Potsdamer Ableben. Kriminalroman - Pieke Biermann - E-Book

Potsdamer Ableben. Kriminalroman E-Book

Pieke Biermann

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Beschreibung

Berlin-Quartett, erster Streich: Westberlin ’87, lässig und laut. Ein Manager meint, Mädchenbands sind out, will deutsche Kerle zu Pophelden küren. Leider liegt unterm Buffet eine tote Radiomoderatorin. Der Erste Kriminalhauptkommissar Karin Lietze (»Lietze reicht!«) mit einer Nase für Täter und einer Schwäche für Zigarillos hat Schiss vor Kaffeemaschinen, aber vormachen kann man ihr nüscht. Auch wenn der Fall chaotisch ist, weil in der Popszene jede ihr eigenes Süppchen kocht. »Der mutigste und interessanteste neue Weg des deutschen literarischen Verbrechens.« Karl Wegmann, taz »Berlin, Stadt der Extreme, braucht keinen Weichzeichner.« Elke zur Nieden, Listen »Ein literarischer Platzregen.« Friedrich Ani, neue musikzeitung Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

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Seitenzahl: 241

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Berlin-Quartett, erster Streich: Westberlin ’87, lässig und laut. Ein Manager meint, Mädchenbands sind out, will deutsche Kerle zu Pophelden küren. Leider liegt unterm Buffet eine tote Radiomoderatorin. Der Erste Kriminalhauptkommissar Karin Lietze (»Lietze reicht!«) mit einer Nase für Täter und einer Schwäche für Zigarillos hat Schiss vor Kaffeemaschinen, aber vormachen kann man ihr nüscht. Auch wenn der Fall chaotisch ist, weil in der Popszene jede ihr eigenes Süppchen kocht.

»Der mutigste und interessanteste neue Weg des deutschen literarischen Verbrechens.« Karl Wegmann, taz

Über die Autorin

Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journa­listin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more, Fran Ross (Oreo und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.

Pieke Biermann

Potsdamer Ableben

Roman

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Printausgabe: © Argument Verlag 2021

ISBN 978-3-95988-210-1

Vorwort von Else Laudan

Eine weitere Pionierin des politischen Krimis stößt zu ­Ariadne: Pieke Biermann schrieb mit ihren vier Berlin-Romanen Genre­geschichte. Seit ich diese Kriminalromane vor über zehn Jahren erstmals las – alle vier hintereinander, mit wachsender Faszination und immer hingerissener, Babylon ist nichts dagegen –, hegte ich den Wunschtraum, sie irgendwann bei ­Ariadne in angemessener Edition neu lieferbar zu machen. Damit sie weiter entdeckbar sind, besonders von Menschen, die das Überschreitende an Krimis lieben und das Kühne – das werden immer mehr. Und nun ist es so weit!

Diese Autorin trifft aus der Hüfte mitten ins Herz: Wie arm wäre das deutschsprachige Genre ohne Pieke Biermanns Schreibe! Das von Roman zu Roman zunehmende literarische Charisma des Quartetts, die ganz eigene Mischung aus beinhartem Hinschauen, distanzloser Liebe zu echten Menschen aller Couleur und Sinn für das Krimieske wie auch für den Witz des latent Abseitigen – diese vier Romane sind das Aufregendste, was Ende des 20. Jh. an deutschsprachigen Krimis entstand. Von höchst reellen Gegensätzen strotzend, sinnlich-kratzbürstig im Sound und verwegen erzählt lebt im Berlin-Quartett das Jahrzehnt um den Mauerfall auf.

Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

Für Mo!

Ich möchte nicht jemand sein. Ich möchte die Idee von jemand sein. Letztlich gibt es keinen Karl Lagerfeld. Das ist das ganze Geheimnis. Karl Lagerfeld

Karin Lietze steigt ein

DAS KLINGELN KAM MITTENDRIN. Sie war keineswegs fertig mit dem hübschen jungen Mann, der selig lächelnd neben ihr an der Wand lehnte. Noch nicht. Der Zeiger des Weckers stand auf drei Minuten vor halb zehn. Abends. Freitagabends. Als das Telefon zum dritten Mal klingelte, hatte sie den Hörer unter dem Kleiderhaufen hervorgefischt. »Hotel Bellavista … Roboldt am Tatort … M I/2 sitzt in Frohnau fest … Ich verständige die anderen.«

Sie rückte die Stimme gerade. »Ich fahre sofort hin.« Dann suchte sie den Rest des Telefons, warf den Hörer auf die Gabel und sagte leise, aber scharf: »Scheiße!«, rollte sich wieder unter die Decke und legte den Kopf auf den hübschen jungen Bauch. »Das kommt davon, wenn man keine Bereitschaft hat. Wer weiß, wozu’s gut ist.«

