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Berlin-Quartett, dritter Streich: Großstadtmief bis zur Atemnot: Die Mauer ist weg, die Quote da. Nun soll man zusammenwachsen, aber es fremdelt gewaltig. Ob Wessibullen und Ossibullen oder Huren aus allen Himmelsrichtungen: die Gerüche, Reflexe, Bezugssysteme sind nicht kompatibel. Und während in Lietzes Team Verliebtheit grassiert, steigt der Gewaltpegel in der Stadt. »Großstadtliteratur ohne Luft zu holen in Sätzen wie Hiphop und Jazz auf der Höhe der Zeit.« Andreas Ammer, Bayerischer Rundfunk »Sie macht Ernst mit ihren Themen, sie macht Spaß, sie gebraucht die Metapher Herz häufiger als Weltmeister Goethe – die Inthronisierung des Herzens als Zentralorgan nicht nur der Liebe, sondern auch der Humanität.« Georg Hensel, Frankfurter Allgemeine Zeitung Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.
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Seitenzahl: 410
Veröffentlichungsjahr: 2021
Berlin-Quartett, dritter Streich: Großstadtmief bis zur Atemnot: Die Mauer ist weg, die Quote da. Nun soll man zusammenwachsen, aber es fremdelt gewaltig. Ob Wessibullen und Ossibullen oder Huren aus allen Himmelsrichtungen: die Gerüche, Reflexe, Bezugssysteme sind nicht kompatibel. Und während in Lietzes Team Verliebtheit grassiert, steigt der Gewaltpegel in der Stadt.
»Großstadtliteratur ohne Luft zu holen in Sätzen wie Hiphop und Jazz auf der Höhe der Zeit.« Andreas Ammer, Bayerischer Rundfunk
Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journalistin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more, Fran Ross (Oreo und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.
Pieke Biermann
Herzrasen
Roman
eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021
Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg
Tel. +4940 31108081, [email protected]
www.culturbooks.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj
eBook-Herstellung: CulturBooks
Printausgabe: © Argument Verlag 2021
ISBN 978-3-95988-212-5
Eine weitere Pionierin des politischen Krimis stößt zu Ariadne: Pieke Biermann schrieb mit ihren vier Berlin-Romanen Genregeschichte. Seit ich diese Kriminalromane vor über zehn Jahren erstmals las – alle vier hintereinander, mit wachsender Faszination und immer hingerissener, Babylon ist nichts dagegen –, hegte ich den Wunschtraum, sie irgendwann bei Ariadne in angemessener Edition neu lieferbar zu machen. Damit sie weiter entdeckbar sind, besonders von Menschen, die das Überschreitende an Krimis lieben und das Kühne – das werden immer mehr. Und nun ist es so weit!
Diese Autorin trifft aus der Hüfte mitten ins Herz: Wie arm wäre das deutschsprachige Genre ohne Pieke Biermanns Schreibe! Das von Roman zu Roman zunehmende literarische Charisma des Quartetts, die ganz eigene Mischung aus beinhartem Hinschauen, distanzloser Liebe zu echten Menschen aller Couleur und Sinn für das Krimieske wie auch für den Witz des latent Abseitigen – diese vier Romane sind das Aufregendste, was Ende des 20. Jh. an deutschsprachigen Krimis entstand. Von höchst reellen Gegensätzen strotzend, sinnlich-kratzbürstig im Sound und verwegen erzählt lebt im Berlin-Quartett das Jahrzehnt um den Mauerfall auf.
Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.
Für Ida Krüger und die Schöne Vera, für Fritz Brandt, für Minna Mahlich, geb. Levinthal, und ihren Mann Alfred und für alle großen Herzen des ringvereinten, scheunengeviertelten Undergrounds. Für Sam Njankouo Meffire, den beherzten Sachsen, und Wilhelm Krützfeld, den beherzten Preußen. Für Heinz Knobloch und die »Dragonervasen«.
Today’s grey skies tomorrow’s tears you have to wait ’til yesterday’s here.
SO HIELT SIE SIE HIN. Der Schmerz fing an, ihr das Bewusstsein wiederzugeben. Wen kann man damit noch hinhalten. Wie lange. Noch hatten sie das Treppenhaus vor sich. Es war ihr gelungen, von dem Platz wegzukommen. Das Haus dazwischenzuschieben. Die Mauer. Die Tür. Sie kamen näher. Sie hatte sie gerochen. Dicke krachende Motorräder. Ein sauberes Dutzend. Männer darauf. Sie bremsten scharf. Gleichzeitig. Sie wirbelten Staub auf, Bierdosen, Pappteller mit Senfresten. Und es roch nach Enge und nach kaltem Herz. Sie schob die Arme geschmeidiger unter das kopflose Kind und versuchte aufzustehen.
Jetzt stiegen sie aus. Aus blitzsauberen, stinkenden roten Porsches. Keine Helme mehr. Auch keine Glatzen. Blonde Löckchen, die ohne Umweg über irgendeine Stirn von Schädeldecken in Augen hingen. Kleine enge kalte blaue Augen. Und der Platz wurde größer. Enger.
Sie wich zurück. Aber da waren keine Häuser mehr in ihrem Rücken. Keine Türen. Nur Fenster mit heruntergelassenen Rollläden. Die Männer formierten sich zur Schlachtreihe. Langsam. Ganz langsam bewegten sich ihre Hände zu den Maschinenpistolen an ihren Schultern. Sie schrie nicht.
Wen sollte sie rufen? Der winzige Junge hing in ihren Armen, die gebrochenen Knochen zerfasert wie Äste nach einem Orkan. Die Polizei? Sinnlos. Wozu. Gegen das hier. Wer sollte die rufen. Die Leute, die eben noch anfeuernd geklatscht hatten, waren verschwunden. Die Telefone gingen nicht. Gingen nie. Außer, es war nicht dringend. Außer, es sollte nur in irgendeinem gemütlichen Heim eine Hausfrau informiert werden, dass sie das Kotelett in die Pfanne hauen konnte, weil der Mann jetzt Feierabend hatte. Sonst nicht. Schon gar nicht, wenn jemand, dem gleich das Herz bersten würde, mit angstklammen Fingern 110 zu wählen versucht. Und dann 112. Wenn nicht bloß zerbrochene Fensterscheiben in Sofas und Holzdielen stecken, sondern die Brandflaschen ihr Vernichtungswerk schon durch die Zimmer trieben.
Sie hatte es grölen hören. Applaus, vor dem Haus. Sie hatte die Gesichter gesehen, über vollgepissten Trainingshosen. Unablösbar klebten sie auf den Brandflaschen. Designeretiketten. Handsigniert. Für den besonderen Tropfen. Persönliche Duftmarken. Den Mittfünfziger, kaltes Herz und gespaltene Zunge. Seine Brillengläser, klobig wie die ersten Fernsehtruhen der Republik. Das böse Zucken um seinen Mund, als er einen tiefen Schluck aus der Flasche nahm und den anderen Zuprostenden zuprostete. Sein Gesicht jetzt fernsehgroß. Bildschirmfüllend. Wie er der Nation erklärte, dass der Ball eckig ist und der Brand nur dadurch gelöscht werden kann, dass man beim »Feuer!«-Schreien besonders viel Wind macht.
Und mit den Bierschwaden und den Schnapsfahnen war er hereingeweht. Der Gestank von herzlosen Helden und Hass. Der Pesthauch der Ohnmacht. Sie konnte sie riechen. Und das Benzin. Und verbrannte Haut und Haare. Und noch einmal sah sie den dürren alten Mann mit dem zerschlissenen langen schwarzen Mantel vom Himmel fallen.
Bevor er zwischen die Schutthalden auf den Sandboden im Hof prallen konnte, fasste sie sich ein Herz. Sie wusste nicht wie. Sie zerrte die Kleine mit dem dicken schwarzen Zopf aus dem Bett. Halb verbrannt. Riss ihr die verkohlten und noch brennenden Nachthemdfetzen vom Leibchen. Drei Jahre alt. Vier vielleicht. Barg die zarten Gliedchen unter ihrem Mantel. Brach durch die Reihen der johlenden Ersatznymphchen und Notkonfirmanden mit dem aufgenähten Versprechen, die Welt zu verwesen. Sah einen torkeln. Umkippen. Liegen bleiben auf dem plattgetrampelten Rasenstück. Sturzbesoffenes Bügelbrett. Nur die übergroßen Springerstiefel staken zwischen ein paar Grashalmen hervor. Die Zukunft der Nation zeigte grotesk Profil.
