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Herzgezeiten E-Book

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Beschreibung

Die Mutigen glauben an ein Happy End! Also stürze dich in die Fluten und schwimme mit unseren Geschichten dem Horizont entgegen. Du begegnest Liebe, die vielen Stürmen trotzte und solcher, die gerade erst an den Strand gespült und gefunden werden will. Ebenso wirst du auf Liebende treffen, die sehnsüchtig auf den frischen Wind nach langer Flaute hoffen. Sie alle wollen das Kribbeln von Salzwasser und die warme Sonne auf der Haut spüren. Und am Ende schenkt das Meer ein Herz. Ob du es halten kannst, liegt bei dir. Die Anthologie versammelt Geschichten von: Johny Doluptas Vanessa Glau M.D. Grand Alexander Greiner S.M. Gruber Jessica Iser Kia Kahawa Magret Kindermann Wolfgang Lamar Nicole Neubauer Eva-Maria Obermann Julia von Rein-Hrubesch Denny Sachs Michaela Stadelmann Wiebke Tillenburg Jens Volckmann Esther Wagner Barbara Weiß

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Seitenzahl: 396

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Herzgezeiten

TitelseiteHolly’s Lonely Hearts Club DinerRogue MarsDie Summe aller AugenblickeNeun MinutenAnkerplatzAuf halber StreckeDer lange Schlaf der KirschblütenNun wissen wir es für immerDie Liebe meines LebensKieselklunkerKrokodile im BauchComic unkomischDer MarmeladenmagierSeideRackmoorMetamorphPolyliebeEin NeuanfangDer SchaffnerNachtschattengewächseÜber die Autorinnen und AutorenHerzgezeiten-PlaylistImpressum

Magret Kindermann

Herzgezeiten

Anthologie

Vorwort

»Wenn die Liebe ein Medikament wäre –

der Beipackzettel wäre ein dickes Buch.«

Ernst Ferstl

Nichts ist so schön und grausam wie das Lieben. Es ist Medizin und Krankheit zugleich. Man gibt sich ihr hin, der Illusion, dass die Beziehung für immer währt. In der dritten Anthologie des AutorenkollektivsNikas Erben darfst du dich diesem Traum zwanzigmal hingeben. Denn jede Geschichte findet ihren eigenen Weg zu einem guten Ende.

Nika Sachs hatte 2017 die Idee, uns für eine Anthologie zusammenzutun, und das BuchSehnsuchtsfluchten entstand. Es folgten Briefe aus dem Sturm im Jahr darauf und nun Herzgezeiten. Einige Autorinnen und Autoren kamen hinzu, manche fielen weg. Unter dem Namen Nikas Erben verbirgt sich wie immer ein bunter Cocktail: unveröffentlicht oder bereits in den Bestsellerlisten, Self-Publisher oder mit Verlagsvertrag. Dieses Mal wagten wir uns an ein Thema heran, das jedem Einzelnen von uns schon Wunden zugefügt hat. Geht das überhaupt, Liebe, die gut geht? Diese Frage plagte uns neben vielen anderen. Wir wühlten in unseren schönen und hässlichen Erinnerungen und verliebten uns erneut in sie.

Auch für dieses Buch durchlief jede Geschichte das bewährte Doppellektorat der Herausgeberinnen. Den letzten Flirt mit den Texten hatte Michaela Stadelmann, die sie wortwörtlich auf Herz und Nieren prüfte. Vor allem auf das Herz! Die Illustrationen stammen wieder von der talentierten Esther Wagner, die es verstand, in ihren Bildern die Essenz jeder Liebesgeschichte einzufangen. Hübsch machte das Buch Karl-Heinz Zimmer mit seinem Buchsatz. Nun ist es nach diesen Vorbereitungen bereit für sein erstes Date mit dir.

Für jede Geschichte gibt es ein eigenes Lied, den Soundtrack ihrer Beziehung zu dir. Die gesamte Playlist findest du am Ende des Buches. Denn wer hört nicht noch einmal gerne die Lieder vergangener Lieben, um in bittersüßen Erinnerungen zu schwelgen?

Habe Mut, denn zwanzig Geschichten werden dich bezirzen. Mögen sie dich an deine eigenen Liebes-Krankheiten erinnern, aber dich vor allem heilen. Manche Geschichten lächeln dir schüchtern zu, andere sind schon bei dir eingezogen, aber alle haben eins gemeinsam: Sie sind gekommen, um zu bleiben. Für immer.

Wiebke Tillenburg

Magret Kindermann

März 2019

Für die Liebe

Holly’s Lonely Hearts Club Diner

S. M. Gruber & M. D. Grand

❧ The Beatles: When I'm Sixty Four ☙

Audrey

»Willst du bestimmt nichts bestellen?« Ihre Freundin runzelte besorgt die Stirn.

Audrey schüttelte vehement den Kopf. »Ich weiß nicht, Holly. Ich glaube, ich warte noch.«

Er würde bestimmt noch kommen. Gleich. Jeden Moment würde der schlaksige Tollpatsch durch die Tür des Diners hasten, sein abgewetztes Jackett ein wenig zerknittert, die Haare zerzaust vom Wind und noch leicht verschwitzt vom Radfahren. Die Glocke des Diners würde klingeln und sie würde sich bestimmt nicht umdrehen. Wie sah das denn aus? Als hätte sie schmachtend auf ihn gewartet. Nein, bestimmt nicht. Sie würde an der Bar sitzen, in ein Buch vertieft, und so tun, als hätte sie gar nicht mehr an ihn gedacht.

Oh, so spät schon?

Das einzige Problem an der Sache war, dass ihr Magen bereits ganz schön knurrte – sie hatte extra nichts zu Mittag gegessen, um einen flachen Bauch zu haben. Vielleicht sollte sie doch etwas bestellen. Zum Teufel mit dem flachen Bauch. Der nützte ihr auch nichts, wenn sie erst einmal bewusstlos unterm Tisch lag.

»Schätzchen?«, rief sie dem blonden Wirbelwind hinterher, der gerade in die Küche verschwunden war.

»Sekunde!« Holly wackelte mit zwei Milkshakes, drei Burgern und einem großen Bier an Audrey vorbei, hinüber zu Tisch siebzehn und wieder zurück an die Bar. Sie blies eine ihrer geföhnten Strähnen aus der Stirn und stütze sich auf dem Tresen ab, das leere Tablett unter den Arm geklemmt. »Was willst du? Das Übliche?«

»Bist du wahnsinnig?«, schnaubte Audrey. »Ich esse doch keine Zwiebelringe, wenn ich gleich ein Date habe!«

»Also, als ich Pete kennenlernte …« Oh nein, jetzt ging das wieder los. Genervt verdrehte Audrey die Augen.Pete hat dies gemacht, Pete hat jenes gemacht, Pete ist der Größte, Pete hat das Diner nach mir benannt … Fehlte nur, dass die beiden jetzt auch noch Kinder bekamen, während sie selbst es nicht einmal geschafft hatte, sich einen anständigen Mann zu angeln. Wenigstens hatte sie Spaß gehabt. Eine Zeit lang zumindest.

»Holly, bitte«, unterbrach sie den hibbeligen Redeschwall, als es ihr zu viel wurde. »Ist gut jetzt. Bringst du mir einfach eine Cola und eine kleine Portion Pommes?«

»Mit Käse? Kommt sofort.« Sie grinste und verschwand in der Küche.

»Nein, ohne!« Schmunzelnd sah Audrey ihrer Freundin hinterher. »Herrgott noch mal«, murmelte sie kopfschüttelnd und nahm ihr Buch zur Hand.

Sie hatte lange überlegt, welches sie mitnehmen sollte. Einen Gedichtband von Rimbaud? Zu übertrieben.Rosemary’s Baby? Zu seicht. Etwas von der Leseliste aus seinem Kurs ging natürlich auch nicht. Viel zu offensichtlich und gewollt, R-E-S-P-E-C-T, Baby, es musste schon etwas sein, das ihn überraschte und ein bisschen beeindruckte. Schließlich hatte sie sich für Der Meister und Margarita entschieden. Russische, zeitkritische Literatur, gerade erst auf Englisch erschienen – etwas, das ein Literaturprofessor bestimmt kannte, aber noch nicht gelesen hatte. Es war perfekt. Während sie wartete, las sie Seite um Seite, zog mit dem Teufel und Kater Behemoth durch Moskau und ließ sich die salzigen Pommes schmecken.

