Violetta. Kriminalroman - Pieke Biermann - E-Book

Violetta. Kriminalroman E-Book

Pieke Biermann

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Beschreibung

Berlin-Quartett, zweiter Streich: Hitzewelle im Sommer ’89, Flimmern und grelle Farben: Lietze und Konsorten haben alle Hände voll zu tun. Am Winterfeldtplatz wird eine misshandelte tote Hure gefunden. Mit Stempel auf der Stirn. Was übelste Assoziationen weckt. Und jemand killt nette Männer nach dem Sex. Gibt’s so was wie Serienmörderinnen? Hochgradig unwahrscheinlich, aber wer weiß das schon in dieser komplett durchdrehenden Stadt? »Der deutsche Krimi hat nicht nur eine Hauptstadt, er hat auch eine Autorin dafür!« Süddeutsche Zeitung »Zunehmender Fremdenhass, Gewalt gegen Frauen, die offenen Grenzen zu Polen und der Zulauf zu den Republikanern: Das ist der Stoff, mit dem Pieke Biermann arbeitet und spielt. Mit Ernst und Humor zugleich. Und mit Spannung bis zur letzten Seite.« Tages-Anzeiger Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

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Seitenzahl: 387

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Über das Buch

Berlin-Quartett, zweiter Streich: Hitzewelle im Sommer ’89, Flimmern und grelle Farben: Lietze und Konsorten haben alle Hände voll zu tun. Am Winterfeldtplatz wird eine misshandelte tote Hure gefunden. Mit Stempel auf der Stirn. Was übelste Assoziationen weckt. Und jemand killt nette Männer nach dem Sex. Gibt’s so was wie Serienmörderinnen? Hochgradig unwahrscheinlich, aber wer weiß das schon in dieser komplett durchdrehenden Stadt?

»Der deutsche Krimi hat nicht nur eine Hauptstadt, er hat auch eine Autorin dafür!« Süddeutsche Zeitung

Über die Autorin

Pieke Biermann, Schriftstellerin, Literaturübersetzerin, Journa­listin, schloss ihr Studium (deutsche Literatur und Sprache sowie Anglistik und politische Wissenschaften) mit einer Magisterarbeit über unbezahlte Hausarbeit ab. Ab 1976 Aktivistin in der Berliner Frauenbewegung, in den 1980ern »Frontfrau« der Hurenbewegung. Für ihr funkelndes Krimiquartett um Berlin, »die unbekannte Metropole der westlichen Welt: eine Stadt, die aus Mythen zu bestehen scheint«, erhielt sie reichlich Auszeichnungen. Sie hat u. a. Liza Cody (Gimme more, Fran Ross (Oreo und Ann Petry ins Deutsche übersetzt.

Pieke Biermann

Violetta

Roman

Impressum

eBook-Ausgabe: © CulturBooks Verlag 2021

Gärtnerstr. 122, 20253 Hamburg

Tel. +4940 31108081, [email protected]

www.culturbooks.de

Alle Rechte vorbehalten

Umschlaggestaltung: Magdalena Gadaj

eBook-Herstellung: CulturBooks

Printausgabe: © Argument Verlag 2021

ISBN 978-3-95988-211-8

Vorwort von Else Laudan

Eine weitere Pionierin des politischen Krimis stößt zu ­Ariadne: Pieke Biermann schrieb mit ihren vier Berlin-Romanen Genre­geschichte. Seit ich diese Kriminalromane vor über zehn Jahren erstmals las – alle vier hintereinander, mit wachsender Faszination und immer hingerissener, Babylon ist nichts dagegen –, hegte ich den Wunschtraum, sie irgendwann bei ­Ariadne in angemessener Edition neu lieferbar zu machen. Damit sie weiter entdeckbar sind, besonders von Menschen, die das Überschreitende an Krimis lieben und das Kühne – das werden immer mehr. Und nun ist es so weit!

Diese Autorin trifft aus der Hüfte mitten ins Herz: Wie arm wäre das deutschsprachige Genre ohne Pieke Biermanns Schreibe! Das von Roman zu Roman zunehmende literarische Charisma des Quartetts, die ganz eigene Mischung aus beinhartem Hinschauen, distanzloser Liebe zu echten Menschen aller Couleur und Sinn für das Krimieske wie auch für den Witz des latent Abseitigen – diese vier Romane sind das Aufregendste, was Ende des 20. Jh. an deutschsprachigen Krimis entstand. Von höchst reellen Gegensätzen strotzend, sinnlich-kratzbürstig im Sound und verwegen erzählt lebt im Berlin-Quartett das Jahrzehnt um den Mauerfall auf.

Das Berlin-Quartett von Pieke Biermann erwischt die Stadt mitten im Umbruch. Berlin ist keine artige Kulisse, sie atmet, brüllt, lacht, zuckt und räkelt sich über die Genregrenzen hinweg. Tolle Charaktere vom Strich bis zu den Bullen, bilderstark, realistisch, poetisch, berlinerisch: ein Großstadt-Jahrzehnt so hart und wild wie das Leben.

Für Linda Phillips

»Ein Mensch ist nicht viel, ein paar Aktentaschen voll Fleisch.« Fritz Haarmann

Vorspiel Das Gesetz des Auges

DAS GEWITTER WAR ÜBERFÄLLIG wie eine Blutung, und die Stadt verbog sich unter einer Art prämenstruellem Syndrom. Hochspannung unter der Bauchdecke bei äußerlicher Katatonie. Straßen und Häuser gierten nach dem großen reinigenden Erguss und der kühlen Klarheit danach. Von den Lebewesen ganz zu schweigen. Seit Wochen. Niemand lachte mehr über den Spruch der letzten Saison: »Haben Sie heute schon Ozon gelocht?« Die meisten der hier Lebenden schienen ins Loch gefallen zu sein und zum ersten Mal in ihrem Leben eine Ahnung davon zu verspüren, dass die Sonne ein gewalttätiger Planet sein kann.

Die alte Frau ist weit über siebzig und so, wie sie dasitzt, breiter als hoch. Genau genommen hängt sie, unbewegt, teilnahmslos, auf einem Mauervorsprung vor dem Schaufenster eines türkischen Kleinhandels in Bausparverträgen, Versicherungen und Heimatreisen. Die rechte Schulter an den Rahmen gelehnt, die Hände im Schoß verhakt, den Kopf abwärts geneigt. Die Augen halb aufgerissen. Oder halb zugezwängt. Von zu schweren Lidern. Ihr Blick verliert sich an der Stelle zwischen ihren schwarzen Schnürschuhen, an der ein bräunlicher Hund auf dem Pflaster liegt. Sein verfetteter Rumpf spannt die Haut mit dem kurzen Fell wie eine Wurstpelle. Er ist ebenso reglos wie die Frau, nur die übergroßen Augen in seinem spitzen Gesicht sind belebt. Von nervöser Aufmerksamkeit. ­Fixiert auf ihren starren Blick.

Es ist etwa sechs Uhr abends an einem Samstag im Juli. Die Schöneberger Hauptstraße ist kurz davor, unter der fenster­losen Dunstglocke aus Hitze, dampfendem Asphalt und anderem Großstadtgestank zu ersticken. Wer kann, meidet noch die geringfügigste Bewegung, liegt zu Hause oder an irgendeinem Wasser im Schatten. Die Busse, die sich in gleichförmigen Intervallen die Hauptstraße entlangschleppen, sind fast leer und, außer ein paar Fahrrädern, fast die einzigen ­Verkehrsmittel.

In einem der alten Mietshäuser auf der gegenüberliegenden Straßenseite, über der aufgerissenen Tür eines italienischen Spielsalons, klemmt ein feister Männerhintern im offenen Fenster. Im Zimmer dahinter flimmert es bunt. Ab und zu steigt eine Woge dumpf jaulender Männerchöre hoch, dann ebbt sie wieder ab zu einem gleichermaßen dumpfen, maulfaulen Geraune. Und ab und zu setzt der Mann eine Bierdose an und schüttet sich den Inhalt in den Hals, ohne den Blick von der Sportschau zu wenden.