Sie drehte den Kopf zu ihm hoch. »Wie heißen Sie eigentlich?«

»Heh heh heh«, raunte er und sah auf sie herab. Er war jetzt nicht mehr der satte Säugling, sondern ging in der Rolle des Komplizen auf. Er fuhr ihr über die blonden kurzen Haare und klang sehr verständnisvoll. »Hätt’ste doch ruhig sagen können, dass du Ärztin bist, du.« Das ›Du‹ eskortierte er durch ein Gesicht, als nähme er eben den wohlverdienten Wanderpokal für Frauenfreundlichkeit entgegen. Sie schoss hoch, warf einen mitleidigen Blick hinter sich und setzte sich auf die Kante. Sie dehnte sich, reckte die Arme und probierte Muskel für Muskel, wie es sich anfühlt, aus einer aromatisch verschwitzten Horizontalen wieder in Amt und Würden zu kommen. Seine Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen. Sein Körper legte mit einem Ruck den Hebel auf »Spannung« um. Seine Stimme schaltete auf »Lockruf«.

»Ich hab’s geahnt, du.«

»Was?«

»Na, ich meine, wurde ja auch Zeit, du. Ne?«

»Dass eine Ärztin sich vor Ihnen flachlegt?«

Er lief rot an und suchte Zuflucht im Gelächter. »Nee, du. So rum hab ich das noch gar nicht gesehen. Ich meine, ich find’s einfach geil! Ich hab immer gesacht, lass die Bräute sich mal befreien – dann wer’n sie erst richtich scharf. Sexy und sozial, vastehste! Beides. Wurde doch echt Zeit.«

Sie hätte ihm einen Vortrag halten können. Wer wann was wie rum sah, war im Laufe der Jahre fester Bestandteil ihres Repertoires geworden. Aber dazu fehlte ihr nicht nur die Zeit. Also beschränkte sie sich darauf, sich ein Zigarillo anzu­stecken und ihm mit Lachen unter die Arme zu greifen.

Sie schlug die Bettdecke zurück und fand ihren Slip. Die übrigen Kleidungsstücke sammelte sie vom Boden auf und fegte ins Badezimmer. Zwei Minuten später stand sie wieder in der Tür, barfuß, mit offenen Jeans und Hemdchen, in der einen Hand eine Flasche, in der anderen einen Wattebausch, mit dem sie sich die Reste der Wimperntusche aus dem Gesicht wischte. »Bisschen Tempo, bitte. Ich bin fertig.«

»Fertig? Du?«, gurrte er zurück und rührte sich nicht. »Stimmt doch gar nicht! Komm, einmal noch, ja? Dein ­Patient hat doch sowieso schon die Harfe in der Hand. Komm, ja? Du …« Dabei wälzte er sich quälend langsam aus dem Bett.

Oh Gott, dachte sie, das nächste Du überlebt er nicht. Jetzt nicht auch noch neckisch werden. Einfach gut aussehen und den Mund halten. Reicht doch vollkommen. Das konnte ja nicht gut gehen. Sie hätte sich ohrfeigen können. Verdammt noch mal!

Inzwischen stand er frontal vor ihr. Für den Bruchteil einer Sekunde konnte er sich nicht entscheiden, wo er mit den Händen hinwollte – nur unter das Hemdchen oder gleich um die ganze Frau. Dann hatte das Schwitzkasten-Modell gesiegt, und ihr ging die Flasche erst ins Auge und dann auf den Teppich.

Sie schlug ihm die Arme weg und packte ihn bei den Gelenken. »Tun Sie mir einen Gefallen: Versuchen Sie bitte nicht, geistreich zu sein. Das steht Ihnen nicht! Schreiben Sie lieber Ihre Nummer auf.«

Sie wischte sich die Hand an der Jeans ab, rieb sich das Auge, hob die Flasche vom Teppichboden, der einen dunklen Fleck hatte, und fegte zum zweiten Mal aus dem Schlafzimmer. »Und beeilen Sie sich, äh –!«

»Klaus!«, rief er hinter ihr her. »Und wie heißt du?«

HIER, WIE FIND’STEN DEN Dokument-arische und dokument-arschige Filme – Beatrice Bitterlichs Kinonotizen? Spitzentitel, war, Günter? Günter!«

Günter Messing starrte auf das Manuskript. Tränen-­Titty, wie sie leibte und lebte. Gefühl und Härte. Tthh – Gewühl und Hertie. German blend. Erbarmungslos. Buchstäblich zum Heulen. Entweder hatte Titty im Kino saftig Tränen vergießen dürfen, dann fielen ihre Besprechungen jubelnd aus. Obwohl – Besprechungen konnte man das gar nicht nennen. Es war eher eine Art Statistik über den »Weinwert«, wie sie es nannte. Genaue Angaben über die Zahl der Papiertaschentücher, die Titty unter den jeweiligen Kinosessel hatte fallen lassen können, sowie über die Halbwertzeit der jeweils folgenden Augenrötungen. Oder sie hatte nicht »abheulen« können, und dann schien sie sich rächen zu müssen, indem sie anderen die Tränen in die Augen trieb. Sie schneuzte sich hörbar. Günter ­Messing schlurfte zu seinem eigenen Schreibtisch zurück.