Die Glocke des Diners bimmelte leise, als jemand durch die Tür trat. Sie widerstand dem Drang, sich umzudrehen, doch gegen das breite Lächeln, das sich auf ihr Gesicht stahl, kam sie nicht an. Bestimmt warer es. Ihre Handflächen wurden ganz schwitzig, die Wangen heiß. Reiß dich zusammen, Audrey, ermahnte sie sich im Stillen. Das fehlte gerade noch, dass sie sich schon wieder wie eine verknallte Studentin benahm, die dümmlich vor sich hin stotterte.

Sie atmete tief ein und zwang sich zur Ruhe, versuchte, weiterzulesen, bis er sie an der Bar entdecken würde, doch die Wörter wollten einfach keinen Sinn mehr ergeben. Warum dauerte es so lange, bis er sie endlich begrüßte?

Dumpf nahm sie das charakteristische Klackern einer Münze wahr, die gerade in die Jukebox geworfen wurde.

In ihrem Rücken setzte die unverwechselbar hypnotische Gitarrenmelodie ein, die sie nur zu gut kannte, füllte sie ganz aus. Audreys Körper zog sich unangenehm zusammen, ihr Mund war trocken, ihr Herz raste, alles drehte sich, das Lächeln unsanft aus dem Gesicht gerissen.Shiny shiny, shiny boots of leather … Jedes stechende Aufjammern der verstimmten Saiten fuhr ihr als schmerzhaftes Schnalzen unter die Haut, unterbrach das monotone Spiel in einem boshaften Rhythmus. Whiplash Girlchild in the Dark …

Sie brauchte sich nicht mehr umzudrehen, sie wusste längst, wer hinter ihr stand. Mit ihm hatte sie schon lange nicht mehr gerechnet. Ihr stieg der vertraute Geruch nach Leder und einem Hauch Haschisch in die Nase, als Jacob Johnson so dicht hinter sie trat, dass sie seinen Atem an ihrer Wange spüren konnte. Er zwirbelte eine ihrer braunen Haarsträhnen, strich sanft über ihren freiliegenden Nacken. Unweigerlich fuhr ihr eine Hitze zwischen die Beine, gegen die sie machtlos war.

»Die kurzen Haare stehen dir, Rey«, gurrte Jacob und legte die Arme um sie, hielt sie fest, küsste ihren Hals, den sie ihm wie ferngesteuert hinhielt. Er wusste genau, wo er sie wie berühren musste, um ihren ganzen Körper zum Kribbeln zu bringen. Unauffällig, mitten im Diner, schob er einen Daumen unter den Saum ihres Minirocks, biss sie sachte ins Ohrläppchen, vergrub das Gesicht in ihren Haaren und atmete ihren Duft ein, dass ihr die Luft wegblieb. Langsam drehte er den Barhocker, auf dem sie saß, zu sich, nahm ihr Gesicht in die Hände und legte die Stirn auf ihre. »Rey«, flüsterte er, als sie immer noch nichts sagte. »Es tut mir leid.«

Da schossen ihr Tränen in die Augen, unverschämt, außer Kontrolle. Tränen der Wut waren das, der Hilflosigkeit, ein bisschen auch der Trauer um das, was sie gehabt hatten. Dabei wollte sie das gar nicht mehr, das hatte sie sich geschworen, in ihrer letzten gemeinsamen Nacht. Nichts davon wollte sie. Nicht die Sorge, ob er sie wieder versetzen würde. Nicht die fremden Büstenhalter, die sie morgens in seinem Zimmer fand. Nicht die schlaflosen Nächte, in denen sie sich trotz allem vor Lust und Schmerzen krümmten – gut, die vielleicht schon. Aber nicht die leeren Versprechungen und bedeutungslosen Entschuldigungen, die bestimmt nicht.

Nein, dieses Mal würde sie nicht wieder nachgeben. Dieses Mal hatte sie etwas zu verlieren. Sie atmete tief ein, kratzte ihren ganzen Verstand zusammen, ignorierte das Rauschen in den Ohren und schob ihn von sich, diesen gut aussehenden Taugenichts mit den schwarzen Locken und dem unverschämten Lächeln.

»Jacob«, krächzte sie tonlos. Also, so hatte sie sich das nicht vorgestellt. Er trat schon wieder ganz dicht an sie heran, doch dieses Mal war ihre Stimme fester. »Jacob.« Bestimmt legte sie ihm die Hand auf die Brust und hielt ihn auf Abstand. Stirnrunzelnd sah er auf ihre manikürten Finger hinab. Als er danach griff, schüttelte sie ihn grob ab.

»Lass mich in Ruhe, Jacob.« Sie reckte ihm trotzig das Kinn entgegen.

Seufzend legte er den Kopf schief, sah sie an. »Komm schon, Rey.«

»Nenn mich nicht so. Ich heiße Audrey.«

Sein Mund verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ach, Audrey heißt du jetzt also?«

»Ich habe schon immer so geheißen. Du warst einfach nur zu faul, zu träge warst du, um ihn ordentlich auszusprechen, wie für alles im Leben«, fauchte sie, bemüht, ihre Lautstärke zu unterdrücken.

»Was redest du da überhaupt, Rey – Verzeihung,Audrey? Als ob du in deinem Leben schon jemals für etwas schuften musstest! Die Lady aus gutem Hause, ha?« Er schüttelte fassungslos den Kopf. »Was ist denn nur in dich gefahren? Ich erkenne dich überhaupt nicht wieder.«

»Könnte daran liegen, dass du so lange weg warst! Glaubst du, du kannst einfach so nach Monaten des Schweigens wieder hier aufkreuzen und ich würde dich zurücknehmen? Wo warst du überhaupt?« Sie sprang auf, warf verzweifelt die Hände in die Luft, stützte sie ein und schüttelte den Kopf. »Ach, vergiss es, ich will überhaupt nichts mehr davon wissen«, rief sie genervt und drehte sich zur Bar, von wo aus Holly die beiden mit halb geöffnetem Mund anstarrte. Sogar der schwerfällige Koch schielte neugierig unter der Durchreiche hervor.

»Jetzt sei doch nicht so. Ich habe doch –«

»Deine Ausreden interessieren mich nicht mehr!«, unterbrach sie ihn und stopfte energisch ihr Buch in die Tasche, bevor sie sich wieder ihm zuwandte. »Ich bin endgültig fertig mit dir.«

»Aber … Wo willst du denn jetzt hin, Rey?«

»Weg von dir«, spuckte sie ihm die Worte vor die Füße, drehte sich noch einmal um, warf sich ihr Jäckchen über die Schulter, das ihr Holly mit einem breiten Grinsen hinhielt, und rauschte an Jacob vorbei zur Tür. Idiot.

Sie hatte die Klinke bereits in der Hand, da rief er noch einmal nach ihr: »Warte, Rey!«

Ein letztes Mal drehte sie sich um. Sie schürzte die Lippen und hob eine Augenbraue, musterte ihn. Er presste kurz die Lippen aufeinander, fuhr sich mit einer Hand durch die Haare, zuckte mit den Schultern, aber schwieg. Schwieg einfach. Immer schwieg er. Es reichte.

»Auf dich, Jacob«, begann sie und legte alle Verachtung, die sie aufbringen konnte, in ihre Stimme, »warte ich schon lange nicht mehr.« Mittlerweile hatten sich ein paar Gäste neugierig zu ihnen herumgedreht. Es war ihr egal.

Mit finsterem Blick zog er die Augenbrauen zusammen. »Hast du etwa einen anderen?«, presste er hasserfüllt hervor.

Ein schadenfreudiges Lachen entfuhr ihr. Ihr Taugenichts sah aus, als hätte sie ihm einen Tritt in die Magengegend verpasst.Strike, dear mistress, and cure his heart. In seinem Blick loderte ein Feuer, das aus ihm herauszubrechen drohte. Kurz sah er aus, als wollte er einen der Stühle durch das Diner werfen, beschränkte sich dann aber auf einen mickrigen Tritt gegen ein Tischbein.

Der Song war zu Ende.

»Spürst du das, ja?«, fragte sie. Langsam ging sie auf ihn zu, kam ihm so nahe, dass sich ihre Nasenspitzen fast berührten. »Das ist das Gefühl, das du mir täglich beschert hast«, zischte sie und tippte ihm dabei mit dem Zeigefinger auf die Brust. Das Feuer war verraucht. Was lag da in seinem Blick? Schock? Wut? Hilflosigkeit? Sie konnte es nicht sagen. Fast schon reumütig sah er aus. Oder bildete sie sich das nur ein?