Vom Wind kein Hauch. Die Sonne brennt auf die Straßenseite mit der alten Frau, aber noch liegt das Schaufenster mit den Bauspar-Reklamen und dem handgemalten Schild »Biletleri Otobüs« im Schatten. Ein Lieferwagen parkt genau vor der Sonne in der Gosse. Jemand hat »Partners of Crime« auf die Plane gekritzelt, in Bronxlyn-Lettern. Die alte Frau ist in Sütterlin alphabetisiert worden.

Der Wursthund schießt hoch, sobald die beiden jungen Frauen die Vespa nebenan auf dem Bürgersteig parken, ­direkt vor dem Automaten-Waschsalon. Heulend und schwanz­wedelnd und auf dürren Beinen rast er auf sie zu. Sie beachten ihn nicht. Sie ziehen sich die Helme vom Kopf und schnallen zwei Reisetaschen vom Gepäckträger. Der fette kleine Hund scheut kein Risiko. Er springt wie aufgezogen an den Frauen hoch und leckt an Füßen und Beinen herum.

»Scheißtöle! Pass bloß uff, dette keen Infarkt krist«, zischt die eine und lässt ihm die Tasche fast auf den Kopf krachen. Dann sieht sie die alte Frau, registriert etwas ­derangierte, aber ­adrette Kleidung, schweißnasse, aber ordentliche Dauerwellen­kringel, und weiß Bescheid. Typische alte Zicke, wahrscheinlich Blockwartsche vor fünfzig Jahren, hat immer was zu meckern, vor allem über Frauen, die mit bunten Haarsträhnen auf der ­Treppe knutschen. »Wenn Se Ihrn Köter schon keen Benehm beibringen können, bevor Se’n uff die Menschheit loslassen, denn jehn Se wenigstens ma eene ­Treppe höher und lassen die Töle in Form bringen!«

Die andere junge Frau sieht sie an, dann auf ein Schild im ersten Stock des Hauses. SPORTSTUDIO APOLLO. Sie grinst. »Schlimmer wie’n Kerl, so’n Köter. Bestimmt dem Alten selig aus’n Jesicht jeschnitten.«

»Aber die Scheiße von dem macht die Alte nich weg.«

Sie verschwinden im WashCenter, ohne der alten Frau noch einen weiteren Blick zu widmen. Sie sehen auch nicht, wie der fette kleine Hund sich keuchend wieder zu ihren Füßen legt und in Resignation verfällt.

»Poh, hier stinkt’s!« Die Frau mit der weißblonden Pudel­schur am Kopf und dem grüngelben T-Shirt wischt sich Schweiß von der Stirn.

»Meinste die da?« Die andere, aschblonde Strähnen und Nato-Overall, deutet auf zwei junge Männer, die weit vonein­ander entfernt auf den Holzbänken an der Fensterfront zur Hauptstraße sitzen.

»Nee«, sagt die Grüngelbe, »im Augenblick nervt mich die schemische Keule hier drin.«

»Kannste sagen! Scheißpatriarchat. Da kriste echt det Kotzen.«

Der eine junge Mann ist höchstens Anfang zwanzig und ­offensichtlich Student. Er liest ein Skript mit einem gelben Filzstift. Er ist schmal und sehr hübsch, und er scheint das auch zu wissen. Die lässige Selbstverständlichkeit, mit der sein Körper in der Jeans und dem knappen Hemdchen steckt, die elegante Haltung, die Turnstiefel mit den nur halb ­kreuzweise zugebundenen Schnürsenkeln und die weichen braunen ­Locken mit den blonden Strähnen über dem hellbraunen Gesicht sagen das. Sein Blick allerdings, den er bei dem Wortwechsel auf die beiden Frauen richtet, ohne den Kopf auch nur millimeterweit zu bewegen, sagt etwas anderes. Aus ihm spricht ein grundsätzliches Misstrauen. Angst, womöglich, aber gut kaschierte. Er checkt Situationen auf eventuelle Bedrohung ab. Jetzt wandert er, ohne aufzufallen: von den beiden Frauen zu dem einen Mann, zwischen den dreien hin und her, zwischen Detail und Totale. Danach, mit einer demon­strativen Kopfdrehung, zu einer der neunzehn Waschmaschinen an der Seitenwand rechts von ihm. Und dann versinkt der schwarze Junge ebenso demonstrativ wieder in seinem Skript, neigt den Kopf nach unten, unterstreicht Zeilen, blättert. Aber die Ohren bleiben auf Alarm. Wie Katzenohren. Nur dass diese hier sich nicht drehen.

Die beiden jungen Frauen würdigen ihn keines Blickes, sondern lassen ihre Taschen fallen und werfen die Helme auf die Heißmangel gleich neben der Eingangstür. An der Wand ist eine Pinnwand mit Suchmeldungen – Wohnungen, Jobs, entlaufene Hausgenossen. Das wöchentliche Infoblatt des Notrufs verschwindet fast hinter den handgemalten ­Zetteln. ­WARNUNG AN ALLE FRAUEN! TÄTERBESCHREIBUNGEN WERDEN LANGSAM ÜBERFLÜSSIG, STÄNDIG WIRD UNS VON VERGEWALTIGUNGEN/BELÄSTIGUNGEN RUND UM DEN NOLLENDORF-/WINTERFELDT­PLATZ BERICHTET. FRAUEN, ERWARTET VON NIEMANDEM HILFE! VERLASST EUCH AUF EUCH SELBST! SCHLIESST EUCH ZUSAMMEN, LASST EUCH NICHT EINSCHÜCHTERN! SEID MISSTRAUISCH!

Die Grüngelbe wühlt beim Lesen in der Hose nach dem Portemonnaie. »Haste jelesen? Immer noch dieselbe Meldung. Und die Bullen pennen weiter!«

»Wieso pennen? Die sind doch selber nicht besser. Oder glaubste, bei die herrscht Mangel an Wichsern, eh!« Natograu reißt die Tasche vom Boden auf die Heißmangel. Das Bedienungsschild fällt von der Wand. WENN DIE ROTE LAMPE ERLISCHT, IST DIE MANGELZEIT ABGELAUFEN.

Der andere Mann ist etwa dreißig und Prototyp des lebenslänglichen Pubertanden. Er gibt sich unübersehbar Mühe, ganz entspannt im Hier und Da in seiner schweren schwarzen Motorradjacke zu sein, als wäre sie eine ­wohltemperierte Loggia und nicht eine von stinkendem Waschpulver- und ­Maschinendunst beschlagene Ledermauer mitten in einem luftdichten Sommer. Auch das nonchalante Einfachsodasitzen ist nicht seine Stärke. Er wippt chronisch mit einem Fuß und rutscht immer wieder mit dem Hintern auf der Bank herum, als müsste er irgendetwas in seiner knallengen Jeans Befindliches durch Geraderücken glaubhaft machen. Am Reißverschluss prangt eine Sicherheitsnadel. Über dem extraweißen, teigigen Gesicht mit den normvollendeten Dreitagestoppeln kleben nasse dünne Kringel in Mausbraun. Die Augen sind sehr hell, stehen weit auseinander und haben sich, seit die beiden Frauen im Waschsalon sind, nur noch einmal von ihnen gelöst. Ein kurzer Blick, um den anderen Mann zu taxieren. Alle weiteren Blicke liegen auf den beiden Frauen, lauernd auf jede Gelegenheit, bei der der extraweiße Prototyp auf sich aufmerksam machen könnte. Blickfang werden. Zu den Angesehenen gehören.

Die beiden haben ihn beiläufig gemustert. »Augen wie ’n Wellensittich«, fasst Natograu das Ergebnis zusammen.

»Und jenau so’n Hals«, bestätigt Grüngelb.