»Eh Mann, wat haste denn? Find’ste nich jut?«

Vielleicht war alles seine Schuld. Vielleicht hätte er ihr gleich vor drei Jahren sagen sollen, pass mal auf, Titty, werd PR-Tante oder Groupie, dann sitzt du direkt an der Quelle und brauchst dich nicht auch noch mit Schreiben zu belasten. Aber er hatte es ihr nicht gesagt. Er hatte drei Jahre lang darüber hinweg­redigiert, dass sie weder anständig recherchieren noch anständig formulieren konnte. Vor der Öffentlichkeit ließ sich das ja eventuell verbergen. Aber es war nur noch eine Frage von Tagen, dass der Hauptabteilungsleiter –

»Mensch, Günter! Wat iss’n los mit dir? Magste mich nich mehr?« Wieder trompetete sie ins Taschentuch.

Hatte er sie je gemocht? Na ja – ganz witzig konnte sie sein. Manchmal. Und sie hatte eine herrlich frauliche Figur. Wenn auch etwas zu üppig für die Achtzigerjahre. Dazu dichte dunkelbraune Haare, einen sinnlich geschwungenen Maria-Schneider-Mund und ein paar unruhige grüne Augen. Aber genau mit denen begann die Katastrophe. Sie blieben einfach zu selten auf den Dingen liegen, die sie von Amts wegen betrachten sollten. Sie rutschten pünktlich auf jeden herumstehenden Hosenträger. Man konnte die Uhr danach stellen. Musste sie denn unbedingt Kulturredakteurin sein? Dieser Typ Frau lag nicht mehr im Trend. Nicht auf dieser Halbinsel der Frauen. Nicht in Westberlin.

Das Telefon klingelte. »Redaktion PUZ, Messing.«

»Also Günter – du kannst euerm Putzlappen da einen freundlichen Elfmeter von mir bestellen, und entweder sie räumt gelegentlich ihren Schreibtisch auf oder sie legt sich einen Blindenhund zu. Ich habe euch viermal zwei Einladungen geschickt, aber sie kriegt in Zukunft keine einzige mehr! Schwirren weiß Gott schon genug Pilotfischchen in der Szene rum und hängen den geborenen Hai raus! Sag ihr das.«

Vera W. Jansen war sauer. Zu Recht. Aber es waren eben einfach anderthalb Minuten über gewesen, gestern Abend, und natürlich hatte sich das erst kurz vor Schluss herausgestellt, als Beatrice Bitterlich ihre Kinonotizen verlas, und er war nicht im Studio gewesen. Irgendjemand hatte gesagt: »Improvisieren«, und ihr war nichts Geschmackvolleres eingefallen, als sich darüber zu beschweren, dass sie zu der Promoparty heute Abend nicht geladen worden war. Live. Unredigiert. Man habe wohl, so hatte Titty vor sich hin improvisiert, bei der CES Schiss, sie, Beatrice Bitterlich, die Berliner Schnauze der Achtzigerjahre, könnte – aufs Büfett scheißen.

Das war es, was Vera so aufgebracht hatte. Vera war PR-Chefin der Communications-Entertainment-Show Company.

»Ach, Titty.« Er hatte sich so ans Achselzucken gewöhnt, dass er fest mit Parkinson rechnete, noch vor seinem vierzigsten Geburtstag. Andere hatten es besser. Andere hatten Haare, die sie sich raufen konnten. »Mit so einem Wort wie arisch muss man sehr vorsichtig sein. So was kann nach hinten losgehen.«

»Hähähä, mein ick doch: in’n Arsch. Sach ick doch. Steh ick ooch zu!«

Von wegen Stehen. Wenn hier jemand stand, dann er, ­Günter Messing, und zwar gerade. Für all den Schrott, der trotzdem über den Sender ging, und wenn er noch so viel ausbügelte. Es war nichts zu machen. Titty war einfach um Längen zu kurz gekommen bei der Verteilung von Grips und Sehkraft. »Das war Vera eben. Sie sagt, sie hat dir zwei Karten geschickt. Du sollst noch mal genau nachsehen.«

Genau! Genauigkeit war ihre Stärke auch nicht. Höchstens Zielgenauigkeit, wenn es unter Gürtellinien ging. Bei Künstlern mit den Augen, bei Künstlerinnen mit Worten. Er sah das plötzlich völlig klar. Er erschrak. Die gemeinsten Verrisse hatte Titty gegen Frauen verfasst. Mit wahrhaft diabetischem Lächeln. Es stimmte offenbar.