Sie atmete tief durch, trat wieder ein paar Schritte zurück, fühlte sich plötzlich viel leichter. »Aber weißt du was?« Ihre Stimme klang wieder richtig fröhlich. »Es kümmert mich nicht mehr.Du kümmerst mich nicht mehr. Ich habe nämlich gleich eine Verabredung mit einem anständigen, einem wundervollen Mann. Und die lasse ich mir von deinem kleinen Überraschungsauftritt hier bestimmt nicht vermiesen.« Damit machte sie auf dem Absatz kehrt, schlug die Tür des Diners hinter sich zu und stürmte über den staubigen Platz zur Straße hinunter, vorbei an Jacobs Motorrad, dem aufziehenden Sturm entgegen. Befreit fühlte sie sich, so wie schon lange nicht mehr.

Michael

1895 wurde in Chicago die Schwinn Bicycle Company gegründet, von einem Amerikaner namens Adolf Arnold und einem deutschen Emigranten namens Schwinn. Vor genau dreißig Jahren brachten sie das beste Fahrrad auf den Markt. Das Schwinn Paramount.

Nach einer fast zwanzigjährigen Karriere als Rennrad fand es 1957 endlich auch seinen Weg auf den öffentlichen Markt, als limitiertes Modell. Wie Michael fand, das schönste und beste Fahrrad, das jemals produziert worden war und produziert werden würde. Er musste es haben.

Sechs Jahre vergingen, bevor er sich seinen Traum erfüllen

konnte. Seine Freunde sparten verzweifelt auf einen gebrauchten Ford Falcon; Michael kaufte sich mit seinem ersten Gehalt ein glänzend neues Schwinn Paramount mit zehn Gängen inRadiant Sky Blue. Und er liebte es. Die ganze Zeit über hatte es ihn nicht ein einziges Mal im Stich gelassen, brachte ihn überall hin, wo er hinmusste, und begleitete ihn sogar ein Stück die Küste hinunter, in die kleine Stadt mit der Universität, die man neu gegründet hatte. Niemals hatte er geglaubt, dass das Paramount ihn einmal hängenlassen könnte. Bis zu diesem Tag. Mitten auf der Straße, auf halber Strecke zwischen Universität und Diner, passierte das Unmögliche: Er hatte einen Platten.

Die nächste Tankstelle war ein paar Meilen entfernt, das Diner, in dem Audrey auf ihn wartete, auch. Allerdings lag es genau in die andere Richtung.

Michael warf einen Blick auf die Uhr und sah, dass er sowieso schon zu spät dran war. Er hatte sich wieder einmal mit den Höhersemestrigen verquatscht, vertieft in eine Diskussion darüber, ob Ian FlemingsJames Bond nun als Literatur galt oder nicht.

Er entschied sich gegen die Tankstelle. Bis er dort wäre und Ted seinen Reifen geflickt hätte, vergingen bestimmt zwei Stunden. Wenn er gleich zum Diner ging, schaffte er es vielleicht in einer halben.

Dunkel erinnerte er sich an eine Abkürzung, die statt quer durch die Stadt ein Stück die Landstraße hinaufführte. Wenn er dort dann querfeldein ging, sparte er vielleicht noch eine Viertelstunde ein. Er hastete los.

Über ihm zog sich der Himmel zu. Wo gerade noch Tageslicht gewesen war, wurde es auf einmal dunkel. Schwarze Wolken ballten sich zusammen, hingen bedrohlich über Michaels Kopf. Er lief schneller, aber das Fahrrad hielt ihn auf. Gerade, als er auf den Feldweg einbog, begann es zu regnen. Michael zog sich eilig das Jackett über den Kopf, aber so, wie es plötzlich schüttete, half das auch nichts mehr. Seine braunen Lederschuhe versanken knöcheltief im Matsch. Die Socken – einer schwarz, einer dunkelblau, wie er vorhin bemerkt hatte – sogen sich voll mit Dreck und Wasser, genau wie die Hosenbeine. Er begann zu rennen.

Der Regen peitschte ihm von allen Seiten ins Gesicht; durch die dichten Tropfen auf der Brille sah er kaum noch die Hand vor Augen. Dazu kam ein ekelhafter Wind, der an Hemd und Hose zerrte und Michael auch noch das letzte Bisschen Wärme entzog.

Dann plötzlich: ein Licht in der Ferne. Das Diner! Michael zog sein kaputtes Fahrrad über den Graben und sah zu, dass er über die Straße kam.

Die Glocke bimmelte, als er die Tür aufstieß und sich triefnass ins Innere rettete. Im Diner war es hell und warm. Michael nahm die Brille ab und machte einen kläglichen Versuch, die Gläser an seinem Hemd trocken zu reiben, aber das Hemd war genauso nass wie alles andere. Trotzdem setzte er sie wieder auf und sah sich um. Ein paar Leute hatten sich auf den roten Bänken zusammengekuschelt und starrten fasziniert in den Weltuntergang hinaus. An der Bar saß ein einsamer Säufer. Audrey war nicht da.

»Mr. Frampton!«, rief Holly laut, als sie aus der Küche kam, und schlug die Hände vor dem Gesicht zusammen. »Um Himmels Willen!« Sie kam um die Theke herum auf ihn zugelaufen. »Kommen Sie rein, kommen Sie rein!«, schimpfte sie, während sie ihn am Jackett weiter hereinzog. »Sie holen sich ja den Tod!«

»Ist Audrey da?«, erkundigte sich Michael. Vielleicht hatte er sie ja übersehen.

Hollys Augen wurden groß. »Nein«, sagte sie und senkte dabei die Stimme. »Sie ist … also. Sie ist losgegangen, um Sie zu suchen. Sind Sie ihr nicht über den Weg gelaufen?«

Nun war es an Michael, den Kopf zu schütteln.

Der Säufer an der Bar drehte sich neugierig zu ihnen um und betrachtete Michael mit einem abschätzigen Blick. Ziemlich jung war er, vielleicht in Audreys Alter, schwarze Haare, die in wilden Locken vom Kopf abstanden, Lederjacke. Er sah aus wie einer dieser verlorenen Romanhelden. Dass man in diesem Alter schon so zukunftslos sein konnte.

»Wie lange ist es denn her, dass sie hier raus ist?«, wollte Michael wissen. Holly warf einen besorgten Blick auf den Säufer mit seinem Whiskey und zog Michael wieder am Jackett, diesmal weg von der Bar.

»Vielleicht zwanzig Minuten«, antwortete sie. »Meinen Sie, sie ist nach wie vor da draußen?«

»Ich hoffe nicht.« Michael malte sich aus, wie Audrey im Unwetter herumlief, wahrscheinlich nur mit ihrem Strickjäckchen.

»Vielleicht hat sie jemand mit dem Auto mitgenommen.«

»Ja, vielleicht.« Ihm war auf seinem Weg kein einziges Auto begegnet. »Ich werde sie suchen.«

»Sind Sie verrückt? Bei diesem Wetter?« Holly kaute sorgenvoll auf der Unterlippe.

»Ich kann nicht zulassen, dass sie alleine da draußen herumirrt.«

Michael machte entschlossen kehrt und verließ das Diner. Unter dem Vordach blieb er stehen und sah in den Sturm hinaus. Das Wetter hatte sich kein bisschen gebessert, es schüttete immer noch wie aus Kübeln.

Er hatte sich gerade die Route zurechtgelegt, die Audrey höchstwahrscheinlich genommen hatte, als hinter ihm die Tür aufgerissen wurde.

Überrascht drehte er sich um in der Erwartung, es wäre Holly, die etwas vergessen hatte. Doch vor ihm stand nicht die kleine Blondine, sondern der Säufer.»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er.

»Mister«, der junge Mann zog das Wort spöttisch in die Länge, »Frampton also.«

Michael runzelte die Stirn. »Kennen wir uns?« Er konnte sich nicht erinnern, den Kerl in einer seiner Vorlesungen gesehen zu haben. Überhaupt sah der nicht so aus, als würde er studieren.

»Was bist du?« Der junge Mann reckte provokant das Kinn vor und musterte Michael von den Schuhspitzen bis zum Scheitel. »Staubsaugervertreter? Buchhalter? Oder einfach nur reich?«

»Wie bitte?«

»Und wie alt bist du?« Der Säufer schlenderte um Michael herum. »Dreißig? Vierzig? Das ist doch lächerlich.«

Vierzig.Das war lächerlich. »Ich weiß nicht, woher Sie mich kennen, junger Mann, aber ich glaube nicht, dass ich Ihnen weiterhelfen –«

»Gehst du mit ihr ins Bett?«, unterbrach der Kerl Michael grob.

»Ich bitte um Verzeihung?!«

»Ob du mit Rey ins Bett gehst, will ich wissen«, rief er über das Prasseln des Regens und schubste Michael ohne Vorwarnung nach hinten.

