlafzimmer und zogen uns um. Der Meister war für den Plattenspieler verantwortlich und legte die Heino-Platte auf. Anschließend marschierten wir in Armeeuniformen durch das Wohnzimmer, während Heino Wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm wieder haben sang. Meine Mutter jauchzte wie auf Bestellung. Sogar Tante Ursel, die in der Erweiterten Oberschule Geschichte und Staatsbürgerkunde unterrichtete, verzog einen Moment lang die Mundwinkel. Die Lagerkinder versuchten zu lachten. Immerhin marschierten der Werksdirektor und das andere hohe Tier vor ihnen. Ich tänzelte ihnen hinterher, bis die Polonaise begann. Dann fasste ich irgendjemanden an die Schultern. Alle außer Tante Ursel sangen Der Glöckner von Speyer hat goldene Eier und Woher hat denn mein Scheißerchen so wunderschöne Beißerchen. Auch die Lagerkinder waren textsicher.

Meine Eltern spielten die emsigen Gastgeber. Als die letzten Gäste verschwunden waren, atmeten sie auf. Sie hatten es wieder einmal geschafft. Meine Mutter schlug erst einmal einen Purzelbaum vor der Schrankwand, das böhmische Bleikristall darin wackelte, und der Meister spendierte ihr zwei Westmark, weil sie sich eine goldene Uhr aus dem Intershop zusammensparte. Vorher feilschten meine Eltern um die Höhe der Gage.

Die letzte Feier fand 1990 statt, als Tante Agnes vom Schlesiertreffen erzählte. Seitdem weigerten sich die echten Schkopauer, neben den Lagerkindern zu sitzen.

4

Vor den Sommerferien überstand ich den Schulentwicklungstag. Beate Sommer, die Direktorin der Pflegeschule, zitierte uns in ihre Datsche nach Grelzow. Punkt acht Uhr hatte das Dozententeam dort zu erscheinen. Ich raste mit dem ewig gackernden Sebastian und Babette, unserer Kassandra aus Lichtenrade, über Brandenburger Landstraßen, die frostige Miene unserer Vorgesetzten vor Augen. Als wir eintrafen, hielt Beate Sommer uns wortlos eine Zwirnsrolle hin. Den Begrüßungsmonolog und die ersten Minuten ihrer Lieblingsübung hatten wir verpasst. Die übrige Kollegenschaft stand schon da, wickelte sich in Zwirn und ließ in Stichworten das vergangene Schuljahr Revue passieren. Auswickeln durften wir uns erst, wenn wir Ziele für das neue Schuljahr formuliert hatten. Beate Sommer fiel nicht auf, dass ich ihr Jahr für Jahr dieselben Ziele servierte. »Du bist mein bestes Pferd im Stall.« Das hatte sie gesagt. »Die anderen hier sind, nun, versteh mich bitte nicht falsch …« Niemals vergaß ich diese Sätze. Ich war der Superhengst der Pflegeschule. Dafür ließ ich sogar die Ein- und Auswickelstunde über mich ergehen. Die Sonne schien, und für den Blödsinn hier wurde ich nach Tarif bezahlt. Anschließend teilten wir uns in Arbeitsgruppen auf und erhielten Projektaufträge. Sebastian, Babette und ich flohen auf einen Bootssteg am Florankesee, weit genug von Beates Grundstück entfernt, und begannen schon auf dem Weg dorthin zu zetern. Seit neun Jahren wickelte ich mich am ersten Ferientag in Zwirn. Den Rest des Tages klagten oder dösten wir. Morgen früh sollten wir unsere Arbeitsergebnisse präsentieren, irgendetwas würden wir dann aus dem Hut zaubern. Wir wussten, was Beate Sommer hören wollte. Erschien sie während ihrer Rundgänge auf dem Steg, mutierte ich für ein paar Minuten lang zum engagierten Pflegepädagogen, heftig in unseren Disput vertieft, und ignorierte sie. Beate Sommer lächelte und verschwand. Als sie endlich wieder außer Reichweite war, gingen Sebastian und Babette zum Bäcker, und ich kokste mir den Florankesee schön.