»Frauen sind eben doch die besseren Weiberfeinde«, entfuhr es ihm. Womöglich war es auch nur noch eine Frage von Tagen, dass irgendein Frauenbataillon die Redaktion in Brand setzte. Oder zumindest die Wände mit Sprayflaschen traktierte. Oder gar – ihn nackt auszog! Und anmalte! Und fotografierte! Irgendwelche »revolutionären Eizellen« –

»Da haste recht. Vera ist ’ne echte Ekelschwelle. Bestimmt frigide, die Alte.«

Günter Messing lachte auf. »Titty, mir fällt gerade was ein: Du könntest doch eine Zeit lang auf Tauchstation gehen. Wir verpassen dir ein schönes Pseudonym, dann hören die ­Proteste auf. Dann denken alle, du bist weg. Wie wär’s mit Galle?«

Beatrice Bitterlich wühlte schon wieder in der Hosentasche. Dann starrte sie ihn an (oberhalb der Gürtellinie) und trompetete wieder ins Taschentuch. Sie schien nach irgendeiner Erklärung in seinem Gesicht zu suchen. Plötzlich sprang sie auf, warf die Gegenstände auf ihrem Schreibtisch durcheinander und keuchte: »Ick wer’ wahnsinnig – meine Nougats sind weg!«

»Du sollst sowieso nicht so viel Schokolade essen. Das stopft. Heh! Glaubersalz! Das ist gut. Das ist auch bitter, und das spült gut durch. Viel besser als Tränen. Gitty Glaubersalz.«

Er wurde richtig heiter. Bitterlich. Er hatte dabei immer nur an Weinen gedacht, als gelernter Katholik, bibelfest. Wenigstens in Jugendjahren. Er hatte sie Tränen-Titty genannt. Er liebte so etwas. Wörtlichnehmen, das war sein Credo, ist das A und O eines jeden, der es mit der Sprache zu tun bekommt. Er hatte sie überschätzt. Aber vielleicht konnte man sie einfach auf eine andere Schiene setzen, wörtlich. Vielleicht, wenn man ihr das richtige Gift einflößte. Wenn man ihren Blick auf schlechte Männerfilme lenkte. Oder auf das Fernsehen. Das war ein weites Feld! Wenn man ihr die Berliner Schnauze ein bisschen aufpolierte … Ebenso plötzlich wurde er wieder finster. Zur Schnauze gehörte Herz. Und das lag entweder ­direkt hinter den Augen oder – Oder was? Hinter Tittys Augen saßen erstens der Magen und zweitens die Geschlechtsteile. Direkt. Und sie hatte nicht das Problem, dass die Augen größer waren als der Rest.

»Scheiße.« Sollten ihr doch sämtliche geräucherten Gratis­fische im Halse steckenbleiben!

»Eh – hier sind ja die Karten. Aber mein Nougat ist immer noch weg. Hier klaut wer! Is ja ätzend!«

Genau auf dem Ä setzte ihre Nase wieder zu einem Trompetensolo an, das Titty dadurch verlängerte, dass sie es zu unterdrücken versuchte. »Det is Scheiße! Det ick’n Schnupfen kriege. Vielleicht hab ick schon Fieber – ausjerechnet heute. Wo ick diesen Ruhrpott-Richy auf’m Programm hab!«

»Für die Serie Prolet-arische und prolet-arschige Popstars, was? Lass es, Titty. Ich kann dir jetzt schon sagen, was dabei rauskommt. Halt dich lieber an der kalten Platte und am Schnaps fest.«

»Du bist richtich zickich heute, Günter. Wat mein’sten da wieder mit?«

»Dass Richard Röhm dich nicht mal mit’n Arsch ankuckt. Aber vielleicht kannst du bei den Kerlen landen.«

»Meinste, der is schwul oder wat? Na, det woll’n wa erst mal sehen. Det hat schon mancher von sich jedacht.«

Es war sinnlos. Er musste sich etwas einfallen lassen.