»Seit wann ham Wellensittiche ’n Hals?«

»Eben.«

Die Grüngelbe funkelt den Extraweißen kampflustig an, wirft einen prüfenden Blick auf den anderen Mann und dreht sich zum Münzautomaten, um Poletten für die Waschmaschinen, die Schleudern und die Trockner zu ziehen. Als sie sich wieder umdrehen will, klebt der Prototyp an ihrer Schulter.

»Eh, was habt ihr eben gesagt?« Eindeutig westdeutsch.

Im selben Augenblick steht Natograu neben ihm, Grüngelb vollendet die Drehung seitwärts, so dass sie an seiner anderen Flanke zu stehen kommt, Prototyps Augen hetzen vorfreudig erregt zwischen beiden hin und her, als hätte er ein hochkarätiges Tischtennismatch vor sich, er schnalzt, lässt kurz seine obere Zahnreihe in die Unterlippe sinken, macht langsam den Mund auf, um die Anmache des Jahrtausends zu kreieren – Aber dazu kommt er nicht mehr.

»Du, pass mal uff, Typ. Mit sonne Augen würde icke mir ’ne Sonnenbrille transplantieren lassen.« Natograu lässt ihren Blick von oben nach unten und wieder zurück gleiten.

»Was is’n los mit euch, eh. Ihr habt doch über mich geredet. Und da wollt ich mal kucken –«

»Hier wird nicht jekuckt!«

»Ach, lass doch den Augenwichser. Der kapiert det nicht.« Natograu drückt Grüngelb einen Helm in die Hand. Sie gehen vorn um den großen Tisch zum Wäschefalten und die Schleudertrommeln herum zu den Waschmaschinen.

Prototyp nimmt den hinteren Bogen. Der schwarze Junge hat kaum sichtbar den Kopf gehoben und behält die Szene im Auge.

Die beiden Frauen tauschen einen Blick, lassen gleichzeitig Taschen und Helme fallen und gehen drohend einen Schritt auf Prototyp zu.

»Machste jetze die Biege oder willste deine Glotzen ’ne Nummer dunkler?« Natograus Stimme ist bereits eine Nummer dunkler.

Prototyp sieht überrascht aus, weicht einen Millimeter zurück und probiert zu argumentieren, was er noch weniger beherrscht als das Spiel mit Blicken. »Is das neuerdings so hier in Berlin? Darf man Frauen nicht mal mehr ankucken?«

»Ja, Saftarsch. So isset. Und jetzt verpiss dich.«

»Aber wieso denn nicht? Ihr kuckt doch auch gern was Schönes an. Is doch menschlich, eh.«

»Weil frau die Schnauze voll hat von euerm Gegaffe. Ihr seht sowieso bloß immer det eene.« Grüngelb ist in ihrem Element.

Natograu rollt die Ärmel des Overalls noch etwas höher, betrachtet mit Wohlgefallen jeden Bizeps einzeln, stellt die Beine noch etwas breiter auseinander, wippt herausfordernd mit dem rechten Fuß und rüstet sich für ihr Element. »Jeh doch nicht drauf ein. Wir brauchen doch sonne Paderborner Pappfresse nich den Bildungsurlaub besorgen.«

»Bielefeld!«, bietet Prototyp dagegen, guter Hoffnung, endlich den Stoff zum Anknüpfen gefunden zu haben.

»Und«, Grüngelb zerrt schmutzige Wäsche aus der ­Tasche, »weil der männliche Blick an und für sich ’ne Beleidijung is!« Sie stopft die Sachen in eine Waschmaschine, wirft dabei ein Auge auf den schwarzen Studenten, der in drei Metern Abstand sein Skript zu studieren scheint, knallt die Tür zu und steckt eine Polette in den Schlitz. »Und weil er die Frau redu­ziert uff’n Objekt! Uff’n Sexobjekt nemmich. Und davon ham wir die Schnauze voll, und zwar jestrichen!« Sie reißt die ­zweite Tasche an sich.

Natograu steht immer noch in Kampfstellung vor Prototyp.

»Vastehste!« Grüngelb ist nicht zu bremsen. »Und du bist ooch bloß so’n Provinz-Wojör. Von wegen, inne Metropole fahren und Weiber kieken. Ham wir grad noch drauf jewartet!« Sie knallt die zweite Maschinentür zu und wirft die ­Polette ein.

Der Student studiert.

»Also, spinn ich? Alle Menschen werden prüder oder was willste damit sagen?« Prototyp dämmert allmählich, dass seine vorsorglich gewählte Defensive hier keinen Eindruck macht, und erwägt offensivere Maßnahmen. Er steckt die Hände in die Jackentaschen, zieht die Schultern hoch, pumpt sich auf und versucht einen Blick von oben herab. »Oder habt ihr gerade ’n Angriffskurs bei den militanten Panthertanten ­absolviert?«

Bevor ihm noch mehr dämmern kann, hat Natograu ihn angesprungen, beide Hände im Kragen seiner Lederjacke verkrallt und das rechte Knie hochgerissen. »Bei Pissnelken wie dir is Angriff die beste Verteidigung!«

Prototyp heult auf und krümmt sich. »Aber ich hab doch noch gar nix … Mann –«

»Und det wollen wir ooch jaanich erst abwarten!« Grüngelb legt ihm von hinten den Arm um den Hals und drückt zu, bevor er wegtauchen kann. Dann lässt sie plötzlich los und haut ihm die Handkanten in die Nieren.

Er heult wieder auf und schlägt blind um sich. Worte fallen ihm nur noch unzusammenhängend aus dem aufgerissenen Mund, bis ihm Natograu das Knie unters Kinn rammt.

»Weil ihr Scheißkerle nix wirklich seht von Frauen. Nix. Nix. Und nochma nix!« Grüngelb reißt rhythmisch an seinen ­Haaren. Jedes »nix« ein Reißen und ein Kinnhaken. »Ihr könnt bloß gaffen. Und euch einbilden, dafür sind wir da. Damit ihr wat zum Anmachen habt. Damit ihr euch een druff wichsen könnt. Aber sehen tut ihr nix. Nix. Nix.«

Sie treten und schlagen noch auf ihn ein, als er zu Boden gesackt ist. Er blutet aus mehreren Platzwunden am Kopf und im Gesicht. Sie stehen über ihm und starren ihn an. Sie sehen nicht, dass der Student seine Wäsche nass aus der ­Maschine genommen und in eine Tasche gestopft hat. Auch nicht die blutroten Abdrücke, die seine Schuhe auf dem Terrazzo­boden hinterlassen haben, als er den Waschsalon verließ. Lautlos. Geschmeidig. Sie sehen die Sicherheitsnadel am Reißverschluss des Prototyps.

»Kiek dir det an!«, triumphiert Natograu.

»Och noch ’n Potenzprotz. Möchte wissen, ob der schon beim Notruf inne schwarze Liste steht oder ob det ’n Neuer is.« Grüngelb wischt sich zufrieden die Stirn.

»Und dabei sind’s bloß die Hüften«, grinst Natograu.

»Wat?« Grüngelb ist abgelenkt. Eine der Taschen klemmt unter Prototyps Oberschenkeln.

»Na, dass der ’ne Sicherheitsnadel am Hosenstall braucht.«

Dann sehen sie zu, dass sie die Tasche unter ihm wegkriegen, ohne sie durch die Blutlachen zu schleifen, die überall am Boden sind, und die Stätte ihres Triumphes nicht ohne ihre schmutzige Wäsche verlassen.

Der feiste Hintern hängt nicht mehr aus dem Fenster auf der anderen Straßenseite. Der ganze Mann steht mit einer neuen Bierdose in der Hand im Rahmen und beobachtet die Szene gegenüber. Eine dicke alte Frau liegt reglos auf dem Bürgersteig, ein dicker kleiner Hund fegt aufgeregt um sie herum, japst, springt einen schwarzen Jungen an, der eine große tropfende Tasche trägt und die Hauptstraße hinaufeilt, stehen bleibt, einen Blick auf die Frau, dann einen hinter sich auf den Waschsalon wirft, sich hinunterbeugt, dem Hund zur Beruhigung den Kopf tätschelt, sich hastig aufrichtet und weiterläuft, sobald ein grünweißer VW-Bus mit Blaulicht vom Kaiser-­Wilhelm-Platz her in Sicht kommt.