Sie wusste, die Applaudierenden hinter ihren Rollläden bestiegen ihre Motorräder. Noch waren sie nicht fertig mit ihrem Feierabend. Noch lange nicht.
Sie rannte und stolperte vorwärts. Nur weg. Weit weg.
Es roch nach Angst und Braunkohle. Das Herz schlug ihr im Hals. Seit wann schlug es wieder? Seit die Kleine unter ihrem Mantel sich zu rühren angefangen hatte. Ihr die Ärmchen um den Leib geschlungen hatte. Zitterte. Wimmerte. Sie blieb stehen auf dem großen leeren Platz. Kein Mensch war zu sehen. Aber es war nicht vorbei. Sie streichelte dem winzigen Jungen mit dem zertrümmerten Köpfchen und den verdrehten Gliedern über den Rücken. Ein Fetzen löste sich aus dem Loch, das einmal sein Mund gewesen war. Und feine dunkle Locken ringelten sich jetzt neben seinen Ohren. Der Hut! Sie musste den Hut suchen. Schwarz. Mit einer breiten Pelzkrempe. Er musste irgendwo liegen. Er musste mitgeflogen sein. Der Blick in sein Gesicht eine zärtliche Frage. Die Kleine riss die dunklen Augen auf und zuckte mit den blauen Lippen. Aber es kam kein Ton. Nur ein Geruch. Aus der schwarzgeränderten Wunde an ihrem Hals unter dem dicken schwarzen Zopf. Ein Gestank. Wie. Damals. In der Toilette des Rasthauses Ziesar. Transit Helmstedt-Berlin Halbzeit. Wo der alte Drachen sie nicht aufs Klo ließ, weil sie nur noch eine einzige Blase war und darüber vergessen hatte, Kleingeld einzustecken. Der Gestank von Sauberkeit. Lysol.
Jetzt. Da waren sie. Direkt vor der Tür. Pissten in die Ecke an die Wand. Sie witterte es. Jemand kotzte gegen die Tür. Sie roch es. Sie wusste es. Sie würde die Kleine nicht wieder ruhig kriegen. Jetzt trat sie blind um sich. Bäumte sich unter dem Mantel. Hatte den Kopf darunter versteckt.
Wahrscheinlich hat sie Angst vor Menschen mit blonden Haaren. Nur noch Angst.
Die Tür splitterte unter einem einzigen Tritt. Es war, als ginge er in gerader Linie in ihren Bauch. Etwas implodierte. Ihr ganzer Schmerz wachte jetzt auf und legte sich in ihr Herz. Sie riss die Augen auf. Die herzlosen Helden fielen in sich zusammen wie Sternenstaub.
Es dauerte seine Zeit, bis es ihr nicht mehr unangenehm war, dass sie nicht auf dem Kopf gehen konnte. Noch störte der Gewehrkolben, der zweimal auf den Kopf der hinkenden kleinen Dame niedergegangen war. Das nächtlich schwarze Kanalwasser, das sie verschlang. Noch behinderte der Rollstuhl, der eigentlich Schades Frau gehörte. Sie hatte keine Ahnung, wozu das alles gut sein sollte. Sie wusste nur, sie musste dringend den Kobold warnen, denn der war ja dann auch in Gefahr –
Ach was, Quatsch! Alles, was du musst, ist aufstehen und den Liter Wein aus dem Bauch kriegen, den du beim Essen in dich hineingeschüttet hast. Gestern Abend. Den 15. Jänner. Hängt Lang eigentlich den Südstaatler wieder raus, seit er in Dresden hockt?
Auf dem Weg zum Klo konstatierte sie, dass die Wohnungstür ganz war. Mit leisem Ärger. Die Wohnung roch auch wie immer. Nach zu viel Lucky Luciano und zu wenig Schlaf. Und nach der Flasche Jil Sander Man Two, die er ihr über den Restauranttisch geschoben und die sie beim Auspacken in die Badewanne fallen lassen hatte. Wenn der mir schon mal was schenkt! Wie kommt der überhaupt auf die Marke. Und wie hat der eigentlich gegrinst? Hat das Händeflattern damit zu tun?
Sie zog die Spülung und beugte sich über die Wanne, um den Kopf unter die Brause zu halten. Das Wasser wirbelte Parfümreste auf und den Duft in ihre Nase. Sie spürte einen kleinen Stich in der Herzgegend, als sie darüber nachdachte, wie oft Lang aus Dresden wohl wegkonnte. Und wie lange er überhaupt brauchen würde da.
Sie zog den Kopf unter der Brause hervor und rubbelte unwirsch mit dem Handtuch durch die kurzen blonden Haare. Ob er recht hatte mit seiner Prognose? War es wirklich völlig offen, wer gewinnt – der Hase oder der Igel? Klar musste man brauchbare Polizeistrukturen aus weniger als dem Nichts stampfen. Alles, was er über Dresden erzählt hatte, kannte sie selbst. Und klar ist die Abteilung Organisierte Kriminalität nicht die einfachste Aufbauübung.
Aber war er deswegen ein Hase? Waren sie alle bloß Hasen? Immer zu spät. Immer zu blöd. Hilflos. Sinnlos. Eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme als Valium fürs Volk?
Sie ging zurück ins Schlafzimmer und riss das Fenster auf. Die kalte Morgenluft schlug ihr entgegen.
»… JEDENFALLS kann ich die –«
»Schschscht!«
»– einfach alle nicht riechen!« Die zweite Hälfte von Roboldts Schlusskommuniqué hallte nicht mehr wider von den schmuddelig-grünen Wänden des Treppenhauses. Vermutlich sickerte sie durch die Ritzen der abgeblätterten Türrahmen.
»Die dich auch nicht, keine Bange!«, fauchte Schade. Sie blieb vor dem stummen Portier stehen, knöpfte betont beiläufig die gefütterte Lederjacke zu und gab sich Mühe, brennendes Interesse an den vergilbten Namensschildern zu demonstrieren. Aber sie schien ganz woanders zu sein.
Roboldt beachtete sie nicht, sondern stürmte zwischen ihrem Rücken und dem Treppengeländer hindurch die drei dunkelgrauen Terrazzostufen nach unten zur Haustür. »Dann weiß ich erst recht nicht, wieso die das nicht hören sollen!«
Schade schlug den Kragen hoch und trat aus dem Haus Nr. 21. Unter den grellbleichen Sonnenstrahlen, die inzwischen durch die wenigen Löcher in der Wolkendecke gebrochen waren, sah die Linienstraße noch trister aus als vor einer guten Stunde, als sie unter dem einheitsgrauen Februarhimmel gelegen hatte. Die gegenüberliegende Häuserreihe hatte nicht mehr die Farbe von abgeschabtem Blei. Sie wirkte jetzt wie eine Brandruine, rußbeschichtet, zundertrocken, obwohl der Asphalt noch immer feucht glänzte und in der Gosse noch immer graubraune Reste der dünnen Schneedecke vom Morgen lagen. Der erste Schnee dieses Winters. Flüchtig und glanzlos. Es war auch nicht wirklich kalt, obwohl der Wind jetzt stärker pfiff. Es war einfach das gewöhnliche blutleere, vor sich hin kränkelnde Winterwetter, das in alles hineinkroch. Das alles engherzig und mies machte.
Sie ging auf die andere Straßenseite, stellte sich vor ein Parterrefenster der Nr. 228a mit ehemals weißen, rissigen Rahmen und einem von jeder Farbe entkleideten Rollladen aus zerfransten Holzlamellen und starrte auf die Nr. 21. Die muckefuckbeige Fassade, die graue Haustür, die Plastikrollläden, genau wie bei den andern vier Häusern der Reihe. Hinter einem der beiden Fenster im zweiten, obersten Stock links huschte etwas und brachte die gelbstichigen Stores in eine hinterhältige kleine Bewegung. Schade verzog verächtlich die Mundwinkel und drehte sich noch einmal zu dem löchrigen Holzrollladen hinter sich, bevor sie die Straße wieder überquerte.