Das reichte. Michael baute sich vor dem jungen Mann auf. »Ich weiß nicht, woher Sie Audrey kennen, aber sie bedeutet mir sehr viel.«

»Sie bedeutet Ihnen viel, ja?«

»Ja.«

»Vergiss es. Audrey ist meine Freundin, Großväterchen. Sie gehört mir.« Der junge Mann hob drohend die Fäuste.

Statt aber Angst zu kriegen, wie der Kerl es sich augenscheinlich vorgestellt hatte, wurde Michael ruhig. Er kannte wütende Teenager mit schwierigen Familiengeschichten und hoffnungsloser Zukunft zu genüge. Er wusste, wie man mit ihnen umging.

»Audrey gehört niemandem«, sagte Michael mit seiner strengen Lehrerstimme, die keinen Protest zuließ. »Und was auch immer Sie für eine Geschichte mit ihr haben, das machen Sie am besten mit ihr selbst aus. Wenn Sie Ihnen wirklich etwas bedeutet …«

Der junge Mann schnaubte verächtlich. »Sie wissen gar nichts über uns – über sie oder über mich. Ich liebe sie!«

»Wenn Sie sie also wirklich lieben, dann reißen Sie sich jetzt gefälligst zusammen.« Michael deutete auf die schwarze Wolkenfront, die zuckende Blitze über den Himmel sandte. »Audrey ist irgendwo da draußen in diesem Sturm. Ich werde sie jetzt suchen. Und ob Sie mir dabei helfen oder nicht, überlasse ich Ihnen.«

Der junge Mann lachte. »Ich soll Ihnen helfen?«

»So, wie es für mich aussieht, sind Sie der Grund, warum sie das Diner bei diesem Wetter überhaupt verlassen hat.« Michael musterte den Kerl mit strenger Miene. So, wie diesem das Lachen aus dem Gesicht fiel, hatte er recht. Das schlechte Gewissen stand ihm ins Gesicht geschrieben. »Und wenn ihr etwas geschieht, dann sind Sie daran schuld.«

Der Säufer sagte nichts. Starrte gequält in den Sturm hinaus. Er kämpfte sichtlich mit sich selbst.

»Wie heißen Sie überhaupt?«

Der junge Mann sah Michael an, zögerte. »Johnson«, sagte er schließlich. »Jacob Johnson.«

»Mr. Johnson, ich bin Michael Frampton.« Er hielt dem Taugenichts die Hand hin, die er widerwillig ergriff. »Professor für Literatur an der hiesigen Universität. Und ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir helfen würden, Audrey zu finden.«

Mr. Johnson verzog das Gesicht, hielt aber immer noch Michaels Hand. »Ich würde Ihnen lieber eine reinhauen.«

»Das können Sie später immer noch.«

»Verdammt noch eins.« Ein letztes Brummen des Unmuts, dann verdrehte der junge Mann genervt die Augen und ließ Michael los. »Mein Motorrad steht da drüben, aber so, wie es regnet, haben wir keine Chance.«

»Dann gehen wir zu Fuß.«

Schweigend setzten sie sich in Bewegung.

Michael ließ Jacobs finstere Blicke an sich abprallen. Er wusste nicht, welche Vergangenheit Audrey mit diesem Kerl hatte, aber er konnte es sich ziemlich gut ausmalen. Ebenso gut konnte er sich ausmalen, was Jacob über ihn dachte.

»Sie sagen, Sie lieben Audrey?«

Der junge Mann schnaubte inbrünstig. »Das tue ich.«

»Dann lassen Sie sie in Frieden.«

»Wie bitte?!«

»Sie glauben, ich kenne Audrey nicht. Sie glauben, ich mag sie, weil sie schön ist oder weil sie sich gut hinter meinem Herd machen würde. Sie glauben, wir passen nicht zusammen, weil ich ein Spießer bin und sie ein Wildfang, aber das stimmt nicht.«

Jacobs Mund klappte auf vor Empörung, aber Michael sprach bereits weiter. »Audrey hat mir nichts von Ihnen erzählt oder von dem, was geschehen ist, bevor wir uns kennengelernt haben. Aber das muss sie auch gar nicht. Ich weiß, dass sie sich in einer Lederjacke genauso wohlfühlt wie in einer Strickjacke. Dass sie die Gefahr sucht und das Abenteuer, alles, was anders ist als die Umgebung, in der sie aufgewachsen ist. Dass sie tausend Ideen und Wünsche hat und hinter einem Herd niemals glücklich werden würde.« Michael warf Jacob einen Seitenblick zu, der ihn fassungslos anstarrte. »Aber mit Ihnen würde sie auch nicht glücklich werden und das wissen Sie genauso gut wie ich.«

Jacob ballte die Fäuste. »Sie wissen gar nichts über mich.«

»Lassen Sie mich raten.« Michaels Blick glitt über die regnerische Landschaft, Tropfen für Tropfen prallte gegen seine Brille. »Sie halten sich für überlegen, weil Sie die Beatles hören, wahrscheinlich auch The Doors oder Jefferson Airplane, so, wie ich Sie einschätze. Sie sind ein Rebell. Fortschrittlich in Ihrem Denken und Tun. Sie halten sich für fortschrittlich, weil Sie alte Konzepte wie Ehe und gemeinsame Kinder kategorisch ablehnen. Sie glauben, Sie tun den Frauen was Gutes, wenn Sie möglichst viele von ihnen glücklich machen, dabei wissen Sie ganz genau, dass es hierbei nicht um die Frauen geht, sondern nur um Sie selbst. Sie lieben die Freiheit viel zu sehr, um sich auf eine einzelne festzulegen. Dasselbe gilt für die Arbeit. Sie können und wollen sich nicht festlegen, weil jede Arbeit immer Einschränkung bedeuten würde und Sie Autoritäten sowieso nichts abgewinnen können. Das alles macht Sie unverlässlich, auch wenn Sie es vermutlich spontan und abenteuerlustig nennen würden.«

Michael machte eine Pause, aber Jacob schwieg.

»Audrey ist eine Ausnahme. Sie lieben Audrey, weil sie das Beste in Ihnen zum Vorschein bringt und gleichzeitig akzeptiert, wer Sie wirklich sind. Weil man mit ihr über die interessantesten Dinge sprechen kann, ihr alles anvertrauen kann. Weil sie klug ist und ein gutes Herz hat. Trotzdem haben Sie sich weiter mit anderen Frauen getroffen, sind nicht bei ihr geblieben, als sie es gebraucht hätte. Sie konnten ihr nichts bieten, außer ein paar Träumen und vagen Ideen. Glauben Sie, Sie können Sie glücklich machen, Jacob?«

Jacob wandte den Kopf ab. Schwieg eine ganze Weile, die Lippen fest aufeinandergepresst, den Blick starr auf die Landschaft gerichtet. Schließlich wandte er Michael den Kopf wieder zu. »KönnenSie sie denn glücklich machen?«, fragte er leise. Kein Ärger lag mehr in seinem Blick, nur Schmerz.

»Davon bin ich überzeugt.« Michaels Mundwinkel hoben sich kaum merklich. »Man kann auch als Literaturprofessor die Beatles hören, wissen Sie?«

Den restlichen Weg über sprachen sie kein Wort mehr, hielten nur Ausschau nach Audrey. Schließlich war es Jacob, der sie entdeckte. Mit hochgezogenen Schultern stand sie unter einem Vordach aus Holz, ihre Strickjacke fest um den Körper geschlungen, die dunklen Haare klebten ihr an Wangen und Stirn. Sogar aus der Distanz sah Michael, wie sie zitterte.

»Audrey!« Bevor Jacob reagieren konnte, war Michael bereits losgelaufen.

»Michael.« Die Erleichterung stand ihr ins Gesicht geschrieben. Die Schminke war verlaufen, ob von Tränen oder vom Regen konnte Michael nicht sagen.

Ohne nachzudenken, umfing Michael ihre schmale Gestalt und hielt sie fest. Erst dann wurde ihm bewusst, dass sie sich vorher noch nie so nah gewesen waren. Respektvoll schob er sie ein Stück von sich, ließ sie jedoch nicht los.

»Geht es Ihnen gut?«, flüsterte er und strich ihr eine nasse Strähne aus dem Gesicht.

»Jetzt schon.« Er hörte, dass sie an seiner Schulter lächelte. Aber das reichte nicht. Er wollte ihr Gesicht sehen. Vorsichtig hob er ihr Kinn an, sah in die wild leuchtenden, braunen Augen, die ihn schon vom ersten Tag an faszinierten. Nein, sie war bestimmt nicht für den Herd geschaffen – aber auch nicht dafür, an der Seite eines Rebellen unglücklich zu werden. Audrey war für ihn geschaffen und er für sie.