Dem Mann am Fenster läuft Schweiß von der Stirn über die Augen und tropft ihm auf die Brust. Er knallt die Dose auf und grunzt etwas. Dann holt er sich ein Kissen und macht es sich für ein Live-Schauspiel gemütlich.

Der Bulli bremst mit kreischenden Reifen vor dem Schaufenster des Bauspar-Händlers. Eine Frau und ein Mann in Uniform springen heraus, der Hund augenblicklich auf sie zu, schwanzwedelnd. Die Polizistin geht zu der alten Frau am Boden. Der Polizist lässt seinen Blick über Straße und Häuser schweifen, auf der Suche nach möglichen Augenzeugen. Fünf Meter vor ihm startet eine Vespa auf dem Bürgersteig und rollt davon. Durch die stinkende heiße Wolke sind zwei Frauen zu erkennen, die hintere hält zwei Taschen mit einer Hand auf dem Schoß fest und mit der anderen zwei Helme neben sich.

»Halt!«, brüllt er. Aber sie sind schon so weit weg, dass er das Kennzeichen nicht entziffern kann. »Helme gehören auch bei Hitze auf ’n Kopp!«

»Die is tot.« Die Polizistin hockt am Boden bei der alten Frau. »Und du kriegst auch einen Infarkt, wenn du so weiterhibbelst.«

Der kleine dicke Hund legt sich gehorsam auf den Boden, so platt es ihm möglich ist, und keucht.

»Ick ruf den NAW«, sagt der Polizist. »Frag du mal den Mann da oben im Fenster.«

Sie steht auf. »’schuldigung. Haben Sie gesehen, was hier los war?«

»Wat soll hier los sein? Tote Hose. Bei die Hitze. Ick hatte Sportschau an.«

»Sonst nix gesehn?«

»’n Neger is eben aus de Waschbude geschossen. Kieken Se da ma lieber rin. Wer hat Sie denn geholt? Der muss doch wat gesehn ha’m.«

»Der Busfahrer, über Funk. Danke für den Tipp. Wir kommen gleich mal hoch.«

»Nee, nee. Denn komm ick lieber runter.« Der feiste Mann verschwindet aus dem Rahmen. Die Polizistin im WashCenter.

Sie kommt im selben Augenblick wieder aus der Tür, als ein Rettungswagen und ein Notarztwagen auf den Bürgersteig poltern. Der Polizist springt von dem Mäuerchen hinter der alten Frau hoch. »Und?«

Fünf Männer, zwei in Feuerwehruniform, drei in Weiß, springen aus den Wagen.

»NAW in’ Waschsalon«, sagt die Polizistin. »Da liegt einer am Boden und blutet aus allen Rohren.«

Die 235. von allen

UM 6 UHR 30 an einem Montag im Hochsommer stand der Erste Kriminalhauptkommissar in der Eingangshalle einer normannischen Festung in der Keithstraße Nr. 28. Frisch erholt, frisch geduscht und schon wieder verklebt an Haupt und Gliedern. Kurzes Zupfen vorn am T-Shirt, kleine Brise für den Bauch. Eine Hand durch die feuchten blonden Haare. Blick auf das Schild: Direktion III – Delikte am Menschen und Organisierte Kriminalität.

Ja, dies hier war ihr regulärer Arbeitsplatz. Sie nestelte an ihrer Schultertasche. Warum nicht Amrum?, schoss ihr durch den Kopf, während sie nach der Schachtel tastete. Sie musste grinsen. Die Vorstellung, sie, der EKHK Lietze (Vorname: Karin), verbrachte den Rest ihrer Tage mit dem Schieben ein und derselben ruhigen Kugel inmitten einer nordfriesischen Insel-Idylle, war harntreibend. Zumal sie sich da während der vergangenen vierzehn Tage mit der Abwehr spätadoleszierender Hofmacher hatte herumschlagen dürfen, ausnahmslos aus der Altersgruppe zwischen Faltenwurf und Fettleber. Durchschnittlich zweimal pro Tag hatte sie nach einer befriedigenden Antwort auf die Frage: Warum Amrum?, gefahndet. Denn das Vergnügen, nicht baden zu dürfen, hätte sie an der Adria ebenso gut haben können, den Genuss von Natur in homöopathisch kleinen Dosen in jeder Großstadt.

Ach, Unsinn. Wer weiß, wozu’s gut war. Sie hatte eben ihre voyeuristische Kompetenz trainiert und sich auf die reine Kontemplation verlegt: Das genießerische Betrachten der seltenen Exemplare ansehnlicher Männlichkeit. Die waren ­ohnehin entweder pausenlos in modernes Familienglück ver­wickelte neue Väter oder schwul. Oder von der Jugendlichkeit, an der sie sich vor nicht sehr langer Zeit erst die Finger verbrannt hatte … Dann lieber die Welt durch die Brille der Vorstellung.

»Morng, Frau Hauptkommissarin!« Der kleine dicke Uniformträger mit dem Walkie-Talkie vor dem Bauch kam aus dem Glaskasten am Ende der Halle und reckte schon von weitem beflissen die rechte Hand.

»Guten Morgen, Ritter.« Lietze drückte zu und zog ihn dabei zu sich heran. »Ab sofort einfach Lietze, abgemacht?«

Sie zwinkerte ihm vertraulich zu, und Ritter lief pünktlich rot an. Dazu war’s gut gewesen, befand Lietze befriedigt. Strapazierfähige Nerven.

Sie hatte endlich die Schachtel Lucky Luciano aus der ­Tasche gefingert, steckte sich eine an und hielt ihm die Schachtel entgegen.

»Nee, ick darf doch nich mehr. Meine Frau hat meine janzen Zigarilljos wechjeschmissen. Stinkt ihr, sagt se.«

»Was – jetzt noch?«, platzte Lietze heraus. Ritter stand kurz vor der Pensionsgrenze.

»Na wieso, ick hab doch ’ne Neue. Letzte Woche jeehelicht. Sie war’n ja nich da …«, sagte Ritter entschuldigend.

»Ach so, na, herzlichen Glückwunsch! Und dann gleich eine echte Mimose!« Hoffentlich duftet sie entsprechend, dachte Lietze, behielt das aber für sich. »Greifen Sie trotzdem zu. Oder womit soll ich mich in Zukunft für Ihren Kaffee revanchieren?«

Der Wachmann wurde wieder rot. »Na, wenn Sie det sagen. Ick muss se ja nich kurz vor Feierabend rauchen. Müssen sowieso nich alles wissen, die Wei–, äh, ’tschuldjunk! Die Frau–, ach du Scheiße!«

Zu Ritters grenzenloser Erleichterung klingelte in diesem Augenblick das Telefon im Glaskäfig. Er griff sich eine Lucky Luciano und stürzte davon. Lietze steckte die Schachtel in die Tasche zurück und beobachtete, wie Ritter abnahm, dann eine Hand auf die Sprechmuschel legte und mit dem anderen Arm durch die Luft ruderte. Sie ging zu ihm. »Nischt für unjut, LIETZE!«

Sie spreizte Zeige- und Mittelfinger zu einem V, nickte ihm zu und ging zum Fahrstuhl. Angenehm abgekühlt und in selten aufgeräumter Laune. Diese alten Gemäuer haben ihre Vorteile, dachte sie, während sie in den zweiten Stock hinauffuhr, drei tiefe Lungenzüge mit dem Rauchverbotsschild im Rücken. Halten Hitze und grelles Sonnenlicht ab.