»Na?«, rief Roboldt, der noch immer im Eingang der Nr. 21 lehnte und versuchte, sich den grünen Schal ebenso vorteilhaft wie winddicht um den Hals zu drapieren. »Stehen sie wieder hinter der Gardine?«
Schade verpasste ihm einen knappen mürrischen Blick. »Detlev, wenn du nicht dauernd so brüllen müsstest, könntest du da drüben die Holzwürmer mampfen hören!«
Kriminalhauptkommissar Detlev Roboldt warf das Schalende lässig über die Schulter. Es besänftigte ihn, dass auch anderer Leute Pointen nicht immer überzeugend saßen. Er sah Schade an: »Sonja, was ist los? Sollen wir uns wirklich von solchen Voltaires die Laune verpesten lassen?«
Kriminaloberkommissar Sonja Schade riss abweisend den Kopf zur Seite und setzte sich in Marsch, Richtung Straßenende. »Dich haben sie wenigstens noch dämlich behandelt, mich haben sie gar nicht erst ignoriert. Vor allem die Dame des Hauses. Mir stinkt das hier alles genauso wie dir, das kannst du mir glauben!«
Unter den Kolonnaden eines düsteren einstöckigen Klotzes an der Ecke zur Weydingerstraße, hinter dessen verrammelter Tür sich laut Schild eine Kindertagesstätte des Bezirksamts Mitte von Berlin befinden sollte, hatte Roboldt sie eingeholt.
»Vielleicht kannten die Frauen in der Polizei nicht.«
»Hast du gesehen, wie die die Schnauze nicht aufgekriegt hat, wenn der Genosse Gatte dabei war? So was hab ich seit zwanzig Jahren nicht mehr erlebt. Detlev, ich will auf der Stelle ’n Schnaps!« Schade drehte sich um die eigene Achse und suchte die Gegend nach irgendetwas ab, das nach Kneipe aussah.
»Da lang ist gar nichts.«
»Und in der andern Richtung auch nicht, da sind wir doch hergekommen«, schrie Schade. »Das ist alles tote Hose hier, verdammt noch mal!«
Detlev überlegte. Ob der Imbiss um die Ecke auf dem Rosa-Luxemburg-Platz Alkohol verkaufte? Nein, selbst wenn. Und selbst im Notfall. Der würde Schade endgültig aus den Schuhen kippen. Mit dem Namen.
»Dahinten ist doch der Hintereingang vom Theater – die müssten doch eine Kantine haben. Komm!«
Roboldt lief vor, stolperte fast über drei winzige schwarze Katzen, die aus der Grünanlage hinter der Nr. 21 gesprungen kamen, biss sich auf die Lippe, weil ihm Issiwuh einfiel, und blieb stehen, um sich nach Schade umzusehen. Die war schon auf der anderen Straßenseite und suchte die Einfahrt des massigen Gebäudes ab. Roboldt lief über die Straße. »Noch ein Stück – ich hab da was von Bühnenpforte Volksbühne gelesen. Hier.«
Und dann standen sie vor einer Glasscheibe, hinter der eine Frau in einem braunen Dederonkittel saß und schließlich widerwillig den Kopf hob.
DIE ROSA-LUXEMBURG-STRASSE hoch fuhren nur wenige Autos, und sie fuhren langsam. Das Pflaster war noch immer nass und sah glitschig aus. Für den roten Porsche, der aus der Wilhelm-Pieck-Straße heruntergerast kam, schien das kein Fakt. Auch nicht, dass Linksabbiegen in die Weydingerstraße verboten war. Er schoss, nachdem er fast einen Mann überfahren hätte, der sich in letzter Sekunde am Gitter des U-Bahn-Ausgangs mitten auf der Fahrbahn festhielt und die Straße lieber nicht überquerte, zwischen einem grell bemalten Trabbi und einem grauen Golf aus der Gegenrichtung durch, geriet in der Kurve leicht ins Rutschen und kam mit kreischenden Reifen gegenüber einem Imbisswagen an der Spitze des dreieckigen Platzes zu stehen, der seinen Namen ebenfalls Rosa Luxemburg verdankt.
Der etwa vierzigjährige schmächtige Mann, der ausstieg, trug einen braunen Ledermantel, um den er über dem wulstigen Bauch einen Gürtel in Derrick’scher Korrektheit geschlungen hatte, einen magenbitteren Zug um den Mund sowie einen kleinen schwarzen Wachstuchsack in einer Hand. Als er die Rückwand des fliederfarbenen Imbisswagens sah, blieb er einen Augenblick stehen, fixierte das hingesprühte VIVE MOULIN! mit seinen kalten kleinen Augen, lief pflaumenfarben an und stürmte über die schmale Einbahnstraße auf den Wagen los. Er riss die Seitentür auf.
»Wer war das!«, schnarrte er die Frau an, die eben ein braunscheckiges Etwas unter einer roten Pampe begraben hatte und es einem Kunden über den Tresen schob.
»Ihre Körriewur–«
»Ich habe Sie gefragt, wer das war!«
Die Frau zuckte zusammen und wurde blass. »Weeß ick ja ooch nüch. ’ck’atte an und fürsich jedacht, ick kriejet ab mit Otroc, aber …«
Der Mann knallte den Sack mit dem Kleingeld zwischen die Schüsseln mit der gelblichen und der roten Pampe. »Zählen!«
Dann lief er wieder hinaus, drehte eine Runde um den ganzen Wagen, über dessen Tresenfront in großen schwarzen Lettern BARBIECUE stand, und untersuchte schließlich selbst die Sprühschrift auf der Rückfront.
In einem der Hochparterrefenster des Häuserblocks, der die runde Ecke Weydinger-/Rosa-Luxemburg-Straße bildete, lag eine Frau auf ihren Ellbogen und ließ ihn nicht aus den Augen.
»Jeschieht euch recht! Ihr habt doch vor jar nüscht Reschpeckt«, kommentierte sie schadenfroh, »ihr Wessi-Pack mit eure Scheiß-Markwirtschaft!« Als er sich zu ihr umdrehte, schloss sie das Fenster und zog die Vorhänge zu. Das von einem Grübchen säuberlich gespaltene Kinn sah jetzt aus wie ein glänzender Babyhintern, und die nicht nur relativ großen Ohren schienen sich noch ein Stück weiter von der Kopfhaut distanzieren zu wollen. Dass er für einen Wessi gehalten wurde, störte ihn nicht. Was die Frau unter Respekt verstand, interessierte ihn nicht. Respekt interessierte ihn schon lange nur noch in einer Richtung.
Zwei junge Frauen, die aus dem Babylon-Kino auf der runden Ecke kamen, grinsten ihn an und tuschelten: »… kommt davon, wenn man uff Ami-Trallalla macht und nich ma Englisch kann …«, schnappte er auf.
Vorn am Tresen schwenkte der Kunde das braunscheckige Etwas, von dem es rot auf die Glasplatte tropfte. »Ich habe eine Currywurst bestellt und bezahlt. Das hier ist ein Stück Gartenschlauch aus euerm VEB Rote Socken, und von Curry ist überhaupt keine Spur!«
Die Frau im Wagen wischte hektisch hinter den Ketchup-Klecksen her. Als sie ihren Chef wieder auftauchen sah, bückte sie sich, holte eine Plastikfolie mit einem Etikett aus einem Müllsack und schwenkte sie ihrerseits dem Kunden vor der Nase herum. »Hier!«, schnauzte sie. »Da steht’s druff: Körriewurscht! Dis reicht ja woll!«
Der Kunde schmiss den angebissenen Schlauch in die Schüssel mit der vergilbten Pampe und verließ die Szene. Ihm folgten vier unverkennbare Touristen, zwei Erwachsene, zwei Kinder, ein Camcorder. Das Gezeter der beiden Kinder ließ das Gesicht der Wurstfrau blau anlaufen. Sie wechselte einen Blick mit ihrem Chef, ließ die Currywurstreste weiter in die Mayonnaise sinken, schüttete den Sack mit dem Wechselgeld auf den Tresen und fing an zu sortieren und zu zählen. Ohne den Chef wirklich aus den Augen zu verlieren, brabbelte sie vor sich hin. Ein Gemisch aus Zahlen und trotzigen Duckmäuserlitaneien.