»Darf ich Sie …«, begann er und das Herz schlug ihm bis zum Hals, aber da lagen ihre kühlen Lippen schon auf seinen.

Er wusste, dass er niemals eine andere heiraten würde.

Diese Kurzgeschichte ist ein Spin-Off aus dem Heart Beat – Frühling, Flirts & Freundschaftskrisen-Universum, erschienen im Eisermann Verlag.

Songzitat: Venus in Furs von The Velvet Underground, 1967

Rogue Mars

Nicole Neubauer

❧ David Bowie: Life on Mars ☙

Ich will unter der Sonne gehen und Pflanzen unter meinen Füßen spüren. Ich will den Geruch von feuchter Erde atmen. Ich will die Monde aufgehen sehen.

Sein Bewusstsein hat die Tentakel ausgestreckt und ist ins Innere der Sonde gekrochen, hat sich durch Dateien gearbeitet, Halbleiter befühlt, ist durch Kabel geflossen und im virtuellen Datenstrom geschwommen, der zwei Planeten umspannt. Er hat die Webcam gefunden. Zum ersten Mal sieht er einen Menschen. Die Schlitze seiner Reptilienaugen weiten sich, die Nebelfinger seines Bewusstseins tasten nach den Gedanken. Und finden eine ganze Welt.

Pasadena, Jet Propulsion Laboratory, 27.6.2029

Serena schaute auf die Uhr in der Ecke des Monitors. Halb vier Uhr nachts. Die Luft hatte sich nicht merklich abgekühlt und die Klimaanlage funktionierte nur noch in den Serverräumen. Durchs offene Fenster drang der Gesang der Zikaden, die auch dann noch da sein würden, wenn Pasadena längst eine Geisterstadt war. Am anderen Ende des Kontrollraums streckte sich ihr Doktorand auf dem Schreibtischstuhl und gähnte ungeniert.

»Sie können nach Hause gehen, Yaron«, sagte sie. »Hier passiert heute nichts mehr.«

»Hier passiert nie etwas«, sagte Yaron, und sie konnte den Vorwurf in seiner Stimme nicht überhören. Serena war in dieses Projekt strafversetzt worden, weil sie sich fürRogue NASA engagiert hatte, die Widerstandsorganisation der NASA. Das war der spezielle Humor von Alan Peaseman, ihrem Projektleiter. Lieber jahrelange Folter als ein kurzer, schmerzhafter Rausschmiss. Sie war ein Opfer seines Umbaus zur New NASA. Warum er aber Yaron Zelig verdonnert hatte, mit ihr zu arbeiten, wusste sie nicht. Sie konnte sich nicht vorstellen, was dieser Junge ausgefressen haben konnte, frisch von der Caltech, noch mit den Spuren von Akne auf seinen Wangen. Sie hatte ihn nie gefragt.

Der Monitor in der Ecke aktualisierte alle paar Sekunden das Kamerabild des neuen MarsroversConquest, der vor wenigen Wochen gelandet war. Conquest stand auf dem Gipfel des Olympus Mons, am Rande der Caldera, wie ein Feldherr. Von dort aus hatte er einen weiten Blick über die Gipfel der Tharsis. Er war kein robuster kleiner Geländewagen wie Sojourner, kein filigranes Insekt wie InSight. Conquest war ein Panzer. Gekommen, um zu erobern. Die erste Marssonde von New NASA.

DochConquest war nicht Serenas Aufgabe. Auf ihrem Monitor sammelten sich fehlgeschlagene Befehle. Sie war für den Marsrover InSight zuständig, der seit fünf Jahren keine Signale mehr gesendet hatte. In einem marsianischen Sandsturm war er erloschen, alle Versuche, ihn zu bewegen, waren gescheitert. Serenas Aufgabe war es, in regelmäßigen Abständen Empfangsbereitschaft zu senden. Das war’s.

Sie war das Aschenputtel desJPL, ohne Aussicht auf einen Kürbis.

Yaron griff in Faultiergeschwindigkeit nach seinem leeren Kaffeebecher und zielte auf den Papierkorb. »Bin dann mal weg, Professor. Liegt morgen irgendwas an?«

»Was soll schon anliegen?«

Mit einem Seufzer nahm Yaron seine Füße vom Tisch.

»Ich frage mich, warum Sie es hier mit mir aushalten«, sagte Serena. »Sie könnten überall unterkommen.«

»Ich wollte nicht überall hin«, sagte Yaron. »Ich wollte zurNASA. Das war immer mein Traum.«

»Sie sind jung. Haben Sie’s schon mal bei der bemannten Marsmission versucht?« Der Flug auf den Mars war das Herzstück vonNew NASA. Finanziert wurde er von Milliardären, Generälen und Waffennarren, eine toxische Mischung. Von der Serena trotzdem gern ein Teil gewesen wäre.

»Hab die Aufnahmeprüfung nicht bestanden«, sagte Yaron. »Zu unsportlich.«

»Sportlich bin ich. Aber mich haben sie auch abgelehnt. Weil ich nicht in die Voraussetzungen für einen robusten, zukunftsfähigen Genpool passe.«

»Falsche Farbe?«

»Sie haben’s erfasst, Darling. Die wollen einen weißen Club da oben.«

»Mein Sperma und Ihre Muskeln. Das gäbe den idealen Kandidaten.« Yaron warf einen betrübten Blick auf seinen nicht vorhandenen Bizeps und schulterte den Rucksack. Sein teures Mountainbike ließ er zurück. Meistens stand es als Dekoration im Büro herum. Der Verkehr in Pasadena war tödlich, wenn man nicht sowieso vor dem Ziel schon ausgeraubt wurde.

Serena wartete, bis sie keine Geräusche mehr im Flur hörte, bevor sie sich wieder dem Monitor zuwandte. Gleich war es vier. Die Wartungsstunde begann, wo sie Updates aufspielen und Bugs beseitigen sollte. In dieser Zeit war die Verbindung zur Zentrale gekappt, das Gebäude menschenleer. Serena zählte die Sekunden herunter. Um Punkt vier sendete sie Empfangsbereitschaft anInSight. Acht Minuten brauchte das Signal, bis es die Lichtjahre zwischen den Planeten überwunden hatte. Das System signalisierte, dass die Verbindung zustande gekommen war. Der Monitor hellte sich auf, ein Bild erschien.

Serena beugte sich nah zum Bildschirm. Zunächst sah sie nur rostrotes Wirbeln. Ein marsianischer Sandsturm. Im Vordergrund ragte die Kralle des Roboterarms ins Bild, und ein Fragment von einem der Sonnensegel, die sich wie die Panzerflügel eines Käfers ausbreiten. Am Boden kauerte der Seismograf, durch den Sand nur verschwommen zu erkennen als kleine Schildkröte.

Ein Umriss trat aus dem Sturm hervor, menschenähnlich, schmal und hochgewachsen. Das Wesen hatte sich eine Stoffbahn des rostroten Umhangs wie ein Tuareg-Nomade um den Kopf geschlungen, nur die Augen waren zu erkennen. Goldene Reptilienaugen. Der Schlauch einer Sauerstoffmaske führte unter dem Tuch hervor in einen Rucksack. Eine Hand mit schimmernder Echsenhaut schälte sich aus dem Umhang und steckte eine Lüsterklemme an den Roboterarm. Die andere Klemme befestigte das Wesen an seinem eigenen Finger. Die Pupillen weiteten sich und das Geschöpf neigte seinen Kopf.

Serenas Herzschlag pulsierte in der Kehle. Sie tippte: »Hallo Clovis.«

Es gab keine akustische Verbindung zur Marssonde. Sie konnte sich nur vorstellen, welche Geräusche Clovis von sich gab. Vielleicht Klick- und Schnarrlaute, wie der Gesang einer Schwalbe.

Nach ein paar Sekunden übersetzte der Sprachcomputer: »Hallo Serena.«

Sie hatte das Wesen Clovis genannt. Nach dem ersten Stein, den der MarsroverSpirit untersucht hatte. Der Sprachcomputer übersetzte ihre Worte. Unbeholfen hatte sie angefangen, eine Software zu entwickeln, doch das Programm hatte rasend schnell dazugelernt, als würde es sich selbst die Daten holen, die es brauchte. Serena konnte noch nicht ermessen, wie intelligent Clovis war. Und was er mit dem Gehirn-Computer-Interface anstellen konnte, mit dem er sich mit der Sonde und ihr verband. Zu welchen Technologien waren die Marsianer noch fähig?

»Ich kann nicht lange bleiben«, sagte Clovis. »Der Sturm ist zu stark.«

Atmosphärische Störungen verpixelten das Bild, dann wurde es wieder scharf.