Das Dienstzimmer war düster, kühl und roch nach Bohnerwachs. Hoffentlich lassen die sich viel Zeit mit diesem Neubau. Sie zog die Füße aus den Tennisschuhen. Oder noch besser: Hoffentlich geht ihnen früh genug das Geld aus. Sie schob die Schuhe unter den Schreibtisch und schlenderte barfuß zu den beiden Fenstern, um sie aufzureißen. Polizeizentrale. Wer braucht denn so was! Lächerlich. Sie kehrte zum Schreibtisch zurück. Jetzt wird Geld für ganz andere Sachen gebraucht. Sie schloss die Rollläden auf. Wo die in Ungarn die ersten Laufmaschen in den Eisernen Vorhang gerissen haben. Sie holte Kalender und Zigarillos aus der Tasche, legte sie auf den Tisch und stand wieder auf, weil im Nebenzimmer das Telefon ­läutete.

»Auf den Kaffee müssen Sie aber noch warten«, sagte eine Stimme, wohltuend wie ein kostbares Badeöl nach einem Feier­abendbad. »Ungefähr eine Viertelstunde.«

»Guten Morgen, Mimi. Lassen Sie sich Zeit, an Schweißausbrüchen wird heute kaum Mangel sein.« Lietze sah auf die Kaffeemaschine, die harmlos auf einem Aktenschrank im Schreibzimmer stand. »Gibt’s was, das ich schon lesen kann, oder war hier etwa nichts los die letzten zwei Wochen?«

»Doch. Der mit den Stempeln hat –«

Es war keine Hitze, die Lietze Schweißperlen auf die Hände trieb. Vor vier Monaten hatten sie sein letztes Opfer gefunden. Seitdem war Ruhe gewesen. Wahrscheinlich hatte er sich verzogen. Oder er hielt sich zurück, solange diese Racheengel mit ihren nächtlichen Patrouillen die Gegend für Leute wie ihn unsicher machten. Hatte sie gedacht. »Wieso erfahre ich das erst jetzt? Wo war’s denn diesmal?«, fauchte sie Mimi an.

»Dieselbe Ecke. Ich habe gestern den Bericht von Fritz getippt. Er liegt zusammen mit dem Obduktionsbefund in meiner Schublade.«

Den Stempler hatten sie also nicht vertrieben, diese Patrouil­lentanten diese –! Lietze nahm die Akte und ging wieder an ihren Schreibtisch. Sie zündete sich hastig die nächste Lucky Luciano an. Rauch stieg ihr ins Auge und brannte. Fluchend knallte sie die Akte auf den Tisch und ließ sich auf den Stuhl fallen. Ahoi Erholung, sagte sie laut. Und leise, kaum hörbar für ihre eigenen Ohren: Nimm wenigstens den letzten Rest an Aufgeräumtheit und gesteh dir ein, dass du neidisch bist auf diese – diese –! Jawohl, diese hirnverbrannten Faustrechtlerinnen, die dir voraushaben, dass sie ihren Kiez kennen, verdammt noch mal. Du hast nicht die geringste brauchbare Spur! Und obendrein noch zwei männliche Leichen im Keller.

DER 31. JULI war wieder so einer. Sie hatte es genau gespürt vorhin, als sie ihre täglichen tausend Meter durch den Kleistpark gelaufen war, in jeder Hand eine Kilohantel. Ein besonderer Tag, wie er auch in Sommern nur selten vorkommt. Und während der kalten, grauen Jahreszeit fast gar nicht.

Es war nicht nur die Sonne, die Wärme. Die gab es seit ­Wochen täglich. Aber die Luft hatte wieder so gerochen, vorhin. Es war wieder dieses Klirren in der Atmosphäre, als bestände der Himmel aus Millionen hauchfeiner Glasscherben, die von der leisesten Luftbewegung aneinandergerieben werden. Es waren diese sterbensglückliche Süße, dieser pulsie­rende Duft, die ein schrilles Brennen zwischen die Schenkel treiben. Und das Licht.

Als sie unter der Dusche stand, wusste sie, sie musste die enge violette Jeans anziehen und sich auf die Suche machen. Das Wasser, die Seife, die Bürste, alles fühlte sich anders an. Auf der Haut.

Sie trat vor den Spiegel. Ja. Heute waren sie wieder schön. Sie konnte sie wieder anfassen, sogar ansehen. In ihrer ganzen fleischigen Schwere. An anderen, normalen Tagen hasste sie ihre Brüste. Sie waren der nicht wegzutrainierende Hinweis darauf, dass sie »von Natur aus« einen anderen Körper gehabt hatte. Scheiß auf Natur! Natur ist grausam!

Jedes sonstige Gramm Fleisch, nein: Fett, hatten zwei Jahre Karate, dreimal in der Woche anderthalb Stunden, und tägliche Disziplin abgetragen. Übrig geblieben waren Muskeln, Sehnen, Knochen, Haut, die schiere Kraft. Aufreizender Gegen­satz zu den langen weichen rotblonden Locken, dem großen weichen grellroten Mund, den ebenso roten langen Fingernägeln und ihrer Vorliebe für hochhackige Schuhe.

Sie ließ Hemd, Trainingshose und Slip auf dem Badezimmerboden liegen und stieg nackt in die schmale, steife Köperhose. Besondere Tage waren spätestens daran zu erkennen: An dem Drang, Schritte zu machen und bei jeder Bewegung die harte, scharfe Naht einer etwas zu knappen Hose zwischen den Beinen zu spüren, den Druck des Stoffes unnachgiebig auf der Perle und den Hüften. An der Erregung, wenn er bei jedem Schritt, jeder Drehung des Oberkörpers Bruchteile von Millimetern über Nervenenden schabt, die roh aus der Haut zu ragen scheinen. Die Schritte sind auch anders. Sie kommen von ganz unten, direkt aus herrisch trommelnden Absätzen. Stahlbeschlagen. Punktförmig. Tak-tak. Tak-tak. Und ab und zu ein metallisches Raaatsch. Arhythmisch. Auf Steinplatten heller als auf Asphalt. Die Wirbelsäule aufwärts gespannt wie eine Harfensaite.

Sie würde das Weitwinkelobjektiv auf die VX 1000 schrauben. Dies war kein Tag für Teleobjektive. Besondere Tage sind Tage auf Tuchfühlung.

Sie legte die Armbanduhr um und kostete jeden Schritt in die Küche aus, das Brotschmieren, das Kaffeeaufgießen. Mit dem Toast im Mund und der Tasse in der Hand ging sie zurück ins Badezimmer. Sie schüttelte die nassen Haare und wühlte sie mit der freien Hand in die richtige, die wilde Form, jede Bewegung ein Lustgewinn. 7 Uhr 16. Aussehen wie gerade aus dem Lotterbett gezogen. Das war der Trick. Sie malte die Lippen rot und schenkte sich ein verführerisches ­Lächeln. Dann zog sie die roten Schuhe mit den Stahlstöckeln an und ganz zum Schluss ein T-Shirt, bei dem sie Armlöcher und Ausschnitt größer geschnitten hatte. Es war auch rot und hatte einen violetten Aufdruck: JEDE NEUE IDEE IST EINE ­AGGRESSION – MERET OPPENHEIM.

KRIMINALHAUPTKOMMISSAR Lothar Fritz hatte sich alle Mühe gegeben, seinen Bericht so nervenschonend wie möglich abzufassen. Die Tatsachen selbst waren ein massiver Angriff auf Herz, Hirn und Magen. Die resopalglatte Sachlichkeit des Obduktionsbefundes schließlich erzwang viel zu tiefe und viel zu hastige Lungenzüge.

»… Verletzungen infolge eines würgenden Ereignisses am Hals … Schwellungen und oberflächliche Schleimhaut­defekte an Unter- und Oberlippe im Mundvorhof … flächenhafte Einblutungen des Unterhautfettgewebes und der Muskulatur an der Halsvorderseite und im oberen Mittelraum der Brusthöhle bis zum Herzbeutel … ausgedehnte Verletzungen im Darmbereich: fetziger Mastdarmschleimhautriss mit Zeichen der Schleimhautabscherung in ca. 10 bis 12 cm Tiefe oberhalb des Afters … ausgedehnte umgebende Einblutungen in das Bindegewebe der Kreuz-Darmbeinhöhle … Blutung an der Gekröse­wurzel …«

Die so zugerichtete Frau war am gestrigen Sonntag gegen Mittag auf dem Gelände eines alten, quasi-besetzten Hauses am Winterfeldtplatz entdeckt worden, das »Ruine« hieß. Einer der Bewohner hatte sie in dem dachlosen Viereck am Eingang zwischen Sand und Schutt liegen sehen, als er eine Runde um den Platz laufen wollte. Zum »Wachwerden«.