MEINE DAMEN UND HERREN, der Sender West-Berlin brachte Ihnen Nachrichten. Über Verkehrsbehinderungen liegen uns keine Angaben vor. Die nächsten Meldungen hören Sie um 19 Uhr 30 über SWB 1 und 3. Die genaue Zeit: Es ist 18 Uhr und 36 Minuten.« Kennmusik, zwanzig Sekunden, Regler runter, Studiomikro auf. »Einen wunderschönen guten Abend, Leute. Dies ist wieder PUZ, das Magazin für post-­urbanen Zeitgeist. Die heißeste Sendung zu dieser Zeit in dieser Stadt. Die nächsten 53 Minuten gehören wieder wie jeden Abend der Szene, in der es abgeht. Am Mikrofon Günter Messing, und wir gehen gleich voll auf Programm, und auf dem steht heute –«

Detlev Roboldt konnte nicht mehr hören, was heute Abend auf dem PUZ-Programm stand. Er hatte seinen Rasierapparat in Gang gesetzt, und der war modern, also antik. Modern hieß alte Möbel und neue Nervositäten, kicherte er. Das hatte er ­irgendwo gelesen. Ein Rasierapparat, der keinen Krach machte, war vermutlich postmodern. Neue Möbel – alte Nervositäten, überlegte er weiter, während er zum zweiten Mal an diesem Tag versuchte, die unerwünschten Haare am unteren Teil seines Kopfes zu entfernen.

Er ging selten abends aus. Eigentlich nur, wenn seine Mutter zu Besuch da war. Dann pellte er sich nach Feierabend aus dem Ei. Oder wenn alle Indizien dafür sprachen, dass er sich verknallt hatte. Das war allerdings ewig nicht mehr vorgekommen. Und für die seltenen kleinen Zwischenfälle in seiner Stammkneipe musste man nicht aus dem Ei gepellt sein. Auf so einer Party wie heute Abend war er überhaupt noch nie gewesen. Promoparty, hatte Larry gesagt. Larry hatte er vor ein paar Tagen zufällig auf der Straße getroffen, und Larry arbeitete inzwischen offenbar im Showbusiness. Vornehm gesagt. Mit dem Wort Roadie hatte Roboldt nichts anfangen können. Bei Evelyn Künneke gab es so etwas nicht. Und bei David Bowie damals, die Panzerschränke, die bei der Zugabe vorn auf der Bühne ­herumgefuchtelt hatten, die hatte er für Leibwächter gehalten.

»Roadies sind Leibwächter für die Instrumente, you know«, hatte Larry gelacht. Mit diesem breiten weißen Gebiss.

Er trat unter die Dusche. Warum nicht. Wer weiß, wen du da alles triffst …

Eine Viertelstunde später langte er nach dem Handtuch auf dem Hocker und riss den Stapel Kleider herunter. Es schepperte metallisch, und Roboldt schrak zusammen. Dann ­grinste er. Die Pistole war samt Halfter in den weißen Übertopf der Palme gerutscht. Was für ein wohliges Gefühl, stellte er fest. Die Aussicht auf ein bisschen Aufregung, die nicht mit einer Leiche begann. Er schaltete die Dusche ab und schob sich das Handtuch über die Haut. An manchen Stellen etwas liebevoller als an anderen. Er fing allmählich an, sich sauwohl zu fühlen.

»… gezwungen wird, drei Jungfaschos zu Willen zu sein …«

Er entstieg dem Duschbecken und genoss seinen Anblick im Spiegel. Dann verteilte er großzügig ein paar Extraportionen Jil Sander Man Two auf ausgewählte Partien seines Körpers. Und hob Kleider und Pistole auf.

»… kommt halt wieder die Frage auf, was daran gut sein soll, die Realität als Kriterium zu halten …«

Roboldt stutzte. Etwas stimmte nicht an dem Satz. Aber bevor er sich damit auseinandersetzen konnte, ertönte wieder Musik. In Gänsefüßchen, dachte er. Eigentlich war Musik etwas anderes als der dumpfe Kruppstahl-Klangteppich, der bis in den Flur hinter ihm herrollte. Er schloss die Pistole weg. Dann nahm er das Magazin und ging in die Küche, um es ebenfalls wegzuschließen. Als er wieder am Radio vorbeikam, erwähnte Günter Messing eben »Richard Röhm und die Kerle«. Heh! Waren das nicht die –? Sehn Se, det is Balien, pfiff er geschmeichelt. Ein Familienbetrieb. Die Vorzüge der Insellage. Du hörst was im Radio, du siehst was im Fernsehen, und kurz danach kannst du live dabei sein. Er schwelgte in Wohlgefühl. Er lebte in einem erregenden Klima. Mehr noch: Er war Teil davon. Jedenfalls heute Abend. Seine Mundwinkel ­näherten sich den Ohrläppchen. Ausgerechnet er.

Er hörte den Abspann nicht mehr. »… heutige Kinonotizen zum allerletzten Mal von Beatrice Bitterlich. Deren vorzeitiges Ableben ich hiermit erschüttert zur Kenntnis gebe. Aber keine Sorge, liebe Szene, wir haben ja die Seelenwanderung. Für ­fließende Übergänge ist gesorgt. Wo eben noch unser Doppel-B-Picture wirkte, wird ab Montag der neue Doppel-G-Punkt aktiv. Gitty Glaubersalz übernimmt …«

Und natürlich konnte er das seltsame Grinsen des Moderators Messing dabei nicht sehen. Detlev Roboldt stand längst wieder im Flur vor dem Kleiderschrank und suchte nach dem zweiten lavendelblauen Socken.