»Was war das eben!«, schnarrte er dazwischen.
»Ick sahre ja bloß, dis Sie uns am Ende noch die janze Faschistenbrut hier ranziehn. Mit den Nahm …« Sie biss sich auf die Unterlippe und hielt den Blick starr aufs Geld.
»Und!« Es klang schneidend, wie oantt! Er beobachtete jede ihrer Regungen. »Wenn Sie die anderen Kunden vergraulen!«
Ihre Unterlippe drohte die Mayonnaise mit weiteren roten Tropfen zu beleben.
Er ging wieder nach hinten, stieg in den Porsche, riss den Telefonhörer aus der Halterung und wählte. Horchte. Drückte einen Knopf, noch einen, horchte wieder. Auf seiner Stirnglatze erschienen Dutzende winziger glänzender Perlen.
Endlich klappte die Verbindung. »Hier Jähder! Den ABV! … Was? Mir doch egal, wie der jetzt heißt! Den Chef will ich – was? Das ist ja wohl – was glauben Sie eigentlich, wer Sie – was soll ich? Also schön: J-ä-h-d-e-r! Ja. Kriegen Sie auch: H-e-i-n-z K-l-a-u-s! Kann ich jetzt endlich einen Fall von üblem Rowdytum melden!«
EIN FAHLER SONNENSTRAHL kroch über das Linoleum eines Dienstzimmers im zweiten Stock einer normannischen Festung in der Keithstraße Nr. 28, kletterte den Schreibtisch hoch und legte sich ungefähr gleichzeitig über die Akte mit der Aufschrift »Kindstötung/Wolter« und das Gesicht des Ersten Kriminalhauptkommissars Karin Lietze. Seine Wärme kitzelte ihr in der Nase. Sie kratzte sich, hob verblüfft den Kopf und überließ sich einen Augenblick lang zwei widerstrebenden Gedanken. Es war seit Tagen der erste natürliche Lichtstrahl, und er tauchte, auch wenn er noch dünn und blass war, das grausige Geschehen, das sich in dem Stapel beschriebener Seiten und Fotos zu einer trügerischen Ordnung formierte, in eine Versöhnlichkeit, die seine Grausigkeit noch schreiender machte. Auf der anderen Seite wärmte er ihr die Glieder. Sie merkte erst jetzt, dass sie völlig erstarrt über der Akte gehangen haben musste. Sie hatte sich darauf versteift, deren Inhalt wieder und wieder und immer genauer zur Kenntnis zu nehmen und gleichzeitig nicht an sich heranzulassen. Sie lehnte sich zurück und ließ den schmalen, sanften Streifen Freundlichkeit auf Bauch, Brust und Hals ruhen. Sie schloss die Augen. Aber die Bilder wucherten weiter in ihrem Kopf. Jeder Tod war erschreckend. Auch der natürliche. Auch der geschützte. Der, bei dem jemand herzlich aufgehoben ist zwischen denen, die ihn lieben und die übrigbleiben werden. Der angekündigte Tod, der alles und jeden chronisch in seine Nähe zieht.
Sie dachte an Schade. Einen kurzen Augenblick lang verschwanden die Bilder des ermordeten Kindes. Schade sah elend aus in letzter Zeit. Als wäre sie selbst nicht mehr ganz von dieser Welt, seit es ihrer Freundin – ach was: seit es ihrer Frau so schlecht ging, dass sie angefangen hatte, ihr Leben vor dem Tode zu organisieren. Ob sie Schade in Urlaub schicken sollte? Es war vermutlich eine Frage der Zeit, dass sie zusammenklappte. Wie viel leichter war ein Tod aus heiterem Himmel – obwohl. Nein. Leicht war das nicht gewesen damals, mit ihrer Mutter. Sechs Jahre war das schon her. Sechs? Sieben fast! Und der Schock biss ihr noch immer in Herz und Magen. Der Anruf auf ihrer Antwortmaschine, als sie nachts um vier todmüde von irgendeinem frischen Tatort nach Hause geschlichen war. Als sie, schwankend vor Müdigkeit und Erregung, auf der Intensivstation ankam, war sie schon tot. Madame – gestorben, wie sie gelebt hatte. Getreu ihrem Motto, sie sei schließlich ein einfaches Mädel mit einem einfachen Geschmack und von daher einfach mit dem Besten zufrieden. Es war ein paarmal ein ungutes Ende dabei herausgekommen, aber Lietze d. Ä. – wie sie sich ironisch vorzustellen pflegte, seit ihre Tochter sich mit dem ihrer Meinung nach Zweitschlimmsten arrangiert hatte: mit der Schmiere! – hatte sich stets wieder aufgerappelt und noch jedes Ende zu einem grandiosen Anfang zu machen verstanden. Diesmal nicht. Diesmal hatte sie sich so unglücklich an einem Stück Prager Schinken verschluckt, dass sie einen totalen Atemstillstand erlitten hatte. Der Notarzt, der etwa fünfzehn Minuten später im Festsaal des Tennisvereins Rot-Weiß eingetroffen war, hatte nicht mehr versucht, sie wiederzubeleben.
Es war vermutlich alles vom Besten so. Auch der Schinken. Und wunderschön hatte sie ausgesehen. Trotz allem. Trotz der kühlen, grün-weiß technisierten Umgebung – Nein. Es war besser, Schade zu beschäftigen. Jedenfalls solange Anita im Krankenhaus lag. Arbeiten hilft. Manchmal. Vertreibt die bösen Geister. Die Ahnungen vom blauen Hauch des Todes. Das Gefühl der Sinnlosigkeit. »Denn genug zu tun haben wir wahrhaftig!« Lietze klappte energisch die Augen wieder auf, griff nach der Schachtel Lucky Luciano und steckte sich ein Zigarillo an.
Der Sonnenstrahl hatte sich vom Tisch auf die Wand verlagert. Wunderschön hatte sie ausgesehen, Madame Gisèle vorm. Mademoiselle Marlene. Ganz, als hätte sie gerade eben das absolut Beste gehabt und nicht den finalen Krampf. Keine Todesangst –
Lietzes Blick fiel wieder auf die Seiten mit dem Kopf des rechtsmedizinischen Instituts. Christian Wolter … geboren 13. August 1990 in Berlin … Hämatome … Verbrennungen … zerschmetterte …
Sie drehte die Fotos, die auf der Nase lagen, wieder um, nahm einen tiefen Lungenzug, steckte sie zwischen den Deckel und das erste Blatt des gerichtsmedizinischen Befundes und schloss die Akte. Sie brauchte die Fotos nicht. Sie hatte vor drei Wochen mit ihren eigenen Augen in sich eindringen lassen müssen, wie dieses Kind zugerichtet worden war. In einem Akt der Raserei. Ein viel zu dünner, zarter zweieinhalbjähriger Junge. Mit brühendem Wasser übergossen, getreten, geprügelt und schließlich mit dem Kopf gegen die Kante seines Bettes geschlagen. Jemand hatte all das getan. So lange, bis die gebrochenen Glieder wie gesplitterte Äste von seinem Leib hingen und von dem Kopf nur noch blutverklebte Knochen- und Schleimhautfetzen übrig waren. Aber wer? Die verschwundenen Eltern? Wer von beiden? Oder beide gemeinsam?
Und niemand von der ganzen Nachbarschaft hatte irgendetwas bemerkt. Überhaupt, die Nachbarn. Das waren die seltsamsten Vernehmungen gewesen, die das MI/3 je geführt hatte! Als ob sie noch nicht mal zugeben wollten, dass sie in diesem Haus wohnten. Nicht mal dieser – Hausbuchführer! Blockwarts Wiedergänger. Vor nicht mal zweieinhalb Jahren hätte er jedem, der sich nicht sofort vorschriftsmäßig bei ihm anmeldet, die geballten Sicherheitsorgane auf den Hals geschickt! Vor allem einem aus dem Westen. Kein Wunder bei dem System, wenn die bei der Verbrechensaufklärung genau solche Ergebnisse hatten wie bei ihren Wahlen da!