Der Tod war gegen 5 Uhr morgens eingetreten, allerdings nicht auf dem Gelände der Ruine. Die Leiche war dorthin geschafft worden, den mageren Reifenspuren nach zu urteilen, vermutlich mit einem Mercedes. Die Reifen waren sehr neu und wurden vorzugsweise für Autos dieser Marke benutzt. Der Zustand der Leiche legte den Schluss nahe, dass das Opfer sich gewehrt haben musste. »Verzweifelt«, hatte Fritz geschrieben.

Lietze warf den Bericht auf den Schreibtisch und ließ sich gegen die Rückenlehne fallen. Die letzten zehn Minuten hatten die letzten zwei Wochen fast restlos aufgezehrt. Sie sog nervös am Zigarillo. Sie brauchte eine Pause, bevor sie weiterlas. Irgendeinen angenehmeren Gedanken. Einen Kon­trast. Fritz, zum Beispiel. Lothar Fritz, 42 Jahre alt, kräftige, ­breite Schultern, große Hände, einer, der vor nichts Angst hatte, nicht einmal vor heimtückisch gurgelnden Kaffee­maschinen. Ein Familienmensch, der ohne Furcht vor Tadel unter drei Frauen lebte, von denen eine grundsätzlich die Hosen anhatte (zumeist Jogginghosen) und die zwei anderen, fünf und zehn Jahre jung, spätestens zur Jahrtausendwende die ­anwachsende Amazonen-Quote von Westberlin entscheidend steigern ­würden.

Und doch. Eine Panik hatte Fritz. Fast unmerklich, aber eben nur fast. Panik davor, dass seiner Frau oder seinen Töchtern irgendetwas von all dem Grauen angetan werden könnte, in dessen banale, brutale Abgründe er dank seiner Planstelle immer wieder Einblick nehmen musste. Anders war nicht zu erklären, dass ein so ausgeglichener Mann regelmäßig cholerische Schübe erlitt, sobald ihm ein Fall jener Gewalt zu Ohren kam, mit der seinesgleichen Frauen terrorisiert.

So einer muss »verzweifelt« schreiben, dachte Lietze. Und womöglich schreit und beißt der innerlich mit. Anderthalb Zentimeter Asche auf der Jeans holten sie zurück an den Schreibtisch. Sie warf den Stummel in den Aschenbecher.

Unter den Fingernägeln des Opfers hatten sich Abschürfungen von weißer Haut und zwei unterschiedliche Haarsorten befunden, sehr dünne und etwas dickere, beide glatt, beide blond und beide sehr kurz. Die dickeren waren identisch mit denen, die bei den früheren Opfern gefunden worden waren. Es gab zwei verschieden große Fußspuren von Turnschuhen einer bekannten deutschen Firma. Alles andere waren die üblichen Daten: keinerlei Fingerabdruck, kein Sperma. Wieder stammten die Verletzungen des Unterleibs, an denen die Frau verblutet war, von irgendeinem stumpfen, langen Gegenstand, der alles zwischen einem Flaschenhals und einem Gummiknüppel sein konnte. Wieder war sie erwürgt worden. Und wieder prangte auf ihrer Stirn ein etwa vier Zentimeter großer einzelner Buchstabe. Derselbe Buchstabe stand schräg auf einer Seite ihres Passes, der sich zusammen mit gut achtzig D-Mark, einem alten Fünf-Złoty-Stück, sieben Präservativen und anderen persönlichen Gegenständen in ihrer Handtasche gefunden hatte.

Die Frau war achtundzwanzig Jahre alt gewesen und hieß Krystyna Kędzierska. Der Pass war in Warschau ausgestellt worden. Der Buchstabe war diesmal ein P. In Fraktur, wie gehabt.

»So, jetzt trinken Sie erst mal einen Kaffee, Karin!«

Lietze schreckte hoch, als Mimi Jacob ihr einen Becher auf den Tisch stellte. Sie hatte nichts mehr gehört in den letzten Minuten. Sie hatte über den Leichenfotos gehangen und versucht, etwas zu fassen zu kriegen, das ihr beim Anblick des toten Gesichts durch den Kopf geschossen war. Eine schöne Frau.

»Sie kucken, als wenn Sie lieber einen Schnaps hätten. Haben Sie überhaupt schon was im Magen?«

»Damit es mir auf der Stelle hochkommt? Ein Wodka wäre mir wirklich lie–«

»Ein polnischer, hm? Den Mörder –«

»– finden wir auch nicht mit einem Spritschleier vor Augen, ich weiß, Mimi. Mir ist trotzdem schlecht.« Lietze warf das Feuerzeug auf den Tisch zurück und das Zigarillo hinterher. Sie sprang auf, lief ans Fenster, zupfte wieder am T-Shirt, ­drehte sich um und starrte zu Mimi. Aber die war weg.

»Ein T hatten wir, für Türkin!«, schrie sie hinter ihr her, rannte zum Tisch und schnappte nach dem Kaffee.

Mimi kam in die Tür zurück. »Ich weiß.« Mimi beobachtete den schwappenden Kaffee. »Und ein C für Chilenin und ein N –«

»– für ›Niggerin‹. Eben!«

»Karin! Es ist eine Frage der Zeit –«

Die Tür zum Korridor hinter Mimi ging auf. Ein etwa vierzigjähriger Mann im dezent gemusterten dunklen Hemd und weißer Segelhose wollte einen guten Morgen wünschen, fand aber keinen Platz dafür.

»– ganz recht: dass wir wieder ein J zu sehen kriegen, quer über die ganze Seite in irgendeinem Pass oder auf irgendeiner Stirn!«

»Oder ein Z. Für ›Zigeunerin‹. Vergessen Sie die nicht.« Mimi wandte sich brüsk ab und verschwand im Schreib­zimmer.

Der Mann sah zu Lietze, die ihren Becher auf den Tisch knallte, nach dem Zigarillo von vorher griff und fluchte, weil eine Ladung Kaffee mit Milch und Zucker sich über eins der Leichenfotos ergoss. »Was ist denn hier los? Ich denke, Sie waren im Urlaub, Chef!«, sagte Kriminalhauptkommissar Detlev Roboldt erstaunt.

SIE TRAT AUS DER TÜR und ging links die Goltzstraße ­hinauf in Richtung Winterfeldtplatz. Montag ist kein Markttag, und so schlenderte sie diagonal über das ganze Rechteck vor der Kirche, das vor ein paar Jahren mit Granitplatten belegt worden war. Mit einer Billig-und-scheußlich-Version allerdings nur aus dem sogenannten Tauentzien-Kunststein, was Marktleute, Anwohner und Stadtplaner bis zuletzt zu verhindern versucht hatten. Als Untergrund für lustvoll klappernde Stöckel- und gut geschmierte Rollschuhe waren die Platten ganz brauchbar. Nicht so erlesen wie der echte Granit um die Nationalgalerie herum, aber brauchbar. Besser als das Bernburger Kleinmosaik, das den Platz früher geziert hatte. Und sehr viel besser als die Asphaltschicht, die der deutsche Amtsschimmel in seinem Wahn, nach jedem Markttag den Platz flächendeckend desinfizieren zu müssen, über die Pflastersteine hatte gießen lassen.