ALSO GUT, WIELACK, dieses eine Mal. Aber das sage ich dir, die haben sich zum letzten Mal geleistet, vor einer Promoparty, für die wir einen Haufen Geld hinlegen, zu ver­sacken. Beim nächsten Mal fliegen sie. Ich an deiner Stelle würde schon mal Ausschau nach ein paar neuen Kerlen halten. Aussehen tun sie sowieso einer wie der andere!« Vera Jansen warf sich eine Nadelstreifenjacke mit breiten Schulterpolstern über, winkte Larry mit einer energischen Kopfbewegung zu sich und schritt aus der Garderobe.

Hans-Jürgen Wielack ließ sich auf einen wackligen Stuhl sinken und zog ein großes Taschentuch aus der Hose seines khakifarbenen Kolonialherrenanzugs. Er sah sich um, während er Stirn und Nacken abtupfte: Und das ist das letzte Mal, schäumte er innerlich, dass ich und meine neue Kultgruppe mit Provisorien vorliebnehmen! Garderobe! Gerade mal ein ausrangierter Kleiderschrank, ein paar Kleiderbügel und zweieinhalb Stühle. Kein richtiger Spiegel, nichts. Das Lichtpult ist der reine Witz. Damals, im Metropol … Sein Gesicht schwankte zwischen Weinrot und Stahlblau. Er fuhr sich ein paarmal durch die nassen Haare.

»Ich hab dir ja gesaacht, datte nich bloß auf mir aufpassen muss«, sagte ein zierlicher junger Mann, der in einer Lederuniform klemmte.

»Du hältst die Klappe!«, schnarrte Wielack.

Die Tür flog auf, und herein sirrte eine akustische Keule, gefolgt von einer hellvioletten Fallschirmspringermontur, in der eine Frau in den besten Männerjahren mit graublonden Sägeblattlocken und einem blauroten Sparmund steckte. Sie warf einen knappen herablassenden Blick auf den kleinen Ledermann und fasste dann Wielack scharf ins Auge.

»So, HaJott!«, rieselte es. »Jetzt habe ich dich, und jetzt werde ich dir ein paar Sachen ein für alle Mal stecken. Du gehörst zu den miesesten Chauvischweinen, die mir in meinem ganzen Leben untergekommen sind!«

Der kleine Ledermann spitzte die Ohren.

Auf HaJott Wielacks Stirn glänzten neue Schweißperlen. Er sah sie gequält an. »Welche Ehre, meine Liebe!«, gab er zurück. »Bei deinem Alter müssen das ja Unmengen von Konkurrenten sein, die ich aus dem Feld geschlagen habe.«

»Wag nie wieder, mich deine Liebe zu nennen!«, schnappte es. »Und hör zu, ich –«

»Keine Sorge, Regine«, grinste Wielack. »Ich kenne niemanden, der es schafft, deine Stimme zu überhören.«

»– ich sage es dir nämlich nur einmal. Du bist ein Schwein –«

»Das sagtest du schon.« Wielack sah den kleinen Ledermann an.

Der stand stumm daneben und hielt die Ohren weiter offen.

»– und was du Micky angetan hast, das ist überhaupt nicht wiedergutzumachen.«

Wielack gab dem Kleinen Zeichen zu verschwinden, aber der übersah sie. »Also, jetzt hörst du mir mal zu, Regine«, fing er an.

»Ganz und gar nicht!«, fuhr sie dazwischen. »Wir Frauen haben euch Mackern viel zu lange zugehört, und wir haben auch viel zu lange den Mund gehalten. Damit ist jetzt Schluss. Schluss Schluss Schluss, verstanden!«

Wielack warf ein paarmal den Kopf heftig hin und her und versuchte, den Kleinen dabei anzusehen. Aber der sah weiter in gespielter Langeweile auf die akustische Salzsäule. »Ach, Regine«, seufzte Wielack. »Du solltest wirklich versuchen, ins Fernsehen zu kommen. Mach Talkshows, da kannst du reden, soviel du willst. Und wir können getrost den Telecommander betätigen.« Er sah genervt aus.

»Eben darum geht es«, rieselte es weiter. »Darüber werden wir uns jetzt unterhalten. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob du deinen Milchbubi hier unbedingt dabeihaben möchtest. Ich meine, mir macht es nichts aus. Aber ich bezweifle, dass er sich noch von dir managen lässt, wenn er erfährt, was du –«

Jetzt sah der Kleine Wielack an.