Sie stand auf und ging zur Tür zum Schreibzimmer. Dass sie einen Kaffee bei sich behalten würde, schien ihr immer zweifelhafter. Sie hatte sich auch nach drei Jahrzehnten Polizeidienst und fast zwei Jahrzehnten »Delikten am Menschen« nicht an den Anblick gewaltsam Getöteter gewöhnt. Und einen wie diesen hatte sie überhaupt noch nie in die Netzhaut geätzt bekommen. Sozusagen live.
»So was fällt doch nicht vom Himmel!« Wo haben die eigentlich alle hingeguckt! Wo ist denn dieser verdammte bessere Mensch! Sie straffte den Rücken und redete sich gut zu. Ruhig, Lietze. Nicht emotionalisieren. Hast du wirklich an den geglaubt? »Ach was, Quatsch!« Sie warf den Kopf nach hinten und schob eine Hand in den Hosenbund. Der Mensch, der nicht dauernd der bessere sein will, denkt auch mit dem Herzen!
Sie wusste, als sie die Klinke der sonnengesprenkelten Tür drückte, wozu das gut war.
»NA, MANN! Soll det hier ’ne Springflut für meine Schweißdrüsen wer’n?«, krähte Helga, als sie die Tür mit dem großen Schild MIGRÄNE e. V., unter dem, leicht zu übersehen, ein winziger Zettel mit einem krakeligen »H. Pioch« klebte, hinter sich zugezogen und den Einkaufswagen vor die Klotür gerollt hatte. Ohne eine eventuelle Verteidigungsrede abzuwarten, beugte sie sich hinunter zu drei Katzen unterschiedlicher Größe und Farbe und ächzte aus der Perspektive standorttreuer Kleinraubtiere weiter.
»Die wolln mir bloß den toten Maulwurf vom Kopp schwemmen, nich, Schischi? Dabei solln wir Enerjie sparn!«
Alle Katzen heißen Schischi, hatte Helga verfügt. Und wenn wir schon ma bei’t Jedenken sind, hatte sie mit der Autorität ihrer pensionsreifen Jahre hinzugefügt, denn heißen die, wo nach de Kinderschuh det Lockduft-Jespritze folcht, ehmt Fritz! Und da Helga zwar das größte aller mutmaßlichen Katzenherzen besaß und sich erst nach schweren Schmeicheleinheiten und Ablenkungsmanövern seitens des kompletten mittleren Kerns der MIGRÄNE auf »nur drei Viecher« im Büro, das auch ihre neue Wohnung geworden war, hatte runterhandeln lassen, aber nicht die geringste Lust hatte, auch den Vierbeinern noch zwischen die Beine zu gehen, wartete sie eben ab, bis dieselben sich persönlich und unmissverständlich zur Geschlechtsfrage äußerten. Folgerichtig wurde Helga auch an diesem Montagmittag von einer Schischi, einem Fritz und einem Winzling begrüßt, der einstweilen als Fritschi galt.
Nachdem sie die drei mit je einem Katzenkeks aus ihrer Manteltasche bedacht hatte, ächzte sie wieder hoch und versuchte, sich die schwarze Perücke zurechtzuzupfen. In der Tür von einem der drei Zimmer, die vom Flur abgingen, erschien eine junge Frau mit dicken Socken, Jeans, Holzfällerhemd und einem Pullover über der Schulter.
»Manu, hier is eene Bullenhitze! Det is ooch bestimmt nich jut für den janzen Hai-Teck-Meck da drinne!« Helga schälte sich unter wiederholtem Ächzen aus dem Mantel.
Manu sah ihr ungeduldig zu. »Ich sag ja, ihr sollt nicht so viel rauchen. Und wenn das Fenster auf ist, frier ich mir den Arsch ab. Ist eben nicht jeder vierzig Jahre straßenfest wie du – du sollst doch das schwere Zeug nicht schleppen!«
»Uff de Straße hab ick ma diesbezüchlich nich jefesticht!«, brummte Helga und ließ sich auf ein kleines Sofa sinken. »Der Sack mitte Streu steht übrigens noch unten. Ick schleppe nemmich det schwere Zeuch nich.«
Fritschi war einen Augenblick unschlüssig, ob er Manu aus der Wohnung oder lieber den beiden ausgelernten Vierbeinern auf das Sofa folgen sollte. Ein rauer Aufschrei von Helga und eine fauchende Schnauze von Schischi beendeten sein Dilemma. Fritschi sprang auf Helgas Schoß, drängelte sich unter ihre Strickjacke, und Fritz der Kater stellte das Schwanzgefuchtel ein.
Helga schloss die Augen und genoss das pulsierende Päckchen Leben an ihrem Bauch. Dessen Wärme sorgte einfach nur für wohltemperierte Verhältnisse in Helgas Körper und einen kühlen Kopf. Warum konnten Menschen nicht wie Katzen sein! Allein die schauspielerischen Glanzstückchen von Katzen, die etwas wollten … Katzen mochten Huren auch! Die würden nie – »det darf doch allet nich wahr sein!«
Helga schoss in derselben Sekunde vom Sofa hoch, als die Wohnungstür aufsprang und ein rothaariger Glanz auf sehr hochhackigen schwarzen Lackstiefeln in den Flur schreiten wollte. Groß, sehr aufrecht. Helga stand da wie ein Känguru.
»Kitty! Jut, dis du kommst!«, brachte sie schließlich heraus.
»Ihr ahnt ja nich, wat ick ehmt jehört hab!«
Das mit Kittys Schreiten wurde diesmal nichts, denn von hinten schubste Manu mit zwei 10-Kilo-Tüten Katzenstreu. Ein Stück schwarz-weißer Pelz plumpste aus Helgas Strickjacke, Kitty stolperte fast darüber, sackte Helga in die Arme, die schob der Ansturm einen Meter rückwärts, direkt zurück auf das Sofa, von dem sie gerade durchgestartet war. Zwei größere Stücke Pelz in Schneeweiß und Rotbraunschwarzweiß sprangen hoch und verließen fluchtartig mitsamt ihrem erschrockenen Azubi die Turbulenzzone. Helga hing schief zwischen Seiten- und Rückenlehne, Kitty ebenso schief zwischen Helgas Schoß und der Sofakante.
Manu drückte die Tür mit dem Fuß zu und starrte auf das Knäuel vor ihrer Nase. »Echt umwerfend, die Begrüßung!« Sie ließ grinsend die zwei Tüten auf den Boden fallen. »Kommt davon, wenn ihr immer Stilettos anhaben müsst. Sogar hier im Büro.«
Helga schnappte gleichzeitig nach Luft und der Perücke, die ihr inzwischen nach Art der Baseballkappen leger im Nacken hing und wenige feine weiße Haare auf dem Vorderkopf entblößte.
»Na hör ma!«, schnaubte Kitty. »Ick komme direkt von Arbeit. Soll ick da fleicht mit Becker-Treter antanzen? Da lacht ja die Sitte!« Sie griff Manus Arm und kam wieder auf die Beine. Dann beugte sie sich zu Helga, zog ihr mit einem resoluten Griff die schwarzen Kunsthaarlocken wieder in die Stirn und hielt ihr beide Hände hin. »So, Helga, jetze du!«
»Will wer’n Tee?« Manu war schon in der Küche.
»Ja« und »Nee« kam es gleichzeitig aus dem Flur zurück.