Raaatsch – tak-tak, tak-tak. Die Exakta VX 1000 schlenkerte an ihrer Hüfte. Sie schüttelte den Kopf und fühlte die weichen rotblonden Locken über die Schultern streichen. Sie nahm das Buch, das sie mit beiden Händen vor die Brust gehalten hatte, in die linke und fuhr sich mit der rechten durch die Haare. Die Saubermänner! Hatten sich verrechnet. Wie sie sich immer verrechnen. Weil sie berechenbar sind. Man muss unberechen­bar sein! Alle landläufigen Lebensauffassungen des Daseins verneinen. Eine andere Rechtfertigung des ­Daseins finden! Als die Asphaltdecke im Zuge der militant bekämpften »Verschönerung des Winterfeldtplatzes« wieder hochgerissen wurde, klebten die kleinen Bernburger Pflastersteine daran fest, aber so zart, dass sie sich den Häuserkämpfern geradezu in die Hände schmiegten. Unter dem Asphalt lag – nein, kein Strand. »Antiimperialistische Wurfgeschosse«. Letzte Argumente.

Nichts außer der Ruine vielleicht war mehr davon zu sehen. Die Häuser um den Platz herum waren luxussaniert. Die übliche Quote italienischer Lebensmittelläden und Edelkneipen hatte sich zwischen Winterfeldt- und Nollendorfplatz ebenso etabliert wie an den Plätzen seitlich der Kudamm-Achse. Und die dazugehörige Menge nicht ganz armer, moderner junger Menschen bevölkerte jetzt die Gegend.

Sie warf einen Blick auf die weiß-silbernen Tische und ­Stühle, die angekettet vor dem Café Sydney’s an der Ecke ­Maaßen-/Winterfeldtstraße standen. Viertel vor acht – zu früh für moderne junge Menschen, die dort ab morgen Abend ihre Fotos ansehen würden. Oder auch nicht.

Aber es war schon heiß. Nein, es war schwül. Schwül wie seit Wochen. Zwei? Drei Wochen? So ein Klima, dachte sie, kann nur im totalen Gewitter enden. Genau wie letztes Jahr dieser eine Tag. Beim ersten Mal. Genau so hatte es angefangen: Hitze, Sonne, der harte Stoff, tak-tak, tak-tak-raaatsch. Dieser seltsame Geruch, den Sonne auf der Haut macht. Und dieses flirrende Licht. Das die Bewegungen verbiegt. Verlangsamt. Wie in Zeitlupe. Das Anblicke einbrennt auf der Netzhaut. Und dann einfriert zu einem Standbild. Das nach neuer Wärme verlangt. Nach der Hitze, die aus der Berührung kommt.

»AUS! ERST MAL KONTROLLE! Du kriegst es fertig und ­rasierst mir den Hinterkopf ganz kahl, so wie du hier rum­bibberst!« Alfred Henke riss den Kopf vor und den rechten Arm hoch. »Spiegel!«

Der schmächtige blasse Junge schaltete den Rasierapparat aus, legte ihn betont stressarm auf dem Waschbecken ab und fuhr mit beiden Händen über den Hinterkopf und die Nacken­partie, die er eben nachgeschnitten hatte, als wollte er seinem Werk die letzte Form geben.

»Aber ein bisschen zackig, Freundchen! Und hör mit diesem Gefummel auf, du weißt genau, dass ich das nicht riechen kann!«

Der Junge hängte die Daumen in die extratiefen Armlöcher seines Netzhemds und tat, als müsste er sich erst mal umsehen.

»Da! Auf der Fensterbank! Thorsten, du Volltrottel! Willst du mich ärgern?«

Thorsten verzog das Gesicht zu einem widerborstigen Grinsen. »Ick mach det nich mehr für’n Zehner, eh. ’n Pfund muss schon rüberwachsen.« Noch immer hatte er die Hände im Hemd hängen.

Henke hievte seinen massigen Leib jetzt selbst vom ­Hocker vor dem Waschbecken. Das Handtuch mit den Stoppeln rutschte ihm von der Schulter. Er grapschte nach dem Spiegel und ließ sich wieder zurückfallen, nackt bis auf eine ­winzige Unterhose, die seinen Hintern zu einem üppigen zellulitischen Dekolleté quetschte. Er schwenkte den kleinen Spiegel hinter seinem Kopf und betrachtete sich im großen, der über dem Waschbecken angebracht war.

Thorsten klinkte die Daumen aus dem Hemd und näherte die Hände wieder Henkes Nackenpartie.

»Du sollst deine Wichsgriffel – was ist das denn? Was für ’ne Fräse hast du denn da reingehauen?«

»Ick hab’s jenau nach’m Bild jemacht!«, grinste Thorsten unschuldig.

»Mach ma Licht an. In diesen Parterrelöchern sieht man nicht mal im Sommer richtig!«

»Also, wat is jetze? Krieg ick ’n Pfund?« Thorsten gähnte.

»Halt’s Maul! Ähhh – verdammte Scheiße!« Diesmal schoss Henke vom Hocker hoch. Er hatte auf dem Handtuch mit den abrasierten blonden Stoppeln gesessen, und die staken jetzt in seiner Unterhose. Er kratzte sich am Hintern. Sein Blick fiel durch das schmale Fenster auf den Hof. Ein Mann in einem blassgrünen Leinenanzug wuchtete eine große blaue Plastik­tüte in eine Mülltonne, sah sich um und starrte direkt auf Henke. Thorsten hatte ausnahmsweise ­zackig reagiert und das Badezimmer hinter ihm voll ausgeleuchtet.

Der Mann im Leinenanzug kam auf Henke zu. »Herr Henke, ich glaube, wir müssen mal ein ernsthaftes Wort miteinander reden. Das war das letzte Mal, dass ich mir das anhöre, wie Sie sonntagmorgens zu nachtschlafender Zeit so einen Krach machen. Ich werde mich bei der Hausverwaltung beschweren, das sage ich Ihnen. Und dass hier die Treppe nicht mehr geputzt wird, seit Ihre Frau weg ist, dürfte auch ein Kündigungsgrund sein.« Er drehte sich auf dem Absatz um und eilte durch das Vorderhaus davon.

Henke war rot angelaufen. »Brauchst gar nicht am Briefkasten vorbei. Die Post war noch nicht da. Du, du –«, grummelte er hinter ihm her.

Thorsten blätterte gelangweilt in einem großen Buch mit marineblauem Einband. Olympia 1936.

»Möchte wissen, wo der so früh hinwill!«, grunzte Henke.

»Zehn nach acht is doch nich früh, eh. Der hat wehnksens normal Arbeit, Mann.«

»Das Reisebüro, wo der arbeitet, macht um zehn auf und keine Minute früher. Und du redest, wenn du gefragt wirst. Was ist eigentlich los mit dir?«, meckerte Henke, während er mit der flachen Hand auf seinem Hintern herumklatschte. »Willst du pampig werden? Wo gibt’s denn so was! Ich sage nur, Zucht und Ordnung, Freundchen! Vorher hat man keine Ansprüche zu stellen. Auf Arbeit nicht und auf sonst auch nichts. So viel zu deinem Pfund!«

Thorsten starrte träge auf Henke, der weiter wütend auf sich einschlug. »Sieht man ja an dir, wo man mit Zucht und Ordnung hinkommt, eh«, stichelte er. »Ick komm schon an mein Pfund, wart’s ab.«

Henke warf ihm einen bösen Blick zu und schüttelte das Handtuch über dem Klo aus. »Möchte wirklich wissen, wo der so früh hinwill. Die Alte von dem ist doch noch verreist.«

Er war mit seinem Hintern noch immer nicht im Reinen. Er zog die Unterhose aus und wedelte ihn mit dem Handtuch ab. Er besah sich im Spiegel. Gutes Material, befand er. Und bestens erhalten für Mitte vierzig. Tja, Boxen und Jiu-Jitsu sind eben doch wichtiger. Nur mit der Schneise an seinem Hinterkopf war er nicht zufrieden.

Thorsten hatte das Buch zugeklappt und beobachtete ihn grinsend.