»Verschwinde endlich«, kommandierte Wielack. »Kümmer dich um deine Gäste!«

Der Kleine zog einen Schmollmund. »Ganz alleine?«

»Ich kann nichts dafür, wenn deine versoffenen Kumpel in irgendeiner Kneipe versackt sind. Raus jetzt!«

Regine musterte erstaunt erst Wielack, dann den Kleinen, der sich jetzt in Zeitlupe die Lederhose zurechtschob, die Jacke zuzog und vor einem Spiegel in der Schranktür sein Aussehen überprüfte.

»Mach, dass du rauskommst, Röhm! Und vergiss nicht, was ich dir gesagt habe, Kerl!« Wielacks Stimme klang jetzt eher nach geballter Faust, und er tupfte wieder mit dem Taschentuch an sich herum.

Regine sirrte und sirrte. Röhm verstand nicht viel, er schnappte nur noch ein paarmal den Namen Micky und Be- Te-Em und Fernsehen auf. Das Letzte, was er aus den akustischen Rieselfeldern heraushörte, bevor er die Tür zwischen der Garderobe und dem Saal zuzog, war der Anfang einer Art Kreissägen-Crescendo: »Entweder du besorgst mir den, und zwar sehr schnell, oder ich garantiere dir –«

Dann schnappte die Tür zu.

AN EINER WAND des großen Festsaals im dreizehnten Stock des Hotelturms flimmerte ein Videoclip, und aus vier riesigen stahlgrauen Containern wummerte Musik. Es dauerte seine Zeit, bis jemand bemerkte, dass nicht alles exakt nach Programm lief.

Obwohl der Raum brechend voll war. Gut hundert fast ausschließlich jugendliche Menschen, die einen einheitlichen Hang zur Neuen Scheußlichkeit zu haben schienen, starrten auf die zwanzig Videoschirme. Vom eigenen Wort konnte keine Rede sein – Richard Röhm und seine Kerle griffen direkt nach dem Trommelfell, um sich unmittelbar danach auf die Magennerven zu stürzen. Sound ohne Raum. Roboldt fühlte sich benommen. Er sah um sich. Links neben ihm stand ein Mann im Dracula-Cape. Taft. Darunter Leder. Nein – Plastik? Jeans und Schnauzer war offenbar gar nicht mehr in. Roboldt verspürte den ungemütlichen Verdacht, dass ihm allein schon sein Wortschatz hier zum Status eines Asylbewerbers verhelfen konnte. Vermutlich sagte längst kein Mensch mehr in und out. Sondern? Angesagt. Und das Gegenteil? Abgesagt? Und wer sagte hier an und ab? Dracula vielleicht. Oder die Frau an seiner Seite in diesem atemberaubenden schwarzen Satinfummel, knalleng. Ein Rückendekolleté, dass einem die Augen landunter gingen. Back is beautiful, fand Roboldt. Wer drauf steht … Er reckte sich stolz. Drauf stehen. Das war’s. Er hatte Anschluss gefunden.

»Eh, Mann, keen Fernseha ssu Hause oder wat is?« Dracula hatte sich von dem satinfreien Rücken losgerissen und kam auf ihn zu. Roboldt schrak zusammen. Dann schwang Miss Rücken die blonden Locken herum und schmiegte sich wieder an Dracula. Ganz die Laszive. »Wenigstens sind die Zähne normal lang!«, keuchte Roboldt innerlich. Und dann ­bemerkte er, dass auch der satinfreie Rücken einem Mann gehörte. ­Irritiert drehte er sich zur anderen Seite. Das trauten sich nicht mal die Tunten in seiner Stammkneipe! So öffentlich! Hatte er gar nichts von gelesen.

Wie rum wohl die Frauen rechts von ihm waren? Zwei hatten uringelbe Stoppeln asymmetrisch über den Kopf verteilt, die dritte trug denselben Schnitt in Yves-Klein-Blau, und die ­vierte glänzte mit giftgrünen Strähnen. Sie waren so verklebt, dass Roboldt den dringenden Wunsch verspürte, sich die Haare zu waschen. Er fasste sich an den Kopf. Ah nein – er hatte sie gewaschen. Vor ein paar Stunden. Extra. Sie waren weich und locker und frisch und hoffentlich immer noch natur­schwarz. Obwohl – in dieser Bleikammer hätte ohnehin kaum jemand nach ersten grauen Haaren gefahndet.

Aus den Hosen und Hemden, die die vier mutmaßlichen Frauen um sich herumhängen hatten, ließ sich auch kein eindeutiges Geschlecht ableiten. Riesenhosen mit Riesenträgern in Asphaltgrau. Und an jedem Hintern ein Taschentuch – exakt nach Proporz, zwei rechts, zwei links. Grau-braun-schwarz ­gemusterte Hemden steckten halb in den Hosen, halb hingen sie heraus. Roboldt schob sich näher heran.