»Muss ick bloß ständig uff Klo von!«
»Na – hast doch jetze immer ’n Klo inne Nähe. Helga – Mensch!« Kitty schob ihr den Arm unter und führte sie zu der Tür, hinter der Manu vorher gesessen hatte. »Du kannst dir nich dran jewöhn’ , dette nich mehr draußen stehst, wa?«
»Meinste?« Helga ließ sich gern schieben. »Da könnt’ste recht mit ham. Vor allning’ , wenn ick so wat höre!«
»Wat’n – wat hast’n jehört, nu los!«
Helga blieb stehen, drehte sich aus Kittys Arm und sah ihr direkt in die Augen. »Du gloobstet nich! Die schrecken vor nischt zurück, die Scheißkerle!«
Manu kam mit Tassen und einer Kanne ins Büro. »Was ist mit Scheißkerlen? Wieder was für die Kartei?«
Helga setzte sich an einen großen runden Tisch, an dem etwa ein Dutzend Leute Platz hatten. »Und wie! Ick weeß bloß noch nich, wer die sind! Na, jib mir ma ooch ’ne Tasse!«
Kitty warf ihre Teddyjacke auf einen der Stühle und setzte sich dazu. Manu schenkte ein und verschwand hinter einem Tisch mit einem Bildschirm und anderem elektronischen Gerät auf einem Drehstuhl.
»Also«, fing Helga endlich an, »irnkwer jibt Bongs aus, uff die steht Jutschein für eemal Verkehr, und verteilt die unter de einschwänzije Menschheit!«
»Wat is los?« Kitty hatte sich die Lippe verbrannt und keine Zeit für differenzierte Fragen.
»Ick sahre ja, det darf nich wahr sein. Is aber!« Helga pustete triumphierend in ihren Tee. »Et sind so Bongs in Umlauf. Det hab ick ehmt beim Einkoofen uffjeschnappt. Richtich echt, da sind schon welche druff reinjefallen.«
»Wer!« Manu kam so schwungvoll nach vorn, dass ihr der Drehstuhl fast unterm Hintern wegrutschte. »Mädels etwa? Oder Freier!«
»Von Mädels war nischt zu hören. Stuppen hat’s erwischt. Und ick sahre dir, wenn die damit an eene von unsre jeraten sind, denn ham se hinterher nich mehr taufrisch ausjesehn. Oder kannst du dir vorstellen, uff Jutschein zu ackern, Kitty?«
Kittys Lippe war allmählich wieder fähig zu einem breiten Grinsen. Sie setzte sich aufrecht hin und erklärte, ganz Würde in Person: »Nä! Bin ick Aldi? Von mir hätte der sich ’n paar heiße Öhrchen einjefang’!«
»Siehste, det mein ick ja«, krähte Helga befriedigt. »Die Migräne schafft nicht uff Rezept! Aber wat is’n mit unsre reizende Mitmädels im Osten, hä?«
Manu seufzte auf. Kitty versuchte eine beschwichtigende Geste in Helgas Richtung. »Ick weeß, wat du denkst. Aber bloß weil wir immer noch keen richtijen Draht mit die ham, musst du ja nich uff Besser-Wessi machen …«
»Ick mach do’ jaa nischt!« In Helgas Gesicht blitzte etwas nicht genau zu Definierendes auf, etwas, das ebenso viel Bitterkeit wie Mitleid enthielt. Und Melancholie. Oder Resignation? »Ick sahre bloß, wenn die partout nischt lernen wollen von uns, denn könnten se ehmt mal zu blöde sein, um –«
»Weißt du mehr?« Manu tippte auf verschiedenen Tasten herum und sah immer wieder hoch auf den Monitor. »Wie sehn die aus, die Bons? Wer soll die ausgegeben haben?«
»Weeß icke?«
»Da muss jemand hin!« Kitty ging zu Manu an den Computer.
»So wat hatten wa noch nich – oder?«
»Nähä! Gesperrte Schecks und Blüten angroh. Freier, die erst löhnen und dann die Kohle wieder klauen, auch. Aber Verkehrmarken – nä!«
»Wie weit bist’n überhaupt mit unse Arschlochkartei, Manu?« Der Tee war jetzt kalt genug. Helga schlürfte erwartungsvoll.
»Na – die Arschlöcher hab ich con tutti. Aber wir wollten ja noch ’n paar andre Rubriken …« Manu nahm drei quadratische Plastikscheiben aus einem Plexiglaskasten mit Schloss und gab sie Kitty. »Ich glaub, die Tarnung ist ganz okay, falls das Büro mal aus Versehen durchsucht wird … Da kommen die nie drauf.«
Kitty betrachtete die drei Vierecke und las die Aufkleber. »Icke aber ooch nich – wat soll’n det sein: DNS?«
»Do Not Serves – hab ich aus Amerika übernommen. Da nennen sie die so. Ekelfreier aller Art, Geizhälse, Quaktaschen, Gummimuffel, Betrüger, Beleidiger. Eben die, die du nicht bedienst, verstehste?«
»Und hier – H2O?«
»Wasser!«, krähte Helga.
»Na – zweimal H, einmal O, ne?« Manu genoss die Verblüffung. »Steht für HurenHasser und deren Organisationen. Also, Frauen auch.«
»Manu, du bist’n Klapper, echt!« Kitty schenkte ihr ein ausgesprochen glanzvolles Lächeln. »Ick bin richtich stolz uff dir! Lernt man so wat inne Filmbrangsche?«
»Nö«, flötete Manu geschmeichelt. »Das hab ich mir damals schon ausgedacht, in der Intim-Bar. Ewig her.«
»ZNS«, probierte Kitty, »Z is Zuhälter, wa?«
»Hmhm.«
»N – Nieten? S – Stinktiere?«
»Nullen und Sados!«, bot Helga an.
Manu kostete die Pause bis zur letzten Sekunde aus. »Zuhälter, die Nur Stören«, strahlte sie schließlich.
»Wahnsinn!« Kitty ging zum Tisch und hielt Helga die Scheiben hin. »Muss eener wie meener ja nich rin, wa? Der stört ja nicht nur.«
»Wenn ooch meistens!«, gab Helga bekannt und besah erst die Disketten, dann Kittys Gesicht. »Außerdem«, fügte sie gnädig hinzu, »is Werner keen Luden, denn der hat die Werkstatt, wo er seine eingne Kohle mit machen kann, wa?«
»Tja«, Manu ging dazwischen, bevor die Aufmerksamkeit allzu weit von ihrem Meisterwerk abgelenkt werden konnte, »dieses, meine verehrten Mitmigränes, wenn ich mal bitten darf, ist die erste Kartei von allen, die unserem Berufsstand das Leben sauer machen. Sie basiert auf dem ständigen Informationsfluss von zirka zweihundert Kolleginnen in –«
»Westberlin, sahr ick ja!«
»Ja, Helga, noch!«
Helga war nicht zu überzeugen. »Und det würt ooch noch ewig so bleim! Kiek dir die doch ma an, diese Ostmädels! So’ne Enttäuschung! Die liefern ab! Die versauen die janze Brangsche mit ihre Scheißluden! Haste die einklich ooch in deine Kartei?«
Manu schnalzte. »Nee. Woher denn. Aber die krieg ich noch – mit Name, Adresse und Automarke! Wir haben nämlich noch eine Diskette – hier!« Sie tippte wieder auf Tasten herum und warf ein weiteres Plastikviereck in Richtung Tisch. Kitty fing es auf.
»WWF? Det sind doch ausstermde Tierarten.«
Manu schüttelte den Kopf und grinste. »Ah-ahm. Glaub ich nicht. Bin da eigentlich ganz optimistisch …«
»Nä, nu sach schon!«, knurrte Helga.
»Wichtige und Wohlwollende Freier!«, sagte Manu wichtig und wohlwollend.
»Juuut!« Kitty war wenigstens wieder ein Glanz.