»Ihr habt einen neuen Beobachter geschickt.«

»Es ist nur die Vorhut«, tippte Serena. »Es werden Menschen kommen.«

»In den Sphären herrscht große Aufregung.«

Als die Atmosphäre dünn geworden war, hatten sich die Marsianer in die zerklüftete Marskruste unter die Oberfläche zurückgezogen. Sie lebten in Biosphären aus einer Proteinhaut und stellten aus den gigantischen unterirdischen Eisseen Sauerstoff her. Clovis hatte nicht erklären können, wie die Marsbewohner auf den Planeten gekommen waren. Die Marsianer kannten keine Geschichte, keine Archäologie. Ihr Zeitstrahl zeigte nur nach vorne.

»Passt gut auf euch auf«, sagte Serena. »Schützt die Sphären, geht weiter nach unten, wenn ihr könnt.«

»Besteht Gefahr?«

»Menschen sind immer Gefahr.«

»Du bist ein Mensch.«

»Es werden andere kommen. Die sich nur für euer Erz interessieren. Sie werden euer Erz nehmen, und eure Werkstätten, um Waffen darin zu bauen. Sie werden eure Sphären zerstören. Sie werden die Pflanzen verdorren lassen und die Atmosphäre endgültig vernichten. Sie werden euch töten.«

»Wir könnten uns wehren«, sagte Clovis.

»Ihr kennt kein Wort für Krieg, ihr kennt kein Wort für Waffe, ihr kennt nicht einmal ein Wort für Hass. Wie wollt ihr euch wehren?«

»Wir hätten euch gerne willkommen geheißen«, übersetzte der Sprachcomputer. Die starren Augen von Clovis zeigten keine Regung.

»Du hast keine Ahnung, wie bösartig Menschen sein können. Sie bringen die Hölle auf den Mars.«

»Ich kenne das Wort Hölle nicht.«

Der Sturm hatte nachgelassen. Clovis zog das Tuch vom Kopf. Unter der Haut seiner Schläfen pulsierten die Adern deutlich sichtbar, Serena konnte sich nicht entscheiden, ob sie es abstoßend oder faszinierend fand. Sie hätte so gern gewusst, was sich unter der Sauerstoffmaske verbarg. Ob er lachen konnte? Es hätte weniger Fremdheit bedeutet, Lichtjahre weniger.

»Es wird Zeit«, sagte sie. Bald würde die Tagschicht sie ablösen, noch zwei arme Schweine.

Clovis legte seine Hand vor die Linse der Kamera. An der Handfläche hatte er weiche Ballen wie bei einer Katzenpfote, mit einer Nanooberfläche, die sämtliches Licht schluckte. Serena legte ihre Fingerspitzen auf den Bildschirm und stellte sich für einen Moment vor, die samtene Oberfläche zu berühren. Ihr Abschiedsritual.

Ruckartig zog Clovis die Hand zurück. Seine Pupillen wurden zu schmalen Schlitzen. Er gab das Codewort durch, das sie vereinbart hatten, wenn einem von ihnen Gefahr drohte.

»Sandgeist.«

Hastig griff er nach der Klemme an seiner Hand, um sie abzustreifen. Das war das Letzte, was Serena von ihm sah. Der Bildschirm wurde schwarz.

»Was ist los?«, rief sie, aber es war natürlich sinnlos, in einem Labor auf einem anderen Planeten einen Rechner mit gekappter Verbindung anzuschreien. Clovis war weg.

Was hatte er gesehen? Oder was hatte sein Bewusstsein gesehen, das er mit Hilfe seines Interfaces mit der Sonde verband? Entweder die Gefahr kam von der Marsoberfläche oder von etwas, das direkt in seinen Kopf eingedrungen war. VomNASA-Server aus. Egal was es war, es hatte ihm solche Angst gemacht, dass er nicht einmal Zeit gehabt hatte, sie zu warnen.

Serena warf die Speicherkarte aus und versuchte, ihre Spuren zu löschen. Gerade noch rechtzeitig, bevor es im Türrahmen klopfte.

»Tock, Tock«, sagte Alan Peaseman. Schon allein dafür hasste sie ihren Boss. Er schlenderte in den Kontrollraum, als hätte er alle Zeit der Welt. Trotz der späten Stunde trug er einen maßgeschneiderten Anzug mit Bügelfalten wie Messerklingen.

»Wo haben Sie denn Ihren Knaben gelassen, Dr. Roberts?«

»Professor Roberts, bitte. Ich habe ihm freigegeben.«

»Das sehe ich. Und Sie entscheiden, wer hier arbeitet und wer nicht, oder?« Peaseman schlenderte durch das Kontrollzentrum, fingerte in ihren Unterlagen, las Dokumente und fasste ihren persönlichen Kaffeebecher an. Den mit dem altenNASA-Logo. »Aber das hat sich sowieso erledigt. Nach dem Science Efficiency Act müssen wir Ihr großartiges InSight-Projekt leider einstellen. Außer Sie sagen mir einen guten Grund, warum wir es weiterführen sollten.

»Warten Sie!« Serena wühlte in ihrer Schublade, zog einen Stapel getackerter Blätter hervor und wedelte damit. »Letztes Jahr ist das Gutachten noch anerkannt worden. DieInSight hat verkrustete Oberflächenstrukturen entdeckt, die auf Wasser auf dem Mars zurückzuführen sind. Das bedeutet: organische Strukturen. Das bedeutet: die Möglichkeit, dass es dort Erdöl gibt.«

»Ach, Doktorchen. Kommen Sie nicht wieder mit Ihrem Öl-Dossier. Das liefern Sie Jahr für Jahr ab und es ist immer noch vollerkönnte. Ich habe keine neuen Messwerte von Ihnen und keine Spur von Rohstoffen. Haben Sie sonst nichts für mich? In welcher Hinsicht ist Ihre Forschung für das Vorankommen der amerikanischen Wirtschaft oder die Landesverteidigung relevant?«

Peasemans Aftershave füllte den Raum. Übelkeit stieg in Serena hoch. »Wir brauchen die Verbindung zu möglichst vielen Sonden rund um den Mars, um die Besiedlung durch Menschen vorzubereiten. Da aufgrund des Klimawandels …«

»Doktorchen, Doktorchen.« Peaseman schüttelte den Kopf und lächelte dünn. »Schlimme Wörter. Die Wände hören mit. Versuchen Sie’s noch mal.«

Serena würgte hervor: »… aufgrund natürlicher Klimaschwankungen vermehrte Migration …«

Peaseman dirigierte die Worte wie ein Konzertmeister. »Viel besser«, sagte er. »So haben wir’s geübt. Seien Sie doch froh. Wenn wir das Projekt einstampfen, kommen Sie mal aus Ihrem Bunker raus. Die Welt steht Ihnen offen. Gut, Ihre Zeugnisse werden nicht berauschend sein.«

Er wischte mit der Hand über sein Gesicht und das Grinsen war mit einem Mal verschwunden. »Haben Sie sonst nichts zu sagen?« Seine Stimme war das Grollen eines Wolfes. Was wusste er?

Serena veränderte ihre Position, sodass ihr Rücken den Monitor verdeckte. »Nichts. Mein Dossier haben Sie bereits.«

»Wie Sie wollen.« Peaseman stand auf und klopfte noch einmal gegen den Türrahmen. »Sie haben eine Stunde Zeit, Ihre persönlichen Gegenstände zu räumen. Und der Knabe soll sein Fahrrad mitnehmen. Wir sind hier kein Studentenwohnheim.« Er ging ohne Gruß.

Serena ließ sich auf den Stuhl vor dem schwarzen Bildschirm fallen. Schweiß brach ihr aus allen Poren. Heute würde sie zum letzten Mal dasNASA-Gebäude verlassen. Ihren mickrigen Schuhkarton mitnehmen, ihren Schlüssel abgeben und ihren Lebenstraum. Sie würde Clovis nie wiedersehen. Der Gedanke war voll bodenloser Schwärze und Kälte.

»Lassen Sie mich mal ran.« Etwas Schweres rammte sie vom Stuhl.

»Yaron! Was machen Sie denn hier?«

»Ich hab Pissman auf dem Parkplatz gesehen. Wenn der auftaucht, heißt das nichts Gutes.«

»Peaseman hat …«

»Ich hab alles mitgehört.« Yaron hämmerte Befehle in die Tastatur. Der Bildschirm füllte sich in rasendem Tempo mit Zeichen.