»… der kommt hier nich raus, der Arsch! Det sage icke!«, schnappte er aus dem Yves-Klein-Mund auf. Er ging noch dichter ran.

»… machen wa platt!«

»Det einzije Problem is noch diese Schnalle. Die scheint den nemmich gerade abzuschleppen!«

»Det is keen Problem. Die räumen wa notfalls ooch ab. Det is een Aufwasch!«

Kuck an, dachte Roboldt. Aufwasch sagt man immer noch. Dann stutzte er. Da standen Buchstaben auf den Taschentüchern. Doch, kein Zweifel! Ein B, ein T und ein M. Das gibt’s nicht, grinste er. Die muss ich haben. Für den nächsten Geburtstag bei den Drogenkollegen. Er ging auf die giftgrüne Kleinste zu, setzte sein vertrauenerweckendstes Lächeln auf und wollte gerade fragen, wo man denn, bittschön, vielleicht – Da traf ihn ein düsterer Blick, und jemand rempelte ihn an. »Was grinst’n der so dämlich?«, hörte er. Er gab auf. Hier wurde nicht gelächelt. Er wollte nicht mehr fraternisieren. Er wandte sich ab. Er fühlte sich plötzlich sehr fehl am Platz. Er starrte auf seine lavendelblauen Socken und den lavendel­blauen Schlips, den er locker geschlungen über dem blassblauen Hemd trug. Kulturstrick. Zum Aufknüpfen zu weich. Er fühlte sich nicht einmal mehr in seiner Jeans heimisch. Wenn ich mir endlich mal Armani leiste, dachte er grimmig. Abgesagt. Einfach abgesagt! Wieso hatte er das bloß alles nicht mitgekriegt? Wo stand denn so was?

Er kam nicht weit mit seinen kulturhistorischen Betrachtungen. Etwa zehn Meter hinter ihm, noch hinter einem Knäuel von Kerlen in schwarzen Motorradmonturen und mit Ketten an den erstaunlichsten Körperteilen, war Bewegung angesagt. Da steht doch das Büfett! Fangen die einfach mittendrin an zu essen? Wie unhöflich. Oder heißt das, die Abstimmung des Abends wird mit den Füßen gemacht? Dann ist Richard Röhm wohl soeben durchgefallen.

Er sah sich um. Keine Spur von Larry. Er zwängte sich durch die Menge in Richtung Knäuel. Auf dem Weg versuchte er ein paarmal, erkennungsdienstliche Hinweise zu erfragen. Aber alle waren damit beschäftigt, gelangweilt auszusehen, und zuckten bestenfalls die Schultern. Ob hier was passiert war? Blöde Frage. Weswegen kamen sie denn wohl? Damit nichts passierte? Cool it, man. Wo wir sind, geht immer die action ab!

Er nahm sich vor, ruhig zu bleiben. Du bist hier nicht im Dienst, Detlev, redete er sich gut zu. Das gehört zur Show. Kuck’s dir an und halt dich raus.

Aber ein leises Ziehen in seinem Unterbauch trieb ihn weiter. Die letzten anderthalb Meter bis zu den kalten Platten musste er sich durchboxen. Er griff automatisch nach seiner Hundemarke. Ist doch eine enorme Erleichterung, dachte er. Dann ließ er die Hand in die Tasche gleiten, so tief es ging. Wenn man sie dabeihat! Mist. Er dachte an die beiden Jungs mit den schwarzen Lederkappen, an denen er vorbeigekommen war. Sie hatten Handschellen an Koppeln hängen gehabt, und die hatten bestimmt auch Polizeimarken griffbereit! Der eine hatte ganz nett ausgesehen. Zweitagebart. Roboldt musste grinsen. Original und Fälschung. Sofort danach sackten seine Mundwinkel in die entgegengesetzte Richtung. Unter ihm, der Länge nach vor dem Tisch mit den kalten Platten, auf dem Boden, lag eine hilflose Person. Und die war eindeutig weiblich. Und eindeutig reglos. Und hatte einen gar nicht gelangweilten Ausdruck im Gesicht. In ihren grünen Augen stand ein Blick, als wäre sie einen Moment vorher von einem echten Gefühl überfallen worden. Diese Überraschung war auf ihrem ganzen Gesicht eingefroren. Der Kopf lag auf einer Masse dichter brauner Haare. Roboldt sah an ihr entlang. Es war genau die Frau, die Larry ihm vor einer Viertelstunde gezeigt hatte. »Wenn du dich langweilst – keep an eye on her. Even a private one. Die ist von der Putzfraktion, und hier sind eine Menge people, die noch ein Rechnung mit ihr haben. Kann sein, dass die sieht heute Abend kein Sonne. She’s a real pain in the ass.«