»Was lungerst du hier eigentlich noch rum? Haben wir’n Neger, der uns das Frühstück serviert, oder ist die Alte wieder eingezogen? Wenn ich die Zeitung geholt habe, will ich Essen fassen. Zack-zack!«

»NR. 9. JA. GUT. HABEN SIE FOTOS bekommen? Aha. Fahren Sie langsam, Schade. Ich weiß, dass kein Glatteis ist! Das ist kaum zu übersehen. Aber Sie wissen auch, Berliner fahren saumäßig und nutzen jedes Wetter als Ausrede – Ja. Wir warten.« Lietze legte auf und ging durch den schwülen blauen Dunst zurück an den Konferenztisch. »Hier.« Sie schob Fritz und Roboldt einen Zettel hin. »Muss man mal hin. Hat sie als Besuchsadresse angegeben.«

Kriminalhauptkommissar Lothar Fritz las. »Wedding. Zadko? Klingt polnisch. Sind das Verwandte?«

»Wenn ich das wüsste, müsste keiner hin.« Lietze griff nach der Schachtel Lucky Luciano. Drei Augenpaare folgten. ­Gereizt schubste sie die Schachtel weg. Sie rutschte vom Tisch. Lietze sprang auf, ging trotz ihrer bloßen Füße laut stampfend zu den Fenstern und riss sie wieder auf. »Zufrieden?«, fragte sie kampflustig.

Roboldt antwortete mit einem Fanfarenstoß aus der Nase. Dann lächelte er extrasüß. »Jawoll, Chef! War der Urlaub so ein Flop oder warum beißen Sie dauernd um sich?«

Roboldt hob die Schachtel auf, nahm eine Lucky Luciano heraus und bot auch Fritz und Mimi eine an. Alle drei rauchten und warteten.

Lietze sah abwechselnd in die drei Gesichter. Dann gab sie sich einen Ruck und kam zurück an den Tisch. »Frieden?«, sagte sie. »Kann ich auch eine haben?«

Roboldt nieste noch einmal, hielt ihr die Schachtel hin und gab ihr Feuer.

Sie nahm einen tiefen Zug. »Tut mir leid. Muss an diesem Fall liegen. Wahrscheinlich hatte ich klammheimlich gehofft, Sie hätten diese beiden Männerleichen aufgeklärt, während ich im Urlaub war, und stattdessen schlägt der Stempler wieder zu, und ich kriege nichts von alledem in den Griff.«

»Schwierigkeiten sind dazu da, gelöst zu werden«, sagte Fritz, nahm den Zettel mit der Adresse und stand auf.

»Schade kommt in zirka einer halben Stunde. Krystyna Kędzierska war mit Touristenvisum hier. Ein Foto kriegen wir auch.«

»Na also, da haben wir doch was, Lietze«, sagte Fritz. »Wozu ein Regierungswechsel alles gut ist …«

»Tja. Sogar die polnische Militärmission wird kooperativ«, grinste Lietze.

Mimi dachte laut darüber nach, dass die Kooperationsbereit­schaft auch den Überredungskünsten von Kriminaloberkommissar Sonja Schade zu verdanken sein könnte, und nahm den Stenoblock wieder zur Hand.

DER ZEITUNGSHÄNDLERIN in der Maaßenstraße hielt er einen Vortrag über den Untergang dieser Stadt, in der montags eine regelrecht linksradikale Tageszeitung ganz oben liegen durfte und andere Zeitungen, in denen er hätte blättern können, gar nicht erschienen. Die alte Dame lächelte jedes Mal geduldig.

»Dieses Chaotenblatt wollen Sie mir ja wohl nicht andrehen!« Der Schweiß hatte sein ganzes rosarotes Gesicht auf Hochglanz poliert und hinterließ Muster auf dem weißen Feinripp-Unterhemd, das ihm über die Shorts hing.

Die Zeitungsfrau reichte ihm die B.Z. »Herr Henke? Was glauben Sie denn, wann könnten Sie denn mal nach meinem Wasserhahn gucken? Der tropft jetzt ständig.«

»Bad?«

»Nein, in der Küche der.«

Henke legte eine Mark zwanzig auf den Tresen, nahm die Bild-Zeitung auch, rollte beide zu einem Schlagstock zusammen, trommelte damit auf den ausgebreiteten Illustrierten herum und tat, als hätte er über einen vollen Terminkalender nachzudenken. In Wirklichkeit dachte er an die vier Treppen, die er würde hochsteigen müssen, um in der Wohnung der alten Zeitungsfrau im Hinterhaus einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren.

»Ich könnte natürlich auch den Klempner –«, drohte sie jetzt sanft und tupfte sich Hals und Stirn mit einem Erfrischungstuch, »aber Sie können doch immer was nebenbei gebrauchen. Und wo Sie doch Hauswart sind …«

Er grunzte etwas von »nachher um zwei« und verließ den Laden. Als er die Nollendorfstraße wieder hinaufging, sah er den Briefträger aus der Nummer 15 kommen. Er lief los, die Füße glitschten in den Turnschuhen, Schweiß tropfte ihm von der Stirn ins Hemd, aber seine Laune besserte sich. »Ich mach das schon, geben Sie her.«

Der Briefträger nahm das Angebot wie immer dankbar an und gab ihm einen Stapel Post. Henke wechselte noch ein paar Worte mit ihm und verschwand dann im Eingang des Vorderhauses der Nummer 17. Im Flur sah er durch, wer was bekommen hatte. Die rote Ratte mit dem grünen Leinenanzug hatte eine Postkarte und die taz. Der Postkarte entnahm er, dass dessen Frau morgen am frühen Nachmittag zurückkommen würde. Die taz rollte er mit B.Z. und Bild zusammen. Als er auf den Hof trat, sprang eine gelbrot getigerte Katze auf ihn zu. »Da bist du ja, Blondie, meine Königin!«, schäkerte Henke. »Wollen wir mal sehen, ob die Atzung fertig ist? Komm, komm, komm.«

Ehrerbietig ließ er der Katze den Vortritt. Zwanzig, dreißig Mark würde die tropfende Alte bringen, freute er sich. Vielleicht auch mehr, mal sehen. Er musste schließlich was auf der Naht haben, wenn seine Mata Hari wieder da war!

ALS FRITZ ZURÜCKKAM, war Roboldt mit seinem Bericht fast fertig. »Er hat es eindeutig auf Ausländerinnen abgesehen, und zwar auf junge. Alle unter dreißig und alle mit einem Deutschen verheiratet oder liiert. Das heißt, bei der letzten wissen wir das noch nicht.«

Lietze sah Fritz an. »Und?«

»Die Meldestelle sagt nur, Zadko, Marek. 9.7.52, Musiker, seit fünf Jahren da gemeldet, allein.«

»Sie fahren nachher hin und gucken, ob’s der Liebhaber war, Fritz.«

»Glaub ich nicht«, sagte Roboldt. »Die muss einen Deutschen gehabt haben. Der Stempler ist immer nach Muster vorgegangen, so einer wie der verlässt ein Muster nicht, der hat doch eine Ordnungsmanie mit seinem Gestempele!«

Lietze nahm die Fotos der toten Krystyna wieder in die Hand. »Er hat es diesmal verlassen, Roboldt. Er hatte jemanden dabei. Und –«, sie starrte auf eins der Fotos und schüttelte dann den Kopf, »– er könnte diesmal auch ungeplant vorgegangen sein.«

»Wie kommen Sie denn darauf?« Es ging fast unter in einer Niessalve.

»Sagen Sie noch mal die Morddaten, bitte.«

Roboldt blätterte in der Akte. »Immer nachts. Der erste Mord, die schwarze Frau, in der Nacht vom 19. auf den 20.4., der zweite vom 30.4. auf den 1.5., das war die Chilenin, der dritte, die Türkin, vom 7. auf den 8.5., ganz dicht dran. Und jetzt die Polin vorgestern in der Nacht vom 29. auf den 30. Juli.«

»Genau.« Lietze sah in die Runde. »Fällt Ihnen nichts auf? Ich meine, trotz Schnupfen?«