Eines Tages hatte Beate Sommer mich in ihr Büro gebeten und die Schiebetür fest verschlossen. Mir schwante Schlimmes. Wahrscheinlich war ihr zu Ohren gekommen, dass ich die Kurse mittlerweile schon vormittags nach Hause schickte. Und mir die Praxisbesuche in Krankenhäusern und Pflegeheimen sparte. Und die Besuchsprotokolle fälschte. Ich war geliefert. Aber ich sollte bloß in den Berufsverband eintreten und dort den Bundesvorstand bereichern. So nannte Beate Sommer das.

»Der Verband braucht dringend eine Persönlichkeit in Berlin.« So wurde ich zur Bereicherung, flog am Wochenende zu Tagungen des Vorstands nach Köln, referierte auf dem Hauptstadtpflegekongress und beim Parlamentarischen Frühstück, wo die Gesundheitspolitiker des Bundestages in Mehrkornbrötchen bissen, während ich auf sie einredete und sie mit Zahlen und Fakten belästigte. War ich in Hochform, erfand ich kanadische Forschungsinstitute und aufsehenerregende Studienergebnisse. Mir hörte sowieso niemand zu. In der Pflege konkurrierten in Deutschland zwei Berufsverbände, und meiner hatte 231 Mitglieder. Die Zahl war ein streng gehütetes Geheimnis, das auf keinen Fall nach außen dringen sollte. Zur letzten Jahreshauptversammlung in Hannover waren neben dem Vorstand zwei Mitglieder erschienen. Auch sie lauschten dem Rechenschaftsbericht und wählten anschließend den Vorstand einstimmig wieder. Trotz seiner Zwergengröße war der Verband in allen Gremien vertreten. Ich aber redete mir ein, dass ich die Karriereleiter hinaufschwebte. Am liebsten googelte ich meinen Namen und zählte die Audienzen beim Pflegebevollmächtigten der Bundesregierung. Als ich zum ersten Mal im Kanzleramt referierte, wähnte ich mich im Olymp. Ich hatte es geschafft und irgendwo über Koksspuren in den Toiletten des Deutschen Bundestages gelesen. Der Gedanke daran ließ mich nicht los, seitdem ich hier war. Nach meinem Referat vor Herrn Doktor Großdieck, dem Parlamentarischen Staatssekretär, inspizierte ich gründlich das Besucher-WC. Anschließend lud mich Doktor Großdieck zu einer Führung durch das Kanzleramt ein. Mit einer Prise LSD ähnelten die Porträts der Altkanzler den Grimassen in der Gespensterbahn auf dem Merseburger Rummel. Mir gefiel auch, wie Doktor Großdieck die Wörter Frau Bundeskanzlerin aussprach. Aus seinem Mund klangen sie wie eine Verheißung.

»Und hier steht sie, wenn sie vor den Fernsehkameras spricht!«

Jetzt sollte ich beeindruckt sein. Weil ich wiederkommen wollte, durfte ich mich nicht zu merkwürdig benehmen. Ein verkorkster Satz und meine Karriere war dahin. Also pries ich das Kanzleramt als architektonische Glanzleistung. Auf keinen Fall durfte ich jetzt sagen, wie grauenhaft dieser Glaskasten aussah. Wahrscheinlich war ich nicht im Kanzleramt, sondern lief mit Doktor Großdieck durch ein Gewächshaus. Nur deshalb schwitzte ich. Der Staatssekretär lächelte. Das war das Wichtigste. Wenn mich ein Staatssekretär durch das Kanzleramt führte, könnte auch ein Wunder geschehen.

»Du wirst der neue Bundesvorsitzende im Berufsverband«, teilte mir Beate Sommer mit. Ebenso gut hätte sie sagen können, dass ich Vorsitzender der DKP werde. Das Wort Ja bestand nur aus zwei Buchstaben.

»Begeistert siehst du nicht gerade aus.«

Jetzt musste ich reagieren. Einen passenden Satz sagen, mit Subjekt, Prädikat und Objekt. Wenigstens einen. Ich sah Visitenkarten und das neue Namensschild am Revers meines Jacketts vor mir.

»Überleg es dir. Aber bitte nicht zu lange.«