»Und ich sage euch jetzt noch was, was ich auch morgen Abend bei der Sitzung vom Kopfnuss-Kombinat nicht so ausbreiten werde: In allen vier Listen sind auch Bullen!«
Kitty glänzte mit einem Pfiff. »Allet Männer, wa?«
»Äh – ja sicher. Wieso?«
Kitty und Helga tauschten einen schnellen Blick. »Ja – na: Wieso frachst’n bloß so wat, Kitty!«
»Och«, der Glanz strahlte im Format Tschernobyl, aber mit lebensrettendem Vorzeichen. »Nur so.«
SONJA SCHADE SCHRECKTE schon beim ersten Knacken aus dem kleinen braunen Kasten über ihrem Kopf hoch. Als dann noch eine Stimme hinterherknarzte, die in jeder deutschen Behörde dienstverpflichtet werden könnte, als Erstschlagwaffe zur Abschreckung gegen eventuelle Anfragen, Anträge oder sonstige arbeitsverschaffende Ansinnen, starrte sie ein paar Sekunden lang angstvoll ins Leere und sackte wieder in sich zusammen, um ihren Blick auf das ebenso leere Schnapsglas zu fixieren. »Achtung eine Durchsage die Generalprobe ist verschoben auf Punkt dreizehn Uhr Sättschmoh sofort zur Bühne!« Niemanden sonst in dem braungetäfelten flachen Souterrainraum schien das Kommando aus vielen Lautsprechern zu beeindrucken. Nur an einem der abgewetzten Holztische erhob sich ein schwarzer Hüne und schob gemächlich den braunen Plastikstuhl mit seinen sehr kräftigen Schenkeln nach hinten. Er war, bis auf schwarz-weiß geringelte Söckchen, auch komplett schwarz gekleidet. Oder eher gewandet – das T-Shirt floss weiträumig über seinen großen, runden Leib und die Jeans, die ihrerseits Hintern und Beine weich umspielten. Sogar die Turnschuhe wirkten wie auf Zuwachs eingestellt. Trotzdem war nichts an dem schwarzen Hünen schlapp. Im Gegenteil. Er bewegte den Stuhl hinter sich mit minutiös inszenierter Gelassenheit, steckte sich fast träge eine neue Zigarette zwischen die Lippen und an und ging mit leichtfüßiger Eleganz zwischen Rauchschwaden und Tischen voller qualmender, schnatternder Menschen hindurch zu einer Tür an der Seite der Theaterkantine. Ein stattlicher Tanzbär, dem niemand Beachtung schenkte.
Außer Roboldt. »Ähh – soll ich dir noch einen Aprikosen-Edellikör spendieren, Sonja?« Er hatte sich wieder an ihr leeres Glas erinnert.
»O nee, lieber nicht«, auch Schade versuchte, sich wieder an die Gegenwart und den Ort anzukoppeln. »Einer reicht. Aber die haben doch auch Kaffee. Hast du Hunger?«
Sie stand ruckartig auf und sah Roboldt an. Der schwarze Hüne war durch die Tür verschwunden.
»Detlev! Soll ich dir was mitbringen?«
»Ja. Nee.« Er dachte an das vergilbte Schild neben der Glasschwingtür zur Kantine: Das Verlassen mit brennenden Zigaretten, Zigarren und Pfeifen ist verboten. Ob sich hier früher auch schon jemand extra eine frische Kippe zwischen die Lippen geklemmt hatte, wenn er rauskommandiert wurde? »Bring mir einen Kaffee mit.«
Er riss sich zusammen. Es musste etwas getan werden. Diese bleierne Schwebe, in der alles zu verharren schien, musste weg. Er wusste noch nicht, wie. Er war auch sicher, dass man an Sonjas Lage nicht viel machen konnte. Anitas Zustand hatte sich über die Jahre verschlechtert. Alle hatten damit gerechnet. Was heißt gerechnet – das war ja gerade das Tückische. Multiple Sklerose ist unberechenbar und schickt alle, die damit konfrontiert sind, durch die heftigsten Perspektivwechsel. Wochen, manchmal Monate schien alles stabil. Sonja war einigermaßen ausgeschlafen und imstande zu herzerfrischenden Bosheiten und effektiver Bodenständigkeit, was ihre Arbeit als jüngste Teileinheit des M I/3 anging. Plötzlich, ein Schub. Anitas eben noch verlässliche Muskelkraft brach zusammen. Und damit, wenigstens für ein paar Tage, Sonjas Zeiteinteilung. Gott sei Dank hatte Sonja aufgehört, die Heldin zu spielen. Gott sei Dank hatte sie eines leicht melancholischen, aber warmen goldenen Oktobertags den Mund zu einem schüchternen Hilfeschrei aufgekriegt. Das gesamte M I/3 war seitdem irgendwie auch zuständig für den Umgang mit den jeweiligen »Defekten« am Menschen Anita und deren organisierter Krankenpflege. Und Gott sei Dank hatte er selbst einen freischaffenden Krankenpfleger aufgetan, Beda für die Ämter, von denen er gelegentlich Arbeit beschafft bekam, Polette de Raclette für die Menschen, die er betreute und die ihn bei mancher Ladies’ Night mit Phantasiekostümen in den Farben des Schweizer Landes unter einer Schaumgummiperücke in Form eines riesigen grellgelben Käses auf der Bühne erlebten. Beda-Polette war selbst positiv und, auch als sein eigenes kleines Match mit ihm wegen der Turbulenzen im Zuge der Wiedervereinigung der Berliner Polizeien abgebrochen war, begeistert, jemanden pflegen zu können, der nicht Aids hatte. Anitas Bilder gefielen ihm. Sonja hatte ihn tief ins Herz geschlossen, weil er ihr jeden Anflug von Eifersucht ersparte. Sie hatte sich sogar angewöhnt, von »ihr« zu reden, wenn sie gelegentlich berichtete, wie handfest und sanft Polette Anita auf die Toilette setzte, wusch, anzog, fütterte.
Aber zwei Tage bevor Anita die Lungenentzündung bekommen hatte, aus heiterem Himmel sozusagen, mitten in einer völlig neuen Bilderserie, für die ihre Augen alle Kraftreserven zu mobilisieren schienen, hatte Polette das Flugzeug nach Rio bestiegen. Einmal im Leben am richtigen Karneval teilnehmen. Dem letzten vielleicht. Wozu chot man einen Sugardaddy, od’rrr?
»So!« Schades Stimme klang beherrscht. Sie stellte die Tasse auf den Tisch und warf eine Tafel Schokolade hinterher. »Du trinkst jetzt einen Kaffee für stolze 50 Pfennig und isst was Süßes fürs Herz, und dann wird gearbeitet!«
»Sonja, willst du Anita wirklich wieder nach Hause holen?« Roboldt riss das Schokoladenpapier auf.
»Ja. Nachher.« Schade steckte sich eine Zigarette an und stopfte sich Schokolade in den Mund. »Lass uns mal festhalten –«
Roboldt seufzte, holte aber seine Notizen aus der Tasche. »Dass der Vater des getöteten Kindes vermutlich auch Christian heißt, obwohl alle immer bloß ›Chris‹ gehört haben wollen, davon können wir wohl ausgehen. Von mir aus auch Christoph. Davon haben wir aber immer noch keinen Nachnamen.«
»Glauben wir dem Herrn Genossen Voltaire eigentlich, dass er den nur einmal live gesehen hat? Immerhin ist der sozusagen sein Schwiegersohn, und so ein – Patriarch wie … Jetzt fang ich auch schon mit solchen Wörtern an!« Sonja knackte hektisch noch ein Stück Schokolade von der Tafel.
»Seh ich auch so. Der müsste eigentlich genau wissen wollen, was seine Tochter für Umgang pflegt.«
»Und zwar gerade, weil die sich mit den Eltern total überworfen hat! Das muss so einem Hundertfünfzigprozentigen wie dem doch an die Ehre gehen, wenn die Tochter von Spanienkämpfern und Antifa nix mehr wissen will. Der denkt doch als Erstes, da steckt ein Faschist dahinter, der hat mein Kind gehirngewaschen. Dann nennt die sich auch noch um, weil sie nicht mit einem ›undeutschen‹ Namen rumlaufen will! Detlev, da wird der doch aktiv!«
Roboldt blätterte in seinen Notizen. »Was für Möglichkeiten hat so einer wie Voltaire eigentlich, an Informationen ranzukommen?«
»Stichwort alte Seilschaften? Genau! Keine Ahnung. Und was noch schlimmer ist, ich wüsste nicht mal, wo man anfangen sollte, das zu ermitteln.« Schade ließ sich gegen die Rückenlehne der hölzernen Eckbank fallen, schluckte das letzte Schokoladenstück runter und konzentrierte ihre Mundbewegungen auf die Zigarette. »Das Allerschlimmste allerdings ist«, sagte sie dann mit einem kampflustigen Unterton, »dass ich wahrscheinlich gleich einem Glukoseschock erliege!«
»Ein bisschen mehr hättest du mir ruhig abgeben können«, stellte Roboldt fest. »Also – der Mann ist Parteimitglied, und nicht bloß der ersten Stunde, sondern geradezu pränatal –«
Schade kam wieder hoch und schnippte die Asche drei Zentimeter neben den klassischen Mitropa-Aschenbecher, weil sie Roboldt anstaunte.