»Was tun Sie?«

»Ihre Spuren verwischen. Sie haben einen digitalen Trampelpfad hinterlassen wie eine Elefantenherde.« Er wirbelte auf dem Stuhl herum. »Glauben Sie, ich kann zwei Jahre lang mit Ihnen in einem Labor sitzen und nicht mitkriegen, dass Sie mit einem marsianischen Echsenmenschen chatten? Ich rette Ihnen gerade den Arsch.«

»Warum haben Sie nichts gesagt?«

Yarons dürrer Brustkorb hob und senkte sich. »Ehrlich gesagt … weil es das Wunderbarste war, was mir in derNASA jemals passiert ist. Ich hätte längst in die freie Wirtschaft gehen können. Aber dafür machen wir das Ganze doch. Oder?«

Er drehte sich zur Tastatur und tippte weiter.

»Sie sind ein Hacker«, stellte Serena fest, nicht ohne Bewunderung. »Deswegen stehen Sie in Ungnade.«

»Ghost Squad. Schon seit der High School.« Sein Blick war so konzentriert, dass er fast schielte. »Es wäre Ihr Durchbruch gewesen, Professor«, sagte er, ohne aufzusehen. »Die InSight wiederbelebt. Intelligentes Leben auf dem Mars gefunden. Kontakt mit einer extraterrestrischen Lebensform aufgenommen.«

»Vor zehn Jahren hätte ich das gewollt«, sagte Serena. »Es war eine andere Welt, eine andereNASA. Jetzt herrscht New NASA. Sie würden Clovis töten oder ihn in einem Versuchslabor zu Tode foltern. Er ist das Wertvollste, was ich je gefunden habe. Wenn ich ihn beschützen will, muss ich schweigen.«

»Shit.« Yaron ließ die Hände sinken.

»Was ist?« Serena griff sich einen Stuhl und setzte sich neben ihn. Sie konnte seinen Schweiß riechen.

Er fuhr mit den Händen durch seine Haare. »Nicht gut. Hier war jemand drin.«

»Was bedeutet das für uns?«

»Sie wissen, dass der Rover wach war. Dass Daten übertragen wurden. Pissman hat so getan, als würde er Ihnen eine Brücke bauen. Damit Sie damit rausrücken, was sie mit derInSight angestellt haben.«

»Wissen die von Clovis?« Serena beugte sich über die Schulter des Jungen.

»Keine Ahnung. Ich bin ein Hacker, aber kein Genie. Wahrscheinlich haben die nur mitbekommen, dass Sie mit derInSight kommuniziert haben. Aber nicht, welche Daten geflossen sind.«

»Wir müssen hier raus«, sagte Serena. »Die werden uns keine ganze Stunde geben.«

»Es wären sowieso nur noch neunundvierzig Minuten.«

»Das ist eine Falle. Peasemans Leute wollen uns abfangen, die wollen rausfinden, was wir löschen und beiseiteschaffen wollen.«

»Und was sollen wir jetzt machen?«

»Löschen und beiseiteschaffen. Was sonst.« In einer Ecke des Raums stand ausgemustertes Material. Sie löste die Rückwand von einem Gehäuse und holte eine Plastiktüte heraus.

»Was ist das?«, fragte Yaron.

»Speicherkarten und Festplatten. Glauben Sie, ich nehme Kontakt mit einem Marsianer auf, ohne das für die Nachwelt festzuhalten?«

»Wir sind jetzt schon tot.« Yaron öffnete das Akkufach seines Mountainbikes und warf den Akku in den Papierkorb. Die Festplatten steckte er in den Hohlraum und verschloss das Rad wieder.

Serena warf alles, was sie brauchte, in ihre Schultertasche. Die Tasse, die von Peaseman besudelt war, ließ sie stehen. Yaron schulterte sein Bike. »Nichts wie raus hier«, sagte er. »Hätte ich geahnt, dass ich heute noch in Landesverrat verwickelt werde, hätte ich mir bessere Unterwäsche angezogen.«

Der Morgen dämmerte über dem verwaisten Parkplatz. Schon jetzt flimmerte die Luft vor Hitze. Serena klappte die Rückbank des Volvos um und Yaron warf das Fahrrad hinein. Sie nickten sich zu, bevor sie einstiegen. Serena ignorierte sämtliche Wege und fuhr quer über die Parkplätze.

Normalerweise erkannte der Pförtner Serenas Wagen und ließ die Schranke hoch, doch diesmal blieb sie geschlossen. Serena ließ das Fenster herunter und beugte sich zur Gegensprechanlage. »Bye, Mr. Mendez«, rief sie, betont munter. »Wir machen Feierabend.«

Der alte Herr schaute nervös auf seinen Bildschirm. »Moment, Professor Roberts. Ich habe hier ein kleines Problem. Könnten Sie kurz warten?«

Yaron fasste sie am Ärmel und nickte in Richtung Rückspiegel, sie folgte seinem Blick. Vor dem Haupteingang flackerte Blaulicht, Männer in Schwarz strömten ins Gebäude. In den Augen des Jungen stand nackte Angst.

Serena gab Vollgas.

Die Schranke krachte gegen die Windschutzscheibe und hinterließ einen Riss in Augenhöhe, bevor sie brach. Mit quietschenden Reifen kurvte Serena die Zufahrt hinunter. Der Wagen schlitterte auf den San Fernando Highway, quer über drei Spuren. Ein Geländewagen verfehlte sie knapp und hupte empört. Yaron lag mit zusammengekniffenen Augen in den Sitz gekauert, mit der einen Hand hielt er sich am Griff fest, die andere umklammerte immer noch den halb hinübergezogenen Sicherheitsgurt.

»Sie können die Augen aufmachen, wir leben noch«, sagte Serena und trat das Gaspedal durch, den Geländewagen hinter sich lassend. »Nichts wie raus aus der Stadt.«

Sie mieden die Interstates, nahmen die kleinen Straßen. Wenn sie ein Polizeiauto am Horizont sahen, fuhren sie auf Seitenstraßen ab und duckten sich, bis ihr Herz aufhörte zu schlagen. Nur zum Tanken hielten sie an, für Sandwiches und Kaffees im Stehen. Je räudiger und einsamer die Roadhouses aussahen, desto besser. Hauptsache, sie nahmen Bargeld an. Viele Roadhouses waren geschlossen, Sand wehte in die zerbrochenen Fenster. Für alle Fälle besorgten sie große Wassercontainer und einen Reservekanister Benzin. Sie waren nicht vor dem Militärgericht geflohen, um in der Wüste zu verdursten.

Erst in Nevada ließ die Panik nach. Sie hatten eine längere Pause gemacht, die Truckerduschen benutzt, und nun lagen sie auf der Motorhaube und teilten sich eine Tüte Churros.

»Wir sollten langsam überlegen, wo wir überhaupt hinfahren«, sagte Yaron.

Serena musste zugeben, dass sie darüber noch nicht nachgedacht hatte. »Ich bin kanadische Staatsbürgerin. In der Nähe von Montreal habe ich Familie« sagte sie.

»Kanada ist gut«, sagte Yaron, sein Blick war düster. »Da kann ich Asyl beantragen.«

»Dann auf nach Kanada.«

»Was wollen Sie jetzt mit den Aufzeichnungen machen?«

»Ich weiß nicht. Hm.« Serena biss von ihrem Stück Churro ab. »Auf eine bessere Welt warten?«

»Schön, dass Sie noch optimistisch sind.«

»Irgendwann würde ich die Aufnahmen gerne auswerten«, sagte Serena. »Herausfinden, wie sein Interface funktioniert. Das Gerät war faszinierend. Es hat sein Gehirn mit der Sonde verbunden.«

»Sind Sie sicher, dass er sich damit nicht noch in mehr Dinge eingeloggt hat?«

»Wie meinen Sie das?«

»Was wäre, wenn Clovis auf sämtliche Daten zugreifen hätte können, auf die die Sonde zugreifen konnte? Oder besser noch: auf alle Daten, auf die Sie zugreifen konnten.«

»Das ist paranoid.«

»Sie wollen sich nicht ausmalen, was er mit Ihren Gedanken angestellt hätte, wenn er in der Lage gewesen wäre, Sie zu berühren.«

»Ich bin Ende dreißig, Single und erlebe im Job den größten Boreout der Weltgeschichte. Vielleicht wäre es mal eine nette Abwechslung, wenn jemand mein Gehirn fickt.«

»Vielleicht hat er es schon gefickt. Im Ernst, Professor.« Yaron setzte sich auf. »Sie kennen diese Kreatur nicht. Aber Sie lassen sie in Ihren Arbeitsplatz, in Ihre Welt, in Ihr Leben eindringen. Sind Sie sicher, dass Clovis nichts mit Ihrem Kopf angestellt hat? Vielleicht wollte er ja nicht nur Freundschaft. Vielleicht wollte er Friends with Benefits.«

Serena dachte an den Tag, als Clovis es geschafft hatte, auf ihre Webcam zuzugreifen. Er hatte sie zum ersten Mal gesehen. Sie hatten sich in die Augen geschaut, minutenlang, ohne ein Wort. So hatte sie sich Ekstase vorgestellt. Es hatte sich angefühlt wie Heroin. Sie hatte nichts weiter gewollt, als wieder in diesen Augen zu versinken.