»Na, wenn der in Spanien schon für das Väterchen mit dem Großen Bruder hinter sich unterwegs war? Da gab’s noch keine sozialistische deutsche Einheitspartei, soweit mir bekannt ist. Dann, jedenfalls, dürfte ihm auch die widerlichste Aktivität für den Staatssicherheitsdienst seines besseren Deutschlands kaum gegen irgendeine Ehre gegangen sein. Sonja – das gibt 1a Schreibtischarbeit und Telekom-Umsätze!«
Schade drückte hastig die Asche aus. »Na dann. Immerhin können wir seine Frau Gemahlin getrost aus den Augen verlieren. So wie die den immer anglotzt und kuscht – der glaube ich aufs Wort, dass die Tochter für sie ›gestorben‹ ist!«
»Und der Enkel gar nicht erst zum geborenen Leben zählt«, ergänzte Roboldt. »Fürchte ich auch. Wir müssen sie trotzdem im Visier behalten. Wenn es stimmt, dass Dolores Wolter geb. Voltaire außer ihren Eltern keine nennenswerte Verwandtschaft aufweist und auch zu ihren alten Bekannten und Kollegen die Brücken gesprengt hat, wenn es weiter stimmt – wie weder ihr Vater noch ihre Mutter bezweifeln –, dass sie ihr eigenes Kind zumindest nicht vor diesem Tod geschützt hat, dann ist sie tatsächlich abgehauen und völlig auf ihren Kerl von Liebhaber angewiesen –«
»– und dann sitzt sie bald in der Scheiße, meinst du das?«
Roboldt nickte angewidert. Grün und blau geschlagen hatte er sie schon öfter, jedenfalls behaupteten das die Nachbarn.
»Und dann kriecht sie irgendwann reumütig in den Mutterschoß zurück? Wenn du dich da man nicht täuschst, Detlev. Außerdem – irgendwas sagt mir, dass wir über sie an ihn kaum rankommen, die macht das Maul nicht auf. Die war doch auch immer unglücklich an die Schranktür gelaufen, wenn mal ein Nachbar nach ihrem Veilchenauge gefragt hat!«
»Und wenn sie doch nur mit abgehauen ist, obwohl sie am Tod des Kindes nicht schuld ist? Wenn er ihr eingeredet hat, sie säße mit in der Falle? Vielleicht hat er sie auch erpresst – er würde behaupten, dass sie es war. Aussage gegen Aussage. Vergiss nicht, sie ist aus dem Osten, aber er soll Wessi sein. Der kann ihr doch wunder was erzählen von West-Justiz und pipapo, da blickt sie doch gar nicht durch!« Roboldt griff nach dem grünen Schal hinter sich auf der Ablage. Er fror plötzlich, obwohl die Volksbühnenkantine überheizt war und sich mit noch mehr Leuten, teilweise in Zivil, teilweise in Handwerkerkleidung, teilweise in Kostümen und geschminkt, gefüllt hatte. Die Generalprobe schien mindestens ins neunzehnte Jahrhundert zu führen, eine Art Dorfpastor tauschte nervös Sätze mit einem bleichgeschminkten, wirrhaarigen jungen Mann in zerrissenem Wams und Bauschhemd. Es roch nach Anspannung und Hitze, es klang wie ein Bienenstock, in dem ein paar Drohnen durch betontes »Ha-ha-hah!« ihrer jeweiligen Bedeutung Nachdruck zu verleihen versuchten.
»Wo du recht hast, hast du recht«, räumte Schade ein. »Zumal unser Frl. Dorchen ja wohl auch eine Ecke älter ist als ihr Herr Bekannter! Und wenn es doch jemand anders war?«
Der grüne Schal prangte fest gewickelt wie eine orthopädische Halskrause unter Roboldts Gesicht, als der schwarze Bär wieder durch die Seitentür hereinschlenderte. Wieder nahm niemand Notiz von ihm außer Roboldt. Und indirekt Schade, die ihrerseits davon Notiz nahm.
»Weißt du, was ich nicht begreife?« Roboldt zuppelte den Schal wieder locker, als wäre ihm plötzlich ein warmer Südwind durch die Eingeweide gefahren. »Diese Kälte!«
Schade sah ihm immer noch schweigend zu.
»Haben wir nicht überall gelesen, dass die DDR zwar arm und eng ist, aber so menschlich warm und herzlich?«
»O ja!« Schade verzog das Gesicht zu einem bitteren Grinsen. »Deswegen ist da auch meinesgleichen fast flächendeckend Alkoholikerin geworden … Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie die uns behandelt hätten, wenn ich da ins Krankenhaus gekommen wäre mit Anita-chch, Scheiße.« Sie raffte ihre Sachen auf dem Tisch zusammen, griff nach der Lederjacke auf dem braunen Plastik-und-Stahlbein-Stuhl und stopfte die Taschen voll. »Lass uns gehen!«
»Und so solidarisch miteinander –«, sinnierte Roboldt weiter.
»Jaja«, drängelte Schade. »Vor allem so international! Hör mir doch auf! Ich hab die Nase voll vom ganzen deutschen Osten seit diesen Dritte-Welt-Festspielen da in Hoyerswerda!«
»Eben. Und von der menschlich warmen deutschen Familie Voltaire!« Roboldt saß weiter auf der hölzernen Eckbank.
»Detlev – was verabreden wir jetzt? Ich muss hier raus!«
Roboldts Augen flanierten von der Theke, an der der große, weiche Bär stand, in Schades Augen, die seinen gefolgt waren. »Hast du den auch gesehen? Wie der sich jetzt hier wohl so fühlt?«
Schade sprang auf und zog sich die Jacke an. »Meine Nerven, Detlev! Frag ihn doch. Ich gehe jetzt und rufe Fritz an!«
MUSS MAN SICH vom Leben alles bieten lassen? Diese Frage hatte sie umgetrieben seit ihrem dreißigsten Geburtstag. Damals hatte sie sich zum ersten Mal in ihrem Kopf festgesetzt und ihr ein unbeschreibliches Gefühl des Missbehagens verursacht. Muss man alles schlucken, weil das zur Geschlechtsrolle gehört, auch hier, auch heute noch – und am Ende eben auch Tabletten?
Sie schlug das Heft mit dem grau-weiß-blauen Pappeinband zu und starrte aus dem Fenster. Sie hatte nie eine Antwort darauf bekommen, von niemandem. Die Genossen im VEB Florena hatten sie verständnislos angeglotzt, ihr empfohlen, doch wieder öfter zu den gemeinsamen Fahrten in Ferien- oder Schulungsheime mitzukommen, »damitte ma wat Anschtän’jet ssu schlucken krist, sonst erliechste noch dem Defättismus!«, und dazu so hämisch gelacht und »hor-hor-hor« geschnalzt, dass ihr die Zote ja nicht entging, sondern wie kalter Stahl ins Herz fuhr. Kusch, Genossin! Du bist bloß ein Nebenwiderspruch. Wir sagen dir, wo’s langgeht, denn wir haben den sozialistischen Wegweiser. In der Hose. Wo sonst!
Einer ihrer Liebhaber, der Einzige, den das Thema nicht gleich aus ihrem Bett getrieben hatte, ein gescheiterter Journalist, der seinen Fuß auf keine Karriereleiter bekam, weil er immer die falschen Sachen wörtlich nahm, hatte sich aufgesetzt, eine Karo angezündet und ihr ein Referat über die hundertjährige Tradition von Thüringern, Sachsen und Anhaltinern in Sachen Selbstmord gehalten. »30 bis 50 Prozent über dem Mittelwert! Das darf natürlich auch nicht in unsere Medien, du weißt ja, Herzchen, in der DDR sind alle Menschen glücklich, zumindest demnächst, da bringt sich keiner um. Genau wie ja auch nicht geklaut wird und nicht gemordet und nicht …«