»Er war unheimlich neugierig«, sagte sie. »Er wollte alles über die Erde wissen. Wie wir leben, wie wir reisen, wie wir Raumschiffe bauen.«

»Raumschiffe?«, fragte Yaron.

Das Heroingefühl war schlagartig verschwunden und die Realität brannte mit der Wüstensonne auf sie herunter. Was hatte er wirklich in ihren Gedanken gemacht, welches Wissen hatte er sich beschafft? Hatte Clovis nur Industriespionage betrieben? Sie hatte seine Motive nie hinterfragt. Er hatte ihr nie erzählt, was sie in den unterirdischen Werkstätten wirklich herstellten.

»Die Marsianer kennen kein Wort für Krieg«, sagte sie. »Sie sind Veganer, leben im Kollektiv, es gibt keinen Hunger, keinen Streit.«

»Klingt idyllisch. Aber denken Sie mal nach, Professor. Die Erde verschmort gerade zu einer Steinwüste. Die Marsianer sind mit ihrem Planeten schon eine Stufe weiter. Die haben es geschafft, ihre Atmosphäre und ihre Oberfläche zu zerstören. Glauben Sie, die leben freiwillig in ihren Löchern? Ist Ihnen schon mal der Gedanke gekommen, dass wir ihre Exitstrategie sind?«

Die Worte von Clovis klangen ihr im Ohr.

Ich will den Geruch von feuchter Erde atmen.

»Er hat etwas mit meinem Kopf gemacht«, sagte sie. »Die Erdlinge nennen es Liebe.«

»Das ist doch keine Liebe. Das ist Hörigkeit. Oder … oder … Besessenheit.«

»Hätten Sie gewusst, dass bei Liebe ähnliche Gehirnstrukturen entstehen wie bei einer schizoiden Psychose?«

Yaron verzog den Mund. »Ich glaube, dann will ich sie nicht.«

»Waren Sie schon mal verliebt?«

»Hm. Glaub schon. Rumgemacht halt.«

»Dann war es keine Liebe. Das hätten Sie gemerkt.«

»Muss es denn immer Wahnsinn sein?«, fragte Yaron.

»Ich habe den Wahnsinn erlebt. Mit weniger gebe ich mich nicht mehr zufrieden.«

»Schön für Sie. Dann können Sie sich ja die Filme von ihrem Clovis anschauen, während sie auf dem Sofa sitzen und Ben & Jerrys essen und heulen. Oder was auch immer Frauen mit Liebeskummer so tun.«

»Vielleicht mache ich das ja auch.«

»Gut.«

»Gut.«

Yaron ließ sich auf die Motorhaube zurückfallen und brütete. Im Auto sprach er kein Wort mehr.

Es war Nacht, als sie Utah durchquerten. Serena saß am Steuer, Yaron hatte sich auf dem Beifahrersitz zusammengerollt. Die Straße führte schnurgerade in die Dunkelheit. Serena hielt sich eisern an die Geschwindigkeitsbegrenzung, ihre Lider wurden schwer, die Scheinwerfer fraßen Kilometer um Kilometer. Im Autoradio liefen Nachrichten.

»… hat die Bodenstation seit gestern die Verbindung zum MarsroverConquest verloren. Die Ursachen sind noch unklar. Es wird vermutet, dass die Sonnensegel durch einen Sandsturm zugedeckt worden sind und die Energieversorgung abgebrochen ist. Der Betrieb von Conquest ist ein wichtiger Beitrag zur bevorstehenden bemannten Marsmission …«

Serena schaltete ab, sie konnte es nicht mehr hören. Die Sehnsucht nach Clovis tat ihr körperlich weh. Ob er sich jetzt durch einen Sandsturm zur halb vergrabenenInSight kämpfte, den Sauerstofftank auf dem Rücken? Ob er die Klemmen an seine Hand und die Sonde steckte? Wartete? Sein Interface ungeduldig schüttelte?

Sie sah Clovis vor sich, so nah, wie er ihr nie gewesen war. Er zog die Sauerstoffmaske vom Gesicht. Darunter war ein zischender Schlund voll nadelspitzer Zähne.

Sandgeist.

Mit einem Schreckenslaut öffnete sie die Augen. Sie fuhr auf der Gegenfahrbahn, die Scheinwerfer eines Trucks rasten direkt auf sie zu. Sie riss das Lenkrad herum, im letzten Augenblick. Der Koloss donnerte an ihnen vorbei, der Luftzug brachte den Volvo zum Erzittern.

Das zischende Geräusch kam von Yaron. Kalter Schweiß stand ihm auf der Stirn. Er bekam keine Luft. In ruckartigen Atemzügen schnappte er nach Sauerstoff wie ein Fisch im Netz.

Serena hielt auf dem Pannenstreifen und Yaron riss die Tür auf und stolperte an der Leitplanke entlang. Er sog die Nachtluft ein, als habe man ihn aus tiefem Wasser gezogen.

Serena ging ihm nach und nahm ihn in die Arme. Er war so dünn, sie spürte die Rückenwirbel durch das schweißnasse Shirt. Seine Schultern zuckten. Er weinte.

»Meine Eltern sind noch da. Mom und Dad … sie sind doch noch in San Diego.«

Sie drückte ihn fest an sich, strich ihm übers Haar. »Du bist nicht allein«, sagte sie immer wieder. »Ist gut. Ist gut. Du bist nicht allein.«

Sie war für ihn verantwortlich. Ein Junge frisch von der Caltech, voller Enthusiasmus, noch nie aus Kalifornien herausgekommen. Gestrandet im Nichts. Auf allen Seiten erstreckte sich Wüste bis zum Horizont. Sie hätten genausogut auf dem Mars sein können.

»Hoffentlich war es das wert, Clovis«, flüsterte sie.

In dieser Nacht schliefen sie miteinander.

Montreal, Observatoire du Mont Megantic, 12.5.2030

»Das solltest du dir anschauen«, sagte Yaron. Er beugte sich über Serenas Schulter und nahm ihr die Maus aus der Hand. Verpixelte Schemen erschienen auf dem Bildschirm.

»Was ist das?«, fragte Serena. Es war zu unscharf, als dass sie etwas erkennen konnte. »Ein neuer Sternenhaufen?«

»Viel näher. Unser Sonnensystem.«

Es waren fünf Objekte, in Formation, länglich wie Zeppeline. »Könnte ein Schwarm von Meteoroiden sein«, sagte Serena.

»Das glaube ich kaum. Es sei denn, es gibt Meteoroiden, die ihre Flugbahn nachjustieren können. Die Dinger steuern direkt auf uns zu.«

Im Nebenzimmer hämmerte ihre Kollegin auf die Tastatur. »Geht bei euch auch mal wieder nichts?«, rief sie hinüber. Das Bild auf Serenas Monitor veränderte sich. Schwarzer Hintergrund, rostrote Rechtecke und Striche, die über den Bildschirm jagten.

Irgendwo im Gebäude ging ein Alarm los. Schritte hasteten durch die Gänge, Unruhe brandete auf. »Da stimmt was nicht«, rief jemand vom Ende des Flures.

Serena griff nach ihren Autoschlüsseln und sprang auf. »Ich muss nach Hause«, rief sie.

Es war dunkel, als sie bei ihren Eltern ankam. Sie lief die Treppen hoch in den Speicher und zerrte ihr Teleskop auf den Balkon. Das alte Ding, das Dad ihr zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. Es war der Grund gewesen, warum sie an der Caltech studiert hatte, warum sie zurNASA gegangen war. Es war schuld, dass sie Clovis gefunden hatte.

Sie suchte die Koordinaten und richtete das Teleskop auf den Punkt am Himmel, wo Yaron die Objekte entdeckt hatte. Nach einigen Minuten hatte sie sie gefunden. Das Gerät war nicht mehr in guten Zustand, das Bild zitterte, aber immer wieder konnte sie es einfangen. Fünf winzige Lichtpunkte.

In der Einfahrt schlug eine Autotür zu.

»Serena!«

Yaron. Sie hatte ihn einfach im Observatoire vergessen. Das war ihr noch nie passiert. Sie würde es wiedergutmachen müssen, irgendwann.

»Serena!«, brüllte Yaron. Seine Stimme überschlug sich. Das Beifahrerfenster stand offen, aus dem Autoradio kam nur statisches Rauschen.